Meine Mediennutzung in der Revision

Vor zwei Jahren schrieb ich an dieses Stelle nieder, wie ich wann welche Medien nutze. Seitdem hat sich einiges verändert, sodass es Zeit ist für eine Revision.

Höhlenmalereien in der Cueva de las Manos, Río Pinturas, Argentinien
Höhlenmalereien in der Cueva de las Manos, Río Pinturas, Argentinien. Fotograf: Reinhard Jahn. Angebliche Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE.

Noch vor zwei Jahren las ich jeden Morgen die Zeitung in Form der FR App. Das habe ich mittlerweile fast komplett eingestellt. Wir haben zwar die FR App noch abonniert und die Dame liest sie auch noch täglich, aber ich fast gar nicht mehr. An die Stelle der FR App ist mein Feedreader getreten, in dem ich zur Zeit um die 70 Blogs und andere Quellen abonniert habe und den ich morgens meist als erstes öffne. Halt, stimmt gar nicht. Eigentlich checke ich erst Mails, Twitter-Interaktionen und Statusmeldungen auf Facebook. Aber neue Infos kommen dann über den Feedreader. Meine Lieblingsblogs sind derzeit wirres.net, Frau Haessy schreibt (ehemals Orbis Caudiae) und die Existential Comics.

Twitter kommt bei mir von allen Sozialen Netzwerken noch immer am häufigsten zum Einsatz, wann immer sich die Gelegenheit ergibt. Facebook nutze ich fast ausschließlich um mit Offlinern zu kommunizieren. Mein Facebooknewsfeed ist atemberaubend langweilig, was meines Erachtens daran liegt, dass FBs Algorithmus kaputt ist. Alle 2-3 Tage schaue ich mal bei App.net rein, da ich dort aber nur den Kostenlosaccount habe, folge ich auch nur 40 Menschen und alles ist sehr gemächlich. Ansonsten habe ich noch Accounts bei Google+ (was ich gar nicht nutze) und Tumblr (was ich gerne mehr nutzen würde, aber keinen Zugang finde), Ask.fm (wo mir nie jemand Fragen stellt) und Instagram, wo ich etwa einmal in der Woche reingucke.

Papyrus.jpg
"Papyrus". Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

Zum Kindergarten fahren wir mit der S-Bahn, da wir innerhalb Frankfurts umgezogen sind. Auf der Hinfahrt lesen wir dann meist gemeinsam ein Buch, zurzeit Der kleine Ritter Trenk* von Kirsten Boie. Wenn ich das Buch vergessen habe, erzähle ich ihr den Herrn der Ringe* nach (schon zum zweiten Mal). Auf der Rückfahrt habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, meinen Podcast Spätfilm vorzubereiten, indem ich unzählige Artikel über den jeweiligen Film lese, den die Dame und ich als nächstes besprechen. Die Artikel recherchiere ich zunächst, dann speichere ich sie in Pocket und meine Notizen mache ich mit Evernote. In Evernote speichere ich auch alle Blogpostideen und -entwürfe.

Auf dem Weg zur Arbeit, steige ich dann auf mein Rad um und höre Podcasts. Derzeit habe ich stolze 81 Podcasts in meinem Podcatcher, die Zahl wird sich aber wieder reduzieren, da ich kürzlich alle (außer den Strickcasts) Podcasts aus Nele Heises Liste „Frauen machen Podcasts“ abonniert habe und gerade wieder aussortiere (Da ist teilweise schon abgefahrener Trash dabei, was ich gut finde, denn jeder Podcast findet seine Hörerinnen, aber ich muss ja nicht alles hören…) Meine Lieblingspodcasts sind derzeit:

Girl listening to radio.gif
"Girl listening to radio" by Franklin D. Roosevelt Library Public Domain Photographs. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

anyca.st, einer dieser berühmten Laberpodcasts, Logbuch: Netzpolitik, dessen Name Programm ist, Second Unit, der Filme bespricht,Vorgedacht (über Philosophie) und Vorzeiten (über Geschichte) und zwanzichfuffzehn (über Fernsehserien). Neu entdeckt habe ich Ein Mops kam in die Küche, ein Labercast, bei dem ich neulich einen so großen Lachanfall bekam, als ich ihn abends zum Einschlafen hörte, dass die Dame sich ernsthaft beschwerte…

Meine Bibliotheksbesuche haben sich massiv reduziert und mit ihnen mein Konsum von Hörbüchern. Ich habe die Hunger Games Trilogie* (krasses Finale!) vor einiger Zeit beim Einschlafen gehört, aber sonst kaum etwas. Filme leihe ich gar nicht mehr aus, da ich mittlerweile Watchever abonniert habe, was etwa 80% meines Fernsehkonsums abdeckt. Gelegentlich leihe ich mal einen Film bei iTunes, aber bei unserem Apple TV* bricht allzu oft die Verbindung ab und entgegen der Vertragsregelung, habe ich dann keine Möglichkeit, den Film weiterzugucken, ohne ihn erneut zu bezahlen. -.-

Fotothek df roe-neg 0006490 019 Kamera
Deutsche Fotothek‎ [CC-BY-SA-3.0-de]

Der letzte Film, den ich sah, war Roland Emmerichs 2012 (absoluter Trash, aber ich hatte auch nichts anderes erwartet…). Ich gehöre auch zu diesen Serien-Binge-Watchern. Allein schaue ich noch einmal die Sopranos und zusammen mit der Dame Star Trek: Voyager. Echtes Fernsehen schaue ich eigentlich gar nicht mehr, einzige Ausnahme bildet hier Fußball. Außerdem habe ich mittlerweile etwa 45 YouTube-Kanäle abonniert, von denen ich am liebsten CinemaSins und John Oliver sehe.

Radio höre ich eigentlich gar nicht mehr und da wir unser Auto verkauft haben, bleiben mir meist auch die Kinderhörspiele erspart. Leider lese ich auch viel zu selten Bücher, da ich meist irgendwas in diesem Internet lese. Auf meinem Nachttisch liegt seit Ewigkeiten Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde*. Weil ich unbedingt wieder mehr Bücher lesen will, ist nun auch noch Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt, was mir sehr viel Spaß macht!

