Epilog zu Platon

Hier geht s heute zum letzten Mal um Platon. Also wahrscheinlich, eventuell,  vorerst vielleicht. Ganz sicher ist hingegen, dass ihr entweder das Video sehen könnt oder den Text lesen.

Lasst uns noch einmal zurückblicken, was wir alles über Platon erfahren haben. In den letzten drei Jahren habe ich euch in 32 Teilen von Platon erzählt. Ihr hättet lernen können, dass er ein Schüler von Sokrates’ war. Dass er ein spitzenmäßiges Apfelkuchenrezept hatte und dass Platons Philosophie in drei Phasen aufgeteilt wird: den frühen, mittleren und den späten Platon. Ich habe mich hier zumeist auf den mittleren Platon konzentriert, denn es ist der Platon der großen Entwürfe.

Der Platon der großen Entwürfe

Der größte der großen Entwürfe ist Platons Ideenlehre, die bis heute für die theoretische Philosophie von Relevanz ist, auch wenn sie natürlich oft und hart kritisiert wurde. Neben der Ideenlehre ist Platon für seine Ethik bekannt, wo er, wie wir sahen, hart für eine universalistische Auffassung  des Guten eintrat. Die Staatstheorie, die er daraus folgerte, ist zwar nicht minder berühmt, darf aber meines Erachtens getrost auf dem Müllhaufen der Philosophiegeschichte entsorgt werden gleich neben Hegels Weltgeist und Heideggers … was auch immer Heidegger gemacht hat. Ganz im Gegenteil etwa zur berühmten platonischen Liebe und seiner Definition von Wissen, die noch immer awesome sind.

Neben diesen Kernthemen habe ich noch zahlreiche andere angesprochen und dennoch – wie könnte es anders sein – habe ich nur einen kleinen Teil der gesamten platonischen Philosophie angekratzt, als wäre sie ein zu tief gefrorenes Kratzeis. Peter Adamson vom schönen Podcast “The History of Philosophy without any Gaps” sagte mal, für ihn stehe ohne jeden Zweifel fest, dass er auf eine einsame Insel die gesammelten Werke Platons mitnehmen würde, denn mit ihnen kann man sich problemlos ein Leben lang beschäftigen. Und auch ich kann nur empfehlen, euch mal einen frühen platonischen Dialog zu schnappen, euch damit am besten in eine altehrwürdige Bibliothek zu setzen, den Dialog zu lesen, mit dem Einschlafen zu kämpfen und darüber nachzudenken. So habe ich meine Liebe zur Philosophie entdeckt.

Platon und die Schönheit

Eine von all den vielen Sachen die ich weitgehend ausgelassen habe, war ein der drei philosophischen Kerndisziplinen. Wir hatten uns mit den beiden philosophischen Bereichen beschäftigt, die Kant in einem berühmten Zitat aus der Kritik der praktischen Vernunft wie folgt zusammengefasst hat:

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.”

Der olle Königsberger spricht hier von der Erkenntnistheorie und der Ethik. Aber es gibt eben noch einen dritten Zweig am philosophischen Baum: den der Ästhetik und den habe ich bei Platon fast komplett ausgelassen. Das liegt daran, dass Platon so seine Probleme hatte mit der Untersuchung der Schönheit. Gewiss im Symposion blitzt sie im Zusammenhang mit der Liebe gewissermaßen notgedrungen auf. Ich hatte die dort gegebene Definition der Idee der Schönheit im Rahmen der Ideenlehre wiedergegeben. Doch insgesamt war Platon skeptisch, was Schönheit anbelangt. Umberto Eco schreibt in seiner Geschichte der Schönheit, dass Platon meinte, sie lenke von der Wahrheit ab.

Platons Skepsis gegenüber dem Schönen und der Kunst zeigte sich zum Beispiel im Liniengleichnis. Hier stellte Platon die Abbilder auf die unterste Stufe der Erkenntnis. Zwar sprach er auch über natürliche Spiegelungen und Schatten, doch spätestens in der Wirkungsgeschichte wurden vor allem die gefertigten Abbilder verstanden. Auch der ganze Zensurapparat im Staat zielt darauf hin, die Macht ästhetischer Werke zu beschränken und lediglich pure Erkenntnis den Bürgern zugänglich zu machen. Interessant daran ist, dass Platon mit diesen Maßnahmen implizit eingesteht, dass Kunst wirkungsmächtig ist, dass sie einen enormen Einfluss auf unser Leben und unsere Sicht der Welt hat. Und genau aus diesem Punkt ist sie auch ein wichtiger Gegenstand zukünftiger Betrachtungen in dieser meiner Reihe.

Blick nach vorne

Damit bin ich bei der Frage, wie es hier weitergeht. Und darauf kann es nur eine Antwort geben: mit Aristoteles. Mit Platons Schüler schließe ich die großen Drei der Antike ab: Sokrates, Platon und eben der gute alte Ari. Aristoteles hat sich übrigens im Gegensatz zu Platon ausführlich mit Ästhetik beschäftigt, wie er überhaupt das ein oder andere Feld aufgriff, das Platon mit Missachtung strafte, zum Beispiel die Rhetorik. Ich werde in meiner Aristoteles-Reihe daher immer wieder darauf zurückkommen, wo Aristoteles explizit oder implizit sich von seinem großen Lehrer abhebt und ihn kritisiert. Ihr seht, ihr werdet Platon nicht los.

