Es gibt die selbstlose gute Tat!

Es gibt einen Mythos in unserer Gesellschaft, den uns, soweit ich das sehe, Immanuel Kant eingebrockt hat.

Ein Mythos sickert ins abschließende Vokabular

Vor 229 Jahren, im Jahr 1785 erschien Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Und mit dem Einsickern der Grundlegung ins abschließende Vokabular kam ein Irrtum in die Welt, der seit dem Millionenfach wiederholt wurde und dadurch doch nicht richtiger wird: Die Vorstellung, dass es keine selbstlose gute Tat gäbe.

Die Argumentation geht folgendermaßen: Du tust etwas gutes, das zwar vordergründig selbstlos ist, aus dem du also keinen Nutzen ziehst. Du wirfst etwa einem Obdachlosen etwas Geld in den Hut. Doch durch eben diese Handlung fühlst du dich gut, weshalb du letztlich doch davon profitierst – die Tat ist also nicht selbstlos. Auf die Spitze wird die Argumentation dann oft noch dadurch getrieben, dass hinzugefügt wird, dass du die gute Tat nur deshalb getan hast, weil du dich gut fühlen wolltest. Das bedeutet, dass wir alle letztendlich immer egoistisch handeln. Denn selbst, wenn wir dies anscheinend nicht tun, machen wir es immer in Wahrheit nur, weil wir uns gut fühlen wollen. Es gibt also keinen Altruismus.

Der von Gram umwölkte Menschenfreund

Bevor ich dieses Argument widerlege, möchte ich mal wieder ein bisschen philosophische Grundlagenarbeit leisten und zeigen, in welchem Kontext Kant – dem ich ja alles in die Schuhe geschoben habe – die selbstlose gute Tat ins Spiel bringt.

Zu Beginn der Grundlegung legt Kant dar, dass „der gute Wille“ der höchste Wert der Ethik ist. Ob dies so ist, ist eine andere Geschichte, der ich mich ein anderes Mal widmen werde. Es geht mir heute um einen anderen Punkt, nämlich den nämlichen: Nach dem Abschnitt mit dem guten Willen führt Kant den Begriff der Pflicht ein, denn Kant will auf eine „Pflichtenethik“ hinaus (GMS 397). Der Begriff der Pflicht enthalte den Begriff des guten Willens, so Kant. Fortan interessiert sich Kant besonders für Handlungen, die aus Pflicht vollzogen werden, zu denen aber zugleich die Handelnde eine unmittelbare Neigung habe.

Kants erstes Beispiel ist ein Händler, der faire Preise hat. Kant diagnostiziert, dass dieser Händler weder aus Pflichtbewusstsein, noch aus unmittelbarer Neigung faire Preise hat, sondern aus schnödem Eigeninteresse, um auf dem Markt zu bestehen. Na? Merkta was?

Kants nächstes Beispiel ist der Erhalt des eigenen Lebens. Dem Christentum folgend behauptet Kant ohne weitere Begründung, dass dies eine Pflicht sei und zugleich hat jeder eine Neigung dazu. In diesem Fall verhält man sich zwar „pflichtmäßig“, also der Pflicht entsprechend, aber nicht aus Pflicht.

„Dagegen, wenn Widerwärtigkeiten und hoffnungsloser Gram den Geschmack am Leben gänzlich weggenommen haben, wenn der Unglückliche, stark an Seele, über sein Schicksal mehr entrüstet als kleinmütig oder niedergeschlagen, den Tod wünscht und sein Leben doch erhält, ohne es zu lieben, nicht aus Neigung oder Furcht, sondern aus Pflicht: alsdann hat seine Maxime einen moralischen Gehalt.“

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 398.

