Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter (Lesekreis mit Christiane 12)

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Christiane
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Daniel
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Fortsetzung Kapitel 1.3 Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte

Christiane und ich besprechen weiter das Kapitel „Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte“. Heute geht es unter anderem um Humanismus, Geschlechtsidentität als Relation zu den anderen in der Gesellschaft vorhandenen Identitäten. Wir sprechen über Existenzialismus und Strukturalismus, das Spannungsfeld in dem die Geschlechtsidentität sich befindet, Irigarays These vom weiblichen Geschlecht als einem Punkt sprachlicher Abwesenheit. Ist es möglich, Weiblichkeit zu definieren ohne Rückgriff auf Männlichkeit? Butler schärft noch einmal die Unterschiede zwischen Beauvoir und Irigaray und es geht erneut darum, dass „Körper“ immer mit Weiblichkeit assoziiert wird, während Männlichkeit körperlos bleibt. Hegels Herr-Knecht-Dialektik wird ins Spiel gebracht. Und Butler wirft Beauvoir vor, den cartesianischen Geist-Körper-Dualismus unkritisch fortzuschreiben.

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Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter (Lesekreis mit Christiane 11)

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Fortsetzung Kapitel 1.3 Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte

Christiane und ich besprechen weiter das Kapitel „Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte“. Heute geht es unter anderem darum, dass der hegemoniale Diskurs festlegt, was verhandelt werden darf. Wir machen einen Exkurs, dass im Gegensatz zur Gender-Debatte AfD-Thesen als legitime Diskursbeiträge vom hegemonialen Diskurs akzeptiert werden. Wir besprechen Butlers These, dass die Einschränkung, welche Geschlechter denkbar sind, in unsere Sprache eingeschrieben sind. Weiblichkeit erhält demnach immer nur in Relation zu Männlichkeit Bedeutung. Butler bringt Luce Irigaray ins Spiel. Es geht um die Möglichkeit, die Welt mit der Sprache richtig abzubilden. Daniel schweift ab in das Idealsprachen-Projekt der analytischen Philosophie, warum es aufgegeben wurde und die Versuche der Postmoderne, Sprache nicht mehr als Ganzes zu ändern sondern in einzelnen Facetten so zu verbiegen, dass sagbar wird, was zuvor nicht sagbar war.

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Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter (Lesekreis mit Christiane 10)

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Fortsetzung Kapitel 1.3 Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte

Christiane und ich besprechen weiter das Kapitel „Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte“. Heute geht es unter anderem um Medientheorie und Butlers These vom Körper als Medium des Genders, um Sprache und sprachliche Repräsentation von Gender sowie um den hegemonialen Diskurs und die machtvolle Aushandlung, welche Gender überhaupt in einer Gesellschaft verhandelbar sind.

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Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter *
Lars Distelhorst – Judith Butler  *
Riki Wilchins – Gender Theory. Eine Einführung *
Ernst Ulrich von Weizsäcker über Konrad Lorenz
Bundespsychotherapeutenkammer über die Entpathologisierung von Homosexualität
Olaf Hiort über biologisches Geschlecht als Spektrum
Simone de Beauvoir – Das andere Geschlecht *
Eva Scheufler – Die feministische Philosophie und der Frauenkörper 
The Rest is History – 340. Hadrian and Antinous 

 

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Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter (Lesekreis mit Christiane 9)

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Kapitel 1.3 Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte

Christiane ist zurück! Und wir besprechen weiter, Das Unbehagen der Geschlechter von Judith Butler. Wir beginnen mit einer Podcast-Empfehlung zu sexuellen Orientierungen im Alten Rom, antworten auf Benjamins Audio-Kommentar, was wir unter „Kausalbeziehung“ verstehen und steigen endlich in Abschnitt 1.3 ein. Hier geht es zunächst um die Frage, ob Geschlechtsidentität wesentlich oder akzidentiell ist und wie man sie erlangt, bevor wir uns mit Simone de Beauvoirs Thesen zur Geschlechtsidentität befassen. Ach ja, einen Ausflug zu Decartes Cogito gibt es auch noch!

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Judith Butler – Das Unbehagen der Geschlechter *
Lars Distelhorst – Judith Butler  *
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Ernst Ulrich von Weizsäcker über Konrad Lorenz
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Olaf Hiort über biologisches Geschlecht als Spektrum
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The Rest is History – 340. Hadrian and Antinous 

 

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Automatisch erstelltes Transkript

0:00:00 Vorstellung 
0:02:18 Unterschiede zwischen aktiver und passiver Sexualrolle im antiken Rom
0:08:07 Kausalität
0:09:49 Start des Abschnitts „Geschlechtsidentität, Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte“
0:13:48 Flexibilität und Konstruktion von Geschlechtsidentität
0:15:21 Veränderung der Akzeptanz von Geschlechteridentität in der Gesellschaft
0:22:29 Cogito ergo sum
0:23:59 Autonomes Subjekt und Geschlechtsidentität nach Butler und Beauvoir
0:26:05 Der Körper als Situation bei Beauvoir

Vorstellung

[0:00] Hallo, mein Name ist Daniel und ich möchte euch von Philosophie erzählen bzw. heute möchte ich mal wieder zusammen mit jemand anders euch von Philosophie erzählen. Denn wir erzählen euch von Philosophie, das heißt, wir sprechen über Judith Butler. Und wir, das ist neben meiner einer Person auch die Person am anderen Ende der Leitung. Und da frage ich, wie ich das in meinem anderen Podcast immer mache. Hallo du da drüben, wer bist denn du?

Hi Daniel, hier ist Christiane.

Hallo Christiane, schön dass du zurück bist. Erzähl doch mal unseren Hörerinnen und Hörern, warum du jetzt ein wenig abwesend warst. Ich hab das zwar schon das ein oder andere mal erwähnt, aber es wäre ja ganz schön, wenn sie es nochmal aus deinem Mund hören würden.

Ja, nachdem ich ungefähr die letzten drei bis vier Jahre damit verbracht habe, zu behaupten, ich wäre in den letzten Zügen meiner Promotion. War das jetzt tatsächlich in den letzten Monaten wirklich der Fall und ich habe dieses große Projekt endlich abschließen können. Habe meine Doktorarbeit eingereicht, verteidigt und letzte Woche die Urkunde zugestellt bekommen.

Glückwunsch, Dr. Christiane! 

Dankeschön.

Das ist sehr, sehr schön. Wir dürfen jetzt hier die Stimme einer promovierten Psychologin hören. Sage ich das richtig? Ist das der korrekte Ausdruck?

Das kannst du so sagen, ja. 

Ja, nice. Wir haben auch Feedback bekommen.

[1:13] Bevor wir darauf eingehen, möchte ich als Allererstes noch mal eine Podcast-Empfehlung abgeben, die auch wieder sehr schön hier zu unserem Thema passt und zwar The Rest is History: Folge 340Hadrian und Antinous. In der Folge beschäftigen sich mit diesem Antinous, der von Hadrian zum Gott erklärt wurde nach dessen Tod. Und zwar war das der Liebhaber von Hadrian. Und sie fragen sich: Kann man denn deswegen sagen, dass Hadrian homosexuell war. Hadrian – Kaiser von Rom. Und die Antwort, die sie dann geben, ist sehr spannend gerade für unseren Podcast hier. Da sie darlegen, dass die Vorstellungen, wie unsere Gesellschaft sie hat von Homosexualität, Heterosexualität und Bisexualität im antiken Rom so noch gar nicht existiert haben. Sondern, dass man dort Unterschieden hat zwischen Menschen, die quasi eine aktive, eine nehmende Rolle im Sexualverhalten einnehmen und Menschen, die eine passive Rolle im Sexualverhalten annehmen können.

Unterschiede zwischen aktiver und passiver Sexualrolle im antiken Rom

[2:18] Da war dann auch ein sexistischer Bias drin, denn Männer konnten sich in beide Rollen begeben, während es für Frauen nur sittlich war, in die passive Rolle zu gehen. Allerdings gab es, wenn Frauen einen gewissen Stand hatten, diese Position, dass man nicht einfach so von jedem genommen werden durfte, sondern dass es da ja entsprechende Regeln gab.

Ja Daniel, ich würde aber sagen, dass Frauen da durchaus auch ihre Wege gefunden haben, andere Arten der Sexualität auszuleben.

Das kann ich mir sehr gut auch vorstellen. jedenfalls fand ich das sehr, sehr spannend gerade auch wegen dieses konservativen Talking Points von der natürlichen Heterosexualität, um den es ja Judith Butler auch immer sehr stark geht in ihrem „Kampf gegen die Zwangsheterosexualität“, wie sie es nennt.

Bevor wir in den Text einsteigen, haben wir aber auch einen Audiokommentar bekommen von Benjamin. Und den würde ich mal einspielen und dann können wir darüber reden. Bist du da bereit und interessiert dran?

Ja, Matz ab, Daniel!

Hallo Christiane, hallo Daniel. Ich habe eine Frage zur letzten Folge. Und zwar verstehe ich deinen Begriff von Kausal nicht so richtig, Daniel.

[3:27] Es gibt doch eine Kausalkette von meiner körperlichen Konfiguration hin zu meinem Geschlecht, oder? Als ich geboren wurde, wurde ich zum Beispiel als männlich klassifiziert. Da hat sich jemand meinen Körper angeschaut, mit dem gesellschaftlich vorgegebenen Klassifikationsschema abgeglichen und dann folgerichtig männlich in meine Dokumente geschrieben.

[3:46] Die Kausalkette geht also von meinem Körper über das Klassifikationsschema hin zu meinem Geschlecht. Ich würde also gar nicht bestreiten, dass der Zusammenhang kausal ist. Ich würde bloß bestreiten, dass diese Kausalität naturgegeben, logisch zwingend oder unveränderlich wäre, denn das Klassifikationsschema ist ja menschengemacht.

[4:05] Aber was meinst du denn mit Kausal bzw. was meint Butler hier vielleicht Vielen Dank für euren Podcast und viele Grüße!

Vielen Dank für dein Audiokommentar, Benjamin. Ja ich gebe dir recht. Da ist eine Kausalbeziehung. Erstmal müssen wir unterscheiden – und das ist eine ganz wichtige Unterscheidung in der Philosophie – du hast nämlich eben gesagt: „nicht kausal zwingend“ oder „nicht logisch zwingend“. Und das ist eben eine wichtige Unterscheidung, dass wir in der Philosophie unterscheiden zwischen logisch notwendig und kausalen Beziehungen. Und dann könnte man präzisieren zwischen kausal motiviert und kausal zwingend, möglicherweise. Ich gebe dir recht, da ist eine Kausalbeziehung drinnen, aber diese Feststellung sagt ja eigentlich im Grunde nicht viel aus. Denn alles hat ja eine Kausalbeziehung in unserer Welt. Also: es entsteht ja nichts, ohne dass davor Ereignisse stattgefunden haben. Und philosophisch spannend wird die Frage eben, ob diese Beziehung zwingend war. Also: es ist zwingend so, dass eine Billardkugel, die auf eine andere trifft, diese andere in Bewegung setzen wird. Wenn es keine Hindernisse gibt, wie eine Wand oder sowas. Und es ist zwingend so, dass wenn ich schneller Auto fahre, dass ich dann mehr Energie verbrauchen werde. Das ist kausal gegeben zwingend. Und diese gleiche Form des Kausalzwingendseins existiert eben nicht in der Zuordnung von Sex zu Gender.

[5:34] Sondern da haben wir eben dann diesen Schritt, dass ein Mensch dazwischen tritt, der Entscheidungen fällt und sagt, ich sehe hier folgendes äußeres Geschlechtsmerkmal und deswegen ordne ich diesen Personen dieses Gender zu. Jetzt können wir in die Debatte des freien Willens tief einsteigen, aber das müssen wir noch nicht mal. Denn wir können auch sagen, die Person macht das auch nicht komplett aus freien Stücken, sondern die ist auch wieder motiviert durch gewisse Gründe, aber diese Gründe sind eben kulturell gemacht.

[6:06] Und damit sind sie auch veränderlich. Das ist der große Unterschied. Deswegen können wir heute überhaupt über neue Geschlechtsidentitäten wie trans, wie non-binary etc. sprechen, weil diese Geschlechtsidentitäten veränderlich sind. Während, dass eine Billardkugel eine andere anstößt, ist nicht veränderlich. Dass wird für immer, bis in alle Ewigkeit so sein, weil es ein Naturgesetz ist. Und es ist in dem Sinne kausal zwingend.

[6:32] Aber dass die Person ein Gender aufgrund eines äußeren Sexualmerkmals oder auch aufgrund von Chromosomen oder was auch immer zugeordnet kriegt, ist eben nicht in gleicher Weise kausal zwingend.

[6:45] Und daher habe ich verkürzt gesagt, es gibt da keine Kausalbeziehung.
Christiane, wie siehst du das?

Du hast dich jetzt auf jeden Fall wesentlich klarer ausgedrückt als bei unseren privaten Diskussionen über diese Frage. Ich glaube, so wie du es jetzt ausgeführt hast, würde Benjamin vermutlich hundertprozentig mit dir übereinstimmen, wenn ich seinen Kommentar korrekt verstanden habe. Und ich tatsächlich auch. Also, ich glaube, aus meiner Warte als Psychologin, dass wir uns beispielsweise auch Kausalbeziehungen angucken. Wenn wir davon ausgehen würde, dass nichts kausal determiniert wäre, dann bräuchten wir unsere Wissenschaft nicht machen, denn wir wollen natürlich auch Vorhersagen treffen über Zusammenhänge beispielsweise zwischen, jetzt mal ganz platt gesagt, Traumata in der Kindheit und dem Verhalten im Erwachsenenalter. Und wenn wir davon ausgehen würden, dass es da keine kausalen Zusammenhänge gäbe, dann müssten wir das ganze Unterfangen ja nicht machen. Aber was wir in der Psychologie eben, also welchem Umstand wir uns stellen müssen, ist, dass es, wie du gesagt hast, halt keine zwingenden, oder nee, was hast du gesagt? Nicht zwingend, sondern?

