Aristoteles – Gattung und Art

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Daniel
denkt logisch

Aristoteles – Der Logiker – Folge 4

Heute geht es endlich wieder um Philosophie! Bevor wir mit Aristoteles’ Logik beginnen, müssen wir uns erst einmal ein paar Fakten zur Semantik draufschaffen. Daher spreche ich heute über Subjekt und Prädikat, sowie über Gattung und Art. Anschließend frage ich mich, wie beides zusammen hängt.

 

Organon – Kategorienschrift – Subjekt und Prädikat

Die aristotelische Logik ist ohne jeden Zweifel die größte Leistung des Philosophen. Jahrhunderte lang mussten alle Studierenden der Philosophie mit einem Studium von Aris Logik beginnen. Peter Adamson vom schönen Podcasts ‚The History of Philosophy without any Gaps‘ sagt sogar, dass viele Student*innen nie über die Beschäftigung mit Aris Logik hinauskamen. Daher werden wir damit … nicht beginnen. Hmm, ich habe das Gefühl, dass ich diesen Witz schon einmal zu oft gemacht habe und frage mich, welche Witze ich sonst noch zu häufig mache. Anyway …

Wir fangen irgendwie doch mit Aris Logik an, irgendwie aber auch nicht. Das wird gleich klarer. Vieles, was Ari im sogenannten Organon, seinen logischen Schriften, bespricht, gehört nämlich eigentlich zur Semantik. Daher beginne ich die inhaltlichen Folgen meiner Aristoteles-Staffel mit Semantik. Aber es wird noch komplizierter:

Denn Semantik behandelt eigentlich das Verhältnis von Sprache und Welt. Doch Ari, obgleich er für diese Disziplin bahnbrechende Grundlagen geschaffen hat, trennt nicht klar zwischen Sprache und Welt. Ganz ähnlich wie die CDU nicht klar trennt zwischen der Bekämpfung einer Pandemie und der Gelegenheit, mit überteuerten Maskendeals sich die Taschen zu füllen. Vieles, was wir heute und in den kommenden Folgen kennenlernen werden, und das für die Logik relevant ist, wird uns in der Metaphysik wiederbegegnen.

Schauen wir mal in den ersten Text des Organons, die Kategorien … Nach einigen Bemerkungen zu Homonymen, Synonymen und Paronymen, die ich hier vernachlässige, da sie mich noch weniger interessieren als der Snyder Cut,  beginnt Aristoteles mit dem Verhältnis von Worten und Sätzen. Wenn man Worte in eine sinnvolle Verbindung setzt, erhält man einen Satz. Dabei ist wesentlich, dass es eine sinnvolle Verbindung ist. Es gibt also Regeln, wie Wörter anzuordnen sind. Nicht jede Folge von Wörtern qualifiziert sich als Satz. Beispielsweise ist unstrittig, dass ein Satz immer ein Verb enthalten muss. Das ist so unstrittig, dass in dem Moment, in dem ich das geäußert habe 13 Philosoph*innen und 29 Linguistinnen “Feuer!” riefen. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Lassen wir mal so unordentliche Sätze wie “Feuer!” außer Acht und betrachten nur die Standardfälle. Eine beliebte philosophische Strategie, die die Philosophie mehr las einmal so richtig tief in die Scheiße geführt hat. Einen ordentlichen Satz kann ich jetzt in zwei logische Einheiten unterteilen. Der erste Teil ist das Subjekt. Es ist das, worüber ich spreche. Und der zweite Teil ist das, was ich vom Subjekt aussage. Wir nennen es Prädikat. Wichtig ist, dass es sich um logische Subjekte und Prädikate handelt, die nur mehr oder weniger eng verwandt sind mit ihren gleichnamigen Äquivalenten der Grammatik, die ihr in der Schule kennengelernt habt. Ein bisschen so wie der Coppola-Clan, wo du gerade denkst, dass du jetzt alle davon kennst und dann kommt Nicholas Cage um die Ecke und schreit dir auf seine unnachahmliche Art ins Gesicht, dass er auch dazu gehört.

Ich habe also ein Subjekt, über das ich spreche und etwas, was ich darüber aussage, das Prädikat. Beispielsweise: Mein Kaffee ist ein Getränk. Meinem Subjekt “Kaffee”, habe ich das Prädikat “Getränk” zugeordnet. Wichtig ist an dieser Stelle noch, dass jetzt alles, was ich über “Getränk” sagen kann, auch auf “Kaffee” zutreffen muss. Ein Getränk kann nicht trocken sein, ich kann es durch einen Strohhalm schlürfen, ich kann es verschüttet. You name it. Dadurch, dass ich dem Subjekt “Kaffee” das Prädikat “Getränk” zugeordnet habe, hat der all diese Eigenschaften ebenfalls zugeordnet bekommen. Nichts, was ich über Getränke sagen kann, darf dem Kaffee widersprechen. Ganz schön anmaßend und Besitzergreifen von diesem Getränk! Es ist bestimmt kein guter Exfreund. Aber mal logisch betrachtet: Warum ist das so?

Organon – Kategorienschrift – Gattung und Art

Und an dieser Stelle kommen wir an das erste Begriffspaar, bei dem Semantik und Metaphysik so heftig verschwimmen, als würden unsere Augen tränen, weil wir uns einen Corona-PCR-Test gerade bis kurz vors Gehirn gerammt hätten: Gattung und Art. Während ich, wie alle, die nicht Hardcore-Realisten sind, Gattungen und Arten vor allem sprachlich verstehe, oszilliert das bei Ari immer zwischen Sprache und Welt hin und her, je nachdem, welchen Aspekt er betont. Doch, was sind Gattungen und Arten? Wenn wir über die Dinge in der Welt sprechen, dann reden wir ja nicht nur über individuelle Einzeldinge, wir organisieren diese auch, indem wir sie zu Gruppen zusammenfassen. Man könnte sagen, wir bilden eine Superleague dieser Einzelgänger und hoffen, darauf, dass Chelsea sich nicht ins Hemd macht.

