Was ich heute gelernt habe: Die Geburt der Hausnummern

Ich höre sehr gerne den Zeitsprung, in dem zwei Geschichtswissenschaftler in wunderbarem Österreichisch „Geschichten aus der Geschichte“ erzählen. In er letzten Folge ging es um die Geschichte der Volkszählung oder wie sie es nannten: der Seelenkonskription.

In dieser Folge habe ich aber nicht nur das tolle Wort „Seelenkonskription“ gelernt, sondern auch erfahren, dass im Habsburger Reich die Hausnummern flächendeckend eingeführt wurden, damit sich die Bevölkerung besser zählen lässt und der Absolutismus somit genauere Daten zur Steuererhebung und für den Wehrdienst hatte.

Hört doch mal in die Folge rein, ich kann sie sehr empfehlen!

Nazis mit dem Hut besiegen

Die Dame und ich hatten heute Morgen eine Diskussion über die Attraktivität des jungen Harrison Ford mit schockierendem Ausgang:

Ich echauffierte mich, wie sie denn Han Solo und Indiana Jones unattraktiv finden könne!

Daraufhin schaltete sich meine Tochter (9) ein: „Wer ist Indiana Jones?“
Ich: „Der Coolste überhaupt! Er ist Uniprofessor für Archäologie und geht auf die Suche nach Schätzen. Er hat einen Hut und eine Peitsche – damit besiegt er die Nazis!“
„Wie kann er denn mit einem Hut die Nazis besiegen?“

Ich werde hier einfach nicht verstanden …

Die Philosophie von Steve Bannon

In den letzten Wochen und Monaten waren mir die kruden geschichtsphilosophischen Ansichten von Steve Bannon des Öfteren begegnet, ohne dass jemand sie logisch widerlegt hatte. Ich habe das mal übernommen. Ihr könnt euch das als Video anschauen oder darunter lesen.

Es geht heute um den Mann, der seit ein paar Monaten der mächtigste in Amerika ist. Nein nicht um Donald Trump! Um Steve Bannon! Derzeit gilt Steve Bannon zwar als entmachtet, aber manchmal kommen sie wieder!!! Daher erzähle ich heute von der Philosophie von Steve Bannon.

Steve Bannon ist der prominenteste Vertreter einer rechtsradikalen politischen Strömung in den USA, die sich „Alt-Right“ nennt. Und falls jemand aus der neuen Rechten das hier liest: Stellt euch nicht an wie Eltern, die von ihrem Kind beim Sex erwischt wurden! Ihr seid rechts, eure Ideen sind radikal: Natürlich seid ihr rechtsradikal!

Steve Bannon jedenfalls war Chefredakteur der ebenfalls rechtsradikalen Webseite Breitbart (ja, ich habe es schon wieder gesagt: rechtsradikal!). Bannon schloss sich dann dem Wahlkampfteam von Donald Trump an und ist nun Chefstratege von Trump im weißen Haus. Er soll der Kopf sein, der hinter Executive Orders wie dem Muslim Ban steckt. Das ist das Einreiseverbot in die USA für Muslime aus einer Reihe von Ländern. Es wurde mittlerweile von mehreren Gerichten als unvereinbar mit der amerikanischen Verfassung abgeurteilt.

Bannons merkwürdige Vorstellungen

Steve Bannon vertritt viele Thesen, die sich in der amerikanischen Rechten im besonderen und der internationalen Rechten im Allgemeinen tummeln, als handele es sich um ein Bordell in Kingslanding. Er verehrt sexy Ronald Reagen und glaubt heutzutage gäbe es nur noch korrupte Politiker, die den anständigen weißen Mittelklasse-Arbeiter mit Hilfe internationaler Konzerne ausbeuten. Die Verstrickung von Politik und internationaler Wirtschaft nennt er „die Partei von Davos“. Zugleich nennt er sich selbst einen Hardcore-Kapitalisten und kritisiert den „Sozialismus“, den Obama-Care für Arme bereitstellt – wiederum auf Kosten der Mittelschicht. Die Politik und die Finanzelite haben Amerika an den Rande des Ruins getrieben, während sie sich selbst bereicherten. Diese Politiker gilt es in Bannons Weltsicht genauso zu bekämpfen wie den Islam, der den christlichen Westen bedroht. Bannon träumt von einer rechtskonservativen Revolution und verglich sich selbst mit Lenin – dahingehend, dass er den amerikanischen Staat zerstören wolle, wie Lenin das mit dem Russischen getan hat. Nur ein Schock – so seine Weltsicht – könne den ich Niedergang des Systems aufhalten.

In diesem Kartoffelsalat an zusammengeklauten Ideologien stecken schon so viele ungesunde Zusatzstoffe, dass ich über jeden eine eigenn Folge machen könnte, aber mich interessiert heute nur der letzte Aspekt (der heilsame Schock) und der theoretische Unterbau dazu: Einer der wichtigsten philosophischen Einflüsse auf Steve Bannon ist das Buch The Fourth Turning* von William Strauss und Neil Howe. Ein Werk, das nicht nur klingt wie eine Gangschaltung bei Star Wars sondern auch ebenso sinnlos ist. Doch der Reihe nach …

Im Buch “The Fourth Turning” wird die Theorie aufgestellt, dass sich die amerikanische Geschichte wiederholt. Sie bewege sich in 80-100 Jahre-Zyklen. Jeder Zyklus endet dann mit einem kathartischen Crash, auf den ein Neubeginn folgt – die Generation Zero*, wie Bannon es in einer von ihm produzierten Dokumentation nennt. Bannon meint, dass der letzte Crash durch die Finanzkrise 2008 eingeleitet wurde. Die Obama-Administration das System aber über seine natürliche Lebensdauer hinaus am Leben erhalten habe. Offensichtlich hat Bannon also kein Problem mit aktiver Sterbehilfe.

The Fourth Turning

Doch, ich will mal einen Moment ernst bleiben und der Reihe nach gehen: Die beiden Urheber dieser (in Ermangelung eines besseren Wortes) Theorie, glauben an eine feste Folge von Generationen. Gemäß William Strauss und Neil Howe gehören alle Menschen einer Generation an, die in etwa in einem 20-Jahre-Korridor geboren wurden. Sie haben wichtige Ereignisse der Geschichte in etwa in der gleichen Lebensphase erlebt und teilen daher das gleiche Set an Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen. Strauss und Howe glauben, dass es eine historische Gesetzmäßigkeit gibt, wonach vier Genrationen zumindest in Amerika immer aufeinander folgen: „The High“, „The Awakening“, „The Unraveling“ und „The Crisis“.

Nach einer Krise beginnt ein neuer Zyklus wieder mit The High – der Hochphase. Dieses Hoch zeichnet sich dadurch aus, dass der Staat von starken Institutionen geprägt wird, während der Individualismus schwach ist. Die Gesellschaft ist sich einig, in welche Richtung sie sich entwickeln sollte. Die letzte Hochphase erlebten die USA demnach nach dem zweiten Weltkrieg.

Die zweite Phase ist The Awakening – das Erwachen. In diesem Turning werden die Institutionen angegriffen durch individuelle oder spirituelle Kräfte. The Awakening tritt ausgerechnet dann ein, wenn die Gesellschaft auf dem Höhepunkt des kollektiven Fortschritts ist. Dann erscheint der jungen Generation das High als Ära der kulturellen oder spirituellen Armut und sie wollen sich selbst entdecken und spirituelle Erfahrungen machen. Das letzte Awakening begann wohl nach Kennedys Tod mit den Studentenbewegungen der 1960er.

Es folgt als nächstes das Unravelling – die Phase der Auflösung. Institutionen sind schwach, Menschen Misstrauen ihnen und feiern ihren Individualismus. Die Gesellschaft zersplittert und jeder interessiert sich nur noch für sich selbst. Diese Phase begann der Theorie nach zuletzt in den 1980ern.

Schließlich kommt The Crisis. In dieser Krise wird die Gesellschaft bedroht. Etwa durch einen Krieg. Die Institutionen werden in so einer Krise zerschlagen. Die letzte Krise war die Weltwirtschaftskrise von 1929, die im zweiten Weltkrieg endete. Und an dieser Stelle landen wir wieder bei Steve Bannon. Denn wenn ihr gut aufgepasst habt, dann ist euch aufgefallen, dass die 20 Jahre des letzten Niedergangs schon um sind. Wir also eigentlich schon in der Krise stecken müssten.

Wie schon gesagt, glaubt Bannon, dass The Krisis eigentlich durch die Finanzkrise 2008 eingeleitet wurde, dass es die Obama-Administration aber verpasst hat, das aktuelle politisch-wirtschaftliche System einzureißen, um damit den Weg für die nächste Hochphase zu ebnen. Deswegen unterstützt er Trump, damit dieser diesen Prozess vorantreibt. Das wird das aktuelle System zum Einsturz bringen und Platz machen für das nächste High Amerikas.

Ein nach Mustern suchendes Gehirn

Was haltet ihr davon? Ich muss euch ehrlich sagen, auf mich wirkt das wie das möchtegern-prophetische Fantasy-Konstrukt von nach Mustern suchenden Gehirnen. Dass Bannon seinen Dokumentarfilm mit den Worten „Winter is Coming“ enden lässt, macht es auch nicht unbedingt besser. Und ich muss leider sagen, Steve, es liegt an dir und nicht an mir, dass deine Theorie keinen Sinn ergibt. Steve, deine Theorie ist in etwa so glaubwürdig wie eine Werbekampagne, in der uns McDonalds erklärt, wie gesund ihre Burger sind.  Aber ich will das ganze noch nicht gleich komplett als Quatschkram abtun, sondern zunächst einmal überlegen, ob da nicht vielleicht doch etwas dran  sein  könnte.

Immerhin sind William Strauss, Neil Howe und Steve Bannon nicht allein in dem Versuch, aus der Geschichte Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Und mal ehrlich, eigentlich ist die Überlegung gar nicht so doof: Wir leben in einer kausalen Welt, in der jede Wirkung eine Ursache hat. Warum sollte es in der Menschheitsgeschichte anders sein? So wie wir Jahreszeiten oder Sonnenfinsternisse Vorherbestimmen können, so können wir doch vielleicht auch Ereignisse wie Krisen vorherbestimmen. Berühmte Vorgänger in dieser Art zu denken waren etwa Hegel und Marx.

Hegel vertrat zum Beispiel den Standpunkt, dass in der Weltgeschichte und im Aufkommen und Untergehen einzelner Staaten der „Weltgeist“ zum Ausdruck kommt. Die Geschichte strebe dem Endziel entgegen, in dem sich der Geist und die Natur vereinen. Ich weiß, dass klingt super-abgehoben und ich kann es euch nicht runterbrechen ohne etliche Folgen zu Hegels Philosophie zu machen. Das letzte werden wir eines fernen Tages angehen, versprochen! Aber jetzt ist erst einmal wichtig, dass Hegel genau wie Strauss und Howe  geschichtliche Ereignisse analysierte. Er meinte, daraus ablesen zu können, dass die menschlichen Gesellschaften sich gesetzmäßig zu immer mehr Freiheit hinentwickeln würden.

