Ailan Kurdi wurde gecrosst. Von der Macht der Bilder

Meer. Strand. Ein Junge liegt dort. Noch ganz deutlich im Kleinkindalter mit hoher Stirn und pausigen Backen. Er liegt auf dem Bauch. Er schläft. Er trägt eine kurze blaue Hose. Das rote T-Shirt ist ein wenig hochgerutscht. Ein Bild, das wir jungen Eltern im nahen Sommerurlaub dutzendfach sehen werden, wenn unsere Kinder am Strand schlafen. Doch etwas ist schief an diesem Bild. Der Kleine ruht nicht auf einem Handtuch, ist in keine Decke gehüllt. Nein, er liegt direkt an der Wasserkante. Er schläft nicht. Er wird nie wieder schlafen …

Ihr alle kennt das Bild. Es ist das Bild des toten Ailan Kurdi, der auf der Flucht nach Europa ertrunken ist. Es ist ein Bild von maximaler Traurigkeit und Schönheit. Ich weiß, diese Worte klingen unerhört: “Das Bild des toten Ailan Kurdi ist schön.” Aber klickt diesen Text bitte noch nicht empört weg. Bestürmt mich nicht schon jetzt mit Scheiße, sondern lasst mich erklären.

Seit März fuhr ich fast täglich an diesem Bild vorbei. Denn es war hier in Frankfurt überlebensgroß an einen Brückenpfeiler gesprüht. Dort, wo der Osthafen vom Main abzweigt. Ich bewunderte oft die Kunstfähigkeit der mir unbekannten Streetartists, die Ailan an einer Stelle platziert hatten, an der jeder und jede, die den Main hinaufkam, ihn sehen musste. Aber zugleich war das Grafitto so angebracht, dass mit dem beginnenden Frühling ein austreibender Busch Ailans Gesicht verbarg, wenn man sich an der Mainpromenade ihm näherte. Als wollte die Natur Ailan im Tod die Würde zurückgeben, die wir Menschen ihm im Leben versagt haben. So habe ich Ailan Tag für Tag gesehen. Mal habe ich ihm mehr Beachtung geschenkt, mal weniger. Dies ist das einzige Foto, das ich je von dem Graffito gemacht habe:

Das Bild des toten Ailan Kurdi
Das Bild des toten Ailan Kurdi

Zumeist eilte ich nur vorüber, denn ich hatte es eilig. Musste zur Arbeit. Musste zu meinen eigenen Kindern. Dabei habe ich mir oft vorgenommen, stehenzubleiben. Ein Foto zu machen. Es euch auf Instagram zu zeigen. #Frankfurt #Streetart. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Ich muss weiter. Ich nahm Ailans Bild für gegeben. Es war da. Garantiert. Bis gestern. Gestern wurde Ailan Kurdi gecrosst.

Ailan Kurdi wurde gecrosst
Ailan Kurdi wurde gecrosst

Dort, wo noch vor zwei Tagen sein Gesicht zu sehen war, steht jetzt „Grenzen retten Leben!“ Ich war geschockt. Aber nur ganz kurz. Dann dachte ich: “Ja, so ist es richtig”. Versteht mich bitte nicht falsch! Nicht der Spruch ist richtig, der ist total bekloppt. Ich komme gleich darauf zurück. Nein, dass dieses riesige, wunderschöne und unendlich traurige Graffito gecrosst wurde, das ist richtig. Denn es sagt ebenso viel über diese Kunstform aus, wie über das, was das Bild repräsentierte.

Erinnert ihr noch als „Deutschland einziger Banksy!!!“ gecrosst wurde? An den Aufschrei, der durch die Medien ging: Dass ein Vandale unseren(!) einziegen(!!) Banksy(!!!) gecrosst hat!!!! Keiner der Feuilletonisten, die sich damals aufregten, hat Streetart verstanden. Die Vergänglichkeit ist Teil der Streetart. Das Crossen eines Graffitos ist schon bei seiner Entstehung mitgedacht. Der oder die Unbekannte, die den hinter Plexiglas „geschützten“ Banksy crosste, war kein bloßer Vandale. Es war exakt der Punkt, den sie machen wollte. Das Medienspektakel, dass einem Stoß aus der Sprühdose folgte, war das eigentliche Kunstwerk. Eine Performanz, die Beuys nicht entlarvender hätte inszenieren können.

Diese der Streetart inhärente Vergänglichkeit haben auch die Künstler beim Sprühen mitgedacht, die Ailan an einem Brückenpfeiler und eben nicht im Museum gerade nicht verewigt haben. Das Crossen des Grafittos war von Anfang an intendiert. Denn so drückt Ailans Bild noch etwas aus, dass es in den vergangenen Monaten noch nicht zum Ausdruck brachte: Vergänglichkeit. Streetart ist so flüchtig wie das Leben eines kleinen Kindes, das wir dem Mittelmeer überlassen.

Und noch mehr drückt das neue Kunstwerk aus: Die Macht der Bilder. Ihr alle kennt die Phrase „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und allzu oft ist sie bloß hohl. Je konventieller ein Bild ist, desto weniger sagt es. Die Piktogramme an Toiletten sagen genau ein Wort: „Frau“ beziehungsweise „Mann“. Aber es gibt Bilder, die stark sind. Bilder, die Macht haben. Das Bild des toten Ailan Kurdi ist ein solches Bild. Das zeigt nichts besser als der Spruch, der da jetzt verkündet: „Grenzen retten Leben!“

Da stehen diese drei Worte auf dem verstümmelten Kunstwerk und sind doch so viel jämmerlicher. Sie bringen keine Argumente. Jeder und jede, die vorbeigeht, fragt sich zwangsläufig: Warum? Dort ist doch sofort der Gegenbeweis zu sehen! Das Bild wiederum hatte es nicht nötig, so eine plumpe Botschaft hinauszukrakelen. Dort stand nicht unter dem gesprühten toten Körper „Öffnet alle Grenzen“. Nicht einmal „Refugees welcome“ stand dort. Das Bild war nur da. Es war nur das Bild eines toten Jungen. Keine Forderung, keine These war damit verbunden. Und doch war es so stark, dass es irgendjemand nicht mehr ausgehalten hat, diesen schönen toten Körper zu sehen. Irgendjemand fühlte sich so provoziert, dass er bei Nacht und Nebel auf die Landzunge hinunterkletterte und dort seine jämmerliche Botschaft platzierte.

Er wusste es vielleicht nicht, als er es machte. Doch als er den kläglichen Versuch, sein Weltbild zu verkünden, von Land aus betrachtete, muss ihm aufgefallen sein, wie verloren sein Sprüchlein war. Denn um so vieles stärker war, nein, ist das Bild: Ohne These, ohne dumme Forderung erzählt das Bild vom Scheitern Europas. Mit dem kläglichen Sprüchlein auf dem Gesicht ist es nur noch stärker. In seiner stummen Repräsentation entlarvt es, gerade weil es nie mit einer Botschaft verbunden war, den Spruch „Grenzen retten Leben!“.

Das Bild des toten Ailan Kurdi ist und bleibt ein stummer Vorwurf. Ohne Worte erzählt es die Geschichte eines Kindes, das vor Krieg und vor dem IS floh. Jenem IS, der uns so furchtbare Angst macht, wenn er mal eine Bombe in einer unserer Städte zündet. Es ist der gleiche IS, der täglich Ailans Heimat bombardiert. Doch weil wir zu kleingeistig, zu kleinherzig, zu mutlos, zu angstvoll sind, musste Ailan Kurdi sterben. Keine Worte können überpinseln, dass wir für Ailans Tod die Verantwortung tragen. Mit dieser ihm inneliegenden Macht ist das Bild vom toten Ailan Kurdi zugleich unendlich traurig und doch so schön.

Der Satz vom Widerspruch

Ich dachte, ich wäre durch mit Sokrates. Aber dann brachte meine Tochter (8) auf etwas Aufmerksam. Daher gibt es noch diesen Epilog. Noch einmal zur Zusammenfassung, dies waren die anderen Teile, der Sokrates-Staffel:

Und diesmal geht es also um den Satz vom Widerspruch. Wie immer folgt unter dem Video das Transkript für alle Suchmaschinen und Menschen, die lieber lesen, als Videos gucken, danach kommen Literaturtipps und die Bilderquellen-Angaben zum Video. Viel Spaß!

Ich steckte mitten in dieser Staffel zu Sokrates, da machte mich meine achtjährige Tochter auf etwas aufmerksam. Einerseits bin ich sehr stolz darauf, dass sie mit ihren acht Jahren schon so logisch denken kann, andererseits war es mir auch superpeinlich, dass ich nicht selbst darauf gekommen war. Und wenn ich superpeinlich sage, dann meine ich superpeinlich: So peinlich, als wäre “das Sommermärchen” gekauft gewesen. So peinlich, als würden deutsche Polizisten fordern, einen Zaun zwischen Deutschland und Österreich zu bauen. Auf den Berggipfeln der Alpen. So peinlich, als würden die amerikanischen Republikaner versuchen, jemanden zum Präsidentschaftskandidaten zu machen, der immer einen toten Hamster auf dem Kopf trägt. Aber so ist das manchmal in der Philosophie: Man sieht die Wahrheit vor lauter Wissen nicht.

Es geht um den Satz “Ich weiß, dass ich nichts weiß”. Die Erkenntnis, dass Sokrates weiser ist als alle anderen, da er sich im Gegensatz zu ihnen nicht einbildet, etwas zu wissen, kommt in Platons Apologie des Sokrates in vielen verschiedenen Formulierungen vor. Aber eine Formulierung kommt nicht vor: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” Warum ist das so? Nun, wie es meine Tochter ausdrückte:

“Aber wenn er weiß, dass er nichts weiß, dann weiß er doch etwas und nicht nichts.”

In der Philosophie suchen wir nach Gewissheiten. Und je genauer diese Suche wird, desto mehr brechen uns diese Gewissheiten weg. Aber es gibt einige Tatsachen, die so fest sind, wie der Fels in der Brandung. Und eine dieser Tatsachen, eine absolute Gewissheit ist der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, oder einfach: der Satz vom Widerspruch.

Der Satz vom Widerspruch besagt, dass nichts zugleich der Fall sein kann und nicht der Fall sein kann. Es kann zum Beispiel nie wahr sein, dass es regnet und nicht regnet. Entweder passt Jack noch auf die Tür oder nicht, aber nicht beides zusammen. Entweder gibt es die Matrix oder nicht. Aber beides gleichzeitig geht nicht. Entweder fällt mir beim Döneressen die Häfte auf die Schuhe oder … Okay, vergesst den letzten Punkt. Denn der Punkt ist, das macht uns Aristoteles klar: Jede, die den Mund aufmacht, muss automatisch den Satz vom Widerspruch akzeptieren. Denn ihn nicht zu akzeptieren, heißt letztlich nichts zu sagen. Wenn ich sage, es regnet aber es regnet nicht. Dann sage ich nichts anderes als +1 -1 und das ist bekanntlich null.

