Aristoteles und die doppelte Verneinung

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 2

Na, wie läuft euer Social Distancing? Keine Sorge, ich spreche auch heute nicht über das Corona-Virus. Um euch die Tage etwas aufzuheitern, möchte ich euch stattdessen regelmäßig-unregelmäßig schöne, spannende und interessante Gedanken präsentieren. Heute geht es um Logik! Bei meinen Vorbereitungen zu Aristoteles bin ich mit Ari auf ein kleines aber feines logisches Problem gestoßen!

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Die Philosophie von Steve Bannon

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urteilt über geschichtliche Gesetzmäßigkeiten

Die Philosophie der Neuen Rechten – Prolog

Heute geht es um die Philosophie von Steve Bannon. Die Folge stammt ursprünglich aus dem Juni 2017.  Steve Bannon war Donald Trumps strategischer Berater. Er hat dazu beigetragen, Trump ins Weiße Haus zu bringen. In den Monaten, in denen ich den Text zu dieser Folge vorbereitete, galt er als das Mastermind hinter Trump. Und kurz bevor die Folge dann auf YouTube erschien, warf Trump ihn raus. Ihr hört aber eigentlich eh eine Auseinandersetzung mit Historizismus. Hört selbst …

Das Transkript zur Folge gibt es hier.

Wesen, Familienähnlichkeit, Charakter

Ich hatte hier auf dem Blog mal eine Reihe angefangen: “50 Gedanken“. Das ist genauso schnell wieder versandet, wie ich es gestartet habe. Dies ist ein zweiter Versuch. Angedachte Fragmente, die mir durch den Kopf schwirren.

1. Gedanke

Aristoteles suchte in allem das Wesen, das, was ein Individuum im Innersten ausmacht. Das, wenn man es ändert, die Identität zum Verschwinden bringt. Wittgenstein zog in Zweifel, dass es dieses Wesen gibt. Er entwarf das Konzept der Familienähnlichkeit: Was, wenn die Dinge einer Kategorie kein Wesen gemeinsam haben, sondern sich ähneln wie die Mitglieder einer Familie?

Wenn man diesen Gedanken auf das Ich ausdehnt, dann gibt es kein Element, dass dich ausmacht, sondern nur ein Geflecht von Eigenschaften, die dich zu der Person machen, die du bist. Das heißt, dass du jede dieser Eigenschaften ändern kannst und dennoch der*die Gleiche bleibst. Lediglich wenn sich diese Eigenschaften rapide ändern, wie bei einem Unfall, einer Krankheit oder Demenz, erscheint es und, als ginge das Ich verloren.

Doch was sagt die Psychologie dazu? Was ist Charakter?

Geist

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wenig geistreich

Adventskalender Türchen 7

In diesem Advent präsentiere ich euch einen kleinen philosophischen Adventskalender. Jeden Tag stelle ich einen philosophischen Begriff vor und mache mir ein paar Gedanken dazu.

Heute geht es um den Geist.

Epilog zu Platon

Hier geht s heute zum letzten Mal um Platon. Also wahrscheinlich, eventuell,  vorerst vielleicht. Ganz sicher ist hingegen, dass ihr entweder das Video sehen könnt oder den Text lesen.

Lasst uns noch einmal zurückblicken, was wir alles über Platon erfahren haben. In den letzten drei Jahren habe ich euch in 32 Teilen von Platon erzählt. Ihr hättet lernen können, dass er ein Schüler von Sokrates’ war. Dass er ein spitzenmäßiges Apfelkuchenrezept hatte und dass Platons Philosophie in drei Phasen aufgeteilt wird: den frühen, mittleren und den späten Platon. Ich habe mich hier zumeist auf den mittleren Platon konzentriert, denn es ist der Platon der großen Entwürfe.

Der Platon der großen Entwürfe

Der größte der großen Entwürfe ist Platons Ideenlehre, die bis heute für die theoretische Philosophie von Relevanz ist, auch wenn sie natürlich oft und hart kritisiert wurde. Neben der Ideenlehre ist Platon für seine Ethik bekannt, wo er, wie wir sahen, hart für eine universalistische Auffassung  des Guten eintrat. Die Staatstheorie, die er daraus folgerte, ist zwar nicht minder berühmt, darf aber meines Erachtens getrost auf dem Müllhaufen der Philosophiegeschichte entsorgt werden gleich neben Hegels Weltgeist und Heideggers … was auch immer Heidegger gemacht hat. Ganz im Gegenteil etwa zur berühmten platonischen Liebe und seiner Definition von Wissen, die noch immer awesome sind.

Neben diesen Kernthemen habe ich noch zahlreiche andere angesprochen und dennoch – wie könnte es anders sein – habe ich nur einen kleinen Teil der gesamten platonischen Philosophie angekratzt, als wäre sie ein zu tief gefrorenes Kratzeis. Peter Adamson vom schönen Podcast “The History of Philosophy without any Gaps” sagte mal, für ihn stehe ohne jeden Zweifel fest, dass er auf eine einsame Insel die gesammelten Werke Platons mitnehmen würde, denn mit ihnen kann man sich problemlos ein Leben lang beschäftigen. Und auch ich kann nur empfehlen, euch mal einen frühen platonischen Dialog zu schnappen, euch damit am besten in eine altehrwürdige Bibliothek zu setzen, den Dialog zu lesen, mit dem Einschlafen zu kämpfen und darüber nachzudenken. So habe ich meine Liebe zur Philosophie entdeckt.