Gutenberg Bible.jpg
"Gutenberg Bible". Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Nachrichten konsumiere ich unregelmäßig und meist über SpOn, FR Online (für Lokales) und Rivva. Hearthstone ist derzeit das Computerspiel meiner Wahl, wenn ich mal eine Viertelstunde zuviel Zeit habe. Musik höre ich derzeit auch eher wenig, mein letztes neues Album war AM von den Arctic Monkeys*. Soweit, so medial. Schalten Sie auch in zwei Jahren wieder ein…

 

*hinterhältige Affili-Links: Wenn ihr den Artikel kauft, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich…

Der Xavier, der darf das – Neue Sophismen braucht das Land

Ach es gäbe so viel für mich zu tun, zum Beispiel stundenlang eine Neugeborene angucken, aber statt dessen muss ich bloggen. Warum? Weil mir da so ein Ding mit der Sprache aufgefallen ist. Und die Sprache, das wissen Sie, ist mein Ding. Alles fing an mit Xavier Naidoo…

Xavier Naidoo hat wohl rechten Verschwörerblödsinn auf einer der montaglichen Versammlungen der rechten Verschwörer von sich gegeben. Das ganze hat Georg Diez, seines Zeichens Kolumnist bei SpOn, angeprangert. Diez’ wichtigster Punkt ist übrigens:

“Und so ist Xavier Naidoo eben auch ein Beispiel dafür, wie sich Gedanken des christlichen und sonstigen Fundamentalismus in den Mainstream schleichen und wie sie sich dort verbreiten“

Georg Diez: Xavier Naidoos rechte Thesen: Vom Popstar zum Populisten

Das fand jetzt aber Horst Schulte, erklärter Naidoo-Fan, nicht so knorke und hat sich zu einer Verteidigung von Naidoo aufgeschwungen, die keiner braucht (wie er selbst schreibt). So weit, so belanglos. Aber wie Schulte für Naidoo spricht, das war für mich dann doch belangvoll. Denn der Blogpost quillt geradezu über von Sophismen, wie ich sie gerne nenne: rhetorischen Figuren des unlauteren Argumentierens. Und das ist ja, wie gesagt, mein Ding.

Von der Umdeutung zum Überlegenheitsargument

Diese Sophismen finden sich schon in Schultes Einleitung:

“Ich bin ein Fan von Xavier Naidoo und tue mich schwer damit, auf diesen Artikel eine adäquate Antwort zu geben. Ich weiß nämlich schon im voraus wie die, die ihn nicht mögen und denen er allein wegen seiner Herkunft ein Dorn im Auge ist, darauf reagieren werden.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Was will uns der Autor hier sagen? Das ist nicht die Frage. Sondern: wie sagt er es uns? Schulte macht vor allem eines: Er sichert sich zunächst einmal ab. Klar, ist ja schon so ein bisschen kritisch wenn man Partei für rechte Thesen ergreift. Also fängt er mit einem Psychologismus an: Wenn ihr Naidoo kritisiert, dann hat das nichts mit dem Inhalt seiner Aussagen zu tun, sondern liegt daran, dass ihr ihn eh noch nie leiden konntet. Das ergänzt Schulte dann noch um eine Umdeutung: Außerdem hat er einen Migrationshintergrund, wenn ihr also nicht seinen rechten Thesen zustimmt, dann seid ihr die eigentlichen Nazis…

Der Xavier, der ist nämlich Christ, wissen Sie? Klar wissen Sie das, wenn Sie in den letzten 15 Jahren nur einmal ein Radio eingeschaltet haben. Aber was Sie nicht wissen, ist, dass der Xavier “nichts anderes“ (Schulte) will als sich quasi dialektisch mit seinem Christentum auseinanderusetzen, wenn da dann Menschenverachtendes hinten rausfällt, ist das ja schließlich nicht seine Schuld. Doch genug der Polemik. Denn Schulte versucht als nächtes Diez’ Argumentation zu schwächen, indem er ihm vorwirft, dass der Spiegel-Kolumnist sich nicht mit den Texten des Sängers auseinandergesetzt habe, sondern als Intellektueller wohl lieber in die Oper gehe.

Das ist zunächst einmal inhaltliche falsch, weil Diez in gut einem Drittel seiner Kolumne auf Naidoos Texte eingeht. Aber vor allem benutzt Schulte hier eine eigentümliche Variante des Überlegenheitsarguments. Normalerweise geht dieses Argument eher so, dass man seinem Kontrahenten eine Kompetenz abspricht weil er oder sie XY nicht gelesen habe oder z nicht studiert. Schulte meint nun aber, weil Diez zu intellektuell sei, habe er Naidoo nicht hören wollen, sondern lieber Opern, deshalb könne Diez gar nicht beurteilen, was Naidoo auf einer Demo so von sich gebe. Ja, nee, is klar…

Gehen wir weiter im Text: Etwas redundant verwendet Schulte das Überlegenheitsargument noch einmal in einer Variation. Der Naidoo, der ist nämlich Künstler und deshalb darf er das sagen, was er gesagt hat. Klar. Quasi ontologisch. Allein, oh weh, der Naidoo, der hat ein Problem, er ist nämlich nicht links. Denn nur linke Künstler dürfen das. Das ist rhetorisch nicht so spannend, denn hier haben wir schlicht eine Verschwörungstheorie. Und zwar die beliebte Verschwörungstheorie von den grün-linken Massenmedien. Dass die auflagenstärkste Zeitung in Deutschland nun nicht gerade durch linke Thesen auffällt, wird dabei gerne unterschlagen. Egal, ist ja für die gute Sache, also für den Xavier.

Als nächstes Versucht es Schulte mit dem Nullsummenargument. Das habe ich bislang noch nicht näher beleuchtet und hole das gerne nach:

Das Nullsummenargument

Das Nullsummenargument rechtfertigt ein Unrecht mit einem anderen. Wenn der Mensch, den ich beklaut habe, ein schlechter Mensch war, dann habe ich ja quasi nichts Schlechtes gemacht. Dass meine Tat trotzdem moralisch nicht makellos war, weil die Moral der anderen nichts über meine eigene Moral aussagt, wird unter den Tisch fallen gelassen. In Debatten wird das Nullsummenargument gerne so verwendet, dass angeführt wird, weil Sachverhalt 1 auch scheiße ist, darf man Sachverhalt 2 nicht kritisieren. Du bist Vegetarierin aus ethischen Gründen? Dennoch trägst du Baumwollkleidung, obwohl die Pestizide, die bei der Herstellung eingesetzt werden, die Natur kaputt machen? Dann hast du auch kein Recht Vegetarierin zu sein…

In Schultes Variante ist das dann:

„Konstantin Wecker hat gerade auf seiner Facebook-Seite ein paar Dinge losgelassen, die mir überhaupt nicht gefallen haben. Seltsam, dass man darüber von Herrn Diez nichts lesen konnte.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Ja gut, in Hintertupfingen sagte der Hugo am Stammtisch auch, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, hat der pöse, pöse Diez auch nicht drüber geschrieben.. Merkta selbst, wa?