Wenn jetzt also Sokrates gesagt hätte: “Ich weiß, dass ich nichts weiß”, so hätte er einen Widerspruch erzeugt. Denn er weiß ja etwas: Eben, dass er nichts weiß.

Wenn ihr nicht gerade Philosophen seid, dann solltet ihr an dieser Stelle laut aufschreien: “ABER SO HAT ER DAS DOCH NICHT GEMEINT! Er meinte doch bloß, dass er sehr wenig weiß.” Und da habt ihr vollkommen Recht. Und wir werden uns ausführlich mit dem Verhältnis von Sagen und Meinen beschäftigen, wenn wir eines fernen Tages zur Analytischen Philosophie kommen. In der Mathematik könnt ihr auch nicht sagen: “So habe ich es doch nicht gemeint!”, wenn ihr behauptet Pi wäre genau 3,14 und nicht, ähm ja, also diese andere superlange Zahl, die nie endet. Und genauso müsst ihr in der Philosophie genau auf eure Worte achten, denn die Sprache ist euer Teleskop, euer Elektronenmikroskop, euer Lackmustest, euer Jedischwert, euer Fluxkompensator, eure Tardis. Und die meisten Widersprüche oder gar Paradoxien kommen nicht so banal daher wie „Ich weiß, dass ich nichts weiß”, sondern sind komplizierter, zum Beispiel:

  • Ich Lüge euch jetzt gerade an.
  • Ich behaupte, dass es keine absolute Wahrheit gibt.
  • Es regnet, aber ich glaube es nicht.
  • Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig
  • Der Friseur rasiert alle Männer, die sich nicht selbst rasieren. Rasiert der Friseur sich selbst?

So, das war es jetzt aber endgültig von mir zu Sokrates. Die nächste Staffel wird sich um Platon, den Philosophenkönig, drehen. Haltet mir die Treue, denn ich werde mich für eine ganze Zeit in mein Kämmerchen verziehen und Texte wälzen, damit ich euch keinen Blödsinn erzähle. Ich habe auch schon eine ganze Reihe an Ideen, aber die muss ich jetzt noch ausarbeiten:

  • Platonische Liebe
  • Das Höhlengleichnis
  • Die Ideenlehre
  • Das Universalienproblem
  • Der Staat
  • Platons Schriftkritik
  • Platons Apfelkuchenrezept

Vielen Dank, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt und bis zum nächsten Mal.

Literatur

Bilderquellen

Weitere Bilderquellen folgen, das Baby schreit.

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Andere für mich denken lassen

Ich habe hier ein paar philosophische Artikel in Pocket, die ich schon längere Zeit aufbewahre, um mal irgendetwas damit zu machen. Da mir selbst zurzeit nichts Schlaues dazu einfällt, mache ich halt eine Linkschleuder daraus. ¯\_(ツ)_/¯

Spache und Moral

Hier ein spannender Artikel über empirisch-philosophische Studien zum Zusammenhang von Moral und Sprache:

A brother, who’s using a condom, and his sister, who’s on birth control, decide to have sex. They enjoy it but keep it a secret and don’t do it again. Is their action morally wrong? If they’re both consenting adults and not hurting anyone, can one legitimately criticize their moral judgment?

Die These, die entwickelt wird, lautet, dass wir in unserer Muttersprache ethische Probleme eher emotional angehen und in einer Fremdsprache eher analytisch …

Still, if morally ambiguous scenarios are approached in a second language, that can nudge us toward making decisions consciously and rationally. Speaking in a second language, therefore, may be one of the most moral things you can do.

Metaphysik und so …

Dieser Artikel beginnt mit der Feststellung, dass die zeitgenössische Philosophie metaphysische Fragen hinter sich gelassen hat. Beziehungsweise versucht die Philosophie, metaphysische Probleme auf empirische Ursachen zurückzuführen. Hier noch einmal die Definition von Metaphysik aus der Wikipedia, für alle die den Begriff nicht auf den Schirm haben:

Metaphysische Systementwürfe behandeln in ihren klassischen Formen die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie, nämlich die Beschreibung der Fundamente, Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“, der allgemeinsten Strukturen, Gesetzlichkeiten und Prinzipien sowie von Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.

Allerdings scheint der Autor, Justin E. H. Smith, einen weitergefassten Metaphysik-Begriff zu haben, ähnlich dem des frühen Wittgenstein, wonach all das metaphysische Aussagen sind, was sich nicht empirisch beweisen lässt. Anyway … Smith sieht in dieser Abkehr und auf die derzeitige Konzentration der Philosophie auf kognitionswissenschaftliche Erklärungsansätze ein Problem, da dies ein zu einseitiges Bild vom Menschen zeichnet:

Cognitive science, and the philosophy influenced by it, has taken into account the richness I’ve been trying to evoke– that we are not just essentially thinking things, but also thinking things with, for example, a special evolved capacity to notice faces that appear in our natural landscape, and to have stronger reactions to them than to lumps of dirt. But cognitive science by itself is ill-equipped to draw out the full significance of the ineliminable features of human cognition that it registers and describes. Philosophers in other areas of specialization need to join the project.

Stattdessen plädiert er für eine Reintegration von anthropologischen Theorien in die zeitgenössische Philosophie …

Die Welt ist nicht so …

Noch ein schöner Artikel zu einer Studie, wie Sprache unsere Konzepte der Welt beeinflusst …

Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel „Ingenieurinnen und Ingenieure“ statt nur „Ingenieure”) schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.

Wissta bscheid!

Hass im Netz

…. ist ja ein nicht weggehendes Thema und ein Problem. Hier setzt sich der Sozipod damit ausseinander in Bezug auf den rassistischen Terror dieses Jahr, wie er im Netz repräsentiert wird und wie man damit umgehen sollte. Das gleiche Thema hat diese schöne YouTube-Reihe am Beispiel des Gamergates, ebenfalls mit dem Ziel, einen Ansatz zu finden, wie man dergleichen verhindern kann:

Wenn euch das gefallen hat, dann lasst es mich doch in den Kommentaren wissen, mein Pocket quillt über von weiteren Artikeln, die ich gerne mit euch teilen kann …

P.S.:

Der Urgrund der Philosophie

YEAH! PHILOSOPHY BITCH!

Ich habe mich mal an ein anderes Medium herangewagt. Das mit den bewegten Bildern:

Ich würde mich über euer Feedback freuen. Wenn ihr es nicht ganz schlecht fandet, werde ich noch mehr solche Videos produzieren. Gerne nehme ich dazu auch Wünsche entgegen. Alle, denen das da oben zu albern ist, finden hier noch einmal das Transkript:

Der Beginn der Philosophie

Wir können die Geburtsstunde der Philosophie ziemlich genau bestimmen. Die westliche Philosophie begann mit ein paar Typen, die wir heute die „Vorsokratiker“ nennen. Den Namen tragen sie folgerichtig, weil sie schon vor einem anderen Typen mit Namen „Sokrates“ philosophiert haben. Und dieser Sokrates sollte später dann eine ganz große Nummer werden, ein echter Game-Changer. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes mal erzählt werden.

Der erste Philosoph war mit ziemlicher Sicherheit ein gewisser Thales von Milet. Und dieser Thales hat einen Satz gesagt oder wahrscheinlich eher geschrieben, für den ihn heute die Philosophie-Profs noch immer abfeiern. Leider haben wir den Text nicht mehr, denn von den Texten der Vorsokratiker sind uns nur Fragmente und Zitate erhalten geblieben. In den Worten von Aristoteles (der auch so ein Superstar in der Philosophen-Community ist), lautet dieser entscheidende Satz so:

„Thales, der Begründer von solcher Art Philosophie, erklärt als den Urgrund das Wasser”

Aristoteles: Metaphysik I 3 983 b 6 ff.

O – kay … Aber was ist jetzt der Big Deal an diesem Satz? Ich meine Arnold Schwarzenegger hat mal gesagt:

“Ich werde mehr von meinen Vorstellungen gelenkt als von bewußtem Denken.”

Arnold Schwarzenegger

Aber ich bezweifle, dass wir uns in knapp 2.600 Jahren noch daran erinnern werden, obwohl die Worte von Arnie stammen!

Die Antwort auf die Frage, was so toll an Thales Satz ist, lautet: Er ist der erste Beleg von wissenschaftlich-logischem Denken. Dieser Satz von Thales ist die erste wissenschaftliche Hypothese überhaupt. Das ist eine ziemlich steile These, und ich werde sie auch gleich noch begründen, aber zunächst will ich noch einmal einen Schritt zurückgehen und ein paar Worte dazu verlieren, wer dieser Thales überhaupt war.

Zur Person von Thales

Thales lebte in einer Hafenstadt namens Milet. Das lag im damaligen Kleinasien, was die heutige Türkei ist. Mit Blick auf unsere heutige politische Lage eigentlich eine ganz spannender Funfact, dass die europäische Philosophie von einem Griechen aus der Türkei erfunden wurde …

Wie viele Philosophen war Thales ein Rundum-Gelehrter, der auf vielen Gebieten forschte. Beispielsweise kennen wir auch den Zeitraum, in dem er lebte, da er eine Sonnenfinsternis im Jahr 585 v. Chr. voraussagte. Allerdings war diese Voraussage ist für sich genommen noch nicht so super krass, denn Astronomie wurde schon lange, vor allem in Babylon betrieben und die Babylonier hatten auch schon lange herausgefunden, dass Sonnenfinsternisse sich in gewissen Zyklen wiederholen.

Spannender ist da schon, dass Thales auch ein ganz schön gewiefter Mathematiker gewesen sein muss. Auch das ist keine Seltenheit in der Philosophiegeschichte, die Art zu Denken bei Mathematik und Philosophie, ist eben verwandt. Zumindest solange man Heidegger nicht beachtet.

Es gibt die Anekdoten, dass Thales einerseits die Distanz zu einem Schiff errechnet haben soll, indem er es von zwei verschiedenen Landpunkten aus beobachtete. Außerdem soll er die Höhe einer Pyramide anhand der Länge ihres Schattens bestimmt haben. Und wir alle kennen ihn nicht zuletzt, weil wir in der Schule in Mathe den Satz des Thales lernen mussten.

“Konstruiert man ein Dreieck aus den beiden Endpunkten des Durchmessers eines Halbkreises (Thaleskreis) und einem weiteren Punkt dieses Halbkreises, so erhält man immer ein rechtwinkliges Dreieck.”

Thales von Milet

Übrigens soll auch dieses mathematische Gesetz sowohl den Babyloniern als auch den Ägyptern schon bekannt gewesen sein.