Aristoteles wird natürlich nicht der einzige bleiben, der seine Philosophie in einer Auseinandersetzung mit Platon begründet. Ein letztes Mal haue ich euch noch Alfred Whiteheads Zitat um die Ohren:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.”

Platon war für die europäische Philosophie ein Fluch und ein Segen zugleich. Ich weiß, dieser Satz ist ein Klischee, aber erst ist auch so wahr wie der nächste, der nicht weniger ein Klischee ist: Platon war ein Genie. Er hat so viele Dinge vielleicht nicht zum ersten Mal gedacht, aber zumindest aufgeschrieben und uns so überliefert, dass er Wege ebnete, die die Philosophie von da an gehen konnte. Aber wo immer er eine Tür geöffnet hat, blieben natürlich auch andere verschlossen, durch die er genauso hätte gehen können.

Der vergessene Platon

Bei diesem enormen Einfluss, den ich im Detail ja in den letzten 32 Teilen immer wieder ansprach, ist es erstaunlich, dass es Phasen in der Philosophiegeschichte gab, in denen Platon fast vergessen war. Wenn man Bücher zur Geschichte der Philosophie liest, gewinnt man leicht den Eindruck, dass nach Platon und Aristoteles ein bisschen Mittelalter lag und dann gleich Descartes kam. Dass zwischen Platon und der philosophischen Neuzeit knapp 1.900 Jahre lagen, verliert man leicht aus den Augen.

Platon hatte seine Legacy selbst eingeleitet mit der Gründung der Akademie, die auch unglaubliche 300 Jahre fortbestand, doch spätestens 87 v. Chr. kam der Unterricht zum erliegen, als die Römer Athen eroberten und die Akademie verwüsteten. Es gab noch ein paar Versuche, die Tradition aufrecht zu erhalten, doch ca. 44 v. Chr. war dann endgültig Schluss.

Platons Lehren gerieten in weiten Teilen der philosophischen Welt in Vergessenheit, lediglich in Ägypten wurde die Flamme am Leben erhalten. Von hier aus brachte dann Platons Lehren der Philosoph und Namens-Remix-Begründer Plotin ca. 280 Jahre später nach Rom und die Epoche der Neuplatoniker wurde begründet. Der Neuplatonismus breitete sich nach Konstantinopel, Syrien und erneut Ägypten aus. Auch wenn der Kirchenvater Augustinus von Hippo Platons Lehren weitgehend christianisierte, hatten im Christlichen Europa die meisten Schriften Platons einen schweren Stand und im 6. Jahrhundert kam diese Tradition dann zum Erliegen. Teile des Platonismus wurden mit der Christlichen Philosophie weitergetragen und auch in Konstantinopel und Baghdad wurden seine Lehren wohl bis ins 11. Jahrhundert hier und dort am Leben gehalten. Doch schließlich wurde es still um den alten Philosophen.

Erst vierhundert Jahre später erlebte Platon mit der Renaissance in Italien auch seine Wiedergeburt und spätestens seit dem Beginn der Neuzeit gehört eine kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophenkönig zum Standardrepertoire der Philosophen.

Ende

So, das war es. Das war, was ich euch zu Platon zu erzählen hatte. Gemessen an seinem Werk war es nicht viel und mein Anspruch ist bescheiden,  ich hoffe lediglich,  dass, was ich sagte, halbwegs stimmt.

Wir gesagt, es ist bestimmt kein Abschied für immer. So lange dieser Blog bestehen bleibt, so lange wird uns der erste große Philosoph immer wieder begegnen. Für mich ist es jetzt aber Zeit, voranzuschreiten. Weit muss ich dabei nicht gehen, denn schon als Platon noch selbst in der Akademie unterrichtete, saß da ein wissbegieriger Schüler in der ersten Reihe und sollte ein nicht minder großer Philosoph werden: Aristoteles.

Haltet mir die Treue, es wird ein bisschen dauern, bis ich mit dem Wälzen der Texte von und zu Ari fertig bin. Damit euch nicht langweilig wird, werde ich hier die eine oder andere Text für euch zu philosophischen Themen droppen. Doch am Ende gebe ich Platon selbst das Wort. Mit den letzten Zeilen aus dem Dialog Protagoras:

Da sagte Protagoras: Lieber Sokrates, ich lobe deinen Eifer und deine Durchführung des Gespräches. Glaube ich doch, auch sonst kein schlechter Mensch, am allerwenigsten aber neidisch zu sein, und so habe ich mich denn auch über dich schon gegen viele dahin ausgesprochen, daß ich von allen denen, mit welchen ich in Berührung komme, dich am meisten hochschätze, vor allem unter denen, die gleichen Alters mit dir sind; und so erkläre ich denn auch, daß es mich nicht wundern sollte, wenn du einst unter den Männern genannt werden wirst, denen ihre Weisheit einen berühmten Namen erwarb. Aber über diese Gegenstände wollen wir, wenn es dir recht ist, ein andermal sprechen! Jetzt aber ist es Zeit, uns auch einmal zu etwas anderem zu wenden.

Gut, sagte ich, so wollen wir es machen, wenn du meinst. Denn auch für mich ist es schon längst Zeit, dahin zu gehen, wovon ich sprach, und nur dem schönen Kallias zu Gefallen bin ich hier geblieben.

Nachdem wir so mit einander geredet und einander zugehört hatten, trennten wir uns.