Platon und die Schönheit

Eine von all den vielen Sachen die ich weitgehend ausgelassen habe, war ein der drei philosophischen Kerndisziplinen. Wir hatten uns mit den beiden philosophischen Bereichen beschäftigt, die Kant in einem berühmten Zitat aus der Kritik der praktischen Vernunft wie folgt zusammengefasst hat:

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.”

Der olle Königsberger spricht hier von der Erkenntnistheorie und der Ethik. Aber es gibt eben noch einen dritten Zweig am philosophischen Baum: den der Ästhetik und den habe ich bei Platon fast komplett ausgelassen. Das liegt daran, dass Platon so seine Probleme hatte mit der Untersuchung der Schönheit. Gewiss im Symposion blitzt sie im Zusammenhang mit der Liebe gewissermaßen notgedrungen auf. Ich hatte die dort gegebene Definition der Idee der Schönheit im Rahmen der Ideenlehre wiedergegeben. Doch insgesamt war Platon skeptisch, was Schönheit anbelangt. Umberto Eco schreibt in seiner Geschichte der Schönheit, dass Platon meinte, sie lenke von der Wahrheit ab.

Platons Skepsis gegenüber dem Schönen und der Kunst zeigte sich zum Beispiel im Liniengleichnis. Hier stellte Platon die Abbilder auf die unterste Stufe der Erkenntnis. Zwar sprach er auch über natürliche Spiegelungen und Schatten, doch spätestens in der Wirkungsgeschichte wurden vor allem die gefertigten Abbilder verstanden. Auch der ganze Zensurapparat im Staat zielt darauf hin, die Macht ästhetischer Werke zu beschränken und lediglich pure Erkenntnis den Bürgern zugänglich zu machen. Interessant daran ist, dass Platon mit diesen Maßnahmen implizit eingesteht, dass Kunst wirkungsmächtig ist, dass sie einen enormen Einfluss auf unser Leben und unsere Sicht der Welt hat. Und genau aus diesem Punkt ist sie auch ein wichtiger Gegenstand zukünftiger Betrachtungen in dieser meiner Reihe.

Blick nach vorne

Damit bin ich bei der Frage, wie es hier weitergeht. Und darauf kann es nur eine Antwort geben: mit Aristoteles. Mit Platons Schüler schließe ich die großen Drei der Antike ab: Sokrates, Platon und eben der gute alte Ari. Aristoteles hat sich übrigens im Gegensatz zu Platon ausführlich mit Ästhetik beschäftigt, wie er überhaupt das ein oder andere Feld aufgriff, das Platon mit Missachtung strafte, zum Beispiel die Rhetorik. Ich werde in meiner Aristoteles-Reihe daher immer wieder darauf zurückkommen, wo Aristoteles explizit oder implizit sich von seinem großen Lehrer abhebt und ihn kritisiert. Ihr seht, ihr werdet Platon nicht los.

Aristoteles wird natürlich nicht der einzige bleiben, der seine Philosophie in einer Auseinandersetzung mit Platon begründet. Ein letztes Mal haue ich euch noch Alfred Whiteheads Zitat um die Ohren:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.”

Platon war für die europäische Philosophie ein Fluch und ein Segen zugleich. Ich weiß, dieser Satz ist ein Klischee, aber erst ist auch so wahr wie der nächste, der nicht weniger ein Klischee ist: Platon war ein Genie. Er hat so viele Dinge vielleicht nicht zum ersten Mal gedacht, aber zumindest aufgeschrieben und uns so überliefert, dass er Wege ebnete, die die Philosophie von da an gehen konnte. Aber wo immer er eine Tür geöffnet hat, blieben natürlich auch andere verschlossen, durch die er genauso hätte gehen können.

Der vergessene Platon

Bei diesem enormen Einfluss, den ich im Detail ja in den letzten 32 Teilen immer wieder ansprach, ist es erstaunlich, dass es Phasen in der Philosophiegeschichte gab, in denen Platon fast vergessen war. Wenn man Bücher zur Geschichte der Philosophie liest, gewinnt man leicht den Eindruck, dass nach Platon und Aristoteles ein bisschen Mittelalter lag und dann gleich Descartes kam. Dass zwischen Platon und der philosophischen Neuzeit knapp 1.900 Jahre lagen, verliert man leicht aus den Augen.

Platon hatte seine Legacy selbst eingeleitet mit der Gründung der Akademie, die auch unglaubliche 300 Jahre fortbestand, doch spätestens 87 v. Chr. kam der Unterricht zum erliegen, als die Römer Athen eroberten und die Akademie verwüsteten. Es gab noch ein paar Versuche, die Tradition aufrecht zu erhalten, doch ca. 44 v. Chr. war dann endgültig Schluss.