Doch genau, das habe ich jetzt so formuliert, um den Begriff „notwendig“ zu vermeiden, weil der ist in der Philosophie halt immer für logische Notwendigkeit reserviert und logisch notwendig etwas anderes ist als kausal zwingend.

[8:07] Genau, also wir haben es nicht mit zwingenden oder notwendigen Zusammenhängen zu tun, sondern mit probabilistischen. Das heißt, Zusammenhänge, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftreten. Und wenn man jetzt diesen Zusammenhang, um den es jetzt gerade geht, nämlich die Zuordnung eines Genders auf Basis des Sexes, wenn man sich das anschaut und sozusagen auf die gesamte Menschheitsgeschichte ausgedehnt betrachtet, könnte man vermutlich sagen, ja, das ist halt auch ein probabilistischer Zusammenhang, weil sich dieser Zusammenhang ändert. Ich glaube, da sind wir gerade jetzt mitten in einem Prozess drin, dass darüber debattiert wird, wie man das anders betrachten kann. Sodass, wenn man die gesamte Menschheitsgeschichte betrachtet, man sagen könnte: ja, zu – weiß ich nicht – Punkt 95 Prozent gab es halt diesen Zusammenhang und dann gibt es halt eine gewisse Prozentzahl oder eine gewisse Zeit, wo es aufgeweicht wurde, weißt du, wie ich meine? Aber ich glaube, wenn du jetzt, sagen wir mal, den Zeitraum von, was weiß ich, 1970 bis 1980 dir anguckst, dann ist dieser Prozentsatz vermutlich noch höher, weil da eben diese Debatten, die wir heute führen, nicht in dieser Intensität geführt wurden. Ich habe jetzt mal Personen wie intersexuelle Personen ausgeschlossen aus meiner Argumentation, weil das das Bild noch ein bisschen komplexer macht, was ich jetzt runterbrechen wollte, der Einfachheit halber.

[9:25] Wie du schon sagst, wir haben da privat schon drüber gesprochen und deine Einwände gegen meine Position haben mir geholfen, meine Position auch nochmal zu schärfen. Benjamin: Sag doch mal, ob wir das jetzt zu deiner Zufriedenheit beantwortet haben! Wenn nicht, dann müssen wir nochmal nachdenken und nachlegen.

[9:45] Aber wollen wir mal in den Text springen, Christiane? 

Ja, auf jeden!

Start des Abschnitts „Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte“

[9:49] Das hat ja schon lang genug gedauert. Wir müssen endlich dieses Kapitel abschließen. Oder den Abschnitt.

Genau, den Abschnitt. Wir sind ja erst mal bei Abschnitt 1.3. Also die drei großen Kapitel sind halt auch drei große Kapitel, aber das erste Kapitel, da beschäftigen wir uns heute mit dem dritten Abschnitt, der heißt „Die Geschlechtsidentität: Zirkel und Scheitern der gegenwärtigen Debatte.“ Und dort – genauer gesagt – sind wir auf Seite 25. Da beginnt Butler zunächst mit der Frage: Haben Personen „eine“ Geschlechtsidentität oder ist Geschlechtsidentität ein Attribut, dass sie sind? Da hatte ich schon wieder sehr große Probleme mit der Formulierung.

[10:33] Ich habe schon verstanden, worauf they hinaus wollte, aber they schreibt einerseits das „eine“ in Anführungszeichen und andererseits … ich fand die grammatische Konstruktion dieses Satzes sehr komisch. Ich würde es trotzdem mal so umformulieren, wie ich es verstanden habe und widersprich mir gerne, wenn du es ganz anders verstanden hast. Ich würde vermuten, dass they hier – und meine Vermutung wird gestützt dadurch, dass they später noch stärker auf Aristoteles eingeht – dass they eben aristotelisch gesprochen von dem Unterschied zwischen wesentlich und akzidentiell spricht, dass they eben sagt, gibt es eine Geschlechtsidentität.

[11:14] Dann ist die ganz eng mit meinem Wesen verbunden, ich kann sie nicht ändern. Ich kann sie nicht ablegen. Sie macht aus, was ich bin. Oder ist Geschlechtsidentität ein Attribut wie viele andere, wie Größe, Augenfarbe, Haarfarbe oder so. Attribute, die mir zukommen, aber die nicht unbedingt mein Wesen ausmachen und deswegen auch veränderlich sind.

Ich habe das auch so verstanden.

Sehr gut. They fährt fort und fragt, wenn Gender ein kulturelles Konstrukt ist – das war ja das Ergebnis der ersten zwei Abschnitte –, stellt sich die Frage, wie der Modus dieser Konstruktion aussieht. Gibt es verschiedene Möglichkeiten der Konstruktion oder ist die Konstruiertheit gesellschaftlich determiniert?

Wenn du das jetzt so ausführst, dann frage ich mich gerade: Wie ist denn der Zusammenhang zwischen diesen beiden Fragen? Kann es sich nur um ein Konstrukt handeln, wenn…

[12:11] Ich eine Geschlechtsidentität habe und nicht wenn ich sie bin?

Das ist auch eine sehr gute Frage! Auch ich habe mich nämlich gefragt. Entweder machen wir eine Matrix mit vier Elementen auf: Geschlechtsidentität ist etwas was meinem Wesen zugehört oder sie ist bloß akzidentiell und Geschlechtsidentität ist determiniert durch die Gesellschaft, oder sie ist in irgendeiner Form flexibler.

wesentlich akzidentiell
determiniert flexibel

Dann könnte man fragen, ob Wesen und Determiniertheit fest verschraubt sind oder ob Wesen sowohl determiniert sein könnten als auch flexibel. Und die Eigenschaften, ein Attribut zu sein oder akzidentiell zu sein, dann genauso.
Ich verstehe es jetzt erst einmal so, dass ich sagen würde: Wenn ich genau eine Geschlechtsidentität habe und daran nichts ändern kann, dass das aus der gesellschaftlichen Determiniertheit hervorgeht. Aber die Frage ist dennoch berechtigt, ob es nicht andere Modi geben kann.

[13:14] Also wenn wir das kurz mal auf einen anderen Bereich transferieren… Nehmen wir mal meinen Beruf. Ich bin Psychologin und das ist so sehr in meine Identität integriert, dass ich denke, es gehört zu meinem Wesen, Psychologin zu sein. Ich beschäftige mich den ganzen Tag damit, ich mache das auch gerne und ich kann mir nichts anderes vorstellen. Dennoch ist es ja nicht naturgegeben, dass es den Beruf Psychologin gibt. Das ist ja ein gesellschaftliches Konstrukt und dennoch würde ich sagen: das ist Teil meines Wesens.

Ja, da hast du es sehr schön auf den Punkt gebracht.

Flexibilität und Konstruktion von Geschlechtsidentität

[13:48] Du bist dann in unserer ersten Dimension bei wesentlich und unserer zweiten Dimension bei flexibel. Denn Christiane könnte auch was anderes sein. Es ist nicht gesellschaftlich determiniert, dass Christiane Psychologin ist. Sie könnte auch Schuhverkäuferin sein.

Rein theoretisch: ja. Praktisch nicht. Aber – ja – ich weiß, was du meinst. Ich meine, das ist doch im Grunde genau der Akt, wie wir zu unserer Identität kommen, oder? Wir sind ja auch Konstrukte und Flickenteppiche aus dem, was uns begegnet und dem, was wir als wichtig und identitätsstiftend erachten. Also wenn ich beispielsweise mit dieser Theorie hier niemals in Verbindung gekommen wäre, hätte ich ja gar nicht die Möglichkeit gehabt, das irgendwie in mein Selbstbild zu integrieren, dass ich diese Fragen spannend finde oder so.

Ja, ich glaube, genau um diese Fragen geht es hier in diesem Kapitel und ich glaube, Judith Butler ist genau bei dir in dieser Position. Aber they versucht das hier halt innerhalb dieses Kapitels erstmal zu erörtern, dass das genau so ist.
Wir müssen uns ja immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass der Text vor 40 Jahren geschrieben worden ist, als die Idee, dass man eine andere Geschlechtsidentität annehmen kann als die, die einem bei der Geburt zugeordnet wurde…

[15:04] Noch sehr viel mehr „far wide out“ war, als es heute der Fall ist.
Heute ist uns dieser Gedanke – in nicht allen Teilen der Gesellschaft , aber in vielen Teilen der Gesellschaft – wesentlich vertrauter, als es der Fall in den 80ern war, als dieser Text entstanden ist.

Veränderung der Akzeptanz von Geschlechteridentität in der Gesellschaft

[15:21] Ja, auf jeden Fall. Soll ich mal weitermachen mit meiner Zusammenfassung? 

Ja, bitte.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Geschlechtsidentität kulturell konstruiert ist, dann geht damit zwangsläufig ein bestimmter Determinismus einher. Dann gibt es kulturelle Gesetzmäßigkeiten, die bestimmen, welches Gender wir haben.
Das ist wieder dieser Gedanke, den ich…

[15:43] In der letzten oder vorletzten Folge schon mal geäußert haben, dass wir die Unterscheidung haben zwischen notwendig und kontingent. Also notwendige Wahrheiten: Junggesellen sind unverheiratete Männer. Sowas ist das hier nicht. Sondern they spricht über Kontingenz. Aber Kontingenz kann halt verschiedene grade der Flexibilität haben. Es ist genauso kontingent dass Artikel 1 des Grundgesetzes ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wie, dass ich heute ein weißes T-Shirt anhabe. Aber ich kann den Artikel 1 unseres Grundgesetzes nicht in gleicher Weise flexibel ändern, wie ich mein T-Shirt ändern kann. Und entsprechend: Selbst wenn Geschlechtsidentität etwas ist, was wir irgendwie ändern können, also wenn sie flexibel ist und nicht komplett determiniert ist, geht mit der Tatsache, dass es ein kulturelles Konstrukt ist, immer einher, dass ein bestimmter Determinismus vorligt, wie they hier sagt, eine bestimmte Form der Determiniertheit.

Das ist doch eigentlich genau das, was diese Gender-Wahn-Idioten nicht kapieren. Weil von denen kommt ja oft der Einwand: Ja, dann kann ja jeder jeden Tag was anderes behaupten, was die Geschlechtsidentität sei. Und das macht ja keiner so, das ist ja nicht der Punkt. Also sie sehen – könnte man das so sagen – dass die das fälschlicherweise komplett akzidentiell ansehen? Ja, dass die denken, man könnte das Gender einfach jederzeit wechseln. Als gäbe es Menschen, die genau das im Sinn haben.

[17:13] Ja.

[17:15] Okay. Aber Butler ihrerseits kritisiert das jetzt von der anderen Seite, weil they sagt: Wenn Gender tatsächlich durch Kultur determiniert ist, dann bietet der Begriff „Gender“ nicht den Ausweg, den der Begriff aus der Formel „Biologie ist Schicksal“ bieten sollte, sondern er wird selbst zum Schicksal, nur eben zu einem kulturellen Schicksal.

[17:34] Das heißt, ursprünglich wurde die Unterscheidung zwischen Sex und Gender eingeführt, um klarzumachen: Nur weil du mit einem bestimmten biologischen Geschlecht geboren wurdest, heißt das nicht, dass du zwangsläufig dich auch diesem Gender zuordnen musst.
Aber wenn diese Zuordnung superfest ist durch die kulturelle Zuschreibung, dann ist die Funktion, die der Begriff „Gender“ ursprünglich hatte, der geht dann verloren. Dann ist zwar der Modus, wie das entsteht, ein anderer, aber das Ergebnis ist halt am Ende das gleiche.

Aber das nimmt they hier nur an als Annahme? Das ist nicht, was hier vertreten wird? Weil dann wären wir ja wieder bei dem Determinismus, wo ich sagen würde: Nee, das ist probabilistisch.

Genau! They stellt das nur erst mal als Ausgang der Auseinandersetzungen, die jetzt hier im Kapitel folgen, hin, um zu sagen: Okay, wir haben hier ein Konstrukt „Gender“. Das ist irgendwie kulturell gemacht und es ist auch in irgendeiner Form zwingend, denn wir können es nicht wechseln wie ein T-Shirt, sondern es ist in irgendeiner Form sehr fest mit mir verbunden – wie fest, müssen wir noch schauen. Ob es wirklich irgendwie zu meinem Wesen gehört oder ob es ein Attribut von mehreren ist, was dann auch wechselbar ist.

[18:50] Aber es kann halt nicht super fest sein, um es jetzt so platt zu sagen. Weil sonst haben wir überhaupt nichts gewonnen, sondern brauchen den Begriff „Gender“ nicht. Dann können wir auch bei „Sex“ bleiben. Ja, und they fährt jetzt fort, dass they mit Simone de Beauvoir und mit – wie heißt die Andere?

Luce Irigaray.

Genau! Mit diesen beiden Feministinnen und deren Theorien schaut they sich an, wie denn dieser Modus der Konstruktion aussieht.

[19:17] Um zu schauen, welche Flexibilität da gewissermaßen drin steckt.

Okay, das habe ich jetzt verstanden. Ich habe halt immer noch ein bisschen Probleme mit dem fehlenden Signposting in diesem Text. Dass mir manchmal die Information fehlt: Ist das jetzt etwas, was Judith Butler vertritt oder wofür sie sich stark macht? Oder ist es gerade nur, in Anführungsstrichen, „eine Annahme“, die they jetzt auseinandernimmt?

Ja. Naja.

[19:42] Es hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass diese Art von Text viel weniger formalisiert ist, als es eure Texte in der Psychologie sind, wo du eine viel klarere Struktur hast.