Ganz ähnlich verhält es sich bei Marx und doch ganz anders. Marx glaubte Gesetzmäßigkeiten darin zu erkennen, dass die materiellen Verhältnisse der Menschen in der Geschichte zu bestimmten Ideen führten. Das Ziel dieser Entwicklung sei natürlich der Kommunismus, der zwangsläufig kommen werde um die – wie er es nannte – Vorgeschichte der Menschheit beenden werde.

Hmm, mittlerweile haben wir 2017 und der Kommunismus macht derzeit in etwa soviel Welle wie ein Quietscheentchen, nachdem ein Panzer über es hinweggerollt ist. Auch Hegels Vorstellung, dass wir immer freier werden, wird gerade irgendwo zwischen Terrorangst und Nationalismus zermalmt. Ist die Idee, dass wir aus der Geschichte Gesetze ableiten können also genauso bekloppt, wie sie sich anhört?

Die Prognosen der Sozialwissenschaften

Nun, wir müssen bedenken, dass wir solche Gesetze aus der Geschichte ständig ableiten. „Wenn die Wirtschaft boomt, sinkt die Arbeitslosigkeit“ – das ist gewissermaßen ein historisches Gesetz. Denn es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass es sich so verhält. „Länder, die miteinander Handel treiben, führen keinen Krieg gegeneinander“, ist ein anderes. Und „In Großstädten wählen die Menschen links-liberaler als auf dem Land“, ist ein drittes. Sätze wie diese sind in den Sozialwissenschaften an der Tagesordnung und sie sind im gewissen Sinne historische Gesetze. Worin unterscheiden sie sich von denen von Hegel, Marx und Strauss und Howe?

Mir erscheinen zwei Unterschiede wichtig. Zum einen sind die Sätze der Sozialwissenschaften Thesen mit einem bedingten Geltungsanspruch. Niemand geht so weit, zu behaupten, dass wirtschaftliches Wachstum bis in alle Ewigkeit für geringe Arbeitslosigkeit sorgen wird. Wenn erst einmal die Maschinen wirklich intelligent sind, dann ist es wahrscheinlich vorbei damit. Die Sozialwissenschaften beobachten die Welt und passen ihre Theorien dann der Welt an. Aber wenn Steve Bannon meint, Obama habe es versäumt, die Crisis einzuleiten, dann versucht es die Welt seiner Theorie anzupassen.

Der andere Unterschied ist, dass die Theorien der Sozialwissenschaften nur Teilaspekte menschlicher Gesellschaften untersuchen und Thesen dazu aufstellen: Die Arbeitslosigkeit, internationale Beziehungen oder das Wahlverhalten von Großstädtern in den Beispielen oben. Hegel, Marx, Strauss und  Howe versuchen hingegen allumfassende, sogenannte holistische Theorien aufzustellen, gültig entweder für die ganze Menschheit oder zumindest für ganz Amerika! Das Problem dabei ist, dass hier unglaublich viele Einflüsse auf das beobachtete System wirken, sodass die für Wissenschaft nötige Reduzierung der Komplexität leicht zu Fehlschlüssen führen kann. Zum Beispiel definieren Strauss und Howe eine Generation als 20 Jahre und sagen, dass Menschen in diesem Lebensabschnitt die gleichen Erfahrungen teilen, was zu dem gleichen Set an Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen führt. Das ist eine verdammt steile These. Mein Bruder ist nur sechs Jahre älter als ich, aber – so lieb ich ihn habe – seine Werte, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen unterscheiden sich massiv von meinen. Aber 20 Jahre? Ich habe den 11. September im Alter von 20 miterlebt. Wie alle, die diese Erfahrung mit mir teilen, weiß ich noch genau, wo ich war: Im Raucherabteil eines RegionalExpress nach Aachen. Zu meiner Generation sollen aber Menschen gehören, die an diesen Tag noch Babys waren, geschweige denn wissen, dass man früher in Zügen rauchen durfte! Seht ihr das Problem? Und dabei habe ich noch nicht einmal berücksichtigt, dass außer dem Alter noch ganz andere Faktoren Einfluss auf Werte, Glaubenssätze und Verhaltensweisen haben.

Poppers Widerlegung des Historizismus

Karl Popper, einer meiner Lieblingsphilosophen nennt die Art zu Denken von Strauss und Howe „Historizismus“ und er hat eine simple aber zwingende Widerlegung ihres Wahrheitsanspruchs. Sein Argument geht wie folgt:

(P1) Der Ablauf der Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflusst.
(P2) Wir können mit rationalen oder Wissenschaftlichen Methoden das zukünftige Wachstum unserer Wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht vorhersagen.
(C) Daher können wir den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen.

Das ist ein klassischer Syllogismus. Wenn man  das menschliche Wissen nicht vorhersagen kann und wenn das menschliche Wissen einen starken Einfluss auf den Verlauf der Geschichte hat, dann folgt daraus zwingend, dass wir die Geschichte nicht vorhersagen können. Mit anderen Worten: Die Theorie vom Fourth Turning ist zwingend falsch. Sie kann nicht wahr sein. Unter keinen Umständen.

Die Popular Vote hat Bannon also verloren, wie sieht es mit der Anzahl der Wahlmänner aus? Nun, die Schlussfolgerung, dass die Theorie von Fourth Turning falsch ist, ist logisch zwingend, daran kann ein Verfechter diesee Theorie nichts ändern und wenn er sich auf den Kopf stellt. Aber wo die Konklusion unumstößlich ist, da rücken die Prämissen in den Fokus des Interesses. Um Bannon und seine kruden Ideen doch noch wahr werden zu lassen, müssten unsere Ausgangsbehauptungen falsch sein. Lasst uns einen Blick darauf werfen.

Wissen und Geschichte

Liegt es im Rahmen des Möglichen, dass die menschliche Geschichte nicht durch das menschliche Wissen beeinflusst wird? Nun es spricht ziemlich viel dafür, dass es zwischen Wissen und menschlicher Entwicklung eine kausale Beziehung besteht. Wir hatten schon bei Thales gesehen, wie stark die griechische Geschichte von Sprache, Alphabet und Seefahrt beeinflusst wurden. Andere Beispiele gibt es zuhauf: Ohne die Erfindung des Buchdrucks und die Möglichkeit, Schriften schnell und günstig zu vervielfältigen, wären die Reformation und die Aufklärung nicht möglich geworden. Ohne Vordenker wie Friedrich August von Hayek und Ayn Rand würde der Neoliberalismus die Wirtschaftspolitik der USA nicht seit der Präsidentschaft von Reagan beeinflussen. Und ohne das Internet und Social Media wäre Trump jetzt nicht Präsident. Ich denke beim Einfluss des Wissens kann ich Poppers Schlussfolgerung nicht knacken.

Wie sieht es aus, mit der These, dass sich der Zuwachs des menschlichen Wissens nicht vorhersagen lässt? Ich fürchte hier sieht es sogar noch übler für Bannon aus. Nehmen wir mal für einen Moment an, es gäbe eine neue Wissenschaft, die sich mit der Vorhersage der Wissensentwicklung befassen würde. Gehen wir weiter davon aus, dass diese Wissenschaft voraussagen könnte, wann die Physik das Beamen entdeckt. Dann müsste unsere prophetische Wissenschaft auch erklären können, wie Beamen funktioniert, sonst könnte sie nicht beweisen, dass ihre Prognose wahr ist. Wenn das aber möglich wäre, dann bräuchten wir keine Physik mehr. Wir bräuchten überhaupt keine andere Wissenschaft mehr, sondern müssten alle unsere Ressourcen nur noch auf die prophetische Wissenschaft werfen. Dies wird aber nicht gemacht, sondern nur die Einzelwissenschaften können Fortschritte erzielen. Es deutet also alles darauf hin, dass prophetische Wissenschaft nicht möglich ist.

Tja, es sieht also schlecht aus für die Theorie von Strauss und Howe. In ihr steckt in etwa soviel Wahrheit wie in Alien Covenant. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, missachtet Ridley Scott in seinen Filmen zumindest nicht die Gesetze der Wissenschaft.

Notwendigkeit und Kontingenz

Aber auf einen Punkt muss ich noch eingehen: Was ist eigentlich, wenn morgen tatsächlich die Krise ausbricht, die Strauss und Howe vorhergesagt haben?  Zumindest in einem Punkt hat Bannon ja durchaus recht: Der internationale Finanzkapitalismus ist die Pest und die Zocker in den Investmentbanken haben durch die letzte Krise nichts gelernt. Daher ist es jederzeit wieder möglich, dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt. Ist die Theorie vom Fourth Turning dann am Ende doch wahr? Obwohl sie falsch sein müsste? Wir haben schließlich eben bewiesen, dass die Theorie von Strauss und Howe falsch ist.

Am Grund dieser Frage liegt ein philosophisches Problem, über das sich schon Aristoteles den Kopf zerbrochen hat.  Aristoteles formulierte das Problem damals so: Wenn ich gestern vorausgesagt habe, dass heute eine Seeschlacht stattfindet und heute die Schlacht wirklich stattfindet, war mein Satz gestern dann schon wahr?

Haben Zukunftsaussagen in gleichem Maße Wahrheitswerte wie Beschreibungen der Welt? Der Satz „Donald Trump hatte eine Audienz beim Papst“ ist wahr. Aber wie ist es heute, am 23. Mai 2017 mit dem Satz „Morgen wird Donald Trump etwas Dummes tun“. …. Äh …. Okay, vergesst diesen Satz, der ist noch einmal ein Sonderfall. Nehmen wir lieber: „Angela Merkel wird die Bundestagswahl gewinnen.“ Ist dieser Satz heute auch schon in gleicher Weise wahr? Im normalen Sprachgebrauch würden wir das nie sagen. Wir würden sagen, dass der Satz möglich, wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher ist. Aber wir sprechen Prognosen nie Wahrheit zu. Und dennoch, wenn im September Angela Merkel wiedergewählt werden sollte, dann erscheint uns der Satz retrospektiv als wahr. Wie können wir diesen Widerspruch auflösen?

Ganz einfach, die Logik kennt nicht bloß den Unterschied zwischen wahr und falsch sondern auch jenen zwischen kontingent und notwendig. Wenn die Entwicklung des Wissens der Menschheit sich nicht vorhersagen lässt und zugleich dieses Wissen die Geschichte beeinflusst, dann lässt sich die Geschichte notwendig nicht vorhersagen. Daraus folgt, dass eine Theorie, die behauptet, dass die Geschichte gesetzmäßig immer in vier aufeinander folgenden Phasen abläuft, notwendig falsch ist. Aber wenn demnächst ein Tweet von Donald Trump die USA in eine Staatskrise stürzt, dann war Bannons Vorhersage, dass dies geschehen wird, eben nur kontingent wahr.