Platons Lehren gerieten in weiten Teilen der philosophischen Welt in Vergessenheit, lediglich in Ägypten wurde die Flamme am Leben erhalten. Von hier aus brachte dann Platons Lehren der Philosoph und Namens-Remix-Begründer Plotin ca. 280 Jahre später nach Rom und die Epoche der Neuplatoniker wurde begründet. Der Neuplatonismus breitete sich nach Konstantinopel, Syrien und erneut Ägypten aus. Auch wenn der Kirchenvater Augustinus von Hippo Platons Lehren weitgehend christianisierte, hatten im Christlichen Europa die meisten Schriften Platons einen schweren Stand und im 6. Jahrhundert kam diese Tradition dann zum Erliegen. Teile des Platonismus wurden mit der Christlichen Philosophie weitergetragen und auch in Konstantinopel und Baghdad wurden seine Lehren wohl bis ins 11. Jahrhundert hier und dort am Leben gehalten. Doch schließlich wurde es still um den alten Philosophen.

Erst vierhundert Jahre später erlebte Platon mit der Renaissance in Italien auch seine Wiedergeburt und spätestens seit dem Beginn der Neuzeit gehört eine kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophenkönig zum Standardrepertoire der Philosophen.

Ende

So, das war es. Das war, was ich euch zu Platon zu erzählen hatte. Gemessen an seinem Werk war es nicht viel und mein Anspruch ist bescheiden,  ich hoffe lediglich,  dass, was ich sagte, halbwegs stimmt.

Wir gesagt, es ist bestimmt kein Abschied für immer. So lange dieser Blog bestehen bleibt, so lange wird uns der erste große Philosoph immer wieder begegnen. Für mich ist es jetzt aber Zeit, voranzuschreiten. Weit muss ich dabei nicht gehen, denn schon als Platon noch selbst in der Akademie unterrichtete, saß da ein wissbegieriger Schüler in der ersten Reihe und sollte ein nicht minder großer Philosoph werden: Aristoteles.

Haltet mir die Treue, es wird ein bisschen dauern, bis ich mit dem Wälzen der Texte von und zu Ari fertig bin. Damit euch nicht langweilig wird, werde ich hier die eine oder andere Text für euch zu philosophischen Themen droppen. Doch am Ende gebe ich Platon selbst das Wort. Mit den letzten Zeilen aus dem Dialog Protagoras:

Da sagte Protagoras: Lieber Sokrates, ich lobe deinen Eifer und deine Durchführung des Gespräches. Glaube ich doch, auch sonst kein schlechter Mensch, am allerwenigsten aber neidisch zu sein, und so habe ich mich denn auch über dich schon gegen viele dahin ausgesprochen, daß ich von allen denen, mit welchen ich in Berührung komme, dich am meisten hochschätze, vor allem unter denen, die gleichen Alters mit dir sind; und so erkläre ich denn auch, daß es mich nicht wundern sollte, wenn du einst unter den Männern genannt werden wirst, denen ihre Weisheit einen berühmten Namen erwarb. Aber über diese Gegenstände wollen wir, wenn es dir recht ist, ein andermal sprechen! Jetzt aber ist es Zeit, uns auch einmal zu etwas anderem zu wenden.

Gut, sagte ich, so wollen wir es machen, wenn du meinst. Denn auch für mich ist es schon längst Zeit, dahin zu gehen, wovon ich sprach, und nur dem schönen Kallias zu Gefallen bin ich hier geblieben.

Nachdem wir so mit einander geredet und einander zugehört hatten, trennten wir uns.

Platons Schriftkritik

Zum Schluss meiner Platon-Reihe setze ich mich nach der Sprachphilosophie einem verwandten Thema auseinander: Platons Schriftkritik. Wie immer könnt ihr das als Video sehen oder den darunter stehenden Text lesen.

Medientheorie und Technikphilosophie

Muss ich eigens betonen, wie einflussreich Platons Schriftkritik war? Einerseits war sie die erste Medientheorie überhaupt und somit grundlegend für diesen Zweig von Philosophie und Kulturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Andererseits war es auch das erste Stück Technikphilosophie. Und unter diesem Gesichtspunkt finde ich die Schriftkritik besonders spannend, da viele Argumente, die heutzutage von kulturpessimistischen Technikkritikern vorgebracht werden, sich bereits in diesem 2.300 Jahre alten kulturpessimistischen Text finden. Wenn früher alles besser war, wie kommt es dann eigentlich, dass wir seit Platon so große Fortschritte gemacht haben? Ach haben wir ja gar nicht. Zumindest im Feld der Technikphilosophie. ?

Anyway: Die spannenden Textstellen zu Platons Schriftkritik finden wir im Dialog Phaidros und im siebten Brief, einem der wenigen Texte Platons, der kein Dialog ist, sondern eben ein Brief. Schauen wir uns doch mal die Argumente an!

Vergesslich machende Technik

Platons erstes Einwand gegen die Schrift lautet, dass sie vergesslich macht. Wenn man sich immer alles aufschreibt, dann verlernt man, es sich zu merken. Das ist zunächst einmal fraglos richtig: Früher wurde etwa die Illias von Homer mündlich überliefert, deshalb ist sie in einem Versmaß abgefasst, damit der Barde sie  sich leichter merken kann. Irgendwann hat sie irgendjemand aufgeschrieben. Heute lernt sie kaum noch jemand auswendig, wir lesen sie einfach nach.

