Selektive Wahrnehmung und der Bestätigungsfehler

Heute möchte ich mal nicht von Philosophie erzählen, sondern im fremden Revier wildern und über Psychologie sprechen, genauer gesagt über selektive Wahrnehmung und den Bestätigungsfehler. Ich hoffe, ich darf das.

Beides sind jedenfalls psychologische Erkenntnisse, die unglaublich nützlich sein können, um sowohl in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie als auch in der Ethik nicht in bestimmte Fallen zu tappen. Ungefähr so nützlich wie ein Schweizer Taschenmesser dabeizuhaben, wenn du mal nicht gerade den Wein für 1,99 mit Schraubverschluss gekauft hast.

Selektive Wahrnehmung

 

Fangen wir mit der selektiven Wahrnehmung an: Jede von uns kennt das: Wir unterhalten mit Freunden über ein Thema, Beispielsweise über den Tractatus Logico-philosophicus und kurz darauf zeigt uns unser Handy Werbung dafür an. Okay, das ist zu weit hergeholt, das sehe ich ein. Aber ich wette, wenn ich jetzt von diesen super-bequemen Hosen erzähle, die total elastisch und widerstandsfähig sein und die sich super-duper reinigen lassen, dann bekommt ihr die angezeigt, sobald ihr das nächste Mal auf Instagram oder Facebook geht.

Einzig logische Schlussfolgerung: Dein Handy belauscht dich! Aber ist das die einzig logische Schlussfolgerung? Ich habe zwei verschiedene Sprachcomputer ausprobiert. Es scheint, als wäre die Spracherkennung gar nicht so gut, dass sie „super-bequeme Hosen, die total elastisch und widerstandsfähig sein und die sich super-duper reinigen lassen“ versteht.

Aber wieso bekomme ich die Werbung dann plötzlich angezeigt? Wenn wir nach Aristoteles uns der Philosophie des Mittelalters zuwenden, muss ich euch unbedingt von Ockhams Rasiermesser erzählen. Der gute alte Wilhelm von Ockham war nicht der Gründer von Gilette, sondern ein Philosoph, der für die Erkenntnistheorie folgenden Leitsatz aufgestellt hat: „Von mehreren hinreichenden möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen“. Warum das so ist, klären wir ein anderes mal. Aber gehen wir mal für heute davon aus, dass das stimmt. Was hieße das für uns?

Nun, was, wenn ich euch sage, dass ihr die Werbung überhaupt nicht so plötzlich auftaucht wie Jan Böhmermanns SPD-Mitgliedschaft. Sondern, dass sie schon immer da war. Dass sich in Wirklichkeit etwas anderes plötzlich geändert hat, nämlich eure Wahrnehmung. Das ist es, was man Selektive Wahrnehmung nennt.

Aufgrund der Fülle der Sinneseindrücke, die in jedem Moment auf uns einströmen, ist unser Gehirn gezwungen, einen Großteil davon auszublenden. Sonst kämen wir überhaupt nicht mehr klar. Unsere Aufmerksamkeit wird stattdessen auf die Dinge gelenkt, die im Augenblick für uns relevant sind. Im Straßenverkehr achtest du zum Beispiel auf die Straßenführung, Schilder, Ampeln und wie sich die Autos, Fahrräder und Fußgängerinnen rund um dich herum verhalten. Aber du blendest unzählige andere Faktoren aus. In der Regel wirst du wahrscheinlich nicht auf die Farbe von Autos oder Häuser achten, welche Markenkleidung die Menschen auf der Straße tragen, Wolkenkonstellationen, Streetart, Gesunder Salat und Vogelarten sind dir höchstwahrscheinlich auch egal. Es geht schließlich darum, dass du sicher an dein Ziel gelangst. Dafür blendet dein Gehirn alles aus, was im Augenblick nicht relevant ist.

Bei einem berühmt gewordenen Experiment von Daniel Simons und Christopher Chabris müssen die Probanden ein Video ansehen, in dem sich drei Menschen mit schwarzen T-Shirts und drei mit weißen Bälle zuwerfen. Ihre Aufgabe besteht darin, zu zählen, wie viele Pässe gemacht wurden. Doch der eigentliche Witz ist, dass mitten im Video ein Mensch in einem Gorillakostüm durchs Bild läuft. Die meisten Probanden sehen den Gorilla nicht. Und zwar nicht weil sie unter Affenblindheit aufgrund von zu viel Planet-der-Affen-Binge-Watching leiden, sondern weil ihre Aufmerksamkeit nur auf den Bällen und T-Shirts liegt.

 

Und diesen Mechanismus wendet dein Gehirn eben rund um die Uhr an.  Wenn du dich im Internet bewegst, wird Werbung in den allermeisten Fällen als nicht relevant vom Gehirn ausgeblendet. Und wer könnte es ihm übel nehmen? Schließlich ist das Netz mit Werbung überfüllt und du bist darauf konzentriert, zischen all den blinkenden Bildern und flackernden Videos die besser als das Bernsteinzimmer versteckte Information zu bekommen, wegen der du eine bestimmte Webseite besucht oder eine bestimmte App geöffnet hast. Aber wenn dir dann eine spezielle Werbung zum Beispiel von einem depperten Blogger in dein Aufmerksamkeitsfeld geschoben wird, dann fängt dein Gehirn an, diese für dich zu selektieren, sobald du auf sie stößt. Sie taucht dann plötzlich überall für dich auf. Übrigens wissen Werbetreibende und Online-Medien sehr gut darum und legen alles daran, deine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Das soll allerdings nicht heißen, dass euer Smartphone euch nicht überwacht, sondern nur, dass nicht jedes Phänomen mit dieser Überwachung erklärbar ist.

Die Gefahren von selektiver Wahrnehmung

Selektive Wahrnehmung ist oft eine harmlose Angelegenheit. Wenn du mal Krücken benutzen musstest, wird dir auffallen, wie viele Menschen “plötzlich” mit Krücken rumlaufen. Ein anderes werdendes Elternteil sagte mal zu mir: Krass, dass auf einmal so viele Frauen schwanger sind. Aber wir können anhand von Geburtsstatistiken sehr gut nachvollziehen, dass ich Deutschland im 21. Jahrhundert nicht spontan viele Menschen mit Uteri schwanger wurde. Eher im Gegenteil.

Doch selektive Wahrnehmung kann auch problematisch sein. Zum Beispiel, wenn Menschen Angst vor der Islamisierung des Abendlandes haben, obwohl der Anteil von Menschen muslimischen Glaubens bei etwa 15% an der Gesamtbevölkerung liegt. Die 85% Atheisten, Christen und co. nehmen sie einfach nicht wahr. Auch kann es leicht passieren, dass Menschen wie ich (männlich, weiß, heterosexuell), also die vom Feuilleton tapfer betrauerten alten weißen Männer, nicht mit bekommen, wo andere Menschen, die nicht dieser privilegierten Gruppe angehören, diskriminiert werden. Da diese Barrieren für mich nicht relevant sind, blende ich sie einfach aus.

Deutsche schätzen Zahl der Muslime in Deutschland auf 17 Millionen

Ein weiteres Beispiel ist jemand, der in einer Diskussion zum Klimawandel sagt, „ach, warme Sommer hat es schon immer gegeben.“ Wobei, das geht schon eher in die Richtung des anderen Phänomens, das ich hier besprechen möchte. Gehen wir dafür noch einmal einen Schritt zurück.

Der Bestätigungsfehler

Diese neuen E-Scooter sind die Pest, oder?! Mich nervt tierisch, dass die Dinger immer und überall im Weg stehen. Rollstuhlfahrende, Menschen, die Kinderwagen schieben und Blinde müssen doch dauernd darüber fallen. Aber was, wenn ich euch erzähle, dass ich in der letzten Woche auf meinen Wegen durch die Stadt mal eine Strichliste gemacht habe: Was steht denn so auf den Bürgersteigen und Gehwegen?

Dabei kam heraus, dass Roller nur für knapp 29 % aller Hindernisse auf Trottoirs verantwortlich sind. 71% der Hindernisse bestanden aus Mülltonnen, Sperrmüll, Motorräder, Vespas, Fahrräder und Autos. Die E-Scooter waren zwar immer noch die größte Gruppe in meiner kleinen Stichprobe. Aber die Gruppe der Motorräder, Vespas und Fahrräder schenkte dem mit 24 % nicht viel. Was mich persönlich wunderte war, dass der Prozentsatz der unangenehm parkenden Autos mit 16% vergleichsweise gering war. Denn in meiner Wahrnehmung als Radfahrer stehen die IMMER im Weg!

Wie kommt es, dass wir das Gefühl haben, dass E-Scooter überall rumstehen, während wir knapp 3/4 der anderen Hindernisse ignorieren? Nun, hier spielt sicher auch wieder selektive Wahrnehmung eine Rolle. Aber da es im Augenblick zum guten Ton gehört, E-Scooter scheiße zu finden, solange man nicht gerade selbst auf einen steht, kommt wohl noch der sogenannte Bestätigungsfehler hinzu.

Der Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias ist unsere Neigung, Informationen tendenziell eher so auszuwählen oder zu interpretieren, dass sie die These bestätigen, der wir anhängen. Habe ich mir mein Urteil über E-Scooter gebildet, dann wird jeder Roller, der im Weg steht, meine These bestätigen. Mülltonnen oder Autos umlaufe ich hingegen so galant als wären sie die Gegenspieler in einem Fußballspiel. Dieser Fehler kann uns beim Sammeln von Informationen, beim Erinnern und beim Interpretieren von ihnen unterlaufen. Und der Effekt ist umso stärker, je stärker ein Thema emotional aufgeladen ist.

Philip E. Tetlock machte zum Beispiel eine Langzeitstudie über zwei Jahrzehnte mit 284 Probanden, allesamt politische und wirtschaftliche Berater. Tetlock bat sie immer wieder die Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, dass verschiedene Situationen eintreten würden oder nicht eintreten würden, er untersuchte Situationen aus dem Fachgebieten der Testpersonen genauso wie solche, zu denen sie keine Experten waren. Insgesamt sammelte er 82.361 Prognosen. Tetlock stellte fest, dass es “Füchse” gab, wie er sie nannte: Menschen, die immer verschiedene Hypothesen in Betracht zogen. Und es gab “Igel”: Menschen die an ihrer Hypothese tendenziell festhielten. Bei letzteren konnte Tetlock feststellen, dass ihre Vorhersagen schlechter waren, als die der Füchse. Der Grund dafür war der Confirmation Bias. Die Igel werteten Indizien für ihre Hypothese höher als solche, die dagegen sprachen.