Dann gibt es noch zwei Anekdoten über Thales, die eher ins Reich der Propaganda gehören. Propaganda für Philosophie ist wohl die Geschichte, dass er von seinen Mitmenschen gedisst wurde, weil Philosophie eine brotlose Kunst sei. Aber Thales hat dann mithilfe der Sterne herausgefunden, dass es eine fette Olivenernte geben soll und hat alle Olivenpressen der Gegend gekauft, die er dann zu horrenden Preisen vermieten konnte und so schweinereich wurde. Wie gesagt: Bloße Propaganda, denn den Sternen ist die Olivenernte so schnuppe wie dein Horoskop und mit Philosophie hat das schon mal gleich gar nichts zu tun.

Die andere Anekdote ist Propaganda kontra Philosophen: So soll Thales mal von einer „Thrakischen Magd“ ausgelacht worden sein, weil er beim Sternebeobachten in einen Brunnen fiel. Das ist eine typische Geschichte vom „zerstreuten Professor“, wie wir sie auch heute noch erzählen und Thrakien war damals für die Griechen das, was für den Berliner Hipster heute Brandenburg ist, wodurch die Demütigung für Thales natürlich nur noch größer wird.

Warum die Griechen?

Kehren wir zur Frage zurück – What’s the big deal about:

„Thales, der Begründer von solcher Art Philosophie, erklärt als den Urgrund das Wasser”

Aristoteles: Metaphysik I 3 983 b 6 ff.

Die nächste kurze Antwort, die ich euch darauf geben möchte, lautet: Thales hat als erster den Ursprung der Welt nicht dadurch erklärt, dass irgendein Gott sie erschaffen hat. Doch auch jetzt noch belasse ich es erst einmal bei dem Teaser und beantworte die Frage indirekt, indem ich zunächst frage: Warum haben jetzt ausgerechnet die Griechen mit der Philosophie angefangen? Ihr müsst dabei bedenken, dass zu dem Zeitpunkt, als Thales lebte, die Ägypter schon krasse 3.500 Jahre lang eine Hochkultur hatten. Das sind noch mal locker 1.000 Jahre mehr als von Thales zu uns heute. Und dennoch hatte niemand in Ägypten jemals das Bedürfnis gehabt, anzuzweifeln, dass irgendein Gott die Erde erschaffen hat.

Diese Frage wurde früher oft mit dem „Griechischen Genius“ beantwortet. Eine Antwort, die nicht nur gefährlich ist, weil sie auf der “Europäer sind besser als andere“-Welle reitet, sondern auch mit ziemlicher Sicherheit falsch.

Was also war der Grund dafür, dass die Griechen nun plötzlich eine andere Antwort gaben auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest?

Einer der wichtigsten Gründe war sicherlich, dass es in Griechenland eine reiche Bürgerschicht gab: Alte, weiße Männer, die es sich leisten konnten, ihre Zeit mit Philosophie zu verschwenden, während Frauen und Sklaven für sie arbeiteten. Aber das kann noch nicht der einizige oder gar entscheidende Grund gewesen sein, den Aristokratien, die ihren Reichtum auf Sklaven aufbauten, gab es in der Antike zur Genüge. Aber Philosophie zunächst nur in Griechenland.

Nein, der wichtigste Grund für das Erwachen der Philosophie war wohl die Art und Weise, wie der griechische Staat und die griechische Gesellschaft damals aufgebaut waren. Ihr wisst das bestimmt: Es gab keinen starken Zentralstaat wie in Ägypten oder später in Rom. Stattdessen gab es jede Menge kleiner Stadtstaaten. Und dort gab es sehr repressive Stadtstaaten, so wie zum Beispiel Sparta, aber es gab auch andere, wie zum Beispiel Athen oder Milet, die ihren Bürgern (also den alten, weißen Männern) viele Freiheiten einräumten und die sich entsprechend auch nicht daran störten, wenn diese Bürger dann so gotteslästerliches Zeug von sich gaben.

Außerdem hatte dieses Stadtstaaten-Ding den Vorteil, dass du als aufsässiger Denker mal eben den Staat wechseln konntest, wenn das Kopfsteinpflaster unter deinen Füßen mal zu heiß wurde. Und diese Stadtstaaten-Struktur hatte noch weitere Vorteile. Dafür müssen wir uns ansehen, wie Griechenland aussieht: Griechenland ist bergig. Nicht ohne Grund sitzen die griechischen Götter auf einem Berg. Und die verschiedenen Stadtstaaten saßen zumeist, in fruchtbaren Tälern mit Meerzugang. Statt mühsam über die Berge zu kraxeln, bot es sich da an, mit dem Schiff zu fahren. So wurde Griechenland zu einer großen Seefahrernation und Seefahrt und Seehandel brachten viele kulturelle Einflüsse und andere Arten zu denken aus dem ganzen Mittelmeerraum – So etwas ist ein sehr fruchtbares Klima für innovatives Denken. Es ist kein Zufall, dass im gleichen Zeitraum in Griechenland auch die Geschichtsschreibung, die Mathematik und die Naturwissenschaften durch die Decke gingen.

Aber auch das war noch nicht alles: Es musste noch mehr hinzukommen, denn große Seefahrer waren zum Beispiel auch die Phönizier. Es mussten noch zwei Schäufelchen oder drei draufgelegt werden, damit die Griechen zu Philosophen werden konnten. Das erste Schäufelchen war dabei mit Sicherheit die griechische Sprache. Denn die hatte eine Tendenz zum Abstrahieren. So kann man im Griechischen ganz ähnlich wie im Deutschen ziemlich leicht aus den verschiedensten Worten Substantive machen. Und über den Sinn des Adjektives „wahr“ lässt sich eben nicht halb so gut spekulieren wie über den des sakralen Substantives „Wahrheit”.

Das zweite Schäufelchen war dann bestimmt die Alphabetschrift. Zwar hatte es Schriftsysteme schon lange vor den Griechen gegeben, aber keine der älteren Schriften war so vielseitig und leicht zu lernen gewesen, wie die griechische Alphabetschrift. So können wir heute mit Sicherheit sagen, dass die Mehrheit der griechischen Bürger (also der alten weißen Männer) lesen und schreiben konnte. Und das führte zu einigen spannenden Konsequenzen.

Eine dieser Konsequenzen war sicher, dass so Typen wie Hesiod und Homer anfingen die religiösen Mythen aufzuschreiben. Bis dahin waren diese Geschichten immer mündlich weitergegeben worden. Und ein mündlicher Vortrag hat die Eigenschaft und zugleich soziale Funktion, dass er angepasst werden kann. Wenn etwas aufgeschrieben wurde, dann steht es hingegen fest. Schwarz auf weiß. Jeder kann es hervorholen und mit der Welt vergleichen. Und möglicherweise ergeben sich einige Widersprüche zwischen dem, was in den Büchern über die Götter und die Welt steht und dem, was man selbst wahrnimmt. Fest steht zumindest, dass die Griechen nicht sehr hoch von ihren Göttern dachten. Wenn ihr Homer oder Hesiod lest, dann sind die Olympier ein ziemlich rüder Haufen.

Nun werfe man in diese Situation die schon erwähnte Seefahrt mit all ihren fremdartigen Einflüssen. Da war es kein Wunder, dass in Griechenland Sekten aus dem Boden schossen, die andere, neue Religionen versprachen. Die berühmtesten waren sicher der Dionysos-Kult und die daraus hervorgehenden Orphiker. Und in diesem Klima wirkt jemand wie Thales, der statt die einen Götter durch andere zu ersetzen, die Götter einfach durch ein abstraktes Prinzip wie Wasser ersetzt, vielleicht nicht ganz so überraschend. Und damit kommen wir nun endlich zur Beantwortung der Frage:

What’s the big deal?

Ich sagte schon, dass Thales mit seinem Spruch, dass der Urgrund der Welt Wasser ist, das logisch-wissenschaftliche Denken gewissermaßen erfunden hat. Außerdem sagte ich, dass er erstmals den Ursprung der Welt nicht mit Religion begründet hat. Aber das sind ja nun ersteinmal nichts weiter als Worthülsen. Was bedeutet das? Schauen wir uns den Schöpfungsmythos der Griechen doch einmal an: Da ist am Anfang das Chaos. Aber das ist nicht das, was wir heute darunter verstehen, auch wenn es gewisse Eigenschaften teilt. Stattdessen wurde dieses Chaos von den Griechen als ein denkendes, fühlendes Wesen gedacht, das dann folgerichtig auch ein Kind gebären kann: Gaia, die Erde. Auch Gaia ist wiederum beseelt. Wir nennen diese Art zu denken Animismus, dass also Dinge wie die Erde denken können, denen wir heute kein Bewusstsein zuschreiben. Dem gegenüber meint nun Thales, dass die Welt einfach aus Wasser entstanden ist. Ohne dass er Wasser irgendeine Seele oder ähnliches zuschreibt. Und diese Antwort unterschiedet sich auch zum Beispiel vom jüdisch-christlichen Schöpfungsmythos, in dem zwar die Erde nicht beseelt ist, aber von einem denkenden und fühlenden Gott geschaffen wurde.

Aber noch etwas ist anders zwischen Thales’ Antwort und jener der Religionen: Es handelt sich um eine Hypothese, die sich überprüfen lässt. Religion hingegen ist ein Dogma. Alle Fragen werden etwa im Christentum einfach mit „Es steht in der Bibel“ beantwortet. Das kann die Philosophie im besonderen und die Wissenschaft im Allgemeinen nicht. An die Stelle von „Steht in der Bibel“ muss nachdenken und beobachten treten. Natürlich geht aus Aristoteles Zitat nicht hervor, wie Thales seine Hypothese begründet hat, aber er hat damit eine Tradition begündet, in der eben dieses logische Begründungsspiel gespielt wird.

Schließlich ist noch ein dritter Aspekt an Thales Hypothese spannend. Denn er hat damit ein Frage gestellt, ein Thema eröffnet, dem wie in Philosophie, Physik und Biologie noch immer hinterherjagen. Eine der großen Fragen: Was ist das Prinzip oder der Ursprung der Welt, des Lebens etc.? Thales Antwort ist natürlich nicht sonderlich spannend oder auch nur kreativ. Ich sagte ja schon, dass er in einer Stadt lebte, die im höchsten Maße abhängig vom Meer war. Nein, Thales Hypothese war nicht ausgereift, aber sie regte zu weiterem Nachdenken an. Sie war eben der Urgrund der Philosophie.

Quellen

Zur Recherche habe ich verwendet:

* Hinterhältiger Afiliate-Link: Wenn ihr das Buch kauft, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich.

Bildquellen

Die Slides wurden erstellt mit dem Programm SketchBookExpress. Alle Quellenangaben in chronologischer Reihenfolge. Alle Bilder, für die keine Quelle angegeben wurde, stammen entweder von mir oder sind gemeinfrei.