Der Suizid ist auch ein spannendes Thema und einem eigenen Blogpost würdig, aber auch auf diesen, und ob er moralisch verwerflich ist, will ich nicht hinaus. Sondern klarmachen, wie Kant den Begriff „aus Pflicht“ verwendet. Moralisch ist eine Handlung nach Kant nämlich nur, wenn man sie aus Pflicht vollzieht und das bedeutet für ihn immer, dass man sie gegen seine eigenen Neigungen vollführt. Kant fährt entsprechend auch fort, indem er nun endgültig die weitverbreitete Argumentation aufgreift: Es gibt viele Menschen, denen es Freude bereitet, Gutes zu tun. Aber wenngleich deren Handlungen dann pflichtgemäß sind, so geschehen sie dennoch nicht aus Pflicht und haben somit „keinen wahren sittlichen Wert“ (398).

„Gesetzt also, das Gemüt jenes Menschenfreundes wäre von eigenem Gram umwölkt, der alle Teilnehmungen an anderer Schicksal auslöscht, er hätte immer noch Vermögen, den Notleidenden wohlzutun, aber fremde Not rührte ihn nicht, weil er mit seiner eigenen genug beschäftigt ist, und dann, da keine Neigung ihn mehr dazu anreizt, risse er sich doch aus dieser tödlichen Unempfindlichkeit heraus und täte die Handlung ohne alle Neigung, lediglich aus Pflicht, alsdenn hat sie allererst ihren echten moralischen Wert.“

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 398.

Wie wir sehen, vertritt Kant die These „Es gibt keine selbstlose gute Tat“ – in Kants Terminologie: Tat aus Pflicht – nur in abgeschwächter Form und räumt ein, dass man im Falle einer ernsten Depression doch mal gut, da aus Pflicht, handeln kann. Da dieser Fall so konstruiert ist, hat der Volksmund wohl ganz zu Recht daraus gemacht, dass es keine selbstlose gute Tat gibt.

Gesinnungsethik und Handlungsethik

Nein! Stopp! Es ist eben nicht zu Recht, sondern vollkommen falsch! Kant hat viele kluge Dinge geschrieben, aber dies hier gehört nicht dazu. Und das Schlimme ist, dass dieses Argument Kants so wirkungsmächtig war, weil sich damit ganz hervorragend der eigene Egoismus rechtfertigen lässt: „Warum soll ich dem Penner einen Euro geben? Wenn ich es tue, dann doch nur, weil ich mich gut fühlen will, dann kann ich es doch gleich lassen und mich um meinen eigenen Scheiß kümmern.“

Das Problem ist, dass Kant eine „Gesinnungsethik“ etabliert. Das wird schon an Kants höchstem Wert, dem guten Willen deutlich. Nicht eine moralisch gute Handlung kommt für Kant als höchster Wert in Frage sondern eine innere Einstellung. Und ich möchte hier behaupten, dass das falsch ist. Auch wenn es streng genommen kein Falsch (zumindest in diesem Sinn) in der Ethik gibt. Ich bin der Überzeugung, dass allein Handlungen einen moralischen Wert haben, will also im Gegensatz zur Gesinnungsethik eine Handlungsethik verteidigen. Und ich gehe noch weiter, indem ich sage, dass wir gewöhnlich alle nur Handlungen und nicht Gesinnungen moralischen Urteilen unterwerfen. Und diese Argumentation, wonach es keine selsbtlose gute Tat gibt, somit vom normalen Sprachgebrauch von „selbstlos“ abweicht. Das werde ich im Folgenden doppelt beweisen.

Gott als Game-Changer

Mein erster Beweis werde ich anhand eines unserer ältesten ethischen Dokumente vollziehen: den zehn Geboten. Das ist tricky, denn die zehn Gebote sind genau wie Kants Ethik eigentlich eine Gesinnungsethik, das wird gleich am ersten Gebot klar:

1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Die Zehn Gebote nach Martin Luthers Kleinem Katechismus

Genauso verhält es sich mit den Geboten 9 und 10:

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Die Zehn Gebote nach Martin Luthers Kleinem Katechismus

BTW: Auch interessant, dass das Haus ein eigenes Gebot hat, aber das Weib mit dem restlichen Kladderadatsch zusammengeschmissen wird. Ferner wird die männliche Zielgruppe der 10 Gebote klar…

