Falsche Dichotomie

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 18

Ich blicke mal wieder ins illustrierte Buch der schlechten Argumente. Unter den Fehlschlüssen und Sophismen finden wir heute die falsche Dichotomie. Eine falsche Dichotomie macht eine Wahl zwischen zwei Optionen auf und tut so, als gäbe es nur diese beiden Optionen.

Äquivokation

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 15

Ein weiterer Blick ins illustrierte Buch der schlechten Argumente. Die Äquivokation ist ein klassischer Sophismus. Bei ihr wird im Zuge einer Schlussfolgerung eine Bedeutung durch eine andere ausgetauscht. Seht selbst, wie das vonstatten geht. Ein bisschen Mark Twain habe ich auch noch für euch …

Namedropping

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 11

Heute schauen wir wieder ins illustrierte Buch der schlechten Argumente. Ich beschäftige mich mit Namedropping. Wer braucht schon ein Argument, wenn er oder sie auch einen Namen fallenlassen kann. Wann das angebracht ist und wann nicht, ist genauso Thema wie die Frage, wann eine Autorität irrelvant ist und was eigentlich Physics envi ist.

Das Strohmann-Argument

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 8

Heute geht es wieder um Argumentationstheorie und der Gedanke stammt erneu aus dem illustrierten Buch der schlechten Argumente von Ali Almossawi. Genauer gesagt geht es um das Strohmann-Argument.

Von den Konsequenzen her argumentieren

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 6

Mein heutiger schöner Gedanke ist ein falsches Argument, beziehungsweise die Widerlegung dieses. Es geht, um den Fehler, den man begeht, wenn man von den Konsequenzen her argumentiert oder wenn man sich auf die Folgen beruft. Gefunden habe ich das im illustrierten Buch der schlechten Argumente von Ali Almossawi.

Platon – Das Euthyphron-Dilemma

Heute möchte ich über ein vertracktes philosophisches Problem sprechen: Das Euthyphron-Dilemma. Hier im Video oder darunter zum Lesen …

Warum beschäftige ich mich mit Metaphysik?

Zunächst möchte ich noch einen Umweg einschlagen: Bei meinen Erörterungen zu Platons Seelentheorie kam oft der Einwand: “Das ist doch keine Philosophie. Das ist esoterischer Blödsinn. Warum beschäftigst du dich damit?” Ich ahne, dass ich ähnliche Kritik auch hören werde, wenn ich mich jetzt mit Gott auseinandersetze. Und ich verstehe diese Vorbehalte! Wirklich. Auch ich habe das eine oder andere kognitionswissenschaftliche Buch gelesen und weiß, was alles gegen die Existenz der Seele spricht. Genauso bei Gott: Auch ich lebe nach Reformation und Aufklärung, habe Kant gelesen, kenne Russels Teekanne und habe Dawkins gelesen. Dennoch beschäftige ich mich mit solchen Fragen. Warum? Das hat drei Gründe:

  1. 2000 Jahre lang war Metaphysik einer der wichtigsten Zweige der Philosophie.  Nur weil sie in den letzten hundert Jahren aus der Mode kam, sollten wir sie nicht komplett ignorieren. Wenn wir sie erst einmal vorbehaltlos betrachten, lernen wir vielleicht etwas … Das führt uns zu:
  2. Damit können wir unseren Geist trainieren. Argumentationen nachzuvollziehen, ist das Basisgeschäft der Philosophie. Und Platon ist einer der Großmeister des Argumentierens. Ein Fußballer tut gut daran, die Bewegungsabläufe von Lionel Messi zu studieren, auch wenn er sie sich nicht zu eigen machen will. Entsprechend tun wir gut daran, die Argumentationsabläufe von Platon zu studieren, denn …
  3. Nur zu sagen “ich glaube nicht an Gott” oder “ich glaube nicht an die Seele”, reicht nicht. Das ist keine Philosophie. Zu Philosophie wird unser Glaubenssatz erst, wenn er wahr und begründet ist. Um gut begründen zu können, müssen wir erst einmal die Gegenargumente kennen und dann können wir uns überlegen, wo wir da einhaken.