Grundlegung zur Metaphysik der Social-Media-Sitten

Mir geht Tilo Jung am Allerwertesten vorbei. Ich bin nicht naiv genug für seinen YouTube-Kanal, folge ihm in keinem sozialen Netzwerk, weiß aber, dass er die Pressekonferenz der Bundesregierung regelmäßig durch penetrantes Nachfragen trollt, was ich immerhin ganz nett finde. Dieser Tilo Jung hat jetzt wohl zum Weltfrauentag einen frauenfeindlichen Witz gemacht, indem er ein Foto gepostet hat, auf dem er eine Frau tritt. Haha, häusliche Gewalt! Total lustig, Dude! Tief in den Windungen meines Gehirns meine ich mich zu erinnern, dass Herr Jung wohl auch schon zwei bis drei Mal zuvor durch Misogynie aufgefallen ist. Allerdings macht es auch nicht den Eindruck auf mich, dass der Tilo der reaktionärste Typ im Land ist. Ich glaube einfach, dass er und sein Humor mir nicht sonderlich sympathisch sind, daher geht er mir eben am Allerwertesten vorbei.

Warum schreibe ich das dann? Na ja, anscheinend hat Herr Jung nun also ein geschmackloses Foto gepostet und dafür Gegenwind bekommen. Das ist allerdings weitgehend an mir vorbeigegangen. Dafür fallen jetzt – da die Welle wie bei jeder Empörung wieder zurückrollt – mir immer mehr Artikel in den Feedreader, die aussagen: “kommt mal klar, der Tilo ist nicht böse, ihr und eure Mütter seid böse!” Woraufhin wieder jede Menge Artikel geschrieben werden, in denen es dann heißt: “Menno, stimmt gar nicht!” Auch das kann ich alles sehr gut wegignorieren. Aber dann schlug ein Artikel aus dem Rivva-Feed in meinem Reader auf, der sich folgendermaßen nannte:

Der Fall Tilo Jung oder die Metaphysik der Social Media Sitten

Cheering Mignons

Nice … Das referenziert Kants Metaphysik der Sitten und damit wäre dann ja doch mein Interessensgebiet berührt. Klingt ganz so, als wolle da jemand “metaphysische Anfangsgründe“ für Moral in den sozialen Medien liefern. Inhaltlich würde ich beides skeptisch sehen: Einerseits bin ich Sprachrelativist und halte entsprechend nicht viel von Letztbegründungen, andererseits sehe ich nicht recht, warum die Anfangsgründe für eine Moral in den sozialen Medien sich von jener im Leben ohne Bildschirm unterscheiden sollten. Aber das Unterfangen ist worth trying.

Doch leider musste ich nach dem Lesen der ersten paar Absätze feststellen, dass der Artikel von Marie von den Benken nicht das einhielt, was er versprach, sondern … ja was eigentlich? Ich glaube, wenn ich aus allem Geschwurbel eine Essenz destilieren wollte, wäre die Kernaussage:

“Regt euch mal nicht so auf, es gibt wichtigere Ziele des Feminismus, für die es sich zu kämpfen lohnt. Außerdem sind alle, die sich Feministinnen nennen doof und gendergerechte Sprache riecht nach Pipi!“

– Der ersten Hälfte dieser Aussage würde ich sogar zustimmen, die zweite hingegen ist:

*Hier tiefen, existentiellen Seufzer einfügen*

Die zweite Hälfte der These ist sogar ein bisschen peinlich, wenn man zugleich solche Sätze schreibt:

“Der Feminismus, dem es nicht darum geht, dass man die Deutsche Sprache im Wortbild so zerstören will, dass überall jede theoretisch denkbare Variante_In genannt werden muss, ist elementar.”

What?

Hä? Was willst du mir damit sagen? Aus dem ersten Teil des Satzes geht eine massive Kritk am – hier übrigens komplett falsch aber bestimmt lustig verwendeten – Gendergap hervor, doch am Ende löst sich der Satz so auf, dass diese Form von Feminismus „elemantar“ ist? Also grundlegend oder wesentlich? Ist das nicht etwas gutes? Und so geht es mir mit dem kompletten Text – Ich weiß oft einfach nicht, was er mir sagen will. Wenigstens in ihrem komplizierten Satzbau ähnelt von den Benken Kant. Doch wo Kant Schachtelsätze verwendet, um hochkomplexe Gedankengebäude zu errichten, baut diese Autorin meines Erachtens nur Luftschlösser.

Ich wollte eigentlich diesen Text Schritt für Schritt durchgehen und einer Sprachanalyse unterziehen, aber das war einfach zu zeitaufwendig, da fast jeder Satz einer Analyse wert gewesen wär. Daher begnüge ich mich mit ein paar Sprachperlen und versuche mal herauszufinden, was die Autorin uns außer „klingt gut“ damit sagen will. Anfangen will ich dennoch am Anfang:

“Ein Anagramm von „Empörung“ ist „Moegen Pur“. Und diese Kolumne hat auch tatsächlich etwas mit langhaarigen Unruhestiftern zu tun, jedoch nicht mit Hartmut Engler, wie das Anagramm vielleicht vermuten ließe.”

Dafuq?

Warum schreibt sie „Mögen“ mit „oe“ und macht damit das Anagramm kaputt? Und was will Frau von den Benken uns damit sagen, außer dass sie einen bemühten Witz mit dem Pur-Sänger Hartmut Engler machen möchte, DER NOCH NICHT EINMAL LANGE HAARE HAT … ? Ich verstehe diesen Einstieg in ihren Text wirklich nicht, bitte erkläre mir ihn jemand. Das macht weder Sinn, noch hat es irgendetwas mit dem folgenden Text zu tun. Es ist noch nicht einmal lustig, oder verstehe ich den tiefsinnigen Witz dahinter nur nicht?

“Das, was mir wichtig erscheint, ist kurz darauf hinzuweisen, dass eine Interpretation des Feminismus, der ausschließlich darauf abzielt, einige verwirrte Claqueure_Innen auf bestimmte Themen (oder leider auch oftmals Menschen) zu hetzen, ohne dabei auch nur einen schemenhaften Ansatz von Ehrlichkeit oder Verhältnismäßigkeit erkennen zu lassen, nicht mein Feminismus ist.”

Haha!

Haha, voll lustig das Gendergap falsch zu benutzen, oder? Ferner macht die Kombination “verwirrte Claqueure“ überhaupt keinen Sinn. Entweder ist jemand ein Claqueur, klatscht also (oder retweetet in diesem Kontext), weil er oder sie dafür bezahlt wurde. Oder jemand lässt sich – etwa durch die Polemik des Feminismus’ – verwirren, aber beides? Ich weiß zwar nicht wofür, aber ich lass mich dafür bezahlen? Oder was?

“Ich möchte keinen wissenschaftlichen Aufsatz verfassen, vor allem, weil ich über keinerlei Qualifikation für eine wissenschaftliche Arbeit verfüge. Ich erlaube mir keine dogmatische Sicht auf Dinge, von denen ich nicht genug verstehe.”

Hä?

Hä? Ich finde es zwar ehrenhaft, wenn jemand die eigenen Schwächen erkennt, aber WORIN ZUM HENKER besteht der Zusammenhang zwischen Wissenschaft und einer dogmatischen Sicht? Wissenschaft ist quasi das genaue Gegenteil einer Dogmatik. Während ich mich in einem Dogma hinstelle und etwas behaupte, ohne zu begründen, macht die Wissenschaft genau das Gegenteil! Eine Arbeitshypothese wird erst dann zur Theorie, wenn ich sie begründen kann.

“Es werden vermeidliche Gegner einer Idee von Feminismus ausgerufen und die Meute setzt sich – blind vor anerzogenem Hass jubilierend – in Bewegung”

Ah, sehr schön, nachdem wir den Widerspruch abgehakt haben, kommen wir zur Tautologie: Denn natürlich ist jeder Hass anerzogen. Es gibt keinen angeborenen Hass, erst die Sozialisation lässt uns etwas hassen, während kleine Kinder erst einmal alles unvoreingenommen betrachten. Aber nur „Hass“? Damit lässt sich eben nicht genug jubeln, äh, jubilieren …

“Die selbsternannten Leuchttürme_Innen des neuen Feminismus geben die in Agent Provocateur Manier vorher noch schnell eigenhändig kreierten Opfernamen bekannt und der Mob fällt über sie her.”

Bill Murray findet's lustig

Haha, wieder voll lustig das Gendergap falsch zu benutzen, oder? Und, verzeiht mir bitte das Nitpicking, aber wenn man schon versucht, sich so gewählt auszudrücken, dann bitte entweder nicht den Bindestrich vergessen beim Kompositum „Agent-Provocateur-Manier“ oder besser gleich den Genetiv in der Manier eines Agent Provocateurs verwenden, denn alles andere ist doch bloß eine „Zerstörung“ der deutschen Sprache, Frau von den Benken!

“Behauptungen sollten mit Fakten unterfüttert werden. Im besten Fall sogar solche, die nicht völlig surreal einer gespenstisch absurden Scheinwelt entspringen, in der jeder Mann ein potenzieller Sexist ist und in der „Studentenwerke“ in „Studierendenwerke“ umbenannt werden sollen. Was zwar einen siebenstelligen Betrag in Euro kosten würde, aber irgendwie gerechter – weil weniger männlich – klingt.”

Das ist ein Witz, oder? Innerhalb von drei Sätzen einerseits zu fordern, dass Behauptungen mit Fakten unterfüttert werden müssen und dann eine Behauptung aufzustellen, ohne sie mit Fakten zu untermauern muss einfach ein Witz sein. Oder? ODER?!

“Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an das Fappygate-Desaster. Einen Epilog von tragischem Ausmaß.“

Epi-was?

Warum Epilog? Dieses Fappygate (das ich übrigens genauso dämlich fand wie Marie von den Benken, auch wenn ich nicht finde, dass  Kollege oder Chef, Sascha Pallenberg, den sie hier als “Leutchttum_In” des Rationalismus darstellt, sich damals mit viel mehr Ruhm bekleckert hat als Frau Banaszczuk) lag doch VOR der Causa Tilo Jung, warum also Epilog? Egal, der Rhyme ist fett, der Rhyme ist fett.

“Auch ihr ging es in keiner Sekunde um den Sachverhalt, sondern lediglich darum, auch noch den letzten schmalen Strohhalm zu einem Empörungs-Tsunami für ihre eigene Selbstdarstellung hoch zu pushen.”

Verzweiflung

Na wenn da mal jemandem nicht die Metaphern durcheinandergeraten sind, denn wenn ich den Satz mal von seinem Geschwurbel befreie, steht da: Jemand pusht einen Strohhalm zum Tsunami. Ich könnte ein Wasserglas zum Tsunami pushen oder einen Strohhalm zum Baumstamm, aber einen Strohhalm zum Tsunami zu pushen, dürfte außer Hermine Granger wohl keiner Feministin gelingen … Besonders unglücklich wird die verunglückte Metapher durch den darauf folgenden Satz:

“Oder hoch zu sterilisieren, wie Bruno Labbadia es ausdrücken würde.”