Das ist ein Muster, das uns in öffentlichen ethischen Debatten regelmäßig begegnet. So wird zum Beispiel jede Straftat durch eingewanderte Menschen und deren Nachfahren viel breiter ausgewalzt, als es mit Straftaten von Menschen ohne Migrationshintergrund gemacht wird. Obwohl statistisch betrachtet, letztere den größeren Anteil an der Gesamtheit aller Straftaten ausmachen. Doch jede Straftat durch einen AUSLÄNDER(!!!) wird als Bestätigung angesehen, dass kriminelle Einwanderer ein großes gesellschaftliches Problem seien.

Der Bestätigungsfehler in der Philosophie

Aber auch in der Philosophie kann der Bestätigungsfehler problematisch sein. Beispielsweise ist ein beliebtes Instrument in philosophischen Diskussionen das Gedankenexperiment. Ich stelle mir eine Situation vor: Sprachforscher im Gespräch mit einem indigenen Volk, Gehirne in einem Tank oder eine Verfassungsversammlung unter dem Schleier des Nichtwissens. Dann versuche ich, Schlüsse daraus zu ziehen, wie sich die Menschen beziehungsweise Gehirne in dieser Situation verhalten. Das birgt natürlich die immense Gefahr, dass ich nur Argumente finde, die meine These bestätigen. Okay, vielleicht handelt es sich dabei eher um falsche Schlussfolgerungen als um Bestätigungsfehler.

Aber auch – und das ist der entscheidende Punkt – wenn ich meine philosophischen Thesen empirisch absichere, kann mir der Confirmation Bias unterlaufen. Beispielsweise vertritt der Philosoph Philipp Hübl die These, dass konservative Menschen sich neben anderen Markern unter anderem leichter ekeln als progressive Menschen. Daher verfangen bei Ihnen eher Botschaften rechter Demagogen, die Menschen anderer Kulturen, anderer Religionen oder politischen Ansichten als dreckig, unrein und widerlich darstellen.

Der Bestätigungsfehler birgt nun die Gefahr, dass ich, wann immer ich einen Menschen, der oder die sich leicht ekelt, treffe, ihn oder sie direkt ins rechte Lager stecke. Beziehungsweise dass ich jeden Konservativen, der eine hohe Neigung zu Ekel hat, als Bestätigung meiner These ansehe, während ich alle alle Menschen, die nicht in dieses Muster passen, keine Beachtung schenke. Ich will übrigens nicht sagen, dass Hübls These, die ich hier gewohnt verkürzt dargestellt habe, falsch ist. Ich will nach wie vor nur auf die Gefahren von selektiver Wahrnehmung und Confirmation Bias aufmerksam machen.

Mittel gegen Selektive Wahrnehmung und Bestätigungsfehler

Doch, was können wir denn dagegen tun, uns von unseren kleinen fehlbaren menschlichen Hirnen austricksen zu lassen?

Öfter mal eine Strichliste führen, ist ein Rat, den man nicht oft genug wiederholen kann. Eigentlich sollten empirische Sozialforschung und Statistik Schulfächer sein. Denn unsere Gesellschaft ist chronisch abhängig von Daten und Statistiken, aber eine Ahnung davon, wie diese richtig zu interpretieren sind, haben die wenigsten Menschen.

Außerdem lege ich euch ans Herz, euch mit Karl Popper und dem Falsifikationsprinzip zu beschäftigen. Irgendwann muss ich euch mal vom Neopositivismus, kritischen Rationalismus und dann auch noch vom Positivismusstreit erzählen. Aber heute mal wieder nur so viel: empirische Wissenschaften können nicht beweisen. Krass oder? Das scheint das exakte Gegenteil  von dem zu sein, was man gemeinhin der Wissenschaft unterstellt. Aber es ist so: Die Wissenschaft stellt Theorien auf und sammelt dann Daten, um diese Theorien zu stützen. Aber wenn die Daten ergeben, dass eine Theorie nicht stimmt, dann muss man sie zumindest modifizieren. Es gibt Extremfälle, bei denen ein Datum ausreicht, um eine Theorie zum Fall zu bringen. Das Bespiel, das alle Soziologiestudierenden im ersten Semester lernen, ist: Alle Schwäne sind weiß. Dann schipperte James Cook nach Australien und entdeckte den Trauerschwan. Ich bin überzeugt, er war das persönlich. Damit war die These widerlegt. Daraus ergibt sich ein systematisches System. Denn es ist ja prinzipiell immer möglich, dass ich zukünftig noch ein Datum finde, das meine Theorie widerlegt.

Wenn die empirische Wissenschaft aber nicht beweisen kann, dann das ist ein krasses Problem, denn wir landen damit wieder mitten im erkenntnistheoretischen Skeptizismus gegen den Platon sich so sehr wehrte. Was mache ich, wenn es kein sicheres Wissen gibt? Wenn alle meine Erkenntnisse widerlegt werden können? Ich mache es wie Popper und erhebe genau das zum Prinzip der Wissenschaft. Das Falsifikationsprinzip besagt: Eine Theorie gilt genau solange als wahr, bis sie widerlegt wurde. Und das ist unser stärkstes Mittel gegen selektive Wahrnehmung und Bestätigungsfehler.

Moderne Wissenschaft versucht nicht, Theorien zu beweisen. Sie setzt alles daran, sie zu widerlegen. Und je öfter das scheitert, desto bewährter ist eine Theorie, desto gewisser ist sie. Das ist ganz nebenbei auch der Grund, warum es überhaupt keinen Sinn macht, wenn Klimaskeptiker behaupten, der menschengemachte Klimawandel sei nicht bewiesen. Das ist ein sinnloser Satz. Denn man kann den Klimawandel nicht beweisen, man könnte ihn nur widerlegen und alle Versuche, das zu tun, sind bislang so dermaßen bescheiden, dass die Theorie vom menschengemachten Klimawandel sich ziemlich gut bewährt hat.

So, das war mein kleiner Ausflug in Psychologie und empirische Sozialforschung. Ich hoffe, er hat euch gefallen.

Die Philosophie von Fridays for Future

Heute geht es hier um ein Thema, das in aller Munde ist: Friday for Futures. Im Augenblick kann ich ja noch darüber sprechen, so lange uns AKK das noch machen lässt. Aber weil es mir hier um Philosophie geht, möchte ich nicht nur blöd meine Meinung zu FFF rausposaunen, sondern die Philosophie von Fridays for Future ergründen.

Unter philosophischer Betrachtung ist die Bewegung nämlich durchaus spannend. Denn interessant wird Ethik (was Friday for Futures zugrunde liegt) immer dann, wenn ein Wertekonflikt existiert. Dann muss man eine Güterabwägung vornehmen und sich überlegen, welchen Wert man höher einstuft als welchen anderen. Und je nachdem, welchen Wert ich wie gewichte, komme ich zu meinem Urteil über FFF.

Moralisch eindeutige Fragen sind ethisch betrachtet zumeist recht langweilig. Niemand wird ernsthaft diskutieren wollen, ob Danaerys im Recht war, die Bevölkerung von Kings Landing abzufackeln, nachdem diese bereits kapituliert hatte. Hingegen ist es interessanter, ob ich das Recht hatte, eben GoT zu spoilern, um hier ein philosophisches Argument zu machen.

Also wie ist das bei FFF? Was spricht dafür und was dagegen? Oder sollte ich noch einmal einen Schritt zurückgehen und erklären, was FFF überhaupt ist?

Was ist Fridays for Future?

Alles fing an mit Greta Thunberg, die jeden Freitag die Schule bestreikte, um auf die Gefahren des Klimawandels und unser aller Untätigkeit im Klimaschutz aufmerksam zu machen. Das hat sich mittlerweile zu einer internationalen Bewegung gemausert, bei der Schüler*innen Freitags blau machen und für Klimaschutz demonstrieren.

Man könnte sich sehr ausführlich damit beschäftigen, mit welcher Rhetorik FFF in der Öffentlichkeit begegnet wird. Aber das würde hier zu weit führen. Wir wollen das lieber den Experten überlassen. Jedenfalls muss sich Fridays for Future eine ganze Menge Kritik anhören und darunter sind auch ein paar inhaltliche Argumente. Um die geht es mir hier und heute. Eigentlich sollte es doch eine super Sache sein, dass sich Schüler*innen für Umweltschutz engagieren. Also: Was spricht dagegen?

Die Kritik an Fridays for Future

Der Hauptkritikpunkt ist zumeist, dass dieser Protest während der Schulzeit stattfindet. Dass die Kinder doch nur die Schule schwänzen wollen. Aber was ist eigentlich so schlimm daran? Ist die Schule nicht dafür gemacht, geschwänzt zu werden? Nun, dass das so viele Menschen stört, hängt mit der Schulpflicht zusammen.

Schulpflicht? Was ist denn das nun wieder? A long time ago in a galaxy far far away… Beziehungsweise vor ein paar Jahrhunderten auf diesem Kontinent. Im Zuge von Reformation und Aufklärung entstand der Gedanke, dass der Staat dafür zu sorgen habe, allen Kindern eine Grundbildung zu verschaffen. Diese Entwicklung beschleunigte sich durch die Industrialisierung und führte in Deutschland dazu, dass es seit der Weimarer Republik eine allgemeine Schulpflicht gibt.

Doch warum gibt es die, was soll das? Zunächst einmal hat eine Gesellschaft ein generelles Interesse daran, dass ihre Mitglieder Zugang zu Bildung haben. Wenn es niemand gäbe, die Ärztin werden könnte, wäre das schön doof, oder? Der Aufklärungsphilosoph Jean-Jacques Rousseau brachte die Idee hervor, dass es so etwas, wie einen Gesellschaftsvertrag gibt. Menschen leben in Gesellschaften zusammen, da sie sich davon versprechen, dass diese Gesellschaft das Wohl aller vergrößert. Die Details von Rousseaus Philosophie können wir außer Acht lassen, wichtig ist hier, dass so ein Gesellschaftsvertrag nur funktioniert, wenn sich mehr oder weniger alle mehr oder weniger an ihn halten.

Und hier kommt dann erstmals die Schulpflicht ins Spiel. Denn es gibt zu ihr noch ein Gegenstück. Alle Schüler*innen haben die Pflicht zur Schule zu gehen. Dies ist ihr Beitrag zur Einhaltung des Gesellschaftsvertrags. Doch auch der Staat hat eine Pflicht: Die Beschulungspflicht. Diese resultiert darin, dass Bildungseinrichtungen zu den größten Institutionen des Staates gehören. Egal, ob du in einer Großstadt wohnst, in einem Dorf in der Eifel, auf einer Alm in den Alpen, auf einer Nordseeinsel oder sogar in Katzenelnbogen. Der Staat sorgt dafür, dass du Zugang zu schulischer Bildung hast und möchte im Gegenzug, dass du diese auch wahrnimmst.

