Platons Sprachphilosophie

Meine Platon-Reihe nähert sich nun wirklich ihrem Ende. Bevor ich noch einmal abschließend zurück- und dann nach vorne blicke, wenden wir uns noch Platons Ansichten zu Sprache und Schrift zu. Beginnen werde ich heute mit Platons Sprachphilosophie. Entweder im Video oder darunter in Schriftform

Mir ist klar, dass der Spruch nach nunmehr 30 Folgen einfach nur noch nervt, dennoch: Auch in der Sprachphilosophie war Platon bahnbrechend. Allerdings hat er definitiv die falschen Antworten gegeben, seine Sprachphilosophie war in etwa so sinnvoll wie die Strategie der Bundesregierung zum Breitbandausbau. Aber Platon hat doch – was nicht zu unterschätzen ist – die richtigen Fragen gestellt und so die Sprachphilosophie erfunden, aus der später dann die Sprachwissenschaft hervorging.

Der entscheidende Dialog für Platons Sprachphilosophie ist der ‘Kratylos’ und er beschäftigt sich dort mit der Ur-Frage, die diese Disziplin umtreiben sollte, bis Ferdinand de Saussure sie wohl abschließend beantwortete: Ist die Bedeutung von Wörtern rein konventionell, also von Menschen gemacht, oder gibt es natürliche Bedeutungen?

Da die Theorien, die Platon uns unterbreitet, in etwa so unzutreffend sind, wie die These, dass das Dschungelcamp eine gute Fernsehshow ist, werde ich nicht darauf eingehen. Aber ich werde euch erzählen, welche Themen allesamt angerissen werden. Blicken wir in den Text!

Arbiträre Bedeutung und Wahrheit von Sätzen

Die erste, wichtige Erkenntnis im Kratylos ist, dass die Bedeutung von Wörtern nicht in gleicher weise konventionell sein kann wie andere Konventionen, zum Beispiel die von Markennamen. Ich kann meine Marke nennen, wie es mir passt und ich kann den Namen sogar ändern, wenn ich Spaß daran habe und aus Raider Twix machen. Aber gleiches kann ich, wenn ich verstanden werden will, nicht mit einem Wort wie „Haus“ machen. Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass die Bedeutung von Wörtern konventionell oder besser arbiträr ist, wie die Sprachwissenschaft sagt. Aber sie ist nicht willkürlich.

Der nächste Punkt führt uns zurück zum Verhältnis vom Ganzen zu seinen Teilen. Eine Frage, die Platon wiederholt beschäftigte: Wir rissen sie schon einmal in der Folge zum Sinn des Lebens an und im Zusammenhang mit der Frage, was Wissen ist, hatten wir gesagt, dass das Ganze nur wahr sein kann, wenn auch seine Teile wahr sind.

Platon will diese These von der Wahrheit vom Ganzen und seinen Teilen hier auch für Sätze und Wörter geltend machen. Das ist allerdings kompletter Bullshit. Ungefähr so hanebüchen wie zu behaupten, dass der Klimawandel nicht menschengemachten ist, obwohl all unsere Messdaten das Gegenteil sagen. Der Satz „Der aktuelle Klimawandel ist nicht von Menschen gemacht“ ist falsch. Aber die darin vorkommenden Wörter wie zum Beispiel „Klimawandel“ oder „Menschen“ sind deshalb nicht falsch. Die Rede von falschen Wörtern ist komplett unangebracht. Aber auch diese falsche These hatte etwas Gutes an sich: Sie war der Ausgangspunkt für Aristoteles, Platons Schüler, ein für alle Mal zu klären, was denn überhaupt die kleinste Einheit ist, die wahr oder falsch sein kann. Und die Antwort lautet: Der Satz.

Verschiedene Sprachen und treffende Wörter

Weiter stellt sich Platon die Frage, wie es denn sein kann, dass es verschiedene Sprachen gibt. Wörter dienen doch dazu “das Wesen von Dingen zu bezeichnen“, wie er es nennt. Wie können denn zwei verschiedene Wörter das gleiche Ding bezeichnen? Platon gibt auf diese Frage eine schön links-grün-versiffte Multi-Kulti-Antwort. Um die Existenz verschiedener Sprachen zu erklären, benutzt er die Werkzeug-Metapher für die Sprache, die zum Beispiel auch Ludwig Wittgenstein später oft verwenden sollte: Demnach sind Wörter wie Werkzeuge. Und dass es verschiedene Sprachen gibt, braucht uns nicht zu wundern, man kann ja auch Werkzeuge aus verschiedenen Materialien und auf verschiedene Art und Weise herstellen. Dennoch erfüllen sie den gleichen Zweck.

Der nächste Punkt, der angerissen wird, ist die Frage, ob es treffendere Wörter gibt und solche, die weniger geeignet sind, um die Dinge zu bezeichnen. Auch hier stecken zwei Aspekte drin, die so wegweisend sind wie Google bei der Suche im Internet. Zum einen wird hier die Fixierung auf die Benennungsfunktion der Sprache sichtbar, die sich auch bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen sollte. Die Sprachphilosophie kümmerte sich lange nur darum, wie genau das Verhältnis von Sprache und den Dingen ist, die sie benennt. Erst so Philosophen wie Wittgenstein, Austin und Searle setzten dieser verengte Perspektiveiv ein Ende und fingen an, sich mit anderen Funktionen von Sprache auseinanderzusetzen. Aber der zweite spannende Aspekt ist, ob die Wörter im Besonderen und die Sprache im Allgemeinen sich verbessern lässt, um die Welt besser darzustellen.

Taxonomie und Idealsprache

Dies ist ein Gedanke, der sich auf die Taxonomien der Wissenschaften ausgewirkt hat. Zum Beispiel lauten die Fachbezeichnungen für Tiger und Löwen: Panthera tigris und Panthera leo. Das sind fraglos geeignetere Namen als unsere umganssprachlichen, da durch sie schon die Verwandtschaft der Großkatzen klar wird.

Neben den Taxonomien war das Projekt der Idealsprache in der analytischen Philosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts ein Versuch, eine geeignetere Sprache zu erzeugen und so die Welt besser abzubilden. Und aus diesem Projekt ging die Formale Logik hervor, die wiederum zur Grundlage aller Programmiersprachen und somit des Computerzeitalters wurde. Ohne Platon gäbe es also kein iPhone!

