Meine Tweets der Woche 26 im Jahr 2018

Kennt ihr Favstar? Das waren die inoffiziellen Twitter-Charts. Eine nette Seite, um Tweets zum Lachen und Schmunzeln zu finden. Leider hat Favstar den Laden dicht machen müssen, da Twitter ihr die Programmierschnittstelle dichtgemacht hat. Ein weiterer Schritt im unsäglichen Versuch von Twitter, sich einzumauern. Aber wo die Technik versagt, da müssen wir Menschen die Lücke füllen. Damit all die kleinen Kunstwerke unseres liebsten Netzwerks nicht verloren gehen, möchte ich nun wieder anfangen, regelmäßig zu zeigen, was mich diese Woche zum Lachen, Nachdenken oder zum Herzschmerz führte.

Montag

Die Woche begann mit Arbeit, gut gelaunten Senegalesen und Introvertierten.

Dienstag

Am Dienstag gab es Horror-Hühner und grazile Hyänen …

Mittwoch

Am Mittwoch ein Kamel mit Appetit und Eltern mit den falschen Präferenzen. Außerdem noch Denken in der Box und Liebe!

Donnerstag

Am Donnerstag machten Bezemas Worte klar, was falsch ist am ekeligen Özil-Bashing seit dem Ausscheiden der Mannschaft. Außerdem gab es Hoffnung auf das Schweigen der Bild.

Freitag

Am Freitag fand jemand die richtige Antwort … Es gab die schlechteste Uni-Werbung der Welt und zu guter Letzt gab es auch noch Söder.

Samstag

Am Samstag gab es Sommer, Christiano Ronaldo und noch die Freuden der Masturbation. o.O

Sonntag

Am Sonntag gab es die Freuden der Elternschaft und Spott für Seehofer …

Bis nächste Woche!

Was ist mit Kroos? Fußballgucken mit Kindern

Neulich sah ich diesen Tweet:

Das kenne ich nur zu gut! Wenn du mit Kindern Fußball guckst, hast du eine zweite dadaistische Kommentarspur. Und während meine Tochter (3) sich auf die Frage “Ist das Tony Kroos?” beschränkt (er ist der einzige, den sie sich von den Supermarkt-Sammelkarten merken kann), will meine Tochter (10) alles immer ganz genau wissen. Hier kommen alle ihr Fragen während des Spiels Deutschland – Schweden. Hinzu kamen noch unzählige Kommentare, Anekdoten und Assoziationen, die ich nicht mitschreiben konnte. Viel Spaß beim erraten, was in welcher Minute gefragt wurde …

  1. Warum zeigen die das zweimal?
  2. Warum hat er das gemacht?
  3. 122:9 für Deutschland?
  4. Wie jetzt?
  5. Chips?
  6. Die Nummer 8 ist Toni Kroos, oder?
  7. Wer ist das?
  8. Wie war Rudy?
  9. Wer ist die 18?
  10. Wie schreibt man Kimmich?
  11. Kimmich ist die Nummer 18?
  12. Welche Nummer ist Draxler?
  13. Rüdiger?
  14. Was?
  15. Die können doch nicht ohne einen Mann spielen?
  16. Warum wechseln die keinen ein?
  17. Wer ist das?
  18. Was Ü?
  19. Aber mit wem?
  20. Wie soll ich den Chip in den Mund kriegen?
  21. Für Deutschland?
  22. Da! Siehst du?
  23. Wie heißt Draxler eigentlich mit Vornamen?
  24. Kann ich die Känguru-Chroniken hören?
  25. Hast du gehört? Da hat jemand geschrien und gehupt!
  26. Was wenn sie Gleichstand spielen?
  27. Mücken?
  28. Wer ist das?
  29. Hat der nicht schon beim letzten Mal mitgemacht?
  30. Wer?
  31. Kann man in einem Spiel zwei gelbe Karten bekommen?
  32. Hallo?
  33. Draxler ist nicht mehr drin?
  34. Wer ist denn das?
  35. Marco?
  36. Krieg ich auch einen?
  37. Was hat der gemacht?
  38. Den Schiri beschimpft?
  39. Weißt du? Die Berliner sprechen gerne mit abgebrochenen Worten.
  40. Wer war denn das, der geschossen hat?
  41. Wer?
  42. Die Deutschen oder die Schweden?
  43. Warum?
  44. Italien?
  45. Wer ist denn das?
  46. Warum steht da „Corner 6:1“?
  47. Was ist mit Kroos?
  48. Ist Kroos groß?
  49. Er ist doch noch gerannt?
  50. Wie heißt denn Löw mit Vornamen?
  51. Wie schreibt man so ‘ne Doktorarbeit?
  52. Für wie viele Seiten?
  53. Was muss man denn schreiben?
  54. Fliegen?
  55. Oh nein! Ist das ein neues Tor?
  56. Und für wen bist du?
  57. Was ist denn jetzt Abseits?
  58. Hallo?
  59. Wer ist wütend auf sein Team?
  60. Woher weiß er das denn?
  61. Woher weiß er, dass es Nachspielzeit gibt?
  62. Wer macht sich bereit?
  63. Julian?
  64. Warum das denn?
  65. Wirklich Rudy?
  66. Für welche Mannschaft?
  67. Warum sollten sie jetzt was?
  68. Noch ein Tor schießen?
  69. Ist es heute nicht schon das zweite Spiel, das du richtig getippt hast?

 

 

 

 

 

 

Platon – Wissen ist wahre begründete Meinung

Heute möchte ich mich der Definition von Wissen widmen, die ihr alle kennt, wenn ihr mal ein Semester Philosophie studiert habt: Wissen ist wahre begründete Meinung. Das ganze wie immer hier als Video oder darunter als Transkript.

Geltung und Genese

Beim letzten Mal hatten wir Platon darüber grübeln sehen, wie er den Irrtum richtig definieren kann. Zwar führten sämtliche Versuche Platon immer wieder in Sackgassen, aber trotz aller Probleme haben wir den Begriff zumindest strategisch eingekreist und das ist ja auch schon mal was wert. Somit sind unsere logischen Armeen nun in Position und wir widmen uns endlich der eigentlichen These, dass Wissen wahre Meinung ist.

Platons Sokrates eröffnet das Feuer mit dem, was Leibniz später das „Geltung und Genese“-Argument nennen wird: Die Frage, ob wir wahre Meinung auch Wissen nennen können, wenn sie falsch zustande gekommen ist. Sokrates’ Argument ist das griechische Gerichtswesen: Wie wir in den Sokrates-Texten schon sahen, waren rhetorische Fähigkeiten dort das A und O, da sich jeder selbst verteidigen musste. Das, was Ankläger und Verteidiger vor griechischen Gerichten machen, ist Überreden, denn die Richter werden nicht unbedingt mit den besten Argumenten zu ihrem Urteil geführt (also überzeugt), sondern mit den trickreichsten. So kann es kommen, dass die Richter ein gerechtes Urteil sprechen, aber dies geschieht nicht aus Wissen heraus sondern eher zufällig. Es scheint also nicht ganz unwichtig zu sein, wie eine wahre Meinung zustande gekommen ist.