An dieser Stelle stand in meinem Skript ein Lego-Beispiel. Aber die Damen und Herren von Lego sind mir zu Klagewütig. Daher: Dieses Spiel gehört zur Gruppe der Zelda-Spiele oder wie wir es auch nennen können: Zur Art der Zelda-Spiele. Diese Art wiederum können wir mit anderen Arten von Spielen zu einer größeren Gruppe zusammenfassen: Der Gattung Computer-Spiele.

Die Gattung ist also eine Obergruppe zur Untergruppe der Art. Der Witz ist, dass Gattungen und Arten, sich in einer verschachtelten Ordnung befinden, als wären sie ein komplizierter Schrein bei Breath of the Wild, den es zu lösen gilt. Denn die Computer-Spiele werden wieder zur Art der Gattung Spiele. Spiele wiederum sind Art der Gattung Beschäftigungen. Metaphysisch spannend wird es spätestens dann, wenn wir versuchen zu klären, was die unterste Art und was die oberste Gattung ist. Aber dahin möchte ich noch nicht abbiegen. Jetzt schon diesen Schritt zu machen, wäre übereilt und schlecht durchdacht wie eine Kunstaktion von Jan Josef Liefers. Also kriegen wir erst einmal die Logik auf die Reihe und bieten dann in ein paar Folgen in Richtung Metaphysik ab.

Stattdessen ist die semantische Frage, die sich hier anschließt, wie Gattung und Art prädiziert werden.  Also wie sie mit den schon erwähnten Satzteilen zusammenhängen. Nehmen wir den simplen Satz „Das Samsung Galaxy Note20 ist ein Smartphone.“. Hier sagen wir über das Subjekt „Das Samsung Galaxy Note20“ das Prädikat „ist ein Smartphone“ aus.

Organon – Kategorienschrift – Prädikation

Doch, was hat das jetzt mit Gattungen und Arten zu tun? Der Witz ist, dass immer die Gattung von der Art prädiziert werden kann aber nicht andersherum. Wir können sagen: „Alle Note20 sind Smartphones“. Aber wir können nicht sagen „Alle Smartphones sind Note20“. Okay, natürlich können wir es sagen, aber es ist dann halt nicht wahr. Denn wesentlich für die Gattung ist ja, dass sie verschiedene Arten zusammenfasst. Neben den drei Millionen Samsung-Modellen auch iPhones, Nokia-Dinger und sogar Huawei ist noch immer mit ein paar Arten vertreten. Das Verhältnis, in dem die verschiedenen Arten von Smartphones, die alle der gleichen Gattung angehören, zueinander stehen, nennt Aristoteles “Differenz”. Eine Gitarre gehört der Gattung der Saiteninstrumente an, sie steht in Differenz etwa zur Mandoline und zur Ukulele.

Und aus diesem Verhältnis von Gattung und Art folgt eben, dass alles, was ich über die Gattung sagen kann, auch für die Art gilt. Allerdings gilt das nicht umgekehrt. Das führt mich zu meinem nächsten Punkt: Was ist denn, wenn ich über meinen Kaffee nicht sage, dass er ein Getränk ist, sondern zum Beispiel, dass er heiß ist. Gehört der Kaffee auch der Gattung der Hitze an?

Aber in Welchem Verhältnis soll die zu jener der Getränke stehen? Es kann nich eine Unterart sein. Denn es gibt kalte Getränke, aber es kann keine kalte Hitze geben, es sei denn, das bezeichnet meine Emotionen, wenn ich daran denke, dass Armin Laschet womöglich bald unser Bundeskanzler ist. Hitze kann aber auch nicht Gattung zu Getränk sein. Denn Hitze führt zu Austrocknung, aber Getränke machen das nicht. Vermaledeite Bieberkacke, wir sind hier in eine terminologische Sackgasse geraten. Hitze scheint von ganz anderer Qualität als Getränk zu sein. Man könnte sogar sagen, sie ist etwas kategorial anderes. Aber was sie ist. Das klären wie beim nächsten Mal, wenn wir uns Aristoteles’ Kategorien angucken.

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Aristoteles’ Leben

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Daniel
kann "Speusippus" nicht aussprechen

Aristoteles – Der Logiker – Folge 3

Heute geht es schon wieder nicht von Philosophie. Aber wir nähern uns ihr, versprochen! Heute geht es um Aristoteles‘ Leben.

Richtig viel wissen wir nicht über Aris Leben. Es gibt zwar ein paar Biographien aus der Antike, aber Historiker sind sich einig, dass sie weitgehend spekulativ sind.

Fest steht, dass Aristoteles 384 v. Chr. in Stageira geboren wurde. Das war eine Kleinstadt im ionischen Teil Griechenlands. Angeblich hatte er daher wohl den Spitznamen “der Stageirit”. Ihn nach dem Kaff zu benennen, aus dem Aristoteles stammte, gibt ihm etwas bizarr Provinzielles. Du nennst ja niemanden, der aus einer Metropole kommt so. Solche Spitznamen fallen immer in Kontexten wie: Guck ma, Günni, da kommt der Stollberger!