Ja!

Während they hier – später kommt erstmals Hegel auf . Also they kommt viel mehr aus einer hegelschen Dialektik und das heißt, dass they erstmal eine These in den Raum stellt, um dann mit einer Antithese diese wieder in Frage zu stellen und so zu einem höheren Erkenntnisgrad zu gelangen. Das ist eher der Modus in dem dieses Kapitel funktioniert. Also – wie schon gesagt – Butler setzt sich jetzt mit Simone de Beauvoirs These auseinander, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern zur Frau wird. In der ursprünglichen Unterscheidung sagt they, wäre das: eine Identität haben. Butler schreibt, Beauvoir geht davon aus, dass die Geschlechtsidentität ein Konstrukt ist, nimmt aber ein autonom handelndes Subjekt an, ein Cogito. Cogito ist ein Ausdruck, der auf Rene Descartes zurückgeht.

Cogito ergo sum

[20:50] *Musik*

Hallo, hier spricht Daniel aus dem Schnitt. An dieser Stelle wollte ich euch kurz erklären…

[21:02] Was das Cogito ist. Cogito ist eine Abkürzung für Cogito ergo Sum. Dazu schreibt mein kleines philosophisches Wörterbuch:

Cogito ergo sum, lateinisch: ich denke, also bin ich. Der von René Descartes zunächst im Discours de la méthode formulierte Grundsatz einer Metaphysik und in seinem Gefolge ein Hauptsatz in unterschiedlichen Richtungen der neuzeitlichen Philosophie. Er setzt den Zweifel an allem dogmatisch Festgesetzten und Geglaubten voraus und besagt, dass das Ich sich im Denken bzw. Zweifeln als über allen Zweifel erhabenes Sein erfährt. Dass das Bewusstsein sich im Denken als Bewusstsein selbst weiß. Dass die einzige Seinsgewissheit aus dem bewussten Denken stammt.

Soviel erstmal dazu. Aus diesem Grundsatz cogito ergo sum folgt, dass die Gewissheit um das eigene Ich die höchste Gewissheit ist, die man in der Philosophie haben kann. Und daraus abgeleitet wurde das Subjekt in der neuzeitlichen Philosophie in den Mittelpunkt der Philosophie gestellt, das erkennende Ich, das auch zugleich zu einem autonom handelnden Ich wurde, das in der Abgeschiedenheit seines Geistes die Welt erkennt, sich die Welt gegenüberstellt und von dort an anfängt…

[22:29] Auf die Welt einzuwirken, die Welt zu erkennen (wie ich schon sagte), zu handeln … you name it. In der Philosophie des 20. Jahrhunderts hat diese Auffassung dann eine Reihe von Kritik erfahren. Zunächst in der analytischen Philosophie. Im Anschluss an Wittgenstein kann man kritisieren, dass der methodische Zweifel selbstwidersprüchlich ist. Denn er zweifelt an allem, aber nicht an der Bedeutung seiner Worte. Und diese Worte wiederum wurden ja in einer Außenwelt gelernt. Das heißt…

[23:02] Beim cogito ergo sum bediene ich mich eines Mediums, das ich eigentlich anzweifeln müsste. Dadurch ergibt sich ein Widerspruch. Die ganze Methode wird also unbrauchbar als philosophisches Mittel. Damit einher ging dann auch die Kritik an dem autonomen Ich, das in irgendeiner Form unabhängig von der externen Welt erkennen oder entscheiden kann. Stattdessen trat – vor allem in der postmodernen Philosophie – die Erkenntnis in den Vordergrund, dass das Ich immer schon eingebunden ist in soziale Strukturen, in gesellschaftliche Zwänge, in Machtverhältnisse, in kognitive Fehleinschätzungen und so weiter, die verhindern, dass es wirklich ein solches autonomes Ich, ein Cogito geben kann, was sich der Welt gegenüberstellt und von dort an erkennt und Entscheidungen fällt. Und jetzt zurück zur Aufnahme.

*Musik*

Autonomes Subjekt und Geschlechtsidentität nach Butler und Beauvoir

[23:59] Dahinter versteckt sich wieder die Idee, die wir in unseren privaten Gesprächen auch schon öfter besprochen haben und die wir auch hier in dieser Reihe schon öfter mal angesprochen haben, dass es ein autonom handelndes Subjekt gibt, das gewisse Entscheidungen fällen kann und auch dem gewisse Dinge widerfahren, aber das quasi den Kern bildet von unserer Identität.
Das heißt, Butler sagt hier, Beauvoir geht erstmal davon aus, wir haben ein autonomes handelndes Subjekt, ein Cogito, was als erstes da ist, und dem dann im Anschluss daran die Geschlechtsidentität zugeschrieben wird, eine Frau zu sein.

[24:38] Dass es also schon etwas gibt, bevor diese kulturelle Zuschreibung der Frau stattfindet. Und they fährt fort, dass wenn wir dieses Konstrukt annehmen, dann ist es prinzipiell auch möglich, dass dieses Subjekt die Möglichkeit hat, eine andere Geschlechtsidentität anzunehmen. Wenn es also einen Wesenskern gibt, der existiert, bevor die Geschlechtsidentität ihm zugeordnet wurde. Wir befinden uns auf Seite 26. Hier stellt Butler die Frage: Lässt sich die Geschlechtsidentität auf eine Frage der Wahl reduzieren? Also kann ich mich wirklich entscheiden? Nochmal im Grunde das, was sie vorher schon in diversen anderen Formulierungen oder Konstellationen in den Raum gestellt hat: Kann ich mich wirklich entscheiden, welche Form der Geschlechtsidentität ich annehme?

[25:30] Und dort gibt they zu bedenken, dass Beauvoir schreibt, dass zwar das Werden zur Frau eine Handlung ist – und das impliziert ja, wenn ich handle, dann ist darin ja schon inbegriffen dass ich Entscheidungen fälle. Das ist also nichts, was mir einfach widerfährt, sondern dass ich da irgendwie ein Agens habe, irgendeine Möglichkeit, mich zu entscheiden. Aber dass diese Handlung unter gesellschaftlichem Druck funktioniert.

[26:00] Und an dieser Stelle kommt ein spannender Satz, den du hast.
Magst du uns den mal vorlesen?

Der Körper als Situation bei Beauvoir

[26:05] Ja. Butler schreibt: Wenn der Leib eine Situation ist, wie Beauvoir sagt, so gibt es keinen Rückgriff auf den Körper, der nicht bereits durch kulturelle Bedeutungen interpretiert ist. Da habe ich mich gefragt, was meint Beauvoir denn, wenn sie sagt, der Körper ist eine Situation? Bei „Situation“ denke ich als Psychologin an Kontextvariablen. Also Anlage versus Umwelt und Situation wäre da synonym zur Umwelt zu denken. Und da dachte ich so, hey, aber wie genau soll jetzt der Körper eine Situation darstellen, die mich in irgendeiner Weise zu einer Handlung bringt? Und da habe ich nochmal nachgelesen oder recherchiert und gefunden habe ich eine Diplomarbeit namens „Die feministische Philosophie und der Frauenkörper“ von Eva Scheufler aus 2008. Und da würde ich jetzt gerne mal daraus zitieren, weil ich glaube anhand dieses Ausschnittes, wo auch sehr viele Zitate von Beauvoir drinstecken, wird klar, was sie versteht darunter, dass der Körper eine Situation ist, der man irgendwie auch unterliegt. Wobei, wie du auch gesagt hast, man im Prinzip eine Handlungsmöglichkeit hat, die aber aufgrund der Kultur wenig wahrscheinlich ist.

[27:16] Also Eva Scheufler schreibt und vielleicht noch einen kurzen Einschub von mir, daraus wird auch sehr schön deutlich, dass Simone de Beauvoir hier eine sehr biologistische Haltung einnimmt.

In Beauvoirs Perspektive erscheint der Frauenkörper als die Frau in der Entfaltung ihrer Individualität behindernd und ihre individuelle Existenz zugunsten der Erhaltung der Gattung begrenzend. Angefangen von der Menstruation über die Möglichkeit zur Schwangerschaft und Geburt von Kindern ist für Beauvoir die Frau bloß einer Belastung ausgesetzt, die ihr keinen persönlichen Vorteil bringt, sondern im Gegenteil schwere Opfer abverlangt.

Ich werde jetzt nicht jedes einzelne Zitat von Beauvoir als solches kennzeichnen, sonst wird das zu ausufernd. Das kann man gerne nachlesen, das ist auch Open Access.

Die Menstruation ist nichts als furchteinflößend, Schwangerschaft ein Martyrium. Erst nach den Wechseljahren ist die Frau von den Zwängen ihrer Weiblichkeit befreit. Sie ist nicht länger Mächten unterworfen, die über sie hinausgehen. Erst dann stimmt sie mit sich selbst überein. Doch dann sind für Beauvoir Frauen zwar keine männlichen, aber auch keine weiblichen Wesen mehr.

So, da dachte ich schon mal, als ich das gelesen habe: Okay, ich kann das total nachvollziehen, was sie da schreibt. Das ist aber auch irgendwie eine sehr extreme Position, aber dennoch interessant. Und jetzt im Weiteren wird das Ganze mit dem Blick von Beauvoir auf die männliche Körperlichkeit abgegrenzt.

Die männliche Physiologie stellt sich für Beauvoir in einem gänzlich anderen Licht dar. Von körperlicher Entfremdung, wie Beauvoir sie bei Frauen diagnostiziert, sind Männer nicht betroffen, im Gegenteil. Vergleicht man sie – die Frau, mit dem Mann – so scheint dieser unendlich bevorzugt. Sein Geschlechtsleben stört seine persönliche Existenz nicht, es verläuft gleichbleibend, ohne Krise und im Allgemeinen ohne Komplikationen. Im Gegenteil zum weiblichen Körper fällt der Männerkörper bei Beauvoir mit der Transzendenz zusammen und stellt quasi deren Verleiblichung dar, wie die Phänomenologin Regula Giuliani bemerkt. Diese Fähigkeit des Mannes zur Transzendenz sei gleichsam biologisch bedingt. Wie die Zuordnung der Frau zur Sphäre der Immanenz bei Beauvoir durch ihre Gebärfähigkeit erfolgt, ist die Zuordnung des Mannes zur der Transzendenz durch den Phallus bedingt.
Der Vorteil, den der Mann besitzt und der für ihn von Kindheit an spürbar ist, besteht darin, dass seine Berufung als Mensch keinen Widerspruch zu seiner Bestimmung als Mann darstellt. Durch die Gleichstellung von Phallus und Transzendenz ergibt es sich, dass seine sozialen oder geistigen Erfolge ihm ein männliches Prestige verleihen. Denn der Mann habe ein Sexualleben, das im Normalfall in seine individuelle Existenz integriert ist. Im Begehren, im Koitus verschmilzt sein Sich-Überschreiten auf die Art hin mit dem subjektiven Moment seiner Transzendenz. Er ist sein Körper. Während beim Mann Transzendenz und Leiblichkeit zusammenfallen, konzipiert Beauvoir den Frauenkörper als einen der Transzendenz-Widerstrebenden.

Und das, was jetzt kommt, das war ein Aha-Moment für mich.

Sie schreibt weiterhin, die Frau ist eher den Bedürfnissen der Eizelle angepasst als ihren eigenen. Dies bedeutet, der weibliche Leib und die persönliche Existenz fallen bei der Frau grundlegend auseinander. Der weibliche Leib widersetzt sich dem Freiheitsentwurf. Wie der Mann ist die Frau ihr Körper, aber ihr Körper ist etwas anderes als sie.

So, das war jetzt der sehr lange Einschub aus dieser Diplomarbeit. Und das fand ich tatsächlich ganz einleuchtend und hat – glaube ich, also ich hoffe nicht nur mir – klar gemacht, was Beauvoir meint, wenn sie sagt, der Körper ist eine Situation, in der sich die Frau befindet. Weil natürlich ist sowas wie Menstruation biologisch bedingt, aber was daraus gemacht wird oder werden muss, das ist ja wiederum kulturell bedingt.

Dieser Text, der klang jetzt fast schon so, als würde Beauvoir das unkritisch so annehmen. Butler sieht das ja ganz anders. Direkt im Anschluss kritisiert they oder liest they da Beauvoir, glaube ich, ganz anders. Aber auch später gibt es ja Auseinandersetzungen, wo they sich wieder mit diesem männlich = unkörperlich und weiblich ist immer an Körperlichkeit gebunden, bei Beauvoir auseinandersetzt und dort verstehe ich Butler so, dass Beauvoir das kritisiert. Ich persönlich habe Simone de Beauvoir nicht gelesen deswegen kann ich das nicht entscheiden und vielleicht interpretiere ich auch den Abschnitt, den du gerade vorgelesen hast, falsch. Aber da klang es für mich eher so heraus, als würde Simone de Beauvoir das eher als etwas faktisches darstellen, dass es sich so verhält, dass das Männliche = das Transzendente ist und das Weibliche an Körperlichkeit gebunden und nicht als wäre das etwas was eben…

[31:49] Durch die patriarchale Sicht auf beide Geschlechter so angenommen wird.

Doch doch! Wie die Frau –sagen wir mal – die Menstruation zum Beispiel wahrnimmt, welchen Einschnitt ihrer persönlichen Freiheit sie dadurch wahrnimmt, das ist ja wiederum kulturell bedingt und das sagt sie ja auch.
Also das ist ja nur eine Hinleitung dessen, was sie darunter versteht, dass der Körper eine Situation sei. Und das könnte ja keine Situation sein, wenn das faktisch wäre.