Platonische Liebe

Meinen Zweiteiler zur Platonischen Liebe schließe ich heute und hier ab. Erinnert euch: Beim letzten Mal habe ich erzählt, wie Sokrates zu einem Saufgelage namens Symposion kam und dort ein Battlerap stattfand. Alle Anwesenden battelten sich darin, wer die beste Definition für die Liebe hat. Nachdem schon ein Haufen unwissender Tagediebe ihren Senf abgegeben haben, kommt nun endlich Sokrates an die Reihe und damit beginnt die eigentliche Definition der Liebe.Wie immer habt ihr die Wahl zwischen Video und Text:

Eine besitzergreifende Theorie

Als Sokrates das Wort ergreift, disst er in bester Battlerap-Tradition zunächst einmal seine Vorredner, dass sie alle keine Ahnung haben und nur schön Worte von sich geben. Er, Sokrates, wolle jetzt prüfen, was die Wahrheit über die Liebe sei. Platons Lehrer beginnt daraufhin seine Definition damit, dass Liebe immer Liebe zu etwas ist, das man noch nicht hat und begehrt. Wenn man sagt, dass man liebt, was man schon hat, so meint das, man möchte es auch in Zukunft behalten, da man das auch noch nicht sicher hat, bleibt es bei der ursprünglichen Definition.

Puh, ganz schön besitzergreifend. Sicher gibt es diesen Aspekt der Liebe. Aber ist sie immer so? Kann man nicht auch lieben, ohne zu besitzen? Der Platon-Spezialist Walter Bröcker* wendet zum Beispiel ein, dass Liebe auch darin bestehen kann, dass man sich an der Gegenwart einer Sache oder eines Menschen erfreut, ohne diesen gleich besitzen zu müssen.

Glück als Letztbegründung

Lauschen wir mal, was Sokrates noch zu sagen hat: Sokrates stimmt Phaidros zu, dass die Liebe das Schöne anstrebt und fragt nun, warum das so ist. Seine Antwort: Der Liebende will glückselig werden. Glückselig oder einfach nur glücklich zu sein wird dann von Sokrates als Letztbegründung angenommen, eine Begründung, bei der man nicht mehr sinnvoll weiter „Warum?“ fragen kann. Du kannst demnach sinnvoll fragen: “Warum willst du lieben?” Und die Antwort lautet: “Weil ich glücklich werden will.” Aber die Frage “Warum willst du glücklich werden?” ist nicht sinnvoll. Weil #isso! Wir werden uns damit noch weiter im Zusammenhang mit Platons Ethik beschäftigen. Aber es ist ein interessanter Funfact, dass mit der Letztbegründung ein weiteres enorm wirkungsträchtiges philosophisches Konzept bis auf Platon zurückgeht.

Da Sokrates diesen Begründungsstrang seiner Meinung nach an sein Ende getrieben hat, folgt die Frage, was denn glücklich macht. Seine Antwort: „Das Gute“. Daraus folgend kritisiert er dann auch den Mythos vom Kugelmenschen, denn Liebende würden nicht ihre andere Hälfte suchen, sondern etwas, das gut für sie ist. Und wenn die andere Hälfte sich als schlecht herausstellt, dann wollten die Liebenden sie gar nicht haben.

Ist der Zweck der Liebe bloß die Fortpflanzung?

Sokrates präzisiert nun Phaidros These noch einmal: Die Liebe strebt nicht nach dem Schönen an sich, sondern nach der Geburt des Schönen. Die Geburt des Schönen kann nun buchstäblich die Geburt eines Kindes sein oder es kann eine metaphorische, eine geistige Geburt sein. Zeugung des Schönen sei aber im Grunde eine Verewigung, daher ist Liebe eigentlich die Liebe zur Unsterblichkeit. Platon, der alte Lustfeind, vergisst natürlich nicht, zu erwähnen, dass die geistige Zeugung viel cooler ist als die körperliche. Das sehe man ja an den Werken von Homer und Hesiod.

Oje, dieser Abschnitt ist mal wieder typisches Platon-Geschwurbel Brechen wir ihn mal herunter. Sokrates definiert Liebe in Analogie zu sexueller Fortpflanzung. Erfindungen, Ideen (im normalsprachlichen Sinne), Entwicklungen und Dichtungen sind genauso Geburten wie die Geburt eines Kindes. Das ist eine Metapher, die wir auch heute noch gerne verwenden. Aber ist denn die Analogie auch treffend? Es erscheint mir klar, dass es diesen Aspekt der Liebe gibt. Das kann ich als Vater von zwei Kindern anekdotisch bestätigen. Aber lässt sich Liebe immer aufs Biologische reduzieren? Ist der einzige Zweck der Liebe die Fortpflanzung? Gibt es nicht auch Formen der Liebe, die nichts mit dem Wunsch nach der eigenen Unsterblichkeit zu tun haben?

Der Stufenweg der Liebe

Platon gibt uns darauf keine Antwort, sondern baut als nächstes seine Ideenlehre ein, indem er von einem Stufenweg der Liebe spricht. Die erste Stufe, das erste, was der Mensch zu begehren lernt, ist die Liebe zu einem schönen Körper, in Form eines Individuums. Mit anderen Worten: Man verliebt sich. Die nächste Stufe ist die Liebe zu allen schönen Körpern. Gewissermaßen der Reiz, der für Künstlerinnen darin liegt, Menschen zu fotografieren oder zu malen. Die nächste Stufe ist die Entdeckung der Schönheit der Seele, die dazu führt auch weniger schöne Körper zu lieben. Durch die Schönheit der Seele beschäftigt man sich mit Sprache und entdeckt so die Schönheit in Handlungen und die Schönheit von Ethik. Von dort aus entdeckt man die Schönheit der Wissenschaft und auf der letzten Stufe sieht man schließlich die Schönheit selbst, also die Idee der Schönheit, wie wir sie in der Folge zur Ideenlehre schon definiert haben. Mit diesem Stufenweg verfolgt Platon natürlich eine Agenda: Die Idee der Schönheit zu sehen ist das Ziel einer Liebeserziehung und erst durch ihr Erblicken wird das Leben lebenswert, erklärt er.