Etymologie und Onomatopoetika

Im Kratylos beginnt Platon weiterhin mit der Etymologie, also der Untersuchung der ursprünglichen Bedeutung von Wörtern, dies wurde in Form der Philologien zur nerdigsten aller Teildisziplinen der Sprachwissenschaft. Genauso streift Platon das Phänomen der Onomatopoetika – einem spannenden Grenzfall sprachlicher Laute. Wie gesagt, gehen wir heute davon aus, dass Sprache arbiträr ist, es also keine natürliche Bedeutung gibt, sondern diese menschengemacht ist. Aber Onomatopoetika scheinen ihre Bedeutung aufgrund von Ähnlichkeiten zu bekommen: Der Schrei des Hahns wird mir „Kikeriki“ bezeichnet, „weil es sich eben so anhört“. Zugleich hört er sich in verschiedenen Sprachen anscheinend unterschiedlich an. Englische Hähne schreien demnach “cock-a-doodle-doo” und portugiesische “cocorocó”!

Linguistic Turn

Und zu guter letzt stellt Platon die Frage, die später, im 20. Jahrhundert zum sogenannten Linguistic Turn der Philosophie führen sollte: Stellt die Sprache die Welt richtig dar? Der Linguistic Turn, der oft falsch mit „Linguistische Wende der Philosophie“ übersetzt wird und der eigentlich die Sprachkritische Wende der Philosophie ist, ist eine große Strömung in der Philosophie, die besagt: Dass unsere Sprache die Welt nicht nur abbildet sondern unsere Wahrnehmung von der Welt entscheidend prägt. Es ist die heute größte und wichtigste Strömung der Philosophie und auch sie findet letztlich ihren Ausgangspunkt bei Platon. Wir sind eben alles nur Fußnoten.

Die 18 besten Meine-Tochter-Tweets 2018

2019 ist schon fast wieder zur Hälfte rum, aber ich stecke noch mitten in meinen Jahresrückblicken. Das ganze Jahr über sammle ich die “Weisheiten” meiner Töchter. Und entgegen des beliebten “Ihr Eltern denkt euch das alles doch nur aus”-Mems auf Twitter sind alle 18 hier versammelten Zitate echt. Doch ich will euch nicht länger auf die Folter spannen:

18. Kleine Kinder, große Kinder

17. Nimm das, Mark!

16. Die Fußball-WM roch nach Bananen

15. Fünf Kilometer mehr Fußball

14. Schlafenszeit für die Babysitterin

13. Star Trek ist Langeweile

12. Blätterteighäuser

11. Was ist noch gleich Gott?

10. Schweigen ist Stabilität

9. Seilspringreime, modernisiert

8. Klolektüre Camus

7. Stiefel mit Zahnschmerzen

6. Skaten mit dem Bügeleisen

5. Schwerer Betrug

4. Möge die Nacht mit euch sein

3. Pop-Rekursion

2. Die Vorzüge einer Hose

1. Kommunismus für den Opa

12 von 12 im Januar 2019

Puh, habe das hier lange nicht mehr gemacht. Wird mal wieder Zeit …

Frühstück

Sieben Uhr war es, als meine Tochter (4) mich weckte, weil sie Hunger hatte. Wir ließen die Dame schlafen. Für sie gab es Müsli, für mich Kaffee …

… Ich habe zu Weihnachten eine Kaffeemühle geschenkt bekommen. Ein tolles Geschenk, denn es gibt so viel mehr leckere Kaffeesorten in Form ganzer Bohnen als es welche in vorgemahlener Variante gibt. Ich finde es irgendwie erstaunlich, dass es für die Generation unserer Eltern bzw. Großeltern großer Luxus war, dank der Vakuumverpackungen Kaffee nicht mehr selbst mahlen zu müssen, während unsere Generation teilweise wieder zu den ganzen Bohnen zurückkehrt. Da steckt bestimmt irgendeine Lektion über unsere Gesellschaft und Wohlstand drin. Denkt mal darüber nach! 😉

Aufwachen

Anschließend durfte die Kleine Bibi Blocksberg gucken. Dabei ist mir erstmals aufgefallen, dass der berühmte Zauberspruch gar nicht “Ene, mene, 1, 2, 3 – flieg’ los, Kartoffelbrei. Hex, hex!” lautet, sondern “Ene, mene, mei – flieg’ los, Kartoffelbrei. Hex, hex”. Egal in beiden Fällen passt das Versmaß nicht.

Währenddessen bereitete ich die nächste Folge Spätfilm vor. Es ist #Japanuary. Eine Filmtwitter-Aktion, bei der sich Menschen zusammenfinden, um japanische Filme zu gucken und darüber zu sprechen und zu schreiben. Wir sprechen demnächst mit Anne vom Klassikerfaible über ‘Godzilla‘.

Besorgungen

Während die Dame und ich letzte Woche schon wieder arbeiten mussten (okay ich war die halbe Woche krank), hatte unsere Tochter (11) noch eine Woche Ferien. Da wir mittlerweile keinen festen Betreuungsplatz für sie in den Schulferien haben, denken wir uns dann immer etwas aus, das sie machen muss, damit sie nicht den ganzen Tag alleine in ihrem Zimmer rumhängt und Hörspiele hört oder liest. Am Montag musste sie meine Krankmeldung zum Briefkasten bringen und vom Europapark aus ein Foto von der Frankfurter Skyline machen. Dienstag besuchte sie ihren Freund in der Nachbarschaft und fuhr mit ihm und seiner Familie ins Schwimmbad. Mittwoch kamen der Freund und sein kleiner Bruder zu uns. Donnerstag ging die Große in die Stadtviertels-Bibliothek. Und Freitag fuhr sie mit ihrem Roller zwei Kilometer ins Einkaufszentrum, um einen neuen Seifenspender zu besorgen. Nachmittags fuhr sie obendrein noch mit Tram und U-Bahn allein ins Capoeira-Training. Ich bin ziemlich stolz auf mein Stadtkind, das sich mittlerweile so sicher im Häuserdschungel bewegen kann.

Wir machten anschließend unseren Wocheneinkauf. Als Großstädter unternehmen wir dies ohne Auto aber mit Bollerwagen.