Aristoteles soll übersetzt wohl soviel heißen wie “der beste Zweck”. Aris Vater hieß Nikomachos (das ist aber nicht der, nach dem Aris Buch über Ethik benannt ist, aber dazu kommen wir später). Nikomachos war der Leibarzt des Königs von Makedonien Amyntas III.  Man kann davon ausgehen, dass Ari als Kind also schon Kontakt zum mazedonischen Hof hatte, dies sollte sich später für ihn auszahlen, wie wir noch sehen werden. Man kann auch davon ausgehen, dass Aris Vater als Mediziner wahrscheinlich für einen der wichtigsten Unterschiede zwischen dem späteren Philosophen und seinem Lehrer Platon zumindest mitverantwortlich war. Während Platon in seinem Herzen nämlich Mathematiker war, sollte Ari Biologe werden. Aristoteles war viel mehr an den lebenden Dingen interessiert war als Platon. Platon wollte die ewigen, unveränderlichen Formen erklären. Ari hingegen sah die beständige Veränderung in der Natur und suchte nach Gründen für diese.

Doch zunächst ging es für unseren Bio-Logiker in eine andere Richtung weiter. Seine Eltern starben als Aristoteles 13 Jahre alt war. Stagira wurde übrigens später in den Kriegen von Mazedonien erobert und zerstört. Angeblich ließ Aristoteles seinen Einfluss spielen, als wäre er Helena Bonham Carter in The Crown und setzte sich dafür ein, dass König Philipp von Mazedonien die Stadt wieder aufbauen ließ.

Aristoteles an der Platonischen Akademie

Aristoteles ging 367 mit 17 Jahren nach Athen und wurde Schüler an Platons Akademie. Nach dem Studium lehrte Ari auch selbst an der Akademie. Es wird spekuliert, dass seine logischen und argumentationstheoretischen Schriften – das sogenannte Organon – aus dieser Zeit stammen.

Der Historiker Diogenes Laertius berichtet, Platon habe über Ari gesagt:

„Er trat uns weg, wie das Pferde mit ihren Müttern machen, nachdem sie geboren wurden.“

Ich übersetze das mal frei mit:

„Boah, der Kleine ist ein echter Pain in the ass! Er glaubt immer alles besser zu wissen!“

Hingegen stammt von Ari das Zitat über Platon:

„Wenn du dich zwischen einem Freund und der Wahrheit entscheiden musst, solltest du stets der Wahrheit die Ehre geben.“

Ausgesprochen charmante Art, zu sagen, dass jemand Scheiße labert…

Nach Platons Tod 347 v. Chr. verließ Aristoteles – nun 37 Jahre alt – die Akademie. Der Legende nach war er verstimmt, dass nicht er,  sondern Platons Neffe Speusippus die Leitung der Akademie übertragen bekam. Speusippus – was ein Name! Als hätte den sich jemand für den Villain der Geschichte ausgedacht. Anyway … In Athen wurde die Stimmung gegen Mazedonier allerdings auch immer schlechter, denn – wie wir in der letzten Folge sahen – schwand Athens Macht in Griechenland zusehends, während Mazedonien mehr und mehr zur neuen beherrschenden Kraft wurde. Jedenfalls fand Ari, dass es nun an der Zeit sei, “Tschööö” zu sagen.

Aristoteles Leben in Assos und auf Lesbos

Er ging nach Assos, einem Kaff in Kleinasien – der heutigen Türkei. Ein alter Mitschüler aus der Akademie – Hermeias – war hier der Herrscher und ein Verbündeter Mazedoniens. Hier beschäftigte er sich weiter mit Philosophie, begann aber auch seine biologische Forschung. Nach drei Jahren starb Hermeias, was Aristoteles dazu veranlasste, seinen Hut zu nehmen, nach Lesbos überzusetzen und hier seinen neuen Wohnsitz zu nehmen. Auf der Insel forschte Ari weiter zusammen mit seinem Schüler Theophrastus mit Schwerpunkt auf Botanik und Zoologie. Dem Namen der Insel zum Trotz heiratete Ari ganz hetero-normativ das erste Mal auf Lesbos und zwar Pythias, eine Nichte von Hermeias, mit der Ari eine Tochter bekam, die sie ebenfalls Pythias nannten. Kreative Namensfindung war wohl nicht so das Ding des alten Systematikers.

Aristoteles als Lehrer von Alexander dem Großen

Mittlerweile hatte Aristoteles sich wohl schon einen recht guten Namen in Griechenland gemacht, denn 343 vor Christus  bekam er wohl den berühmtesten Ruf eines Professor auf einen Lehrstuhl aller Zeiten. Philip II engagierte Ari als Lehrer für seinen Sohn, den kleinen Alexander. Es ist nicht bekannt, welchen Einfluss Aristoteles auf Alexander den Großen hatte. Wir wissen, dass er nicht sonderlich lange sein Lehrer war, denn Alex war 13, als Ari an den Hof kam und mit 15 ging der zukünftige Großherrscher bereits zur Armee von Mazedonien.

Außerdem werden wir sehen, wenn wir uns mit Aris politischer Philosophie beschäftigen, dass der Philosoph ein Verfechter der Aristokratie und des Stadtstaats war. Mit beiden sollte der zukünftige König des hellenistischen Großreiches gründlich aufräumen, wie wir in der letzten Folge sahen/hörten. Es ist ein krasses Paradebeispiel dafür, wie langsam Philosophie in ihrer Theorienbildung gerne ist: Offensichtlich war Aristoteles blind für die Umwälzung, die da vor seinen Augen sich abspielte. Er sang ein Loblied auf den Stadtstaat, während dieser im Untergang begriffen war.

Aristoteles am Lyceum

Was Aristoteles 341 bis 335 machte, wissen wir nicht. Vermutlich blieb er weiter in Mazedonien, entweder am Hof oder in seiner Geburtsstadt Stagira. Wahrscheinlich trank er viel Wein … 335 taucht Ari dann wieder in den Geschichtsbüchern auf. Hier kehrt er nach Athen zurück. Nach der Zerstörung Thebens – ihr solltet euch wirklich die vorherige Folge reinziehen – hatten die anderen Griechen ihre Probleme mit Mazedoniern wohl vorerst in den Schrank gelegt, sodass Ari gechillt in seine Wahlheimat zurückkehren konnte.