[32:19] Also ich meine, in der heutigen Gesellschaft ist es ja hoffentlich so, dass die Menstruation nicht als zwingendes Mittel dazu empfunden wird, beziehungsweise der gesamte weibliche Zyklus oder Menstruationszyklus, um das neutral auszudrücken, dass ich jetzt zwingend Kinder bekommen muss. Das ist ja nicht mehr so. Dennoch steckt da ein Funken Wahrheit, wie du es gerade gesagt hast, oder Feststellung schon drin, Denn ich kann jetzt ja auch nicht einfach sagen: Ja gut, dann habe ich halt keine Menstruation mehr, sondern ich muss mich ja zwingend irgendwie damit auseinandersetzen und je nachdem, was für eine körperliche Verfassung man hat, schränkt einen das natürlich auch in gewisser Weise ein.

Mhm. Ja, klar. Das verstehe ich schon. Ich fand auch ganz interessant, dass hier wieder – mit diesem Blick auf diesen Aristotelismus – eben eine dezidiert anti-aristotelische Position drin steckt. Also nach Aristoteles gibt es immer das Wesen, die Substanz von etwas und dann gibt es Eigenschaften, die dazu geordnet sind. Und wenn du halt den Körper der Frau als Situation beschreibst, dann ist das ja etwas, die dezidiert nicht substanziell ist, sondern es ist etwas, was halt in verschiedenen Ausformungen auftritt. Das fand ich jetzt mit Blick auf den Beginn dieses Kapitels und das worauf wir gleich noch kommen werden, eine interessante Perspektive. War mir auch so nicht klar, dass Beauvoir diese Position vertritt.

[33:44] *Musik*

[33:57] Hallo hier spricht Daniel aus dem Schnitt. Ich denke an dieser Stelle ist es gut, für heute Schluss zu machen.Wenn euch das hier gefällt, dann hinterlasst uns doch mal eine Rezension für diesen Podcast auf Apple Podcasts, oder eben einen Kommentar, entweder auch als Audio-Kommentar wie Benjamin oder auch gerne schriftlich im Blog, dann werden wir in einer der nächsten Folgen darauf eingehen. Ich danke euch, dass ihr uns eure Zeit geschenkt habt.

Die Kontrolle über sein Leben verlieren

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Daniel
gendert ganz kontrolliert

Tagebuch der schönen Gedanken

Neulich erhielt ich diesen Kommentar auf TikTok:

„Wer Gendert, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Warum das aus gleich zwei Gründen interessant ist, gehe ich heute nach.  Ich spreche über gendergerechte Sprache und auch über das Meme „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“ und analysiere das Verhalten des Users „BumBum“, der offensichtlich eine verzerrte Wahrnehmung seiner sozialen Schicht hat.

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Tyrannenmord bei Shakespeare, Thukydides, Cicero und Thomas von Aquin

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Daniel
ist kein Tyrann

Tagebuch der schönen Gedanken

Das Lesen von William Shakespeares „Julius Cäsar“ brachte mich auf die Frage: Woher stammt eigentlich das Konzept des Tyrannenmords. Ich bin auf Spurensuche bei Thukydides, Cicero und Thomas von Aquin gegangen.

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Aristoteles – Metaphysik … oder die Suche nach der Struktur der Welt

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Daniel
sucht die Struktur

Aristoteles – Der Logiker – Folge 11

Wäre es nicht toll, mal was praktisches von Aristoteles zu lernen? Etwas, das euch zum Beispiel bei der nächsten Steuererklärung hilft? Das bekommt ihr hier nicht! Stattdessen geht es um Metaphysik, die nerdigste aller philosophischen Disziplinen. Ich erläutere den Begriff und frage, wie Ari auf die Idee kam, solche abgehobenen Fragen zu stellen. Schaut die Folge, um zu sehen, dass Aristoteles‘ Metaphysik dennoch etwas von Punk hat!

 

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Mataphysik – die nerdigste aller philosophischen Disziplinen

Hallo, mein Name ist Daniel und ich möchte euch von Philosophie erzählen. Genauer gesagt möchte ich euch von Metaphysik erzählen, der nerdigsten aller philosophischen Disziplinen. Wisst ihr noch, was Metaphysik ist? Nein? Am besten schaut ihr dann noch einmal meine Playlist zu Platons Ideenlehre. Ich warte hier so lange.

Fertig? Okay, für alle, die zu faul dazu waren, schaue ich noch einmal in mein kleines philosophisches Lexikon:

Der Begriff der Metaphysik stammt aus der Aristoteles-Rezeption. Der Legende nach wurden so die Bücher Aris genannt, die in der Bibliothek des Lyceums hinter Aris Buch „Physik“ standen.

Wie ich bereits in einer der Folgen gesagt habe, die ihr euch weigert, zu sehen, wäre diese Legende – sollte sie wahr sein – ein enormer Zufall, denn der Name ist sehr passend. Aristoteles seinerseits sprach allerdings stets von der „ersten Philosophie“, der Wissenschaft von den ersten Prinzipien und Ursachen.

Was untersucht die Metaphysik?

Metaphysik will untersuchen, was hinter der Natur,  hinter der Physik liegt. Hinter dem, was wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Und was wir nicht mit Messgeräten erfassen können. Mit dem, was wir nur noch denkend begreifen können. Im Kern geht es in der Metaphysik um drei Fragen:

  1. Was ist das Wesen Gottes? Wir kommen in einer späteren Folge darauf zurück.
  2. Was ist die Seele? Da Aristoteles ein eigenes Buch darüber geschrieben hat, werden wir uns dem natürlich auch widmen.
  3. Und schließlich: Was das Wesen der Welt ist oder konkreter was das Seiende ist, beziehungsweise die Frage: Was ist die Struktur der Welt? Das wird die Frage sein, um die wir uns in den nächsten Folgen hauptsächlich kümmern.

Wichtig dabei ist, dass es der Metaphysik – wie der Name schon sagt – nicht um Physik, nicht um Atome und Elemente geht. Metaphysik beschäftigt sich nicht mit den sinnlich (oder auch instrumentell) wahrnehmbaren Dingen, sondern stellt Fragen zu den noch dahinter liegenden Strukturen, die wir uns nur noch durch reines Nachdenken erschließen können. Mit den Konzepten, die wir immer schon voraussetzen müssen, bevor wir überhaupt anfangen können, Physik zu betreiben.

Puh, klingt das mal wieder abgehoben. Und ich kann auch gar nicht leugnen, dass es so ist. Aber lauft mir einfach mal ein bisschen hinterher wie Aris Schüler ihm, wenn er dozierte und vielleicht ergeben sich dann ja ein paar spannende Gedanken.

Der Kreis als metaphysisches Objekt

Und um das mal ein bisschen aus diesen abgehobenen Sphären herunterzusteuern in eine Höhe, in der wir noch atmen können. Wir können uns fragen: Was ist ein Kreis? Und die mathematische Definition geben: Ein Kreis ist eine Figur, bei der alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Das führt uns aber vor das Problem, dass es in der Welt kein solches Ding gibt. Allein schon, weil, immer wenn wir Archimedes-mäßig ungestört unsere Kreise ziehen, die Linie, die wir dafür machen, eine Ausdehnung hat, also in ihrer Breite aus mehr als einem Punkt besteht und somit nicht alle Punkte im Kreis gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Wenn es also in der Welt keinen Kreis gibt, der unserer Definition entspricht, was ist dann ein Kreis? Er kann nichts sein, was in der Welt der Wahrnehmung, der Physik zu finden ist. Er muss etwas metaphysisches sein.

Ein anderes Beispiel: Wissenschaft ist immer Abstraktion Wenn ich etwas wissenschaftlich untersuchen will, dann kann ich nie alle Phänomenbereiche eines Dings gleichzeitig ins Auge fassen. Stattdessen muss ich mich auf einen bestimmten Aspekt konzentrieren und von den anderen Aspekten abstrahieren. Wenn wir zum Beispiel die Sonne untersuchen wollen, dann müssen wir von ihrer vollen Wirklichkeit abstrahieren und uns auf einen Teilaspekt ihrer Existenz konzentrieren. Wir können das mit Blick auf die Klimakrise dahingehend machen, wie stark ihr Energie-Output ist, wie viel dieser Energie bei uns ankommt und wie viel sich davon von Solarzellen absorbieren lässt. Wir können die Sonne aber auch als Objekt der Astronomie auffassen. Ihre Bewegungen und Kräfte als Himmelskörper untersuchen. Wir können uns anschauen, was Chemisch oder Atomar in der Sonne vorgeht. Wir können aber noch weiter abstrahieren und die Sonne auffassen als Objekt der Geometrie. Welche geometrische Form hat ihr Körper? Dieses Abstraktion lässt sich nun noch weiter treiben, wenn wir auch noch von allen geometrischen Bestimmungen abstrahieren. Dann erhalten wir die Sonne lediglich als Zählbares. Es gibt 100 bis 400 Milliarden Sterne in der Milchstraße. Im Sonnensystem gibt es mit Sonne und den acht Planeten neun große Objekte. Jetzt wird die Sonne nur noch als ein Zählbares betrachtet, und in dieser Auffassung wird von ihrer vollen Wirklichkeit noch viel weiter abstrahiert als in der astronomischen, der geometrischen Betrachtung oder den anderen.

Aber nach Aristoteles kann diese Abstraktion noch einen Schritt weiter getrieben werden. Die Sonne kann nicht nur als beweglich, als durch geometrische Formen bestimmt, als zählbar gedacht werden. Viel mehr kann in einer letzten Abstraktion die Sonne lediglich auf ihr Sein hin betrachtet werden. Wenn wir nun jedes Seiende in einer solchen bis an das Ende getriebenen Abstraktion lediglich auf sein Sein hin betrachten, dann erhalten wir die aristotelische Bestimmung der Metaphysik, die primär auf das gerichtet ist, was vom Sein, als Sein ausgesagt werden kann. Das ist der Untersuchungsgegenstand der Metaphysik.

Warum interessierte sich Aristoteles für Metaphyisk?

Doch bevor wir uns weiter mit inhaltlichen Fragen beschäftigen, möchte ich erst noch einmal der Frage nachgehen, warum Ari sich überhaupt dafür interessierte. Warum fragte er stattdessen nicht ob Jack nicht vielleicht doch auf diese fucking Tür gepasst hätte? Was er übrigens bestimmt auch gemacht hätte, hätte er Titanic sehen können.

Natürlich stand der alte Grieche wieder einmal in der Tradition seiner Vorgänger. Zum einen natürlich die Vorsokratiker, die aufgehört hatten, alles mit Göttern zu erklären und stattdessen mit logisch-kritischem Denken anfingen und versuchten, rationale Prinzipien im Weltgeschehen zu erkennen. Ari, der nerdige Methodiker hat das alles gelesen und dann erst einmal die Trennung vorgenommen zwischen Naturphilosophie oder Physik auf der einen Seite und Metaphysik auf der anderen Seite, was die ollen Vorsokratis noch so UNVERANTWORTLICH in einen Topf geworfen hatten.

Darüber hinaus gab es aber eine noch viel direktere Strömung über Aristoteles‘ Lehrer Platon und dessen Lehrer Sokrates. Erinnert euch: Die alte Socke wollte immer herausfinden, was „das Allgemeine“ ist. Das, was Einzeldingen gemeinsam ist. Sokrates fragte, was das für ein merkwürdiges Ding ist, das aus einzelnen tapferen Taten das allgemeine Konzept der Tapferkeit macht. Gibt es überhaupt die Tapferkeit als ein Allgemeines? Dadurch, dass es viele verschiedene Handlungen gibt, drängt sich uns der Gedanke auf, dass es allgemeine Tapferkeit geben muss. Die Frage, die wir uns dann stellen müssen, ist: Wo existiert dieses Allgemeine?

Diese Frage wurde zum großen methodischen Grundprinzip von Platon. Und mit Blick auf die Welt beantwortete er sie mit: „Das Allgemeine sind die Ideen“. In seinen Dialogen unterschied Platon hier nicht systematisch zwischen Erkenntnistheorie und Metaphysik, bzw. „Ontologie“.

„Onto-WTF?“, was ist denn dass jetzt schon wieder? Na das ist genau die Lehre von der Struktur der Welt. Mein kleines Philosophie-Lexikon mal wieder:

„Ontologie … ist die Lehre vom Sein als solchem, von den allgemeinsten Seinsbegriffen, Seinsbedeutungen und Seinsbestimmungen.“

Natürlich nahm wieder einmal Ari diese Trennung zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie vor. Wenn etwas nicht in eine Schublade passte, dann wurde der Hipsterbartträger ganz hibbelig und doktorte solange daran rum, bis es sich fein, ordentlich wegsortieren ließ.

Aristoteles, der Erbe von Platon?

Der junge Ari sitzt also in der platonischen Akademie und hört sich den ganzen Tag an, dass es eine Welt hinter der Welt gibt, dass es dort immerwährende Ideen gibt und dass unsere Welt mit ihren konkreten Einzeldingen nur ein Abbild der wahren Welt der Ideen ist. Und wie das Adoleszente schon immer gemacht haben so machte das auch Ari: Er rebellierte gegen seinen großen, weltberühmten Lehrer. Sagte: Fuck The System of Ideas! Wenn hier irgendwas real ist, dann jawohl die konkreten Einzeldinge und alles andere ist ausgedachter Kokolores!

Was Ari genau an der Ideenlehre störte, wie er zu seiner punkigen These von den konkreten Einzeldingen als die zugrundeliegende Struktur der Welt kam und in welche Probleme er damit stolperte, als er älter wurde – das sollen die Themen der nächsten Folgen sein. Also abonniert meinen Kanal, damit ihr die nicht verpasst und erzählt euren Omas und Opas davon. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

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Stephan Lessenich und die Vernunft

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Tagebuch der schönen Gedanken

Ich krame ein altes Format wieder aus dem Aktenschrank hervor: Das Tagebuch der schönen Gedanken. Mein schöner Gedanke dreht sich um Stephan Lessenich, Vertreter der Frankfurter Schule. Mit kritischer Theorie denkt er über ausgelagerte Unvernunft, konservative Utopie und damit einhergehend den konservativen Vernunftsbegriff nach.