Podcasts

Kehren wir zum #Japanuary zurück. Im Rahmen dessen haben wir ‘Mein Nachbar Totoro‘ besprochen – ein wunderbarer Kinderfilm, den wir neulich mit der ganzen Familie geguckt haben. Ich nutzte den Samstag, um die Folge online zu stellen. Wenn euch interessiert, was die Dame und ich darüber denken, dann hört doch mal hier rein.

Wenn ihr darüber hinaus weitere Podcastempfehlungen wollt, ich habe einen Blogpost mit den 18 besten Filmpodcast-Folgen 2018 verfasst. Auch den veröffentlichte ich am 12.

Schuhe statt Betten

Nachmittags fuhren wir mit dem Carsharing-Auto in ein Möbelhaus, um für die Kinder Stockbett zu besorgen. Im ersten Möbelhaus wollte uns niemand beraten, im zweiten mochte man das Bett nicht liefern (wofür wir natürlich extra zahlen wollten), da es weniger als 500 Euro gekostet hätte. Und da wundert sich der Einzelhandel wirklich, warum wir lieber online bestellen? Na ja, neben den Möbelhäusern gab es auch ein Schuhgeschäft. So kamen die Dame und unsere Tochter (4) zumindest in den Genuss neuer Schuhe.

Abendessen

Wir waren zwischen den Jahren in Spanien. Da uns die Sehnsucht drückte, gab es Tapas.

Godzilla

Um einen Filmpodcast vorzubereiten, muss man nicht nur Lesen und Schreiben, sondern vor allem auch Filme gucken. Das war hart gestern – nicht unbedingt weil der Film sooo schlecht war. Auch wenn er seine Probleme hatte (mehr dazu bald im Spätfilm). Nein, ich war vor allem so unglaublich müde nach dem langen Tag, dass ich mit mir kämpfen musste, nicht beim Gucken einzuschlafen.

Und die 12?

Schlafen ging ich dann aber unmittelbar nach dem Film, weswegen Bild 12 fehlt. Sorry!

¯\_(ツ)_/¯

Platons Gottesbeweis

Heute machen wir heute nichts Wichtiges, wir beweisen nur mal eben die Existenz Gottes. Das könnt ihr euch als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der sich selbst bewegende Beweger

Platons Gottesbeweis ist eine Variante des Arguments, für das sein Schüler Aristoteles berühmt werden sollte und das wir den “unbewegten Beweger” nennen. Bei Platon ist es hingegen der sich selbst bewegende Beweger. Ich frage mich, ob Platon heute angepisst wäre, wenn er wüsste, dass das Beweger-Argument immer in einem Atemzug mit Aristoteles genannt wird. Es ist ein bisschen so, wie die Kiddies, die Stranger Things cool finden, aber Steven King und Stephen Spielberg nicht kennen.

Anyway … In Platons Variante geht das Argument vom sich selbst bewegenden Beweger so: Es gibt Bewegung in der Welt. Ich hoffe, ihr stimmt dieser provokanten These zu!  Diese Bewegung kann nun entweder aus sich selbst entstehen oder sie wird angestoßen. Uh, da scheiden sich schon die Geister. Doch weiter: Dinge, die sich aus eigenem Antrieb bewegen können, haben eine Seele – also alle Tiere, uns Menschen eingeschlossen. Aber was ist mit den unbeseelten Dingen? Sie bewegen sich aufgrund des Kausalitätsprinzips.

An dieser Stelle wird es richtig kompliziert. Wenn wir uns eines Tages mit der Determinismus-Debatte und dem Libet-Experiment auseinandersetzen, werden wir sehen, dass die These, wonach sich Menschen und Tiere von selbst, ohne kausale Ursache bewegen können, nicht unumstritten ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Das Kausalitätsprinzip und der infinite Regress

Zurück zu Platons unbewegtem Beweger: Das Kausalitätsprinzip ist eine unserer Grundannahmen über die Welt und besagt, dass es für jede Wirkung auch eine Ursache geben muss. Wenn die Erde sich um die Sonne bewegt, dann muss sie irgendwann irgendetwas mal angestoßen haben. Das Ding aber, dass die Erde angestoßen hat, muss selbst irgendwann mal angestoßen worden sein und so weiter. So ergibt sich eine Kausalitätskette. Diese Kausalitätskette wiederum bringt das Problem des infiniten Regresses mit sich, denn diese Kette kann im Gegensatz zu Netflix-Binge-Watching-Sessions nicht unendlich lang sein.

An dieser Stelle wird es wieder etwas knotig für unsere Gehirne, also nehmt noch einen Schluck Kaffee und passt gut auf. Stellt euch vor, ihr steht an diesem Ende der unendlichen Kausalitätskette und blickt sie entlang. Was seht ihr dann niemals nie? Richtig: ihr Ende. Stellt euch nun vor, jemand steht in unendlich weiter Ferne und blickt die Kette von dort aus in eure Richtung entlang. Was sieht diese Person dann niemals nie? Richtig: Den Moment, in dem ihr da steht und die Kette anblickt. Da dieser Moment aber existiert, muss die Kausalitätskette endlich sein.

Platon sagt, dass am Anfang dieser Kette ein beseeltes Wesen stehen muss: Der sich selbstbewegende Beweger und das ist Gott. Dieser kosmologische Gottesbeweis schließt eine argumentative Lücke, die bei den Vorsokratikern entstanden ist, als sie sich auf die Suche nach dem Urgrund der Welt begaben. Ich schrieb schon im Rahmen meiner Metaphysik-Erläuterung darüber.

Wenn Thales etwa sagt, dass die Welt aus Wasser entstanden ist, dann stellt sich sogleich die Frage: Warum? Was hat verursacht, dass sich das Wasser zur Welt formt? Was war vor dem Wasser? Platon liefert nun eine Antwort. Doch im Grunde cheatet Platon hier, indem er doch wieder ein mythologisches Argument an den Beginn einer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht stellt.

Dennoch ist dieser Cheat ein Ausweg aus dem infiniten Regress, den wir innerhalb unserer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht nicht bieten können. Denn das Problem besteht bis heute, die Frage ist und bleibt ungeklärt: Wir können messen, dass das Universum aus dem Urknall entstanden ist. Aber was hat den Urknall ausgelöst?

Und mit dieser Frage lasse ich euch heute zurück. Beim nächsten Mal schauen wir uns Platons Sprachphilosophie an. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

Keine Cola für Nazis und Ruhe vor Merz – Tweets der Woche

Ich habe echt lange keine Tweets der Woche mehr präsentiert. Aber die drittletzte Woche des Jahres war wirklich ereignisreich …

Montag

… ging es damit los, dass Tumblr ankündigte, in Zukunft Pornos auf der eigenen Plattform zu verbieten. Das brachte dem Dienst natürlich den verdienten Spott ein.