Schulte stört sich ferner nicht an seiner eigenen Widersprüchlichkeit, wenn er Diez als nächstes dafür kritisiert, dass Diez Naidoos Texte kritisiert. Was jetzt? Interessiert sich Diez nicht für die Texte oder doch? Egal. Denn spannend ist, dass der Xavier „Text“ schreibt, der Georg hingegen ein „Textchen“. Der Diminutiv verdeutlicht der unwissendenen Leserin sofort, wessen Werk hier von Bedeutung ist und wessen nicht.

Und Herr Diez dürfe sowieso nicht den Herrn Naidoo kritisieren, denn das haben andere schon vor ihm getan (Variante des Nullsummenarguments), aber Diez habe das im Elfenbeintum nicht mitbekommen (Erneut das Überlegenheitsargument).

Ich bin kein Verschwörer, aber…

Ich bin kein Rassist, aber...
Ich bin kein Rassist, aber… Grafik von mir.

Jetzt folgt die eigentlich schönste und verschwurbelste Rhetorik in Schultes Text:

“Ich führe Debatten mit Leuten, die steif und fest behaupten, dass das Grundgesetz keine Verfassung und Deutschland kein souveräner Staat sei. Ich halte überzeugt dagegen, weil ich weiß, dass das falsch ist! Leider tut unsere Regierung allerdings auch alles dafür, dass solche Gedanken von immer mehr Leuten unterstützt werden. Das finde ich schlimm.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Das ist das berühmte „Ich bin kein Rassist, aber…“-Argument (natürlich rede ich nur über die Form und nicht über den Inhalt…). Schulte sichert sich zunächst ab, er selbst ist kein Verschwörungstheoretiker, weil er ja selbst auch schon mal an einem Dienstag vor neuneinhalb Jahren gegen eine Verschwörungstheorie argumentativ aufmarschierte. Aber, oh weh! Unsere Regierung, die ist schuld! Die macht uns zu Verschwörungstheoretikern, obwohl wir keine sind.

Damit schließt Herr Schulte dann auch: Die Politker ™, die müsse man mal kritisieren, denn die sind die Bösen. Der Xavier Naidoo hingegen, der ist nicht böse:

“Dabei versucht dieser mit seinen Mitteln Dinge zu reflektieren, die in der Tat ausgesprochen kritisch gesehen werden in unserer Gesellschaft.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Mal ganz davon abgesehen, dass Schulte hier Xavier Naidoo gewissermaßen als „minderbemittelt“ darstellt, so unterstreicht dieser Satz noch einmal, dass Schulte anscheinend inhaltlich mit Naidoo übereinstimmt…

Schulte endet noch einmal mit einem belanglosen, „andere dürfen das doch auch, also lasst halt den Xavier in Ruhe…“ Aber diese beiden Abschnitte davor, die sind die eigentlich spannenden und waren auch Auslöser für meinen Blogpost. Denn sie verdeutlichen das Sophistische an Horst Schultes Text: Schulte scheint inhaltlich mit Naidoo (partiell) übereinzustimmen, aber anstatt inhaltlich zu argumentieren und Diez so zu wiederlegen, greift er lieber Diez auf der Metaebene an, indem er versucht in Misskredit zu bringen, was der Spiegel-Koulmnist sagt. Und das ist ein Sophismus aller erster Güte, der es Wert war, hier besprochen zu werden. Chapeau, Herr Schulte!

Kommissar Potter ermittelt gegen den Erben Slytherins

Ein halbes Jahr ist vergangen und meine Tochter (mittlerweile 7) und ich haben uns dem zweiten Potter-Band gewidmet: Harry Potter und die Kammer des Schreckens*. Er war spannend, so spannend, dass ich nach der Versteinerung von Justin Finch-Fletchley nicht mehr abends sondern nur noch tagsüber vorlesen durfte.

The Making of Harry Potter 29-05-2012 von Karen Roe. Lizenz: CC BY 2.0.
The Making of Harry Potter 29-05-2012 von Karen Roe. Lizenz: CC BY 2.0.

 

Kein Abenteuer- sondern ein Kriminalroman

HPs zweites Abenteuer wird allgemein als schwächster Band der Reihe angesehen. Zum Beispiel hier auf Goodreads, wenn auch auf unglaublich hohem Niveau. Das ist eine Meinung, die ich nicht teilen kann. Ich finde ihn um einiges besser als den ersten Band. Zwar hat er wieder einige Schwächen im Plott aber insgesamt ist die Geschichte aus einem Guss, Rowling findet ihren Stil, indem Sie uns mit einer Fülle von epischen Vorausdeutungen vor der Nase herumwedelt, sodass wir, wenn wir dann endlich die Lösung kennen uns wundern, wie wir sie übersehen konnten.

„Was bedeutet das, Albus?“, fragte Professor McGonagall ängstlich.
“Es heißt“, sagte Dumbledore, „dass die Kammer des Schreckens tatsächlich wieder offen ist.“
Madam Pomfrey schlug sich die Hand gegen den Mund.
Professor McGonagall starrte Dumbledore an.
„Aber Albus … wer?“
„Die Frage ist nicht, wer“, sagte Dumbledore, die Augen auf Colin gerichtet. „Die Frage ist, wie …”

Außerdem lernen wir das Leitmotiv von Rowling kennen und wir werden weiter in das große Mysterium des Zyklus’ eingeweiht.

Ich glaube sogar die Antwort auf die Frage zu kennen, warum der Band eher schlechter bewertet wird: Er hat ein anderes Genre als die sechs anderen Bücher. Die Kammer des Shreckens ist im Grunde kein Abenteuer- sondern ein Kriminalroman, mitsamt Indizienbeweisen, falschen Verdächtigen und einem Geständnis. Aber der Reihe nach…

Spoiler Alert

Ja, ich werde spoilern. Das Buch ist 16 Jahre alt, wenn du es bisher nicht gelesen hast, dann wirst du es auch in Zukunft nicht tun. Außerdem werde ich teilweise auch spoilern, was in den folgenden Bänden noch passiert.

Das Mysterium entwickelt sich

Wir bekommen neue Zutaten der Zaubererwelt, die uns in den kommenden Bänden weiter begleiten werden. Die Nokturngasse, das Flohpulver, die peitschende Weide, Squibs, der Vielsaft-Trank, Parsel, Dumbledores Büro, den ZAG (OWL), Askaban und Gryffindors Schwert sind alles Elemente, die im weiteren Verlauf der Saga noch eine größere oder kleinere Rolle spielen werden und die in diesem Band eingeführt werden.