Die Theorie vom Fourth Turning hat aber den Anspruch immer und zwingend wahr zu sein. Diesem Anspruch kann sie nicht gerecht werden. Die Geschichte der Zukunft ist noch nicht geschrieben.

 

*hinterhältiger Affiliate-Link: Wenn ihr das Buch kauft, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich. Euch kostet das natürlich nicht mehr!

Harry Potter und die Lösung des Dumbledore-Problems

„Die Winkelgasse hatte sich verändert. Die bunten, glitzernden Schaufensterauslagen mit Zauberbüchern, Zaubertrankzutaten und Kesseln waren verschwunden, versteckt hinter großen Plakaten des Zaubereiministeriums, die über die Scheiben geklebt waren. Die meisten dieser dunkelvioletten Plakate waren eine vergrößerte Version der Merkblätter mit den Sicherheitsratschlägen, die das Ministerium den Sommer über verschickt hatte, doch andere zeigten bewegte Schwarzweißfotos von Todessern, die bekanntermaßen auf freiem Fuß waren.“

Sehr geehrte Zauberer und Hexen, liebe Muggel, tut mir leid, ich habe Sie hängen lassen. Eigentlich veröffentliche ich hier ja jedes halbe Jahr eine Rezension zu einem Harry-Potter-Band. Bisher:

Doch meine Besprechung von Band 5 liegt mittlerweile schon 14 Monate zurück. Seither ist viel passiert – vor allem das Leben. So lesen meine Tochter (9) und ich seltener zusammen, da sie immer öfter alleine liest. Dennoch stecken wir schon mitten im 7. Band, da wir den Halbblutprinzen bereits im Januar beendeten. Allerdings habe ich auch eine gute Nachricht, denn ich durfte mein Potter-Nerdtum-Imperium mittlerweile ausweiten auf den wunderbaren, befreundeten Podcast Second Unit. In diesem bespreche ich zusammen mit Christian und manchmal auch Tamino die Potter-Filme. Dies machten wir mittlerweile bei:

Unsere Folge zu Der Halbblutprinz ist auch schon im Kasten und wird demnächst erscheinen. Hört doch mal rein!

Spoiler Alert

Malfoy hat Angst

Doch jetzt ran an das Butterbier! Hört, was ich über den Halbblutprinzen zu sagen habe. Aber bitte bedenkt: Sofern ihr in den letzten 12 Jahren auf der Suche nach Horkruxen wart, muss ich euch warnen. Ich werde spoilern!

Mein Reifeprozess als vorlesender Vater

Dumbledore fällt

Wie immer beginne ich mit meinem Eindruck als vorlesender Vater. Denn über die Bände 4 und 5 bin ich in dieser Rolle und an der zunehmenden Düsterheit der Bücher gereift. Daher war mir natürlich klar, dass Dumbledores Tod Traumapotential für meine Tochter hat. Entsprechend warnte ich sie vor dem aufziehenden Showdown, dass erneut ein geliebter Charakter sterben werde und ließ ihr die Wahl, ob sie gespoilert werden wolle. Zunächst reichte ihr wieder die Zusicherung, dass kein Kind das Opfer sein werde, doch ließ ihr die Info keine Ruhe, sodass sie immer weiter fragte: Doch nicht Lupin, oder? Doch nicht Hagrid, oder? Doch nicht Dumbledore …. Tja, und da konnte ich nicht mehr antworten: „Nein, keine Sorge.“

Insgesamt hat meine Tochter aber eine ganz schön harte Schale entwickelt, wenn es um Dramatik geht. So saß ich dann am Ende mit Tränen in den Augen da und las mit brüchiger Stimme vor, während sie nach außen hin ruhig wirkte. Um nicht zu riskieren, dass sie darunter stärker mitgenommen wurde, als es den Anschein hatte und um mir selbst Mut zu machen, sprachen wir dennoch darüber, dass Dumbledore aus dramaturgischen Gründen sterben musste. Dass „Kill your Darlings“ manchmal wichtig ist, damit Harry im Finale des Epos kein Sicherheitsnetz mehr hat, auf das er sich verlassen kann. Der Halbblutprinz ist dafür da, das Dumbledore-Problem ein für alle Mal zu lösen. Das Dumbledore-Problem besteht darin – das zur Erinnerung –, dass Rowling Dumbledore als übermächtig beschreibt. Dadurch ergab sich immer das Problem, dass sie Ausreden erfinden musste, warum Harry und nicht Dumbledore gegen Voldemort antritt. Besonders in Band 1 und 3 waren diese herbeigeführten Gründe schon ziemlich unglaubwürdig. Dafür hat sie nun eine endgültige Lösung herbeigeführt. In den Heiligtümern des Todes wird sich die Frage also nicht stellen können.

Hinter der launischen Verführerin herjagen

„Und jetzt, Harry, hinaus in die Nacht und dem Abenteuer hinterher, dieser launischen Verführerin!“

Doch es wird Zeit, uns richtig  der Geschichte zu widmen. Das Abenteuer ist diesmal ein viersträngiges. Ineinander verschachtelt sind die Fragen:

  • Was plant Draco Malfoy?
  • Wer ist der Halbblutprinz?
  • Auf welcher Seite steht Snape?
  • Sowie: Wer ist Voldemort und wie kann Harry ihn besiegen?

Besonders die letzten beiden Punkte gilt es zudem noch in das große Ganze der Potter-Geschichte einzuordnen. Ich frage mich, an welchem Punkt in seiner Heldenreise Harry steht. Natürlich möchte ich, wie immer, Nitpicken und der für den Potter-Zyklus wichtige „Coming of Age“-Aspekt darf nicht zu kurz kommen.

Und plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber

Ginny ist schockiert
Mit der Coming-of-Age-Geschichte möchte ich anfangen. Denn diese ist wieder einmal genauso intelligent wie einfühlsam von Rowling geschrieben. Auf der einen Seite sind Ron und Hermine nun offen verliebt, auch wenn sie es noch nicht zugeben wollen. Harry ist der erste, der das realisiert und Angst bekommt, zum fünften Rad am Wagen zu werden. Doch dann stürzt Ron sich in eine Ersatzbeziehung mit Lavender Brown, als er erfährt, dass Hermine (vor drei Jahren) mit Victor Krum rumgeknutscht hat. Daraufhin ist Hermine am Boden zerstört und die Dreierfreundschaft droht zu zerbrechen.

Derweil lernen wir mit Harry zusammen, dass er sich in Ginny verliebt hat. Zunächst hat er sich in den Sommerferien so an ihre Gegenwart gewöhnt, dass er es schade findet, dass sie nicht auch in Hogwarts mit Hermine, Ron und ihm abhängt. Dann stößt er im Unterricht auf einen Liebestrank …

„Einem goldfarbenen Kessel …, von dem einer der verführerischsten Düfte ausging, die Harry je eingeatmet hatte: Irgendwie erinnerte er ihn gleichzeitig an Siruptorte, den holzigen Geruch eines Besenstiels und etwas Blumenartiges, von dem er meinte, es vielleicht im Fuchsbau schon einmal gerochen zu haben.“

Bis schließlich …

„Und plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber, den er in Slughorns Kerker wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und sah, dass Ginny zu ihnen gekommen war.“

Wir durchleben Eifersuchtsphasen mit Harry und absurde Gedankenspiele, wie denn sein „Männerfreund“ Ron auf seine Liebe zu Ginny reagieren wird. Es gibt Diskussionen, wer mit wem geknutscht hat. Harry hat als Auserwählter Groupies, die ihm mit Liebestränken auflauern. Das ganze fühlt sich wunderbar authentisch an. Dreiviertel dieser Geschichten habe ich ganz ähnlich erlebt, als ich ein Teenager war (besonders die Nummer mit dem Auserwählten natürlich); und Rowling hat offensichtlich auch nicht vergessen, wie es damals war. Ihre Brillanz stellt sie schließlich unter Beweis, wenn sie diesen Erzählstrang in dem Höhepunkt enden lässt, dass Ron versehentlich den Liebestrank von Romilda Vane trinkt, der für Harry bestimmt war und „abgelaufen ist“. Das führt nicht bloß zur Versöhnung zwischen ihm und Hermine, sondern lässt die Coming-of-Age-Geschichte auch im zweiten Erzählstrang aufgehen: Ron wird versehentlich ein Opfer von Dracos Mordversuchen an Dumbledore.

Niemand glaubt Kassandra

„… wie ich bereits bewiesen habe, mache ich Fehler wie jeder andere. Genau genommen sind meine Fehler, da ich – verzeih mir – eher klüger bin als die meisten Menschen, in der Regel auch größer.“

Albus Dumbledore

Dieser Teil der Geschichte ist eine interessante Variation von Rowlings Whodunit. Fünf Bücher lang hat sie falsche Fährten ausgelegt: In Der Stein der Weisen wurde Snape fälschlicherweise von unserem Heldentrio verdächtigt, in der Kammer des Schreckens war es schon einmal Draco, im Gefangenen von Askaban hält die gesamte Zaubererwelt Sirius für den Bösewicht, im Feuerkelch gibt es wechselnde Verdächtige aber auf den falschen Moody kommt niemand. Und im Orden des Phoenix wird das Thema „Harry irrt“ aufs Tapet gebracht, wenn er Sirius retten will und Hermine ihm klarmacht, dass es genau das ist, was Voldi von ihm will. Harry setzt sich mit seinem Dickkopf durch und was daraus wurde, wisst ihr. Nun hat Harry wieder den gleichen Dickkopf, aber mit dem Unterschied, dass Rowling ihr schön etabliertes Muster durchbricht und Harry von Anfang an mit all seinen Verdächtigungen recht hat: Malfoy plant etwas, er ist jetzt Todesser, hat das Dunkle Mal, Draco steckt hinter den Angriffen auf die Schüler und plant etwas mit Snape zusammen. Harry mimt die ganze Zeit über die Kassandra und folgerichtig glaubt ihm niemand.

Harry rollt die Augen.

Schön ist weiterhin, dass über den ganzen Roman hinweg immer wieder Andeutungen gemacht werden, dass Dumbledore nicht mehr der alte ist. Dass er schwach und alt geworden ist und es nicht mehr lange macht. Mal spricht Narzissa Malfoy eine unverhohlene Todesdrohung aus:

„Aber Dumbledore wird nicht immer da sein, um Sie zu beschützen.“

Mal spielt Snape auf vermeintliche Schwächen an:

„Und du vergisst Dumbledores größte Schwäche: Er muss immer das Beste von den Menschen glauben.“

Dann werden uns echte Schwächen offenbart, wenn wir gesagt bekommen, dass Dumbledores Hand aussieht, als wäre sie tot und der Schulleiter ergänzt …

„Aber manche Verletzungen kann man nicht heilen …“

Rowling nutzt diesen Erzählstrang für einen ersten Payoff. Sie hat Draco seit dem ersten Buch als Antagonisten von Harry aufgebaut, der zugleich immer im Schatten des großen Bösewichts Voldi stand. Nun bekommt Draco seine eigene Geschichte, in der er die Villain-Rolle endlich zu einem gebührenden Abschluss bringen darf. Zugleich nutzt die Autorin die Gelegenheit, um dem Nebencharakter mehr Tiefe zu verleihen. Bislang war Malfoy nur der Abziehbild-Bully. Doch in diesem Band wird er zu einem atmenden, lebenden Menschen mit der Sehnsucht, anerkannt zu werden und vor allem mit ganz viel Angst. Das ist so gut geschrieben, dass es nicht einmal stört, wenn Draco auf dem Astronomieturm am Talking Murderer Syndrome erkrankt und seinen ganzen Plan Dumbledore vor dessen Tod haarklein erklärt – dies passt gut zu seiner Charakterentwicklung, die von Ängsten und Zweifeln getrieben ist.