Dann kam der erste Akt der tragischen Beziehung der AfD zur Cola. Der Marketingchef von Coca Cola reagierte auf ein gefaktes Anti-AfD-Plakat:

Dienstag

… kam die Meldung von der Welt, dass 460 Rechtsextreme auf der Flucht sind. Die eigentümliche Formulierung rückte den Rapper ‘Haftbefehl’ in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Außerdem outete sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schlecht über Berlin:

Und abends schließlich wurde dieses Duell weltberühmt:

Mittwoch

Bekam die NASA Sexualaufklärung:

Das Zentrum für Politische Schönheit, das ein paar Tage zuvor zum Denunzieren von Nazis aufgerufen hatte, offenbarte seinen wirklichen Plan:

Und alle bereiteten sich auf Nikolaus vor:

Donnerstag – Nikolaus!

Außerdem konnte man sich auf Spotify seine Jahres-Statistik ansehen:

Uuuuund es kam der zweite Akt des AfD-Cola-Dramas. Die AfD dachte sich nämlich: Kontern wir halt mit Pepsi. Doch Pepsi fand das gar nicht mal so gut …

Freitag

Freitag schließlich der dritte und zumindest in dieser Woche letzte Akt des Cola-Dramas. Die AfD versuchte es mit frittz-kola. Doch die Belegschaft von frittz meint: Keine Kola für Faschisten!

Doch eigentlich

Samstag

Schließen wir die Woche mit einem schönen Kindertweet …

Sonntag

Und ‘Golums’ Kommentar auf den Brexit.

Kleiner Bonus

Das war mein erfolgreichster Tweet der Woche:

Platon – Das Euthyphron-Dilemma

Heute möchte ich über ein vertracktes philosophisches Problem sprechen: Das Euthyphron-Dilemma. Hier im Video oder darunter zum Lesen …

Warum beschäftige ich mich mit Metaphysik?

Zunächst möchte ich noch einen Umweg einschlagen: Bei meinen Erörterungen zu Platons Seelentheorie kam oft der Einwand: “Das ist doch keine Philosophie. Das ist esoterischer Blödsinn. Warum beschäftigst du dich damit?” Ich ahne, dass ich ähnliche Kritik auch hören werde, wenn ich mich jetzt mit Gott auseinandersetze. Und ich verstehe diese Vorbehalte! Wirklich. Auch ich habe das eine oder andere kognitionswissenschaftliche Buch gelesen und weiß, was alles gegen die Existenz der Seele spricht. Genauso bei Gott: Auch ich lebe nach Reformation und Aufklärung, habe Kant gelesen, kenne Russels Teekanne und habe Dawkins gelesen. Dennoch beschäftige ich mich mit solchen Fragen. Warum? Das hat drei Gründe:

  1. 2000 Jahre lang war Metaphysik einer der wichtigsten Zweige der Philosophie.  Nur weil sie in den letzten hundert Jahren aus der Mode kam, sollten wir sie nicht komplett ignorieren. Wenn wir sie erst einmal vorbehaltlos betrachten, lernen wir vielleicht etwas … Das führt uns zu:
  2. Damit können wir unseren Geist trainieren. Argumentationen nachzuvollziehen, ist das Basisgeschäft der Philosophie. Und Platon ist einer der Großmeister des Argumentierens. Ein Fußballer tut gut daran, die Bewegungsabläufe von Lionel Messi zu studieren, auch wenn er sie sich nicht zu eigen machen will. Entsprechend tun wir gut daran, die Argumentationsabläufe von Platon zu studieren, denn …
  3. Nur zu sagen “ich glaube nicht an Gott” oder “ich glaube nicht an die Seele”, reicht nicht. Das ist keine Philosophie. Zu Philosophie wird unser Glaubenssatz erst, wenn er wahr und begründet ist. Um gut begründen zu können, müssen wir erst einmal die Gegenargumente kennen und dann können wir uns überlegen, wo wir da einhaken.

Doch jetzt ist es an der Zeit, uns damit zu beschäftigen, was Platon über Gott gesagt hat …

Die drei Phasen der Platonischen Philosophie

Dafür müssen wir uns noch einmal die drei Phasen der Platonischen Philosophie ins Gedächtnis rufen:

Es gab den frühen Platon, der noch stark geprägt war von seinem Lehrer Sokrates und der Sokratischen Wende. Wenn ihr nicht mehr wisst, was die sokratische Wende war, solltet ihr euch dringend noch einmal meine Sokrates-Texte lesen. Der frühe Platon jedenfalls kümmerte sich um Fragen der Ethik. Er gab selten definitive Antworten, widerlegte eher als dass er bewies.

Platons zweite Phase war dann die der großen Entwürfe: Allem voran entwarf er die Ideenlehre und begann mit ihr als Basis Beweise aufzustellen. Der Phaidon und seine Beweise von der unsterblichen Seele fallen in die Zeit des mittleren Platons. Platon interessierte sich für das Jenseitige noch mit einem stark menschlichen Fokus und argumentierte stark aus seiner Ideenlehre heraus.

In seiner dritten und letzten Phase begann Platon schließlich einerseits die Ideenlehre zu kritisieren und mit ihr verbundene Probleme aufzuzeigen. Andererseits ließ er auch die Sokratische Wende hinter sich und frug wieder die ganz große vorsokratische Frage: Was ist die Welt? Oder auch: Was ist der Kosmos?

Das Spiel der Gottesbeweise

In diesem späten Abschnitt von Platons Schaffen findet sich der Platonische Gottesbeweis, der sich entsprechend auch kosmologischer Gottesbeweis nennt. Die spannenden Dialoge sind hierfür der Phaidros und die Nomoi, die Gesetze. Doch bevor wir uns anschauen, wie Platon versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, möchte ich noch einen Blick in einen der frühen Dialoge werfen, in den Euthyphron.