Zur wahren Meinung muss also noch etwas hinzukommen, damit sie Wissen werden kann. Theaitetos fällt auch ein, was das sein könnte und so findet Platon die Definition für Wissen, die noch heute jede Studentin im ersten Semester Philosophie lernt: Wissen ist wahre, begründete Meinung.

Lasst diesen Gedanken mal eine Minute sacken, denn er ist sehr wichtig. Im Internet ist jeder Mensch zu einem potentiellen Massenmedium geworden. Es wimmelt von Meinungen. Aber oft wird zumindest eines der beiden Prädikate vergessen, die aus Meinungen auch Wissen machen. So wimmelt es von Verschwörungstheorien im Internet, die sich schon nach einem ganz schnellen Realitätsabgleich als unwahr erweisen. Beispielsweise wenn pietätlose Menschen behaupten, dass die Jugendlichen Amoklaufüberlebenden aus Florida, die sich jetzt für strengere Waffengesetze stark machen, Schauspieler wären.

Auf der anderen Seite finden sich auf Facebook und Twitter Meinungen, die manchmal sogar wahr sind, denen es aber aufgrund der Kürze und Hastigkeit der Medien an Begründung fehlt. Ein Grund, warum man insbesondere auf Twitter nicht in Diskussionen einsteigen sollte.

Der infinite Regress

War es das jetzt? Ist unsere Untersuchung, was Wissen ist, am Ende? Haben wir eine Definition für Wissen gefunden? Natürlich nicht! Dafür blicken wir mit Platon noch einmal auf die Meinung und fragen, aus was denn Meinungen eigentlich bestehen? Meinungen sind erst einmal Sätze. Die nächste wichtige Frage ist dann: Womit begründe ich einen wahren Satz? Letztlich bleibt mir nie etwas anderes übrig, als einen Satz wieder mit einem anderen Satz zu begründen. Doch dieser andere, zweite Satz, woher weiß ich denn, ob es sich bei dem um Wissen handelt? Denn nur dann kann er ja als Begründung herhalten? Ganz klar: Auch er muss wahr sein und begründet werden. Aber womit begründe ich ihn? Na, mit einem Satz. Und dieser Satz?

Ihr seht, wir haben ein Problem. Und dieses Problem nennt sich der „Infinite Regress“, es ist nicht irgendein, sondern ein riesiges, ein gewaltiges Problem, das uns in der Erkenntnistheorie immer wieder über den Weg läuft. Es verwandelt das Fundament unseres Wissens in Sand.

Dogma

Platons Sokrates versucht einen Ausweg zu finden, indem er von einem Traum erzählt, in dem es ihm erschien, dass es Urelemente gäbe, aus denen unser Wissen abgeleitet werden kann, die aber selbst kein Wissen sind, da sie nur benannt aber nicht bewiesen werden können.

Was zum Henker soll dieser metaphysische Quatsch denn jetzt schon wieder sein? Nun, in der Mathematik kennen wir genau solche Urelemente. Erste Sätze, die uns einleuchten, die wir aber nicht beweisen können und von denen wir dann all unsere mathematischen Erkenntnisse ableiten. Mathematikerinnen nennen sie Axiome.

Beispielsweise lautet die Liniendefinition von Euklid: “Eine Linie ist eine breitenlose Länge“. Dieser Satz ist (in der Euklidschen Geometrie) selbst nicht beweisbar, da er als Grundlage für alle anderen Beweise gilt. In der Philosophie nennen wir so etwas ein Dogma: Um dem Infiniten Regresse zu entgehen, breche ich meine Begründung einfach irgendwann ab und erkläre einen meiner Sätze zum Axiom, von dem ich ausgehen will.

Aber Sokrates weißt uns natürlich auf das Problem eines solchen Dogmas hin: Wenn wir unser vermeintliches Wissen aus unerklärbaren Axiomen zusammensetzen, dann ist es letztlich selbst auch unerklärbar. Aber eine unerklärbare Begründung ist letztlich gar keine Begründung.

Zirkelschluss

Daher nimmt Sokrates einen dritten Anlauf: Man kann etwas nicht nur dadurch erklären, dass man sagt, woraus es zusammengesetzt ist, sondern auch dadurch, dass man sagt, was es nicht ist und es so von anderem unterscheidet. Wer ist Rey in Star Wars? Sie ist nicht Kylo Ren oder Finn oder Hans Solo … und so weiter. Aber wenn ich etwas dadurch definiere, was es nicht ist, dann muss ich auch wissen, worin der Unterschied besteht. Rey ist nicht Finn, da sie Macht-sensitiv ist. Aber sie ist auch nicht Kylo Ren, da sie zur guten Seite der Macht gehört und so weiter.

Blöderweise führt uns das ins nächste Problem, denn wir haben gerade Wissen definiert als wahre Meinung und das Wissen darum, worin sich diese wahre Meinung von etwas anderem unterscheidet. Oder kurz: Wissen ist wahre Meinung und Wissen. Das wiederum ist nach dem Infiniten Regress und dem Dogma die dritte Sackgasse in der Definition von Wissen: Der Zirkelschluss.

Der Ausweg

Zirkelschluss, Dogma und Infiniter Regress nennt der Philosoph Hans Albert übrigens das Münchhausen-Trilemma. Nach Hans Albert wird jeder Versuch einer Letztbegründung scheitern, weil er immer ins Münchhausen-Trilemma führt.

Heiliges Spaghettimonster! Ist euch klar, was das bedeutet? Nichts anderes als: Es gibt kein Wissen – zumindest streng genommen. Was machen wir jetzt? Bleibt uns noch etwas anderes übrig, als uns besinnungslos zu besaufen? Können wir wirklich Trumps alternative Facts nicht widerlegen, weil wir am Grunde unserer Argumentation immer auf das Münchhausen-Trilemma stoßen? Gibt es wirklich gar keinen Ausweg?

Nun, Platon bietet uns einen solchen Ausweg in seinen mittleren Dialogen. Wir haben ihn auch schon hier und da mal gestreift. Allerdings wirft uns dieser Ausweg wieder ganz tief in seine Metaphysik und da stellt sich die Frage, ob wir nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Dennoch werden wir uns beim nächsten Mal diesen Ausweg angucken: Die Anamnesislehre.

12 von 12 im Juni 2018

Nach einer ganzen Weile habe ich es mal wieder hinbekommen meine 12 von 12 zum machen. Yay!

Der Tag begann mit Kinderwecken. Lustig ist, dass meine Tochter (3) derzeit, mit frenetischer Begeisterung den Tisch deckt. Die Worte: „Du musst aufstehen!“, bringen sie nicht aus den Federn. Bei: „Du musst den Tisch decken!“, steht sie sofort senkrecht.