Lose Enden

Dies ist nur einer von ein paar Payoffs, die Rowling in diesem Buch liefert. Insgesamt hält sie sich aber noch sehr zurück. Der mehrere Tausend Seiten lange Epos hat mittlerweile so viele lose Enden, dass man sich schon fragen kann, wie sie das alles noch zu einer abgeschlossenen Geschichte knüpfen will. Kleiner Spoiler für den siebten Band, in dem meine Tochter und ich ja gerade stecken: Sie wird das noch sehr schön machen. Aber ein bisschen fängt Rowling schon hier damit an. So bekommen wir von Dumbledore endlich die komplette Erklärung geliefert, warum Harry immer wieder zu den Dursleys zurückkehren muss:

„Der Zauber, den ich vor fünfzehn Jahren heraufbeschworen habe, bewirkt, dass Harry unter starkem Schutz steht, solange er dieses Haus noch sein Zuhause nennen kann. Wie unglücklich und wie wenig willkommen er auch immer hier war und wie schlecht er auch behandelt wurde, Sie haben ihn zumindest widerwillig in diesem Haus aufgenommen. Dieser Zauber verliert seine Wirksamkeit, wenn Harry siebzehn wird; mit anderen Worten, wenn er ein Mann wird. Ich bitte Sie nur um eines: Gestatten Sie Harry vor seinem siebzehnten Geburtstag noch einmal, in dieses Haus zurückzukehren, denn damit ist gewährleistet, dass der Schutz bis zu diesem Zeitpunkt anhält.“

Ein weiterer kleiner Payoff ist das Verschwindekabinett aus dem fünften Band, dass sich als eine Chekov’s Gun für Malfoys Plan entpuppt. Wir erfahren außerdem, dass Voldi die Stelle für Verteidigung gegen die Dunklen Künste verflucht hat, sodass sie jedes Jahr neu besetzt werden muss. Brisanterweise wissen wir, dass Snape gerade diesen Job innehat. Was uns zum größten Reveal dieses Bandes bringt …

Ron ist erstaunt

Je weiser, desto näher an der Wahrheit um Snape

„Gryffindor-Rubine glitzerten auf dem Boden wie Blutstropfen.“

Genau wie Draco war Snape von Anfang an eine Nebenplottvillain für Harry, der zugleich nie so ganz böse sein wollte. Im ersten Teil hat er Harry das Leben gerettet, im zweiten den berühmten Expelliarmus-Zauber beigebracht, im dritten Band wollte er Harry erneut vor Sirius Black retten, in Teil Vier übernahm er die Agentenrolle bei den Todessern für Dumbledore und im fünften schickte er den Orden des Phoenix zu Harrys Rettung. Zugleich war er immer ein sadistisches Arschloch von einem Lehrer, das Harry fertiggemacht hat, wo es nur konnte und einen Faible für die dunklen Künste hatte. Auf welcher Seite steht er denn nun? Das ist die Frage! Dieser Erzählbogen erstreckt sich eigentlich über die letzten beiden Bände und er ist mit der beste, den der komplette Zyklus zu bieten hat.

Rowling beginnt gleich zu Beginn des Buches Zweifel an Snapes Loyalität gegenüber Dumbledore zu sähen, indem sie ihn Beatrix LeStrange gegenüber versichern lässt, dass er auf Voldemorts Seite steht. Dann lässt J. K. Snape sogar den imposant klingenden „Unbrechbaren Schwur“ schwören, dass er Draco unterstützen werde – bei was auch immer Draco plant – und im Zweifel den Plan selbst durchführen wird, falls Draco dies nicht schafft.

„Ja, Harry, da ich mit außergewöhnlicher Intelligenz gesegnet bin, habe ich alles verstanden, was du gesagt hast“, erwiderte Dumbledore diesmal heftiger. „Ich denke, du solltest sogar die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass ich mehr verstanden habe, als du selbst.“

Andererseits rettet Snape Katie Bell – allerdings kann er das, weil er so viel über die dunklen Künste weiß. Am Ende verhindert Snape zudem, dass Harry von den Todessern gefoltert wird – vermeintlich, weil der dunkle Lord das selbst übernehmen will. Harry erzählt Lupin, wie er belauscht hat, dass Snape Draco seine Hilfe beim geheimen Plan angeboten hat. Lupin vermutet aber, dass Snape auf Dumbledores Auftrag hin gehandelt hat. Hagrid hat einen Streit zwischen Dumbledore und Snape belauscht – der alte Zauberer war sauer und Severus sagte, er wolle „es“ nicht mehr tun. Dann erfahren wir in kurzer Aufeinanderfolge von Dumbledore, dass Snape ihm das Leben gerettet hat, als der verfluchte Ring Voldemorts ihn tödlich verwundet hatte; und von Trelawny hören wir, dass es Snape war, der Harrys Eltern an Voldi verraten hat. Doch von Dumbledore wird das wieder relativiert, indem wir hören, dass die Nachricht vom Tod von Harrys Eltern für Snape „der größte Schmerz seines Lebens“ war. Harry überlegt sich, dass Snape ist ein hervorragender Okklumentiker ist und Dumbledore belogen haben könnte. Tonks dachte immer, dass Dumbledore etwas über Snape wissen musste, weswegen er ihm vertraute. Als Talking Murderer verrät Malfoy Dumbledore:

„Er ist ein Doppelagent, Sie dummer alter Mann, er arbeitet nicht für Sie, das bilden Sie sich nur ein!“

„Ich fürchte, in diesem Punkt sind wir verschiedener Meinung. Es ist nun einmal so, dass ich Professor Snape vertraue –“

Dann wir erfahren, dass Dumbledore von Snape über Malfoys Plan informiert wurde, aber nichts unternommen hatte, um Malfoy vor Voldi zu schützen. Doch schließlich betritt Snape den Astronomie-Turm:

… da stand Snape, den Zauberstab in der Hand, und seine dunklen Augen huschten über die Szene, von Dumbledore, der an der Mauer zusammengesackt war, über die vier Todesser mitsamt dem wütenden Werwolf bis zu Malfoy.

„Wir haben ein Problem, Snape“, sagte der schwerfällige Amycus, Augen und Zauberstab gleichermaßen auf Dumbledore gerichtet, „der Junge ist offenbar nicht fähig –“

Doch noch jemand hatte Snapes Namen ausgesprochen, ganz leise.

„Severus …“

Dieser Laut jagte Harry mehr Angst ein als alles, was er den ganzen Abend über erlebt hatte. Es war das erste Mal, dass Dumbledore flehte.

Als ich zum ersten Mal die Stelle las, in der Snape Dumbledore umbringt, war das ein ganz großer Schock für mich. Schließlich hatte Dumbledore immer und immer wieder versichert:

„Ich bin mir sicher. Ich vertraue Severus Snape vollkommen.“

Alle, die den letzten Band und des Rätsels Lösung kennen, werden in meiner Aufzählung oben erkennen, dass Rowling ein geschicktes Netz am Vorausdeutungen gewoben hat, indem die Charaktere umso näher an der Wahrheit sind, desto weiser sie im Epos etabliert wurden. Bis zum vermeintlichen Mord tut Snape nur Gutes und selbst danach rettet er wieder Harry, lediglich seine Äußerungen lassen anderes vermuten. Dumbledore ist sich seiner Sache absolut sicher. Lupin und Tonks glauben, dass es gute Gründe gibt, Snape zu vertrauen, Hagrid hat durch die Reihe hinweg immer wieder Fehler gemacht oder nur halbe Infos weitergegeben, so auch hier. Malfoy ist wie immer auf dem falschen Dampfer. Trelawny hat nie den Durchblick. Und Harry ist als unser Agent am Rätseln und durch seinen Hass auf den schlechten Lehrer auf der falschen Spur. Extremely well done, Mrs. Rowling!

Snape approves

Das namensgebende Abenteuer im dichten Geflecht von Rätseln

Wo im Erzählstrang eben Snape das Rätsel war, da ist er die Lösung in jenem, wer denn der Halbblutprinz ist. Ich muss aber leider sagen, dass das namensgebende Abenteuer im dichten Geflecht an Rätseln dieses Bandes das langweiligste ist. Zwar ist es ganz nett, wie Rowling den Halbblutprinzen immer wieder mit Snape in Relation setzt, etwa wenn Harry bemerkt, dass er vom Halbblutprinzen viel mehr gelernt hat als von Snape oder besonders schön, wenn er Ron mit dem Bezoar rettet – etwas, dass er kurz zuvor im Buch gelesen hat. Aber Hermine macht ihn darauf aufmerksam, dass er das auch gewusst hätte, wenn er mal bei Snape aufgepasst hätte. Hier referenziert Rowling sich selbst, denn Bezoare waren der Unterrichtsstoff in der allerersten Stunde von Snape im Stein der Weisen.

Abgesehen davon verläuft das Rätsel aber auf ausgetretenen Pfaden: Hermine behält mal wieder mit so ziemlich allem Recht, während Harry ein weiteres Mal seinen verstorbenen Vater anschmachtet.