Doch jetzt ist es an der Zeit, uns damit zu beschäftigen, was Platon über Gott gesagt hat …

Die drei Phasen der Platonischen Philosophie

Dafür müssen wir uns noch einmal die drei Phasen der Platonischen Philosophie ins Gedächtnis rufen:

Es gab den frühen Platon, der noch stark geprägt war von seinem Lehrer Sokrates und der Sokratischen Wende. Wenn ihr nicht mehr wisst, was die sokratische Wende war, solltet ihr euch dringend noch einmal meine Sokrates-Texte lesen. Der frühe Platon jedenfalls kümmerte sich um Fragen der Ethik. Er gab selten definitive Antworten, widerlegte eher als dass er bewies.

Platons zweite Phase war dann die der großen Entwürfe: Allem voran entwarf er die Ideenlehre und begann mit ihr als Basis Beweise aufzustellen. Der Phaidon und seine Beweise von der unsterblichen Seele fallen in die Zeit des mittleren Platons. Platon interessierte sich für das Jenseitige noch mit einem stark menschlichen Fokus und argumentierte stark aus seiner Ideenlehre heraus.

In seiner dritten und letzten Phase begann Platon schließlich einerseits die Ideenlehre zu kritisieren und mit ihr verbundene Probleme aufzuzeigen. Andererseits ließ er auch die Sokratische Wende hinter sich und frug wieder die ganz große vorsokratische Frage: Was ist die Welt? Oder auch: Was ist der Kosmos?

Das Spiel der Gottesbeweise

In diesem späten Abschnitt von Platons Schaffen findet sich der Platonische Gottesbeweis, der sich entsprechend auch kosmologischer Gottesbeweis nennt. Die spannenden Dialoge sind hierfür der Phaidros und die Nomoi, die Gesetze. Doch bevor wir uns anschauen, wie Platon versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, möchte ich noch einen Blick in einen der frühen Dialoge werfen, in den Euthyphron.

In den Jahrtausenden nach Platon, nachdem das Christentum in Europa seinen Siegeszug angetreten hatte, waren Gottesbeweise ein beliebter Sport unter Philosophen. Viele haben sich daran gewagt aus ihrem Glauben Wissen zu machen und dies taten sie auf mannigfache Art und Weise. Ein solcher Gottesbeweis ist zum Beispiel der ethische Beweis, wie ihn unter anderem Johann Gottlieb Fichte vertreten hat. Er geht ungefähr so:

Wir Menschen verfügen über ein Gewissen, das uns in einer inneren Stimme sagt, was gut und was böse ist. Oft spricht unser Gewissen dabei aber gegen unsere eigenen Interessen und Vorteile an, etwa bei der Frage, ob ich als Banker das Geld meiner Kunden riskant investieren soll: Ich persönlich habe dadurch nur Vorteile, denn ich kann nicht verlieren – es ist ja nicht mein Geld. Ich kann wiederum viel gewinnen, wenn die Wette aufgeht und ich eine entsprechende Provision bekomme. Mein Gewissen sagt mir aber, dass das falsch ist, entsprechend rät es mir zu einer Handlung, die meinen eigenen Interessen entgegensteht. Die Stimme des Gewissens kann wegen dieses Widerspruchs zu meinen Interessen nicht meine eigene Stimme sein. Wessen Stimme ist es dann? Es ist die Stimme Gottes.

Das Euthyphron-Dilemma als Argument gegen die Existenz Gottes

Ich persönlich halte diesen Gottesbeweis für ungefähr so überzeugend wie die Idee, dass 50 Shades of Grey ein guter Film sein soll. Es gibt vieles, das gegen ihn spricht und eines davon ist das sogenannte Euthyphron-Dilemma. In Platons Dialog Euthyphron geht es um Frömmigkeit sowie um das mit ihr verbundene und nach diesem Dialog benannte Dilemma.