Okay, soviel zu den Pflichten. Aber niemand würde die Einhalten, wenn er oder sie nicht auch etwas davon hätte. Was spricht denn für die Schulpflicht? Was macht sie zu einer nicht ganz doofen Idee? Dafür müssen wir noch einmal zum Ziel von Rousseaus Gesellschaftsvertrags zurückkehren: Er soll das Wohl aller vergrößern. Damit das geschehen kann, muss es eine weitere Grundbedingung geben: Es muss Gerechtigkeit herrschen. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sich wirklich für alle das Wohl mehr oder weniger vergrößert, sonst haben sie keine Veranlassung, den Gesellschaftsvertrag einzuhalten.

Das ist nun wieder ein riiiiiiiiesiges Fass, das ich gar nicht richtig aufmachen will, aber eine kleine Tasse möchte ich zumindest daraus schöpfen: Denn eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für Gerechtigkeit ist Chancengleichheit. Und an dieser Stelle kommt wieder die Schulpflicht ins Spiel. Die Idee dahinter ist, dass es egal ist, ob deine Eltern Millionäre oder Hartzer sind: Alle sollen die gleiche Ausgangssituation haben. Durch den gleichen Zugang zu Bildung soll ihnen ermöglicht werden, als Erwachsene den Beruf zu ergreifen, den sie möchten und so ihr persönliches Wohl zu mehren. Selbst wenn sie sich am Ende entscheiden, SPD-Spitzenkandidaten zu werden.

Aber würde es hier nicht reichen, dass der Staat einfach die Schulen hinstellt? Wer Lust hat, später fett Kohle zu verdienen, geht halt hin und wem das egal ist, lässt es bleiben? Nun, ohne jemanden hier zu nahe treten zu wollen: Schüler*innen wissen vielleicht nicht immer, was das Beste für sie ist und leben im hier und jetzt. Und Ja: Mir ist klar, wie absurd dieses Argument ist gegen Demonstrationen, die sich nur um die Zukunft drehen. Aber ich zumindest habe die Schule allzu oft lieber geschwänzt und mit Freunden rumgehangen als dass ich dem Unterricht aufmerksam gefolgt bin. Und seht, was aus mir geworden ist! Darüber hinaus spielt das Elternhaus hier eine große Rolle: Wenn deinen Eltern wichtig ist, dass du dich in der Schule anstrengst, wirst du es wahrscheinlicher tun, als wenn deine Eltern eher für “Netflix & chill” sind.

Damit die Menschen unabhängig vom Engagement ihrer Eltern Chancengleichheit haben, gibt es die Schulpflicht. Es gibt sogar noch einen anderen Grund für die Schulpflicht. Früher gab es den Feudalismus, das war das Gesellschaftssystem vor der Aufklärung. Damals gab es Grundbesitzer – den Adel – die den ganzen Tag rumhingen, chillten und andere für sich arbeiten ließen. Diese Anderen waren die Leibeigenen und wie der Name schon sagt gehörten die buchstäblich dem Adel. Damals war es vollkommen Normal, dass Kinder mitarbeiteten, sobald sie dazu in der Lage waren. Mit der Industrialisierung verschärfte sich dieser Zustand sogar noch, als mehr und mehr Menschen, in die Städte zogen, um für einen Hungerlohn in Fabriken zu arbeiten. Damals war es total normal, dass Kinder mitarbeiten, um die Familie zu ernähren. Den Menschen blieb schlichtweg nichts anderes übrig.

Die Schulpflicht hat jetzt den äußerst wünschenswerten Nebeneffekt, dass sie Kinderarbeit faktisch ausschließt. Denn wer zur Schule gehen muss, kann nicht gleichzeitig arbeiten. Und wir Gutmenschen glauben heute, dass die Kindheit etwas Besonderes und Schützenswertes ist. Dass jedes Kind ein Recht auf eine Kindheit frei von Arbeit hat. Das spricht also gegen FFF. Wobei ich gleich dazu sagen muss, dass meine Darstellung hier äußerst idealisiert und vom Geist der Aufklärung geprägt ist. Michel Foucault zum Beispiel sah das eher so:

„Schulen haben die gleichen sozialen Funktionen wie Gefängnisse und Irrenhäuser – sie definieren, klassifizieren, verwalten und regulieren Menschen.“

Michel Foucault – Überwachen und Strafen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Denn nachdem ich euch nun erzählt habe, was gegen Fridays for Future spricht,  muss ich natürlich auch noch darüber reden, was dafür spricht. Und das möchte ich aufspalten. In zwei Fragen. Denn einerseits ist interessant, was die Motive für FFF sind. Andererseits muss aber auch ein Blick darauf geworfen werden, ob die jungen Leute ™ die richtigen Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele ergriffen haben.

Es gibt den menschengemachten Klimawandel

Auch wenn es mich traurig macht, so muss ich doch zunächst einmal klarstellen, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt, selbst wenn ein paar Lunatics das bezweifeln. Wenn ihr mir das nicht glaubt, dann fragt einfach mal bei Scientists for Future nach oder lutscht an eurem Diesel oder was euch sonst feuchte Träume beschert.

Wen also unsere Prämissen sind, dass es dem Klimawandel gibt und dass wir ihn beeinflussen können, dann folgt daraus aber noch nicht, dass wir das auch sollten. Aus der Tatsache des Klimawandels kann man nicht zwingend darauf schließen, dass Umweltschutz erstrebenswert ist. Dies ist eine ethische Entscheidung, die wir treffen müssen. Die Antwort auf die Frage, wie wir leben wollen, die jeder Ethik immer zugrunde liegt. Wir könnten auch sagen: Fuck it! No Future! Mir sind meine Mercedes S-Klasse und der Wochenendtrip nach Malle wichtiger!

Aber auch wenn Ethik immer etwas Kontingentes ist (das bedeutet, nur eine von mehreren verschiedenen Möglichkeiten), so ist sie dennoch nicht willkürlich, sondern in unserer Geschichte, unserer Gesellschaft, unseren Wünschen und Zielen begründet. Schauen wir uns also mal an, woher die Idee kommt, dass Klimaschutz etwas Erstrebenswertes ist.

Die Argumente für Fridays for Future

Der Klimaschutz ist eine Unterkategorie des Umweltschutzes. Und auch der war wieder eine Idee, die im Zuge der Industrialisierung entstand, als das Leben in den Städten durch Umweltverschmutzung teilweise sogar lebensgefährlich wurde. Alleine in London kam es bis 1952 immer wieder zu Smogkatastrophen, bei denen die Abgase aufgrund der Wetterlage nicht mehr aus der Stadt abziehen konnten und es im Zuge dessen zu zahlreichen Todesfällen kam.

In der Romantik kam es zu einer — nun ja — Romantisierung der Natur, in Zuge der sie mehr ins Zentrum der menschlichen Aufmerksamkeit geriet. Die Nazis machten sich diese Mode zu eigen mit ihrem Blut und Boden Schwachsinn. Wahrscheinlich war das auch ein Grund dafür, dass das Thema nach dem Zweiten Weltkrieg erst einmal wieder hintan gestellt wurde. Erst in den 1960er Jahren kam es wieder im Zuge der links-progressiven Jugendbewegungen zurück auf die Tagesordnung. Hier oftmals mit einer stark antikapitalistischen Haltung, bei der Umweltschutz und Kapitalismus als etwas Konträres gesehen wurde. In den 80ern schließlich, als in Deutschland alle Angst vorm Waldsterben hatten, sprangen dann auch die Konservativen mit auf den Zug. Sie kamen auf den Trichter, dass sich Umweltschutz hervorragend religiös begründen lässt: als Bewahrung der Schöpfung. 1994 wurde der Umweltschutz schließlich sogar ins Grundgesetz der BRD aufgenommen. Übrigens unter einer CDU-Regierung, der von Helmut Kohl.

Soviel zur Geschichte. Aber warum ist Umweltschutz so wichtig, dass er sogar offizielles Staatsziel der BRD ist? Warum steht nicht zum Beispiel das Recht auf gesunden Salat im Grundgesetz? Ist Umweltschutz einfach ein Wert an sich, weil Blumen und Kaninchen so schön sind? Oder lässt sich dieser Wert aus einem anderen herleiten? Ich denke, letzteres ist der Fall. Es geht schlicht und einfach darum, dass dieser Planet, so wie er ist, ziemlich ideal für Menschen ist, um darauf zu leben. Eine Erwärmung des Klimas hingegen könnte das Überleben wesentlich schwerer machen. Das Recht auf Leben aber gehört zu einem der ganz wenigen Werte, auf die sich so ziemlich alle Menschen als erstrebenswert einigen können. Denn mal ehrlich: Leben ist schon ziemlich geil, oder?

Ein anderer Wert spielt hier aber noch mit hinein, denn ich und meine Generation können wahrscheinlich pupsende Kühe essen, bis wir umfallen, wir werden nicht mehr erleben, dass unser Planet zum Mad-Max-Fanclub wird. Dieses Schicksal trifft die nachfolgenden Generationen. Der Wert, der also noch zu Umweltschutz und Recht auf Leben hinzukommt, ist die Generationengerechtigkeit. Ich hatte vorhin schon den Gesellschaftsvertrag erwähnt. Dessen Ziel ist soziale Gerechtigkeit. Er versucht zu erreichen, dass es keinem Teil der Gesellschaft so richtig kacke geht. Diese Idee lässt sich jetzt natürlich nicht nur auf die derzeit lebenden Menschen anwenden. Man kann auch noch die Menschen miteinbeziehen, die noch gar nicht geboren sind. Wenn wir sagen, wir wollen nicht, dass zukünftige Generationen unter dem Scheiß zu leiden haben, den wir verbockt haben. Dann ist das Generationengerechtigkeit.

Und jetzt wird es richtig absurd. Denn ihr habt bestimmt schon einmal was von der schwarzen Null gehört. Das ist die Idee, dass sich Deutschland nicht immer weiter Verschulden soll, damit zukünftige Generationen auch noch genug Spielraum mit den Staatsfinanzen haben. Diese Idee ist nichts anderes als Generationengerechtigkeit. Und absurderweise wird sie am vehementesten von den Parteien vertreten, die beim Umweltschutz auf Generationengerechtigkeit scheißen: CDU und SPD. Schon ein bisschen inkonsequent, oder?

Der Wertekonflikt am Grunde von Fridays for Future

Damit haben wir unseren Wertekonflikt beisammen: Wir haben also auf der einen Seite Werte wie die Schulpflicht, den Gesellschaftsvertrag, die Chancengleichheit, das Verbot auf Kinderarbeit und das Recht auf eine Kindheit. Demgegenüber stehen die Werte des Umweltschutzes, der Erhaltung der Schöpfung, die Generationengerechtigkeit und vor allem das Recht auf Leben.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber wenngleich beide Seiten gute Argumente haben, so habe ich dennoch eine eindeutige Antwort, welcher Wert bei dieser Abwägung am höchsten zu gewichten ist.