Ich kann ja ausschließlich in Gedanken einen anderen Gott haben und ich kann nur in Gedanken begehren. Das würde Gott nicht gefallen. Also haben Kant und die Bibel doch Recht mit ihrer Gesinnungsethik? Ich glaube nicht und der entscheidende Punkt hier ist, dass Gott als Game-Changer ins Spiel gebracht wird. Denn der Allmächtige kann unsere Gedanken lesen und somit werden aus diesen inneren Zuständen Handlungen. Im Katholizismus wird das zum Beispiel im Akt der Beichte symbolisiert. Erst durch das Geständnis dem Pfarrer gegenüber wird aus dem Gedanken eine Handlung, die moralisch verwerflich wird.

Dass Ethik immer Handlungsethik ist, wird dann aber bei den anderen sieben Geboten klar:

2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.
3. Du sollst den Feiertag heiligen.
4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
5. Du sollst nicht töten.
6. Du sollst nicht ehebrechen.
7. Du sollst nicht stehlen.
8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Die Zehn Gebote nach Martin Luthers Kleinem Katechismus

Das sind alles Handlungsanweisungen. Selbst wenn „heiligen“ oder „ehren“ sicher interpretationsbedürftige Begriffe sind, so zeigt sich ein ehren oder heiligen meines Erachtens erst in einer Handlung. Glaubt ihr nicht? Dann machen wir doch einmal die Gegenprobe: Kannst du deine Mutter in Gedanken ehren, wenn du sie wie Scheiße behandelst? Kannst du geistig den Feiertag heiligen, wenn du zugleich deine Angestellten zur Sonntagsarbeit verpflichtest? Ich denke nicht…

Hordenmoral

Aber lassen wir diese tausende Jahre alte Beispiel hinter uns und widmen wir uns meinem zweiten Beweis. Dafür möchte ich einen Blick in den heutigen Panoramateil von Spiegel Online werfen, denn Boulevardmedien haben immer die Aufgabe (in ihrem Selbstverständnis), den Lesern zu sagen, wie sie sich fühlen sollen. Sie schreiben nieder, was sittlich ist. „Hordenmoral“ in Hayeks Worten. Ich lasse mal die ganzen Promi-News außer acht und beschränke mich auf einige Artikel mit moralischem Gehalt:

„Nach Schüssen vor einem Luxushotel in Caracas ist ein Deutscher gestorben.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Bedeutet: Mord ist doof.

„In Kürze soll die Rettung des verletzten Forschers aus der Riesending-Schachthöhle abgeschlossen sein.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Bedeutet: Retter sind Helden.

„Weil ein dreister Nager ihrem Beet zusetzte, griff Schriftstellerin Jeanette Winterson zu einem drastischen Mittel. Sie zog dem Karnickel das Fell über die Ohren – zum Zorn ihrer Internetfans.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Das ist spannend, denn hier wird ein Wert ausgehandelt: Darfst du ein Kaninchen töten, das dir Schaden zugefügt hat?

„Nach dem qualvollen Sterben eines Todeskandidaten hatten manche US-Staaten Hinrichtungen gestoppt. Nun sind binnen 24 Stunden gleich drei Menschen exekutiert worden.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Bedeutet: Die Todesstrafe gehört abgeschafft.

„Johann Breyer lebt in Philadelphia, der 89-Jährige soll im KZ Auschwitz Beihilfe zum hunderttausendfachen Mord geleistet haben. Jetzt ist er verhaftet worden, die USA müssen über eine Auslieferung entscheiden.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Bedeutet: Fuck you Nazi!

„Ein Rentner erschießt einen jungen Räuber auf der Flucht – Totschlag oder Notwehr?“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Auch hier wird wieder ein Wert ausgehandelt, eben: Totschlag oder Notwehr?

„Freida Pinto hat in einem Interview sexuelle Gewalt gegen Frauen in ihrem Heimatland Indien beklagt. Belästigungen seien dort Alltag, sagte die Schauspielerin.“

Spiegel Online: Panorama Teil.