Alkibiades’ vergebliche Verführung

An dieser Stelle platzt der besoffene Alkibiades in die Runde. Nach einigem Hin und her wird Alkibiades aufgefordert, auch eine Lobrede auf den Eros zu halten. Aber offensichtlich haben er und Sokrates eine gemeinsame Vergangenheit, weshalb Alkibiades ziemlich rumzickt und am Ende lieber eine Lobrede auf Sokrates halten will, beziehungsweise die Wahrheit über diesen auspacken.

Er beginnt mit der altbekannten Charakterisierung von Sokrates: außen hässlich, innen schön. Sokrates ist Lehrer. Es verlangt ihn nicht nach Geld oder körperlicher Schönheit. Er ist nur an der Seele der Menschen interessiert. Schließlich packt Alkibiades aus, dass er einst versucht hat, Sokrates zu verführen, dass aber nichts daraus wurde. Er brachte durch geschickte Umstände Sokrates sogar dazu, mit ihm in einem Bett zu pennen, aber Sokrates habe ihn nicht angerührt! Echt ey, dieser prüde alte Sack! Danach folgen wieder Lobhudelein über Sokrates, die wir hier ignorieren können.

Denn der entscheidende Punkt, an diesem merkwürdigen Abschnitt, der später zur Redewendung der platonischen Liebe verkürzt wurde, ist folgender: Platon macht klar, dass Sokrates auf dem Stufenweg der Liebe schon hinaufgestiegen ist, ist er an profanem Sex nicht mehr interessiert. Stattdessen liebt er die Seelen der jungen Männer mehr als ihre Körper. Das ist – so die Schlussfolgerung – die bessere Form der Liebe, die Platonische Liebe.

Was machen wir damit?

Das war sie also, die platonische Begriffsbestimmung von Liebe. Was machen wir nun mit diesem Definitionsversuch? Spannend finde ich, wie viele Aspekte der Liebe schon in diesem Dialog stecken, die auch ich noch unterschreiben kann: Dass die Liebe das Beste in den Menschen hervorbringen kann. Dass man sich aber bemühen muss, schön zu lieben, also sich nicht unangemessen verhalten darf. Dass es so etwas wie Seelenverwandte gibt, aber dass diese Seelenverwandten vielleicht auch nicht gut für uns sind und wir lieber woanders die Liebe suchen sollen. Dass Liebe den Krieg besiegen und uns zu Dichtern machen kann. Und dass wir lieben, um glücklich zu werden. Das finde ich alles sehr schöne Gedanken.

Natürlich habe ich bei dieser Aufzählung einerseits sehr viel weggeworfen, was mich stört, und andererseits diesen über 2.300 Jahre alten Text sehr modern interpretiert. Aber ich finde, so eine Herangehensweise ist das beste, was ein Platonischer Dialog leisten kann: Er ist ein Gesprächsangebot, das die Zeit überdauert hat. Wenn wir ihn heute lesen und etwas finden, das wir aus ihm ziehen können und dadurch angespornt werden, über diese Sache weiter nachzudenken, dann ist das meines Erachtens philosophischer als alle komplexen metaphysischen Systeme. Und Platon, dem alten Dialektiker, hätte es sicher sehr gefallen.

Was denk ihr? Ist Liebe etwas, über das sich Philosophen Gedanken machen sollten? Oder sollten wir das lieber den Dichterinnen überlassen? Schreibt mir einen Kommentar. Eure Meinung interessiert mich sehr!

Literatur

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Platon – Das Symposion

Neben dem Höhlengleichnis ist die Platonische Liebe wahrscheinlich das, woran nicht nur in der Friendzone gefangene Teenager denken, wenn sie den Namen Platon hören. Der Volksmund versteht unter der platonischen Liebe eine nicht-körperliche Liebe, ein Liebe ohne sexuelle Begierde. Und insgesamt trifft das den Nagel schon ziemlich auf den Kopf, Platon war eben ein verklemmter Spießer. Aber ich finde, die platonische Liebe eignet sich sehr gut, um mal in den Text schauen und zu prüfen, was Platon da eigentlich genau über die Liebe geschrieben hat. Und ob Liebe überhaupt etwas ist, das sich philosophisch untersuchen lässt.

Dafür zieht Sokrates sogar Sandalen an

Der  platonische Dialog, der sich der Liebe widmet, ist „Das Symposion” oder auch „Das Gastmal“. Springen wir am besten gleich rein:

Die Geschichte fängt nach einigen Vorbemerkungen zur Überlieferung damit an, dass ein gewisser Aristodemos Sokrates begegnet und Sokrates hat nicht bloß gebadet! Nein: Obendrein trägt er sogar Schuhe! Sandalen! Krasser Scheiß! Da fragt sich Aristodemos zu recht, warum Sokrates so crazy Shit macht. Die alte Sandale ist unterwegs zu einem gewissen Agathon, denn der schmeißt eine Party – das namensgebende Gastmahl –, weil er so eine Art Tragödien-Rap-Battle gewonnen hat. Sokrates fordert Aristodemos kurzer Hand auf, mitzukommen, doch letztlich trifft Aristodemos ohne Sokrates beim Symposion ein, weil der alte Freak schon wieder gedankenverloren einfach mitten auf der Straße stehengeblieben ist, um irgendein philosophisches Problem zu wälzen.