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Der Konflikt zwischen Ethik und Ästhetik in Tár und das Verhältnis von Kunst und Künstler*in

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Eine Szenen-Analyse zum Film Tár und den Fragen, ob sich Kunst und Künstler*in trennen lassen und ob es legitim ist, Kunst aus ethischen Gründen abzulehnen

In einer Szene, die das Herzstück seines Films Tár darstellt, beschäftigt sich Regisseur und Drehbuchautor mit den Fragen, ob sich Kunst und Künstler*in trennen lassen und, was mehr Gewicht hat: Ethik oder Ästhetik. Nebenbei ist die Szene ein Meisterstück in sophistischer Gesprächsführung. Ich habe mir die Argumente detailliert angeguckt: Eine philosophische Szenenanalyse.

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Szenen-Analyse von Tár

Heute mache ich mal was anderes. Ich bespreche zwei Themen: Der Konflikt zwischen Ethik und Ästhetik sowie das Verhältnis von Kunstwerk zu Künstler*in anhand einer Szenen-Analyse von Todd Fields Film Tár aus dem Jahr 2022 mit Cate Blanchett als Lydia Tár in der Hauptrolle.

Aber keine Sorge, ich mache keine Film-Analyse, sondern bleibe wieder philosophische Dilletante. Auch wenn eine filmische Analyse hier spannend wäre. Daher kurz ein paar Eckdaten:  Die Szene, um die ich mich kümmere, beginnt nach 25 Minuten Laufzeit des Films. Es handelt sich um einen mehr als 10 Minuten dauernden Longtake, es gibt also keine Schnitte, stattdessen ist es eine zusammenhängende Kamerafahrt. In der Szene gibt Lydia Tár eine Masterclass in der Musikschule Juilliard. Sowohl Cate Blanchett als auch die Kamera bewegen sich dabei sehr frei durch den Vorlesungssaal, führen ein Ballett auf. Zugleich sorgen Kamera-Einstellungen und Schauspiel von Cate Blanchett durchgehend dafür, dass ein Ungleichgewicht in den Machtverhältnissen zwischen Tár und dem Schüler Max auftritt. Hier wird kein Dialog auf Augenhöhe geführt, sondern Tár spielt bewusst ihre Macht aus, um diesen Wortwechsel zu gewinnen. Entsprechend sind die vielen Sophismen, also rhetorischen Tricks, um das Argument zu gewinnen, die Tár begeht, kein Versehen, das Regisseur und Drehbuchautor Todd Field unterlaufen ist, stattdessen hat er sie bewusst eingebaut, um etwas über Társ Charakter zu erzählen.

Dennoch spricht auch hie und da meines Erachtens der Autor aus den Seiten, dann weise ich explizit darauf hin. Springen wir in die Szene mit einer kleinen szenischen Einführung:

Die Szene beginnt mit Max im Vordergrund Tár steht im Hintergrund, doch in dem Moment, in dem wir ihn zum ersten Mal erblicken, unterbricht Tár schon sein Dirigieren. Sie tritt an ihn heran, legt ihm kurz die Hand auf dem Arm.

Die Herabwürdigung als rhetorisches Mittel

Als nächstes fragt sie ihn, warum er sich für die Musikschule Juilliard entschieden hat. Max entgegnet, dass es die beste Schule sei und Tár stellt dieses Motiv in Frage und damit auch schon ein bisschen, ob er überhaupt ein Recht hat, da zu sein. Sie kitzelt heraus, wer ihn inspiriert hat. Er antwortet: Sarah Chang. Chang ist eine amerikanische Violinistin mit koreanischen Eltern, sie ist eine der erfolgreichsten Violinistinnen der Welt. Max selbst ist auch Violinist.

Tár beginnt, das Stück herabzuwürdigen, das Max ausgesucht hat: Da er Violinist ist, war er wohl daran gewöhnt, einem Haufen Streicher dabei zuzuhören, die sich verhalten, als würden sie ihre Instrumente stimmen.

Die Herabwürdigung ist eine sophistische Technik, welche Tár in der gesamten Szene immer wieder anstelle von inhaltlichen Argumenten einsetzt. Sie macht das, um diskursive Hegemonie herzustellen. Die Herabwürdigung erfüllt einen doppelten Zweck. Sie erniedrigt ihren diskursiven Kontrahenten Max, hält ihn klein und lässt ihn so argumentativ nicht die Oberhand gewinnen. Zugleich findet die Auseinandersetzung vor einem Publikum statt und diesem Publikum wird signalisiert, wer hier die Hoheit hat.

Tár nennt das von Max ausgesuchte Stück „very au courant“. Was ein fancy Ausdruck dafür ist, dass es hip ist. Die Anweisungen der Komponistin in der Partitur lesen sich laut Tár wie „René Redzepis Rezept für Rentier“. René Redzepi ist ein dänischer Koch. Sein Restaurant wurde mehrfach als das beste der Welt ausgezeichnet. Mit diesem Satz würdigt Tár nicht nur die Komponistin herab, indem sie ihr den Status einer Musikerin abspricht, es ist auch die erste latent stereotype Bemerkung. Da Redzepi Däne ist, kocht er bestimmt Rentier.

Schließlich schickt sie Max mit einem ironischen „It is exciting to play new music“ von der Bühne. Damit bezieht sie sich auf Neue Musik, eine Strömung in der klassischen Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, die versucht, zu erweitern, was klanglich, harmonisch, melodisch und rhythmisch in klassischer Musik ausdrückbar ist. Tár lässt durchblicken, dass sie nichts davon hält.

Nun nimmt Tár die Studentin Olive Kerr dran, fragt, was sie von dem „was wir gerade gehört haben“ hält. Olive findet das Stück pretty awesome, es habe große atonale Spannung. Tár stimmt zu – was die Spannung anbelangt, nicht, was das ästhetische Urteil betrifft. Die Glückseligkeit „So genannter“ atonaler Musik könne man intellektuell betrachten oder darauf intellektuell masturbieren. Aber die wichtige Frage sei, was man dirigiert.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Tár noch nicht ein inhaltliches Argument gebracht hat, was schlecht sei an Neuer Musik. Ich glaube nicht, dass Ästhetik rein subjektiv ist, ich glaube durchaus, dass man sich inhaltlich streiten kann, was schön ist und was nicht. Aber dafür muss man Argumente bringen. Tár hat das bislang nicht gemacht. Stattdessen hat sie nur Sophismen benutzt, sprachliche Tricks, um die Musik herabzuwürdigen.

Die Trias Künstler*in – Interpret*in – Rezipient*in

Tár spricht weiter und bringt jetzt erstmals ein Inhaltliches Argument. Gute Musik muss zwei Fragen beantworten: Was ist ihr Effekt? Und was macht sie mit mir? Sie wendet sich wieder Max zu und fragt: Max, was denkst du?

Max beruft sich auf die Komponistin des Stückes, das er dirigiert hat, selbst: Anna Thorvaldsdottir. Anna Thorvaldsdottir ist eine mehrfach ausgezeichnete isländische Komponistin, die mit renommierten Orchestern in der ganzen Welt gearbeitet hat. Laut Max sagt sie, dass sie von Form und Struktur der Landschaft beeinflusst wurde, in der sie aufwuchs.

Max hat hier seinerseits einen Sophismus eingesetzt: Namedropping. Er beantwortet die Frage von Tár nicht, sondern glaubt, wenn die Komponistin das gesagt habe, dann muss es ja stimmen. Zugleich schränkt er das wieder ein mit: Er sei nicht sicher, ob sich das auf „those actual sounds“ bezieht. Max macht das aber nicht aus einer Position der Stärke heraus sondern aus der Position der Unsicherheit.

Hier wird zum ersten Mal die Frage aufgemacht, wer eigentlich das Sagen hat, wie ein künstlerisches Werk zu verstehen ist: der*die Autor*in oder der*die Rezipient*in. Diese Frage ist eine von zwei, die die weitere Szene bestimmen werden.

Tár begeht den nächsten Sophismus, indem sie gar nicht auf Max Argument – so schwach er es auch selbst gemacht hat – eingeht, sondern nur kommentiert mit „Very Punkt Kontrapunkt“ (Deutsch im Film). Ein Kontrapunkt ist eine Gegenstimme zu einer Stimme in einer Komposition. Tár kommentiert also nur Max‘ eigene Performance, seine Unsicherheit und damit verbundene Unfähigkeit sein Argument vorzutragen. Sie demonstriert erneut, dass sie in einer Position der Macht ist.

Die Intention von Anna Thorvaldsdottirs Komposition sei vage, wenn man das überhaupt sagen könne. Erneut wird hier das Thema gestreift. Fragt euch selbst: Müsst ihr die Intention einer Musikerin kennen, die sie bei der Komposition hatte, um das Stück gut zu finden? Wenn die Intention der Komponistin vage sei, wie solle man als Dirigentin dann eine überhaupt eine Position dazu einnehmen können, fragt Tár rhetorisch.

Hier bringt sie ein weiteres Element in der Beziehung zwischen Autor*in und Rezipient*in ins Spiel. Denn Musik ist eine zweiphasige Kunst. Musik wird komponiert und dann (insbesondere klassische Musik) von anderen Menschen aufgeführt. Bei der Frage, was sie bedeutet, haben also Autor*in, Interpret*in und Rezipient*in ein Wörtchen mitzureden.

Tár räumt ein, dass es Zeiten geben kann, in denen man keine andere Wahl hat. Wenn man vor einem Orchester steht und so tun muss, als gäbe es diese unsichtbaren Strukturen. Aber sie betet die Studierenden an, dass sie sich die Peinlichkeit sparen sollen, ein Auto ohne Motor zu verkaufen.

Oh, boy! Das ist spannend. Denn Tár offenbart hier ein unglaublich altmodisches Kunst-Verständnis. Und mit alt meine ich nicht „OK, Boomer!“-alt sondern mindestens 100 Jahre alt und offen gesagt in der Ästhetik auch gar nicht mehr ernst zu nehmen. Sie sagt, dass ALLES, was zählt, die Frage ist: „Was hat sich der Autor dabei gedacht?“. Das ist schlicht falsch, insbesondere da sie von „unsichtbaren Strukturen“ spricht. Das scheint ein klarer Verweis auf den Strukturalismus zu sein, wonach die Bedeutung eines Kunstwerks sich nicht aus der Intention des*der Künstler*in ergibt (die BTW per Definition unsichtbar ist), sondern durch die Position des einzelnen Symbols im Symbolsystem. Durch die Strukturen, zu denen es in Beziehung und Kontrast steht.

Aber vor allem: Diese Strukturen sind gerade bei klassischer Musik nicht unsichtbar. Sie stehen auf dem fucking Notenblatt. Man kann Symbolsysteme auf einem Spektrum von komplett analog (Malerei) bist komplett digital anordnen. Und die Partitur ist komplett digital. Sie ist ein Code. Eine ein-eindeutige Zuordnungsvorschrift. Noten lassen sich in Töne transkribieren, und Töne in Noten ohne Informationsverlust. Tár tut so, als gäbe es diesen Code nicht, als gäbe es nur die Autorenintention. Bei der wir uns wieder fragen müssen: Wie gelangt die denn vom Kopf des Autors in unseren? Es kann nur einen Weg geben: Mit einem Symbolsystem, wie es zum Beispiel die Partitur ist.

Damit will ich nicht sagen, dass sich das gleiche Musikstück nicht verschieden interpretieren lässt, so, wie Tár es uns in Kürze zeigen wird. Aber die Interpretation liegt bei der Trias Künstler*in – Interpret*in – Rezipient*in eben in der Mittelposition, bei der Interpretin. Mit anderen Worten, genau das ist Társ fucking Job: Dem Auto einen Motor bauen.

Nun sei die Zeit, Musik zu dirigieren, die wirklich etwas von dir verlangt, sagt Tár. Musik, die jede*r kennt, aber anders hören wird, wenn die Studierenden sie für das Publikum interpretieren.

Das ist also das zentrale Verständnis von Tár als Dirigentin. Es ist eine konservative Position, aber nicht unerhört. Sie hat hier ihren zentralen Wert dargelegt, worauf es ihr als Dirigentin ankommt. Den müssen wir nicht teilen, aber da sie in dieser Szene als Lehrerin auftritt, ist das genau die Art von Wegweiserin, die wir uns wünschen. Schauen wir, wie sie fortfährt.

Ethik und Ästhetik: Wie schlimm war Johann Sebastian Bach?

Als nächstes fragt Tár: Warum nicht eine Kyrie? Kyrie eleison bedeutet „Herr erbarme dich!“ und ist der Beginn einer christlichen Litanei, also eines traditionellen, im Wechselgesang vorgetragenen Gebetes. Es gibt diverse klassische Stücke, die diese Litanei vertonen. Schon ziemlich random, warum Tár ausgerechnet das vorschlägt. Das ist eigentlich ein klassischer Whataboutism.

Ein Whataboutism ist ein Sophismus, bei dem ich vom Thema ablenke. Statt einen Punkt auszudiskutieren. Hier die Frage: Was sind die Qualitäten von Anna Thorvaldsdottirs Komposition. Statt das zu diskutieren, fragt Tár: Ja, okay. But what about Bach?

Und genau das brauchte das Drehbuch, denn Tár fragt Max, warum er nicht Bachs H-Moll-Messe erwählt hat. Weirdly specific.

Max: antwortet: „I’m not really into Bach.“ Tár quittiert das mit Unglauben.

Zur Einordnung: Da Tár faktisch kein inhaltliches Argument gebracht hat, das gegen Anna Thorvaldsdottir spricht, war alles, was sie bisher gesagt hatte, nichts anderes als „I’m not really into Anna Thorvaldsdottir.“ Sie hat bislang noch kein Argument vorgelegt, warum Bach Thorvaldsdottir überlegen ist. Sie setzt das einfach kontrafaktisch voraus.