Bedeutet: Sexuelle Gewalt ist verwerflich.

Ich bin mir bewusst, dass neben meinen Allzu-Kurzanalysen noch mehr in diesen Artikeln steckt. Zum Beispiel: Warum wird das Alter des mutmaßlichen Naziverbrechers genannt? Soll hier eine Verjährung des Holocausts angedacht werden? Und warum wird sexuelle Gewalt mal wieder am Beispiel Indien durchdekliniert? Weil es so schön weit weg ist?

Es gibt die selbstlose gute Tat

Aber der entscheidende Punkt ist: Hier werden ausschließlich Handlungen gemeldet. Da steht nirgends: Weil die Höhlenretter sich gut fühlten, handelten sie nicht selbstlos. Genausowenig wird gefragt, wie sich die Todesschützen in Caracas fühlten oder was sie dachten. Oder ob die Ermordung des Kaninchens nun pflichtgemäß oder aus Pflicht geschah.

Und das ist der springende Punkt: Es ist scheißegal, wie du dich nach einer guten Handlung fühlst. Ob du Spaß beim Helfen hast oder es widerwillig machst, ist schnurzpiepsegal. Wir sollten Handlungen immer auf ihre weltlichen Konsequenzen hin beurteilen nicht auf ihre Auswirkung auf eigene innere Zustände. Daher gibt es selbstverständlich auch die selbstlose gute Tat.

Eine selbstlose gute Tat ist eine Tat, die für mich persönlich in der Welt keine Vorteile einbringt. Wenn ich ein fremdes weinendes Kind tröste, dann mag das aus einem Vaterinstinkt heraus geschehen, aber im Endeffekt habe ich keinen Nutzen davon, daher ist es eine selbstlose gute Tat. Wenn ich einer alten Frau ihre Einkäufe die Treppen rauftrage, dann mag das vielleicht nur pflichtgemäß im Sinne Kants sein, es ist dennoch eine verfickte gute Tat und da ich keinen Vorteil dadurch habe, ist sie selbstlos. Und jeder, der etwas anderes erzählt, will nur seinen eigenen Egoismus rechtfertigen.

Literatur

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Umsonst im Volltext bei Zeno oder auf Papier bei Amazon*).

*hinterhältiger Affili-Link

10 Gedanken zu „Es gibt die selbstlose gute Tat!“

  1. Ich glaube an eine reale Koexistenz beider Ethiken und tue Selbstloses, auch ohne an die altruistische Tat zu glauben. Dein Fenster ist hier zu eng gezogen, wenn du nur aus der evidenten Motivation heraus argumentierst, Selbstbetrüger zu rügen.

    Der Artikel gefällt mir dennoch sehr gut.

    1. Danke für das Kompliment. Zu deinem Gegenargument: Ich überspitze gerne etwas in meinen Texten, um die entscheidenden Punkte herauszustellen. Klar kann und sollte man das etwas nuancierter betrachten.

  2. Es ist falsch zu sagen, dass Einkäufe die Treppe hoch tragen eine gute Tat ist den selbst der Gedanke das du etwas gutes getan hast bereichert dich und somit ist es nicht selbstlos. Dennoch gibt es die gute Tat.

    MfG

  3. Kants Argumentation lässt sich 1:1 auf jegliche Handlungen aller Art übertragen und es ist klar, dass es ohne selbstloses Handeln auch keine selbstlosen gute Taten gibt. Nun folgt meine Meinung zu deinem zentralen Argument.

    Meiner Meinung nach ist es eben nicht „schnurzpiep-egal“ aus welchem Motiv eine gute Tat zustande kommt. Versetze dich doch mal in die Situation des Empfängers einer „guten“ Tat. Der Gedanken, dass mir ein Fremder hilft die Einkäufe zu tragen, nur um sich selbst zu bereichern, ist weniger schön.
    Krassere Beispiele: Mutter gibt „Gute-Nacht“ Kuss; Partnerin kuschelt;
    Finde den Gedanken, dass solche Handlungen nur aus Eigeninteresse enstehen könnten, extrem beängstigend.
    Allein Allein.