Die entscheidende Frage ist allerdings: Ist das wirklich schlimm? Ist das ein Verlust? Beispielsweise sind die Gedächtniskapazitäten eines Barden beschränkt, was heißt, er kann sich ein, zwei, vielleicht auch drei oder vier Epen merken, aber dann wird es irgendwann eng.

Mir aber stehen etliche tausend Bücher zur Verfügung, wenn ich in die Frankfurter Stadtbibliothek gehe (vom Internet will ich gar nicht erst anfangen). Und die Zeit, die ich früher für das Auswendiglernen aufbringen musste, kann ich heute mit Sinnvollerem verbringen: Zum Beispiel YouTube-Videos über Platon machen.

Jedenfalls kam das gleiche Argument wieder, als sich Navis anfingen, durchzusetzen. Niemand kann mehr Karten lesen! Die Menschen verlieren ihren Orientierungssinn! Und derlei mehr wurde gesagt. Das ist das gleiche Argument wie bei der Schrift: Navis sind schlecht fürs Gedächtnis. Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Ist das wirklich so schlimm? Wird nicht stattdessen eine Kulturtechnik schlichtweg von einer anderen abgelöst?

Schundliteratur und die Möglichkeit zu Rückfragen

Das nächste Argument von Platon lautet, dass Menschen sich einbilden, sich Wissen anzulesen, dass dies aber nicht der Fall ist, da sie nicht wissen können, ob das, was in den Texten steht, auch wirklich wahr ist. Die Schrift könne echtes Wissen nicht vermitteln, das könne nur die Dialektik.

Hierbei handelt es sich um das Schundliteratur-Argument, das wahrscheinlich gegen so ziemlich jedes neue Medium, insbesondere gegen Comics, das Fernsehen, das Internet, Computerspiele, Blogs, Social Media und YouTube vorgebracht wurde. Im ersten Jahrzehnt ihrer Existenz musste die Wikipedia sich immer wieder gegen den Vorwurf wehren, sie sei gar kein echtes Lexikon, „denn da kann ja jeder reinschreiben“. Ich will gar nicht bestreiten, dass man die Inhalte der Wikipedia mit mehr als einem Gran Skepsis lesen sollte, doch diese Medienkompetenz sollten wir nicht nur dem Onlinenachschlagewerk entgegenbringen, sondern genauso jedem gedruckten Werk. Jedenfalls wird die Existenzberechtigung der Wikipedia heute – im Jahr 2019 – kaum noch in Frage gestellt, auch das ist ein Muster, das ich in der Technikskepsis seit der Schrift immer wieder wiederholt: Erst wird etwas Neues als gefährlich attackiert, sobald das Medium dann etwas älter geworden ist, stellt es niemand mehr in Frage.

Platons nächstes Argument ist im Kern wieder zutreffend: Einem Text kann man keine Rückfragen stellen. Das ist in der Tat ein Vorteil von gesprochener Sprache, die mit der unmittelbaren Nähe und Zeitgleichheit zusammenhängt. Daher sagen heute Medientheoretiker auch, dass Medien wie WhatsApp, Facebook oder Twitter, wo Nachfragen möglich ist, gewissermaßen Mischformen aus oraler und literaler Kommunikation sind. Denn sie haben neben dieser Eigenschaft der gesprochenen Sprache auch Aspekte der Schrift, in denen diese der gesprochenen Sprache überlegen ist: Raum und Zeit lassen sich überbrücken. Orale und geschriebene Sprache sind verschiedene Medien mit verschiedenen Existenzbedingungen, aber auch mit verschiedenen Vor- und Nachteilen.

Verantwortung und schriftliche Debatten

Platon klagt die Schrift außerdem an, weil sie zu jedermann redet, zu denen, die damit umgehen können, wie zu jenen, die es nicht können. Dieses Verantwortungsargument haben wir im Zusammenhang mit dem Internet oft gehört: Netzsperrenbefürworter und Kritiker von Wikileaks oder Whistleblowern wie Chelsea Manning und Edward Snowden bringen es immer wieder hervor: Nicht jeder Inhalt ist für jedes Augenpaar geeignet. Gegen die Nachrichtenseite Netzpolitik.org wurde deshalb wegen Landesverrats ermittelt.

Sicher ist an dem Argument etwas dran: Kinder sollten nicht zu früh Gewalt oder Pornos sehen und Bauanleitungen für Atombomben sollten auch besser unter Verschluss gehalten werden. Aber wenn man die Geheimhaltung und den Verschluss von Informationen zur Norm und nicht zur Ausnahme macht, dann ist das eine ziemlich elitäre und antidemokratische Forderung. Aber das braucht uns bei Platon ja nicht zu wundern. Lest einfach noch einmal, was ich zum platonischen Staat geschrieben habe.