Das Mittel zum Zweck von Fridays for Future

Denn wir müssen noch die Frage beantworten, ob das Mittel, das FfF gewählt hat, das richtige ist. Zunächst einmal steht außer Frage, dass die Schüler*innen ein Recht auf die Demos haben. Die Versammlungsfreiheit steht in Artikel 8 des Grundgesetzes. Es ist eines der Grundrechte, der höchsten Rechte, die man in der BRD hat.

Doch müssen die unbedingt während der Schule demonstrieren? Sie könnten das doch auch Samstags machen. Diese gemeinen Schulschwänzer nennen ihre Demos „Streik“. Was ist denn das, ein Streik? Das Wort kommt vom englischen „strike“ und leitet sich wohl ursprünglich von „to strike sails“ her, also „die Segel streichen“. In diesem Satz steckt auch schon die Essenz eines Streiks. Denn dabei nutzen Arbeiter*innen die einzige Macht, die sie ihrem Arbeitgeber gegenüber haben: Die Verweigerung der Arbeitskraft. Doch, Moment: Schüler*innen haben keine Arbeitskraft, die sie durch ihren „Streik“ verweigern können. Wenn sie nicht zur Schule gehen, schaden sie damit niemand anderem als sich selbst.

Nein, „Streik“ ist eigentlich das falsche Wort. Hier ist etwas kategorial anderes im Gange. Die Schüler*innen demonstrieren deshalb während der Schulzeit, um dadurch die Öffentlichkeit auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Und wenn ich mir die Reaktionen von konservativer Seite angucke, funktioniert das auch ganz wunderbar! Dieses Konzept ist nicht ohne Vorbilder: Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und die indische Unabhängigkeitsbewegung um Mahatma Gandhi haben das Konzept weltberühmt gemacht: Was die Schüler*innen hier durchziehen, ist ziviler Ungehorsam.

Bei zivilem Ungehorsam begeht man einen kalkulierten Regelbruch: in diesem Fall wird die Schulpflicht gebrochen. Dies geschieht aber nicht als Selbstzweck wie beim Schulschwänzen, sondern als Mittel zum Zweck: Um auf ein höheres Gut aufmerksam zu machen. In diesem Fall auf das Recht auf Leben. Wesentlich für zivilen Ungehorsam ist, dass er gewaltlos abläuft, dass die Bestrafung für den Regelverstoß wissentlich in Kauf genommen wird und dass er aus einer Position der Schwäche gegenüber der Staatsmacht geschieht, da den zivil Ungehorsamen kein anderes Mittel zur Verfügung steht. All dies trifft auf FfF zu. Und die Geschichte zeigt, dass ziviler Ungehorsam ein legitimes Mittel sein kann, wenn das Anliegen gewichtig genug ist: Etwa bei der Segregation, der Besetzung Indiens oder eben beim Klimawandel.

Damit haben wir es, oder? Das ist sie, die Philosophie von Fridays for Futur. Ich hoffe, ihr konntet ein bisschen was mitnehmen …

Die drei Paradigmen der Philosophie

Was ist die Welt? Was kann ich erkennen? Was kann ich sprachlich ausdrücken? Das sind die drei großen Fragen der Erkenntnistheorie. Während ich an meiner Aristoteles-Staffel arbeite, präsentiere ich euch hier einige Zwischenfolgen zu verschiedenen philosophischen Themen.

Den Text zu diesem Video findet ihr hier.

Epilog zu Platon

Hier geht s heute zum letzten Mal um Platon. Also wahrscheinlich, eventuell,  vorerst vielleicht. Ganz sicher ist hingegen, dass ihr entweder das Video sehen könnt oder den Text lesen.

Lasst uns noch einmal zurückblicken, was wir alles über Platon erfahren haben. In den letzten drei Jahren habe ich euch in 32 Teilen von Platon erzählt. Ihr hättet lernen können, dass er ein Schüler von Sokrates’ war. Dass er ein spitzenmäßiges Apfelkuchenrezept hatte und dass Platons Philosophie in drei Phasen aufgeteilt wird: den frühen, mittleren und den späten Platon. Ich habe mich hier zumeist auf den mittleren Platon konzentriert, denn es ist der Platon der großen Entwürfe.

Der Platon der großen Entwürfe

Der größte der großen Entwürfe ist Platons Ideenlehre, die bis heute für die theoretische Philosophie von Relevanz ist, auch wenn sie natürlich oft und hart kritisiert wurde. Neben der Ideenlehre ist Platon für seine Ethik bekannt, wo er, wie wir sahen, hart für eine universalistische Auffassung  des Guten eintrat. Die Staatstheorie, die er daraus folgerte, ist zwar nicht minder berühmt, darf aber meines Erachtens getrost auf dem Müllhaufen der Philosophiegeschichte entsorgt werden gleich neben Hegels Weltgeist und Heideggers … was auch immer Heidegger gemacht hat. Ganz im Gegenteil etwa zur berühmten platonischen Liebe und seiner Definition von Wissen, die noch immer awesome sind.

Neben diesen Kernthemen habe ich noch zahlreiche andere angesprochen und dennoch – wie könnte es anders sein – habe ich nur einen kleinen Teil der gesamten platonischen Philosophie angekratzt, als wäre sie ein zu tief gefrorenes Kratzeis. Peter Adamson vom schönen Podcast “The History of Philosophy without any Gaps” sagte mal, für ihn stehe ohne jeden Zweifel fest, dass er auf eine einsame Insel die gesammelten Werke Platons mitnehmen würde, denn mit ihnen kann man sich problemlos ein Leben lang beschäftigen. Und auch ich kann nur empfehlen, euch mal einen frühen platonischen Dialog zu schnappen, euch damit am besten in eine altehrwürdige Bibliothek zu setzen, den Dialog zu lesen, mit dem Einschlafen zu kämpfen und darüber nachzudenken. So habe ich meine Liebe zur Philosophie entdeckt.

Platon und die Schönheit

Eine von all den vielen Sachen die ich weitgehend ausgelassen habe, war ein der drei philosophischen Kerndisziplinen. Wir hatten uns mit den beiden philosophischen Bereichen beschäftigt, die Kant in einem berühmten Zitat aus der Kritik der praktischen Vernunft wie folgt zusammengefasst hat:

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.”

Der olle Königsberger spricht hier von der Erkenntnistheorie und der Ethik. Aber es gibt eben noch einen dritten Zweig am philosophischen Baum: den der Ästhetik und den habe ich bei Platon fast komplett ausgelassen. Das liegt daran, dass Platon so seine Probleme hatte mit der Untersuchung der Schönheit. Gewiss im Symposion blitzt sie im Zusammenhang mit der Liebe gewissermaßen notgedrungen auf. Ich hatte die dort gegebene Definition der Idee der Schönheit im Rahmen der Ideenlehre wiedergegeben. Doch insgesamt war Platon skeptisch, was Schönheit anbelangt. Umberto Eco schreibt in seiner Geschichte der Schönheit, dass Platon meinte, sie lenke von der Wahrheit ab.

Platons Skepsis gegenüber dem Schönen und der Kunst zeigte sich zum Beispiel im Liniengleichnis. Hier stellte Platon die Abbilder auf die unterste Stufe der Erkenntnis. Zwar sprach er auch über natürliche Spiegelungen und Schatten, doch spätestens in der Wirkungsgeschichte wurden vor allem die gefertigten Abbilder verstanden. Auch der ganze Zensurapparat im Staat zielt darauf hin, die Macht ästhetischer Werke zu beschränken und lediglich pure Erkenntnis den Bürgern zugänglich zu machen. Interessant daran ist, dass Platon mit diesen Maßnahmen implizit eingesteht, dass Kunst wirkungsmächtig ist, dass sie einen enormen Einfluss auf unser Leben und unsere Sicht der Welt hat. Und genau aus diesem Punkt ist sie auch ein wichtiger Gegenstand zukünftiger Betrachtungen in dieser meiner Reihe.

Blick nach vorne

Damit bin ich bei der Frage, wie es hier weitergeht. Und darauf kann es nur eine Antwort geben: mit Aristoteles. Mit Platons Schüler schließe ich die großen Drei der Antike ab: Sokrates, Platon und eben der gute alte Ari. Aristoteles hat sich übrigens im Gegensatz zu Platon ausführlich mit Ästhetik beschäftigt, wie er überhaupt das ein oder andere Feld aufgriff, das Platon mit Missachtung strafte, zum Beispiel die Rhetorik. Ich werde in meiner Aristoteles-Reihe daher immer wieder darauf zurückkommen, wo Aristoteles explizit oder implizit sich von seinem großen Lehrer abhebt und ihn kritisiert. Ihr seht, ihr werdet Platon nicht los.

Aristoteles wird natürlich nicht der einzige bleiben, der seine Philosophie in einer Auseinandersetzung mit Platon begründet. Ein letztes Mal haue ich euch noch Alfred Whiteheads Zitat um die Ohren:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.”

Platon war für die europäische Philosophie ein Fluch und ein Segen zugleich. Ich weiß, dieser Satz ist ein Klischee, aber erst ist auch so wahr wie der nächste, der nicht weniger ein Klischee ist: Platon war ein Genie. Er hat so viele Dinge vielleicht nicht zum ersten Mal gedacht, aber zumindest aufgeschrieben und uns so überliefert, dass er Wege ebnete, die die Philosophie von da an gehen konnte. Aber wo immer er eine Tür geöffnet hat, blieben natürlich auch andere verschlossen, durch die er genauso hätte gehen können.

Der vergessene Platon

Bei diesem enormen Einfluss, den ich im Detail ja in den letzten 32 Teilen immer wieder ansprach, ist es erstaunlich, dass es Phasen in der Philosophiegeschichte gab, in denen Platon fast vergessen war. Wenn man Bücher zur Geschichte der Philosophie liest, gewinnt man leicht den Eindruck, dass nach Platon und Aristoteles ein bisschen Mittelalter lag und dann gleich Descartes kam. Dass zwischen Platon und der philosophischen Neuzeit knapp 1.900 Jahre lagen, verliert man leicht aus den Augen.

Platon hatte seine Legacy selbst eingeleitet mit der Gründung der Akademie, die auch unglaubliche 300 Jahre fortbestand, doch spätestens 87 v. Chr. kam der Unterricht zum erliegen, als die Römer Athen eroberten und die Akademie verwüsteten. Es gab noch ein paar Versuche, die Tradition aufrecht zu erhalten, doch ca. 44 v. Chr. war dann endgültig Schluss.