Ari nahm die Lehrtätigkeit wieder auf, allerdings nicht an der Akademie sondern an einer öffentlichen Schule – dem Lyceum. Am Lyceum wurde in einem viel größeren Umfang gelehrt und geforscht als an der Akademie: Von Biologie über Mathe, Physik, Astronomie, Medizin, Philosophie und Politik, bis hin zu Rhetorik, Musik und Kunst. Und hier am Lyceum soll es die erste große Bibliothek der Antike gegeben haben.

Berühmt geworden ist Aristoteles Lehre dafür, dass er seine Lehre im Laufen veranstaltete. Jepp, er und seine Schüler latschten während der Vorlesung die ganze Zeit rum. Entsprechend nannte man Aris Lehrstuhl am Lyceum auch Peripatos – die Wandelhalle und seine Schüler wurden Peripatetiker genannt: Die Herumlaufenden. Sobald du Dozenten einen eigenen Lehrstuhl gibst, werden sie halt ein bisschen wunderlich.

Während dieser zweiten Athener Periode verstarb Aris Frau Pythia. Der Witwer ging dann eine Beziehung mit Herpyllis ein, die der Legende nach ursprünglich seine Sklavin gewesen sein soll. Die beiden haben wohl eine Weile in wilder Ehe gelebt, aber zumindest als Ari Jahre später starb, scheinen sie verheiratet gewesen zu sein, was aus seinem Testament hervorgeht. Jedenfalls hatten sie weitere Kinder. Unter ihnen auch Nikomachos, nach dem nun endlich die berühmte Ethik von Aristoteles benannt ist. Typischer Nerd-Move: Deine Kinder sind unerzogen und hören nicht auf dich? Schreib’ erst einmal ein Buch darüber, was Gut und Böse ist.

Aristoteles’ Tod

323 wurde es nach dem Tod von Alexander für Mazedonier wieder ungemütlich in Athen. Mit mittlerweile 61 sah sich der alte Mann gezwungen, noch einmal umzuziehen. Die Legende will es, dass er gesagt haben soll:

“Ich will verhindern, dass die Athener nach Sokrates sich ein zweites Mal an der Philosophie versündigen”.

Die Leitung des Lyceums übernahm sein langjähriger Schüler und Freund Theophrastus. Aristoteles zog nach Chalkis, dem Geburtsort seiner Mutter auf das Anwesen ihrer Familie. So richtig konnte er seine Rente dort aber nicht mehr genießen, denn bereits ein Jahr später starb er mit 62 Jahren wahrscheinlich eines natürlichen Todes.

Für uns beginnt das Abenteuer jetzt aber erst richtig. Nachdem wir dieses Vorgeplänkel hinter uns gebracht haben, tun wir so, als wären wir mittelalterliche Philosophie-Student*innen und beginnen, wie es über Jahrhunderte Pflichtprogramm war, ab der nächsten Folge mit Aristoteles’ Organon. Also spitzt eure Federkiele, füllt die Tintenfässchen!

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Griechenland zur Zeit von Aristoteles

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Daniel
versteht die Griechen nicht

Aristoteles – Der Logiker – Folge 2

Heute spreche ich über eine Zeitenwende. Aristoteles’ Leben fällt auf das Ende des klassischen Griechenlands und den Beginn des Hellenismus. Es geht also nicht um Philosophie, sondern um Geschichte.

 

Eine Zeitenwende

Bevor ich euch von Aristoteles‘ Leben erzähle, muss ich nämlich zunächst einen etwas größeren Blickwinkel eröffnen. Denn zu Aris Lebzeiten ergab sich eine sehr große Umwälzung im antiken Griechenland, die das Gesicht des kompletten östlichen Mittelmeerraums für immer verändern sollte. Angela Merkel hätte diese Umwälzung bestimmt “Neuland” genannt. Und wie es der Zufall so will, war Ari daran zumindest am Rande involviert.

Ich spreche vom Ende der klassischen Periode Griechenlands und dem Beginn des Hellenismus’. Um diese Umwälzung zu verstehen, möchte ich euch noch einmal meine Worte aus der allerersten Folge ins Gedächtnis rufen:

“Nein, der wichtigste Grund für das Erwachen der Philosophie war wohl die Art und Weise, wie der griechische Staat und die griechische Gesellschaft damals aufgebaut waren. Ihr wisst das bestimmt: Es gab keinen starken Zentralstaat wie in Ägypten oder später in Rom. Stattdessen gab es jede Menge kleiner Stadtstaaten. Und dort gab es sehr repressive Stadtstaaten, so wie zum Beispiel Sparta, aber es gab auch andere, wie zum Beispiel Athen oder Milet, die ihren Bürgern (also den alten, weißen Männern) viele Freiheiten einräumten und die sich entsprechend auch nicht daran störten, wenn diese Bürger dann so gotteslästerliches Zeug von sich gaben.”

Der Urgrund der Philosophie

Doch damit sollte es zu Lebzeiten Aris zu einem Ende kommen. Warum? Genau das will ich euch heute erzählen.

Das klassische Griechenland.

Beginnend mit ca. 500 vor Chr. spricht die Wikipedia von der Zeit des klassischen Griechenlands. Jepp, ich bin noch immer der Tüp, der in seinen Videos schamlos die Wikipedia zitiert. Es ist die Epoche der Stadtstaaten, in der in diesem Teil der Welt die Kultur aufblühte. Von Kunst, Dramatik, Rhetorik und Architektur über Philosophie, Mathematik, Medizin und die Wissenschaften bis hin zu Geschichtsschreibung und Politik machten die Griechen enorme Fortschritte in allen Wissensbereichen der Antike. Große Reiche mochten andere haben: Griechenland war das Silikon Valley des antiken Mittelmeerraums.