Vor allem bekommt aber Harry sein Markenzeichen. Den einen Zauberspruch, der ihn definieren wird und mit dem er am Ende auch „Du weißt schon wen“ ausschaltet. Und er lernt ihn ausgerechnet von Snape:

„Beide schwangen ihre Zauberstäbe über die Schultern; Snape rief: „Expelliarmus!” Ein blenden scharlachroter Blitz riss Lockhart von den Füßen“

Das Buch fängt mit viel Redundanz an, man merkt, dass Frau Rowling noch nicht komplett das große Ganze im Auge hat, nicht damit rechnet, dass eines Tages mal alle ihre Bücher hintereinander gelesen werden. So wiederholt sie viel, was wir bereits im ersten Buch erfuhren, schreibt also nicht eine “reinblütige” Fortsetzung, sondern ein Buch, das man auch lesen könnte, ohne das erste zu kennen.

Die Vollhonk-Stieffamilie

Hier zeigen sich auch einige Schwächen, so zum Beispiel, wenn die Dursleys ihren Kindesmissbrauch so sehr auf die Spitze treiben, dass sie Harry schließlich als Gefangenen halten, sodass Harry aus seinem Verließ ausbrechen muss. Ich frage mich allen Ernstes, warum Harry so gleichmütig am Ende des Buches zu diesen Unmenschen zurückkehrt und warum alle Freunde und Förderer des kleinen Scarface’ ihn auch gehen lassen, ohne diese Vollhonk-Stieffamilie wenigstens mal zur Rede zu stellen. Klar weiß ich, dass Rowling im weiteren Verlauf der Reihe uns erzählt, warum Harry immer wieder zurück muss, aber jetzt tut sie dies eben nicht. Daher ist es ziemlich befremdlich, dass der arme Tropf am Ende wieder in seinen Knast muss…

Genauso beginnt das Thema Schulrauswurf zu nerven. Ey joa, wir haben’s kapiert: In Hogwarts gibt es viele Regeln und der freche kleine Harry bricht die gerne, obwohl das für ihn gefährlich ist. Können wir das Thema jetzt als beendet erklären? Nein? Oh…

Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass es sich bei der Kammer des Schreckens um ein Kinderbuch handelt, denn einige Dinge, die mich stören, begeistern Kinder sicherlich. So etwa die immerzu unanständig überladenen Tische:

„Die vier langen Haustische unter der magischen Decke (heute in wolkig trübem Grau) ächzten unter ihrer Last aus Schüsseln mit Haferbrei, Platten voll geräuchertem Hering, Tellern mit Eiern und Schinken und Bergen von Toastbrot“

Eigentlich müssten alle Schüler in Howarts adipös sein. Aber aus irgendeinem, wahrscheinlich magischen Grund frühstücken unsere Helde sowieso immer nur Haferbrei. HAFERBREI? WTF?! Eier mit Schinken auf Toast, was anderes käm mir nicht auf den Teller! Vor allem nicht Kleisterersatz…

Reactiongif: Ungläubigkeit

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Löcher im Plott

Aber wo ich gerade bei Plottlöchern bin, mache ich da doch auch gleich weiter:

Da wäre zunächst einmal die Geschichte mit dem Heuler. Ron muss diesen sofort öffnen, weil es sonst „schrecklich“ enden würde. Mal davon abgesehen, dass ich die Erziehungsmethode, das eigene Kind vor der versammelten Schule am Frühstückstisch derart zur Schnecke zu machen, fragwürdig finde … Kein Wunder, dass der arme Ron später dann noch Schnecken kotzt … Wie könnte es denn bitte noch schlimmer werden? Wird der Brief gewaltätig? Ich meine, hätte Ron sich das Ding nicht einfach schnappen können, die paar Schritte vor die Tür gehen können und den Brief sich in aller Ruhe ausschreien lassen? Ein typischer Fall von: Das geht nicht, weil es die Autorin nicht wollte.

Die nächste Sache ist Rons Zauberstab. Wie kann die Schule nur so unverantwortlich sein, den armen Jungen die ganze Zeit mit dem kaputten Ding zaubern zu lassen? Hallo? Eine Schule, in deren Unterricht fast nichts anderes gemacht wird, als mit dem Zauberstab zu wedeln, stört sich nicht daran, dass ausgerechnet der Stab eines Schülers kaputt ist? Ein Glück für Ron, dass in diesem Jahr die Prüfungen ausfielen…

Und wo wir schon bei der Verantwortungslosigkeit der Lehrer sind: In der Schule treibt mutmaßlich ein Mörder sein Unwesen, und was machen die Lehrer? Schließen sie die Schule? Schicken sie die Schüler nach Hause? Nein! Sie bringen den Schülern Duellieren bei. Grandiose Idee!

Reactiongif: Yay!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Diese Schule ist sowieso ein recht merkwürdiger Ort. An ihr wird zum Beispiel nicht sehr viel von Ethik gehalten. Ständig werden irgendwelche Tiere in Gegenstände verwandelt. An dem Auto der Weasleys sieht man zudem, dass magische „Wesen“ ein Bewusstsein haben, aber dennoch werden sie zerschnitten und geschmort:

Madam Pomfrey konnte erfreut berichten, dass die Alraunen launisch und geheimnistuerisch wurden, was hieß, dass sie die Kindheit nun rasch hinter sich ließen.
„Sobald ihre Akne zurückgeht, kann man sie wieder eintopfen“, hörte Harry sie eines Nachmittags mit freundlicher Stimme Filch erklären. „Und danach dauert es nicht mehr lange, bis wir sie zerschneiden und schmoren…“

Dann ist da Harrys Mantel… Der, der unsichtbar macht. Allerdings scheinen die Protagonisten das bis zur Hälfte des Buches vergessen zu haben, sodass alle möglichen Plottpoints nur deshalb welche sind, weil sie den Mantel nicht einsetzen. So zum Beispiel der Diebstahl der Zutaten für den Vielsaft-Trank. Da wird so viel Geschiss drum gemacht, wie unsere Helden ungesehen an Snapes Vorrat kommen. Tja, wenn sie nur etwas hätten, das ihnen dabei helfen könnte … ZUM BEISPIEL EINEN MANTEL, DER UNSICHTBAR MACHT!!!111einself

Reactiongif: Oh shit!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Klar muss auch Dumbledore mal wieder aus dem Weg geschafft werden. Wie beim ersten Band besteht eben das Superheldenproblem: Dumbledore ist so mächtig und so schlau, dass er den Fall eigentlich alleine lösen müsste. Wie können wir das verhindern? Wir wollen ja schließlich, dass Harry unser Held wird. Na, wir entlassen Dumbledore mal eben. Weil die Kinder in Hogwarts bestimmt sicherer sind, wenn der mächtigste lebende Zauberer sie nicht länger beschützen kann …

Beim Lösen des Falls kann Harry dann aber auf eine versteinerte Hermine ex machina zurückgreifen:

Doch Harry sah nicht auf Hermines Gesicht. Er war mehr an ihrer rechten Hand interessiert. Sie lag zusammengeballt auf der Bettdecke, und als er sich über sie beugte, sah er, dass Hermine ein zerknülltes Stück Papier in der Faust hielt.