Ein Dilemma ist eine philosophische Zwickmühle, bei der ich mich zwischen zwei Schlussfolgerungen  entscheiden muss, die sich gegenseitig ausschließen und die uns beide mit einem bitteren Geschmack zurücklassen. Das Euthyphron-Dilemma lautet nun: Ist das Gute gut, weil Gott es gebietet oder gebietet Gott das Gute weil es gut ist?

Egal, wie wir auf diese Frage antworten, die Konsequenzen sind eher ungünstig für unser Weltbild: Wenn die Ethik nur existiert, weil Gott sie gebietet, dann ist sie etwas Willkürliches, hat keinen intrinsischen Wert. Wenn Gott von uns zum Beispiel Menschenopfer verlangt, dann ist das gut – ganz egal, was wir darüber denken.

Wenn aber andererseits Gott die Ethik nur deshalb gebietet, weil sie gut ist, dann ist Gott nicht allmächtig, sondern muss sich selbst nach einem noch höherem Prinzip richten. Da es aber zur Definition von Gott gehört, dass er allmächtig ist, kommt dies schon einem Argument nahe, dass es Gott nicht gibt. Genau diesen Weg beschritt übrigens Bertrand Russell in seiner Gotteswiderlegung und auch Platon steht hart für das absolute Gute ein.

Dieses Dilemma spiegelt sich übrigens exakt in der Frage, ob Homosexualität eine Sünde ist. Fundamentalistische Christen sagen: „Das steht in der Bibel, also sagt es Gott und was Gott sagt, ist ethisch gut.“ Wir laizistischen Menschen sagen hingegen: Homosexualität ist erstens angeboren und schadet zweitens niemandem, sie ist also nicht böse. Entsprechend ist entweder falsch, was in der Bibel steht oder Gott befiehlt etwas, das der Ethik widerspricht, was wiederum hart gegen die Existenz Gottes spricht.

Das Euthyphron-Dilemma lässt sich also als Argument gegen die Existenz Gottes verwenden. Aber eigentlich wollte ich euch ja erzählen, was nach Platon für die Existenz eines göttlichen Wesens spricht. Das schauen wir uns beim nächsten Mal an.

Politische Aufmerksamkeit

Ich habe neulich, als Bernd [sic!] Höcke sein Weltbild vollends entblößt hat, hier geschrieben, dass wir Rechtspopulisten keine Aufmerksamkeit schenken dürfen. Aufmerksamkeit ist in der Mediendemokratie ein kostbares Gut, denn am Ende bleibt bei den Zuschauern und Zuschauerinnen meist nicht die Botschaft hängen, sondern, dass die Meinung relevant genug war, um gesendet zu werden. Um Marshall McLuhan unverantwortlich aus dem Kontext zu reißen: The media is the message.

Rechtspopulisten nutzen genau das aus, indem sie bewusst provokante Äußerungen tätigen, damit Medienpräsenz erlangen und dann im nächsten Schritt auf eine vermeintlich gemäßigtere Position zurückrudern (“wir wurden falsch zitiert”, “das wurde aus dem Kontext gerissen” oder “meine Maus ist ausgerutscht”). Neben der Tatsache, dass sie sich ins Gespräch gebracht haben, schaffen sie mit diesem Spiel noch etwas zweites: Sie verschieben den Diskurs weiter nach rechts, indem sie bislang “unsagbare” Thesen aufstellen und so überhaupt erst einmal ins Gespräch bringen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es übrigens – um kurz abzuschweifen – schön, dass die SPD mit Martin Schulz anscheinend endlich einen starken Kamzlerkandidaten gefunden hat und so den öffentlichen Diskurs endlich wieder weiter nach links rückt.