Sokrates kommt dann erst an, als das Gastmahl schon vorbei und die ganze Gesellschaft zum Saufen übergegangen ist. Allerdings sind alle noch verkatert, weil sie wohl beim Battle am Vortag kräftig einen gezwitschert haben und nun in ihrer – Zitat: – „Leistungsfähigkeit“ was das Saufen anbelangt „vermindert” sind.

Aber da das mit dem Battle am Vortag so einen Spaß gemacht hat, schlägt einer der Gäste vor, das im Privaten zu wiederholen und so sollen verschiedene Kontrahenten Lobreden auf den Eros halten, am Ende soll dann entschieden werden, wer der beste Eros-Rapper war und damit gewonnen hat. Ich habe ja schon einen winzigen Verdacht, wer gewinnen da wird. Ihr auch?

Ein Rap-Battle zur Begriffsbestimmung

Nun gut: Dieser ganze Überbau dient aber eigentlich nur dem eigentlichen philosophischen Zweck des Dialogs. Platon nutzt in der Folge die verschiedenen Lobreden zu einer Begriffsbestimmung. Platon versucht eine Definition für Liebe zu finden. Dabei bedient er sich zweier Kunstgriffe: Zum einen die Form der Lobrede, diese ist nicht so streng, wie das sonst übliche Fragen-Antwort-Spielchen in den Dialogen, sondern erlaubt mehr künstlerische Freiheit. Zum anderen hängt Platon diese Untersuchung an die Göttergestalt des Eros. Damit stellt er sich in die animistische Tradition des Mythos. Er spricht also nicht über den abstrakten Begriff „Liebe“ sondern über eine Person. Mythen sind ein Stilmittel, auf das Platon immer wieder in seinen Dialogen zurückgreift. Oft geschieht dies, wenn das, was er besprechen will, heikel ist und sich mit logischen Mitteln nicht so gut bestimmen lässt. Und was könnte heikler sein als die Liebe?

Dennoch will ich mal alles mythische abstreifen und gucken, was darunter liegt. Denn, wie gesagt, im Grunde geht es Platon um etwas sehr philosophisches. Wir haben einen normalsprachlichen, impliziten Begriff davon, was Liebe ist. In unserem täglichen Leben verwenden wir das Wort ohne Mühen. Aber wenn wir gezwungen werden, eine Definition von Liebe zu geben, dann stammeln wir nur rum wie Herbert Grönemeyer mit Flugzeugen im Bauch. Schauen wir doch mal, ob Platon sich da geschickter anstellt.

Zuvor muss ich an dieser Stelle mal ein paar Worte zur griechischen Päderatie verlieren: Besonders unter den griechischen aristokratischen Männern war es üblich, neben einer Ehefrau auch einen jugendlichen schwulen Geliebten zu haben. Die Jungs waren dabei in der Regel zwischen 12 und 18 Jahren. Der ältere Mann umwarb den jüngeren mit Geschenken und Geld und wenn es dann zur Beziehung kam, ging es nicht nur in die Kiste. Stattdessen sollte der Ältere den Jüngling auch Bildung zukommen lassen. Beim Sex sollte der Ältere übrigens darauf achten, den Jüngeren nicht zu erniedrigen. Homosexualität mit einem pädophilen Einschlag war im antiken Griechenland also normal.

Eine Macho-Theorie der Liebe

Doch zurück zum Symposium: Es beginnt Phaidros mit seiner Lobpreisung des Gottes Eros. Dabei schreibt er der Liebe folgende Eigenschaften zu: Liebe bringt das Beste in den Liebenden hervor. Liebe bewirkt das Streben nach dem Schönen. Schön muss aber nicht unbedingt als körperlich schön verstanden werden. Zum Beispiel ist Liebe auch Antrieb zu großen und edlen Taten. Bis hierhin entspricht das schon weitgehend unseren heutigen Vorstellungen von romantischer Liebe.

Doch dann entwirft Phaidros eine Macho-Theorie, wonach die aktive Liebe, das Begehren, die männliche Seite der Liebe ist, während das passive Element der Liebe, das Begehrenswerte oder das Geliebtwerden weiblich ist. Das ist schwach, weil er hier gesellschaftliche Konventionen, also etwas rein äußerliches, auf das Wesen der Liebe überträgt. Ich wurde schon von einer Frau verführt, war der Passive während sie aktiv war und ich behaupte mal ganz dreist, dass das keine Ausnahme war sondern durchaus öfter passiert und somit zur Liebe gehört. Und die Liebe auf den ersten Blick, in der beide sich einig ineinander verlieben, ohne dass es einen aktiven und einen passiven Part gibt, habe ich dabei noch gar nicht erwähnt. Phaidros jedenfalls schließt mit den Worten, dass der männliche und der weibliche Aspekt der Liebe zusammen eine Einheit bilden.

Man muss sich schon bemühen, schön zu lieben

Als nächstes spricht dann der Sophist Pausanias, mal gucken, ob der seinen Vorredner im Battle besiegen kann. Nachdem Phaidros zwischen dem männlichen und dem weiblichen Aspekt der Liebe unterschieden hat, unterscheidet Pausanias zwischen den himmlischen und dem vulgären Aspekten. Wir würden heute wohl eher zwischen emotionaler und sexueller Liebe unterscheiden.