Dann erstmal einen Kaffee …

… und beim Frühstück planten die Dame und ich gleichzeitig den Podcast am Abend (dazu später mehr) und unseren Urlaub. Die Dame hat einen neuen Job angefangen und daher eigentlich kein Anrecht auf Urlaub in diesem Sommer. Ihr wisst schon: Probezeit und so … Jetzt hat sie aber überraschend kurzfristig doch eine Woche frei bekommen. Das stellt uns vor die schier unmögliche Aufgabe in einem Monat mitten in der Hochsaison noch ein bezahlbares Urlaubsziel zu finden.

Schon aus beruflichen Gründen probiere ich ja jeden neuen heißen Social-Media-Scheiß aus. Und als @unangespiesst neulich auf Twitter “Habitica” empfahl, musste ich die Gamification-App natürlich gleich ausprobieren. Die App verwandelt tägliche Aufgaben in die Tasks eines Adventure-Spiels, für die es Belohnungen und Erfahrungspunkte gibt. Bei Nichterfüllen wiederum muss dein Held Schadenspunkte aushalten.

Einer meiner täglichen Tasks – und natürlich eine Freude, eine Ehre und ein Vergnügen – ist es, mindestens einmal am Tag etwas mit meiner Tochter (3) zu spielen. Gestern war es eine Partie Uno, bevor sie zum Kindergarten und ich zur Arbeit musste.

Mittags machte ich einen kurzen Abstecher an den Main. Aber das Wetter lud nun wirklich nicht zum Verweilen ein.

Einer meiner weiteren täglichen Aufgabe ist: Mindestens einen Handstand am Tag zu machen. Bitteschön …

Die nächste Aufgabe, die ich abhaken musste, war: Das Transkript meiner letzten Platon-YouTube-Folge endlich mal in meinen Blog zu stellen. Auch das gelang, wie ihr hier sehen könnt.

Kommen wir zum Thema Podcast, das ich oben schon erwähnte. Dieser musste nicht nur vorbereitet werden …

…. Er war auch die Abendbeschäftigung der Dame und meinereiner. Unser Freund Merlin veröffentlicht seinen Kurzfilm 32 demnächst auf Amazon Prime Video. Zu diesem Anlass haben wir ihn interviewt und viele spannende Hintergrundinfos darüber bekommen, wie man eigentlich einen Film macht.

Zu später Stunde las ich dann noch zwei Seiten aus “Harold and Maude” …

… bevor mir die Augen zu vielen. Wir sehen uns nächsten Monat!

Platon – Was ist eigentlich ein Irrtum?

Heute möchte ich mich der Frage widmen, was eigentlich ein Irrtum ist. Und ich warne euch vor, das hier ist ein harter Brocken, eine Dehnübung für eure Seele. Aber bleibt dran, am Ende werdet ihr mit zwei schönen Erklärungen belohnt. Wie immer gibt es das hier als Video oder darunter als Transkript:

In meinen Wahrnehmungen kann ich mich irren

Beim letzten Mal hatten wir zusammen mit Platon die These geprüft, ob Wissen Wahrnehmung ist. Platon hatte viele Argumente dagegen präsentiert, das für mich stärkste Argument ist aber: Wissen ist das Gegenteil von Irrtum. In meinen Wahrnehmungen kann ich mich aber irren, daher kann Wissen nicht gleich Wahrnehmung sein. Dieses Argument ist besonders stark, weil der Schluss rein semantisch ist. Die Wahrheit ergibt sich aus der Wortbedeutung. Das nennt man einen analytischen Schluss oder ein analytisches Urteil. Während ich mich bei einem empirischen Schluss irren kann, weil meine Daten über die Welt falsch sein können, ist dies bei einem analytischen Urteil nicht möglich.

Da also Wahrnehmung ausscheidet, machen sich in Platons Dialog Sokrates und Theaitetos sowie dessen dumm daneben stehender Lehrer daran, eine zweite These aufzustellen, was Wissen sein könnte. Beim letzten Mal habe ich erläutert, dass die Definition „Wissen ist Wahrnehmung“ die Geburtsstunde der philosophischen Strömung des Empirismus war. Nun dürfen wir zusehen, wie Platon eine zweite große philosophische Strömung aus der Taufe hebt: Den Rationalismus. Denn wenn Wahrnehmung – also das, was von der Welt auf uns Menschen einströmt – als Kandidat für Wissen gescheitert ist, dann erscheint es doch lohnend, das zu prüfen, was wir Menschen der Welt entgegenbringen: Das Denken.

Die reine Lehre des Rationalismus sollte später werden, dass echte Erkenntnis nur mit voraussetzungsfreiem Denken möglich ist. Bitte bedenkt, dass ich das wieder einmal bewusst extrem verkürzt ausgedrückt habe, bevor ihr mir diese Definition um die Ohren haut. Große Rationalisten sollten später so Philosophen wie Descartes und Leibniz werden. Der reine Rationalismus musste allerdings erst durch Kant und dann durch die moderne Psychologie schwere Schläge einstecken, sodass er in dieser naiven Form nicht mehr vertreten wird. Aber dennoch sind noch heute viele Philosophen von ihm geprägt, insbesondere in meiner Lieblingsströmung, der analytischen Philosophie.

Indirekter Beweis von Wissen ist wahre Meinung

Zurück zu Platon: Der stellt nämlich fest, dass nicht jede Form von Denken als Kandidat für Wissen in Frage kommt. Ich sitze hier gerade und frage mich: “Was mache ich hier eigentlich?” Diesen Satz kann ich wohl kaum Wissen nennen. Nein, Wissen kann nur die Art von Denken sein, die auch wahr oder falsch sein kann, wie zum Beispiel: „Das Studioset zu ‘Das Fenster zum Hof’ war das damals größte Set aller Zeiten.” Entsprechend lautet Platons zweite, zu prüfende Definition: “Wissen ist wahre Meinung”.

Platon lässt Sokrates die Untersuchung dieser These mit einem indirekten Beweis beginnen, indem er fragt, was denn eigentlich falsche Meinung ist. Sokrates macht dies, weil er zeigen will, dass falsche Meinungen existieren, um sie dann im nächsten Schritt den wahren Meinungen gegenüber zu stellen. Das ist eine beliebte Strategie in der Philosophie, wenn man seine These besonders stark machen will: Erst einmal ausschließen, was etwas nicht ist.

Was ist also diese falsche Meinung? Platon schlägt vier Kandidaten vor und ich warne euch schon einmal – die vier machen Knoten ins Gehirn. Da wären:

  1. Wenn ich eine falsche Meinung habe, halte ich dann etwas, das ich kenne, für etwas anderes, das ich kenne?
  2. Vielleicht ist falsche Meinung auch, etwas, das ich nicht kenne, für etwas zu halten, das ich ebenfalls nicht kenne?
  3. Natürlich könnte ich auch etwas, das ich kenne, für etwas halten, das ich nicht kenne.
  4. Oder (zu guter Letzt) kann ich etwas, das ich nicht kenne, für etwas halten, das ich kenne.

Platon hält alle vier Möglichkeit für unmöglich. Etwas, dass ich kenne, kann ich nicht verwechseln, da ich es ja kenne. Aber etwas, das ich nicht kenne, kann ich nicht verwechseln, weil ich es eben nicht kenne. Es gibt also keine falsche Meinung.