Auch bei Höckes vollkommen bekloppten Äußerungen über das Holocaust-Mahnmal ließ sich das Spiel der Rechtspopulisten beobachten. Das geschah dahingehend, dass zum Beispiel der Versuch gestartet wurde, sie zu legitimieren, indem gesagt wurde, dass ja Rudolf Augstein quasiiiiiiii schon mal genau das gleiche gesagt hat. Es handelt sich hierbei um den beliebten Sophismus des Namedroppings. Wenn schon Augstein das gesagt hat, dann kann es doch gar nicht so schlimm sein! Es handelt sich hierbei um einen Sophismus, also eine manipulative Argumentationsfigur, weil der Name Rudolf Augstein nichts über den Inhalt des Satzes aussagt. Was Höcke und Augstein gesagt haben, war antisemitisch und nicht mit unseren Werten vereinbar.

http://uebermedien.de/11997/hoecke-augstein-und-das-denkmal-der-schande/

Auch die Diskussion über das Aleppo-Mahnmal in Dresden, schlägt hier übrigens in die gleich Kerbe. Zeigt Sie doch den gleichen Trend auf: Ein Kunstwerk, das Pazifismus exemplifiziert und sich gegen das Verdrängen eines Krieges vor den Toren Europas ausspricht, wird vollkommen irrational scharf angegriffen. Der Diskurs wurde erneut erfolgreich nach rechts verschoben.

Dennoch habe ich mich geirrt! Die Reaktionen auf Höcke waren erfreulich anders, als ich es erwartet hatte. Die Zustimmungswerte für die AfD fallen in den Umfragen, Höcke droht sogar der Parteiausschluss und das Land Hessen überlegt, wie es verhindern kann, dass dieser Revisionist weiter als Geschichtslehrer arbeiten darf. Offensichtlich hatte Sascha Lobo recht, dass Höckes Rede einfach zu entlarvend war. Allerdings prognostiziere ich, dass Höckes Rede noch nicht die letzte Provokation im Wahljahr war. Stattdessen können wir immer wieder damit rechnen, dass die AfD so oder ähnlich agieren wird. Sie selbst haben dies verraten.

Diesmal ist ihr Spiel nicht aufgegangen. Der Skandal war zu groß, sodass sie die Empörung nicht mehr einfangen konnten. Aber auf Dauer wird dieses Rezept nicht funktionieren. Empörung nutzt sich zu schnell ab. Was uns gestern noch unerhört schien, ist für uns heute schon Normalität

Also was tun? Wie ich das sehe gibt es zwei Strategien. Zum einen ist es – dabei bleibe ich – schlau, den Provokateuren einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken und die Provokation so ins leere laufen zu lassen. Wir dürfen nicht über ihre Themen reden sondern über unsere! Lasst uns die Agenda setzen und nicht anderen hinterherlaufen!

Doch in den letzten Wochen wurde mir ein zweiter Weg vor Augen geführt, den ich wunderbar effektiv finde: Humor. Das ist natürlich weder ein Geheimnis noch ist es neu. Aber sich über Rechtspopulisten lustig zu machen, scheint tatsächlich zu funktionieren, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Wenn die Witze gut sind, dann nutzen sie sich nicht so ab, wie es die Empörung tut. Und ein rechter Populist wird sich immer wohler fühlen, wenn er dämonisiert wird, als wenn er zum Hampelmann verkommt.

Der Beweis dafür muss natürlich noch erbracht werden, aber was in den letzten Wochen in Amerika abgeht, stimmt mich positiv. Saturday Night Live, Last Week Tonight und Co. sowie der Spott des gesamten Netzes wie zuletzt bei #lastnightinsweden heizen Trump schön ein und dessen Tweets und Äußerungen zeigen genauso wie seine Beliebtheitswerte, dass das an ihm nagt.

https://twitter.com/potzlow/status/833399999362908160

Mein Aufruf im Wahljahr ist: Lasst uns die AfD entweder ignorieren oder über sie lachen.