    (BTW: Das Motiv einer Handlung ist auch in der Rechtsprechung nicht irrelevant und hilft bei der Bewertung der Handlung)

    MfG

  4. Guten Tag,

    Ich danke ihnen für ihre Diskussion dieser Frage, die bei der Kant-Lektüre wohl stets, und so auch bei mir aufkommt. Ich möchte sie aber nun hier darauf hinweisen, dass sie meines Erachtens, ohne Beachtung ihrer Zuspitzung, wohl doch nicht Recht verstanden haben, worauf es Kant ankommt, wenn er dem guten Willen allein moralischen, und damit unbedingten Wert zuspricht.

    Ich möchte erklären, wieso ich es so beurteile.
    Wenn ich, wie sie es vorgeschlagen haben, einer alten Frau beim Tragen helfen, dann übe ich eine selbstlose gute Tat aus. Doch die Frage ist eben hier zu stellen: warum? Warum ist es eine solche Tat, und warum habe ich es getan? Die zweite Frage ist für Kant dahingehend wichtig, als dass, wenn wir bloß die Handlung sehen, also sie mich dabei beobachten, es nicht zu unterscheiden ist, ob ich selbstlos gehandelt habe oder nicht, und schon garnicht, was meine Maxime, oder meine Willensmotivation war. Zumal der Versuch der Frau zu helfen, Fehlschlagen kann, wenn sie es ablehnt, oder es zu einem Missgeschick kommt, dass von außen als schlecht bewertet werden könnte, oder von einem selbst als Fehlschlag und Belastung gewertet werden könnte. Hier kommt eben von selbst fast schon die entscheidende Frage, die ihnen ein Freund der Passant stellen könnte, weshalb sie so gehandelt haben, nicht nur ohne erkennbaren Vorteil, sondern durch potentiellen Nachteil? Hier kommt wohl ihr Begriff der Selbstlosigkeit zum Tragen, doch der entpuppt sich schnell als leer und Kontingent, wenn es darauf hinausläuft, dass sie keinen Grund in irgendeinem Interesse aufsagen können oder wollen, denn sonst stünde es wieder im Verdacht des Eigennutzes. Wenn sie sagen würden, dass sie es einfach so gemacht haben, dann war ihre Handlung grob gesehen zufällig und ebenso ohne den moralischen Wert, von dem Kant meint, dass wir ihn, Al unbedingten, eigentlich suchen. Würden sie ein Gefallen, oder ein Bedürfnis aussprechen, das getan haben zu wollen, dann kann man ihnen üblerweise Eigenliebe vorhalten. Wie man es dreht und wendet, auf die Frage, warum sie es getan haben, kommt entweder die Beliebigkeit, oder ein ‚Interesse‘ ins Spiel, sei es ihres oder das eines anderen. Hier aber schlägt Kant die Option vor, die wir auch intuitiv kennen, dass wir es als eine Pflicht verspüren, als Sollen, jemandem zu helfen, der es braucht. Und die Pflicht hat Anspruch allen Neigungen Abbruch zu tun, weswegen sie nach Kant auch die einzige plausible Grundlage einer wirklich selbstlosen Tat sein kann. Doch hier entpuppt sich noch etwas Grundlegenderes. Auf die Frage, warum es überhaupt gut ist, was sie, oder ich getan haben, als wir der Frau halfen, kann es nach Kant nicht die Konsequenz, und auch nicht die Handlung selbst sein, und auch nicht ein Interesse oder eine charakterliche Einstellung. Vielmehr ist es von Belang, das es der Pflicht entspricht und darüberhinaus aus Pflicht getan wird. Es ist nicht gut, wenn wir vom moralisch guten Sprechen, der Frau zu helfen, wenn es davon abhängt, dass es gelingt und, das wiederum bedeuten würde, dass sie weniger schmerzen oder schneller Zuhause oder bloß fröhlicher ist. Das heißt nicht, dass es nicht gut ist, dass es so wäre, doch eben nicht Moralisch , also unbedingt/absolut, denn diese Konsequenzen und Zustände sind unabhängig von ihrer Anwesenheit und Handlung denkbar, was ihre freie Willensentscheidung vom Gedanken her unnötig macht, was schwer mit dem Anspruch an einen moralischen Agenten vereinbar ist. Darüber hinaus gibt es genügend andere Probleme teleologisch/Konsequenzialistischer Ethiken, so wie so scheinbar Kurz ihre Zustimmung ihnen gegenüber geäußert haben, wie mit scheint. Und ähnlich siehts mit Tugendethiken aus, usw. Wenn sie, so würde es nach Kant denke ich laufen, ihr helfen, weil sie es für gut erachten, keine Schmerzen zu leiden, so ist ihre Handlung, sofern sie gelingt sichtlich gut, und ebenso, je nach dem