Hermine hat recht

Ein ganzer Sack von Vorausdeutungen

Schön ist allerdings, wie Rowling den Abschied vom Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen für einen weiteren Build-up für das große Finale nutzt. Nachdem Harry Malfoy mit Sectum Sempra verletzt hat, versteckt er das Buch im Raum der Wünsche und markiert die Stelle:

„Mit schrecklichem Herzklopfen hielt er einen Moment inne und starrte auf den Wirrwarr ringsumher … Würde er diese Stelle zwischen all diesem Gerümpel wiederfinden können? Er nahm die angeschlagene Büste eines hässlichen alten Zauberers von einer Kiste in der Nähe, stellte sie auf den Schrank, in dem nun das Buch versteckt war, und setzte der Figur eine verstaubte alte Perücke und ein angelaufenes Diadem auf den Kopf, um sie noch auffälliger zu machen.“

Es ist wirklich erstaunlich, wie viele epische Vorausdeutungen Rowling auch noch in den vorletzten Band packt. Schließlich schleppt sie schon einen ganzen Sack davon aus den vorherigen Teilen mit sich herum, die sie alle noch einlösen muss. So beginnt sie das Buch, als Harry und Dumbledore Slughorn rekrutieren, mit einem Hinweis auf Regulus Black und lässt es mit dem Amulett von R.A.B. enden. Mundungus Fletcher bedient sich am Haushalt des verstorbenen Sirius, was zum Ministeriums-Heist in Band Sieben führen wird. In einer der Denkariums-Ausflüge weiß Dumbledore, wer im Eberkopf auf Voldi wartet, weil er  „ein Freund der Wirtsleute am Ort“ ist. Draco entwaffnet Dumbledore und legt damit den Grundstein für Voldis Ende und obendrein bekommen wir die Andeutung von Dumbledores dunkelstem Geheimnis, wenn er das Gift in der Höhle trinkt:

„Es ist alles meine Schuld, alles meine Schuld“, schluchzte er, „bitte lass es aufhören, ich weiß, dass ich Falsches getan habe, oh, bitte lass es aufhören, und ich werde nie, nie mehr …“

„Tu ihnen nicht weh, tu ihnen nicht weh, bitte, bitte, es ist meine Schuld, tu doch mir weh …“

Aus dem Token-Bösewicht wird ein echter Mensch

„Ich habe experimentiert; ich habe die Grenzen der Magie erweitert, weiter vielleicht, als es jemals geschehen ist –“

„Einiger Formen von Magie“, korrigierte ihn Dumbledore leise. „Einiger. Von anderen wissen Sie … Sie verzeihen mir … erbärmlich wenig.“

Zum ersten Mal lächelte Voldemort. Es war ein angespanntes Grinsen, etwas Bösartiges, bedrohlicher als ein Zornerfüllter Blick.

„Der alte Streit“, sagte er sanft. „Aber nichts, was ich in der Welt gesehen habe, stützt Ihre berühmte Behauptung, dass Liebe mächtiger ist, als meine Art von Magie, Dumbledore.“

„Vielleicht haben Sie an den falschen Orten gesucht“, gab Dumbledore zu bedenken.

Aber der größte Build-Up für den letzten Teil sind natürlich die Horkruxe. Und auch hier macht Rowling wieder etwas viel clevereres als einfach den Plot voranzutreiben, nämlich das Gleiche wie bei Draco aber potenziert: Dadurch dass uns die Geschichte der Horkruxe in Rückblenden – Erinnerungen an Voldemorts Vergangenheit – erzählt wird, wird aus dem reinen Token-Bösewicht, der er bislang war, ein echter Mensch. Wir können nachvollziehen, wie er zu demjenigen wurde, der er zu Harrys Lebzeiten ist.

„Ich, der ich weiter als alle anderen gegangen bin auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt.“

Wir erfahren, dass bereits das Tagebuch aus Die Kammer des Schreckens ein Horkrux war. Auch das ist ein echter Rowling-Move – etwas erklären, von dem wir später erfahren, dass ebenjene Erklärung nur die Spitze des Eisbergs war. Genau das macht sie auch hier wieder mit dem Ring von Voldi, von dem wir lernen, dass es ein Horkrux war, den Dumbledore bereits vernichtet hat. Aber natürlich ist das nur ein Teil der großen Wahrheit, die wir in den Heiligtümern des Todes erfahren.

Voldemort

Der Widerstreit von Vorbestimmung und freiem Willen

Zu diesen scheibchenweisen Enthüllungen gehört natürlich auch das große Mysterium, worin denn nun die Verbindung zwischen Harry und Voldi besteht. Wir lernen weitere Gemeinsamkeiten der beiden kennen: Beide sind Waisenkinder. Ihre Mütter sind beide für ihr Kind gestorben. Beide Jungs hassten ihr Leben unter Muggeln, sowie die Tatsache, dorthin immer wieder in den Sommerferien zurückkehren zu müssen. Beide betrachten Hogwarts als erste wahre Heimat. Harry stellt sogar bewusst eine Parallele her: In seinem ersten Versuch, Slughorn die Wahrheit über die Horkruxe abzuluchsen, spiegelt er bewusst 1:1 die Situation, in der Voldi dies damals tat.

Die Prophezieung

Diese Gemeinsamkeiten kontrastiert Rowling aber auch immer wieder mit Unterschieden. Während Harry nicht glauben konnte, dass er ein Magier ist, wusste Tom Riddle schon immer, dass er etwas besonderes ist. Voldi war viel talentierter als Harry. In der Schule immer der beste und schon davor beherrschte er seine Magie genug, um andere zu kontrollieren. Demgegenüber hat Harry im Gegensatz zu Voldi echte Freunde. Voldemort ist ein Einzelgänger, der niemand anderen haben möchte. Aus diesem letzten Unterschied entspringt Harrys größte Waffe gegen Voldemort: Liebe – die Macht, die der Dunkle Lord nicht kennt. So konstatiert Dumbledore an einer Stelle:

„Kann es sein, dass du Mitleid mit Lord Voldemort hast?“

Zugleich wird die Prophezeiung, die uns im letzten Band noch als große Enthüllung des Mysteriums verkauft wurde, nun wieder entzaubert. Harry Potter ist eine Geschichte über den Widerstreit von Vorbestimmung und Handeln aus eigenem Willen. Dieses Leitmotiv steckt nicht zuletzt in dem großen Konflikt um das reine Blut der Zauberer. Band 5 endet mit dem Zeiger auf 200% Vorbestimmung.

„Du misst der Prophezeiung zu viel Bedeutung bei! … Wenn Voldemort nie von der Prophezeiung gehört hätte, wäre sie dann in Erfüllung gegangen? Hätte sie dann irgendetwas bedeutet?“

Hier schlägt das Pendel zurück in die andere Richtung, wenn Dumbledore klarmacht, dass Voldi seinen größten Feind selbst erschaffen hat.

„Durch seinen Versuch, dich zu töten, hat Voldemort selbst den bemerkenswerten Menschen ausgewählt, der hier vor mir sitzt, und ihm die Werkzeuge für die Aufgabe an die Hand gegeben! Es lag an Voldemort selbst, dass du fähig warst, Einblick zu nehmen in seine Gedanken, in seine Vorhaben, dass du sogar die schlangenartige Sprache verstehst, in der er Befehle erteilt, und doch, Harry, trotz deiner privilegierter Einsicht in Voldemorts Welt (ein Talent übrigens, nach dem sich jeder Todesser sehnen würde) wurdest du nie von den dunklen Künsten verführt, hast du nie auch nur eine Sekunde lang den geringsten Wunsch gezeigt, einer von Voldemorts Gefolgsleuten zu werden!“

Das Zerfasern der Heldenreise

Das führt uns zu Harrys Heldenreise. Doch vorher möchte ich noch einen Ausflug an den Anfang machen: Das Kapitel beim Premierminister ist vielleicht das tollste in der ganzen Reihe, weil es in wenigen Seiten klarmacht, dass es hier nicht mehr nur um Harry geht, nicht mehr nur um die kleine Zauberergemeinde. Es herrscht Krieg und davon sind alle betroffen.

The chosen one

Ende des Ausflugs und zurück zu Harry: Während seine Heldenreise in den ersten fünf Bänden die Stationen des Monomythos von Joseph Campbell mustergültig abhakte, zerfasert sie ein bisschen nach hinten heraus. Wir hatten im Stein der Weisen den Call to Adventure – Harry erfährt, dass er ein Zauberer ist. In der Kammer des Schreckens kam The Refusal of the Call – Harry zweifelte massiv an sich, wollte kein Held sein, hörte Stimmen, dachte, er ist vielleicht der Böse und sehnte sich ganz stark danach, nur ein normaler Schüler zu sein. In der Gefangene von Askaban kam das Crossing the Threshold, das Überschreiten der Schwelle. Harry lernte die größeren Zusammenhänge kennen und vor ihm begann sich die wahre Geschichte von ihm, seinen Eltern und Voldi zu entfalten. Hier begann sein großes Abenteuer erst richtig. Der Feuerkelch war eine mustergültige „Road of Trials“, auf der unser Held verschiedene Aufgaben lösen muss, um in die Heldenrolle hineinzuwachsen. Der Orden des Phoenix war „The Belly of the Whale“ – Harry war drauf und dran an der Unmöglichkeit der ihm gestellten Aufgabe zu verzweifeln. Es steckte auch ein bisschen „Woman as Temptress“ darin, dadurch dass Harry sich mit Cho gewissermaßen in die falsche Frau verliebt hatte. Nun, in der Halbblutprinz, findet das echte „Meeting with the Goddess“ statt, wenn er sich in Ginny verliebt. Außerdem gibt es „Atonement with the Father“ – Dumbledore wird jetzt erst zur echten Vaterfigur, er gibt Harry Einzelunterricht und es wird auch sonst ganz kuschelig zwischen den beiden … Allerdings kommt dann das Ende dieses Buches und damit eine tiefe Krise, die kombiniert mit dem Wissen darum, wie Harry Voldi wird besiegen können, die eigentliche Station von Harrys Heldenreise ist. Bei Campbell gibt es dafür keine Entsprechung.

Schauen wir uns das mal der Reihe nach an: Das Buch beginnt damit, dass Harry jetzt von aller Welt als der Auserwählte betrachtet wird. Ihm dämmert so langsam, dass der Kampf gegen Voldi ihn wahrscheinlich sein Leben kosten wird, aber er ist bereit, dieses Risiko einzugehen. Nachdem er im Laufe des Romans immer wieder von dieser Mission abkommt und dafür teilweise heftig von Dumbledore kritisiert wird, beginnt er nach und nach immer weiter in diese Rolle hineinzuwachsen. Der entscheidende Moment ist, wenn er unter dem Einfluss von Felix Felicis Slughorn offen erklärt:

„Ich bin der Auserwählte. Ich muss ihn töten.“

Am Ende des Buches ist Harry soweit, dass er gegen Voldi aus freien Stücken antreten will und nicht nur wegen der Prophezeiung. Als ihm dann noch Dumbledore als letzter Schutz genommen wird, fasst er den Entschluss, Hogwarts zu verlassen und sich auf die Suche nach den verbliebenen Horkruxen zu machen.

Nitpicking

Enden will ich diesen Post aber als wie gewohnt mit etwas heitererem und genüsslich Nüsse picken:

  • Ich möchte kurz erwähnt haben, dass Hermine eine schlechte Schauspielerin ist. Dies tut zwar auch Ron, nach ihrem Auftritt bei Borgin & Burke’s, aber man kann es nicht oft genug sagen!
  • Seidenschnabel ist zurück bei Hagrid. Alles was der dafür tun musste, ist, ihn in Federflügel umzubenennen. Hätte man darauf nicht auch schon vor drei Jahren kommen können? All die Zeit, in der das Tier nicht artgerecht in einer Londoner Stadtwohnung ausharren musste, hätte man ihm ersparen können!
  • Pflanzenkunde ist das das übelste Fach an dieser Schule und sollte verboten werden. Dort geht es immer blutig zu!
  • Das Flohnetzwerk ist einfach nicht gut durchdacht. Als Harry nach Hogwarts reist und aus McGonagals Kamin kommt, bittet diese ihn: „Hinterlassen Sie bitte nicht so viel Asche auf dem Teppich“. Man sollte diese Transportmethode wirklich noch einmal überdenken!
  • Der Raum der Wünsche ist die Deus ex Architektus.
  • Trelawny stößt beim Kartenlegen immer wieder auf den vom Blitz getroffenen Turm. Das macht überhaupt keinen Sinn! Rowling verwendet das hier als epische Vorausdeutung auf das große Finale. Aber in der Vergangenheit hatte sie etabliert, dass Trelawny nur hellsehen kann, wenn sie in diesem tranceartigen Zustand ist, an den sie sich nachher nicht erinnern kann.
  • Zu guter Letzt: Dass man Felix Felicis im Kampf einsetzen kann und dann nicht von Flüchen getroffen wird, ist mal wieder nicht gut durchdacht, Frau Rowling!