Alter! Das ist ein typischer Platon-Mindfuck, bei dem dir fast der Schädel platzt, wenn du versuchst, nachzuvollziehen, was um Himmels Willen er überhaupt meint. Bei aller Kritik, muss ich aber auch sagen, dass die Systematik, mit der Platon hier vorgeht, sehr elegant ist. In der Aussagenlogik könnte man die vier Sätze durch Variablen ersetzen und würde sehen, dass Platon tatsächlich alle Möglichkeiten abdeckt.

p = q
-p = -q
p = -q
-p = q

Nur die Schlussfolgerung, dass keine der vier Möglichkeiten in Betracht kommt, ist absurd. Walter Bröcker meint, dass diese Untersuchung überhaupt nur entstehen konnte, weil es im Altgriechischen keine Unterscheidung zwischen „Kennen“ und „Wissen“ gab. Da ich Altgriechisch nicht beherrsche, kann ich das nicht beurteilen. Ich sehe hier aber mal wieder das gleiche Problem, das wir auch schon im Zusammenhang mit dem Prädikat „groß“ hatten: Platon berücksichtigt nicht, dass es mehr als Entweder-Oder-Entscheidungen gibt, dass die Welt voller Kontinuen ist.

Beispielsweise ist es nicht so, dass ich Justin Bieber entweder kenne oder nicht. Ich kann Justin Bieber auch ein bisschen kennen, wenn ich weiß, dass er Popmusiker ist, dass er ein weißes, blondes Bübchen ist, also eben dieser Typ:

PHOTO by Steven L. Shepard, Presidio of Monterey Public Affairs. CC0.

Oh, jetzt habe ich ihn wohl mit irgendjemandem verwechselt. einen anderen Justin, den ich eben auch nur ein bisschen kenne …

Anyway, Platons nächste Definition von falscher Meinung lautet: Falsche Meinung ist, zu meinen, was nicht ist. Doch auch diese Definition scheint zu scheitern, denn nach Platon ist Meinen immer “etwas meinen”. Das ist soweit korrekt. Ich meine, dass Berliner fritierte Teigbällchen mit Marmeladenfüllung sind, die in Puderzucker gewälzt wurden. Also wenn das mal nicht etwas ist! Aber dieses „Etwas“ kann immer nur etwas sein, das existiert, so Platon.

Pfff … Das sind so ontologische Problemchen, von denen ich mit 2000 Jahren Abstand meine, dass du sie einfach nicht mehr ernst nehmen kannst. Natürlich kann ich von Nichtseiendem meinen, dass es ist. Beispiel gefällig? Einhörner existieren. Basta. Außerdem unterscheidet Platon nicht zwischen logischem Subjekt und logischem Prädikat. Ich kann zum Beispiel sagen: Pferde haben die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Dann habe ich einem Subjekt, das existiert, nämlich dem Pferd, etwas zugeschrieben, das nicht existiert, nämlich die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Ihr seht, Platons Definition ist gleich in mehrere Hinsicht falsch.

Nun gut, Platon sieht das anders und prüft eine dritte Definition: Falsche Meinung ist Verwechslung. Das ist genau unser Fall mit den zwei Justins. Aber Platon lehnt diesen Fall auch wieder ab, da ich bei der Verwechslung etwas, das ich kenne für etwas anderes halte, das ich kenne. Wie schon gesagt, kennt Platon aber kein graduelles Kennen, daher zieht er den absurden Schluss, dass es keine Verwechslung gibt.

Nun ist Platon zwar ein weltfremder Philosoph, aber auch nicht ganz doof, weswegen er Theaitetos und Sokrates die Erkenntnis beschert, dass ihr Ergebnis nicht stimmen kann, denn wir alle kennen ja Verwechslungen. Und ich kann euch beruhigen, jetzt wird das alles wieder verständlicher.

Wachstafel und Taubenschlag

Um zu erklären, wie Verwechslungen zustande kommen, entwirft Platon zwei weitere berühmte Gleichnisse: Das Bild von der Wachstafel und das Bild vom Taubenschlag. Um Verwechslungen in der Wahrnehmung – wie bei unseren beiden Justins – zu erklären, dient die Tafel.

Demnach ist unsere Seele (wir können auch Geist oder Gehirn sagen) wie eine Wachstafel und jedes Mal, wenn wir einen Sinneseindruck haben, dann wird dieser in die Tafel im wahrsten Sinne des Wortes eingedrückt (ob daher wohl die Metapher kommt?). Diese Eindrücke sind nun unterschiedlich tief und tragen sich zudem mit der Zeit ab. Wir vergessen, wenn wir einer Erinnerung nicht Nachdruck verleihen.Eine Verwechslung ist nun, wenn wir beispielsweise Timberlake begegnen, ihm aber in unserem Kopf den Eindruck von Bieber zuordnen. Na das ist doch mal eine schöne und verständliche Erklärung gewesen!

Allerdings gibt es auch noch andere Arten von Irrtümern, bei denen uns das Bild von der Wachstafel nicht mehr weiterhilft. Es sind Fälle von falschen Schlussfolgerungen: Etwa bei Fällen, in denen ich mich verrechne. Oder wenn ich zum Beispiel aus der Tatsache, dass eine Gruppe von Muslimen in Köln Frauen massiv belästigt hat, schließe, dass alle Muslime Sexisten sind.

Hierfür entwirft Platon das Bild vom Taubenschlag: Meine Seele, mein Geist oder mein Gehirn ist wie ein Taubenschlag und mein Wissen ist wie die Tauben. Platon unterscheidet nun zwischen dem Besitz von Wissen und dem Haben von Wissen. Beispielsweise besitze ich das Wissen, dass ich von einem Einzelfall nicht auf eine Regel schließen kann. Wenn mir einmal von Schokolade schlecht geworden ist, werde ich doch trotzdem nicht sofort aufhören Schokolade zu essen. Diese Regel fliegt als eine Taube durch meinen Taubenschlag, ich besitze sie. Und im Fall der Schokolade habe ich sie auch erfolgreich gefangen, halte sie in der Hand und habedieses Wissen entsprechend auch.

Wenn nun aber wie im Fall nach der Silvesternacht 2016 in Köln die Situation aufgeheizt ist, alle Medien dauernd berichten und auf Facebook und Twitter rumgeschrien wird, wie schlimm diese Muslime sind, die Tauben quasi wie blöd durch meinen Taubenschlag flattern, dann kann es vorkommen, dass ich die Taube nicht fange, sondern womöglich eine andere greife. Auch dann besitze ich noch das Wissen, also die richtige Meinung, aber ich habe sie nicht mehr. Ich habe dann eine falsche Meinung.

Wie schön, am Ende hat Platon doch noch ein Kontinuum entdeckt! Aber natürlich lässt  Platon Sokrates dieses Ergebnis der Untersuchung umgehend problematisieren, wie es üblich ist in seinem dialektischem Spiel. Sokrates kommt zu dem Ergebnis, dass es ein Fehler war, die Untersuchung mit dem Irrtum zu beginnen, und man sich stattdessen der eigentlichen These zuwenden sollte, dass Wissen wahre Meinung ist.