Mal ganz davon abgesehen, dass die pedantische Hermine plötzlich kein Problem damit hat, eine Seite aus einem Buch zu reißen, wenn es für den Plott wichtig ist … Findet in dieser Schule eigentlich überhaupt keine Ermittlung statt? Sorry, aber da wurden vier Kinder, ein Geist und eine Katze versteinert und keiner außer Harry kommt auf die Idee mal Beweise zu sichern?

Kriminalaufklärung ist eben nicht die Sache der Zaubererwelt, wie man schon am letzten Mal sieht, als die Kammer des Schreckens geöffnet wurde. Vor 50 Jahren starb sogar ein Mädchen, dennoch hielt man es anscheinend nicht für nötig, den Tatort zu inspizieren:

„Und dann stutzte Harry: An der Seite eines der kupfernen Wasserhähne war eine winzige Schlange eingekratzt.
„Der Hahn hat nie funktioniert“, sagte Myrte munter …

Srsly? Wie viele hundert Jahre gibt es Howarts schon? Und nie hat jemand versucht diesen Wasserhahn zu reparieren, der nicht funktioniert? Und nie hat er oder sie dabei festgestellt, dass da der Eingang zur Kammer des Schreckens ist?

Reactiongif: Staunen

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Chekhov’s Myrte

Harrys winkeladvokatischen Sockentrick um Dobby zu befreien lasse ich jetzt mal komplett unkommentiert und komme endlich zu den guten Seiten des Buches, indem ich mich noch einmal der maulenden Myrte zuwende: Von allen Hinweisen, die uns Rowling zur Lösung des Falles gibt, ist Myrte der schönste! Eine Chekhov’s Gun, wie sie im Buche steht. Oder besser gesagt: ein Chekhov’s Gag. Denn wir denken die ganze Zeit, dass sie uns nur als ein weiteres schrulliges Detail, als ein weiterer Lacher in die Geschichte eingeführt wurde. Doch im großen Finale wird sie zum Schlüssel für die Lösung des Falls. Das ist großer Sport, Frau Rowling, chapeau!

Rassismus-Allegorie und die richtige Entscheidung

Genauso gefällt mir, wie unser Antagonist hier endlich Kontur gewinnt. Im ersten Band war Voldemort schlicht böse. Mehr erfuhren wir nicht. Jetzt bekommen wir eine Origin Story, lernen den bürgerlichen Namen Tom Riddle kennen und bekommen erstmals die Rassismus-Allegorie präsentiert. Die Lehre von „reinblütigen Zauberern“ liefert uns eine realistische Motivation für Voldemorts Taten und macht so einen Schritt aus dem einfachen Kinderbuch hinaus in die Richtung, in die sich die Reihe noch entwickeln wird. Nicht zuletzt bekommen wir auch die Horkrux-Geschichte erstmals angeteasert:

„Du kannst Parsel, Harry“, sagte Dumbledore ruhig, „weil Lord Voldemort, der tatsächlich der letzte Nachfahre von Salazar Slytherin ist, Parsel sprechen kann. Und wenn ich mich nicht irre, hat er in jener Nacht, als er dir die Narbe zugefügt hat, einige seiner eigenen Kräfte auf dich übertragen … nicht dass er es beabsichtigt hätte, da bin ich mir sicher …“

Im Rahmen unserer Heldenreise ist Harry am Punkt der Refusal: Er will sein Schicksal als Held nicht annehmen, er zweifelt, überlegt, ob er nicht doch der Böse ist. Er hört Stimmen, ist eigentlich ein halber Slytherin und auch sonst ähnelt er diesem schrecklichen Voldemort sehr:

Ich hab mich gewundert, weißt du. Schließlich gibt es merkwürdige Ähnlichkeiten zwischen uns. Selbst du musst das bemerkt haben. Beide Halbbütige, Waisen, von Muggeln aufgezogen. Wahrscheinlich die einzigen Parselzungen, die seit dem großen Slytherin nach Hogwarts kamen. Wir sehen uns sogar ein wenig ähnlich …

… erkennt sogar Tom Riddle. Doch am Ende kriegt Harry dann die Kurve, weil er sich dafür entscheidet, der Held zu sein und damit etabliert Joanne K. Rowling ihr Leitmotiv. Denn wie Dierk Haasis mal schön erleuterte, dreht sich bei der Potterreihe alles darum die richtigen Entscheidungen zu fällen:

„Genau“, sagte Dumbledore und strahlte abermals, „Und das heißt, du bist ganz anders als Tom Riddle, Harry. Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind.”

Reactiongif: that's right!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Literatur

J. K. Rowling: Harry Potter und die Kammer des Schreckens*

*Hinterhältiger Affili-Link: Kauft ihr das Buch, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich.

Meine neue Lieblings-Kinderbuch-Autorin: Kirsten Boie

von Paula Hesse

[Gerade erst hatte ich angekündigt, mal ein Stück über Kirsten Boie zu schreiben. Dann habe ich es mir anders überlegt, und die Dame schreiben lassen, die das sowieso viel besser kann. Da sie sich nach wie vor standhaft weigert, ein eigenes Blog anzulegen, schreibt sie für mich einen Gastbeitrag. Ihren Twitteraccount darf ich auch nicht verlinken, denn der ist geheim. Aber ihren Podcast findet ihr hier. (Privatsprache)]

Mit dem Kind wächst die Freude am Vorlesen

Seit der Geburt meiner ersten Tochter vor etwa sieben Jahren bin ich von der Leserin zur Vorleserin geworden. Mit Pixi-Büchern fing es an; darunter gibt es gute und weniger gute. Wie freute ich mich, als durch das Voranschreiten der kognitiven Entwicklung meiner Tochter auch das Niveau der Lektüre stieg. Von Daniel Napps „Dr. Brumm“ über Gunilla Bergströms „Willi Wiberg“ kletterten wir höher zu Sven Nordqvists „Pettersson und Findus“ und „Mama Muh“. Bilderbücher, die auch Erwachsenen Spaß machen. Am schönsten war natürlich, als wir bei ganzen Romanen anlangten, wie sie Astrid Lindgren und Erich Kästner schrieben.