Außerdem widerspricht Pausanias Phaidros darin, dass die Liebe das Beste im Menschen hervorbringt. Es verhalte sich mit der Liebe, wie mit allem anderen: Sie könne schön oder hässlich sein. Man muss sich schon bemühen, schön zu lieben. Diesen letzten Punkt finde ich eigentlich einen schönen Gedanken. Ich kann mich in jemanden verlieben und diese Person dann bedrängen und belästigen aber genauso kann Liebe das Beste in mir hervorbringen und dadurch ganz wundervolle Handlungen. Pausanias schließt damit, dass die vulgäre Liebe die Liebe zu einer Frau ist während die himmlische Liebe die homosexuelle Liebe zu einem Mann ist, da Männer Frauen von Natur aus ™ intellektuell überlegen seien. Diese Theorie sollte man heute mal jemandem aus dem homophonen AfD-Umfeld erzählen!

Gegensätze ziehen sich an

Als nächstes spricht dann der Arzt Eryximachos. Doch was der sagt ist nicht so spannend. Er kombiniert nur Pausanias These von den zwei Aspekten des Eros mit der Naturphilosophie von Heraklit, bei der alles aus Gegensätzen besteht. Dabei wird die Liebe zur Triebfeder der Veränderung, kann aber, je nachdem, welcher Aspekt dominiert, der vulgäre oder der himmlische, zum Guten oder zum Schlechten verändern. Das ist mal wieder eine metaphysische Unterstellung. Liebe wird hier einfach zur Triebfeder gemacht, ohne das hinreichend zu begründen. Ein weiteres Mal könnte ich entgegnen: Ich glaube aber, dass Brokkoli die Triebfeder für Veränderung ist! Interessant ist allerdings, dass Eryximachos die Liebe als Verlangen charakterisiert. Denn hier schließt der nächste Redner an.

Die Kugelmenschen

Aristophanes, der berühmte Komödienschreiber, ist als nächstes an der Reihe und er widmet sich der Frage, wonach es der Liebe denn verlangt. Doch Platon lässt ihn nicht zu Wort kommen, ohne zuvor noch einen kleinen Diss gegen Aristophanes in den Dialog hineinzuschreiben. Zur Erinnerung: Der Dichter hatte Sokrates im wahren Leben übel mitgespielt. Seine Komödie “Die Wolken” hatte viele der späteren Anklagepunkte gegen Platons Lehrer vorweggenommen. In Platons Dialog wäre Aristophanes eigentlich schon vor Eryximachos mit dem Reden drangewesen, da er sich aber verschluckt hatte, meinte der Arzt, er solle mal besser das Maul halten … Das war eindeutig zweideutig!

Allerdings legt Platon nach diesem Seitenhieb dann Aristophanes eines der berühmtesten Stücke des Symposions in den Mund: Den Mythos vom Kugelmenschen.

Diesem Mythos zufolge gab es ursprünglich drei Geschlechter: Frauen, Männer und Androgyne – die Kugelmenschen. Sie hatten vier Arme, vier Beine und zwei Gesichter. Die Androgynen waren sehr mächtig und versuchten, die Götter vom Olymp zu stürzen. Zur Strafe und um sie zu schwächen zerteilte sie Zeus, sodass auch aus ihnen Männer und Frauen wurden. Diese Teile suchen nun Zeit ihres Lebens nach ihrem Gegenstück um sich mit diesem wieder zu vereinigen. In diesem Gleichnis Platons steckt vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte die wirkungsvolle Idee von Seelenverwandtschaft, die noch heute unsere Vorstellungen von wahrer Liebe prägt.

Der Mythos respektiert zudem als erste Rede im Symposion die heterosexuelle Liebe und gibt der Frau eine gleichgestellte Position.  Aber Aristophanes würdigt auch die Homosexualität: Schwule Männer sind demnach die ursprünglichen Männer, die nie Kugelmenschen waren und lesbische Frauen sind die ursprünglichen Frauen. Man könnte natürlich kritisieren, dass Aristophanes nun seinerseits Heterosexuelle hervorhebt, da er sie als die einzigen mit Seelenverwandten darstellt und als das ursprünglich besonders mächtige Geschlecht. Aber insgesamt ist dieser Teil erstaunlich modern und ausgewogen.

Platon war nie verliebt

Als nächstes spricht der Tragödiendichter Agathon und charakterisiert Liebe als eine Sache der Jugend. Liebe ist frei von Gewalt, aber erfüllt von Besonnenheit, denn die Liebe herrscht über alle Gefühle. Wenn Platon wirklich glaubt, dass Liebe besonnen macht, dann war er wohl nie verliebt.

Anyway, Agathon fährt fort: Die Liebe ist stärker als der Krieg. Außerdem macht Liebe weise, weil sie die Menschen zu Dichtern macht. Allerdings bricht Platon die letzte Behauptung von Agathon dadurch ironisch, dass Agathon im Anschluss daran in poetische Redeform übergeht. Diese Poesie trägt aber nichts zur Begriffsbestimmung beiträgt. Mit anderen Worten: Poesie hat nichts mit Weisheit zu tun.

Dann kommt endlich Sokrates an die Reihe. Aber was der zu sagen hat – nämlich die eigentliche Definition der platonischen Liebe –, das erzähle ich euch beim nächsten Mal.