Ach ja, hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass der Halbblutprinz mein Lieblingsband ist? Ein tolles Buch! Jetzt freue ich mich auf das große Finale und verspreche, dass ich mir nicht ganz so viel Zeit mit dem Artikel lassen werde. Also ich werde es versuchen … Vielleicht.
Wands for Dumbledore

12 von 12 im Mai 2017

Der Mai ist gekommen und hier kommen 12 Bilder vom 12. meines Monats.

Die Ruhe vor der Sturm

Der Tag begann mit Malen. „Aber, Tochter (2), möchtest du nicht lieber ein großes Blatt Papier?“ „Nein, auf kleines ‚pier malen!“ Danach ging es ins Bad …

Bitte bewundern Sie, dass ich meine Tochter (2) komplett in olivgrün gekleidet habe. Es war zwar nicht ganz einfach, das als „Elsa-Kleid“ bei ihr durchzukriegen, aber beim Zähneputzen willst du schließlich gut getarnt sein.

Wetter und so …

Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Fünf Mal in der Woche, sechs Kilometer hin und wieder zurück. Da aber vier Kilometer dieser Strecke am Main entlangführen, ist das normalerweise eine sehr schöne Sache. Auch das Wetter war in diesem Jahr sehr gnädig mit mir. Dann kam der Mai. Ich glaube, schon jetzt, beendete ich im Mai diesen Weg häufiger durchnässt als in den vier Monaten zuvor zusammen.

Allerdings kam zur Mittagspause die Sonne raus. Wann immer es irgend möglich ist, verbringe ich meine Arbeitsunterbrechung auf diesem kleinen Platz am Frankfurter Osthafen. Im Frühling war ich meist alleine, doch jetzt kommen langsam die Temperaturen, in denen es hier sehr voll werden kann. Denn die Lagerhäuser und Umschlagplätze sind im Frankfurter Osten weitgehend schicken Werbeagenturen gewichen, deren Mitarbeiter/innen hier gerne ihre kalorienreduzierten Mittagssnacks zu sich nehmen.

Nach ein bisschen Sonne tanken, ging es wieder zur Arbeit.

Doch nicht mehr lange, dann fuhr ich hinaus ins Wochenende!

Kinder- und Elternessen

Der Opa hatte uns am Sonntag zuvor selbstgemachtes rotes Pesto mitgebracht! Besonders die Zwergin der Familie genoss das sehr. Hier sehen Sie, wie sie einen Nachschlag nimmt. Meine Tochter (9) ist hingegen noch immer in einer Entwicklungsphase, die eine strenge „Pfannkuchen und Butterbrot“-Diät verlangt und weigerte sich daher das Pesto zu probieren. Die Dame und ich gönnten uns eine kleine Portion, denn wir hatten noch Pläne.

Die Babysitterin kam und wir gingen. Beziehungsweise fuhren mit der Tram ins Bahnhofsviertel.

Denn eine Kollegin hatte der Dame ein Sushi-Restaurant empfohlen. Der Laden hatte zwar eine merkwürdige 80er-Mosaik-Kachel-Wandbekleidung. Aber dafür auch ein stilechtes Sushi-Karussel. Die Reisröllchen waren gut, aber nicht außergewöhnlich und die Bedienung war freundlich. Es war ein teurer Spaß, aber das muss auch mal sein, nicht wahr?

Anschließend gingen wir direkt nach Hause, um unseren Geldbeutel nicht auch noch mit zu hohen Kosten für die Babysitterin zu belasten. Die Dame fühlt sich überhaupt nicht wohl im Bahnhofsviertel. Ich kann das nachvollziehen, schließlich gibt es hier eine eigentümliche Mischung aus Rotlichtmilieu, Drogenszene, Bars, Clubs, Hipstern, Bankern und Touristen. Aber irgendwie mag ich das. Es ist einer der am authentischsten Großstadt-Orte in Frankfurt. Ich fühle mich auch nicht unsicher. Klar, ich habe da den entscheidenden Vorteil, ein Typ zu sein. Aber auf mich wirkt das hier immer so, als würden die verschiedenen Milieus sich um ihren eigenen Kram kümmern und gegenseitig gepflegt ignorieren. Verglichen damit sind mir die Jungesellen-Abschiede und aggressiven Komasäufer im Partyviertel Alt-Sachsenhausen wesentlich unangenehmer …

Der Abend geht zur Neige

Der Abend war mild, daher gönnten wir uns noch ein Bier und Gespräch auf dem Balkon – das erste des Jahres. Der Mai ist eben auch nicht ganz schlecht.

Doch mein Sushi-Bauch wollte hochgestreckt werden. Daher trollte ich mich bald darauf ins Bett und sah als Schlummertrunk für meine Augen noch eine Folge „Master of None“. Es war die erste der dritten Staffel und sie war eine ganz großartige Hommage an den italienischen Neorealismus – allem voran an Fahrraddiebe. Unbedingte Sehempfehlung. Gute Nacht.

Das Universalienproblem

Heute wollen wir den Block zu Platons Ideenlehre abschließen, damit wir uns anschließend anderen Aspekten seiner Philosophie zuwenden können. Euch hängt diese Welt der Ideen sicher schon zum Hals raus: Wir haben die Ideenlehre kennengelernt, Probleme gesehen und angerissen, warum es vielleicht trotzdem schlau ist, an den Ideen festzuhalten. Heute möchte ich die Ideenlehre in einen größere philosophischen Kontext einordnen, um euch klarzumachen, warum auch in unseren Tagen – nach 2300 Jahren – noch immer einige Philosophen auf diese abgehobenen Ideen fliegen, als wären sie kleine Kinder, die glauben, Justin Bieber würde gute Musik machen. Der größere Kontext, in den es die Ideenlehre einzuordnen gilt, ist das Universalienproblem. Wie immer könnt ihr euch das als Video anschauen oder ihr lest darunter das Transkript:

Ein letztes Mal „Was ist …?“ gefragt

Zur Einordnung möchte ich noch ein letztes Mal zu Sokrates und seiner „Was ist“-Frage zurückkehren. Ich hatte euch im zweiten Teil zu Sokrates erzählt, dass Sokrates auf der Suche nach dem Allgemeinen war. Dieses Allgemeine benennen wir in der Philosophie heute mit dem Begriff „Universalien“. Unstrittig ist in der zeitgenössischen Philosophie, dass es Univeralien gibt. Wir haben schlichtweg nicht nur Begriffe in unserer Sprache, die konkrete Dinge bezeichnen, wie zum Beispiel „Daniels Handy“, sondern auch solche, die eben Allgemeines bezeichnen, wie einfach nur „Handy“. Oder auch: Mensch, Raumschiff, Pferd. Das, was diese Begriffe bezeichnen, sind Universalien.

Mein großes Philosophie-Lexikon sagt dazu:

„[Universalien] benennen Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten und decken so Zusammenhänge der Wirklichkeit auf oder schaffen eine Ordnung, die die einzelnen Dinge miteinander in Zusammenhang bringt. Sie sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft. Ohne die Annahme von Universalien, welcher Art auch immer, ist eine Theorie, die Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit zum Ausdruck bringen will, grundsätzlich unmöglich.“

Ontologie ist keine Krankheit

Das Universalienproblem bezieht sich genau auf diesen kleinen Einschub: „welcher Art auch immer“. Das Problem besteht in der Frage, was der sogenannte ontologische Status von Universalien ist. Ontolgisch? Klingt wie eine Krankheit, oder? Die Ontologie ist aber die Lehre vom Seienden, also die Frage, was existiert und in welcher Form es existiert. Und genau diese Frage stellen sich die Philosophen in Bezug auf die Universalien.

Dabei gibt es drei Positionen: Erstens, die Nominalisten. Nominalisten glauben, dass Universalien rein sprachlich existieren. Unsere Sprache bringt sie überhaupt erst hervor. Dann gibt es als zweites die Konzeptualisten. Die meinen, dass Universalien im menschlichen Denken existieren. Der menschliche Geist erzeugt Konzepte davon, wie die Welt ist. Und diese Konzepte sind Universalien. Schließlich gibt es noch die Realisten. Die wiederum glauben, dass Universalien unabhängig vom Menschen wirklich in der Welt existieren, in irgendeiner Form. Die Frage ist nun, in welcher Form? Denn schließlich sehen wir zwar jede Menge einzelne Menschen, aber nie die Universalie „Mensch“. Ihr ahnt es vielleicht schon: Ausgerechnet der abgehobene Platon zählt zu den Realisten, denn seine Antwort lautet, dass Universalien Ideen sind, die in einer eigenen Ideenwelt existieren.

Jetzt wird auch klar, was ich im zweiten Sokrates-Teil meinte, als ich sagte, dass nach Aristoteles Sokrates noch nicht glaubte, dass das Allgemeine etwas vom Begriff Unabhängiges sei. Sokrates war demnach eher Nominalist oder Konzeptualist. Was genau, können wir heute nicht mehr sagen.

Der Universalienstreit

Der Streit, was denn jetzt die richtige Lösung für das Universalienproblem ist, tobt seit dem Mittelalter und geht bis unsere Tage. Das alles jetzt wiederzugeben würde eindeutig zu weit führen. Aber wenn dieser Kanal es wirklich schafft, durch die Philosophiegeschichte zu reisen, dann werden wir zwangsläufig immer wieder auf den Universalienstreit stoßen. Aber ich hatte euch eine Antwort auf die Frage versprochen, warum wir auch heute, mehr als 2300 Jahre später noch am Platonismus festhalten.

Denn auf den ersten Blick erscheint es doch naheliegender, anzunehmen, dass Universalien etwas Sprachliches oder Mentales sind, als an so crazy Shit wie ein real existierendes Reich der Ideen zu glauben, oder? Der Knackpunkt dafür liegt noch einmal in dem Zitat aus meinem Philosophielexikon:

Universalien „sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft.“

Die Frage ist keine geringere als jene, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben! Sind so Sachen wie die Evolutionstheorie, der Urknall, das Periodensystem der Elemente, die Syntax der Sprache oder unser Modell vom Gehirn nur irgendwelche Gedanken- oder Sprachspiele? Oder existieren sie wirklich,  in echt, in dieser unserer Welt?