Der Beginn dieser Epoche war durch die Perserkriege geprägt. Nachdem sich die Griechen Kleinasiens — also der heutigen Türkei — gegen die persischen Herrscher erhoben, nutzten die Asiaten die Gelegenheit, um sich nicht nur Kleinasien wieder einzuverleiben, sondern ihr Reich auf das griechische Kernland auszudehnen. Als Verteidigung schlossen die großen Rivalen Athen und Sparta ein Bündnis. Quasi die Avengers der Antike. 15 Jahre dauerte dieser Krieg. Doch am Ende gewannen die Griechen und Athen wurde als Boss des attischen Seebundes die dominierende Seemacht, während Sparta sich seine Vorherrschaft zu Lande sicherte.

Wie so oft in der Geschichte begann die Einheit der Griechen zu bröckeln, nachdem sie ihre Feinde besiegt hatten. Sparta und Athen begannen sich zu zoffen als ginge es um die letzte Portion Gyros in der Firmenkantine. und so kam es Mitte des 5. Jahrhunderts zum Peloponnesischen Krieg, der die gesamte zweite Hälfte des Jahrhunderts fortdauern sollte.

Diesen Krieg hatte ich schon mal thematisiert. Denn ihm ging Sparta als Sieger hervor und setzte in Athen die 30 Tyrannen ein, mit denen Sokrates damals Stress hatte und bei denen Platon nicht mitspielen wollte.

Sparta gelang es aber nicht, seine Vorherrschaft über die anderen Griechen zu festigen. Es verzettelte sich in einem neuen Krieg mit Persien, in dessen Windschatten sich die anderen Griechen wieder gegen Sparta erhoben und es zum Korinthischen Krieg kam. Puh, ey. Voll der Kindergarten!

Mazedonien kommt ins Spiel

Dieser Krieg endete mit dem Königsfrieden, der als Ergebnis die sogenannte Koine Eirene hatte. Diese Idee des allgemeinen Friedens basierte darauf, dass die Stadtstaaten ihre gegenseitige Autonomie ein für alle Mal anerkannten und sollte das 4. Jahrhundert prägen. So richtig friedlich war dieser Frieden aber nicht, da Theben immer mächtiger wurde, was Sparta nicht so richtig Dufte fand und gegen diesen neuen Rivalen 371 v. Chr. in die Schlacht zog. Das sollte sich aber als klitzekleiner Fehler herausstellen, denn Sparta wurde vernichtend geschlagen. Die ehemalige Großmacht verlor damit ihre Machtposition endgültig und verabschiedete sich unrühmlich aus der Geschichte. Ich glaube, es dauerte bis Christoph Daums Drogentest bis jemand mal wieder so eine epische Fehleinschätzung aufs Parkett legte.

Während sich dann die anderen Städte mal mehr mal weniger friedlich um die Vorherrschaft stritten, konnte in ihrem Rücken unbemerkt eine neue Spielerin ihre Figur aufs Feld stellen, als wäre sie beim Damengambit: Mazedonien. Mazedonien war in den Jahrzehnten davor hauptsächlich mit internen Probleme beschäftigt gewesen: Ihr wisst schon, wer soll herrschen? Welche Säulenform ist die schönste? Und wie ist das richtige Verhältnis von Knoblauch zu Gurke bei gutem Tsatsiki? Doch 359 bestieg Philipp II den Thron, schaffte es, die inneren Machtkämpfe zu beenden und ein stehendes Heer aufzubauen.

In den 50ern eroberte er Thessalien, in den 40ern Thrakien in 338 besiegte er schließlich Athen und seine Verbündeten. Phillip ließ sich zum Hegemonen Griechenlands ausrufen und plante einen Feldzug gegen die Perser. Doch bevor er losmarschieren konnte, wurde er ermordet. Wow, warum Game of Thrones sehen, wenn du griechische Geschichte hast?

Alexander der Große

Sein Sohn Alexander bestieg den Thron. Die Griechen — wie das so ihre Art war — nahmen das zum Anlass, sich gegen die Vorherrschaft Mazedoniens zu erheben. Doch mit dem nicht ganz so kleinen Alex war nicht gut Kirschen essen. Alex führte eigentlich gerade Krieg gegen die BARBAREN DES BALKANS. Hatten die Griechen eigentlich keine anderen Hobbys als Krieg? Da kam das Gerücht auf, er wäre bei ebenjenem Krieg gefallen. Theben daraufhin so: “Nice, wir konnten die Mazedonier eh noch nie leiden!” Der Stadtstaat erklärte seine Unabhängigkeit. Dumm für Theben war jetzt, dass Alexander gar nicht tot war und wenn der eines von Papa gelernt hatte, dann, dass man den Griechen ihre Dreistigkeit nicht durchgehen lassen darf. Er ließ also die Barbaren Barbaren sein und zog mit seinem Heer nach Süden.

Alexander besiegte Theben und ließ die Stadt zerstören, um ein Exempel zu statuieren. Ich spreche hier von einem ausgewachsenen Genozid durch den ach so großen Alexander. Sämtliche Häuser außer der Tempel wurden wohl zerstört und alle Bürger umgebracht oder zu Sklaven gemacht. Alexander dann so zu den anderen Griechen: “Hat hier sonst noch irgendjemand ein Problem mit mir?” Und die Griechen so: “Nö, wir sind fein. Willste vielleicht König sein?”