Maßstab für das Gute. Doch Kant fragt nach dem unbedingt guten, als Bedingung selbst aller anderen Güter, und das kann seines Erachtens nur der gute Wille sein, und es scheint hoffentlich etwas ersichtlicher nun wieso. Moralisch gut wäre es also erst dann, wenn es aus Pflicht geschieht. Das schließt notwendig mit ein, dass es pflichtgemäß ist, also nach Kant dem moralischen Gesetz entspricht. Und ich denke, dass der Frau zu helfen dem moralischen Gesetz entsprechen dürfte, doch hier zeigt sich eben, dass es nicht reicht, pflichtmäßig zu handeln, sondern dass es aus Pflicht zu tun, den eigentlichen moralischen Wert hat. Den nähmlich, der durch nichts eingeschränkt wird, wie Erfolg, Glück, Beharrlichkeit und dergleichen. Es ist hier ein wichtiger Einwurf zu machen, der ihre Aussage zu korrigieren wünscht, dass aus Pflicht zu handeln hieße, gegen die Neigungen zu handeln. Das trifft nicht zu, wenn es hieße, dass ich, wenn ich schon unmittelbare Neigung zu etwas habe, diese Zuerst bekämpfen muss, um Platz für die Pflicht zu machen. Vielmehr heißt aus Pflicht zu handeln, und damit mit gutem Willen, allein nach dem moralischen Gesetz zu handeln, was gleichbedeutend ist mit Autonomie über sich selbst. Kants Beispiele sind fast allesamt eindrücklich solche, die voraussetzen, dass es einem wirklich dreckig geht, sodass keine Neigung zu finden sei, und allein der gute Wille sich zu finden glaubt, wenn man pflichtgemäß handelt Trotzdem, wie beim Selbstmord zum Beispiel. Doch dies hat wohl mehr eine didaktische Funktion, denn mir scheint es ebenso einsichtig anzunehmen, dass man aus Pflicht handeln kann, und hinzu Neigungen verspürt. Das entscheidende ist, dass der moralische wert in einem guten Willen, der ein freier Wille ist, besteht, sodass keine Neigung zur Bestimmung des Willens dienen darf, was sonst Heteronomie wäre, dem alles Naturgeschehen entspricht, und deswegen nicht zu erschrecken braucht. Wenn man uns also fragt, warum wir der Frau geholfen haben, so antworten wir, weil es Pflicht ist, und ich es gerne Tat, denn wenn man noch hinzu behauptet, ich hätte also ein Interesse oder dergleichen gehabt, oder retrospektiv, für das gute Gefühl gehandelt, so kann man diesem Menschen keinen Dienst erweisen im Versuch im zu zeigen, dass es doch aus Pflicht war. Vielmehr ist es schon praktisch gesehen hinreichend wie mir scheint, dass es pflichtmäßig ist, und darüber hinaus keine offensichtlicher Vorteil für mich entstand, während die Nachteile für mich dem Urteil bloß förderlich sind. Denn es ist, wenn sie es so verstehen nun, nicht möglich, ‚empirisch‘ darzulegen, ob aus Pflicht gehandelt wurde. Am ehesten kann es noch jeder bei sich selbst einschätzen, doch selbst da bauen wir auf Wahrnehmungen von uns selbst, die uns trügen können, vorallem, wenn’s ums liebe selbst geht. Die selbstlose tat, in einem guten Willen aufgefasst, wäre somit denkbar, und moralisch auch das geforderte, und von alleinigem moralischen Wert, aber auf Sichthöhe von uns Menschen nicht einsehbar, und damit pragmatisch nicht möglich. Doch ich schließe mich dem Urteil an, dass es selbstlose gute Taten gibt, doch das wir darauf nichts mehr geben sollten, als was uns selbst schmeicheln könnte, was ja Selbstlosigkeit auch ausschließt. Es ist damit wohl auch gesagt, worauf der gute Wille ja eigentlich abzielt, wenn er unbedingt gut ist, dadurch, dass er keine Einschränkung erfährt. Es ist nicht entscheidend, was ich selbst oder andere sich darauf einbilden oder vermuten, über das was ich tue, da es unabhängig davon geboten wäre, da es Pflicht ist, und ich im Bewusstsein dessen, mir eine gewisse Hoffnung machen darf, einen guten Willen anzustreben, in der gleichzeitigen Aufmerksamkeit darin, es niemals zu schaffen, was das Sittengesetz aber wenig kratzt, und es uns dadurch auch nicht sollte. Was soll, soll, ob ich es auch niemals schaffe, aber ich muss es können und praktisch können wir es, durch die Freiheit unseres Willens, der selbst ein notwendige Bedingung ist, sodass jede Rede von Illusion nichts taugt als zum denken anzuregen.