Natürlich war es aber nicht wirklich ein Fehler. Platon hat eine gescheiterte Argumentation nicht „aus versehen“ in seinem Dialog stehenlassen. Es war stattdessen eine logische Dehnübung, die uns vor Augen führen sollte, wie kompliziert und mitunter verfahren die Lage ist, wenn wir beginnen, zu untersuchen, was unseren alltagssprachlichen Begriffen zugrunde liegt.

Nach dieser Dehnübung ist unsere Seele nun bereit, die These zu prüfen, dass Wissen wahre begründete Meinung ist. Aber weil es schon wieder so spät ist, machen wir das beim nächsten Mal.

Gaulands Badehose

Kennt ihr den Gauland? Klar kennt ihr den! Das ist so ein unangenehm brauner Politiker und alle normalen Menschen schämen sich, dass der durch einen Verkehrsunfall, der sich Bundestagswahl nennt ins Parlament gekommen ist.

Also dem Gauland, dem sind die Klamotten geklaut worden, als er baden war. Und das Internet hat das mit sehr viel Häme abgefeiert. Kostprobe gefällig?

Wie immer, wenn etwas moralisch nicht astreines von mutmaßlich eher linken Menschen gemacht wird, wird das dann im Anschluss von ebenfalls mutmaßlich linken Menschen scharf kritisiert: Wenn du das gut findest, darfst du in Zukunft es auch nicht kritisieren, sobald Gauland in Zukunft mal wieder was Menschenverachtendes sagt. Kostprobe gefällig?

Das ganze ist sowas wie ein ethisches Spannungsfeld, daher möchte ich meine 5 Cent dazugeben. Okay: Es ist ein seeeeeeeeeeeeehr kleines ethisches Spannungsfeld. Das ist quasi die vorweggenommene Pointe dieses Blogposts.

Also: Ist das, was Gauland widerfahren ist, ein Angriff auf seine Menschenwürde? Nein. Es war ein Streich. Bedenkt mal wie “Streich” im Deutschen verwendet wird. Man “spielt Streiche”! Ist es die Rettung der liberalen Demokratie? Nein. Es war ein Streich. Der macht nichts besser, nichts ungeschehen! Aber darf ich denn darüber lachen, dass Gaulands Badehose nun Republik-weit bekannt ist? Nun, Streiche sind lustig. Gebt einfach mal “Prank” auf YouTube ein. Kostprobe gefällig?

Streiche sie besonders lustig, wenn sie zwar nicht gegen eine Autoritätsperson aber zumindest gegen eine autoritäre Person gerichtet wurden. Das wusste schon Pepe Nietnagel. Für die Jüngeren: Das war der eigentlich recht spießige Protagonist einer eigentlich recht spießigen Spielfilmreihe über Schulbuben, die ihre autoritären Lehrern Streiche spielen.

Aber ist es denn nicht kindisch, darüber zu lachen, dass Gauland in Badehose nach Hause gehen musste? Jepp! Es ist Schadenfreude. Aber wisst ihr was? Das ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Bei der ganzen rassistischen Plörre, die wir uns tagtäglich von Herrn Gauland und seiner Partei anhören müssen, fühlen wir liberal und mitfühlend denkenden Menschen tagtäglich ein schlechtes Gefühl. Dass wir uns ein einziges Mal darüber freuen dürfen, dass Gauland ein Streich gespielt wurde, ist schlichtweg Psychohygiene. Es hilft, uns mal ganz kurz besser zu fühlen, in einem Land, das – mal wieder – unangenehm rechts geworden ist. Hinzu kommt, das schöne Meme “Karma is a bitch“. Denn wer hätte es mehr verdient, das ihm ein harmloser Streich gespielt wird, als Gauland und seine Badehose?

DSGVO

Ich habe einige Anpassungen vorgenommen zur DSGVO:

  • Dieser Blog läuft jetzt auf https (ist SSL-verschlüsselt).
  • Bei den Kommentaren werden nicht eure IP-Adressen gespeichert.
  • E-Mail-Adressen müsst ihr beim Kommentieren als Spamschutz angeben, aber wenn ich die Kommentare freischalte, lösche ich die E-Mail-Adressen.
  • Ich tracke eure Daten nicht. Verwende weder Google Analytics noch ein anderes Tool und habe die Serverstatistiken meines Hosters ausgeschaltet.
  • Als Spam-Schutz verwende ich Antispam Bee, das sollte auch Datenschutz-freundlich sein.
  • Die Share-Buttons sind mit einer “Zwei Klick Lösung” versehen: Nur wenn ihr das erste Mal klickt, sind sie aktiv und können eure Daten weiterleiten.
  • Ich verwende aber gelegentlich <iframe>-Elemente (eingebettete Videos, Tweets etc.), die eure Daten dann an die entsprechenden Webseiten weitergeben.
  • Außerdem verwende ich gelegentlich Amazon-Affiliate-Links. Diese kennzeichne ich aber immer. Dies geben eure Daten dann an Amazon weiter, wenn ihr draufklickt.

Auf Twitter habe ich gestern außerdem mal ein paar Grundsätzlichkeiten zur DSGVO geschrieben:

Platon – Wissen ist Wahrnehmung

Ich möchte mich ab heute dem nächsten großen Block zuwenden und euch von Platons Erkenntnistheorie erzählen. Ihr könnt das als Video angucken oder darunter das Transkript lesen. Wenn ihr Quellenangaben wünscht, fragt mich in den Kommentaren!

Der Dialog Theaitetos

Die beiden wichtigsten Dialoge zu Platons Erkenntnistheorie sind der Menon und der Theaitetos. Ich werde mich zunächst hauptsächlich auf den Theaitetos beziehen, denn in ihm werden einige klassische Probleme der Epistemologie verhandelt, die noch heute relevant sind. Platons These, wie menschliche Erkenntnis möglich ist, findet sich dann allerdings im Menon. Wir kommen dazu …

Der Theaitetos ist ein spannender Dialog, da er einerseits aus Platons Spätwerk stammt, andererseits aber viele Aspekte eines frühen platonischen Dialogs aufweist, so wird hier ein einzelnes Problem untersucht: Die Frage, was Wissen ist. Außerdem endet der Dialog wie viele frühe Werke aporetisch, also mit einem offenen Ende, ohne konkretes Ergebnis.

Der Theaitetos beginnt auch sehr klassisch. Sokrates, der junge Mathematiker Theaitetos und sein Lehrer Theodoros beginnen ein Gespräch, indem Theaitetos gefragt wird, was Wissen ist und erst einmal eine extensionale Antwort gibt. Er zählt also auf, was alles unter den Begriff des Wissens fällt: Zum Beispiel Mathematik, verschiedene Handwerkskünste, Platons Apfelkuchenrezept oder was zur dunklen Seite der Macht führt.