In den Jahrtausenden nach Platon, nachdem das Christentum in Europa seinen Siegeszug angetreten hatte, waren Gottesbeweise ein beliebter Sport unter Philosophen. Viele haben sich daran gewagt aus ihrem Glauben Wissen zu machen und dies taten sie auf mannigfache Art und Weise. Ein solcher Gottesbeweis ist zum Beispiel der ethische Beweis, wie ihn unter anderem Johann Gottlieb Fichte vertreten hat. Er geht ungefähr so:

Wir Menschen verfügen über ein Gewissen, das uns in einer inneren Stimme sagt, was gut und was böse ist. Oft spricht unser Gewissen dabei aber gegen unsere eigenen Interessen und Vorteile an, etwa bei der Frage, ob ich als Banker das Geld meiner Kunden riskant investieren soll: Ich persönlich habe dadurch nur Vorteile, denn ich kann nicht verlieren – es ist ja nicht mein Geld. Ich kann wiederum viel gewinnen, wenn die Wette aufgeht und ich eine entsprechende Provision bekomme. Mein Gewissen sagt mir aber, dass das falsch ist, entsprechend rät es mir zu einer Handlung, die meinen eigenen Interessen entgegensteht. Die Stimme des Gewissens kann wegen dieses Widerspruchs zu meinen Interessen nicht meine eigene Stimme sein. Wessen Stimme ist es dann? Es ist die Stimme Gottes.

Das Euthyphron-Dilemma als Argument gegen die Existenz Gottes

Ich persönlich halte diesen Gottesbeweis für ungefähr so überzeugend wie die Idee, dass 50 Shades of Grey ein guter Film sein soll. Es gibt vieles, das gegen ihn spricht und eines davon ist das sogenannte Euthyphron-Dilemma. In Platons Dialog Euthyphron geht es um Frömmigkeit sowie um das mit ihr verbundene und nach diesem Dialog benannte Dilemma.

Ein Dilemma ist eine philosophische Zwickmühle, bei der ich mich zwischen zwei Schlussfolgerungen  entscheiden muss, die sich gegenseitig ausschließen und die uns beide mit einem bitteren Geschmack zurücklassen. Das Euthyphron-Dilemma lautet nun: Ist das Gute gut, weil Gott es gebietet oder gebietet Gott das Gute weil es gut ist?

Egal, wie wir auf diese Frage antworten, die Konsequenzen sind eher ungünstig für unser Weltbild: Wenn die Ethik nur existiert, weil Gott sie gebietet, dann ist sie etwas Willkürliches, hat keinen intrinsischen Wert. Wenn Gott von uns zum Beispiel Menschenopfer verlangt, dann ist das gut – ganz egal, was wir darüber denken.

Wenn aber andererseits Gott die Ethik nur deshalb gebietet, weil sie gut ist, dann ist Gott nicht allmächtig, sondern muss sich selbst nach einem noch höherem Prinzip richten. Da es aber zur Definition von Gott gehört, dass er allmächtig ist, kommt dies schon einem Argument nahe, dass es Gott nicht gibt. Genau diesen Weg beschritt übrigens Bertrand Russell in seiner Gotteswiderlegung und auch Platon steht hart für das absolute Gute ein.

Dieses Dilemma spiegelt sich übrigens exakt in der Frage, ob Homosexualität eine Sünde ist. Fundamentalistische Christen sagen: „Das steht in der Bibel, also sagt es Gott und was Gott sagt, ist ethisch gut.“ Wir laizistischen Menschen sagen hingegen: Homosexualität ist erstens angeboren und schadet zweitens niemandem, sie ist also nicht böse. Entsprechend ist entweder falsch, was in der Bibel steht oder Gott befiehlt etwas, das der Ethik widerspricht, was wiederum hart gegen die Existenz Gottes spricht.

Das Euthyphron-Dilemma lässt sich also als Argument gegen die Existenz Gottes verwenden. Aber eigentlich wollte ich euch ja erzählen, was nach Platon für die Existenz eines göttlichen Wesens spricht. Das schauen wir uns beim nächsten Mal an.

Rumpestilzchen macht das Internet kaputt und Maaßen ist noch immer im Amt

Die Tweets der Woche

In dieser Woche überstrahlten die Generalaussprache im Bundestag und die zeitgleiche Zerstörung des Internets am Mittwoch alles andere. Doch lest selbst.

Montag

Der Montag begann mit Inception und einer Erkenntnis der AfD.

Dienstag

‘Everything is a Remix’ war das Motto des Dienstags.

Mittwoch

Tja, und dann der Mittwoch. Und das EU-Parlament beschloss, dass das Internet doof ist und nach Lulu riecht. Währenddessen entdeckte aber zumindest der Bundestag sein demokratisches Herz.

Donnerstag

… stellten sich Fragen wie: Woran merke ich, dass meine Ehe gescheitert ist? Wer kann es besser als Horst? Und wie viele Meter sind jetzt wieder eine Treibjagd?

Freitag

… wehrte sich Albert Einstein während sich Autohändler als Kommunisten entpuppten.

Samstag

Der Samstag brachte eine sehr verlockende Scheinkorrelation, den Beginn der Hurrican-Saison und Luke, den Evok.

Sonntag

Am Sonntag schließlich gab es ein Gedicht:

Und als Bonus mein erfolgreichster Tweet in dieser Woche:

Platon – Das Wesen der Seele

Wir hatten beim letzten Mal Sokrates und seine Freunde kurz vor Sokrates’ Tod hoffnungslos zurückgelassen. Die Analogie vom Instrument und den Tönen, die es erzeugt, zum menschlichen Körper und seiner Seele hatte ihnen so sehr eingeleuchtet, dass sie nun schon fast von der Sterblichkeit überzeugt sind. Sie waren so enttäuscht, dass sie fragten, ob man sich denn nie sicher sein kann und ob dann das Philosophieren überhaupt Sinn macht.

Platon nutzt diesen emotionalen Tiefpunkt, um das Wesen der Philosophie zu diskutieren und an dieser Stelle wollen wir mit der Untersuchung fortfahren und schauen, ob wir nicht doch Grund zur Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod haben.

Das Sprachspiel des Beweisens

Platon betont noch einmal, das sokratische Credo, dass ein Irrtum in der Philosophie nie ausgeschlossen ist. Doch daran schließt er ein glühendes Plädoyer für die Philosophie an: Denn auch wenn mit dem Philosophieren einhergeht, dass wir immer wieder lieb gewonnene Wahrheiten zu Fall bringen, sollen wir nicht daran Zweifeln, dass es DIE WAHRHEIT ™ gibt. Alle Widerlegungen liegen nur daran, dass wir kleine Menschen fehlbar sind. Das Scheitern eines Beweises bedeutet nicht, dass das “Sprachspiel des Beweisens“ wie Wittgenstein sagen würde, an sich scheitert.