Als nächstes will Platon aber nicht bloß die Leser vor der Schrift schützen, sondern auch die Schrift vor den Lesern. Oder wahrscheinlich eher den Autor vor den Lesern. Platon sagt: Die Schrift kann auf Widerworte nicht reagieren. Das ist ausgemachter Unsinn und kann nur von jemanden stammen, für den das Medium nagelneu war. Es gibt unzählige schriftliche Debatten in der Geschichte. Schon mit Aristoteles, Platons Schüler beginnen sie. Denn Aristoteles wehrte  sich oft schriftlich gegen Platons Argumente. Die Schüler der Akademie, die Platoniker, antworteten dann in ihren Schriften wieder auf die Aristoteliker.

E- und U-Kultur sowie Qualitätsmedien

Platon behauptet auch, dass Schrift nur eine Spielerei ist, im Gegensatz zur Rede, die echtes Wissen vermittelt. Die ganze Debatte um E- und U-Kultur, also dass es gute Kultur zur Erbauung und schlechte nur zur Unterhaltung gibt, basiert auf einem solchen Argument, dass es Medien von höherer und niederer Qualität gibt. Computer mussten sich lange gegen den konservativen Vorwurf wehren, dass sie nur zum Spielen da sind, das Internet existiert nur für Pornos und Smartphones braucht sowieso kein Mensch. Oh, Moment ich habe gerade eine neue Whatsapp-Nachricht bekommen …

Zu guter Letzt findet Platon es natürlich auch schändlich, wenn Unwissende sich erdreisten, zu schreiben. Die nervige Debatte in den 00er-Jahren, als sich selbsternannte Qualitätsmedien über Blogs aufregten, gehört genauso in diese Tradition wie der heutige Hohn, der von manchen Bloggern oder Podcastern YouTubern entgegengebracht wird. Notiz für mich: Das muss ich anders formulieren, wenn ich es im Blog zweitverwerte. 😉

Platons ungeschriebene Lehre

Natürlich fällt jedem der Widerspruch sofort auf, dass Platon seine Schriftkritik aufgeschrieben hat. Dieses widersprüchliche Verhalten stützte viele Platon-Forscher in ihrer These, dass es neben den Dialogen auch eine ungeschriebene Lehre mit der eigentlichen Philosophie Platon geben müsse. Aber dass wir nur über diese ungeschriebene Lehre spekulieren können, die Dialoge hingegen 2.300 Jahre später noch immer lesen, zeigt auch, wie blind Platon gegenüber den Vorzügen der Schrift war. Denn sie ist dauerhaft im Gegensatz zum gesprochenen Wort. Erst die Schrift und die Möglichkeit die Erkenntnisse vergangener Generationen nachlesen zu können, machten Wissenschaft und Hochkulturen möglich. Von Bernhard von Chartres stammt der Ausspruch, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen und nur deshalb weiter blicken können. Eigentlich stehen wir aber nicht auf ihren Schultern sondern auf ihrem Bücherstapel und keine unserer heutigen Erfindungen oder Entdeckungen wären möglich gewesen, wenn wir uns nicht unglaublich viel Wissen hätten anlesen können.

Jemand hätte daher Platon den Rat geben sollen, der jedem Kulturpessimisten nahezulegen ist: Warte erst einmal ab und schau dir das neue Medium oder die neueste Erfindung mal eine Weile an, vielleicht ist sie gar nicht so dumm, sondern bringt uns voran.

Platons Sprachphilosophie

Meine Platon-Reihe nähert sich nun wirklich ihrem Ende. Bevor ich noch einmal abschließend zurück- und dann nach vorne blicke, wenden wir uns noch Platons Ansichten zu Sprache und Schrift zu. Beginnen werde ich heute mit Platons Sprachphilosophie. Entweder im Video oder darunter in Schriftform

Mir ist klar, dass der Spruch nach nunmehr 30 Folgen einfach nur noch nervt, dennoch: Auch in der Sprachphilosophie war Platon bahnbrechend. Allerdings hat er definitiv die falschen Antworten gegeben, seine Sprachphilosophie war in etwa so sinnvoll wie die Strategie der Bundesregierung zum Breitbandausbau. Aber Platon hat doch – was nicht zu unterschätzen ist – die richtigen Fragen gestellt und so die Sprachphilosophie erfunden, aus der später dann die Sprachwissenschaft hervorging.

Der entscheidende Dialog für Platons Sprachphilosophie ist der ‘Kratylos’ und er beschäftigt sich dort mit der Ur-Frage, die diese Disziplin umtreiben sollte, bis Ferdinand de Saussure sie wohl abschließend beantwortete: Ist die Bedeutung von Wörtern rein konventionell, also von Menschen gemacht, oder gibt es natürliche Bedeutungen?

Da die Theorien, die Platon uns unterbreitet, in etwa so unzutreffend sind, wie die These, dass das Dschungelcamp eine gute Fernsehshow ist, werde ich nicht darauf eingehen. Aber ich werde euch erzählen, welche Themen allesamt angerissen werden. Blicken wir in den Text!