Natürlich wird Theaitetos als nächstes nicht weniger klassisch von Sokrates belehrt, dass es ihm nicht um diese Aufzählung von Beispielen gehe, wenn er eine „Was ist …?“-Frage stellt. Stattdessen geht es ihm um die Intension des Begriffs, seine Bedeutung oder (verkürzt gesprochen) die Definition.

Die erste Definition von Wissen

Nach einigem Hin und Her gibt Theaitetos dann Sokrates und uns Lesern eine erste Definition für Wissen: Wissen ist Wahrnehmung. Und das ist eine wirklich spannende Antwort. Auf den ersten Blick wirkt sie sehr naiv, besonders wenn man bedenkt, dass Theaitetos Mathematiker sein soll. Dass ausgerechnet ein Mathematiker glaubt, Wissen sei Wahrnehmung, interpretiere ich übrigens als einen kleinen Witz von Platon. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie der alte Mann ihn leise kichernd in seine Wachstafel ritzte.

Aber neben einem Scherz ist diese Antwort zugleich die Begründung einer wissenschaftlich-philosophischen Tradition, die über die britischen Philosophen der Neuzeit und den Wiener Kreis bis heute fortgeschrieben wird: den Empirismus. Zwar ist dieser längst über Theaitetos’ naive Version hinaus und setzt Wahrnehmung und Wissen nicht mehr gleich. Aber die Grundidee, die schon hier im Dialog auftaucht, ist die gleiche geblieben: Auf der Suche nach Erkenntnis müssen wir uns auf das verlassen, was wir wahrnehmen beziehungsweise messen können.

Die Gegenthese ist übrigens der Rationalismus, der wiederum vor allem auf das setzt, was wir denkend erkennen können. Platons oben erwähnter Witz hat die Pointe, dass das Paradebeispiel des Rationalismus’ immer die Mathematik ist.

Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Doch zurück zum Dialog: Sokrates erwidert, dass die These „Wissen ist Wahrnehmung“ seiner Meinung nach das gleiche sagt wie der berühmte Satz des Sophisten Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Dieser Satz von Protagoras, den ihr nicht mit Pythagoras verwechseln solltet, ist wiederum so etwas wie der Artikel 1 einer weiteren philosophischen Strömung: des Relativismus. Der Relativismus ist die schlechte philosophische Angewohnheit, immer alles relativieren zu müssen. Echt ey, nie können wir euch eure absoluten Wahrheiten lassen! Also fast nie. Relativ gesehen.

Der Relativismus sagt, es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern jede von uns hat ihre eigene kleine Wahrheit je nach Kontext. Das ist eine sehr spannende These, die mir auch äußerst sympathisch ist, und die unglaublich viele Chancen und noch mehr Risiken mit sich bringt. Aber was hat das mit Theaitetos’ „Wissen ist Wahrnehmung“ zu tun?

Nun, hier steckt der nächste riesige Brocken philosophischer Probleme drin, genauer gesagt die sogenannte Qualia-Debatte. Auch wenn die mitunter eine Qual ist, hat sie mehr mit Qualitäten zu tun. Ihr habt wahrscheinlich noch nie etwas von ihr gehört aber trotzdem kennt ihr sie alle. Denn es handelt sich um die Suche nach der Antwort auf eine der ersten philosophischen Fragen, die sich Menschen als Teenager stellen. Die gleiche Frage, die nachts um drei bekifft in der WG-Küche diskutiert wird: Ist das, was ich als Rot wahrnehme auch für dich rot? Wir nennen es zwar beide so, aber vielleicht sieht dein Rot blau aus. Sokrates bringt hier ein anderes Beispiel: Der Wind, der die eine frieren lässt, ist für die andere eine angenehme Erfrischung.

Wissen ist das Gegenteil von Irrtum

Sokrates fährt fort, indem er Wissen als das Gegenteil von Irrtum definiert. Das ist ziemlich einleuchten, oder? Wenn ich etwas weiß, dann habe ich mich nicht geirrt. Wenn ich mich irre, habe ich kein Wissen. Daraus folgt, dass, wenn Wahrnehmung Wissen ist, dass ich mich dann nicht in einer Wahrnehmung irren kann. Soweit klar?

Bevor Platon mit der Prüfung dieser These beginnt, schweift er dann erst noch einmal kräftig ab und lässt Sokrates viel Zeug über Werden und Gleichbleiben schwafeln, das ich in etwa so spannend finde wie die zweite Staffel von The Wire, sodass ich es hier einfach ganz dreist weglasse.

Als Platon Sokrates wieder auf Spur gebracht hat, lässt er ihn Argumente gegen die These liefern, dass man sich in seinen Wahrnehmungen nicht täuschen kann. Im Traum wisse man zum Beispiel nicht, dass man träume, glaubt aber wahrzunehmen. Meine Wahrnehmung ist also ein Irrtum. Auch Menschen mit Psychosen glauben, Wahrnehmungen zu haben, die aber objektiv betrachtet nicht da sind. Und im kleinere Maßstab hatten wir alle schon mal eine Halluzination und glaubten etwa, etwas zu riechen, wovon in Wirklichkeit kein Duft in der Luft lag. Entsprechend gibt es durchaus diverse Möglichkeiten, sich in seinen Wahrnehmungen zu irren. Soweit ist das klar, oder?

Zurück zum Relativismus

Aber waren wir nicht vorhin noch beim Relativismus und haben diesen dann ganz schamlos bei Seite liegen lassen? Keine Sorge: Für das nächste Argument gegen die These, dass Wahrnehmung Wissen ist, schlägt Sokrates den Bogen zurück zu Protagoras. Wenn Wissen Wahrnehmung ist, die wahrgenommene Welt jedem anders erscheint und obendrein das auch noch richtig und wichtig ist, wie die Bundesregierung sagen würde, dann folgt daraus, dass ich von niemandem sagen kann, dass sie mehr Wissen als eine andere habe.

Das ganze läuft dann nämlich ab wie eine Diskussion auf Facebook: Ich sage, es gibt keine Chemtrails, ich sehe bloß Kondensstreifen. Aber mein Widersacher, nennen wir ihn mal Aluhutträger1984, entgegnet einfach: Das ist falsch, ich sehe doch den Unterschied zwischen normalen Kondensstreifen und gefährlichen Chemtrails. Wenn also Wissen gleich Wahrnehmung wäre, dann ließe sich nicht entscheiden, wer von uns beiden Recht hat. Wir hätten beide Recht, schließlich nehmen wir das ja wahr.

Fremde Sprachen hören und verstehen

Sokrates gibt ein weiteres Beispiel gegen die „Wissen ist Wahrnehmung“-These: Wenn ich eine mir unverständliche Fremdsprache höre oder lese, dann nehme ich sie wahr, aber ich weiß nicht, was sie bedeutet. Theaitetos wendet ein, dass man da unterscheiden müsse: Ich weiß nämlich noch immer etwas – den Klang, bloß seine Bedeutung nicht.