Ailan Kurdi wurde gecrosst. Von der Macht der Bilder

Meer. Strand. Ein Junge liegt dort. Noch ganz deutlich im Kleinkindalter mit hoher Stirn und pausigen Backen. Er liegt auf dem Bauch. Er schläft. Er trägt eine kurze blaue Hose. Das rote T-Shirt ist ein wenig hochgerutscht. Ein Bild, das wir jungen Eltern im nahen Sommerurlaub dutzendfach sehen werden, wenn unsere Kinder am Strand schlafen. Doch etwas ist schief an diesem Bild. Der Kleine ruht nicht auf einem Handtuch, ist in keine Decke gehüllt. Nein, er liegt direkt an der Wasserkante. Er schläft nicht. Er wird nie wieder schlafen …

Ihr alle kennt das Bild. Es ist das Bild des toten Ailan Kurdi, der auf der Flucht nach Europa ertrunken ist. Es ist ein Bild von maximaler Traurigkeit und Schönheit. Ich weiß, diese Worte klingen unerhört: “Das Bild des toten Ailan Kurdi ist schön.” Aber klickt diesen Text bitte noch nicht empört weg. Bestürmt mich nicht schon jetzt mit Scheiße, sondern lasst mich erklären.

Seit März fuhr ich fast täglich an diesem Bild vorbei. Denn es war hier in Frankfurt überlebensgroß an einen Brückenpfeiler gesprüht. Dort, wo der Osthafen vom Main abzweigt. Ich bewunderte oft die Kunstfähigkeit der mir unbekannten Streetartists, die Ailan an einer Stelle platziert hatten, an der jeder und jede, die den Main hinaufkam, ihn sehen musste. Aber zugleich war das Grafitto so angebracht, dass mit dem beginnenden Frühling ein austreibender Busch Ailans Gesicht verbarg, wenn man sich an der Mainpromenade ihm näherte. Als wollte die Natur Ailan im Tod die Würde zurückgeben, die wir Menschen ihm im Leben versagt haben. So habe ich Ailan Tag für Tag gesehen. Mal habe ich ihm mehr Beachtung geschenkt, mal weniger. Dies ist das einzige Foto, das ich je von dem Graffito gemacht habe:

Das Bild des toten Ailan Kurdi
Das Bild des toten Ailan Kurdi

Zumeist eilte ich nur vorüber, denn ich hatte es eilig. Musste zur Arbeit. Musste zu meinen eigenen Kindern. Dabei habe ich mir oft vorgenommen, stehenzubleiben. Ein Foto zu machen. Es euch auf Instagram zu zeigen. #Frankfurt #Streetart. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Ich muss weiter. Ich nahm Ailans Bild für gegeben. Es war da. Garantiert. Bis gestern. Gestern wurde Ailan Kurdi gecrosst.

Ailan Kurdi wurde gecrosst
Ailan Kurdi wurde gecrosst

Dort, wo noch vor zwei Tagen sein Gesicht zu sehen war, steht jetzt „Grenzen retten Leben!“ Ich war geschockt. Aber nur ganz kurz. Dann dachte ich: “Ja, so ist es richtig”. Versteht mich bitte nicht falsch! Nicht der Spruch ist richtig, der ist total bekloppt. Ich komme gleich darauf zurück. Nein, dass dieses riesige, wunderschöne und unendlich traurige Graffito gecrosst wurde, das ist richtig. Denn es sagt ebenso viel über diese Kunstform aus, wie über das, was das Bild repräsentierte.

Erinnert ihr noch als „Deutschland einziger Banksy!!!“ gecrosst wurde? An den Aufschrei, der durch die Medien ging: Dass ein Vandale unseren(!) einziegen(!!) Banksy(!!!) gecrosst hat!!!! Keiner der Feuilletonisten, die sich damals aufregten, hat Streetart verstanden. Die Vergänglichkeit ist Teil der Streetart. Das Crossen eines Graffitos ist schon bei seiner Entstehung mitgedacht. Der oder die Unbekannte, die den hinter Plexiglas „geschützten“ Banksy crosste, war kein bloßer Vandale. Es war exakt der Punkt, den sie machen wollte. Das Medienspektakel, dass einem Stoß aus der Sprühdose folgte, war das eigentliche Kunstwerk. Eine Performanz, die Beuys nicht entlarvender hätte inszenieren können.