Schund im Kinderbuchregal – Verkaufsstrategie vor Niveau

Doch Kinderbücher mit literarischem Anspruch sind nicht leicht zu finden. Viel Schund findet sich in den Regalen der Kinderbuchabteilungen; viel zu viele Menschen schreiben Kinderbücher in der Annahme, bunte, glitzernde Bilder, einfache Sätze und die Darstellung von Banalitäten oder irgendwelchen Zaubereien reichten aus, um Kinder glücklich zu machen.

Da ist sicherlich etwas dran, denn immerhin haben es unzählige Kinderbuchhelden zu Merchandise-Erfolgen gebracht. Jedoch tummeln sich dort (zum Beispiel bei den „Prinzessin Lillifee“- und „Ponyfee“-Geschichten) Inkonsistenzen, unschöner Sprachstil und Moralappelle, die mit dem Holzhammer ausgeteilt werden. Kurzum: Viele dieser Geschichten sind einfach plump und machen auch dem kindlichen Rezipienten wenig Spaß. Erschwerend kommt hinzu, dass vor allem die erfolgreichen Kinderbuchserien getragen werden vom auffälligsten und unangenehmsten Sexismus (siehe „Prinzessin Lillifee“ und „Capt’n Sharky“).

Fluchtversuch zwecklos

Ich kenne die rosafarbenen dieser Geschichten, weil meine Tochter in der Bücherei selbstverständlich auch zu den glitzernden Büchern greift, deren Protagonistinnen immer und überall zu sehen sind. Und weil sie immer wieder von weniger interessierten oder informierten, es gut meinenden Menschen ebensolche Bücher geschenkt bekommt.

Da ich grundsätzlich niemals Bücher zerstören und meiner Tochter Geschenktes nicht entreißen würde, sind diese Geschichten auch in unserer Wohnung zu finden, und – obwohl höchstens einmal gelesen – ich hasse sie.

Erfolgreiche Schatzsuche im Bücherregal

Denn zwischen all den belanglosen und unsere Kinder zu „Weibchen“ und „Männchen“ ohne Hirn degradierenden Kinderbüchern gibt es auch welche, die von guten Schriftstellern verfasst wurden. Bücher, die tatsächlich bilden und Freude bereiten. Die oben erwähnten – nicht ohne Grund bekannten – Autoren Erich Kästner und Astrid Lindgren sind zum Glück nicht die einzigen. Nein, auch heute noch gibt es Schriftsteller, die ihre Begabung Kindern widmen.

Kirsten Boies echte Menschen

Und der hellste Stern am Firmament ist für mich Kirsten Boie. Sie schafft es, sowohl stringente phantastische Geschichten zu erfinden als auch Geschichten aus dem normalen Leben zu schreiben. Bei ihr werden Rollenklischees durchbrochen, sie geht geradezu aufklärerisch an sie heran. Ihre Kinderhelden haben schon mal genervte Eltern, ärgern sich über Schulfreunde und leben nicht in Schlössern, sondern in Hochhäusern und Vorstadtsiedlungen. Boies Chraraktere sind nicht nur liebevoll gezeichnet, sondern vor allem eines: echt. Sie denken, fühlen und handeln wie reale Menschen, es gibt zwischenmenschliche Probleme und Missverständnisse, die nachvollziehbar sind. Hier finden sich Mädchen, die sich unbewusst mit weiblicher Emanzipation auseinandersetzen, gescheiterte Elternbeziehungen und auch finanzielle Probleme.

Prinzessinen sind doof

In der Reihe „Prinzessin Rosenblüte“ zum Beispiel wird Emma zusammen mit einem tollpatschigen Schulkameraden aus der normalen Welt in eine Märchenwelt versetzt, in der sie als Retterin der Prinzessin fungiert. Dabei geht Emma Prinzessin Rosenblüte mit ihrer prinzessinnen-eigenen Naivität und Inaktivität schon bald auf die Nerven. Wer möchte da Prinzessin sein? Auch unseren Töchtern, selbst im 21. Jahrhundert, wird suggeriert, sie müssten hübsch und brav sein. Die sportliche Emma räumt mit dem Klischee auf: Einerseits findet sie das rosa Prinzessinnen-Kleid toll, andererseits durchschaut sie bald die Eindimensionalität des Prinzessinnen-Daseins.

Jenseits der heilen Welt

Die kleine Nella aus „Nella-Propella“ wohnt alleine mit ihrer Mutter, die noch studiert. Ihre Eltern haben sich getrennt, und Nella sieht ihren Vater einmal in der Woche. Nellas Mutter hat immer wieder Probleme, nach dem Kindergarten eine Betreuung für Nella zu organisieren, wenn sie zum Seminar oder zur Sprechstunde beim Professor muss. Dazu kommen finanzielle Sorgen und Nellas Misstrauen gegenüber dem neuen Freund der Mutter. Es ist eine Familie fernab der heilen „Vater-Mutter-Kind-Welt“, die scheinbar nebenher aus der Sicht des Kindes nachgezeichnet wird. Nellas Hauptprobleme sind nämlich ihre Freundschaftsbeziehungen im Kindergarten. Frau Boie zeigt deutlich, dass eine glückliche Kindheit nicht aus perfekten Eltern, dem eigenen Haus und Auto besteht, wie es uns zum Beispiel die „Conni“-Bücher weismachen wollen.

Emanzipierte Kinder im Mittelalter

„Der kleine Ritter Trenk“ ist eigentlich ein Bauernjunge, der seinen Vater und seine Familie vor dem bösen Ritter Wertold retten möchte. Er verlässt heimlich seine Familie und zieht in die Stadt, um dort nach einem Jahr quasi automatisch von der Leibeigenschaft befreit zu werden. Durch Zufall bekommt er die Gelegenheit, die Rolle des ängstlichen Rittersohns Zink als Page bei dessen Onkel anzunehmen. Trenk führt ein Doppelleben, um dem Grundsatz: „Als Bauer geboren, als Bauer gestorben, Bauer ein Leben lang“ zu entgehen. Dabei schlägt er sich recht gut und zieht das Wohlwollen seines falschen Onkels und des Fürsten auf sich. Unterstützt wird er dabei tatkräftig von der Tochter seines „Zieh“-Onkels, die ebenfalls ein Doppelleben führt. Ihrem Vater macht sie vor, sich ausschließlich mit Suppe kochen, Harfe spielen und Sticken zu beschäftigen, während sie in Wahrheit alleine durch den Wald streift und sich selbst zu einer hervorragenden Erbsenschleuder-Schützin ausgebildet hat. Wir sehen zwei Kinder, die gegen festgefügte gesellschaftliche Zwänge aufbegehren und lernen dabei viel über das Mittelalter.