Den Rest der Geschichte kennt ihr wahrscheinlich: Alexander der Große eroberte Persien, Ägypten und Teile von Indien. Die Zeit des klassischen Griechenlands mit seinen Stadtstaaten endete und es begann die Epoche des Hellenismus, der geprägt war von Großreichen. Soweit so gut? Doch was hatte diese Geschichtsstunde jetzt mit Aristoteles zu tun? Das erzähle ich euch beim nächsten Mal…

Prolog – Aristoteles’ Bedeutung und Wirkungsmacht

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Daniel
hat wenig Wirkungsmacht

Aristoteles – Der Logiker – Folge 1

Ja, es geht tatsächlich los mit Aristoteles! In dieser Einführung gebe ich einen Ausblick darauf, was euch erwartet. Ich schildere, warum Aristoteles für uns heute noch relevant ist, wie er seine Texte, seine Philosophie und die Wissenschaft seiner Zeit ordnete und welchen Stellenwerk sein Schaffen im Laufe der Jahre hatte. Wie immer: Als Video, Podcast oder Text. Viel Spaß damit! 🙂

Vor über 1,5 Jahren habe ich hier, auf diesem Kanal die letzte Platon-Folge veröffentlicht und seither sprach ich davon, dass es mit Aristoteles weitergehen soll. Doch, was nicht in Vergessenheit hätte geraten dürfen, ging verloren. Geschichte wurde Legende, Legende wurde Mythos. Äh, ja. Also hier kommt sie, die Aristoteles-Staffel, viel Spaß damit!

Der Einfluss von Aristoteles

Ich hatte in der Platon-Staffel immer wieder erwähnt, dass alle anderen Philosophen nur Fußnoten zu Platon sind. Hashtag Whitehead. Dabei bleibe ich auch, denn Platon hat sämtliche Türen aufgestoßen, durch die die Philosophen der nächsten 2300 Jahre gehen sollten. Doch es gab einen Philosophen, der – obgleich auch er in der Tradition des alten Höhlenbewohners steht – seinen Lehrer an Einfluss sogar noch überflügeln sollte: Aristoteles. Platon ist quasi Obi-Wan. Die Frage ist: Ist Aristoteles Anakin oder Luke?

Anyway … Aris Einfluss war so groß, dass er für gut 1.000 Jahre oft einfach nur DER Philosoph genannt wurde. Das Studium der Philosophie war lange Zeiten das Studium von Aristoteles. Ihr alle kennt die wichtigsten Begriffe von Aris Lehre wie „Substanz“, „Akzidenz“, „Materie“, „Form“, „Energie“, „Potenz“, „Kategorie“, „Theorie“ und „Praxis“, selbst wenn ihr euch noch nie großartig mit seiner Philosophie beschäftigt habt, habt ihr das schon gehört. “Wer hat’s erfunden?” Ähm, ja … Aristoteles hat diese Begriffe quasi erfunden.

Weiter noch: Während Platon sich in seiner Wirkung weitgehend auf die Philosophie beschränkte, ging diese beim guten alten Ari weit darüber hinaus. Er gründete zahlreiche philosophische, geistes- und naturwissenschaftliche Disziplinen oder entwickelte sie maßgeblich weiter. Lehrstühle und Institute an Universitäten wurden traditionell benannt nach Büchern von Aristoteles. Schade eigentlich, dass er nie ein Buch über Katzen geschrieben hat. Das wäre ein cooles Institut.

Die Erfindung von wissenschaftlichen Disziplinen

Aristoteles war ein Systematiker. Er erschuf überhaupt erst die Idee, dass es verschiedene philosophische Disziplinen und verschiedene Wissenschaften gibt. Bei Platons Staat sahen wir, wie Ethik, Metaphysik und Politologie zusammenflossen. Ari schrieb für jedes dieser Themen getrennte Bücher. Selbst der enorme Einfluss von Platon kam nicht zuletzt dadurch zustande, dass sein Schüler so berühmt und wirkungsträchtig wurde. Aristoteles selbst sah das übrigens auch so, er unterschied nicht zwischen Vorsokratikern auf der einen und Sokrates sowie Platon auf der anderen Seite. Für ihn waren das alles nur voraristotelische Philosophen.

Dass er so gewissenhaft systematisch arbeitete, ist eine von Aris ganz großen Errungenschaften, die ihn zugleich für mich oft unfassbar langweilig gemacht haben. Und damit meine ich: Bis zur Unerträglichkeit langweilig. Viele seiner Texte lesen sich, as würdest du einen Vortrag über den chinesischen Fünfjahresplan im Original ohne Untertitel rückwärts bei einer Auflösung von 240p ansehen. Betrand Russell sagt dazu:

„Als Philosoph unterscheidet sich Aristoteles in vieler Beziehung stark von all seinen Vorgängern. Er ist der erste, der wie ein Professor schreibt: seine Abhandlungen sind systematisch, seine Diskussionen in Kapitel eingeteilt; er ist ein echter Lehrer, kein inspirierter Prophet. Er arbeitet kritisch, sorgfältig, trocken, ohne jede Spur von bacchischem Enthusiasmus.”

Ari teilte nicht nur seine eigene Philosophie, sondern erstmals das zu seiner Zeit vorhandene Wissen in verschieden Disziplinen ein und sagte, dass es drei große Wissensbereiche gibt:

  • theoretische Wissenschaft
  • praktische Wissenschaft
  • poetische Wissenschaft

Während das theoretische Wissen einen Selbstzweck hat, ist das praktische und poetische Anwendungsbezogen. Interessant ist, dass er Physik und Biologie zum theoretischen Wissen zählt. Wir würden diese Einteilung wohl mitgehen, aber kaum behaupten, dass diese beiden Wissenschaften keinen Anwendungsbezug haben. Oh, Moment, ich muss mal eben meine Corona-Impfung bekommen. Die Metaphysik zählt Ari ebenfalls zum theoretischen Wissen. Hier bin ich hingegen der Meinung, dass sie nicht theoretisch, sondern komplett sinnlos ist. 😉 Und wenn ich sinnlos sage, dann meine ich so sinnlos wie ein pinkelnder Roboter, Mr. Michael Bay!