Arbiträre Bedeutung und Wahrheit von Sätzen

Die erste, wichtige Erkenntnis im Kratylos ist, dass die Bedeutung von Wörtern nicht in gleicher weise konventionell sein kann wie andere Konventionen, zum Beispiel die von Markennamen. Ich kann meine Marke nennen, wie es mir passt und ich kann den Namen sogar ändern, wenn ich Spaß daran habe und aus Raider Twix machen. Aber gleiches kann ich, wenn ich verstanden werden will, nicht mit einem Wort wie „Haus“ machen. Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass die Bedeutung von Wörtern konventionell oder besser arbiträr ist, wie die Sprachwissenschaft sagt. Aber sie ist nicht willkürlich.

Der nächste Punkt führt uns zurück zum Verhältnis vom Ganzen zu seinen Teilen. Eine Frage, die Platon wiederholt beschäftigte: Wir rissen sie schon einmal in der Folge zum Sinn des Lebens an und im Zusammenhang mit der Frage, was Wissen ist, hatten wir gesagt, dass das Ganze nur wahr sein kann, wenn auch seine Teile wahr sind.

Platon will diese These von der Wahrheit vom Ganzen und seinen Teilen hier auch für Sätze und Wörter geltend machen. Das ist allerdings kompletter Bullshit. Ungefähr so hanebüchen wie zu behaupten, dass der Klimawandel nicht menschengemachten ist, obwohl all unsere Messdaten das Gegenteil sagen. Der Satz „Der aktuelle Klimawandel ist nicht von Menschen gemacht“ ist falsch. Aber die darin vorkommenden Wörter wie zum Beispiel „Klimawandel“ oder „Menschen“ sind deshalb nicht falsch. Die Rede von falschen Wörtern ist komplett unangebracht. Aber auch diese falsche These hatte etwas Gutes an sich: Sie war der Ausgangspunkt für Aristoteles, Platons Schüler, ein für alle Mal zu klären, was denn überhaupt die kleinste Einheit ist, die wahr oder falsch sein kann. Und die Antwort lautet: Der Satz.

Verschiedene Sprachen und treffende Wörter

Weiter stellt sich Platon die Frage, wie es denn sein kann, dass es verschiedene Sprachen gibt. Wörter dienen doch dazu “das Wesen von Dingen zu bezeichnen“, wie er es nennt. Wie können denn zwei verschiedene Wörter das gleiche Ding bezeichnen? Platon gibt auf diese Frage eine schön links-grün-versiffte Multi-Kulti-Antwort. Um die Existenz verschiedener Sprachen zu erklären, benutzt er die Werkzeug-Metapher für die Sprache, die zum Beispiel auch Ludwig Wittgenstein später oft verwenden sollte: Demnach sind Wörter wie Werkzeuge. Und dass es verschiedene Sprachen gibt, braucht uns nicht zu wundern, man kann ja auch Werkzeuge aus verschiedenen Materialien und auf verschiedene Art und Weise herstellen. Dennoch erfüllen sie den gleichen Zweck.

Der nächste Punkt, der angerissen wird, ist die Frage, ob es treffendere Wörter gibt und solche, die weniger geeignet sind, um die Dinge zu bezeichnen. Auch hier stecken zwei Aspekte drin, die so wegweisend sind wie Google bei der Suche im Internet. Zum einen wird hier die Fixierung auf die Benennungsfunktion der Sprache sichtbar, die sich auch bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen sollte. Die Sprachphilosophie kümmerte sich lange nur darum, wie genau das Verhältnis von Sprache und den Dingen ist, die sie benennt. Erst so Philosophen wie Wittgenstein, Austin und Searle setzten dieser verengte Perspektiveiv ein Ende und fingen an, sich mit anderen Funktionen von Sprache auseinanderzusetzen. Aber der zweite spannende Aspekt ist, ob die Wörter im Besonderen und die Sprache im Allgemeinen sich verbessern lässt, um die Welt besser darzustellen.

Taxonomie und Idealsprache

Dies ist ein Gedanke, der sich auf die Taxonomien der Wissenschaften ausgewirkt hat. Zum Beispiel lauten die Fachbezeichnungen für Tiger und Löwen: Panthera tigris und Panthera leo. Das sind fraglos geeignetere Namen als unsere umganssprachlichen, da durch sie schon die Verwandtschaft der Großkatzen klar wird.

Neben den Taxonomien war das Projekt der Idealsprache in der analytischen Philosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts ein Versuch, eine geeignetere Sprache zu erzeugen und so die Welt besser abzubilden. Und aus diesem Projekt ging die Formale Logik hervor, die wiederum zur Grundlage aller Programmiersprachen und somit des Computerzeitalters wurde. Ohne Platon gäbe es also kein iPhone!

Etymologie und Onomatopoetika

Im Kratylos beginnt Platon weiterhin mit der Etymologie, also der Untersuchung der ursprünglichen Bedeutung von Wörtern, dies wurde in Form der Philologien zur nerdigsten aller Teildisziplinen der Sprachwissenschaft. Genauso streift Platon das Phänomen der Onomatopoetika – einem spannenden Grenzfall sprachlicher Laute. Wie gesagt, gehen wir heute davon aus, dass Sprache arbiträr ist, es also keine natürliche Bedeutung gibt, sondern diese menschengemacht ist. Aber Onomatopoetika scheinen ihre Bedeutung aufgrund von Ähnlichkeiten zu bekommen: Der Schrei des Hahns wird mir „Kikeriki“ bezeichnet, „weil es sich eben so anhört“. Zugleich hört er sich in verschiedenen Sprachen anscheinend unterschiedlich an. Englische Hähne schreien demnach “cock-a-doodle-doo” und portugiesische “cocorocó”!