Höchstes Niveau bei Alltagsgeschichten und Fantasy-Abenteuern

Kirsten Boies Geschichten sind nie langweilig. Im Gegenteil, sogar der Alltag gerät hier zum Abenteuer, wenn eben jene Probleme, vor welche die kindlichen Protagonisten gestellt werden, von diesen gelöst werden müssen. Zudem sind ihre Bücher humorvoll und spannend erzählt. Für den erwachsenen Vorleser oder die Vorleserin gibt es immer wieder etwas zu Schmunzeln, wenn er oder sie die Welt durch die Lektüre wieder durch kindliche Augen sehen kann.

Zu guter Letzt ist noch Kirsten Boies angenehmer Schreibstil hervorzuheben. Sie schreibt luzide, mit kindgerechtem aber nicht verblödendem Wortschatz. Frau Boie schreibt nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche; meine Tochter und ich werden uns also noch länger an ihrer Kunst erfreuen können.

Empfehlungen:

Ich mochte bisher alles, was ich von Kirsten Boie vorgelesen habe. Besonders empfehlen möchte ich aber die Reihen:

Juli* (ab ca. 4 Jahre)
Der kleine Ritter Trenk* (ab ca. 6 Jahre)
Prinzessin Rosenblüte* (ab ca. 8 Jahre)

 

*Hinterhältiger Affili-Link: Wenn ihr das Buch kauft, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich

Heldinnen

Julia Schramm vertwitterte heute diesen Artikel mit sage und schreibe 35 praktischen Tipps für Männer, um die Welt ein bisschen weniger sexistisch zu machen. Die Liste ist lang und es sind einige Augenöffner dabei. Also lest sie! Ich will mich hier mal ein bisschen Punkt 20 auseinandersetzen:

20. Ensure that some of your heroes and role models are women.

Denn der liegt mir nicht nur wegen meiner Tochter (7) am Herzen, der ich gerne und oft vorlese und mit der ich gerne und oft Filme schaue.

Von Disney aufs Glatteis geführt

Mit meiner Tochter (7) spreche ich auch oft über das Gesehene und erkläre ihr, dass ich es nicht gut finde, wenn immer nur der Prinz in schimmernder Rüstung die Prinzessin rettet. Entsprechend fallen mir die Ausnahmen von diesem Klischee auf, wie etwa beim grandiosen Disneyfilm Frozen, der dich sogar noch bewusst aufs Glatteis führt (im wahrsten Sinne des Wortes), da Prinzessin Anna nur durch “einen Akt wahrer Liebe” gerettet werden kann, so die Prophezeihung… Doch Disney baut dann einen raffinierten Twist ein, der dir den sexistischen Spiegel vorhält …

Frozen ist so wertvoll, weil du die starken Mädchen zwischen den Lillyfees und  Connys mit der Scheiße, äh, Schleife im Haar wirklich angestrengt suchen musst! Nicht zu vergessen sind da natürlich auch noch Ronja Räubertochter, die Birk Borkasohn mehr als einmal das Leben rettet und Hermine Granger, die eine zehn Mal bessere Zauberin ist als der auserwählte Potter und ohne die der kleine Wannabe nicht weit gekommen wäre.

Ein ganz eigenes Kapitel sind dann noch die Kinderbücher von Kirsten Boie, über die ich[Edit: Die Dame hat’s getan] demnächst mal einen eigenen Blogpost schreiben werde, denn Frau Boie zeigt, dass Kinderbücher mit Lebensverhältnissen des 21. Jahrhunderts möglich sind!

Actionheldinnen mit dekorativen Kratzern

Für uns Erwachsene sind weibliche Vorbilder in Literatur und Film übrigens genauso schwer zu finden. Beispielsweise stört mich massiv, dass Actionheldinnen immer wie geleckt aussehen in ihren hautengen Overalls. Ihren männlichen Pendants sieht man die Strapazen meist an: Spideys Overall ist im großen Finale eigentlich immer zerrissen, Iron Mans Stahlanzug ist zerkratzt und Bruce Willis zieht in jedem Film irgendwann ein Bein hinterher, nur um dann umso mehr triumphieren zu können. Dem gegenüber haben Lara Croft oder Black Widow (wenn es hoch kommt) mal einen dekorativen Kratzer auf der Wange. Allerdings darf ich euch verkünden, dass es zwei löbliche Ausnahmen gibt: Ripley und Beatrix Kiddo. Beide sind badass und im Laufe ihrer Filme (Alien und Kill Bill) wurde mehr Wert darauf gelegt, dass sie Ihren Antagonisten gepflegt in den Hintern treten, als dass sie selbst dabei aussehen als müssten sie gerade Werbung für Körperpflegeprodukte machen…

Uma Thurman in Kill Bill 2. Copyright: Miramax Films.
Uma Thurman in Kill Bill 2. Copyright: Miramax Films.

Wer ist eure Lieblingsregisseurin?

Bleiben wir noch etwas beim Film, denn der hat ein ganz schön großes Problem. Welches? Dieses: Sagt mir mal, wer eure Lieblingsregisseurin ist… Tja, nicht so leicht, was? Dabei ist der Grund nicht, dass es nicht genug Regisseurinnen gäbe. Kostprobe gefällig?

Feo Aladag, Lexi Alexander, Asia Argento, Dorothy Arzner, Susanne Bier, Kathryn Bigelow, Lizzie Borden, Catherine Breillat, Jane Campion, Niki Caro, Isabel Coixet, Martha Coolidge, Sofia Coppola, Claire Denis, Doris Dörrie, Nora Ephron, Anne Fletcher, Jodie Foster, Marleen Gorris, Alice Guy-Blaché, Catherine Hardwicke, Mary Harron, Amy Heckerling, Nicole Holofcener, Agnès Jaoui, Christine Jeffs, Miranda July, Mimi Leder, Caroline Link, Penny Marshall, Nancy Meyers, Mira Nair, Kimberly Peirce, Natalie Portman, Sally Potter, Lone Scherfig, Susan Seidelman, Adrienne Shelly, Barbra Streisand, Julie Taymor, Margarethe von Trotta oder Lois Weber.