Platons Lehren gerieten in weiten Teilen der philosophischen Welt in Vergessenheit, lediglich in Ägypten wurde die Flamme am Leben erhalten. Von hier aus brachte dann Platons Lehren der Philosoph und Namens-Remix-Begründer Plotin ca. 280 Jahre später nach Rom und die Epoche der Neuplatoniker wurde begründet. Der Neuplatonismus breitete sich nach Konstantinopel, Syrien und erneut Ägypten aus. Auch wenn der Kirchenvater Augustinus von Hippo Platons Lehren weitgehend christianisierte, hatten im Christlichen Europa die meisten Schriften Platons einen schweren Stand und im 6. Jahrhundert kam diese Tradition dann zum Erliegen. Teile des Platonismus wurden mit der Christlichen Philosophie weitergetragen und auch in Konstantinopel und Baghdad wurden seine Lehren wohl bis ins 11. Jahrhundert hier und dort am Leben gehalten. Doch schließlich wurde es still um den alten Philosophen.

Erst vierhundert Jahre später erlebte Platon mit der Renaissance in Italien auch seine Wiedergeburt und spätestens seit dem Beginn der Neuzeit gehört eine kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophenkönig zum Standardrepertoire der Philosophen.

Ende

So, das war es. Das war, was ich euch zu Platon zu erzählen hatte. Gemessen an seinem Werk war es nicht viel und mein Anspruch ist bescheiden,  ich hoffe lediglich,  dass, was ich sagte, halbwegs stimmt.

Wir gesagt, es ist bestimmt kein Abschied für immer. So lange dieser Blog bestehen bleibt, so lange wird uns der erste große Philosoph immer wieder begegnen. Für mich ist es jetzt aber Zeit, voranzuschreiten. Weit muss ich dabei nicht gehen, denn schon als Platon noch selbst in der Akademie unterrichtete, saß da ein wissbegieriger Schüler in der ersten Reihe und sollte ein nicht minder großer Philosoph werden: Aristoteles.

Haltet mir die Treue, es wird ein bisschen dauern, bis ich mit dem Wälzen der Texte von und zu Ari fertig bin. Damit euch nicht langweilig wird, werde ich hier die eine oder andere Text für euch zu philosophischen Themen droppen. Doch am Ende gebe ich Platon selbst das Wort. Mit den letzten Zeilen aus dem Dialog Protagoras:

Da sagte Protagoras: Lieber Sokrates, ich lobe deinen Eifer und deine Durchführung des Gespräches. Glaube ich doch, auch sonst kein schlechter Mensch, am allerwenigsten aber neidisch zu sein, und so habe ich mich denn auch über dich schon gegen viele dahin ausgesprochen, daß ich von allen denen, mit welchen ich in Berührung komme, dich am meisten hochschätze, vor allem unter denen, die gleichen Alters mit dir sind; und so erkläre ich denn auch, daß es mich nicht wundern sollte, wenn du einst unter den Männern genannt werden wirst, denen ihre Weisheit einen berühmten Namen erwarb. Aber über diese Gegenstände wollen wir, wenn es dir recht ist, ein andermal sprechen! Jetzt aber ist es Zeit, uns auch einmal zu etwas anderem zu wenden.

Gut, sagte ich, so wollen wir es machen, wenn du meinst. Denn auch für mich ist es schon längst Zeit, dahin zu gehen, wovon ich sprach, und nur dem schönen Kallias zu Gefallen bin ich hier geblieben.

Nachdem wir so mit einander geredet und einander zugehört hatten, trennten wir uns.

Platons Schriftkritik

Zum Schluss meiner Platon-Reihe setze ich mich nach der Sprachphilosophie einem verwandten Thema auseinander: Platons Schriftkritik. Wie immer könnt ihr das als Video sehen oder den darunter stehenden Text lesen.

Medientheorie und Technikphilosophie

Muss ich eigens betonen, wie einflussreich Platons Schriftkritik war? Einerseits war sie die erste Medientheorie überhaupt und somit grundlegend für diesen Zweig von Philosophie und Kulturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Andererseits war es auch das erste Stück Technikphilosophie. Und unter diesem Gesichtspunkt finde ich die Schriftkritik besonders spannend, da viele Argumente, die heutzutage von kulturpessimistischen Technikkritikern vorgebracht werden, sich bereits in diesem 2.300 Jahre alten kulturpessimistischen Text finden. Wenn früher alles besser war, wie kommt es dann eigentlich, dass wir seit Platon so große Fortschritte gemacht haben? Ach haben wir ja gar nicht. Zumindest im Feld der Technikphilosophie. 😉

Anyway: Die spannenden Textstellen zu Platons Schriftkritik finden wir im Dialog Phaidros und im siebten Brief, einem der wenigen Texte Platons, der kein Dialog ist, sondern eben ein Brief. Schauen wir uns doch mal die Argumente an!

Vergesslich machende Technik

Platons erstes Einwand gegen die Schrift lautet, dass sie vergesslich macht. Wenn man sich immer alles aufschreibt, dann verlernt man, es sich zu merken. Das ist zunächst einmal fraglos richtig: Früher wurde etwa die Illias von Homer mündlich überliefert, deshalb ist sie in einem Versmaß abgefasst, damit der Barde sie  sich leichter merken kann. Irgendwann hat sie irgendjemand aufgeschrieben. Heute lernt sie kaum noch jemand auswendig, wir lesen sie einfach nach.

Die entscheidende Frage ist allerdings: Ist das wirklich schlimm? Ist das ein Verlust? Beispielsweise sind die Gedächtniskapazitäten eines Barden beschränkt, was heißt, er kann sich ein, zwei, vielleicht auch drei oder vier Epen merken, aber dann wird es irgendwann eng.

Mir aber stehen etliche tausend Bücher zur Verfügung, wenn ich in die Frankfurter Stadtbibliothek gehe (vom Internet will ich gar nicht erst anfangen). Und die Zeit, die ich früher für das Auswendiglernen aufbringen musste, kann ich heute mit Sinnvollerem verbringen: Zum Beispiel YouTube-Videos über Platon machen.

Jedenfalls kam das gleiche Argument wieder, als sich Navis anfingen, durchzusetzen. Niemand kann mehr Karten lesen! Die Menschen verlieren ihren Orientierungssinn! Und derlei mehr wurde gesagt. Das ist das gleiche Argument wie bei der Schrift: Navis sind schlecht fürs Gedächtnis. Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Ist das wirklich so schlimm? Wird nicht stattdessen eine Kulturtechnik schlichtweg von einer anderen abgelöst?

Schundliteratur und die Möglichkeit zu Rückfragen

Das nächste Argument von Platon lautet, dass Menschen sich einbilden, sich Wissen anzulesen, dass dies aber nicht der Fall ist, da sie nicht wissen können, ob das, was in den Texten steht, auch wirklich wahr ist. Die Schrift könne echtes Wissen nicht vermitteln, das könne nur die Dialektik.

Hierbei handelt es sich um das Schundliteratur-Argument, das wahrscheinlich gegen so ziemlich jedes neue Medium, insbesondere gegen Comics, das Fernsehen, das Internet, Computerspiele, Blogs, Social Media und YouTube vorgebracht wurde. Im ersten Jahrzehnt ihrer Existenz musste die Wikipedia sich immer wieder gegen den Vorwurf wehren, sie sei gar kein echtes Lexikon, „denn da kann ja jeder reinschreiben“. Ich will gar nicht bestreiten, dass man die Inhalte der Wikipedia mit mehr als einem Gran Skepsis lesen sollte, doch diese Medienkompetenz sollten wir nicht nur dem Onlinenachschlagewerk entgegenbringen, sondern genauso jedem gedruckten Werk. Jedenfalls wird die Existenzberechtigung der Wikipedia heute – im Jahr 2019 – kaum noch in Frage gestellt, auch das ist ein Muster, das ich in der Technikskepsis seit der Schrift immer wieder wiederholt: Erst wird etwas Neues als gefährlich attackiert, sobald das Medium dann etwas älter geworden ist, stellt es niemand mehr in Frage.

Platons nächstes Argument ist im Kern wieder zutreffend: Einem Text kann man keine Rückfragen stellen. Das ist in der Tat ein Vorteil von gesprochener Sprache, die mit der unmittelbaren Nähe und Zeitgleichheit zusammenhängt. Daher sagen heute Medientheoretiker auch, dass Medien wie WhatsApp, Facebook oder Twitter, wo Nachfragen möglich ist, gewissermaßen Mischformen aus oraler und literaler Kommunikation sind. Denn sie haben neben dieser Eigenschaft der gesprochenen Sprache auch Aspekte der Schrift, in denen diese der gesprochenen Sprache überlegen ist: Raum und Zeit lassen sich überbrücken. Orale und geschriebene Sprache sind verschiedene Medien mit verschiedenen Existenzbedingungen, aber auch mit verschiedenen Vor- und Nachteilen.

Verantwortung und schriftliche Debatten

Platon klagt die Schrift außerdem an, weil sie zu jedermann redet, zu denen, die damit umgehen können, wie zu jenen, die es nicht können. Dieses Verantwortungsargument haben wir im Zusammenhang mit dem Internet oft gehört: Netzsperrenbefürworter und Kritiker von Wikileaks oder Whistleblowern wie Chelsea Manning und Edward Snowden bringen es immer wieder hervor: Nicht jeder Inhalt ist für jedes Augenpaar geeignet. Gegen die Nachrichtenseite Netzpolitik.org wurde deshalb wegen Landesverrats ermittelt.

Sicher ist an dem Argument etwas dran: Kinder sollten nicht zu früh Gewalt oder Pornos sehen und Bauanleitungen für Atombomben sollten auch besser unter Verschluss gehalten werden. Aber wenn man die Geheimhaltung und den Verschluss von Informationen zur Norm und nicht zur Ausnahme macht, dann ist das eine ziemlich elitäre und antidemokratische Forderung. Aber das braucht uns bei Platon ja nicht zu wundern. Lest einfach noch einmal, was ich zum platonischen Staat geschrieben habe.

Als nächstes will Platon aber nicht bloß die Leser vor der Schrift schützen, sondern auch die Schrift vor den Lesern. Oder wahrscheinlich eher den Autor vor den Lesern. Platon sagt: Die Schrift kann auf Widerworte nicht reagieren. Das ist ausgemachter Unsinn und kann nur von jemanden stammen, für den das Medium nagelneu war. Es gibt unzählige schriftliche Debatten in der Geschichte. Schon mit Aristoteles, Platons Schüler beginnen sie. Denn Aristoteles wehrte  sich oft schriftlich gegen Platons Argumente. Die Schüler der Akademie, die Platoniker, antworteten dann in ihren Schriften wieder auf die Aristoteliker.