Das ist wieder ein ebenso schöner wie wichtiger Gedanke. Besonders in unseren Tagen wird das wissenschaftlich-logische Denken aus esoterischen Kreisen immer wieder angegriffen mit dem Hamlet-Zitat:

“Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt,“

Dieser Satz ist zweifelsfrei wahr, das sagt uns Platon hier im Phaidon. Aber er ist nicht deshalb wahr, weil die Logik an sich in irgend einer Form falsch wäre, sondern weil wir Menschen unwissend und fehlbar sind.

In diesem Gedanken steckt die Hoffnung, die Sokrates’ Freunden verloren ging allerdings auf ganz andere Art und Weise: Es besteht die Chance, dass wir Menschen eines fernen Tages die Welt wirklich verstehen werden.

Schon wieder Anamnesislehre

Als Platon dann mit der unsterblichen Seele fortfährt ist sein Beweis leider nicht mehr so überzeugend wie sein Plädoyer für die Logik. Als Gegenargument gegen die These, dass die Seele der Stimme der Gitarre gleicht, bringt er wieder seine Anamnesis-Lehre vor. Wenn die Seele schon vor der Geburt existiert hat, dann kann die Analogie zur Gitarre nicht stimmen, denn deren Stimme hat nicht vor dem Bau des Instruments existiert. Das ist ein sehr schwaches Argument, da es auf sehr wackeligen Beinen steht. Erinnert euch: Die Anamnesislehre sollte erklären, woher wir implizites Wissen haben. Ich habe aber beim letzten Mal bereits eine alternative Erklärung dafür gegeben, warum wir über implizites Wissen verfügen.

Allerdings bringt Platon noch ein weiteres Argument gegen die Analogie vom Instrument: Ein Instrument kann schlecht gearbeitet sein, dann wird es nicht gut klingen, eine weniger starke Stimme haben. Aber ein Mensch kann nicht weniger beseelt sein. Für die Seele gibt es nur zwei Werte: Entweder hat ein Ding eine Seele oder nicht.

Absurderweise gräbt sich Platon dann selbst das Wasser ab, indem er der Seele dann doch wieder ein Spektrum zuweist: Sie kann mehr oder weniger gut sein. Die Stimme könne das nicht. Ääähm …? Hat er nicht eben buchstäblich das Gegenteil behauptet? Ich frage mich, ob er nur wissen wollte, ob wir noch aufpassen. Anyway …

Platon fährt fort, dass die Stimme vom Instrument beherrscht werde, wie wir ja eben schon sahen: Ist das Instrument schlecht gearbeitet, dann ist die Stimme schlecht. Aber bei der Seele sei es umgekehrt: Sie herrscht über den Körper. Wenn wir bedenken, dass Platon natürlich noch keine Ahnung von den Prozessen im Gehirn haben konnte, dann ist diese Gegenüberstellung ziemlich einleuchtend: Ich muss die Saiten einer Gitarre anschlagen, um den Ton zu erzeugen. Aber meine Seele, (oder moderner) mein Denken veranlasst meinen Arm überhaupt erst zum Anschlagen der Saite. Mein Denken kontrolliert also meinen Körper. Das Bild vom Instrument würde aber nur passen, wenn die Töne gleichsam spontan entstünden und so die Stimme der Gitarre die Saiten zum Klingen bringt.

Die Deduktion der Unsterblichkeit

Schließlich kommt Platon aber zu seinem finalen und größten Argument für die Unsterblichkeit der Seele. Dafür führt er den nächsten Hammerbegriff ein, der in der Philosophiegeschichte bis heute immer wieder diskutiert werden wird, er baut quasi den nächsten Todesstern. Dieser Begriff ist der des Wesens. Platon sagt, dass Dinge ein Wesen haben im Gegensatz zu wechselnden und nur zufälligen Eigenschaften. Sein Beispiel ist der Schnee: Schnee kann uns in den verschiedensten wechselnden Erscheinungsformen begegnen: Er kann pappig sein oder pulverig, er kann in großen Flocken oder kleinen fallen, er kann schneeweiß sein, bläulich, sogar schwarz und manchmal leider auch gelb. Das sind alles zufällige Eigenschaften von Schnee, aber der Schnee hat im Gegensatz zu diesen zufälligen Eigenschaften auch ein Wesen: Er ist gefroren. Es kann keinen Schnee geben, der nicht gefroren ist.

Platon folgert daraus, dass das Wesen eines Dinges nicht in sein Gegenteil verwandelt werden kann. Dann fragt er weiter: Was ist denn nun das Wesen der Seele? Die Antwort lautet ganz klar: Sie lebt. Erinnert euch an die Unterscheidung von Anaxagoras, wir lernten sie bei Sokrates kennen: Beseelte Dinge sind solche, die leben. Unbeseelte Dinge hingegen leben nicht.

Nun braucht Platon nichts weiter zu tun als das, was wir bei Aristoteles als den Syllogismus kennenlernen werden. Er geht von drei Prämissen aus:

Das Wesen eines Dinges lässt sich nicht in sein Gegenteil verkehren.
Das Wesen der Seele ist das Leben.
Das Gegenteil von Leben ist der Tod.
Daraus folgt zwingend: Die Seele ist unsterblich.

Lasst die Sektkorken knallen! Wir sind unsterblich! Oder besser nicht? Vielleicht ist Alkohol eine Sünde und wir müssen im Jenseits dafür büßen …? Egal, wir sind unsterblich!

Ohne Witz: Diese Schlussfolgerung ist brillant und ein schlagender Beweis. Ist damit das Thema durch? Warum gibt es trotzdem Atheisten? Sind die nur dumm? Nun, auch wenn dieser Schluss zwingend ist, also nicht falsch sein kann, so kann trotzdem etwas anderes falsch sein: Platons Definition von Seele, Wesen, Leben und Tod. Wer partout beweisen will, dass wir alle verdammt sind, der muss beweisen, dass Platon wenigstens einen dieser vier Begriffe falsch definiert hat.

Aber das ist mir zu düster, das überlasse ich anderen, die wir in späteren Folgen dieser Serie noch zu Wort kommen lassen. Hier ende ich lieber auf dem schönen Akkord, den die Seelenstimme von Platons Gitarrenkörper angeschlagen hat.