Headbanging

Tja, nee … Sich über die falschen Wortspiele anderer lustig zu machen, nachdem man gerade selbst eines verkackt hat, ist eher dann eher ein Griff ins Klo …

“Dort, wo der echte Feminismus anfängt, kratzt der Netzfeminismus dieser Horde hysteriebesoffener Brunnenvergifter_Innen nicht mal an der Oberfläche.”

Hey, hier hat die Autorin das Gender-Gap tatsächlich mal richtig verwendet! Bestimmt ein Versehen, ist so ja gar nicht lustig …

“Aber ist es der Feminismus, der Weltfrauentag, die Menschlichkeit – oder einfach gesagt: Ist es die Welt, die nur mit Nächstenliebe und Fürsorge überleben kann wert, darum ein Opfer auszuwählen und eine arrangierte Hetzjagd auf den „Journalisten“ Tilo Jung zu starten, der auf Instagram ein angeblich frauenfeindliches Foto gepostet hat? Ein Bild, das einen Mann dabei zeigt, wie er offensichtlich eine junge Frau, mit der er eben noch Hand in Hand am Strand flanierte, mit einem gezielten Tritt in den Rücken zum Fallen bringt.”

Auch bei diesem Satz bin ich mir nicht zu 100% sicher, was Frau von den Benken uns sagen will. Vor allem irritiert mich, dass sie Journalist in Anführungszeichen setzt. Oben hatte sie das gemacht, weil sie – so meine Interpretation – Juliane Leopold eben diese Qualifikation absprechen wollte. Will sie das jetzt auch bei Tilo Jung? Man weiß es nicht … Den konkreten Zusammenhang von Menschlichkeit, Nächstenliebe, Fürsorge, Hetzjagden und Tilo Jung versuche ich gar nicht erst zu verstehen. Aber will sie tatsächlich sagen, nur weil das Pärchen auf dem dämlichen Foto erst Händchen hält, bevor er sie tritt, sei es nicht sexistisch? Weil so etwas wie häusliche Gewalt nicht existiert? Und Frauen nie Männer lieben, die mal nett zu ihnen sind und dann wieder brutal?

*Hier einen weiteren tiefen, existentiellen Seufzer einfügen*

Allerdings – das möchte ich nicht verschweigen – folgt darauf der beste, da wirklich mal sinnvoll zusammenhängende Absatz des Textes:

“Natürlich muss man so ein Bild nicht posten. Natürlich ist das Bild nur für grenzdebile, volltrunkene, übergewichtige Typen lustig, die schon lange keine Frau mehr aus der Nähe gesehen haben, aber muss man bei jeder kleinsten Gelegenheit in eine panische AdHoc-Empörung verfallen und sich dabei auch noch selber ad absurdum führen?”

Data-Faust

Dass die Autorin uns keinen Beweis für diese Empörung liefert außer eines Tweets von Juliane Leopold, der jetzt nicht sooo unglaublich reißerisch war, lasse ich mal dahingestellt. Aber insgesamt kann ich diese Meinung teilen. Hätte sich Marie von den Benken doch bloß auf diese Aussage beschränkt und den ganzen anderen Schmonzens weggelassen. Aber, ach, sie kann es nicht:

“In seinem kurzen Gedankenspiel zum Fall „Tilo Jung vs. Fußtrittfoto“ und dem daraufhin herniederprasselnden Guerilla-Krieg der Empörungs-Touristinnen zeigt er übrigens ein fast identisches Phänomen wie bei „Fappygate“ auf: Die „feministische“ Version von „Dallas“.”

Versus?

Wieso „versus“? Herr Jung hat doch das Foto gepostet, warum macht die Kolumnistin jetzt daraus eine Opposition? “Feminismus vs. Tilo Jung” oder “Empörungs-Touristinnen vs. Fußtrittfoto“, ja, das würde Sinn machen, aber doch nicht Tilo gegen sein eigenes Foto. Ferner habe ich schon mal 2,35 Folgen Dallas gesehen, und wenn die Serie von etwas nicht handelte, dann vom  “Guerilla-Krieg der Empörungs-Touristinnen“. Den DAS hätte mir wirklich gefallen!

Was mir auch gefallen hätte, wäre eine wirkliche Metaphysik der Social-Media-Sitten gewesen oder irgendeinen Zusammenhang mit Kant, der diese Überschrift gerechtfertigt hätte und der über diesen einen Satz von Marie von den Benken hinaus geht:

“Sobald sie allerdings auf Gegenwind stößt, zum Beispiel in Form von kritischen Replies, die ihr die argumentationsarme Sinnlosigkeit ihrer Vorwürfe aufzeigen, argumentiert sie sich noch eine Weile in Rage, teilt kräftig aus, verstrickt sich in völlig haltlose Aussagen, Wiedersprüche und Argumente, bei denen selbst Interviews mit Lothar Matthäus wie Werke von Immanuel Kant wirken und löscht dann alles wieder.”

Tja, das hätte mir wirklich gefallen …

Wenn Philosophen wie Nerds wären…

Neulich in einem Epistemologie-Support-Forum …

WillardvOQ: „Hallo Leute, ich habe da ein Problem mit der Sprache, ich wollte mal fragen, ob wir überhaupt sicher sein können, Bedeutungen richtig zu erfassen, wenn von einer Sprache in die andere übersetzen.”

Post-Structure-Jacques: „Alter, Forensuche benutzen!”

Pythgoras hates beans: „Google ist dein Freund!”

Whitehead: „Read the fucking Platon!!!!”

Höhlenmensch: „Hat jemand meinen Namen gesagt? @WillardvOQ Interessante Frage. Vorher sollten wir aber klären, ob Sprache natürlich oder konventionell ist.”

Cunt: „Welche Version benutzt ihr denn? und welches OS? Wenn ihr das nicht sagt, dann kann man euch schon mal gleich gar nicht helfen!”

Betrand, König von Frankreich:@Cunt: Yo Alter, was ist das denn für eine bekloppte Frage? Es gibt nur eine Version: Formale Logik. Und nur ein OS: Idealsprache. Alles andere kannst du in die Tonne kloppen!”

Ludwig schweigt: „Quatsch Betrand. Normalsprache, von allem anderen holst du dir Beulen!”

GEM: „Ludwig hat Recht!”

Austin (not Texas): „Jep…”

Hidagger: „Die Sprache ist das Haus des Seins.”

TheodorFrankfurt1903: „@Hidagger: Du bist wie Hitler!”

Ari [Moderator]: „Leute, bitte mäßigt euch etwas, sonst muss ich hier ein paar Forumssperren verteilen. Vielleicht könnt ihr euch in der Mitte treffen?”

WillardvOQ: „Ja, vielleicht könnten wir zu meiner Frage zurückkehren? @Cunt: Ich benutze Formale Logik, spiele aber auch oft mal mit normaler Sprache rum.”

Übermensch: „Not my Department! Wahrheit ist eh nur ein bewegliches Heer aus Metaphern!”

Noam: „Alter, du hast eine Universalgrammatik im Kopf, du kannst alles übersetzen!”

Höhlenmensch: „Sehe ich ähnlich.”

Michel Fuckold: „Ficken!”

Ari [Moderator]: „DAS REICHT @Michel Fuckold, DU TROLL!!! Das war schon das dritte Mal in dieser Woche, dein Account ist bist zum nächsten Ersten gesperrt!”

JürgenHabermas123:@ARI: Ich finde, du solltest mit @Michel Fuckold in eine Metadiskurs über eure Kommunikationsbedingungen eintreten.”

R0R7Y:@WillardvOQ: Du kannst dir eh nicht sicher sein, ob deine Worte noch die gleiche Bedeutung wie etwa die von Ari haben.”

Hidagger: „Ich schon, von Etymologie verstehe ich was.”

Post-Structure-Jacques: „ROFL!”

Ari [Moderator]: „So Leute, ich mach hier mal dicht. Doppelter Thread! Wie @Whitehead schon sagte, drüben im Sub-Forum vom Höhlenmensch finden sich schon alle Antworten auf die Fragen hier… CLOSED!”

Der Xavier, der darf das – Neue Sophismen braucht das Land

Ach es gäbe so viel für mich zu tun, zum Beispiel stundenlang eine Neugeborene angucken, aber statt dessen muss ich bloggen. Warum? Weil mir da so ein Ding mit der Sprache aufgefallen ist. Und die Sprache, das wissen Sie, ist mein Ding. Alles fing an mit Xavier Naidoo…

Xavier Naidoo hat wohl rechten Verschwörerblödsinn auf einer der montaglichen Versammlungen der rechten Verschwörer von sich gegeben. Das ganze hat Georg Diez, seines Zeichens Kolumnist bei SpOn, angeprangert. Diez’ wichtigster Punkt ist übrigens:

“Und so ist Xavier Naidoo eben auch ein Beispiel dafür, wie sich Gedanken des christlichen und sonstigen Fundamentalismus in den Mainstream schleichen und wie sie sich dort verbreiten“

Georg Diez: Xavier Naidoos rechte Thesen: Vom Popstar zum Populisten

Das fand jetzt aber Horst Schulte, erklärter Naidoo-Fan, nicht so knorke und hat sich zu einer Verteidigung von Naidoo aufgeschwungen, die keiner braucht (wie er selbst schreibt). So weit, so belanglos. Aber wie Schulte für Naidoo spricht, das war für mich dann doch belangvoll. Denn der Blogpost quillt geradezu über von Sophismen, wie ich sie gerne nenne: rhetorischen Figuren des unlauteren Argumentierens. Und das ist ja, wie gesagt, mein Ding.

Von der Umdeutung zum Überlegenheitsargument

Diese Sophismen finden sich schon in Schultes Einleitung:

“Ich bin ein Fan von Xavier Naidoo und tue mich schwer damit, auf diesen Artikel eine adäquate Antwort zu geben. Ich weiß nämlich schon im voraus wie die, die ihn nicht mögen und denen er allein wegen seiner Herkunft ein Dorn im Auge ist, darauf reagieren werden.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Was will uns der Autor hier sagen? Das ist nicht die Frage. Sondern: wie sagt er es uns? Schulte macht vor allem eines: Er sichert sich zunächst einmal ab. Klar, ist ja schon so ein bisschen kritisch wenn man Partei für rechte Thesen ergreift. Also fängt er mit einem Psychologismus an: Wenn ihr Naidoo kritisiert, dann hat das nichts mit dem Inhalt seiner Aussagen zu tun, sondern liegt daran, dass ihr ihn eh noch nie leiden konntet. Das ergänzt Schulte dann noch um eine Umdeutung: Außerdem hat er einen Migrationshintergrund, wenn ihr also nicht seinen rechten Thesen zustimmt, dann seid ihr die eigentlichen Nazis…

Der Xavier, der ist nämlich Christ, wissen Sie? Klar wissen Sie das, wenn Sie in den letzten 15 Jahren nur einmal ein Radio eingeschaltet haben. Aber was Sie nicht wissen, ist, dass der Xavier “nichts anderes“ (Schulte) will als sich quasi dialektisch mit seinem Christentum auseinanderusetzen, wenn da dann Menschenverachtendes hinten rausfällt, ist das ja schließlich nicht seine Schuld. Doch genug der Polemik. Denn Schulte versucht als nächtes Diez’ Argumentation zu schwächen, indem er ihm vorwirft, dass der Spiegel-Kolumnist sich nicht mit den Texten des Sängers auseinandergesetzt habe, sondern als Intellektueller wohl lieber in die Oper gehe.