Tár fragt als nächstes, ob Max das Schweitzer-Buch gelesen habe. Albert Schweitzer war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist und hat ein Buch über Bach geschrieben. Max hat es nicht gelesen. Tár sagt, er sollte, es sei ein wichtiger Text.

Rhetorisch war das wieder der Sophismus des Namedroppings. Wenn Albert Schweitzer dachte, dass Bach gut war, dann muss es Max jawohl auch anerkennen. Und den verdoppelt Tár jetzt auch, indem sie sagt: Antonia Brico dachte auch, dass das Schweitzer-Buch ein wichtiger Text sei.

Die Quelle, die per Name-Dropping belegen soll, dass Bach gut ist, wir jetzt ihrerseits per Namedropping mit Relevanz versehen. Womit ich nicht sage, dass das Buch von Albert Schweitzer nicht tatsächlich gut ist, aber Tár liefert halt wieder keine inhaltlichen Argumente. Ihr geht es nur darum, die Oberhand in der Diskussion zu behalten.

Brico war eine amerikanische Dirigentin und wie wir von Tár erfahren, besuchte sie Albert Schweitzer in Afrika. Das stimmt, sie tat das wohl sogar mehrfach. Allerdings weiß ich nicht recht, ob das nur wegen seines Buches über Bach war. Denn sie kannte Schweitzer schon seit ihrer Kindheit und war mit ihm befreundet. Allerdings war Schweitzer Organist und als Brico ihn als Kind spielen hörte, motivierte sie das, mit dem Klavierspielen zu beginnen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Brico und Schweitzer sich in Afrika über Bach unterhielten.

Aber, dass sie den berühmten Arzt nur wegen des Buches besuchte, ist der nächste Sophismus von Tár, mit dem sie die Schüler*innen manipuliert: Der Fehlschluss der Akzidenz. Das Buch war sicher nur nebensächlich für die Besuche von Antonia Brico und bildete nicht ihr Wesen.

Tár meint, irgendwo habe sie ein Bild von Brico mit Tropenhelm. Ich bin mir nicht sicher ob das nur ein Blümchen ist, um ihre Anekdote auszuschmücken oder ob es den nächste Wortwechsel der Szene schon einleiten soll, der das zweite zentrale Thema der Szene setzt. Der Tropenhelm ist ein vielfach kritisiertes Symbol des Kolonialismus und Albert Schweitzer war berühmt dafür, ihn oft getragen zu haben, sein Denkmal in Weimar trägt ebenfalls einen Tropenhelm und ist nicht zuletzt deshalb kontrovers diskutiert worden.

Wie hängt das mit Tár zusammen? Nun, sie kehrt zu Bach zurück und fragt Max: Hast du denn schon einmal Bach gespielt oder dirigiert?

Max entgegnet: als eine bipoc pangender Person mache Bachs misogynes Leben es ihm unmöglich, seine Musik ernstzunehmen.

Bipoc steht für Black, Indigenous, and People of Color. Und Pangender bedeutet, dass Max sich nicht ins binäre Geschlechterschema einordnet, sondern seine Geschlechtsidentität sowohl traditionell als männlich als auch traditionell als weiblich klassifizierte Elemente umfasst.

Es ist schon auffällig, dass Todd Field hier die Geschlechtsidentität „Pangender“ gewählt hat. Versteht mich nicht falsch, ich unterstütze euer Recht auf das Ausleben eurer Geschlechtsidentität, wenn ihr euch als Pangender identifiziert. Gut für euch! Aber es ist – denke ich – fair, zu sagen, dass diese Geschlechtsidentität relativ selten ist. Das meine ich, damit, wenn ich sage: Es ist auffällig, dass Todd Field sich ausgerechnet für sie entschieden hat und nicht für geläufigere Identitäten wie Trans- Non-Binary oder Genderfluid. Denn – wie wir gleich im weiteren Verlauf der Szene sehen werden – geht es ihm nicht um die Repräsentation einer im Film unterrepräsentierten Geschlechtsidentität. Max‘ Geschlechtsidentität spielt nur noch ein einziges Mal in ein paar Minuten eine Rollen und da wird sie GEGEN ihn eingesetzt. Ich sehe hier einen alten weißen Cis-Mann, der sagt: Ah, ja, diese crazy Kids von heute, was die sich alles ausdenken! Ich glaube, wir hören unverhohlen den Autor aus Társ nächstem Satz sprechen:

„Come on. What do you mean by that.“

Aber bevor wir darauf eingehen, lasst uns noch über den Pudel sprechen!

Denn hier sind wir auf des Pudels Kern gestoßen. Max ist nicht bereit, die Kunst vom Künstler zu trennen. Seine These lautet, dass Bach misogyn war und er daher nicht bereit ist, ihn zu spielen. Damit hat Max etwas gemacht, was Tár uns bisher vorenthalten hat: Er hat ein inhaltliches Argument geliefert. Allerdings ist es ein ethisches Argument und kein ästhetisches. Wir stehen also vor zwei Fragen: 1. Ist das Argument stichhaltig? War Bach wirklich so schlimm, dass wir ihn nicht mehr spielen sollten? Und 2. Wann ist es legitim, Kunst aus ethischen Gründen abzulehnen?

Tár entgegnet: Come on. What do you mean by that. Schenken wir ihr höflich glauben, dann ist das eine Bitte an Max, seine These weiter auszuführen. Finde ich gut.

Max: Hat er nicht ungefähr 20 Kinder gezeugt?

Tár: Ja, das ist dokumentiert. Zusammen mit einer beachtlichen Menge an Musik.

Tár zweifelt also nicht die These an, dass Bach viele Kinder gezeugt hat. Maxens Schlussfolgerung, dass er deshalb misogyn war und damit meine Frage 1 (Ist das Argument stichhaltig?), wird nicht weiter thematisiert. Und auch in dieser Entscheidung, das einfach so stehen zu lassen, sehe ich wieder Todd Field vor mir, der die Augen über die woken Gen-Zler verdreht und sagt: „Come on. What do you mean by that?“ Aber diese Worte hat er ja selbst Max in den Mund gelegt und damit dessen Argument so schlecht gemacht.

Viele Kinder zu haben, ist kein Indikator für Misogynie. Dafür müssen wir uns nur einmal überlegen, wie lang die Begründungskette sein muss, um die These, dass Bach misogyn war, mit dem Indiz, dass er viele Kinder hatte, zu untermauern:

  1. Bach hatte 20 Kinder.
  2. Wenn ein Mann 20 Kinder zeugt, dann bedeutet das, dass eine (oder mehrere) Frauen diese 20 Kinder austragen mussten.
  3. Mit Blick auf Bachs beruflichen Erfolg und die Zeit, in der er lebte, ist es nicht unplausibel, dass er seinen beiden Frauen den Großteil der Care-Arbeit überließ.
  4. Ferner müssen wir als stützende These zusätzlich annehmen, dass die beiden Frauen selbst keine intrinsische Motivation hatten, so viele Kinder zu bekommen.
  5. Außerdem müssen wir ausschließen, dass bei der Familienplanung die hohe Kindersterblichkeit eine Rolle spielten, denn nur 10 der 20 Kinder erreichten das Erwachsenenalter.

Selbst wenn wir alle diese Thesen annehmen, ist es noch immer ein wackeliger Schluss, Bach nicht bloß sexistisch, also nicht an Frauenrechten interessiert, zu bezeichnen, sondern explizit als misogyn, also frauenhassend.

Auch hier wieder: Ich habe wenig Ahnung von Bach und will ihn nicht verteidigen. Aber „Weil Bach hatte 20 Kinder zeugte, deshalb war er misogyn“ ist kein logischer Schluss. Es ist noch nicht einmal ein plausibler Schluss, wenn wir Ockhams Rasiermesser bedenken, wonach eine Schlussfolge umso wackeliger ist, umso mehr Hypothesen sie hat. 5 teilweise sehr komplexe Hypothesen, machen die Schlussfolgerung sehr angreifbar.

Ich möchte auch nicht zu viel über Todd Fields Motivation spekulieren, wenn ich das anspreche. Denn es reicht vollkommen, zu sagen, dass es seinen Film schlechter macht, wenn er unsere Frage 2 (Wann ist es legitim, Kunst aus ethischen Gründen abzulehnen?) anhand so eines schwachen Falls bespricht. Es wirkt leider so, als wüsste er nicht genau, worüber er schreibt, wenn er das als Paradebeispiel für die woken Kids von heute annimmt. Denn, wenn ich mir tatsächliche Diskussionen, wie etwa die Debatte, ob Kant rassistisch war und wir seine Texte deshalb noch lesen sollten, betrachte, dann ist die Argumentation für das Canceln von Kant wesentlich stärker. Und es gehört zu einer guten Debatte und zu einem guten Film, der sich mit diesen Debatten auseinandersetzt, dass ich in hermeneutischem Wohlwollen das stärkstmögliche Argument meines Gegenübers annehme und mich damit auseinandersetze. Was Todd Field hier macht, ist ein Strohmann-Argument. Er legt der Gen Z Worte in den Mund, die so klingen, als könnte sie sie äußern. Aber bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass das nicht der Fall ist.

Na, ja. Lasst uns mal weiterschauen. Denn da steckt noch mehr drin.

Kann man die Kunst vom Künstler trennen?

Tár erwidert Max, dass ihr unklar ist, was Bachs Skillz im Ehebett mit der H-Moll-Messe zu tun haben. Ich folge ihr in dem Argument, aus den eben dargelegten Gründen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Aber worauf sie eigentlich hinaus will, ist die These, dass man die Kunst vom Künstler trennen soll.

Das ist eine der am heißesten diskutierten Fragen an der Schnittstelle zwischen Ästhetik und Ethik in der aktuellen Popkultur. Sie hier umfassend zu besprechen, würde den Rahmen sprengen dieser sowieso schon ausufernden Besprechung. Aber ich möchte hier mal ein paar Eckpfeiler einschlagen, warum die Frage so heiß diskutiert wird und warum sie so schwer zu beantworten ist.

Es hängt damit zusammen, dass wir hier einerseits ein Dilemma haben und andererseits so viele – auch intime – Lebensbereiche berührt werden.

Das Dilemma am Grunde der Frage ist: Was ist wichtiger: Ethik oder Ästhetik? Hier wie bei jedem Dilemma ist essentiell, dass sich diese Frage nicht ohne negative Konsequenzen beantworten lässt. Wenn du dich immer für Ethik entscheidest, droht unsere Welt zu verarmen. Denn wo ziehst du die Grenze? Wie schlecht muss ein*e Künstler*in sein, damit wir ihre oder seine Werke nicht mehr rezipieren dürfen? Es liegt im Wesen der Menschen, dass wir nicht nur gut handeln, dass wir böse, dumme, gemeine Dinge tun. Wie viel moralisch Schlechtes reicht, damit ein Kunstwerk zum Tabu wird? Und welche Moral legen wir an? Meine Werte unterscheiden sich von deinen!

Aber ein Dilemma wäre kein Dilemma, wenn nicht auch die andere Option, die strikte Trennung von Kunst und Künstler*in negative Konsequenzen hätte. Diese entspringen daraus, dass in unserer Welt Popkultur einen so hohen Stellenwert hat und mit Erfolg in der Kunst auch Macht einhergeht. Sollten wir Harvey Weinstein seinen jahrzehntelangen Missbrauch durchgehen lassen, weil so viele geile Filme von Miramax produziert wurden? Wenn J. K. Rowling öffentlich gegen trans Menschen agitiert, steigt das Risiko, dass trans Menschen zu Opfern von transfeindlicher Gewalt werden. Und jedes Mal wenn Roman Polanski einen Filmpreis erhält, führt dass dazu, dass die Frauen, die er vergewaltigt hat, sein Gesicht in den Medien sehen müssen – mit anderen Worten: Es führt zu Leid.

Das ist das Spannungsfeld, in dem diese große Frage sich befindet und deshalb ist es nicht möglich, sich klar und widerspruchsfrei für die eine oder andere Seite zu entscheiden. Hinzu kommt, dass Kunst uns prägt und zugleich ein riesiges Geschäft ist. Entsprechend Fragen der Identität, des Erwachsenwerdens, der Macht und viele weitere Themenkomplexe hier mit hineinstrahlen.

Doch folgen wir weiter Tár in ihrer Argumentation:

The Soul selects her own Society

Tár sagt: Sure, Alright, whatever. Das ist deine Wahl.

Womit sie ihren vorgetäuschten Wunsch nach Verständnis schon wieder ad acta gelegt hat. Dann sagt Tár: After all a soul selects her own society.

Damit zitiert sie Emily Dickinsons Gedicht „The Soul selects her own society“.

Dickinson schreibt:

The Soul selects her own Society-

Then shuts the Door-

To her divine Majority-

Present no more-

Unmoved-she notes the Chariot-pausing

At her low Gate-

Unmoved-and Emperor be kneeling

Upon her Mat-

I’ve known her-from an ample nation-

Choose One-

Then-close the Valves of her attention-

Like Stone

Für Dickinson ist das ein Wert. Die Seele sucht sich eine Person aus, mit der sie etwas zu tun haben möchte. Der Rest der Welt muss draußen bleiben. Dickinson schreibt, dass die Seele nichts anderes braucht, als diese eine Gleichgesinnte, da mögen Streitwagen vor ihren Toren halten oder Imperatoren niederknien, die Seele bleibt ungerührt davon, hat sie ihre Wahl nach der besten Gesellschaft doch bereits getroffen. Dickinson fordert die gemeinsame Isolation und plädiert für das Schließen der Ventile, die die  Außenwelt aussperren.