Literatur

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Platons Ideenlehre

Nun ist es endlich soweit! Nachdem es beim letzten Mal um die Suche nach sicherem Wissen ging, bin ich in meiner kleinen Reise durch Platons Philosophie bei seiner Ideenlehre angelangt. Hier gibt es das Ganze wie gehabt als Video oder darunter als Transkript:

 

Vorbemerkungen zur Ideenlehre

Nachdem ich bis jetzt nur um den heißen Brei herum geredet habe, will ich genau damit weitermachen! Denn zunächst ist es wichtig zu erwähnen, dass es DIE Ideenlehre bei Platon genau genommen nicht gibt. Es gibt von Platon Dialoge über Staatsführung, über das Gute, über richtige Argumentation, über Erkenntnis und sogar über die Liebe. Aber es gibt nicht den einen Ideendialog, in dem Platon dann sagt: Hallo Leute, was ich euch schon immer mal erzählen wollte – ich hab da dieses tolle metaphysische System, das sich die Ideenlehre nennt.

Nein, das, was wir ‘die Ideenlehre’ nennen, muss aus vielen verschiedenen Dialogen zusammengesucht werden und durch Schlussfolgerungen und womöglich sogar Spekulationen ergänzt werden. Es gibt bei Platon nicht das eine zusammenhängende System, das mit dem Stempel ‚Ideenlehre’ versehen ist. Im Gegenteil! In seinen späten Dialogen lässt Platon seine Dialogpartner des Öfteren gegen die Ideenlehre argumentieren und auf Ungereimtheiten verweisen. Das führt dazu, dass verschiedene Platon-Experten meinen, man sollte komplett auf den Begriff Ideen-„Lehre“ verzichten.

An dieser Stelle muss ich außerdem erwähnen, dass Platon eigentlich zwischen Ideen und mathematischen Gegenständen unterscheidet. Wir sahen dies bereits im Liniengleichnis. Allerdings leuchtet mir diese Unterscheidung nicht zu 100% ein. Zum einen sind die mathematischen Gegenstände eines der besten Argumente für den Platonismus, wie wir sehen werden. Zum anderen schreibt Platon den mathematischen Gegenständen so ziemlich alle Eigenschaften zu, die er auch den Ideen zuschreibt. Daher werde ich im Folgenden nur von Ideen sprechen und ihr könnt euch „und die mathematischen Gegenstände“ dann immer dazu denken.

Die Ideenlehre

Aber jetzt kommen wir endlich zur berühmten Ideenlehre, nachdem ich mich solange nicht auf sie festlegen wollte, als wäre ich auf der Suche nach einem SPD-Kanzlerkandidaten.

Platons Grundthese lautet folgendermaßen: Zusätzlich zu unserer Welt – die er die Welt der Erscheinungen nennt – gibt es noch eine zweite Welt, die Welt der Ideen. Die Erscheinungen stehen zu den Ideen in einem Abbildverhältnis. Platon stellt sich das so ähnlich wie das Verhältnis von Schatten oder Spiegelbildern zu Gegenständen vor. Gäbe es die Idee eines Gegenstandes nicht, dann gäbe es auch nicht seine Erscheinungen in unserer Welt. Ferner gibt es eine doppelte Abhängigkeit unserer Welt von der Welt der Ideen: Erstens ist die Idee der Grund für die Existenz einer Erscheinung und zweitens ist sie der Grund für die Erkennbarkeit der Erscheinung.

Puh, das ist schon wieder so ein Satz, der mir einen Knoten ins Gehirn macht. Auf mich wirkt es nämlich doppelgemoppelt, dass Platon diese beiden Aspekte betont. Folgt denn die Erkennbarkeit nicht aus der Existenz? Nun, die Erkennbarkeit ist Platon zumindest ziemlich wichtig, mindestens so wichtig, wie sein Apfelkuchenrezept. Wahrscheinlich, weil er sie braucht, um seine These von der Unsterblichkeit der Seele zu begründen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Die Begründung für die Ideenlehre

Okay, das ist also Platons These: Es gibt Ideen und Erscheinungen und Erscheinungen sind die Abbilder von Ideen. Ideen ermöglichen sowohl die Existenz als auch die Erkennbarkeit von Erscheinungen. Aber wie ich beim letzten Mal schon sagte, Thesen reichen uns nicht, denn wir sind Philosophen! Was wollen wir? Richtig: Begründungen! Welches Argument hat denn Platon für die Existenz von Ideen?

Eines der besten Argumente ist der Status von geometrischen Figuren. Ein Kreis lässt sich beispielsweise so definieren: Eine zweidimensionale geometrische Figur, bei der alle Punkte gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind. Das Problem ist nur: Wir werden in der Welt (also in unserer Welt der Erscheinungen) nie einen echten Kreis finden. Die kleinste Unebenheit des Untergrundes oder der kleinste Fehler beim Ziehen können ja schon dafür sorgen, dass nur ein einziger Punkt näher am Mittelpunkt ist oder eben weiter weg. Daraus können wir zwei Schlüsse ziehen: Entweder gibt es keine Kreise in der Welt oder die Definition des Kreises ist falsch. Beides ist ziemlich abwegig, denn wenngleich ein gezogener Kreis nie perfekt ist, wird euch jede Ingenieurin bezeugen können, dass unsere unperfekten Kreise ziemlich gute Arbeit leisten. Genauso wird euch jede Mathematikerin bestätigen, dass man mit der Formel Pi x Durchmesser ganz Spitze den Umfang eines Kreises berechnen kann. Also kann hier etwas nicht stimmen: Wir haben irgendwo einen Fehler gemacht. Unsere Schlussfolgerung, dass es entweder keine Kreise gibt oder die Definitionen, die wir von Kreisen haben, falsch sind, muss fehlerhaft sein. Gibt es vielleicht noch einen dritten Schluss, den wir aus den beiden Erkenntnissen ziehen können? Ja, den gibt es: Unsere Definition bezieht sich auf die Idee des Kreises. Und all die fehlerhaften Kreise in der Welt sind eben nur Abbilder dieser Idee.