Diese der Streetart inhärente Vergänglichkeit haben auch die Künstler beim Sprühen mitgedacht, die Ailan an einem Brückenpfeiler und eben nicht im Museum gerade nicht verewigt haben. Das Crossen des Grafittos war von Anfang an intendiert. Denn so drückt Ailans Bild noch etwas aus, dass es in den vergangenen Monaten noch nicht zum Ausdruck brachte: Vergänglichkeit. Streetart ist so flüchtig wie das Leben eines kleinen Kindes, das wir dem Mittelmeer überlassen.

Und noch mehr drückt das neue Kunstwerk aus: Die Macht der Bilder. Ihr alle kennt die Phrase „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und allzu oft ist sie bloß hohl. Je konventieller ein Bild ist, desto weniger sagt es. Die Piktogramme an Toiletten sagen genau ein Wort: „Frau“ beziehungsweise „Mann“. Aber es gibt Bilder, die stark sind. Bilder, die Macht haben. Das Bild des toten Ailan Kurdi ist ein solches Bild. Das zeigt nichts besser als der Spruch, der da jetzt verkündet: „Grenzen retten Leben!“

Da stehen diese drei Worte auf dem verstümmelten Kunstwerk und sind doch so viel jämmerlicher. Sie bringen keine Argumente. Jeder und jede, die vorbeigeht, fragt sich zwangsläufig: Warum? Dort ist doch sofort der Gegenbeweis zu sehen! Das Bild wiederum hatte es nicht nötig, so eine plumpe Botschaft hinauszukrakelen. Dort stand nicht unter dem gesprühten toten Körper „Öffnet alle Grenzen“. Nicht einmal „Refugees welcome“ stand dort. Das Bild war nur da. Es war nur das Bild eines toten Jungen. Keine Forderung, keine These war damit verbunden. Und doch war es so stark, dass es irgendjemand nicht mehr ausgehalten hat, diesen schönen toten Körper zu sehen. Irgendjemand fühlte sich so provoziert, dass er bei Nacht und Nebel auf die Landzunge hinunterkletterte und dort seine jämmerliche Botschaft platzierte.

Er wusste es vielleicht nicht, als er es machte. Doch als er den kläglichen Versuch, sein Weltbild zu verkünden, von Land aus betrachtete, muss ihm aufgefallen sein, wie verloren sein Sprüchlein war. Denn um so vieles stärker war, nein, ist das Bild: Ohne These, ohne dumme Forderung erzählt das Bild vom Scheitern Europas. Mit dem kläglichen Sprüchlein auf dem Gesicht ist es nur noch stärker. In seiner stummen Repräsentation entlarvt es, gerade weil es nie mit einer Botschaft verbunden war, den Spruch „Grenzen retten Leben!“.

Das Bild des toten Ailan Kurdi ist und bleibt ein stummer Vorwurf. Ohne Worte erzählt es die Geschichte eines Kindes, das vor Krieg und vor dem IS floh. Jenem IS, der uns so furchtbare Angst macht, wenn er mal eine Bombe in einer unserer Städte zündet. Es ist der gleiche IS, der täglich Ailans Heimat bombardiert. Doch weil wir zu kleingeistig, zu kleinherzig, zu mutlos, zu angstvoll sind, musste Ailan Kurdi sterben. Keine Worte können überpinseln, dass wir für Ailans Tod die Verantwortung tragen. Mit dieser ihm inneliegenden Macht ist das Bild vom toten Ailan Kurdi zugleich unendlich traurig und doch so schön.