E- und U-Kultur sowie Qualitätsmedien

Platon behauptet auch, dass Schrift nur eine Spielerei ist, im Gegensatz zur Rede, die echtes Wissen vermittelt. Die ganze Debatte um E- und U-Kultur, also dass es gute Kultur zur Erbauung und schlechte nur zur Unterhaltung gibt, basiert auf einem solchen Argument, dass es Medien von höherer und niederer Qualität gibt. Computer mussten sich lange gegen den konservativen Vorwurf wehren, dass sie nur zum Spielen da sind, das Internet existiert nur für Pornos und Smartphones braucht sowieso kein Mensch. Oh, Moment ich habe gerade eine neue Whatsapp-Nachricht bekommen …

Zu guter Letzt findet Platon es natürlich auch schändlich, wenn Unwissende sich erdreisten, zu schreiben. Die nervige Debatte in den 00er-Jahren, als sich selbsternannte Qualitätsmedien über Blogs aufregten, gehört genauso in diese Tradition wie der heutige Hohn, der von manchen Bloggern oder Podcastern YouTubern entgegengebracht wird. Notiz für mich: Das muss ich anders formulieren, wenn ich es im Blog zweitverwerte. 😉

Platons ungeschriebene Lehre

Natürlich fällt jedem der Widerspruch sofort auf, dass Platon seine Schriftkritik aufgeschrieben hat. Dieses widersprüchliche Verhalten stützte viele Platon-Forscher in ihrer These, dass es neben den Dialogen auch eine ungeschriebene Lehre mit der eigentlichen Philosophie Platon geben müsse. Aber dass wir nur über diese ungeschriebene Lehre spekulieren können, die Dialoge hingegen 2.300 Jahre später noch immer lesen, zeigt auch, wie blind Platon gegenüber den Vorzügen der Schrift war. Denn sie ist dauerhaft im Gegensatz zum gesprochenen Wort. Erst die Schrift und die Möglichkeit die Erkenntnisse vergangener Generationen nachlesen zu können, machten Wissenschaft und Hochkulturen möglich. Von Bernhard von Chartres stammt der Ausspruch, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen und nur deshalb weiter blicken können. Eigentlich stehen wir aber nicht auf ihren Schultern sondern auf ihrem Bücherstapel und keine unserer heutigen Erfindungen oder Entdeckungen wären möglich gewesen, wenn wir uns nicht unglaublich viel Wissen hätten anlesen können.

Jemand hätte daher Platon den Rat geben sollen, der jedem Kulturpessimisten nahezulegen ist: Warte erst einmal ab und schau dir das neue Medium oder die neueste Erfindung mal eine Weile an, vielleicht ist sie gar nicht so dumm, sondern bringt uns voran.

Ich habe als Zeitgenosse geantwortet

Axel Stöcker vom ‘Blog der großen Fragen‘ hat mich interviewt. Ich selbst würde mich zwar nicht als ‘Philosophen’ bezeichnen, sondern als informierten Dilettanten, der nicht forscht, sondern Wissenschaftskommunikation betreibt, aber im eigentlichen Wortsinne kann man Axel Stöckers Wortwahl durchaus teilen. Hier eine klitzekleine Kostprobe:

Wo sehen Sie Grenzen menschlicher Erkenntnis?

(…) Was uns 2.500 Jahre Philosophie gelehrt haben, ist auf alle Fälle, dass sowohl die Struktur der Welt, als auch unsere physiologischen Beschränkungen und obendrein auch noch die medialen Eigenschaften der von uns verwendeten Symbolsysteme unseren Erkenntnismöglichkeiten Grenzen setzen. Aber ich kann natürlich nie sagen, ob diese Liste abschließend ist.

Das Thema hatte ich hier im Blog vor Jahren schon einmal. Zudem hatte ich mir vorgenommen, es auch auf YouTube mal zu behandeln, sobald ich mit Platon durch bin.

Das komplette Interview findet ihr auf dem Philosophie Blog ‘der großen Fragen’.

Platons Sprachphilosophie

Meine Platon-Reihe nähert sich nun wirklich ihrem Ende. Bevor ich noch einmal abschließend zurück- und dann nach vorne blicke, wenden wir uns noch Platons Ansichten zu Sprache und Schrift zu. Beginnen werde ich heute mit Platons Sprachphilosophie. Entweder im Video oder darunter in Schriftform

Mir ist klar, dass der Spruch nach nunmehr 30 Folgen einfach nur noch nervt, dennoch: Auch in der Sprachphilosophie war Platon bahnbrechend. Allerdings hat er definitiv die falschen Antworten gegeben, seine Sprachphilosophie war in etwa so sinnvoll wie die Strategie der Bundesregierung zum Breitbandausbau. Aber Platon hat doch – was nicht zu unterschätzen ist – die richtigen Fragen gestellt und so die Sprachphilosophie erfunden, aus der später dann die Sprachwissenschaft hervorging.

Der entscheidende Dialog für Platons Sprachphilosophie ist der ‘Kratylos’ und er beschäftigt sich dort mit der Ur-Frage, die diese Disziplin umtreiben sollte, bis Ferdinand de Saussure sie wohl abschließend beantwortete: Ist die Bedeutung von Wörtern rein konventionell, also von Menschen gemacht, oder gibt es natürliche Bedeutungen?

Da die Theorien, die Platon uns unterbreitet, in etwa so unzutreffend sind, wie die These, dass das Dschungelcamp eine gute Fernsehshow ist, werde ich nicht darauf eingehen. Aber ich werde euch erzählen, welche Themen allesamt angerissen werden. Blicken wir in den Text!

Arbiträre Bedeutung und Wahrheit von Sätzen

Die erste, wichtige Erkenntnis im Kratylos ist, dass die Bedeutung von Wörtern nicht in gleicher weise konventionell sein kann wie andere Konventionen, zum Beispiel die von Markennamen. Ich kann meine Marke nennen, wie es mir passt und ich kann den Namen sogar ändern, wenn ich Spaß daran habe und aus Raider Twix machen. Aber gleiches kann ich, wenn ich verstanden werden will, nicht mit einem Wort wie „Haus“ machen. Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass die Bedeutung von Wörtern konventionell oder besser arbiträr ist, wie die Sprachwissenschaft sagt. Aber sie ist nicht willkürlich.

Der nächste Punkt führt uns zurück zum Verhältnis vom Ganzen zu seinen Teilen. Eine Frage, die Platon wiederholt beschäftigte: Wir rissen sie schon einmal in der Folge zum Sinn des Lebens an und im Zusammenhang mit der Frage, was Wissen ist, hatten wir gesagt, dass das Ganze nur wahr sein kann, wenn auch seine Teile wahr sind.

Platon will diese These von der Wahrheit vom Ganzen und seinen Teilen hier auch für Sätze und Wörter geltend machen. Das ist allerdings kompletter Bullshit. Ungefähr so hanebüchen wie zu behaupten, dass der Klimawandel nicht menschengemachten ist, obwohl all unsere Messdaten das Gegenteil sagen. Der Satz „Der aktuelle Klimawandel ist nicht von Menschen gemacht“ ist falsch. Aber die darin vorkommenden Wörter wie zum Beispiel „Klimawandel“ oder „Menschen“ sind deshalb nicht falsch. Die Rede von falschen Wörtern ist komplett unangebracht. Aber auch diese falsche These hatte etwas Gutes an sich: Sie war der Ausgangspunkt für Aristoteles, Platons Schüler, ein für alle Mal zu klären, was denn überhaupt die kleinste Einheit ist, die wahr oder falsch sein kann. Und die Antwort lautet: Der Satz.

Verschiedene Sprachen und treffende Wörter

Weiter stellt sich Platon die Frage, wie es denn sein kann, dass es verschiedene Sprachen gibt. Wörter dienen doch dazu “das Wesen von Dingen zu bezeichnen“, wie er es nennt. Wie können denn zwei verschiedene Wörter das gleiche Ding bezeichnen? Platon gibt auf diese Frage eine schön links-grün-versiffte Multi-Kulti-Antwort. Um die Existenz verschiedener Sprachen zu erklären, benutzt er die Werkzeug-Metapher für die Sprache, die zum Beispiel auch Ludwig Wittgenstein später oft verwenden sollte: Demnach sind Wörter wie Werkzeuge. Und dass es verschiedene Sprachen gibt, braucht uns nicht zu wundern, man kann ja auch Werkzeuge aus verschiedenen Materialien und auf verschiedene Art und Weise herstellen. Dennoch erfüllen sie den gleichen Zweck.

Der nächste Punkt, der angerissen wird, ist die Frage, ob es treffendere Wörter gibt und solche, die weniger geeignet sind, um die Dinge zu bezeichnen. Auch hier stecken zwei Aspekte drin, die so wegweisend sind wie Google bei der Suche im Internet. Zum einen wird hier die Fixierung auf die Benennungsfunktion der Sprache sichtbar, die sich auch bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen sollte. Die Sprachphilosophie kümmerte sich lange nur darum, wie genau das Verhältnis von Sprache und den Dingen ist, die sie benennt. Erst so Philosophen wie Wittgenstein, Austin und Searle setzten dieser verengte Perspektiveiv ein Ende und fingen an, sich mit anderen Funktionen von Sprache auseinanderzusetzen. Aber der zweite spannende Aspekt ist, ob die Wörter im Besonderen und die Sprache im Allgemeinen sich verbessern lässt, um die Welt besser darzustellen.

Taxonomie und Idealsprache

Dies ist ein Gedanke, der sich auf die Taxonomien der Wissenschaften ausgewirkt hat. Zum Beispiel lauten die Fachbezeichnungen für Tiger und Löwen: Panthera tigris und Panthera leo. Das sind fraglos geeignetere Namen als unsere umganssprachlichen, da durch sie schon die Verwandtschaft der Großkatzen klar wird.

Neben den Taxonomien war das Projekt der Idealsprache in der analytischen Philosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts ein Versuch, eine geeignetere Sprache zu erzeugen und so die Welt besser abzubilden. Und aus diesem Projekt ging die Formale Logik hervor, die wiederum zur Grundlage aller Programmiersprachen und somit des Computerzeitalters wurde. Ohne Platon gäbe es also kein iPhone!