Der Platonismus sagt: Ja, Wissenschaft beschreibt unsere wirkliche Welt und zwar, weil es außer der vergänglichen Welt der einzelnen Erscheinungen auch eine ewige Welt des Allgemeinen und der Gesetzmäßigkeit gibt. Das ist der Grund dafür, warum der Platonismus trotz all seiner Schwierigkeiten, Probleme und metaphysischen Unterstellungen noch immer Anhänger hat. Denn, wenn ihr ihn aufgebt, dann müsst ihr eben eine andere Antwort auf die Frage finden, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben. Ihr müsst beantworten, warum die Dinge immer zur Erde fallen, obwohl die Schwerkraft doch angeblich nur in unserem Kopf oder auf Papier existiert.

So, jetzt haben wir die Ideenlehre aber wirklich im Kasten und damit den größten und wichtigsten Brocken der Philosophie Platons. Bevor wir uns an den nächsten dicken Fisch heranwagen (Platons Ethik und damit verbunden seine politische Philosophie), will ich mal ein bis zwei kleinere Themen behandeln. Und beginnen möchte ich mit etwas fürs Herz: Mit der Liebe.

Literatur

 

*Hinterhältiger Affiliate-Link: Wenn ihr das Buch kauft, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich. Euch kostet das Buch natürlich nicht mehr. Nur der großkapitalistische Mogul Amazon bekommt etwas weniger Profit! Also kauft es hier! 😉 Oder ihr unterstützt den kleinen Buchladen an der Ecke …

Dies ist keine Tragödie

Wenn du Kinder hast, dann bekommt Ostern selbst in einem postreligiösen Lebensentwurf wieder eine Bedeutung. Das Feierwochenende wird durch den Nachwuchs dem Großelternbesuch geweiht.

Haus, ohne Fachwerk und Ordnung

Haus, ohne Fachwerk und Ordnung

Entsprechend zog es auch uns mit Kind und Kegel raus aus den versmogten Hochhausschluchten. Wir fuhren zur Osterfrische dorthin, wo statt Straßenbahnen getunte Mercedes mit Freiwildaufklebern rumtuckern: Aufs Land. Wir fuhren nach Schwabenland – wo die Menschen Schrebergärten haben, deren Lauben Solarzellen tragen. In eine Kleinstadt mit vielen Fachwerkhäusern und noch mehr Ordnung. Ins Ländle – dieser eigenartige Kombination aus geradezu italienisch anmutender Landschaft mit nicht mehr ganz sanften Hügeln und Weinreben auf der einen Seite und Menschen, die deutscher nicht sein könnten auf der anderen.

Viel ist schon gesagt worden über Ostern: Vom Tanzverbot bis zur Wiederauferstehung, von der Doppelidentität von Hasen bis zum Fernsehprogramm mit Charlton Heston und Mel Gibson. Doch ich möchte diesen Text dem vernachlässigten, wohlstandsverwarlosten Samstag widmen. Er ist weder ganz Kar- noch vollends Oster-. Eingequetscht zwischen dem ruhiggestellten Freitag und dem schokoladenkomatösen Sonntag steht er da, hibbelig in seiner Ecke wie der vom Lehrer gemaßregelte Klassenclown kurz vor der großen Pause.

Weil unsere Menschen-Beine am Freitag böswillig vom Tanzen abgehalten wurden, strebten sie am Samstag zwangsläufig gen Freiheit! Doch wohin sollten sie sich wenden? Sollten sie dem Ruf von Ginger Rogers und  Fred Astaire folgen? Sollten sie sich mit Stollen bewehren und gegen das runde Leder treten? Nein, für unsere Lauffortsätze konnte es nur ein Ziel am Zwischensamstag geben: Den Einkauf. Ein Urinstinkt trieb unsere Beine und mit ihnen den Rest von uns an: Da auf den Unsamstag zwei Tage folgen, an denen wir dazu verdammt sind, nicht zu konsumieren, haben wir Menschen zwangsläufig den Drang, am Nachkarvorostersamstag Vorräte für zwei Wochen anzulegen. Ja, der Einkauf an jenem Tag ähnelt in deutschen Innenstädten daher der Belagerung Wiens durch das osmanische Reich nur mit weniger Kaffee – schon ausverkauft.

Wie die Langobarden nach Italien zog es uns mit vielen anderen in jenen autobefreiten Teil der Stadt, den Victor Gruen einst versehentlich dem Konsum gewidmet hatte. Die in den kommenden Tagen vor uns liegenden Gelage fest im Blick, wanderten wir auf den Wochenmarkt. Der Opa vorneweg, zielstrebig einen Stand nach dem anderen ansteuernd. Meine Töchter motiviert hintendrein, bereit zum Aufbruch in neue Welten. Die Dame tastete sich zögerlich voran, auf der Hut vor Geistern der Vergangenheit. Ganz hinten trottete mein Körper. Doch mein Geist war währenddessen auf einem Roadtrip mit David Foster Wallace – Although Of Course You End Up Becoming Yourself. Seit Wochen befand ich mich schon im Kaninchenbau der Gedanken dieses Autors. Hatte eine geistige Affäre mit Wallace. Rauchte Zigaretten, kaute Tabak: „I mean, most of the word surrealism is realism, you know?“. Und so schob ich auch an jenem Samstag den meist leeren Buggy über den schwäbischen Markt. Suchte Gelegenheiten das zu große Buch aus der Tasche meines abgetragenen Parkas zu ziehen, zu entknicken und Worte Welten werden zu lassen.

An einem Brunnen standen zwei Männer, die rhythmisch mit Kleingelddosen schüttelnd für den Erhalt ebenjenes Wasserspiels sammelten. Ihr Gruß war aggressiv fordernd, ihr Blick vorwurfsvoll, als ich vorbeiging, den meinen gesenkt. Die Scham über meinen eigenen Geiz schwelte ein wenig in meiner Brust. Doch ich wollte nichts geben, es ist nicht mein Brunnen. Schließlich kenne ihn nicht, weiß gar nicht ob er sympathisch ist. Vielleicht ist es ein extremistischer Brunnen. Weiß ich, ob er AfD wählt? Ob er „nichtschwäbische Brunnen raus!“ fordert? Wie kann ich so unverantwortlich für einen Brunnen spenden, der ein Arschloch sein könnte?

Doch das schlechte Gewissen quälte mich wie der Geist der zukünftigen Weihnacht. Während ich halb lesend halb schiebend voranschritt, hatte ich ständig das Gefühl etwas falsch zu machen. Von links und rechts schrie es mir unentwegt „Halloo!“ entgegen. Ich stand unentwegt im Weg. Ausweglos wegversperrend auf diesem verwegenen Wochenmarkt. „Tschuldigung“ murmelnd schob ich ein ums andere Mal weiter, nur um den nächsten „Halloo!“-Ruf zu vernehmen. Viel zu spät für das Käppsele, für das ich mich halte, wurde mir bewusst, dass ich mitnichten auf Fehler aufmerksam gemacht wurde, sondern ein Opfer des lokalen Dialekts geworden war. Vielleicht sogar ein Täter meiner eigenen Ignoranz. Was ich als Vorwurf vernommen hatte, waren nicht die Ermahnungen des aggressiven Bruders vom Meister Eder an seinen Kobold gewesen, sondern schlichtweg landesübliche Begrüßungen. Schwäbisch klingt wie Schimpfen.

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick wurden meine Tochter (2) und ich schließlich auf ein pathetisch-kleines Hubschrauberimitat vor einem abgekürzten Wortspiel-Drogeriemarkt aufmerksam, dessen Daseinsberechtigung darin bestand, sich zu heben und wieder zu senken, sobald einer oder eine einen Euro zu entbehren wagte. Meine Tochter stand mit ehrfürchtig staunenden Augen vor dem Maschinchen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Kinder die Orte und Dinge auf Anhieb erkennen, die für sie geschaffen wurden. Beziehungsweise deren Zweck es ist, den Eltern einen Euro zu entlocken. Nachdem frühaufgestandenere Kinder den Minihubschrauber  freigegeben hatten, erklomm mein Minimensch den faszinierenden Apparat mit so viel Mühe, als handele es sich um einen Mil Mi-26. Nachdem sie standesgemäß im Cockpit platzgenommen hatte – Amelia Earhart hätte es nicht besser machen können – warf ich das Kupfernickel-Scheibchen mit dem Nickelmessing-Ring in den Automaten.

Mit mechanischem Brausen und Brummen, mit unheilvollem Knacken und einer blechernen Melodie, die nicht minder gespenstig klang als jene vom Eiswagen, der an Sommertagen durchs Frankfurter Ostend irrlichtert, begann das mitleiderregende Helikopterimitat sich zu heben und zu senken. Jeder Durchgang ein blechernes Ächzen ob der Sinnlosigkeit seiner Existenz. Geradezu tragisch war, dass die einzige Daseinsberechtigung des Lumpenhubschrauberle sich in dieser, unserer Geschichte in ihr Gegenteil verkehrte.

Was war denn seine Daseinsberechtigung?
Na, Spaß machen!
Wem den?
Na, meiner Tochter (2).

Denn das kleine Wunder, an dessen Erschaffung ich nicht ganz unbeteiligt war, begann zu weinen. Das ganze Auf und Ab, das Ächzen und Brausen und Brummen, das Knacken und die Geistermelodie waren schließlich doch zu viel für die kleinen, frischen Sinne, die es noch verstehen, sich schon an einer Ameise zu erfreuen. Das Mädchen streckte die kleinen Ärmchen aus in jener unmissverständlichen universalen Geste, auf die alle Menschen mit elterlichen Neuronen nicht anders können, als dem stummen Wunsch zu folgen und dem Minimensch einen Safespace auf dem Arm zu gewähren.

In den blinkenden Scheinwerferaugen des Blechbrummers stand indes ohne Frage der stumme suizidale Vorwurf: „Seht mich an. Ein Hirn von der Größe einer SD-Karte und man lässt mich einsam auf und ab steigen. Nennt man das vielleicht berufliche Erfüllung? Also ich nicht.“ Erneut ergriff mich die Scham, sprach der traurige Blick des verhinderten Freudespenders  doch meine tiefste Unsicherheit an. Hatte ich – nun vielleicht keinen Menschen – aber doch ein Ding unglücklich gemacht? Panisch blickte ich mich um auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma.

Keine Sorge: Dies ist keine Tragödie. Als mein Blick wirrend suchte, bemerkte ich, dass mittlerweile Scharen von Kindern uns umgaben, als wäre ich ein Rattenfänger und die Helikopterdepression meine Flöte. Einer Mutter, die mit zwei Kindern am nächsten stand, bot ich also den freigewordenen Platz an und die beiden Wachstumsphasen auf vier Beinen konnten ihr Glück nicht fassen. Sie eilten, sprangen, flogen in den Hubschrauber. Der alte Blechgesell dankte mir stumm mit einem fraternisierenden Blinken seiner Lampenaugen.