Das ist zunächst einmal inhaltliche falsch, weil Diez in gut einem Drittel seiner Kolumne auf Naidoos Texte eingeht. Aber vor allem benutzt Schulte hier eine eigentümliche Variante des Überlegenheitsarguments. Normalerweise geht dieses Argument eher so, dass man seinem Kontrahenten eine Kompetenz abspricht weil er oder sie XY nicht gelesen habe oder z nicht studiert. Schulte meint nun aber, weil Diez zu intellektuell sei, habe er Naidoo nicht hören wollen, sondern lieber Opern, deshalb könne Diez gar nicht beurteilen, was Naidoo auf einer Demo so von sich gebe. Ja, nee, is klar…

Gehen wir weiter im Text: Etwas redundant verwendet Schulte das Überlegenheitsargument noch einmal in einer Variation. Der Naidoo, der ist nämlich Künstler und deshalb darf er das sagen, was er gesagt hat. Klar. Quasi ontologisch. Allein, oh weh, der Naidoo, der hat ein Problem, er ist nämlich nicht links. Denn nur linke Künstler dürfen das. Das ist rhetorisch nicht so spannend, denn hier haben wir schlicht eine Verschwörungstheorie. Und zwar die beliebte Verschwörungstheorie von den grün-linken Massenmedien. Dass die auflagenstärkste Zeitung in Deutschland nun nicht gerade durch linke Thesen auffällt, wird dabei gerne unterschlagen. Egal, ist ja für die gute Sache, also für den Xavier.

Als nächstes Versucht es Schulte mit dem Nullsummenargument. Das habe ich bislang noch nicht näher beleuchtet und hole das gerne nach:

Das Nullsummenargument

Das Nullsummenargument rechtfertigt ein Unrecht mit einem anderen. Wenn der Mensch, den ich beklaut habe, ein schlechter Mensch war, dann habe ich ja quasi nichts Schlechtes gemacht. Dass meine Tat trotzdem moralisch nicht makellos war, weil die Moral der anderen nichts über meine eigene Moral aussagt, wird unter den Tisch fallen gelassen. In Debatten wird das Nullsummenargument gerne so verwendet, dass angeführt wird, weil Sachverhalt 1 auch scheiße ist, darf man Sachverhalt 2 nicht kritisieren. Du bist Vegetarierin aus ethischen Gründen? Dennoch trägst du Baumwollkleidung, obwohl die Pestizide, die bei der Herstellung eingesetzt werden, die Natur kaputt machen? Dann hast du auch kein Recht Vegetarierin zu sein…

In Schultes Variante ist das dann:

„Konstantin Wecker hat gerade auf seiner Facebook-Seite ein paar Dinge losgelassen, die mir überhaupt nicht gefallen haben. Seltsam, dass man darüber von Herrn Diez nichts lesen konnte.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Ja gut, in Hintertupfingen sagte der Hugo am Stammtisch auch, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, hat der pöse, pöse Diez auch nicht drüber geschrieben.. Merkta selbst, wa?

Schulte stört sich ferner nicht an seiner eigenen Widersprüchlichkeit, wenn er Diez als nächstes dafür kritisiert, dass Diez Naidoos Texte kritisiert. Was jetzt? Interessiert sich Diez nicht für die Texte oder doch? Egal. Denn spannend ist, dass der Xavier „Text“ schreibt, der Georg hingegen ein „Textchen“. Der Diminutiv verdeutlicht der unwissendenen Leserin sofort, wessen Werk hier von Bedeutung ist und wessen nicht.

Und Herr Diez dürfe sowieso nicht den Herrn Naidoo kritisieren, denn das haben andere schon vor ihm getan (Variante des Nullsummenarguments), aber Diez habe das im Elfenbeintum nicht mitbekommen (Erneut das Überlegenheitsargument).

Ich bin kein Verschwörer, aber…

Ich bin kein Rassist, aber...
Ich bin kein Rassist, aber… Grafik von mir.

Jetzt folgt die eigentlich schönste und verschwurbelste Rhetorik in Schultes Text:

“Ich führe Debatten mit Leuten, die steif und fest behaupten, dass das Grundgesetz keine Verfassung und Deutschland kein souveräner Staat sei. Ich halte überzeugt dagegen, weil ich weiß, dass das falsch ist! Leider tut unsere Regierung allerdings auch alles dafür, dass solche Gedanken von immer mehr Leuten unterstützt werden. Das finde ich schlimm.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Das ist das berühmte „Ich bin kein Rassist, aber…“-Argument (natürlich rede ich nur über die Form und nicht über den Inhalt…). Schulte sichert sich zunächst ab, er selbst ist kein Verschwörungstheoretiker, weil er ja selbst auch schon mal an einem Dienstag vor neuneinhalb Jahren gegen eine Verschwörungstheorie argumentativ aufmarschierte. Aber, oh weh! Unsere Regierung, die ist schuld! Die macht uns zu Verschwörungstheoretikern, obwohl wir keine sind.

Damit schließt Herr Schulte dann auch: Die Politker ™, die müsse man mal kritisieren, denn die sind die Bösen. Der Xavier Naidoo hingegen, der ist nicht böse:

“Dabei versucht dieser mit seinen Mitteln Dinge zu reflektieren, die in der Tat ausgesprochen kritisch gesehen werden in unserer Gesellschaft.“

Horst Schulte: Xavier Naidoo braucht keinen Fürsprecher – ich machs trotzdem

Mal ganz davon abgesehen, dass Schulte hier Xavier Naidoo gewissermaßen als „minderbemittelt“ darstellt, so unterstreicht dieser Satz noch einmal, dass Schulte anscheinend inhaltlich mit Naidoo übereinstimmt…

Schulte endet noch einmal mit einem belanglosen, „andere dürfen das doch auch, also lasst halt den Xavier in Ruhe…“ Aber diese beiden Abschnitte davor, die sind die eigentlich spannenden und waren auch Auslöser für meinen Blogpost. Denn sie verdeutlichen das Sophistische an Horst Schultes Text: Schulte scheint inhaltlich mit Naidoo (partiell) übereinzustimmen, aber anstatt inhaltlich zu argumentieren und Diez so zu wiederlegen, greift er lieber Diez auf der Metaebene an, indem er versucht in Misskredit zu bringen, was der Spiegel-Koulmnist sagt. Und das ist ein Sophismus aller erster Güte, der es Wert war, hier besprochen zu werden. Chapeau, Herr Schulte!

Cosplay spielende Sprachnerds verschwören sich gegen Theorien

Neue Artikel empfiehlt jedes zweite Blog. Am letzten Wochenende ohne Internet habe ich mich hingegen mal einigen alten Artikeln, die mein Pocket seit teilweise über zwei Jahren gespeichert hatte, gewidmet. Hier eine kleine Leseempfehlung…

Ich als Alex (Sort of...)
Ich als Alex (Sort of…)

Verschwörungstheorien

Als Ergänzung zu meinem eigenen Artikel Verschwörungstheorien widerlegen empfehle ich diesen Text:

„…Eine Verschwörung gegen den Herrscher oder den Staat hat immer eine ausgeprägte zentrifugale Tendenz. Wer sich zuerst den Behörden offenbart, hat die Chance, mit einer geringen Strafe oder sogar einer Strafbefreiung davon zukommen. Allen anderen droht im Extremfall die Todesstrafe. Je länger also eine Verschwörung dauert, desto nervöser werden die Beteiligten und desto größer ist die Chance, dass sie sich unabsichtlich verraten oder einer zur Polizei geht. Daraus lässt sich auch eine weitere Regel ableiten:

‘Vor der Entdeckung einer Verschwörung kann man sich nicht schützen, wenn die Anzahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt.‘…
Eine Jahrhunderte dauernde Verschwörung von Geheimgesellschaften wie den von Dan Brown geschilderten lluminaten ist also in der Realität nahezu ausgeschlossen…“

Thomas Grüter: Verschwörungen und ihre Theorien.

Sprachnerds

Worüber machen sich Sprachnerds Gedanken? Genau! Über so etwas:

“während meiner 1-Jährigen Abwesenheit habe ich mir Gedanken über eine kompakte und gleichzeitig auch eine komplexe Kunstsprache gemacht.“

maaskantje: Eine kompakte und komplexe Kunstsprache.

Cosplay

Und zum Schluss: Cosplay macht Spaß, oder?

P.S.: Der letzte Link wirft ein moralisches Dilemma auf. Einerseits ist die Seite nicht die Seite, die die Cosplay-Bilder zuerst postete (achtet auf das “via” am Ende), andererseits ist die Originalseite eine verfickte Klickstrecke. Somit stand ich vor den widerstreitenden Werten: Belohne ich die Originalität und schicke meine Leser und Leserinnen auf eine SEO-Kackscheiße oder denke ich an das Wohl meiner Leserschaft und missachte stattdessen den Einfallsreichtum des ursprünglichen Bloggers. Nun, ihr seht ja, wie ich mich entschieden habe: für euer Wohl! <3

 

Das Sein und das Nichts

Gleich zwei Podcasts, die ich höre, haben sich in letzter Zeit mit philosophischen Grundproblemen herumgeschlagen, zu denen ich ein Wörtchen zu sagen habe. Zum einen hat der Soziopod sich mit der Existenzphilosophie auseinandergesetzt. Die Zettelwirtschaft quatschte hingegen den Welt-Nichts-Tag durch. Beide Podcasts wurden dadurch auf Grundfragen der Erkenntnistheorie zurückgeworfen und bemühten sich um Antworten auf: “Was ist das Sein?” und „Was ist das Nichts?“.

Sein und Nichts

Nichts und Sein, was seid ihr? Bild von mir.

Seiendes abseits vom konkret Seienden und die Existenz des Nichts

Das führte sie ins Herz der ungeheuren Schlacht, die die Philosophen nun seit 2500 Jahren schlagen. So fragte Dr. Köbel an einer Stelle des Soziopods, was denn das „Seiende” abseits eines “konkret Seienden” sei. Wie man sich das „Sein” vorstellen kann, ohne sich die Existenz eines bestimmten Dinges vorzustellen, sondern eben das „Sein” an sich! Demgegenüber fragten sich Jens Fischer und Wastl von der Zettelwirtschaft solche Fragen, wie: Was kann ich mir unter dem „Nichts” vorstellen? Gibt es das „Nichts” an sich? Und: Wenn es „Nichts” nicht gibt, wie kann dann nach dem Tod nichts (oder Nichts?) kommen?