    Ich hoffe ich konnte meine Auffassung verständlich darlegen und ihnen verständlich machen, weswegen ihre Deutung in gewisser Weise überdacht werden sollte, sofern sie mir nicht das Gegenteil darlegen wollen, worum ich bitte und dankbar wäre.

    Ich wünsche Gesundheit und Glück, aber allen voran weiterhin Einsicht.

  5. Wohlmöglich wäre es eine Überlegung wert, nicht von einer selbstlosen guten Tat zu sprechen, sondern von einer selbstbewussten guten Tat. Denn entweder meint selbstlos aus gutem Willen, oder es meint Beliebigkeit, auch in Hinblick auf die Konsequenzen, wobei die Konsequenzen wiederum ein Anlass wären zu behaupten, das wenig selbstloses darin liegt, für die beste Konsequenz zu gehen, zumal die bessere stets jene wäre, in der man selbst sich darüber zufrieden ist. Das Selbstbewusste könnte beiden Verdächten zu entkommen versuchen. Die Vermutung wäre, wenn ich meiner selbst bewusst bin, ich mich zur Freiheit als Bestimmung über mich erhebe, indem ich nicht nur erkenne, dass ein moralischer Anspruch an mich gestellt wird, sondern auch, dass ich als Mensch ein Bürger zweier Welten nach Kants Deutung wäre, und die implizite Pflicht hätte, mich um meinen und den Zustand anderer Menschen zu besorgen. Doch wie es sich genauer damit verhalten könnte, das vermag ich noch nicht greifen zu können. Vielleicht gelingt es zukünftig, gemeinsam besser. Fest steht, dass mir Selbstlosigkeit in Beliebigkeit nichts zum guten beiträgt, sondern ganz im Gegenteil.

    Vielleicht könnte man, wenn man Selbstbewusstsein spricht, darin bereits implizit die Selbstvergessenheit finden, die den Raum für die anderen und unseren Platz unter ihnen schafft. Es mag vielleicht auch Selbstlosigkeit heißen, solange der Inhalt stimmt, weswegen es auch nicht um Wortklauberei gehen sollte, sondern um Sachlichkeit im wörtlichen Sinne, und nicht im drögen. Da stimmen wir sicher überein.

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