Alte Männer über neue Probleme

Heise berichtet über einen Besuch des Philosophen Michael Sandel beim “Telefónica-Basecamp in Berlin”. Sandel ist nicht irgendwer, sondern ein durchaus renommierter kommunitaristischer Philosoph, der sich nicht zuletzt mit seiner Kritik an John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit einen Namen machte. Ich weiß nicht, wie getreu Heise Sandels Position wiedergibt, da ich mir gut vorstellen kann, dass der Autor nicht alles verstanden hat. Dass Sandel den digitalen Wandel kritisch sieht, überrascht mich nicht sonderlich, denn der Kommunitarismus ist eine ziemlich konservative Strömung der Philosophie. So frage ich mich, ob dieser Abschnitt bei Heise:

“So findet er es etwa unheimlich, wenn sich sein Sohn in Boston per App Essen aus einem Restaurant ins Haus liefern lässt und ein Freund von ihm in Kalifornien weiß, was er bestellt hat. Sein Sprössling sehe dies aber schon ganz anders.”

… wirklich Sandels stärkstes Argument war, denn etwas “unheimlich” zu finden, ist keine valide Form der Begründung, wie ich zum Beispiel hier schon einmal darlegte. Trotzdem ist der Artikel ganz lesenswert, da er einige philosophische Fragen anreißt, die demnächst auf uns zukommen …

Für alle, denen das zu lang ist, habe ich diesen Tweet gefunden:

Beweis, dass die Homo-Ehe nicht die Heterosexualität diskriminieren wird

Heute teilte ich ein Zitat aus der FAZ auf Twitter, in dem der Autor doch tatsächlich behauptete, der „Gendermainstream“ sehe heterosexuellen Sex als Homophobie an. Nachdem ich das als “dummdreist” bezeichnet hatte, kam auch noch ein Typ an und maulte rum, ich solle ihm erst einmal beweisen, dass die Homoehe nicht zur Diskriminierung der Heterosexualität führen werde.

Zunächst tat ich das als reine Unlogik ab, schließlich kann ich die Nichtexistenz von etwas nicht beweisen. Aber nach einem zweiten Gedanken kann ich das eigentlich doch beweisen. Und zwar mit einem Blick in die Geschichte:

Ab 1433 (in Braunschweig-Wolfenbüttel) bis 1833 (in Hannover) wurde die Leibeigenschaft in allen deutschen Staaten (Österreich 1848) abgeschafft. Überraschenderweise führte dies nicht zu einer Unterjochung der Grundbestizer.

1834 verbot das Britische Empire die Sklaverei. Davor waren in der Neuzeit vor allem Afrikaner versklavt worden. Überraschenderweise wurden anschließend keine Europäer versklavt.

1869 führte Wyoming als erster neuzeitlicher Staat das Frauenwahlrecht ein. Überraschenderweise führte dies nicht zur Abschaffung des Männerwahlrechts.

1955 weigerte sich Rosa Parks, ihren Sitz im Bus für einen Weißen zu räumen. Daraus entwickelte sich die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die zu einem Ende der Rassentrennung und zu gleichen Rechten für Afroamerikaner führte. Überraschanderweise wurden dadurch nicht die Rechte der weißen Bevölkerung eingeschränkt.

Seit 1957 wurde die Strafverfolgung Homosexueller in Ost- und Westdeutschland bis 1994 schrittweise zurückgenommen. Überraschenderweise führte es nicht zu einer Strafverfolgung Heterosexueller.

Die Freilassung Nelson Mandelas 1990 führte zum Ende der Apartheid in Südafrika. Überraschenderweise aber nicht zu einer Unterdrückung der weißen Minderheit.

2000 trat in Deutschland das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung in Kraft. Überraschenderweise führte es nicht zu vermehrter Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern.

2015 sprach sich die irische Bevölkerung für die Gleichstellung der homosexuellen Ehe mit der heterosexuellen Ehe aus. Wird dies wohl zu einer Unterdrückung der Heterosexuellen führen …?

 

Q. E. D. ALTER!