Um nur mal einige zu nennen. Und ja, ich musste lange für diese Liste recherchieren. Aber das liegt sicher nicht daran dass Frauen von Natur aus ™ unbequemer auf dem Regiestuhl sitzen… Meine aktuelle Lieblingsregisserin ist übrigens Sofia Coppola. Jedenfalls haben die Dame und ich beim Spätfilm uns entschieden, wenigstens einen aus zehn Filmen von einer Regisseurin zu besprechen. Das ist zwar viel zu wenig, aber zumindest ein Anfang…

Edit: Paula Hesse hat in einem Gastbeitrag für mich über Kirsten Boie geschrieben. Der Text schließt hervorragend an diesen an.

Hallo Facebook, das ist Flattr!

Hallo Facebook-Community, ich möchte euch heute mal erklären, was Flattr ist und warum ihr es benutzen solltet. Mir ist nämlich aufgefallen, dass Flattr zwar bei dieser sogenannten Netzgemeinde, die sich auf Twitter und/oder App.net rumtreibt, einigermaßen verbreitet ist. Aber ihr, liebe Facebook-Comunity, scheint Flattr überhaupt nicht zu nutzen. Und ich möchte euch mal kurz erklären, warum Flattr gut und wichtig ist und warum ihr es benutzen solltet.

Das ist Flattr:

Flattr this

Warum ist dieses Internet eigentlich so knorke?

Die erste Frage, die ihr euch stellen solltet, lautet: Warum ist dieses Internet eigentlich so knorke? Ich für meinen Teil beantworte die Frage gerne mit: Weil Jede alles zu jeder Zeit und auch noch umsonst finden kann. Und zwar wirklich alles! Willst du zum Beispiel die Information, was eigentlich die Postmoderne ist, schaust du kurz in die Wikipedia und – BAM! – schon weißt du es. Willst du wissen, warum Karla Kolumna keine gute Reporterin ist, schaust du kurz bei juna im netz vorbei und – Zack! – schon weißt du es. Willst du wissen, wie das Ohr aufgebaut ist, dann hörst du mal eben ™ den vier Stunden langen Podcast CRE206 und – BUMM! – schon weißt du es! Oder willst du einfach nur eine Katze einen Backflip machen sehen, dann schaust du dieses Video

und -SCHWUPP! – schon … äh … na, ja, hast du es halt gesehen…

Pöse, pöse Kostenloskultur!

Nun gibt es aber Menschen, die wollen das Internet, so wie es ist, kaputt machen. Sie wollen (auch hierzulande) die Netzneutralität kaputt machen,

Sie wollen Urheberrechtsverletzungen mittels Deep Packet Inspections auf die Spur kommen, sie wollen das Streamen von Serien und Spielfilmen verbieten und sie wollen Suchmaschinen mit einem Leistungsschutzrecht für Suchtreffer bezahlen lassen. All diese Maßnahmen begründen sie oft mit einem Kampfbegriff: Kostenloskultur.

Im Internet herrsche eine Kostenloskultur, jammern sie, eben weil jede alles zu jeder Zeit und auch noch umsonst finden kann. Und das müsse geändert werden. Daher soll der Zugang zu Informationen und Unterhaltung stärker reguliert werden und natürlich auch kostenpflichtig werden.

Flattr ist eine Antwort auf den Kampfbegriff der Kostenloskultur

Und jetzt komme ich endlich zu Flattr. Flattr ist eine Antwort auf den Kampfbegriff der Kostenloskultur. Denn Flattr beweist, dass wir hier im Internet keine egoistischen Arschlöcher sind, sondern dass wir es ernst meinen, wenn wir sagen, dass sie die alten Geschäftsmodelle der Musikindustrie, der Filmindustrie und der Verlage überholt haben. Denn Flattr ist eine Form von Micropayment, wie ihr es vielleicht aus euren Spiele-Apps kennt, wo ihr für 99 Cent oder so euch kleine Boni kaufen könnt. Aber Flattr ist noch besser! Denn weiterhin kann jede alles zu jeder Zeit und auch noch umsonst finden. Aber wenn euch etwas richtig gut gefällt, dann macht ihr das, was ihr schon von Facebook kennt. Ihr klickt auf einen Like-Button.

Flattr this

Nur dass dieser Button nicht blau ist, sondern grün. Und dass damit eine kleine Spende an den Verfasser des Blogposts, die YouTuberin, den Podcaster oder die Freundin auf Facebook fließt.

Dafür zahlt ihr einen kleinen Betrag auf euer Flattrkonto. Und zwar wirklich wenig! Das Mindestbudget liegt bei 2 Euro im Monat, das ist eine kleine Limo in der Kneipe. Ihr könnt also für den Preis einer kleinen Limo in der Kneipe dem ganzen Internet „Danke“ sagen!

Squirrel Lemonade ;)) 2013-04-24 13-26
Von User:Squirrelsuper (Eigenes Werk) Lizenz: CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Übrigens ist Flattr auch kein Abo. Ihr bestimmt jerderzeit, ob ihr euer Konto auffüllen wollt oder nicht. Die 2 Euro werden dann auf alle eure Flattr-Klicks in dem Monat verteilt. Wenn ihr also zweimal flattrt, dann bekommen die Geflattrten entsprechend jeweils 1 Euro und wenn ihr 10 Mal flattrt, bekommt halt jede 20 Cent. Und wisst ihr was? Das ist total egal. Denn es geht erst einmal nicht so sehr um den Betrag, sondern um die Geste! Ihr zeigt einem Beitrag im Internet, dass er euch etwas wert ist. Der Flattr-Button ist dann quasi der Platin-Facebook-Daumen. Und wenn 10 Millionen Menschen diesen beiden charmanten jungen „Künstlern“ 10 Cent geflattrt hätten, dann wären sie jetzt Millionäre.

Eines noch zum Abschluss: Flattr ist nicht DIE EINE Lösung für das durchaus bestehende Problem, dass Bezahlung im Internet noch nicht so richtig funktioniert, aber zusammen mit Crowdfunding, Premiumaccounts, Micropayment, etc. kann sich eines Tages ein Regenbogen an Maßnahmen ergeben, der den Feinden des Internets den Wind aus den Segeln nimmt…

TAADAA!
Quelle: http://www.reactiongifs.com/. Lizenz: fragwürdig.

 

Also: Meldet euch doch gleich mal an