Puh, die Frage ist, ob wir hier wirklich noch von Wissen sprechen können. Denn – vielleicht kennt ihr das Phänomen – wenn ich einen Film auf Englisch sehe und die Menschen sprechen da schnell und womöglich sogar Slang, und wenn ich dann  irgendwann den Faden verliere, dann ist es mir nicht einmal mehr möglich, Wortgrenzen herauszuhören. Erst wenn ich wieder ein mir bekanntes Wort gehört habe, beginnt die Sprache wieder Struktur für mich auszubilden, davor war sie nur Rauschen und ich würde nicht sagen, dass das Wissen ist. Wenn ich mich nachts auf meinen Balkon stelle und Frankfurt rauschen höre, sage ich ja auch nicht, dass ich dadurch Wissen von der Stadt habe.

Theaitetos macht hier den Fehler, zu glauben, dass Hören und Interpretieren zwei getrennte Dinge sind. Aber unser Gehirn strukturiert das, was wir Hören schon vor. Im Studium habe ich zum Beispiel mal gehört, dass es im Finnischen einen Laut zwischen *ü* und *i* gibt, den wir Deutsche nicht hören und entsprechend auch nicht sprechen können. Denn unser Gehirn presst das Geräusch immer in eine der beiden schon existierenden Schubladen, nur so ist Spracherkennung überhaupt möglich. Aber selbst wenn es anders wäre, wäre es äußerst fragwürdig, ob man Hören ohne Interpretation wirklich Wissen nennen könnte.

Der performative Widerspruch

Obwohl die Sache für mich schon längst geritzt ist, hört Sokrates nicht auf, auf der naiven These des armen Theaitetos herumzuhacken und das auch noch ziemlich kleinlich: Wenn ich etwas sehe, dann weiß ich, wie es aussieht. Wenn ich mich später daran erinnere, weiß ich das noch immer, ohne jedoch eine Wahrnehmung zu haben. Dieses Argument geht wirklich nur auf, wenn man die engste und naivste Auslegung von Theaitetos’ These wählt.

Deswegen lassen wir das schnell hinter uns und wenden uns Platons Königsargument zu: Dem performativen Widerspruch. Der performative Widerspruch ist ein Widerspruch, der in dem Moment zutage tritt, wenn ich einen Satz äußere, also einen performativen Akt vollziehe.

Wieder geht es dabei um Protagoras’ Satz: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge.” Wenn dieser Satz bedeutet, dass für jeden Menschen das wahr ist, was ihm wahr erscheint, dann muss dies auch für ebenjenen Satz von Protagoras gelten. Wenn ich also sage: “Yo Protagoras, dein Satz ist so falsch wie die Vorurteile der AfD gegenüber Ausländern. Es gibt wohl eine absolute Wahrheit, die für alle gilt.” Dann kann Protagoras dem schlichtweg nichts entgegen, denn, dass ich das so sehen kann, folgt ja logisch aus seinem Satz. Aber das heißt einmal mehr nichts anderes als: Protagoras’ Relativismus kann nicht wahr sein.

Natürlich könnte ich jetzt noch problematisieren, ob der Empirismus des Theaitetos’ immer mit Relativismus einhergehen muss. Aber das spare ich mir, denn die zwingende Widerlegung der These ist ja auch ohne diese Schlussfolgerung längst erfolgt, als Sokrates aufwies, dass ich mich in Wahrnehmungen irren kann und Irrtum nicht Wissen sein kann.

Also wenden wir uns der nächsten Definition von Wissen zu. Im Dialog ist hier übrigens die Untersuchung der ersten Definition noch nicht zu Ende, es werden weitere Argumente vorgebracht und zudem wird das eine oder andere Mal abgewichen. Aber für unsere Zwecke soll das für heute reichen, denn es ist ein sehr rundes Ergebnis und zeigt, wie eine philosophische Untersuchung im besten Falle ablaufen kann. Das nächste Mal setzen wir uns dann mit der zweiten These des Theaitetos auseinander: Wissen ist wahre Meinung.

Kritik an Platons Staat

Heute schließe ich Platons politische Philosophie ab, indem ich einerseits noch einmal erkläre, was mich an seinem Staatsmodell stört. Andererseits schreibe ich auch, wie Platon auf die Idee zu seinem idealen Staat kam. Hier als Video, darunter als Transkript …

Platons politische Philosophie

Man hat es mir bestimmt üüüüüüüberhaupt nicht angemerkt, aber für mich stellt Platons politische Philosophie den schwächsten Teil des Werks unseres großen Philosophen dar. Warum? Das will ich euch erklären. Doch zuvor stellt sich mir noch eine andere Frage. Eine Frage, die sich direkt an das letzte Mal anschließt, in der wir Platons Vorstellungen von einem perfekten Staat kennengelernt hatten:

Warum das Ganze?

Und diese Frage lautet: Warum? Wie kam Platon zu so einem – hoffentlich nich nur in meinen Augen – unglaublich reaktionären Staatsmodell? Erinnert euch dafür an das, was ich zu Platons Leben gesagt hatte: Platon war enttäuscht von der Demokratie, die Hinrichtung Sokrates’, des weisesten und gerechten Mannes, den er kannte, hatte ihn geschockt. er hatte die Demokratie als ein zutiefst ungerechtes System kennengelernt. Daher wollte er ein durch und durch von Gerechtigkeit und Vernunft geleitetes Gegenmodell entwerfen.

Damit wir Platons Hass auf die Demokratie besser verstehen und nicht komplett als stumpfen Reaktionismus abtun, sollte ich ergänzen: Die Athener Demokratie unterschied sich massiv von unserer heutigen Demokratie. So gab es keine Grundrechte, keinen Minderheitenschutz und nur einen bedingten Rechtsstaat. das System war radikal basisdemokratisch, das heißt, dass das Volk quasi alle Posten und Ämter im Staat wählte und vieles in Abstimmungen beschloss, das wir heute lieber Expertinnen überlassen. Es gab keine Gewaltenteilung: Die gleichen Menschen regierten also, erließen die Gesetze und waren Richter. Außerdem gab es keine sogenannten Checks and Balances – Also Institutionen, die darauf achten sollen, dass die Macht nicht missbraucht wird. Last not least wurden Frauen, Sklaven und Männer, die nicht in Athen geboren worden waren von den demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.

Platon hatte darüber hinaus aber auch den – sagen wir mal – „Gegenentwurf“ der 30 Tyrannen erlebt und von dieser Diktatur einer Gruppe von Aristokraten war er nicht weniger enttäuscht worden. Schließlich hatte er in Syrakus auch noch sehen können, dass ein Alleinherrscher nicht das Gelbe vom Ei ist. Schaut euch das alles am besten noch einmal in meiner Folge zu Platons Leben an.

Platon stellte sich also die Frage, wer denn nun der perfekte Herrscher sein kann, wenn doch alle in er Antike bekannten Systeme Probleme haben. Entsprechend war seine Antwort gar nicht so unvernünftig: Herrschen sollen nur Menschen, die sich eingehend mit so wichtigen Fragen wie „Was ist Gerechtigkeit?“ beschäftigt hat. Entweder müssen also die Philosophen Herrscher werden oder die Herrscher Philosophen.