Hmm, immer mal wieder kommt jemand an, und fragt, warum mein Youtube-Kanal so wenig Abonnenten hat verglichen mit anderen Philosophie-Kanälen. Könnte es daran liegen, dass ich so Zeug sage, wie ‘Metaphysik ist sinnlos’? YEAH! METAPHYSIK! VOLL WICHTIG UND SO … Lernt alle Metaphysik bis sie euch zu den Ohren rauskommt!

Anyway … In den Bereich des praktischen Wissens zählen nach Aristoteles die Ethik und die Politik. Das poetische Wissen hingegen umfasst Rhetorik und Poetik. Interessant ist, dass es eine ganze Reihe von aristotelischen Schriften gibt, die sich nicht in dieses Schema pressen lassen. Diese wurden später zum sogenannten “Organon” zusammengefasst, also dem Werkzeug. Es sind gewissermaßen Hilfswissenschaften. Der Begriff passt ganz gut, denn es handelt sich um die logischen, semantischen und argumentationstheoretischen Werke. Also quasi den ganzen Kram, den ich gut finde. Ich bin quasi nur ein Hilfswissenschaftler. Okay, mich Wissenschaftler zu nennen, wäre genauso übertrieben, wie Michael Bay einen Künstler zu nennen.

Ari war der Meinung, dass jede Wissenschaft ihre eigenen Regeln hat. So kann man von der praktischen Wissenschaft nicht erwarten, dass sie so präzise ist, wie die theoretische, da sie sich auf Handlungen bezieht und man kann nicht alle möglichen Handlungen vorhersagen und  entsprechend  nicht präzise bestimmen. Das ist besonders spannend, wenn man damit im Hinterkopf an Kant und den kategorische Imperativ denkt. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Aristoteles und die Scholastik

Lasst mich stattdessen die Geschichte von Aristoteles’ enormen Einfluss erzählen. Im Mittelalter fußte das weitverbreitetste und von der Kirche gestützte Gelehrten-Weltbild, die Scholastik, auf Aristoteles und eine Kritik an Aristoteles bedeutete daher auch immer eine Kritik an der Kirche. Das hatte mitunter die negative Folge,  dass etwas geschah, was in der Philosophie nie gut ist: Aristoteles verkrustete, seine Lehren wurden nicht mehr hinterfragt. Sie waren ein Dogma. Wissenschaft wurde mehr und mehr reduziert auf das Kommentieren von Aristoteles, dessen Erkenntnisse als unbestritten angenommen wurden. Philosophie wurde Fanfiction.

Als sich dann mit Renaissance und philosophischer Neuzeit der Wind drehte, konnte sich entsprechend kaum eine Wissenschaft etablieren, ohne dies mit einer Abkehr, Relativierung oder Einordnung von Aristoteles zu beginnen. Das Phänomen werden wir in den nächsten Jahren mit der CDU und Angela Merkel beobachten können. Denkt an meine Worte!

Der Erfinder der Logik

Es ist schwer zu sagen, in welchem Bereich Aristoteles den größten Einfluss hatte. Aber dennoch mache ich es! Aristoteles hat die formale Logik erfunden. Er hat als erstes Prädikate durch Variablen ersetzt, um zu verdeutlichen, dass der Sprache eine logische Struktur zugrunde liegt, die gewissen Regeln folgt. Damit stieß er eine Entwicklung an, die im 20. Jahrhundert schließlich zur Entwicklung von Programmiersprachen führte. Die Digitalisierung begann bei Aristoteles.

Dass es nach ihm dann aber doch noch so lange dauerte, bis wir anfingen, Computer zu bauen, liegt neben ein paar anderen Kleinigkeiten wie Strom oder der Erfindung von Schaltkreisen und Microchips unter anderem daran, dass Aris Logik die wahrscheinlich am längsten unumstoßene Lehre war. Über Jahrtausende gingen die Philosophen davon aus, Aristoteles habe alles zu diesem Thema gesagt. Erst Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts begannen sie, über die Logik des Alten hinauszugehen.

Die verlorenen Schriften

Aris Wirkmächtigkeit ist umso erstaunlicher, als zwei Dinge gegen sie sprachen. Zum einen geriet er im Gegensatz zu Platon in der Antike zunächst einmal quasi umgehend wieder in Vergessenheit. Er war gewissermaßen nur dieser eine weirde Schüler vom großen Meister Platon, der meinte, alles besser wissen zu müssen. Erst im ersten Jahrhundert vor Christus, also 300 Jahre nach Aristoteles’ Leben setzte die Auseinandersetzung mit ihm ein.

Der zweite Punkt der gegen Ari sprach und der mit dem ersten unmittelbar zusammenhängt, ist, dass uns im Gegensatz zum nahezu vollständigen Werk Platons nur ca. 1/4. von Aristoteles’ Texten erhalten geblieben ist. So schrieb er generell zwei verschiedene Arten von Texten: die exoterischen Schriften und die esoterischen. Die Exoterischen sind uns komplett verloren gegangen. Es waren Dialoge, wie er es von seinem Lehrer gelernt hatte. Diese Dialoge schrieb Aristoteles quasi als PR-Maßnahme für die breite Öffentlichkeit. Sie sollten seine Philosophie verständlicher darstellen, als es die esoterischen Schriften tun. Nach Lektüre der Metaphysik kann ich euch versichern, dass es eine verdammte Schande ist, dass die Dialoge verloren sind. Etwas mehr Verständlichkeit würde Ari sehr gut tun. Ich mein – hey – ich habe nichts gegen komplizierte Texte, aber die Metaphysik zu lesen, macht in etwa so viel Spaß, wie Teppich zu essen. Oh, ich wollte ja nicht über Metaphysik lästern. Metaphysik ist super!