Platon nimmt aber nicht nur für mathematische Figuren an, dass sie Abbilder von Ideen sind. Er nimmt dies zum Beispiel auch für Werte an, wie zum Beispiel die Idee des Guten, die ja in den drei Gleichnissen die zentrale Rolle spielte. Wenn wir beurteilen wollen, ob ein Mensch gut ist, dann müssen wir ihn oder sie an der Idee des Guten messen, genauso wie wir den Kreis in der Erscheinungswelt an der Idee des Kreises messen müssen. Und genau wie der Kreis so wird in der Erscheinungswelt auch das Gute nie in Perfektion erscheinen, sondern immer nur ein mehr oder weniger fehlerhaftes Abbild sein. Ich werde das in meinen Folgen zur Ethik von Platon noch weiter begründen. Hier nur so viel: Wenn es keine objektive Idee des Guten gäbe, dann würde daraus folgen, dass jeder Mensch sich seine eigene Ethik machen kann. Das heißt, es würde uns jedes Argument fehlen, um darzulegen, dass etwas Mord, Kindesmissbrauch oder sogar der Holocaust eine schlechte Sache sind beziehungsweise waren. Unser Gegenüber könnte immer sagen: Nun, das ist vielleicht deine Meinung, aber ich sehe das anders.

Wie gesagt, zur Ethik kommen wir noch ausführlich. Nun zurück zur Ideenlehre, denn Platon geht noch weiter, indem er sagt, dass es von allen physischen Gegenständen ebenfalls Ideen gibt. Und zwar sowohl von natürlichen Dingen wie Steine, Berge, Pflanzen, Seen etc. als auch von artifiziellen Gegenständen, also solchen, die von uns Menschen geschaffen wurden.

Also das ist doch wirklich crazy shit! Das klingt für mich viel unglaubwürdiger als die Annahme von der Idee des Kreises. Es soll von menschengemachten Dingen Ideen geben? Denn ihr müsst bedenken, für Platon sind die Ideen ewig und schon immer dagewesen. Sie können weder werden noch vergehen. Das heißt, sie existieren zwangsläufig schon bevor die entsprechenden Dinge in der Erscheinungswelt erfunden wurden.

Das klingt total durchgeknallt, ist aber auch gar nicht sooo doof wie es zunächst wirkt, da es ein vieldiskutiertes Erkenntnisproblem löst: Denkt mal an alle Stühle, die ihr in eurem Leben je gesehen habt. Ihr werdet mir sicher zugestehen, dass sie höchst unterschiedlich waren. Aber dennoch konntet ihr sie in der Regel als Stühle erkennen. Oder? Warum ist das so? Was ist all diesen Stühlen gemeinsam? Nicht alle Stühle haben vier Beine. Nicht alle Stühle haben eine Rückenlehne. Es gibt sogar Stühle, die nicht einmal eine richtige Sitzfläche haben. Wieso können wir dann Stühle immer als Stühle erkennen? Platon sagt: Alle diese Stühle sind Abbilder der Idee des Stuhles. Und wir können sie in der Erscheinungswelt überhaupt nur deshalb erkennen, weil es auch die Idee des Stuhls gibt. Die Idee des Stuhls ermöglicht uns seine Erkenntnis. Merkt ihr jetzt, warum er die Erkennbarkeit so betont hat?

Im Dialog Symposion definiert Platon ferner die Idee des Schönen. Er schreibt dort, dass die Idee des Schönen göttlich ist. Sie entsteht nicht und vergeht nicht, sie wächst und schwindet nicht, sie ist immer mit sich identisch und unvergänglich. Sie ist nicht nur in einer Hinsicht schön aber in einer anderen nicht, nicht jetzt schön, aber später nicht mehr. Die Idee ist nicht im Vergleich zu etwas anderem schön, sondern an sich. Sie ist auch nicht bloß die Eigenschaft von etwas anderem, sondern ist an und für sich und für immer schön.

Was fällt euch auf an dieser Definition? Augenscheinlich ist, dass Platon die Idee vor allem darüber definiert, was sie nicht ist: nicht vergänglich, nicht veränderlich, nicht vergleichbar mit etwas anderem und so weiter. Viele ihrer Eigenschaften sind Negationen von Eigenschaften wahrnehmbarer Gegenstände der Erscheinungswelt. Allerdings ist diese negative Charakterisierung der Idee des Schönen auch nicht verwunderlich, denn unsere Sprache entstand ja dadurch, dass wir mit ihr auf Dinge in unserer Welt der Erscheinungen referenzierten. Und diese Welt ist nun einmal dadurch charakterisiert, dass in ihr alles am Werden und Vergehen ist, alles relational und graduell ist.

Aber aus Platons Aufzählung negativer Eigenschaften wird noch etwas anderes deutlich: Wir haben eigentlich keine Ahnung, was Ideen sind. Und das führt uns zu unserem nächsten Punkt: Den Problemen der Ideenlehre. Allerdings werden wir den dann erst beim nächsten Mal besprechen.

Literatur

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