Linguistic Turn

Und zu guter letzt stellt Platon die Frage, die später, im 20. Jahrhundert zum sogenannten Linguistic Turn der Philosophie führen sollte: Stellt die Sprache die Welt richtig dar? Der Linguistic Turn, der oft falsch mit „Linguistische Wende der Philosophie“ übersetzt wird und der eigentlich die Sprachkritische Wende der Philosophie ist, ist eine große Strömung in der Philosophie, die besagt: Dass unsere Sprache die Welt nicht nur abbildet sondern unsere Wahrnehmung von der Welt entscheidend prägt. Es ist die heute größte und wichtigste Strömung der Philosophie und auch sie findet letztlich ihren Ausgangspunkt bei Platon. Wir sind eben alles nur Fußnoten.

Platons Gottesbeweis

Heute machen wir heute nichts Wichtiges, wir beweisen nur mal eben die Existenz Gottes. Das könnt ihr euch als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der sich selbst bewegende Beweger

Platons Gottesbeweis ist eine Variante des Arguments, für das sein Schüler Aristoteles berühmt werden sollte und das wir den “unbewegten Beweger” nennen. Bei Platon ist es hingegen der sich selbst bewegende Beweger. Ich frage mich, ob Platon heute angepisst wäre, wenn er wüsste, dass das Beweger-Argument immer in einem Atemzug mit Aristoteles genannt wird. Es ist ein bisschen so, wie die Kiddies, die Stranger Things cool finden, aber Steven King und Stephen Spielberg nicht kennen.

Anyway … In Platons Variante geht das Argument vom sich selbst bewegenden Beweger so: Es gibt Bewegung in der Welt. Ich hoffe, ihr stimmt dieser provokanten These zu!  Diese Bewegung kann nun entweder aus sich selbst entstehen oder sie wird angestoßen. Uh, da scheiden sich schon die Geister. Doch weiter: Dinge, die sich aus eigenem Antrieb bewegen können, haben eine Seele – also alle Tiere, uns Menschen eingeschlossen. Aber was ist mit den unbeseelten Dingen? Sie bewegen sich aufgrund des Kausalitätsprinzips.

An dieser Stelle wird es richtig kompliziert. Wenn wir uns eines Tages mit der Determinismus-Debatte und dem Libet-Experiment auseinandersetzen, werden wir sehen, dass die These, wonach sich Menschen und Tiere von selbst, ohne kausale Ursache bewegen können, nicht unumstritten ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Das Kausalitätsprinzip und der infinite Regress

Zurück zu Platons unbewegtem Beweger: Das Kausalitätsprinzip ist eine unserer Grundannahmen über die Welt und besagt, dass es für jede Wirkung auch eine Ursache geben muss. Wenn die Erde sich um die Sonne bewegt, dann muss sie irgendwann irgendetwas mal angestoßen haben. Das Ding aber, dass die Erde angestoßen hat, muss selbst irgendwann mal angestoßen worden sein und so weiter. So ergibt sich eine Kausalitätskette. Diese Kausalitätskette wiederum bringt das Problem des infiniten Regresses mit sich, denn diese Kette kann im Gegensatz zu Netflix-Binge-Watching-Sessions nicht unendlich lang sein.

An dieser Stelle wird es wieder etwas knotig für unsere Gehirne, also nehmt noch einen Schluck Kaffee und passt gut auf. Stellt euch vor, ihr steht an diesem Ende der unendlichen Kausalitätskette und blickt sie entlang. Was seht ihr dann niemals nie? Richtig: ihr Ende. Stellt euch nun vor, jemand steht in unendlich weiter Ferne und blickt die Kette von dort aus in eure Richtung entlang. Was sieht diese Person dann niemals nie? Richtig: Den Moment, in dem ihr da steht und die Kette anblickt. Da dieser Moment aber existiert, muss die Kausalitätskette endlich sein.

Platon sagt, dass am Anfang dieser Kette ein beseeltes Wesen stehen muss: Der sich selbstbewegende Beweger und das ist Gott. Dieser kosmologische Gottesbeweis schließt eine argumentative Lücke, die bei den Vorsokratikern entstanden ist, als sie sich auf die Suche nach dem Urgrund der Welt begaben. Ich schrieb schon im Rahmen meiner Metaphysik-Erläuterung darüber.

Wenn Thales etwa sagt, dass die Welt aus Wasser entstanden ist, dann stellt sich sogleich die Frage: Warum? Was hat verursacht, dass sich das Wasser zur Welt formt? Was war vor dem Wasser? Platon liefert nun eine Antwort. Doch im Grunde cheatet Platon hier, indem er doch wieder ein mythologisches Argument an den Beginn einer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht stellt.