Etymologie und Onomatopoetika

Im Kratylos beginnt Platon weiterhin mit der Etymologie, also der Untersuchung der ursprünglichen Bedeutung von Wörtern, dies wurde in Form der Philologien zur nerdigsten aller Teildisziplinen der Sprachwissenschaft. Genauso streift Platon das Phänomen der Onomatopoetika – einem spannenden Grenzfall sprachlicher Laute. Wie gesagt, gehen wir heute davon aus, dass Sprache arbiträr ist, es also keine natürliche Bedeutung gibt, sondern diese menschengemacht ist. Aber Onomatopoetika scheinen ihre Bedeutung aufgrund von Ähnlichkeiten zu bekommen: Der Schrei des Hahns wird mir „Kikeriki“ bezeichnet, „weil es sich eben so anhört“. Zugleich hört er sich in verschiedenen Sprachen anscheinend unterschiedlich an. Englische Hähne schreien demnach “cock-a-doodle-doo” und portugiesische “cocorocó”!

Linguistic Turn

Und zu guter letzt stellt Platon die Frage, die später, im 20. Jahrhundert zum sogenannten Linguistic Turn der Philosophie führen sollte: Stellt die Sprache die Welt richtig dar? Der Linguistic Turn, der oft falsch mit „Linguistische Wende der Philosophie“ übersetzt wird und der eigentlich die Sprachkritische Wende der Philosophie ist, ist eine große Strömung in der Philosophie, die besagt: Dass unsere Sprache die Welt nicht nur abbildet sondern unsere Wahrnehmung von der Welt entscheidend prägt. Es ist die heute größte und wichtigste Strömung der Philosophie und auch sie findet letztlich ihren Ausgangspunkt bei Platon. Wir sind eben alles nur Fußnoten.

Platons Gottesbeweis

Heute machen wir heute nichts Wichtiges, wir beweisen nur mal eben die Existenz Gottes. Das könnt ihr euch als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der sich selbst bewegende Beweger

Platons Gottesbeweis ist eine Variante des Arguments, für das sein Schüler Aristoteles berühmt werden sollte und das wir den “unbewegten Beweger” nennen. Bei Platon ist es hingegen der sich selbst bewegende Beweger. Ich frage mich, ob Platon heute angepisst wäre, wenn er wüsste, dass das Beweger-Argument immer in einem Atemzug mit Aristoteles genannt wird. Es ist ein bisschen so, wie die Kiddies, die Stranger Things cool finden, aber Steven King und Stephen Spielberg nicht kennen.

Anyway … In Platons Variante geht das Argument vom sich selbst bewegenden Beweger so: Es gibt Bewegung in der Welt. Ich hoffe, ihr stimmt dieser provokanten These zu!  Diese Bewegung kann nun entweder aus sich selbst entstehen oder sie wird angestoßen. Uh, da scheiden sich schon die Geister. Doch weiter: Dinge, die sich aus eigenem Antrieb bewegen können, haben eine Seele – also alle Tiere, uns Menschen eingeschlossen. Aber was ist mit den unbeseelten Dingen? Sie bewegen sich aufgrund des Kausalitätsprinzips.

An dieser Stelle wird es richtig kompliziert. Wenn wir uns eines Tages mit der Determinismus-Debatte und dem Libet-Experiment auseinandersetzen, werden wir sehen, dass die These, wonach sich Menschen und Tiere von selbst, ohne kausale Ursache bewegen können, nicht unumstritten ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Das Kausalitätsprinzip und der infinite Regress

Zurück zu Platons unbewegtem Beweger: Das Kausalitätsprinzip ist eine unserer Grundannahmen über die Welt und besagt, dass es für jede Wirkung auch eine Ursache geben muss. Wenn die Erde sich um die Sonne bewegt, dann muss sie irgendwann irgendetwas mal angestoßen haben. Das Ding aber, dass die Erde angestoßen hat, muss selbst irgendwann mal angestoßen worden sein und so weiter. So ergibt sich eine Kausalitätskette. Diese Kausalitätskette wiederum bringt das Problem des infiniten Regresses mit sich, denn diese Kette kann im Gegensatz zu Netflix-Binge-Watching-Sessions nicht unendlich lang sein.

An dieser Stelle wird es wieder etwas knotig für unsere Gehirne, also nehmt noch einen Schluck Kaffee und passt gut auf. Stellt euch vor, ihr steht an diesem Ende der unendlichen Kausalitätskette und blickt sie entlang. Was seht ihr dann niemals nie? Richtig: ihr Ende. Stellt euch nun vor, jemand steht in unendlich weiter Ferne und blickt die Kette von dort aus in eure Richtung entlang. Was sieht diese Person dann niemals nie? Richtig: Den Moment, in dem ihr da steht und die Kette anblickt. Da dieser Moment aber existiert, muss die Kausalitätskette endlich sein.

Platon sagt, dass am Anfang dieser Kette ein beseeltes Wesen stehen muss: Der sich selbstbewegende Beweger und das ist Gott. Dieser kosmologische Gottesbeweis schließt eine argumentative Lücke, die bei den Vorsokratikern entstanden ist, als sie sich auf die Suche nach dem Urgrund der Welt begaben. Ich schrieb schon im Rahmen meiner Metaphysik-Erläuterung darüber.

Wenn Thales etwa sagt, dass die Welt aus Wasser entstanden ist, dann stellt sich sogleich die Frage: Warum? Was hat verursacht, dass sich das Wasser zur Welt formt? Was war vor dem Wasser? Platon liefert nun eine Antwort. Doch im Grunde cheatet Platon hier, indem er doch wieder ein mythologisches Argument an den Beginn einer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht stellt.

Dennoch ist dieser Cheat ein Ausweg aus dem infiniten Regress, den wir innerhalb unserer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht nicht bieten können. Denn das Problem besteht bis heute, die Frage ist und bleibt ungeklärt: Wir können messen, dass das Universum aus dem Urknall entstanden ist. Aber was hat den Urknall ausgelöst?

Und mit dieser Frage lasse ich euch heute zurück. Beim nächsten Mal schauen wir uns Platons Sprachphilosophie an. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

Platon – Das Euthyphron-Dilemma

Heute möchte ich über ein vertracktes philosophisches Problem sprechen: Das Euthyphron-Dilemma. Hier im Video oder darunter zum Lesen …

Warum beschäftige ich mich mit Metaphysik?

Zunächst möchte ich noch einen Umweg einschlagen: Bei meinen Erörterungen zu Platons Seelentheorie kam oft der Einwand: “Das ist doch keine Philosophie. Das ist esoterischer Blödsinn. Warum beschäftigst du dich damit?” Ich ahne, dass ich ähnliche Kritik auch hören werde, wenn ich mich jetzt mit Gott auseinandersetze. Und ich verstehe diese Vorbehalte! Wirklich. Auch ich habe das eine oder andere kognitionswissenschaftliche Buch gelesen und weiß, was alles gegen die Existenz der Seele spricht. Genauso bei Gott: Auch ich lebe nach Reformation und Aufklärung, habe Kant gelesen, kenne Russels Teekanne und habe Dawkins gelesen. Dennoch beschäftige ich mich mit solchen Fragen. Warum? Das hat drei Gründe:

  1. 2000 Jahre lang war Metaphysik einer der wichtigsten Zweige der Philosophie.  Nur weil sie in den letzten hundert Jahren aus der Mode kam, sollten wir sie nicht komplett ignorieren. Wenn wir sie erst einmal vorbehaltlos betrachten, lernen wir vielleicht etwas … Das führt uns zu:
  2. Damit können wir unseren Geist trainieren. Argumentationen nachzuvollziehen, ist das Basisgeschäft der Philosophie. Und Platon ist einer der Großmeister des Argumentierens. Ein Fußballer tut gut daran, die Bewegungsabläufe von Lionel Messi zu studieren, auch wenn er sie sich nicht zu eigen machen will. Entsprechend tun wir gut daran, die Argumentationsabläufe von Platon zu studieren, denn …
  3. Nur zu sagen “ich glaube nicht an Gott” oder “ich glaube nicht an die Seele”, reicht nicht. Das ist keine Philosophie. Zu Philosophie wird unser Glaubenssatz erst, wenn er wahr und begründet ist. Um gut begründen zu können, müssen wir erst einmal die Gegenargumente kennen und dann können wir uns überlegen, wo wir da einhaken.

Doch jetzt ist es an der Zeit, uns damit zu beschäftigen, was Platon über Gott gesagt hat …

Die drei Phasen der Platonischen Philosophie

Dafür müssen wir uns noch einmal die drei Phasen der Platonischen Philosophie ins Gedächtnis rufen:

Es gab den frühen Platon, der noch stark geprägt war von seinem Lehrer Sokrates und der Sokratischen Wende. Wenn ihr nicht mehr wisst, was die sokratische Wende war, solltet ihr euch dringend noch einmal meine Sokrates-Texte lesen. Der frühe Platon jedenfalls kümmerte sich um Fragen der Ethik. Er gab selten definitive Antworten, widerlegte eher als dass er bewies.

Platons zweite Phase war dann die der großen Entwürfe: Allem voran entwarf er die Ideenlehre und begann mit ihr als Basis Beweise aufzustellen. Der Phaidon und seine Beweise von der unsterblichen Seele fallen in die Zeit des mittleren Platons. Platon interessierte sich für das Jenseitige noch mit einem stark menschlichen Fokus und argumentierte stark aus seiner Ideenlehre heraus.

In seiner dritten und letzten Phase begann Platon schließlich einerseits die Ideenlehre zu kritisieren und mit ihr verbundene Probleme aufzuzeigen. Andererseits ließ er auch die Sokratische Wende hinter sich und frug wieder die ganz große vorsokratische Frage: Was ist die Welt? Oder auch: Was ist der Kosmos?

Das Spiel der Gottesbeweise

In diesem späten Abschnitt von Platons Schaffen findet sich der Platonische Gottesbeweis, der sich entsprechend auch kosmologischer Gottesbeweis nennt. Die spannenden Dialoge sind hierfür der Phaidros und die Nomoi, die Gesetze. Doch bevor wir uns anschauen, wie Platon versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, möchte ich noch einen Blick in einen der frühen Dialoge werfen, in den Euthyphron.

In den Jahrtausenden nach Platon, nachdem das Christentum in Europa seinen Siegeszug angetreten hatte, waren Gottesbeweise ein beliebter Sport unter Philosophen. Viele haben sich daran gewagt aus ihrem Glauben Wissen zu machen und dies taten sie auf mannigfache Art und Weise. Ein solcher Gottesbeweis ist zum Beispiel der ethische Beweis, wie ihn unter anderem Johann Gottlieb Fichte vertreten hat. Er geht ungefähr so:

Wir Menschen verfügen über ein Gewissen, das uns in einer inneren Stimme sagt, was gut und was böse ist. Oft spricht unser Gewissen dabei aber gegen unsere eigenen Interessen und Vorteile an, etwa bei der Frage, ob ich als Banker das Geld meiner Kunden riskant investieren soll: Ich persönlich habe dadurch nur Vorteile, denn ich kann nicht verlieren – es ist ja nicht mein Geld. Ich kann wiederum viel gewinnen, wenn die Wette aufgeht und ich eine entsprechende Provision bekomme. Mein Gewissen sagt mir aber, dass das falsch ist, entsprechend rät es mir zu einer Handlung, die meinen eigenen Interessen entgegensteht. Die Stimme des Gewissens kann wegen dieses Widerspruchs zu meinen Interessen nicht meine eigene Stimme sein. Wessen Stimme ist es dann? Es ist die Stimme Gottes.