Die Ergebnisse, die die vier Herren hinter ihren Mikrofonen erlangen, sind sehr hörenswert. Allerdings habe ich auch noch meinen Senf dazuzugeben. Denn ich hänge einer philosophischen Strömung an, die sich analytische Philosophie nennt. Die analytische Philosophie ist in akademischen Diskursen mittlerweile absoluter Mainstream, wird im Bild, das die Öffentlichkeit hierzulande von Philosophie hat, aber zumeist ignoriert. Das liegt vor allem daran, dass die analytische Philosophie eine angelsächsisch zentrierte Angelegenheit ist und die populärsten kontinentaleuropäischen Philosophen eben keine Analytiker waren.

Die Sprache ist kein Spiegel der Natur

Was macht diese analytische Philosophie nun aus? Die große Gemeinsamkeit ist, dass sie den Linguistic Turn vollzogen hat. Demnach sind alle unsere philosophischen Probleme zunächst einmal sprachliche Probleme, denn nur mit Sprache kann ich die Welt erfassen. Die Sprache ist aber kein Spiegel der Natur, sondern hat eine eigene interne Struktur, die sie der Welt überstülpt. Daher sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt.

Glaubt ihr nicht? Denkt ihr, ich verwechsle Linguistik mit Philosophie? Es geht doch eigentlich um existenzielle Fragen und nicht darum, wer was wie sagt?

Nun, viele unsere philosophischen Probleme sind darauf zurückzuführen, dass die Sprache feiert. Wir verwenden Wörter falsch und heraus kommen irgendein Unsinn und Beulen, die sich unser Verstand beim Anrennen gegen die Grenzen unserer Sprache geholt hat. Und „das Sein“ und „das Nichts“ sind zwei hervorragende Beispiele dafür…

Substantivierung, Existenzquantor und Negation

Betrachten wir das „Sein” und das „Nichts” auf einer sprachlichen Ebene, so fällt zunächst einmal auf, dass beides Substantivierungen sind. Das Substantiv „Sein“ ist verwandt mit dem Verb „sein“ und und das Substantiv „Nichts“ ist verwandt mit dem Adverb oder Partikel (je nach Kontext) „nicht“. Es ist nämlich eine Grundregel unserer Sprache, dass ich aus jedem Wort ein Substantiv machen kann: „Das Sein, das Nichts und ihre Kumpel das Und und die Ihre trafen sich auf einen Äppler im Gemalten Haus.“.

Seht ihr? Und niemand kommt auf die Idee das „Und” oder die „Ihre” semantisch derart aufzuladen, wie es dem „Sein” und dem „Nichts” widerfährt. Wenn wir also zu wirklicher Erkenntnis kommen wollen, dann dürfen wir uns nicht um das „Sein“ und das „Nichts“ scheren, denn die sind nur gordische Knoten in der Sprache. Philosophisch fruchtbar wird es erst, wenn wir uns um „sein“ und „nicht“ kümmern.

Machen wir das zunächst mit „sein“. Logisch betrachtet, scheint „sein“ ein Prädikat zu sein: “Daniel ist”. Wir haben ein Objekt „Daniel“ dem schreiben wir eine Eigenschaft zu, nämlich „zu sein“. Genauso, wie wir Daniel auch die Eigenschaft zuschreiben können, ein großer Philosoph zu sein. Aber, hoppelalala, da fällt uns auf, dass sich das „Sein“ schon wieder in diesen Satz hineingeschlichen hat. Das ist aber eine dieser sprachlichen Verwirrungen, denn unsere Sprache braucht ein Bindeglied zwischen „Daniel“ und „ein großer Philosoph“.

Idealsprachlich könnten wir das ganze auch auflösen in:

x = Daniel

x = großer Philosoph

Wir haben also ein x, dem wir die Eigenschaften zuschreiben, Daniel zu sein und ein großer Philosoph zu sein. Die philosophisch wirklich spannende Frage ist, können wir unserem X auch die Eigenschaft zuschreiben zu sein:

x = sein

Das wirkt nicht nur komisch, sondern ist es auch. Und das liegt daran, dass das „Sein” kein Prädikat ist, keine Eigenschaft. Das Sein ist stattdessen die Voraussetzung dafür, das wir überhaupt Eigenschaften zuschreiben können, ein sogenannter Existenzquantor:

E x

Bevor wir von Daniel sagen können, dass er ein großer Philosoph ist, müssen wir erst einmal sagen, dass er existiert. Idealsprachlich muss es also heißen:

E x

x = Daniel

x = großer Philosoph

Es existiert ein X. Dieses X ist Daniel und dieses x ist ein großer Philosoph. Und deshalb können wir nicht über das „Sein“ an sich sprechen, ohne die Sprache zu verbiegen. Denn das Sein ist keine Eigenschaft, die wir einem Objekt zuschreiben können. Sondern nichts weiter als die Feststellung, dass ein ganz konkretes Objekt, dem wir Eigenschaften zuschreiben wollen, auch wirklich existiert.

Können wir hieraus jetzt auch Erkenntnisse für das „Nichts“ gewinnen? Klar!Ihr ahnt es sicher schon:

x = nicht

… ist genauso unsinnig, eine Verwirrung unserer Sprache, denn „nicht“ ist genauso wenig ein Prädikat wie „sein“. Es ist logisch betrachtet einfach eine Negation:

-

Und unsere idealsprachliche Formel ist jetzt endlich komplett:

E x

x = Daniel

x = - (großer Philosoph)

Unser x existiert zwar und es ist ein Daniel, aber Daniel ist kein großer Philosoph.

Zwei Schlussbemerkungen:

1. Das, was dem „Nichts“ noch am nähesten kommt, ist dies:

- E x
Wenn ich also die Existenz von etwas verneine. Das machen wir etwa, wenn wir sagen, dass es kein Leben nach dem Tod gibt:

- E x

x = Leben nach dem Tod

Deshalb: kann es „Nichts“ als Ding nicht geben, aber nach dem Tod trotzdem nichts kommen. Ob das der Fall ist, ist allerdings eine ganz andere Frage. Fest steht jedenfalls: Das Nichts ist kein Ding, sondern die Verneinung eines Dings.

2. Es gibt ein berühmtes philosophisches Problem von Bertrand Russell, auf das wir gerade die Antwort kennengelernt haben: Es gibt in der Logik nur zwei Wahrheitswerte: Entweder etwas ist wahr oder es ist falsch.

Dennoch scheint uns der Satz „Der gegenwärtige König von Frankreich ist kahlköpfig“ gewissermaßen falscher zu sein, als „Der gegenwärtige Präsident von Frankreich ist kahlköpfig“ und zwar ganz unabhängig vom aktuellen Beziehungsstatus zwischen Herrn Hollande und seinem Haupthaar.

Der Unterschied ist ganz einfach jener zwischen

- E x

und

x = - kahlköpfig

 

 

Ich bin … äh doch noch nicht … raus.

Denn im ersten Drittel des Textes habe ich vier Wittgenstein-Zitate versteckt. Findet ihr Sie?

Literatur:

Bertrand Russell: On denoting. (Hier im Volltext frei zugänglich. Sehr geil!)

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus.*

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen.*

Richard Rorty: Der Spiegel der Natur.*

*Hinterhältige Affili-Links: Wenn Ihr das Buch kauft, bekomme ich ein paar Cent davon.

Metaphysische Spuren an performanten Medien

Oder kurz: Medientheorie

Wenn du ins Internet über Sprache schreibst, kommt früher oder später immer jemand, der oder die behauptet, dass es doch total egal ist, ob wir etwa „Zigeunersauce“ oder „Negerkuss“ sagen. Wichtig wäre doch allein, was wir meinen oder denken und es sei doch ganz klar, dass sie keine Rassisten seien, bloß weil sie Worte verwenden, die so klingen. Eine beliebte Variante dieses Arguments ist auch gerne die Marxsche Wende, dass es doch egal ist, was wir sagen. Statt dessen zählten allein unsere Handlungen.

Ein Fernseher ist ein Medium. Zeigt er Loriot, ist er sogar ein gutes Medium.
Ein Fernseher ist ein Medium. Zeigt er Loriot, ist er sogar ein gutes Medium.

Einmal ganz davon abgesehen, dass diese Einstellung übersieht, dass eine sprachliche Äußerung immer auch eine Handlung ist (womit ich mich zu anderer Zeit noch einmal auseinandersetzen werde), ist sie auch deswegen falsch, weil die Sprache das Medium meiner Gedanken ist. Somit ist wesentlich für meine Weltsicht, meine Lebensform, meine Wünsche, Träume und Überzeugungen, welche Worte ich verwende.

Ich möchte und werde diesen Gedanken in Zukunft weiter ausführen, doch um ihn zu verstehen, muss ich zunächst einmal erklären, was ein Medium ist. Denn der Begriff des Mediums ist selbst so kompliziert weil so unscharf in unserer alltäglichen Verwendung, dass ich für seine Bestimmung einen ganzen Blogpost brauchen werde.

Wie immer gilt: was ich hier schreibe ist nicht auf meinen Mist gewachsen. Es geht auf viele schlaue Köpfe zurück, die ich im Laufe des Textes und als Literaturtips am Ende auch nennen werde. Allerdings werde ich nicht Zitate im einzelnen belegen, dies ist ein Blogpost, den ich an einem grauen Novembernachmittag runterschreibe und keine wissenschaftliche Arbeit.

Von der Metaphysik zurück zum Alltag

Wie fange ich an? Gemäß Wittgenstein am besten damit, dass ich den Begriff von seiner metaphysischen wieder in seine alltägliche Sphäre zurückführe und mal schaue, wie wir ihn verwenden. Wir alle benutzen das Wort “Medium” ständig. Es ist von alten und neuen Medien die Rede, von Massenmedien, vom Medium Zeitung, Internet, Fernsehen oder Radio. Wir alle haben extensional eine ziemlich exakte Vorstellung davon, was der Begriff umfasst, ohne dass wir ihn im einzelnen intensional definieren können. Versuchen wir es, kommen wir schnell auf Begriffe wie Sender und Empfänger, Symbole, Botschaften, Bilder oder Sprache.

Diese stümperhafte, stichprobenartige Analyse unseres alltäglichen Medienbegriffs stößt uns gleich auf eine erste Unterscheidung. Es gibt einen weiten und einen engen Medienbegriff. In der weiten Verwendung meint der Begriff des Mediums immer etwas das als Träger oder Mittel für etwas anderes dient. Wir sprechen dann vom Licht als Medium des Sehens, vom Wasser als Medium des Schwimmens, vom Auto als Medium der Fortbewegung und vielleicht sogar vom Kran als Medium des Hochhausbaus.
Demgegenüber steht die enge Verwendung des Medienbegriffs. In dieser hat ein Medium immer etwas mit einer Botschaft (im Sinne von Message nicht im Sinne von Spionage), mit einem Symbolsystem zu tun. Die Zeitung bringt uns die Nachrichten, das Internet bringt uns Meme, im Fernsehen läuft die Daily Soap und im Radio laufen die aktuellen Charts.