Alles, was wir heute noch haben, sind jedenfalls die esoterischen Schriften von Aristoteles. Und auch wenn die nicht immer frei von Esoterik sind, geht es darin nicht um Globuli, Chakren oder Auren. Sie heißen “esoterische Schriften” im ursprünglichen Wortsinne. Lauschen wir doch kurz der Wikipedia:

“Esoterik ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist, im Gegensatz zu Exoterik als allgemein zugänglichem Wissen.”

Dass wir nur diese Art von Schriften haben, ist wiederum Fluch und Segen zugleich. Fluch, da zumindest an einigen Stellen davon ausgegangen werden kann, dass der Text in der Vorlesung durch mündliche Erläuterungen ergänzt wurde. Das macht das Geschriebene manchmal ein klitzekleines Bisschen unverständlich. Du weißt zum Beispiel nie welche der drölfzig Millionen Bedeutungen von “eidos” er gerade meint! AAAAAAAAAH!

Ein Segen war das, weil Ari damit die Abhandlung oder das Traktat zum Maßstab für wissenschaftliche Texte machte. Stellt euch mal vor, ihr müsstet Psychologie, Elektrotechnik oder Ernährungswissenschaft in Gedicht- oder Dialogform lernen. Aristoteles hat das verhindert, indem er die Norm für wissenschaftliche Texte etablierte.

Aber selbst von den esoterischen Schriften sind uns nicht alle erhalten geblieben. Neben so Knallern wie der Sammlung griechischer Verfassungen, die bestimmt unglaublich spannend gewesen wären, *gähn* ist das – wie Umberto Eco  schon wusste – berühmteste Werk, das uns fehlt, das zweite Buch der Poetik. In diesem – soviel wissen wir – beschäftigte Ari sich mit der Theorie der Komödie. Es gibt gute Argumente, dass heutzutage Tragödien als künstlerisch wertvoller angesehen werden als Komödien, weil wir zum Weinen eine Analyse-Tradition haben, die auf Aristoteles zurückgeht und uns diese beim Lachen fehlt. Wir werden darauf zurückkommen.

Der Ausblick auf die Aristoteles-Staffel

Das waren nur wenige von vielen Punkten, in denen Aristoteles unsere Kultur maßgeblich beeinflusst hat. Wir werden das in dieser Staffel immer wieder sehen. Aktuell stehen 30 Teile auf meinem Zettel, aber gut möglich, dass ich die eine oder andere noch einmal teilen werde, sodass es am Ende noch mehr Teile werden.

Wir beginnen, wie gute Aristoteles-Schüler*innen mit seiner Logik, steigen in die Tiefen seiner Metaphysik hinab, fragen nach dem guten Leben in Ethik und Politik, ergründen Ästhetik und Rhetorik und landen über die Argumentationstheorie bei der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Ihr seht, wir haben einiges vor uns. Aber vielleicht fällt euch auf, dass ich auch einen ganzen Brocken weggelassen habe. Es wird hier keine Folgen zu Aristoteles’ Naturphilosophie, zu Biologie und Physik geben. Denn auch wenn ich leidenschaftlich über die Metaphysik lästere, sie ist heute noch relevant. Aber alles, was Aristoteles als Naturwissenschaftler gemacht hat, ist nicht mehr ernstzunehmen. Historisch mag es spannend sein, sich über die Vier-Elemente-Lehre Gedanken zu machen, aber philosophisch finde ich es unfruchtbar in Zeiten des Periodensystems der Elemente.

Doch bevor wir uns mit der Philosophie des großen Logikers auseinandersetzen, frage ich mich in den nächsten beiden Teilen erst einmal: Wann und wie hat Aristoteles eigentlich gelebt?

Zur weiteren Recherche über Aristoteles:

Mehr Philosophie-Videos:

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Nichtwissen als vermeintlicher Beweis

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Daniel
sieht näher hin

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 27

Wir blicken ins Illustrierte Buch der schlechten Argumente und finden Nichtwissen, das sich als Beweis ausgibt. Was haben Ufo-Gläubige mit Karl Popper und dem Wiener Kreis zu tun? Weniger als es aussieht! Doch mit Wittgenstein, Platon und Aristoteles bestehen wir auf den Regeln des Sprachspiels.

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Epilog zu Platon

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Daniel
verabschiedet sich von Platon

Platon – Der Philosophenkönig – Folge 33

Heute verabschiede ich mich von Platon. Ich blicke noch einmal zurück, spreche an, was ich alles nicht besprochen habe und dann blicke ich nach vorne und auf die Wirkungsgeschichte des alten Philosophen.

 

Der Dunning-Kruger-Effekt

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Daniel
überschätzt sich

Die Podcast-Folge zum YouTube-Video über Dunning-Kruger.

Kant, Aristoteles und die selbstlose gute Tat

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Daniel
handelt selbstlos

Das ist der Podcast zur YouTube-Folge über die selbstlose gute Tat.

Aristoteles und die doppelte Verneinung

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Daniel
liebt Logik

Die Podcastfolge zum YouTube-Video. Wenn alles geklappt hat, müsst ihr nur nach unten scrollen, um das Video zu sehen.

Kant, Aristoteles und die selbstlose gute Tat

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 12

Beim Vorbereiten auf Aristoteles kam mir ein Thema in den Sinn, mit dem ich mich vor ein paar Jahren schon einmal in meinem Blog auseinandergesetzt habe: Die selbstlose gute Tat. Nach Kant gibt es sie quasi nicht. Mit Aristoteles kann man das anders sehen. Zu Recht, wie ich finde.

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