Das Euthyphron-Dilemma als Argument gegen die Existenz Gottes

Ich persönlich halte diesen Gottesbeweis für ungefähr so überzeugend wie die Idee, dass 50 Shades of Grey ein guter Film sein soll. Es gibt vieles, das gegen ihn spricht und eines davon ist das sogenannte Euthyphron-Dilemma. In Platons Dialog Euthyphron geht es um Frömmigkeit sowie um das mit ihr verbundene und nach diesem Dialog benannte Dilemma.

Ein Dilemma ist eine philosophische Zwickmühle, bei der ich mich zwischen zwei Schlussfolgerungen  entscheiden muss, die sich gegenseitig ausschließen und die uns beide mit einem bitteren Geschmack zurücklassen. Das Euthyphron-Dilemma lautet nun: Ist das Gute gut, weil Gott es gebietet oder gebietet Gott das Gute weil es gut ist?

Egal, wie wir auf diese Frage antworten, die Konsequenzen sind eher ungünstig für unser Weltbild: Wenn die Ethik nur existiert, weil Gott sie gebietet, dann ist sie etwas Willkürliches, hat keinen intrinsischen Wert. Wenn Gott von uns zum Beispiel Menschenopfer verlangt, dann ist das gut – ganz egal, was wir darüber denken.

Wenn aber andererseits Gott die Ethik nur deshalb gebietet, weil sie gut ist, dann ist Gott nicht allmächtig, sondern muss sich selbst nach einem noch höherem Prinzip richten. Da es aber zur Definition von Gott gehört, dass er allmächtig ist, kommt dies schon einem Argument nahe, dass es Gott nicht gibt. Genau diesen Weg beschritt übrigens Bertrand Russell in seiner Gotteswiderlegung und auch Platon steht hart für das absolute Gute ein.

Dieses Dilemma spiegelt sich übrigens exakt in der Frage, ob Homosexualität eine Sünde ist. Fundamentalistische Christen sagen: „Das steht in der Bibel, also sagt es Gott und was Gott sagt, ist ethisch gut.“ Wir laizistischen Menschen sagen hingegen: Homosexualität ist erstens angeboren und schadet zweitens niemandem, sie ist also nicht böse. Entsprechend ist entweder falsch, was in der Bibel steht oder Gott befiehlt etwas, das der Ethik widerspricht, was wiederum hart gegen die Existenz Gottes spricht.

Das Euthyphron-Dilemma lässt sich also als Argument gegen die Existenz Gottes verwenden. Aber eigentlich wollte ich euch ja erzählen, was nach Platon für die Existenz eines göttlichen Wesens spricht. Das schauen wir uns beim nächsten Mal an.

Platon – Das Wesen der Seele

Wir hatten beim letzten Mal Sokrates und seine Freunde kurz vor Sokrates’ Tod hoffnungslos zurückgelassen. Die Analogie vom Instrument und den Tönen, die es erzeugt, zum menschlichen Körper und seiner Seele hatte ihnen so sehr eingeleuchtet, dass sie nun schon fast von der Sterblichkeit überzeugt sind. Sie waren so enttäuscht, dass sie fragten, ob man sich denn nie sicher sein kann und ob dann das Philosophieren überhaupt Sinn macht.

Platon nutzt diesen emotionalen Tiefpunkt, um das Wesen der Philosophie zu diskutieren und an dieser Stelle wollen wir mit der Untersuchung fortfahren und schauen, ob wir nicht doch Grund zur Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod haben.

Das Sprachspiel des Beweisens

Platon betont noch einmal, das sokratische Credo, dass ein Irrtum in der Philosophie nie ausgeschlossen ist. Doch daran schließt er ein glühendes Plädoyer für die Philosophie an: Denn auch wenn mit dem Philosophieren einhergeht, dass wir immer wieder lieb gewonnene Wahrheiten zu Fall bringen, sollen wir nicht daran Zweifeln, dass es DIE WAHRHEIT ™ gibt. Alle Widerlegungen liegen nur daran, dass wir kleine Menschen fehlbar sind. Das Scheitern eines Beweises bedeutet nicht, dass das “Sprachspiel des Beweisens“ wie Wittgenstein sagen würde, an sich scheitert.

Das ist wieder ein ebenso schöner wie wichtiger Gedanke. Besonders in unseren Tagen wird das wissenschaftlich-logische Denken aus esoterischen Kreisen immer wieder angegriffen mit dem Hamlet-Zitat:

“Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt,“

Dieser Satz ist zweifelsfrei wahr, das sagt uns Platon hier im Phaidon. Aber er ist nicht deshalb wahr, weil die Logik an sich in irgend einer Form falsch wäre, sondern weil wir Menschen unwissend und fehlbar sind.

In diesem Gedanken steckt die Hoffnung, die Sokrates’ Freunden verloren ging allerdings auf ganz andere Art und Weise: Es besteht die Chance, dass wir Menschen eines fernen Tages die Welt wirklich verstehen werden.

Schon wieder Anamnesislehre

Als Platon dann mit der unsterblichen Seele fortfährt ist sein Beweis leider nicht mehr so überzeugend wie sein Plädoyer für die Logik. Als Gegenargument gegen die These, dass die Seele der Stimme der Gitarre gleicht, bringt er wieder seine Anamnesis-Lehre vor. Wenn die Seele schon vor der Geburt existiert hat, dann kann die Analogie zur Gitarre nicht stimmen, denn deren Stimme hat nicht vor dem Bau des Instruments existiert. Das ist ein sehr schwaches Argument, da es auf sehr wackeligen Beinen steht. Erinnert euch: Die Anamnesislehre sollte erklären, woher wir implizites Wissen haben. Ich habe aber beim letzten Mal bereits eine alternative Erklärung dafür gegeben, warum wir über implizites Wissen verfügen.

Allerdings bringt Platon noch ein weiteres Argument gegen die Analogie vom Instrument: Ein Instrument kann schlecht gearbeitet sein, dann wird es nicht gut klingen, eine weniger starke Stimme haben. Aber ein Mensch kann nicht weniger beseelt sein. Für die Seele gibt es nur zwei Werte: Entweder hat ein Ding eine Seele oder nicht.

Absurderweise gräbt sich Platon dann selbst das Wasser ab, indem er der Seele dann doch wieder ein Spektrum zuweist: Sie kann mehr oder weniger gut sein. Die Stimme könne das nicht. Ääähm …? Hat er nicht eben buchstäblich das Gegenteil behauptet? Ich frage mich, ob er nur wissen wollte, ob wir noch aufpassen. Anyway …

Platon fährt fort, dass die Stimme vom Instrument beherrscht werde, wie wir ja eben schon sahen: Ist das Instrument schlecht gearbeitet, dann ist die Stimme schlecht. Aber bei der Seele sei es umgekehrt: Sie herrscht über den Körper. Wenn wir bedenken, dass Platon natürlich noch keine Ahnung von den Prozessen im Gehirn haben konnte, dann ist diese Gegenüberstellung ziemlich einleuchtend: Ich muss die Saiten einer Gitarre anschlagen, um den Ton zu erzeugen. Aber meine Seele, (oder moderner) mein Denken veranlasst meinen Arm überhaupt erst zum Anschlagen der Saite. Mein Denken kontrolliert also meinen Körper. Das Bild vom Instrument würde aber nur passen, wenn die Töne gleichsam spontan entstünden und so die Stimme der Gitarre die Saiten zum Klingen bringt.

Die Deduktion der Unsterblichkeit

Schließlich kommt Platon aber zu seinem finalen und größten Argument für die Unsterblichkeit der Seele. Dafür führt er den nächsten Hammerbegriff ein, der in der Philosophiegeschichte bis heute immer wieder diskutiert werden wird, er baut quasi den nächsten Todesstern. Dieser Begriff ist der des Wesens. Platon sagt, dass Dinge ein Wesen haben im Gegensatz zu wechselnden und nur zufälligen Eigenschaften. Sein Beispiel ist der Schnee: Schnee kann uns in den verschiedensten wechselnden Erscheinungsformen begegnen: Er kann pappig sein oder pulverig, er kann in großen Flocken oder kleinen fallen, er kann schneeweiß sein, bläulich, sogar schwarz und manchmal leider auch gelb. Das sind alles zufällige Eigenschaften von Schnee, aber der Schnee hat im Gegensatz zu diesen zufälligen Eigenschaften auch ein Wesen: Er ist gefroren. Es kann keinen Schnee geben, der nicht gefroren ist.

Platon folgert daraus, dass das Wesen eines Dinges nicht in sein Gegenteil verwandelt werden kann. Dann fragt er weiter: Was ist denn nun das Wesen der Seele? Die Antwort lautet ganz klar: Sie lebt. Erinnert euch an die Unterscheidung von Anaxagoras, wir lernten sie bei Sokrates kennen: Beseelte Dinge sind solche, die leben. Unbeseelte Dinge hingegen leben nicht.

Nun braucht Platon nichts weiter zu tun als das, was wir bei Aristoteles als den Syllogismus kennenlernen werden. Er geht von drei Prämissen aus:

Das Wesen eines Dinges lässt sich nicht in sein Gegenteil verkehren.
Das Wesen der Seele ist das Leben.
Das Gegenteil von Leben ist der Tod.
Daraus folgt zwingend: Die Seele ist unsterblich.

Lasst die Sektkorken knallen! Wir sind unsterblich! Oder besser nicht? Vielleicht ist Alkohol eine Sünde und wir müssen im Jenseits dafür büßen …? Egal, wir sind unsterblich!

Ohne Witz: Diese Schlussfolgerung ist brillant und ein schlagender Beweis. Ist damit das Thema durch? Warum gibt es trotzdem Atheisten? Sind die nur dumm? Nun, auch wenn dieser Schluss zwingend ist, also nicht falsch sein kann, so kann trotzdem etwas anderes falsch sein: Platons Definition von Seele, Wesen, Leben und Tod. Wer partout beweisen will, dass wir alle verdammt sind, der muss beweisen, dass Platon wenigstens einen dieser vier Begriffe falsch definiert hat.

Aber das ist mir zu düster, das überlasse ich anderen, die wir in späteren Folgen dieser Serie noch zu Wort kommen lassen. Hier ende ich lieber auf dem schönen Akkord, den die Seelenstimme von Platons Gitarrenkörper angeschlagen hat.