Wir sind mehr Mütter aller Probleme

Die Tweets der Woche

Falls ihr euch das noch gefragt habt: Jepp, dieses Land ist vollkommen durchgeknallt. Ich habe das Wichtigste und Witzigste rund um #wirsindmehr, die Mutter aller Probleme, Maa🤮en und Co.

Montag

Rückte Chemnitz das Zerrbild wieder etwas zurecht. #wirsindmehr

Dienstag

Gab es eine Familie mit drei Kindern und Schlafschwierigkeiten. Außerdem: Beef!

Mittwoch

Just don’t!

Donnerstag

Ließ sich Seehofer herab, zu behaupten, dass Migration die Mutter aller Probleme sei. Und @katjaberlin erklärte, wie sich das mit Rassismus in Deutschland wirklich verhält. Ach ja, außerdem gab es Plastikschüsseln auf Herdplatten.

Freitag

Fragten wir uns: Wie kam er nur dahin? Trump tötete die Satire und Obama richtete eine Botschaft an Trump, die auch sehr gut zu Deutschland im Herbst 2018 passt.

Samstag

Noch mehr Mütter aller Probleme und schwimmende Pfannkuchen.

Sonntag

Sonntag schließlich gab es das Rätsel der Organspender und die berühmte Junge-Eltern-Starre.

Als kleinen Bonus

Mein erfolgreichster Tweet der Woche und jemals. Yay!

Platon – Die unsterbliche Seele

Heute möchte ich mal ein ganz lockeres, unstrittiges Thema betrachten: Es geht nur um die Kleinigkeit des Lebens nach dem Tod.

Der Kerker der Seele

Im Zuge der Anamnesislehre hatten wir Platons These von der Unsterblichkeit der Seele bereits kennengelernt. Dort hatte Platon die Existenz von implizitem Wissen damit erklärt, dass die Seele vor der Geburt die Ideen geschaut hat.

Nach Platon ist der Mensch ein zweigeteiltes Wesen, das aus einem Körper und einer Seele besteht. Im Augenblick des Todes, so Platon, trennt sich die Seele vom Körper. Während der Körper sterbe, lebe die Seele ewig. Platon bezeichnet den Körper sogar als den Kerker der Seele.

Diese Vorstellung ist der sogenannte Leib-Seele-Dualismus. Ich weiß, langsam beginnt es zu nerven, aber der Leib-Seele-Dualismus ist das nächste philosophische Konzept Platons, das die Jahrtausende überdauert hat und bis heute diskutiert wird. Sicher hat Platon ihn nicht erfunden, sondern Ansätze ausgearbeitet, die sich schon in der griechischen Tradition fanden. Besonders die Orphiker und die Pythagoreer dürften hier große Einflüsse auf Platon ausgeübt haben.

Aber zum Beispiel findet sich der Leib-Seele-Dualismus nicht in der jüdisch-christilichen Tradition. Dort glaubte man ursprünglich tatsächlich an die Wiederauferstehung des Fleisches. Und erst durch Platons Einfluss auf die Philosophie des Mittelalters ist die Vorstellung von der Seele auch ins Christentum eingesickert.

So glaubt heutzutage bestimmt kaum jemand daran, dass irgendwann die Toten sich aus den Gräbern erheben – außer vielleicht bei einer Zombieapokalypse. Aber die Vorstellung, dass unsere Seele nach dem Tod weiterlebt, ist weit verbreitet. Der Platon-Experte Walter Bröcker vertritt sogar die These, dass erst die Verbindung von Platonismus und Christentum dem Christentum zu seinem Erfolg verholfen hat, sodass es zu einer Weltreligion werden konnte. Ins gleiche Horn stößt auch Nietzsche, der das Christentum einen Platonismus fürs Volk nannte.

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Soviel zur philosophiehistorischen Dimension des Ganzen. Aber wie können wir da auch philosophisch etwas herausholen. Der wichtige Punkt dafür – ich wiederhole es erneut – ist, dass uns Philosophen im Gegensatz zur Religion reiner Glaube nicht reicht. Wir stellen stattdessen Hypothesen auf und beweisen oder widerlegen sie. Was also sind Platons Beweise für die unsterbliche Seele?

Die Unsterblichkeitsbeweise des altgriechischen Hipsterbartträgers befinden sich im Dialog Phaidon. Im Phaidon wird die Geschichte von Sokrates’ Hinrichtung erzählt und dies zum Anlass genommen, darüber zu philosophieren, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Springen wir mal in den Text.

Das erste, was mir hier auffällt, ist, dass Platon in diesem Dialog unmittelbar vor dem Beginn der Beweisführung für eine unsterbliche Seele noch einmal die Sokratische Lehre von der Ungewissheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit wiederholt: Sokrates kommt auf sein Daimon zu sprechen, seine innere Stimme, die ihm ins Gewissen redet, und gibt zu, dass er sich nicht sicher ist, ob er sie richtig verstanden habe. Den Daimon hatte Platon in der Apologie des Sokrates erklärt. Sokrates sagt dort, dass sein Gewissen ihn in Form einer inneren Stimme immer wieder antreibe, das Richtige zu tun. Der Daimon leitet Sokrates.

Dass der Daimon diesmal unsicher ist, steht nicht aus Zufall an dieser Stelle, sondern weil Platon uns daran erinnern will, dass bei allen Beweisen stets die Möglichkeit besteht, dass wir uns irren.

Die Analogie von den Gegensätzen

Platon beginnt seine Beweisführung dann damit, dass alles in der Welt aus Gegensätzen besteht und dass diese Gegensätze immer ineinander übergehen. Tag und Nacht, Sommer und Winter, Schlafen und Wachsein. So gehen auch Leben und Tod ineinander über. Das ist übrigens eine Analogie, also die Schlussfolgerung aufgrund einer Ähnlichkeit. Und genau darin besteht auch das Problem: Diese Form der Schlussfolgerung lässt sich nicht vorbehaltlos auf alles anwenden. Das wird in dem Moment einleuchtend, wenn ihr an den Wal denkt aus dem aufgrund seiner äußerlichen Ähnlichkeit ein Walfisch wurde, obwohl er doch zu den Säugetieren gehört!