Was Dickinson mit dem Prädikat göttlich belegt, wendet Tár ins Negative, versteht es nicht als ein Loblied auf das autonome Ich, das losgelöst von der Welt entscheiden kann, womit es sich umgibt, sondern sieht das Schließen der Ventile der Aufmerksamkeit als einen Verlust an.

Diesen kurzen Abschnitt in Társ quasi-monologischen Dialog mag ich sehr. Mit zwei Zeilen aus einem Gedicht, hat sie uns beide Lesarten zu ebenjenem Gedicht von Emily Dickinson hingeworfen. Denn ich kann sowohl einen Wert in der selbst geschaffenen Filterblase sehen – es ist ein Safe Space – als auch einen Verlust – es ist eine Echokammer, die nur meine eigene Stimme verstärkt und verhindert, dass ich für neue Einflüsse offenbleibe.

Doch, indem Tár das nur implizit andeutet mit einer Referenz, die man erst einmal verstehen muss, hat sie  in einem performativen Widerspruch selbst die Tore geschlossen. Sie will gar nicht, dass alle sie verstehen. Sie will sich über die Kretins erheben und damit macht sie genau das, was sie im nächsten Abschnitt wieder kritisiert:

Das Slippery-Slope-Argument

Viele Symphonieorchester würden sich heutzutage als Silos aufspielen, die entscheiden, was akzeptabel ist und was nicht. Sie sähen es als ihr imperiales Recht an, für dir Kretins zu kuratieren. Daher läge ein Gewinn darin, Maxens „Allergie“ zu untersuchen – slippery as it is.

Mit „Slippery as it is“, spielt Tár darauf an, dass sie ein Slippery-Slope-Argument macht. Das Argument besagt, dass man, wenn man einen bestimmten Schritt getan hat, auf eine schiefe und glatte Ebene gerät und nicht mehr anhalten kann. Im Grunde ist es das Argument, welches ich oben schon expliziert habe: Wenn du ein Kunstwerk, verbannst, da sein*e Schaffer*in etwas moralisch Schlechtes getan hat, gerätst du in Gefahr, alle Kunstwerke zu verbannen, da Menschen keine engelsgleichen Wesen sind und moralische Fehltritte in unserer Natur liegen. Wir bräuchten keine Ethik als Lehre von Gut und Böse, wenn es nicht den Menschen inhärent wäre, auch böse zu handeln.

Zugleich spricht Tár aber Max auch jedwede Legitimität ab, indem sie seine Haltung als „Allergie“ diskreditiert, also als krankhaftes Symptom. Sie leugnet damit, dass das von mir angesprochene Dilemma existiert – natürlich wieder einmal ohne Argument, sondern nur durch das sophistische Mittel der Herabwürdigung.

Gibt es Kunst die ihre*n Schaffer*in übersteigt?

Társ Examinierung von Maxens Allergie besteht in der Frage:

Kann klassische Musik, geschrieben von einem Haufen hetero, österreichisch-deutschen, zur Kirche gehenden weißen Typen für uns erhaben sein? Sowohl individuell als auch kollektiv? Und wer, wenn sie fragen darf, entscheidet das?

Das ist eine sehr gute Frage! Ich weiß, dass Pablo Picasso mit Sicherheit sehr misogyn war, er hatte eine Affäre mit der minderjährigen Francoise Gilot, erkannte die mit ihr gezeugten Kinder nicht an, erniedrigte sie so sehr, dass sie ihn verließ und überschüttete sie anschließend mit Hass.  Als Gilot  später mit Luc Simon verheiratet war, sorgte Picasso dafür, dass sie sich scheiden ließ, in der Annahme, Picasso werde sie heiraten, um so die Kinder anzuerkennen, nur um dann zu erfahren, dass der 72-jährige Picasso schon längst wieder mit der 27-Jährigen Jacqueline Roque verheiratet war. Alles Dinge, die ich zutiefst verachte.

Dennoch empfinde ich das Gefühl er Erhabenheit, wenn ich vor einem seiner Bilder stehe und kann mich des Genie-Kultes nicht entziehen, wenn ich an die Meisterleistung denke, die Zentralperspektive abzuschaffen.

Verurteilst du mich dafür? Mit welchem Recht entscheidest du, dass ich als Individuum oder wir als Gesellschaft dieses Gefühl der Erhabenheit nicht empfinden dürfen? Was ist dein Argument? Und wie löst du das von mir beschrieben Dilemma zwischen Ästhetik und Ethik auf. Doch vor allem, und am perfidesten: Wenn ich sage: Ich respektiere, dass du Picasso aus ethischen Gründen ablehnst, du mir aber nicht zugestehst, dass ich Bilder von Picasso dennoch toll finde, wer von uns beiden ist dann moralischer?

Ich kann ich diese Fragen nicht beantworten. Das macht eben ein Dilemma aus und umso toller finde ich, das Tár sie hier aufwirft.

Eher Rhetorisch fragt Tár als nächstes: Was ist mit Beethoven? Mag Max ihn? Denn sie, Tár als U-Haul-Lesbe ist nicht so sicher, was „Old Ludwig“ betrifft.

Der Ausdruck U-Haul-Lesbe bezieht sich auf ein Stereotyp lesbischer Kultur, wonach manche Lesben bereits nach dem zweiten Date zusammenziehen. U-Hauls sind amerikanische Umzugswagen vergleichbar mit dem Status, den der Mercedes Sprinter bei uns hat. Das ist eine epische Vorausdeutung auf Társ Charakter und ihre Affären, die uns im Laufe des Films enthüllt werden und die ich hier nicht vorwegnehmen möchte.

Auch wenn Tár sich nicht so sicher über Beethoven ist, tritt sie ihm dennoch von Angesicht zu Angesicht gegenüber und findet sich Nase an Nase mit seiner Bedeutung und Tragweite wieder. Mit seiner Unausweichlichkeit.

Da stecken wieder zwei Dinge drin. Zum einen bringt hier Tár sich als Interpretin in der Trias Komponist*in – Dirigent*in – Publikum wieder ins Spiel. Deutet an, dass sie ein Wörtchen mitzureden hat, gibt einen Hinweis darauf, wie wir die Kunst vom Künstler trennen können und deutet die nächste Phase der Szene an, auf die wir gleich eingehen werden. Denn zunächst gilt es noch die Frage zu elaborieren, bei der wir es uns nicht zu einfach machen sollten:

Kann es Kunstwerke geben, die so bedeutend sind, dass sie ihren Schaffer, egal wie problematisch er gewesen sein mag, übersteigen?

Nehmen wir Richard Wagner: Er war ein glühender Antisemit. Aber Wagner veränderte auch die klassische Musik. Sie war nach ihm nicht mehr die gleiche wie vorher, hatte sich maßgeblich weiterentwickelt. Wagner erfand (nicht im Alleingang aber maßgeblich) das Leitmotiv. Eine Technik, die in jeder zweiten Filmmusik heute vorkommt. Denkt an die Hobbits aus dem Herrn der Ringe! Hört ihr die Melodie? Und die von Luke Skywalker? Können wir sowas ignorieren? Sollen wir verbieten, dass Leitmotive in Filmkompositionen verwendet werden, weil ein Antisemit sie erfunden hat?

Es ist kompliziert.

Die Macht der Interpretin: Aneignung, Variation und Etikettierung

Tár bittet jedenfalls Max, sich neben sie ans Klavier zu setzen, um einen ähnlichen Blick auf Bach zu wagen. Sie spielt das Präludium C-Dur BWV 846 von Bach. Rhetorisch fragt sie Max, ob ihr Spiel des Stücks nicht filigran sei.

Nun zeigt Tár uns, was es heißt, dass eine Interpretin ein Stück sich aneignet und spielt das Präludium erst, als stamme es von einem Klavier-Schüler aus dem ersten Jahr, dann wie Schroeder, der für Lucy spielt. Schroeder ist der Pianist aus den Peanuts. Als nächstes spielt sie es im Stile von Glenn Gould, einem der berühmtesten Pianisten des 20. Jahrhunderts.

Erst durch diese Variationen gelange man, so Tár, ins Innere des Stücks, verstehe, was es wirklich ist: Eine Frage. Und eine Antwort. Die eine weitere Frage hervorruft. In Bach stecke Demut. Bach tue nicht so, als wäre er sich über irgendetwas sicher. Denn er weiß, dass es immer die Frage ist, die die Hörenden involviert. Es ist niemals die Antwort. Und die große Frage für Max sei: Was denke er?

Bevor wir uns Maxens Antwort anschauen und damit den nächsten Abschnitt des Gesprächs. Lasst uns kurz durchatmen: Hammer! Ich liebe diese 1,5 Minuten! Allein darüber ließe sich eine Dissertation schreiben! Skizzieren wir es grob:

Was macht Tár? Sie spielt Variationen. Variationen zeigen uns einerseits, welche Macht die Interpretin in der von mir vielbesungenen Trias hat. Zumindest bei zweiphasigen Künsten hat die Interpretin ebenjene Macht, die Kunst vom Künstler zu trennen. Sie kann sich ein Stück aneignen, es zum eigenen machen. Deshalb konnte Daniel Barenboim Wagner in Israel spielen. Nicht, weil er dessen Antisemitismus ignorierte, sondern weil er sich die Musik aneignete, die wunderbaren Klänge nicht den Menschenfeinden überließ, die sie als Banner nur allzu gerne vor sich hertragen. Barenboim entriss den Nazis – den alten wie den neuen – Wagner und sagte: Seht her! Ihr kriegt uns nicht tot. Ich spiele diese Musik. Das ist die Macht des Interprets, die dabei helfen kann, die Kunst vom Künstler zu trennen – zumindest bei zweiphasiger Kunst. Wenn wir Roland Barthes folgen, dann bei jeder Kunst, denn wir sind alle Interpreten.

Zugleich ist eine Variation aber nicht losgelöst vom Text, den sie interpretiert. Ich sagte ja: Der ist digital, die Noten sind immer gleich. Doch in der Art wie sie sie spielt, eignet sich die Interpretin die Partitur nicht nur an, sie hilft uns auch, sie zu verstehen. Jede Variation fügt dem Urtext etwas hinzu. Und dann zeigt uns Tár auch noch, wie sie das macht, indem sie sich dem Mittel der Etikettierung bedient. Musik denotiert im Normalfall nichts. Im Gegensatz zu Sprache oder Bildern steht sie nicht für konkrete Dinge in der Welt. Sie ist zunächst einmal gegenstandslos. Es gibt Ausnahmen, wie etwa das Skywalker-Theme, das so fest mit dem Ding „Luke Skywalker“ verbunden ist, dass es Luke repräsentiert. Oder die Nationalhymne, die für das Ding Bundesrepublik Deutschland steht. Aber das sind seltene Fälle. In der Regel denotiert Musik erst einmal nichts. Dennoch ist Musik nicht bedeutungslos, denn sie exemplifiziert. Das heißt, Musik besitzt Eigenschaften, auf die sie sich bezieht.

Das sind einerseits buchstäbliche Eigenschaften: Das Präludium ist in C-Dur, im 4/4.-Takt und noch vieles mehr. Aber das Stück exemplifiziert auch metaphorische Eigenschaften. Wichtig ist, dass das Stück diese Eigenschaften besitzen muss. Ein Stück in Moll kann nicht Freude zum Ausdruck bringen. Aber dennoch sind die Möglichkeiten der Interpretation nahezu grenzenlos. Wie können wir sie einschränken? Zum Beispiel, indem wir Etiketten benutzen. Und genau das macht Tár! Indem sie das Stück mit Frage, Antwort und Anschlussfrage etikettiert, können wir diese Eigenschaften plötzlich hören! Das Gleiche geschieht zum Beispiel mit Nikolai Rimski-Korsakows Hummelflug. Dadurch, dass das Stück den Namen Hummelflug trägt, können wir den Hummelflug hören.

Und schlau, wie Tár ist, benutzt sie Etikettierung sogleich auch dazu, unser Bild von Bach zu ändern. Wir hatten ihn bislang – mehr oder weniger erfolgreich – mit dem Etikett „misogyn“ verbunden. Tár bietet uns nun „Demut“ an. Und sofort hören wir die Demut in Bach! Das Etikett ist dabei sehr clever gewählt, denn ich weiß nicht viel über Bach, außer „irgendwas mit Kirche“, aber in diese Sphäre passt das Etikett „Demut“ ganz exzellent.

Was Tár gemacht hat, ist: Sie hat uns exemplifiziert, welche Macht sie als Interpretin hat. Sie hat dem Auto einen Motor gebaut oder eben die Kunst vom Künstler getrennt – nicht vollkommen, aber eben weit genug für eine Aneignung. Jetzt sagt mir bitte, dass das nicht geil ist!

Und so wie ich Todd Field vorhin kritisiert habe, muss ich ihn hier loben. Denn er macht jetzt etwas verdammt schlaues. Diese 1,5 Minuten sind das Herzstück der Szene und wir wollen alle „Fuck, ja!“ rufen, Banner mit dem Namen Tár drauf schwenken und Max dazu zwingen, Bach zu spielen. Doch selbst in diesem brillant argumentierten Moment lässt Todd Field Tár einen Sophismus reinstreuen, wie eine bittere Wacholderbeere: Tár begeht einen Widerspruch.

Sie sagt:  Bach tue nicht so, als wäre er sich über irgendetwas sicher. Nur, um sich sofort zu widersprechen, dass Bach sich sicher ist, dass es immer die Frage und niemals die Antwort ist, die den Hörenden involviert.

Das ist ein logischer Fehler und zugleich zeigt der uns wieder einen Charakterzug von Tár auf. Denn sie war – von einigen rhetorischen Ausnahmen abgesehen – in dieser Szene nie in der bescheidenen Position der Fragenden. Sie wollte nie wirklich verstehen, was Max an Anna Thorvaldsdottir mag und genauso wenig, ob es ethische Gründe gibt, einen Komponisten abzulehnen. Stattdessen hatte sie immer gleich die Antworten parat.