Ich bevorzuge diesen engen Medienbegriff aus zweierlei Gründen. Zum einen kommt er meines Erachtens dem alltäglichen Gebrauch des Wortes „Medium“ näher und das sollte immer unsere Basis sein. Die weite Verwendung erscheint mir eher wie eine Metapher. Erst wenn ich anhand von Büchern, Filmen, Comics, CDs etc. verstanden habe, was ein Medium ist, kommt es mir überhaupt in den Sinn soetwas wie Licht oder ein Auto Medium zu nennen.

Zum anderen ist ein Begriff ein Terminus und in diesem steckt der lateinische Ausdruck für Grenze oder Grenzpunkt. Ein Begriff begrenzt immer eine Bedeutung, indem er sie von anderen Begriffen mit anderen Bedeutungen unterscheidet. Daher sind Begriffe, die letztlich alles bedeuten können, sinnlos. Ich habe so den Eindruck, als würde genau das auf unseren weiten Medienbegriff zutreffen.

The medium is the message

Einer der berühmtesten Medientheoretiker war Marshall McLuhan, der für genau zwei Sachen berühmt ist: 1. Den Satz „The medium is the message“ und 2. seinen Gastauftritt in Woody Allens Annie Hall:

Ich habe McLuhan zwar in meinem Studium gelesen, aber das ist so lange her, dass ich mich kaum daran erinnern kann. Daher kann ich nicht genau sagen, was er mit seinem Zitat meinte, aber ich kann zumindest sagen, was in der Rezeption, besonders in der popkulturellen allzu oft daraus gemacht wurde: Nämlich die Behauptung, dass die Botschaft gar keine (gesonderte) Rolle mehr spiele, dass sie im Medium aufgehe und nicht von dem Medium losgelöst werden könne. Das ist in etwa das diametrale Gegenteil der Position der oben erwähnten Anhänger einer strikten Unterscheidung von Sagen, Denken und Handeln. Und ich denke, es ist zumindest in diesem Extremismus genauso falsch.

Spielen wir dafür mal folgendes Sprachspiel durch:

Ein Land, nennen wir es „Gondor” wird von einem verfeindeten Land, nennen wir es „Mordor“ angegriffen. Gondor möchte nun seinen Verbündeten mit dem hypothetischen Namen „Rohan“ zu Hilfe rufen. Gondor möchte also die Botschaft „Hilfe“ mit einem Medium nach Rohan transportieren. Wären Medium und Botschaft eine nicht zu trennende Einheit, könnte Gondor das nur mit dem hypothetischen Medium “Zettel in der Hand eines Boten machen“. Es ist nun leicht einzusehen, dass Gondor statt dessen noch ganz andere Möglichkeiten hat: Raben mit Zettel versehen, Telefon, Whatsapp oder so etwas weit hergeholtes wie Leuchtfeuer.

Worauf ich hinaus will ist also, dass ein Medium weder unlösbar mit einer Botschaft verbunden ist, noch sich komplett neutral gegenüber der Botschaft verhält.

Die symbolisierende Performanz

Mein ehemaliger Prof. Christian Stetter vertritt die Auffassung vom Medium als symbolisierender Performanz. Dieser Medienbegriff hat eine ganze Reihe Vorteile, aber auch ein paar Nachteile. Was meint „symbolisierende Performanz“?

Zum einen steckt da wieder der Enge Medienbegriff drin: Medien haben immer etwas mit Symbolen zu tun. Sie erzeugen oder transportieren Symbole. Zum anderen steckt die Performanz drin, die uns vor allem aus der Kunst oder dem Tanz in irgendwelchen Castingshows bekannt ist. Eine Performanz ist ein Vollzug, eine Handlung, etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet und dann wieder vorbei ist. Wie hängt das nun mit unserem Medium zusammen? Ganz einfach: Ein Medium transportiert Symbole, aber es ist kein Ding, sondern ein Vollzug.

Das erscheint zunächst einmal kontraintuitiv, besonders wenn wir uns wieder an der alltäglichen Verwendung abarbeiten. Aber es ist gar nicht so kontraintuitiv, wenn man darüber nachdenkt: Eine Zeitung ist nur dann ein Medium für Nachrichten, wenn ich sie lese. Wenn ich hingegen mein Geschirr bei einem Umzug damit polstere, ist es bloß noch ein Ding, das ich als austauschbares Mittel zu irgendeinem Zweck einsetze. Mit Büchern kann ich hervorragend Blumen oder Herbstlaub pressen, aber das macht sie nicht zum Medium für einen Roman. Erst das Lesen macht sie dazu. Das iPad könnte ich als Brettchen zum Hacken von Kräutern benutzen, aber erst wenn ich etwa damit im Internet surfe, wird es zu einem Medium fürs Internet. Und ich hatte mal ein Handy, mit dem ich hervorragend Bierflaschen öffnen konnte. Aber erst wenn ich damit telefonierte, wurde es zum Medium für meine Gespräche.

Christian Stetter verdeutlicht diesen Punkt, indem er den Begriff des Mediums von dem des Mittels abgrenzt. Ein Mittel ist eine Handlung zu einem bestimmten Zweck, die diesem Zweck vorausgeht und die austauschbar ist. Mein Zweck ist es, unversehrtes Geschirr in meiner neuen Wohnung zu haben, das Mittel ist die Polsterung dieses Geschirrs. Aber ich kann außer mit Zeitungen auch mit Luftpolsterfolie polstern. Will ich hingegen einen Roman lesen, so muss ich zum Buch greifen und das Lesen der Geschichte funktioniert auch nur solange ich das Buch zur Hand habe. Lege ich das Medium weg, so steht mir meine Botschaft nicht mehr zur Verfügung. Ein Mittel ist hinreichende Bedingung zur Erreichung eines Zwecks. Das Medium hingegen ist notwendige Bedingung.

Diese pragmatische Wendung des Medienbegriffs weg vom Ding hin zur Handlung ist meines Erachtens eine clevere Näherung an den Begriff, allerdings hat sie auch ein Problem: Denn sie kann nicht den Unterschied zwischen ephemer und persistent erklären, den Stetter in der Sprachwissenschaft selbst aus Tapet brachte: Ein wesentlicher medialer Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ist, dass gesprochene Sprache ephemer ist, vergänglich, ja flüchtig. Ausgesprochen ist das Wort auch schon wieder verschwunden. Die geschriebene Sprache ist hingegen persistent. Das geschriebene Wort steht wie eine Skulptur auf dem Papier, dem Stein oder dem Bildschirm und kann jederzeit wieder betrachtet werden. Diesen Unterschied kann ich aber nicht erklären, wenn ich das Medium selbst als Performanz verstehe. Denn Performanzen sind Handlungen, Ereignisse, also per se immer ephemer. Es muss zur Performanz also noch etwas anderes hinzukommen: ein physisches Substrat. Aber das nur am Rande, denn mein Studium liegt jetzt auch schon ein paar Jährchen zurück und ich kenne die neuesten Entwicklungen in der Medientheorie nicht.

Die Spur des Mediums

Kommen wir lieber zurück zur These, dass das Medium die Botschaft ist. Sybille Krämer hat eine sehr elegante Lösung gefunden zwischen dem Widerstreit in der Position, dass das Medium und die Botschaft unlösbar voneinander sind und jener, dass das Medium gar keinen Einfluss auf die Botschaft hat. Sie löst dieses Problem aristotelisch, indem sie feststellt, dass Medium und Botschaft zwar durchaus zwei getrennte Phänomene sind (ob Dinge oder Handlungen, lass ich jetzt mal dahingestellt), dass aber der Botschaft „die Spur des Mediums” anhaftet.

Eine wunderbar Metapher, wie ich finde. Sie wird auch jedem sogleich verständlich, der schon einmal die Verfilmung eines Buches gesehen hat, das er zuvor gelesen hat. Im Grunde erzählen beide die gleiche Geschichte: Etwa dass Frodo einen Ring in einen Vulkan schmeißen soll. Aber dem Buch steht dabei alle Zeit der Welt zur Verfügung. Romane, für die ich hunderte Stunden Lesezeit brauche, sind kein Problem im Medium des Buches. Hingegen ist das Medium Spielfilm diesbezüglich beschränkt. Es kann nicht jeden bekloppt vor sich hin singenden und tanzenden Nebencharakter eine Stunde Screentime gewähren. Auch funktionieren manche Dinge im Film überhaupt nicht, die im Buch hervorragend klappen. Lady in the Lake hat uns gezeigt, dass ein Film mit Ich-Erzähler nicht funktioniert. Hintergrundgeschichten und innere Monologe sind andere Probleme des Films. Aber der Film kann anderes schaffen: Bilder. Er zeigt uns, wie ein Balrog aussieht, nimmt uns mit zum Mond oder lässt in der Matrix die Schwerkraft nur als eine Option erscheinen.

Ich schaue gerade die Serie Six Feed Under und an dieser sieht man hervorragend, wie das Medium Internet das Medium Serie verändert hat. Die Serie ist von 2001, also aus einer Zeit, in der Streaming noch keinerlei Rolle spielte und auch die DVD gerade erst dabei war, das Video abzulösen. Damals wurden Serien noch fast ausschließlich im Fernsehen gesehen. Pro Woche eine Episode. Das zeigt sich in Six Feed Under am Intro, das geschlagene 1:39 Minuten dauert.

Das ist kein Problem, wenn ich es bloß einmal in der Woche sehe, denn es ist ein sehr gut gemachtes Intro. Aber wenn ich Serien streame und mir eine Folge nach der anderen angucke, nervt das ungemein. Dem gegenüber stammt die Serie Breaking Bad von 2008. DVDs waren da schon ein alter Hut. Streaming allgegenwärtig und den Machern war vollkommen bewusst, dass die Zuschauer eine Folge nach der anderen hintereinander weggucken werden. Was dazu führt, dass das Intro sechs Akkorde und ein Grillenzirpen lang ist, 17 Sekunden.

An dem Medium Serie haftet die Spur des Internets… Nebenbei zeigt es auch, dass Medien in Medien in Medien verschachtelt sind…

Soweit soll das genügen. Jetzt habe ich meinen Medienbegrif vorgestellt und kann nun demnächst mal abbiegen in Richtung „Die Sprache ist das Medium meiner Gedanken“. Aber ich kann auch genauso betrachten, inwiefern das Medium Internet Botschaften verändert, die ehedem uns anders übermittelt wurden.

Ich bin raus. vorerst…

 

Literatur:

 

*hinterhältiger Affili-Link, danke fürs Klicken!