Auch auf Platons konkreten Fall bezogen, dass sich alles ineinander verwandelt, ist die Analogie problematisch, denn es finden sich ganz leicht Beispiele, bei denen es nicht so ist: Eine Raupe wird zum Schmetterling, nicht umgekehrt. Okay, dem Schmetterling könnten wir noch eine Reinkarnation unterstellen. Aber besonders, wenn wir den Tod als Analogie zum Kaputtgehen sehen, geht das ganze nicht mehr auf: Mir zerbrechen ständig Gläser, ohne wieder ganz zu werden. Meine Fahrradpedale ist nach einem Sturz verbogen. Ich warte also einfach mal darauf, dass sie sich wieder in ihr Gegenteil entbiegt, oder wie? Hier passt ja schon der Begriff des Gegenteils gar nicht mehr. Was ist denn das Gegenteil einer verbogenen Pedale?

Die Anamnesis-Lehre

Anyway: Aus diesem Argument der ineinander übergehenden Gegensätze leitet Platon sein nächstes ab: Wenn es nur Sterben und keine Wiedergeburt gäbe, dann wären bald alle Menschen tot. Das ist sogar auf einem sehr komplexen Level richtig: Lebewesen zerfallen nach ihrem Tod in ihre Bestandteile. Aus diesen Bestandteilen ziehen Bakterien, Pflanzen und Pilze ihre Nährstoffe und erzeugen so neues Leben. Aber uns geht es ja um das Fortbestehen unseres Ichs, unseres Bewusstseins oder unserer Seele und nicht darum, Kompost zu werden. Und auf diesem Level erschließt sich mir nicht, was Platon hier sagt.

Als nächstes Argument im Phaidon folgt Platons Lehre, dass Lernen Wiedererinnerung. Und da fällt mir ein: Wir haben noch immer nicht geklärt, woher wir denn implizites Wissen bekommen, wenn wir Platons Vorstellung ablehnen, dass unsere Seele vor der Geburt die Ideen geschaut hat. Nun, die Antwort darauf lautet ganz einfach: Auch implizites Wissen lernen wir, es ist nur eine andere Art von Lernen. Nehmen wir eine Fahrradfahrerin: Sie kann auf dem Fahrrad das Gleichgewicht halten, weil sie über implizites Wissen verfügt, wie das geht. Das hat sie mühsam und wahrscheinlich auch schmerzhaft lernen müssen. Aber sie kann nicht unbedingt sagen, welche physikalischen Kräfte an welcher Stelle wie wirken, denn das müsste sie ganz unabhängig vom Radfahren ganz anders lernen.

Die zusammengesetzte Seele

Platon trägt persönlich den Einwand vor, dass selbst wenn wir an seine Anamnesis-Lehre glauben, daraus noch lange nicht folgt, dass die Seele auch nach dem Tod fortlebt. Sie könnte auch im Moment des Todes wie von einem Windstoß davongeweht werden. Platon fragt daraufhin, welche Dinge denn zerstieben, also von Wind auseinandergerissen werden können. Seine Antwort: Nur was zusammengesetzt ist, kann auch zerteilt werden. Eine echte Einheit hingegen ist unteilbar und die Seele ist eine solche Einheit.

Dass Zusammengesetztes auch zerteilt werden kann, folgt in der Tat logisch aus der Wortbedeutung. Aber gilt auch der Umkehrschluss? Und folgt aus der Unteilbarkeit auch die Unsterblichkeit? Kant hat dagegen eingewendet, dass zum Beispiel Helligkeit unteilbar ist. Dass sie aber – wie in der Abenddämmerung – verblassen kann, ohne dass sie dabei in Teile zerfällt. Analoges könnte auch mit der Seele geschehen.

Platon fährt aber fort: Unteilbar sind, wie wir schon sahen, die Ideen. Entsprechend schließt Platon, sind die Erscheinungen teilbar. Ferner sind sie veränderlich während die Ideen unveränderlich sind. Schließlich sind Erscheinungen wahrnehmbar, Ideen müssen gedacht werden. Die Frage die sich direkt daran anschließt, ist: Was ist die Seele? Eher Idee oder eher Erscheinung?

Wir können die Seele nicht sinnlich wahrnehmen. Platon kann aber auch nicht sagen, dass die Seele zu den Ideen gehört, denn dann währe sie unveränderlich. In diesem Fall kann er sich aber seine Ethik in die Haare schmieren. Denn Menschen zu sagen, wie sie sich verhalten haben, macht ja nur Sinn, wenn sie ihr Verhalten auch ändern können. Deshalb cheatet Platon genauso als würde er mit Eigenblut gedopt die Tour de France gewinnen und sagt, dass die Seele mit den Ideen verwandt ist. Okayyyy, klingt überhaupt nicht zurechtgebogen … Nun gut, jedenfalls folgert er aus dieser Verwandtschaft wieder die Unsterblichkeit der Seele.

Der Gitarrenkörper und die Seelenstimme

Aber auch hier bringt Platon selbst ein sehr gutes Gegenbeispiel: Das Verhältnis von Körper und Seele könnte das Gleiche sein, wie dasjenige von einer Gitarre und ihrer Stimme. Die Gitarre und ihre Saiten sind etwas körperliches, die Stimme, also die Töne, die sie von sich gibt, hingegen ist körperlos. Aber dennoch ist die Stimme an den Gitarrenkörper gebunden und wenn dieser kaputtgeht, dann existiert die Stimme auch nicht länger. Ich finde das ein wunderschönes Bild für die Seele, obwohl es uns die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod nimmt.

Und genau das geschieht an dieser Stelle auch im Phaidon: Den am Gespräch Beteiligten wird die Hoffnung genommen, dass Sokrates, der nur noch Augenblicke zu leben hat, sich auf das Jenseits freuen kann. Nachdem sie zuvor noch so guter Dinge waren, hat auch ihnen das Bild vom Instrument so sehr eingeleuchtet, dass sie enttäuscht anmerken, ob man sich denn nie sicher sein kann. Ob es Weisheit nicht geben kann.

Und mit diesem existentiellen Zweifel lasse ich sowohl Sokrates und sein Freunde als auch euch heute zurück. Nächstes Mal werden wir nach all diesen gescheiterten Versuchen uns fragen, was Philosophie überhaupt kann und soll. Verzagt nicht, denn daraus werden wir neuen Mut schöpfen, um am Ende vielleicht doch noch zu beweisen, dass die Seele unsterblich ist.