Der Wechsel von Handlungsethik zum Essentialismus

Und genau darin ist sie Max sehr ähnlich, denn der hat keine Fragen, sondern sagt jetzt:

Sie spielen wirklich gut. Aber heutzutage sind weiße, männliche Cis-Komponisten nicht mein Ding. Cis bedeutet, dass man die sexuellen Organe des Gender hat, mit dem man sich identifiziert.

Das ist ein reines Geschmacksurteil. Oben sagte ich, dass ich nicht glaube, dass Kunst rein subjektiv ist. Tár hat eben fantastische Argumente gebracht, warum Bach gut ist, selbst, wenn er „nicht mein Ding“ ist. Doch Max zieht sich komplett auf den Subjektivismus zurück. Er bietet uns kein weiteres Argument an, sondern argumentiert nur damit, dass er es nicht mag. Dagegen kann niemand etwas sagen. Auf „Das ist nicht mein Ding“ mit „Doch!“ zu antworten ist eine Kategorien-Verwechslung, da ich einer anderen Person ihren Geschmack oder ihre Gefühle nicht vorschreiben kann. Aber eben darum ist es auch kein gültiger Zug in diesem Sprachspiel. Denn dann brauchen wir gar nicht mehr über Kunst zu sprechen, abgesehen von einem Daumen hoch oder Daumen runter wie im alten Rom.

Aber: Was wir hier hören, ist meines Erachtens wieder der Drehbuchautor, der einen perfiden kleinen Trick vollführt, der nur dazu dient, Társ großes Schlussargument vorzubereiten. Denn ursprünglich hatte Max auf der Basis von einer Handlung Bach abgelehnt: Bach sei misogyn. So schwach das Argument dafür auch war, so legitim ist die Position, Menschen für misogyne Handlungen abzulehnen. Doch hier argumentiert Max plötzlich essentialistisch. Er lehnt weiße, männliche Cis-Komponisten an sich ab. Das Prädikat „heutzutage“ ist in diesem Zusammenhang verräterisch. Denn so spricht doch kein Mensch. Ich lehne heutzutage Kartoffelpürree ab. Aber so schreibt ein alter Mann über die crazy Kids HEUTZUTAGE. Die Jugend von heute.

Das Snowflake-Argument

Társ Antwort: Sei nicht so eifrig dabei, dich verletzt zu fühlen.

Das wiederum ist das Schneeflocken-Argument. „Snowflake“ ist eine Beleidigung, die ihren Ursprung im Film Fight Club hat und zu einem rechten Kampfbegriff wurde. Als „Snowflake“ werden links-liberale Menschen von Rechten bezeichnet, mit der Intention, ihnen ein übertriebenes Gefühl der Einzigartigkeit, ein ungerechtfertigtes Anspruchsdenken, übermäßige Emotionen, leichte Kränkungen und die Unfähigkeit, mit anderen Meinungen umzugehen, zuzuschreiben. Das Ziel ist, den Diskurs so zu verschieben, dass nicht über Fragen der Gerechtigkeit gesprochen wird, sondern über die Rechtmäßigkeit von unterstellten Gefühlen, die Menschen haben, wenn man diskriminierende Positionen vertritt.

Es geht nicht darum, was Max fühlt, wenn er Bach hört. Es geht um Fragen der Macht. Weiße heterosexuelle CIS-Männer sind in dieser Welt an der Macht, seit wir Menschen angefangen haben, unsere Geschichte aufzuschreiben. Es ist eine berechtigte ethische Fragestellung: Ob diese Macht nicht mit anderen Bevölkerungsgruppen geteilt werden sollte.

Man kann das Argument führen – wie ich es hier mitunter getan habe –, dass die Frage, ob wir Bach spielen oder nicht, nichts daran ändert, wer an der Macht ist. Aber das hat nichts mit Max Gefühlen zu tun, und jeder Versuch, diese ethische Debatte darauf zu reduzieren ist der Sophismus der Diskursverschiebung.

Der Narzissmus der kleinen Differenzen

Tár fährt fort: Der Narzissmus der kleinen Differenzen führt zu den langweiligsten Konformitäten. Damit beruft sie sich auf  Sigmund Freud, der in Das Unbehagen in der Kultur schreibt, der Narzissmus der kleinen Differenzen sei „eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung“. Missgunst unter ansonsten gleichgestellten Menschen sei nicht aufzuheben. Es erleichtere aber den gemeinschaftlichen Zusammenhalt, wenn die Aggression, statt nach innen, auf benachbarte, nahestehende Gemeinschaften gerichtet werde.

Tár unterstellt also Max, dass er in der gleichen Machtposition wie ein weißer heterosexueller CIS-Mann sei und nur aus Missgunst handele. Sorry, aber das ist einfach nur Bullshit. Tár kleidet hier ein Nicht-Argument in so pompöse Worte, dass es uns nicht auffallen soll.

Nichtdestotrotz steckt da ein winziger Wahrheits-Nugget drin. Ich beschäftige mich ja gerade mit Judith Butler und they stellt sich die Frage: Wenn wir unsere Geschlechtsidentitäten, unsere ethnischen Zugehörigkeiten, unsere sexuellen Orientierungen und unser körperlich-mentales Spektrum immer weiter ausdifferenzieren, wie schaffen wir es dann, die rassistisch CIS-hetero-normativen patriarchalen Machtstrukturen aufzubrechen? Und tatsächlich sehe ich in öffentlichen Debatten immer wieder, wie progressive Menschen sich in In-Fights verzetteln, weil die Volksfront von Judäa und die judäische Volksfront unterschiedliche Vorstellungen von progressiv haben, weshalb die Machtstruktur kalt lächelnd bestehen bleibt. Butler sagt – meinem Verständnis nach – betont eure kleinen Differenzen gerne im ersten Schritt, um euch im zweiten solidarisch zu zeigen.

Aber: Nichts, von dem, was Tár gesagt hat, zielt in die gleiche Kerbe, denn dann müsste sie sich mit Max solidarisieren und nicht mit den weißen Männern an der Macht.

Konnotierter Antisemitismus

Max räumt als Zeichen des Kompromisses ein: Ich vermute, Edgar Varèse ist okay. Ich mag Arcana. Edgar Varèse war ein in die USA immigrierter französischer Komponist des 20. Jahrhunderts. Arcana ist eine symphonische Dichtung für großes Orchester. Ich habe keine Ahnung, warum Max ausgerechnet Varèse okay findet. Da er in der Szene mittlerweile komplett eingeschüchtert ist, ist nicht verwunderlich, dass er keine Argumente liefert.

Aber ich höre hier auch mal wieder sehr stark die Blätter des Drehbuchs rascheln, denn Max kurzer Satz gilt nur als Stichwort für einen Redeschwall von Tár, der später im Film ihren Niedergang begründet.

Max müsse sich im Klaren sein, dass Edgar Varèse einmal berühmterweise gesagt habe: Jazz sei ein N-Wort-Produkt (im Film ausgesprochen), dass von den Juden ausgebeutet wurde. Das habe Jerry Goldsmith nicht daran gehindert, Varèse abzuzocken für seinen Planet-der-Affen-Score. Jerry Goldsmith war einer der berühmtesten Filmkomponisten aller Zeiten. Er war rumänisch-jüdischer Abstammung und hat sich von Edgar Varèse für seinen Planet-der-Affen-Score inspirieren lassen – ein alltäglicher Vorgang in der Musik, ich erwähnte ja auch bereits den Einfluss von Wagner. Dass Tár diesen Prozess der musikalischen Tradition als „Abzocke“ bezeichnet, bedient heftig ein antisemitisches Stereotyp vom kulturstehlenden Juden, das nicht zuletzt Wagner propagierte.

Tár begeht diese Stereotypisierung allerdings nicht intentional, denn sie erkennt Goldsmiths Leistung als „perfekte Beleidigung“ an. Nichtsdestotrotz sind auch in Konnotationen transportierte Antisemitismen gefährlich und sollten unterlassen werden, da seit Jahrtausenden so Erzählungen fortgeschrieben werden, die immer wieder zu großem Leid für Jüd*innen geführt haben.

Diskriminierung und Norm

Tár fährt fort: Das Problem, wenn man sich als ultraschallgesteuerter epistemischer Dissident einschreibt (was auch immer das bedeuten mag, klingt halt geil, nicht wahr?), das Problem dabei sei: Wenn man Bachs Talent reduzieren könne auf sein Gender, Geburtsland, Religion, Sexualität und so weiter, dann geht das auch mit Maxens Talent. Eines Tages, Max, wenn du in die Welt hinausgehst, und du Gastdirigent eines größeren oder kleineren Orchesters bist, wirst du feststellen, dass die Musiker Beurteilungsblätter auf ihren Notenständern haben, mit denen sie dich beurteilen werden. Was wünschst du dir, welches Kriterium sie anlegen, wenn sie das machen? Dein Partiturlesen und deine Stabtechnik? Oder lieber etwas anderes?

Wow, hier kann ich nur noch Slow-Clapping einfügen. Geil oder? Ich habe einige feiernde Kommentare auf Social Media dazu gesehen. Und ich muss euch sagen, das ist wirklich absolut genialer Bullshit!

Denn Tár tut hier so, als hätte Max soeben Diskriminierung erfunden! Aber in Wirklichkeit werden schon heute alle anderen auf dieser Welt neben ihren Handlungen auch für ihre Hautfarbe, ihre Nationalität, ihr Gender, ihre Sexualität und ihre Religion bewertet. Alle außer weißen heterosexuellen christlichen CIS-Männern. Die nehmen wir immer als Norm an. Wir Normis müssen uns für nichts rechtfertigen außer für unser Talent. Bei allen anderen fließt das immer schon in die Bewertung mit ein.

Und – ich sagte es bereits –, das ganze Argument kann an dieser Stelle überhaupt nur geführt werden, weil Todd Field den perfiden Shift von Handlungsethik hin zum Essentialismus gemacht hat.

Wir sind ja ursprünglich von der – schwachen – These ausgegangen, dass Bach misogyn war. Er wurde also nicht einmal auf irgendeinen der von Tár nun aufgezählten Marker reduziert, sondern auf eine Handlung. Und anhand dieser und nicht anhand des Wesens von Menschen kann man den bereits beschriebenen Konflikt zwischen Ethik und Ästhetik austragen.

Zwei verwobene Argumente

Eine Schlusspointe hat Tár noch: Sie Will Maxens „Ding“, seine Kriterien berücksichtigen: Anna Thorvaldsdottir wurde in Island geboren und Anna sei auf eine Waldorf-Lehrer-Art-und-Weise eine superheiße junge Frau. Wie könne man irgendetwas davon mit Max zusammenbringen, fragt Tár. Und an dieser Stelle kapituliert Max und verlässt mit „You fucking bitch“ den Raum.

Was Tár hier macht, ist „den Narzissmus der kleinen Differenzen“ selbst auf Max anzuwenden. Aber sie benutzt ihn als Strohmann. Lasst uns, um das zu verstehen, noch einmal zum Anfang der Szene zurückkehren: Wie sind wir gestartet? Max ließ eine Komponistin spielen. Tár wollte von ihm, dass er stattdessen einen alten weißen Mann aufführt.

Das gesellschaftspolitische Argument, das Todd Field verhandelt, ist auf Seiten der Gen Z: Wir haben jetzt 5000 Jahre lang in unserer Kulturgeschichte nur die Kultur alter weißer Männer vorgeführt, lasst uns doch AUCH MAL die anderer Bevölkerungsgruppen präsentieren. In einem perfiden Trick machte Todd Field in der Mitte der Szene daraus: Man darf auf gar keinen Fall mehr irgendeinen alten weißen Mann eine Bühne bieten. Und das wurde am Ende von ihm unglaublich glorreich widerlegt, indem er die von Judith Butler geforderte Solidarität zwischen diskriminierten Gruppen aufgab, sie gegeneinander ausspielte und sich auf die Seite der alten weißen Männer schlug. Sorry. Dieser Teil der Diskussion war leider von vorne bis hinten nichts weiter als Schattenboxen eines Dudes, der den Kern des Arguments nicht verstanden hat.

Aber! Mit einem dicken Ausrufezeichen versehen! Clever verwoben damit war ein Diskussion über die Trennung von Kunst und Künstler mithilfe der Mittelstellung der Interpretin. Und diese Debatte war Zucker! Lasst und dafür noch Társ letzten Worten lauschen:

Tár ruft Max hinterher: Und du bist ein Roboter. Unglücklicherweise ist der Architekt deiner Seele Social Media. „You wanna dance the mask, you must service the composer.“ Der Spruch wird auch im Trailer verwendet, was auch immer er bedeuten mag. Man müsse sich als Dirigent sublimieren, sein Ego und seine Identität. Man müsse vor der Öffentlichkeit und Gott stehen und sich selbst auslöschen.

Und damit zeigt Lydia Tár am Ende noch einmal, dass sie ihre eigene Rolle, die sie uns in der Mitte der Szene mit den Variationen so wunderbar vor Augen führte, nicht verstanden hat. Denn der oder die Dirigent*in macht nichts weniger als sich selbst auszulöschen er oder sie eignet sich das Stück an und führt so einen Dialog mit diesem. Dass Tár das und ihre eigene Rolle nicht versteht, trägt im Laufe des Films zu ihrem Niedergang bei.

Wie finde ich Tár jetzt? Mein Urteil ähnelt dem, das Denis Scheck mal über die Bücher von Papst Benedikt 16. gesagt hat: Ich habe mich viel geärgert, aber das stets auf hohem Niveau. Und da ich keine Schneeflocke bin, wählt meine Seele trotz meines Narzissmus der kleinen Differenzen dennoch die göttliche Gesellschaft eines – nicht unproblematischen – aber dennoch sehr spannenden Filmes.

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