Philosophen als ewige Regierungskaste

Prinzipiell spricht ja auch nichts dagegen, zu fordern, dass Politikerinnen sich schon einmal mit Moralfragen auseinandergesetzt haben. Aber begründet das Studium der Philosophie deshalb eine ewige Regierungskaste? Ich glaube nicht. Denn es gibt ein großes Problem, eine Tatsache, die für mich Platons System disqualifiziert: Menschen können sich irren.

Selbst jemand wie Platon, der extrem selbstsicher ist, weil er glaubt, die Ideen gesehen zu haben, kann sich irren. Viele der philosophischen Antworten, die Platon gibt, lehnen wir heute als falsch ab. Darüber hinaus sind Fragen der Moral nie ausschließlich Wissensfragen, wie ich schon bei Sokrates darlegte. Moral und Politik sind vor allem die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir Leben? Auf diese Frage wurden im Laufe der Jahrtausende immer wieder neue Antworten gegeben.

Die Vorstellung besipielsweise, dass Platons Philosophenkaste von selbst auf die Idee gekommen wäre, die Sklaverei zu beenden, ist äußert fragwürdig, denn politische Systeme tendieren dazu, den Status Quo zu erhalten. Das sieht man auch an Platon: Der Aristokratensohn entwarf nicht ohne Grund ein System, das stark einer Aristokratie ähnelte: Die Macht liegt bei einer privilegierten Gruppe und wird vererbt.

Veränderung als etwas Schlechtes

Platon macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er glaubt, Veränderung wäre etwas Schlechtes. Dies geht – genau wie seine Überzeugung, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben – auf seine Metaphysik zurück: Die Idee ist unveränderlich und perfekt. Alle Erscheinungen sind veränderlich und nur degenerierte Abbilder der Idee. Entsprechend muss jede Veränderung in seinem Staat verhindert werden – Was unter anderem zu seinem harschen Zensursystem führt.

Das ist eine sehr konservative Haltung, die im übrigen gerade heute wieder sehr populär ist: Wir sollen unsere Grenzen schließen, denn wir können all die fremden Einflüsse, die andere Kulturen mitbringen, angeblich nicht aushalten. Wir dürfen Minderheiten wie Homosexuellen oder Intersexuellen nicht mehr Rechte geben, denn so wie es jetzt ist, war es schon immer. Wir dürfen Dieselautos nicht verbieten, auch wenn sie uns vergiften, wegen der Armen Menschen, die schon immer mit Autos gefahren sind.

So eine Haltung ist eine sehr bequeme Einstellung, aber auch eine sehr gefährliche. Denn sie geht davon aus, dass die Art, wie wir leben, richtig ist und neue Einflüsse falsch. Und allzu oft in der Geschichte wurden Systeme, die derart verkrustet waren, irgendwann einfach auf die eine oder andere Weise angeschafft.

Auf institutioneller Ebene haben wir daher in der Demokratie die schon erwähnten Checks & Balances. Beispielsweise haben wir Legislaturperioden, damit wir alle vier Jahre die Chance haben, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen, indem wir eine schlechte Regierung abwählen oder dafür sorgen, dass die AfD wieder aus den Parlamenten fliegt. Das ist sehr wichtig! Der Philosoph Karl Popper definiert Demokratie nicht als das Mehrheitsprinzip – welches ja auch Platon zum kotzen fand – sondern als die Möglichkeit zum friedlichen Machtwechsel. Die Demokratie ist genauso schlecht und fehlerhaft wie Platons Staat, aber alle vier Jahre können wir auf friedliche Art und Weise zu schlechten Regierungen sagen: Nope, Leute, so nicht. Danke für euren Beitrag, aber wir probieren mal jemanden anderen aus. Platons System sieht diese Möglichkeit nicht vor.

Was ist das Grundprinzip des Totalitarismus?

Und wo ich gerade Karl Popper erwähnt habe: Er und Bertrand Russell gehören zu den schärfsten Kritikern von Platons politischer Philosophie. Sie sagen, dass Platon die theoretischen Grundlagen für einen Totalitären Staat wie den Nationalsozialismus oder den Stalinismus geschaffen hat. Ich will nicht verschweigen, dass diese Kritik ihrerseits auch oft kritisiert wurde. Zum einen konnte Platon natürlich nicht wissen, was über 2.000 Jahre später aus seinen Gedanken gemacht wurde. Zum anderen finden sich wohl viele nitpicky Details, in denen vor allem Popper in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ Platon falsch auslegt.

Aber insgesamt ist diese Kritik meiner Meinung nach auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Und zwar wenn wir genau das machen, wozu Platon uns auffordert und eine “Was ist …?“-Frage stellen: Was ist das Grundprinzip des Totalitarismus?

Der Gedanke, der dem Totalitarismus zu Grunde liegt, ist: Dass der Staat (beziehungsweise das Volk oder die Partei) etwas größeres und besseres ist als das Individuum und dass sich daher jeder Mensch in den Dienst dieses größeren Plans zu stellen hat, sodass am Ende das Große Ganze davon profitiert. Wenn dafür eine kleine Gruppe leiden muss (Juden, Andersdenkende, Flüchtlinge, Menschen mit Grundbesitz), dann macht das nichts, denn das Totale profitiert. Und das ist im Grunde genau die Philosophie, die hinter Platons Staat steckt.

Alle Menschen sind gleich

Wir hingegen haben gerade als Antwort auf die fatalen Konsequenzen des Totalitarismus nicht den Staat in den Mittelpunkt unserer politischen Bestrebungen gesetzt, sondern das Individuum. “Alle Menschen sind gleich” ist der dahinterstehende Grundsatz. Wichtig ist, dass die Menschen nicht in ihren Talenten oder Neigungen gleich sind sondern gleich in ihrem Status. Diese feine Nuance hat Platon mit seinem Grundsatz “Jedem das Seine” stets übersehen. In Bezug auf Talente und Neigungen ist “Jedem das Seine” eine feine Sache. Aber in dem Moment, in dem ich das Prinzip auf den Status von Menschen ausdehne und verlange, dass Menschen in bestimmte Kasten einsortiert werden müssen, weil das ihrer Natur entspricht, in dem Moment wird das Prinzip totalitär. Nein, im Status müssen alle Menschen stets gleich sein, das ist unsere feste Überzeugung. Der Staat ist nur dazu da, jedes einzelne Individuum zu schützen, keinen als bloßes Mittel zum Zweck des Glückes der anderen zu behandeln. Das kommt in unserem anderen, noch wichtigeren Grundsatz zum Ausdruck: “Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Das soll es von mir gewesen sein zu Platons politischer Philosophie. Da der große Philosoph in diesem praktischen Zweig der Philosophie so episch gefailt hat, wollen wir als nächstes uns anschauen, was Platon zur theoretischen Philosophie zu sagen hat. Konkret: zur Frage, wie Erkenntnis und Wissen möglich sind.

Vorher möchte ich mich aber nochmal mit euren Fragen und eurem Feedback beschäftigen. In diesem Sinne: Schreibt mir einen Kommentar!