Aber als ich schon bereit war, dem Sonnenuntergang entgegenzureiten, fiel mein Blick auf zwei andere Kinder: ein Mädel und ein Bub. Auf ihren trauervollen Mienen stand der stumme Wunsch geschrieben, auch einmal mechanisch gen Himmel gehoben zu werden. Was oder genauer wer es ihnen versagte, war ein alter Mann, von dem ich einmal hoffen will, dass es ihr Opa war. Dieser hielt die Kleinen mit seinem Krückstock zurück während er in einer Zunge auf sie einsprach, die sich verdächtig nach Parsel anhörte. Wahrscheinlich handelte es sich aber eher um die Vorgenerationenvariante der natürlichen Sprache von Einwohnern des lokalen Habitats.

Mein Herz rutschte mir erneut in meine abgewetzten Jeans. Doch nicht lange da nahm das Schicksal die nächste Wendung, da kamen die Schiffe den Anduin hinaufgefahren. Der Vater der Balgen nahte! Meine Hoffnung teilend wand sich sogleich auch das Mädchen an ihren Erzeuger und wie sich bald herausstellen sollte Ernährer: „Babah, Babah, dr Fluhg koschtet nur oin Euro!“ Glücklich lächelnd konnte ich das stumm nickend abseits stehend bestätigen. Doch mein Lächeln gefror, als ich die Entgegnung des Vaters hörte: „Woisch, wie lang ma für oin Euro arbeide muss?“. Der Junge, älter und schon auf die richtige Antwort konditioniert, als wäre er der treue Gesell Pawlows, kannte die erwünschte Antwort: „Sehr lang“. Als ich diese Worte vernahm, schüttete meine Nebenschilddrüse Apfelweinfässer von Parathyrin aus. Ich wollte den Kleinen einen Euro in die Hand drücken. So wie es eigentlich die Pflicht von Omas und Opas ist: Vermeintlich unauffällig in einem nicht gekonnten Kleindealerhandschlag: „Hier. Ich muss nicht so lange dafür arbeiten. Und manchmal muss man auch einfach mal einen Euro ausgeben, damit sich der Hubschrauber hebt.“ Aber ich traute mich nicht. Denn hinter Mädchen und Junge stand der Opa, leise Parsel murmelnd, den Stock bereithaltend. Dies ließ nur die Konklusion zu, dass er seinen Zauberstab genauso aufbewahrte wie Lucius Malfoy.

Daher nahm ich meinen Wonneproppen bei der Hand und ging, ein wenig traurig, doch um eine Erfahrung reicher davon. Dem sonntäglichen Festgelage entgegen und bald darauf auch wieder zurück in meine Heimat, wo die Häuser höher sind als die Bäume und die Menschen zwar ein bisschen schlechtgelaunt und schnodderig wirken, aber zumindest einen Euro für ihr Herzblatt übrighaben.

Fettige Haare

In der Bahn. Meine Tochter (2) zieht den Kopfüberzug ihres Sitzes ab. Ich befestige ihn wieder.

Ich so: „Mach das bitte nicht.“
Meine Tochter (2): „Warum?“
„Weil das dranbleiben soll.“
„Warum?“
„Dann muss die Bahn nicht den ganzen Sitz putzen, sondern kann nur diesen Überzug waschen. Der wird dreckig von den Köpfen.“
„Warum?“
„Weil Haare fettig sind.“
„Warum?“
„Die Talgdrüsen in deiner Kopfhaut produzieren den fetthaltigen Talg, er ist wasserabstoßend und hält deine Haare geschmeidig und glänzend. Die Haartalgdrüseneinheit sorgt zudem für einen sauren ph-Wert zum Schutz gegen Krankheitserreger.“

Meine Tochter (2): „Ah. Okay.“

12 von 12 im April 2017

Es war der Mittwoch vor Ostern im Jahre 2017 des Herrn, als es sich begab, dass ich meinen Tag in 12 Bildern zu dokumentieren suchte. Ich hoffe, ihr findet diesen biblischen Einstieg genauso angemessen, wie ich.

Der Tag begann unbiblisch-profan mit Routine: Aufstehen, …

Kinder wecken, …

Kaffee kochen und Milch trinken, …

Anziehen, …

Frühstücken.

Das erste wirklich spannende Foto ist dieses: Meine Tochter (9) verlässt das Haus, um zu den Ferienspielen in den Hort zu gehen. Heute ist Skating-Tag.

Ich muss euch warnen, es folgt nun ein „Sie werden so schnell groß“-Erinnerungsklischee. Aber sie werden so schnell groß! Komischerweise denke ich immer an Kinderkrankheiten, wenn ich mich zurückerinnere, wie sehr meine Tochter (9) schon gewachsen. Vielleicht, weil sie in jenen Phasen am verletzlichsten war. Wenn ich dieses toughe Mädchen mit seinem Skateboard sehe, dann sehe ich in Gedanken den Wurm, dessen Krankheitsverlauf ich mit einer Fieberkurve dokumentierte – immer zweifelnd, ob hier noch ein Fiebersenker angemessen ist oder ob wir nicht doch lieber gleich ins Krankenhaus fahren sollten. Ach, irgendwie lesen sich diese Zeilen unangenehm. Schließlich habe ich auch schöne Erinnerungen. Daher lieber gleich weiter zum nächsten Foto.

Das entstand in unserem Keller, wo mein Fahrrad steht. Ich glaube, ich habe in dieser Reihe schon darüber geschrieben, dass mir in meinem Leben bereits drei Fahrräder gestohlen wurden.  Daher übernachtet der Drahtesel hinter drei verschlossenen Türen und ist zusätzlich an ein Regal gekettet.

Nun begann mein Arbeitstag. Mein Teamleiter hat darum gebeten, dass wir nicht mehr während der Arbeit instagrammen. Ich arbeite in einer Agentur, die Social Media für einen sehr großen Kunden macht und der „soll nicht denken, dass wir nicht ausgelastet sind“ – so mein Chef. Na, diesen Gefallen kann ich ihm tun. Schließlich habe ich wahrlich genug Arbeit. Daher unterbreche ich meine 12 von 12 an dieser Tür.

Allerdings endete mein Arbeitstag an jenem Mittwoch schon nach vier Stunden. Ich hatte noch einen Termin. Dieser ging schon wieder mit dem Thema „sie werden ja so schnell groß“ einher. Denn meine Tochter (2) kommt im Sommer in den Kindergarten. Dafür unterschrieben wir am Mittwoch den Betreuungsvertrag. Wir waren schon sehr nervös.

In Frankfurt erfolgt die Kindergartenplatzvergabe seit einem Jahr online über ein zentrales Portal. Die Idee dahinter ist gut: So sollen Doppeltanmeldungen vermieden werden und jedes Kind soll schneller und sicherer einen Platz bekommen. Aus Elternsicht war der Prozess aber nervenaufreibend, da das System eine Blackbox ist. Wenn du einmal die Daten in die Maske eingetippt hast, fehlt dir jeder Einblick darüber, an welchem Punkt im Vergabeprozess du dich befindest. Wie viele Mitbewerber gibt es? An welchem Platz der Warteliste stehen wir? Wurde schon entschieden?

Wir meldeten uns bei den Kitas im Viertel an, die wir gut fanden und von diesem Moment an hieß es warten. Ohne eine Info. Im Februar bekamen wir eine Zusage. Leider war sie von dem Kindergarten, den wir von den sechs oder sieben ausgewählten am wenigsten mochten. Am liebsten wäre uns gewesen, dass unsere Tochter in den Garten gekommen wäre, in dessen Krippe sie schon geht. Daher lehnten wir das Angebot im Februar ab. Mit Magengrummeln. Dann kam der März und mit ihm die offizielle Deadline für die Vergabe. Das bekamen wir vor allem dadurch zu spüren, dass unsere Krippe uns absagte – wir hatten keinen der begehrten Plätze bekommen.

Der März ging und keine weitere Zusage kam. Wir schliefen immer schlechter. Was sollten wir tun, wenn wir auch im April nichts bekommen? Unsere Krippe bot uns an, dass die kleine noch ein halbes Jahr über den dritten Geburtstag hinaus bleiben darf. Sollten wir auch Kindergärten außerhalb unseres Viertels mit in die Auswahl nehmen? Abgesehen davon, dass die Kleine dann aus ihrem sozialen Umfeld gerissen würde, sind wir schon einmal mit der Großen ein halbes Jahr zum Kindergarten mit der S-Bahn gependelt, weil wir innerhalb Frankfurts umgezogen waren. Das war eine sehr stressige Zeit für die ganze Familie. Daher fiel sowohl der Dame als auch mir ein riesiger Stein vom Herzen, als vor einer Woche die E-Mail ankam: „Es liegt ein Betreuungsangebot vor“. Ich habe so laut aufgeatmet, dass sich gleich mehrere Kollegen in meinem Büro umdrehten und sich erkundigten, was los war.

Die Dame hatte in der Nacht noch Albträume gehabt, dass auf den letzten Drücker uns etwas im Betreuungskonzept der Kita in die Augen springt, weswegen wir doch wieder absagen müssen. Aber letzten Endes war alles im grünen Bereich und unsere Tochter (2) ließ sich nur mit Mühe und Not von der Rutsche  ablösen und aus ihrem zukünftigen Kindergarten fortlocken. Da hatten wir uns wirklich ein Eis verdient! Für mich das erste des Jahres. Es war kalt, aber lecker.

Dann ging es nach Hause …

… und erschöpft, wie wir waren, gingen wir auch bald ins Bett. Bis nächsten Monat!

Iste lieb?

Meine Tochter (2): “ Vorlesen?“
Ich: „Nur wenn du lieb bist.“
Sie schmeißt den Zahnputzbecher runter: „Iste lieb?“
Das erste Mal keimt mir der Verdacht, dass sie nicht weiß, was das Wort bedeutet: „Nein, so bekommst du nichts vorgelesen.“
Schnell hebt sie den Becher auf und spült sich den Mund aus: „Vorlesen?“
„Nur wenn du lieb bist.“
Sie rennt davon.
Okay, das war ein veritables Indiz. Wir reden eindeutig aneinander vorbei. Als ich sie wieder eingefangen und zur Wickelkommode verfrachtet habe, fragt sie erneut: „Vorlesen?“
„Nur wenn du lieb bist.“
Sie beginnt Taschentücher aus dem Spender zu reißen, bis das Kinderzimmer wie eine Winterlandschaft mit geringem Budget aussieht.
„Iste lieb?“
„Tochter (2), mich dünkt, du weißt nicht, was ‚lieb‘ bedeutet!“
„Lieb?“
„Ja ‚lieb‘. Nenn mir bitte mal eine Sache, die du zu machen bereit bist und die unter den Weisen gemeinhin als lieb angesehen wird?“
„Vorlesen?“

Diese Diskussion hat sie mit einem knappen Netzball nochmal gerade so gewonnen.