Dennoch ist dieser Cheat ein Ausweg aus dem infiniten Regress, den wir innerhalb unserer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht nicht bieten können. Denn das Problem besteht bis heute, die Frage ist und bleibt ungeklärt: Wir können messen, dass das Universum aus dem Urknall entstanden ist. Aber was hat den Urknall ausgelöst?

Und mit dieser Frage lasse ich euch heute zurück. Beim nächsten Mal schauen wir uns Platons Sprachphilosophie an. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

Platon – Das Wesen der Seele

Wir hatten beim letzten Mal Sokrates und seine Freunde kurz vor Sokrates’ Tod hoffnungslos zurückgelassen. Die Analogie vom Instrument und den Tönen, die es erzeugt, zum menschlichen Körper und seiner Seele hatte ihnen so sehr eingeleuchtet, dass sie nun schon fast von der Sterblichkeit überzeugt sind. Sie waren so enttäuscht, dass sie fragten, ob man sich denn nie sicher sein kann und ob dann das Philosophieren überhaupt Sinn macht.

Platon nutzt diesen emotionalen Tiefpunkt, um das Wesen der Philosophie zu diskutieren und an dieser Stelle wollen wir mit der Untersuchung fortfahren und schauen, ob wir nicht doch Grund zur Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod haben.

Das Sprachspiel des Beweisens

Platon betont noch einmal, das sokratische Credo, dass ein Irrtum in der Philosophie nie ausgeschlossen ist. Doch daran schließt er ein glühendes Plädoyer für die Philosophie an: Denn auch wenn mit dem Philosophieren einhergeht, dass wir immer wieder lieb gewonnene Wahrheiten zu Fall bringen, sollen wir nicht daran Zweifeln, dass es DIE WAHRHEIT ™ gibt. Alle Widerlegungen liegen nur daran, dass wir kleine Menschen fehlbar sind. Das Scheitern eines Beweises bedeutet nicht, dass das “Sprachspiel des Beweisens“ wie Wittgenstein sagen würde, an sich scheitert.

Das ist wieder ein ebenso schöner wie wichtiger Gedanke. Besonders in unseren Tagen wird das wissenschaftlich-logische Denken aus esoterischen Kreisen immer wieder angegriffen mit dem Hamlet-Zitat:

“Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt,“

Dieser Satz ist zweifelsfrei wahr, das sagt uns Platon hier im Phaidon. Aber er ist nicht deshalb wahr, weil die Logik an sich in irgend einer Form falsch wäre, sondern weil wir Menschen unwissend und fehlbar sind.

In diesem Gedanken steckt die Hoffnung, die Sokrates’ Freunden verloren ging allerdings auf ganz andere Art und Weise: Es besteht die Chance, dass wir Menschen eines fernen Tages die Welt wirklich verstehen werden.

Schon wieder Anamnesislehre

Als Platon dann mit der unsterblichen Seele fortfährt ist sein Beweis leider nicht mehr so überzeugend wie sein Plädoyer für die Logik. Als Gegenargument gegen die These, dass die Seele der Stimme der Gitarre gleicht, bringt er wieder seine Anamnesis-Lehre vor. Wenn die Seele schon vor der Geburt existiert hat, dann kann die Analogie zur Gitarre nicht stimmen, denn deren Stimme hat nicht vor dem Bau des Instruments existiert. Das ist ein sehr schwaches Argument, da es auf sehr wackeligen Beinen steht. Erinnert euch: Die Anamnesislehre sollte erklären, woher wir implizites Wissen haben. Ich habe aber beim letzten Mal bereits eine alternative Erklärung dafür gegeben, warum wir über implizites Wissen verfügen.

Allerdings bringt Platon noch ein weiteres Argument gegen die Analogie vom Instrument: Ein Instrument kann schlecht gearbeitet sein, dann wird es nicht gut klingen, eine weniger starke Stimme haben. Aber ein Mensch kann nicht weniger beseelt sein. Für die Seele gibt es nur zwei Werte: Entweder hat ein Ding eine Seele oder nicht.

Absurderweise gräbt sich Platon dann selbst das Wasser ab, indem er der Seele dann doch wieder ein Spektrum zuweist: Sie kann mehr oder weniger gut sein. Die Stimme könne das nicht. Ääähm …? Hat er nicht eben buchstäblich das Gegenteil behauptet? Ich frage mich, ob er nur wissen wollte, ob wir noch aufpassen. Anyway …

Platon fährt fort, dass die Stimme vom Instrument beherrscht werde, wie wir ja eben schon sahen: Ist das Instrument schlecht gearbeitet, dann ist die Stimme schlecht. Aber bei der Seele sei es umgekehrt: Sie herrscht über den Körper. Wenn wir bedenken, dass Platon natürlich noch keine Ahnung von den Prozessen im Gehirn haben konnte, dann ist diese Gegenüberstellung ziemlich einleuchtend: Ich muss die Saiten einer Gitarre anschlagen, um den Ton zu erzeugen. Aber meine Seele, (oder moderner) mein Denken veranlasst meinen Arm überhaupt erst zum Anschlagen der Saite. Mein Denken kontrolliert also meinen Körper. Das Bild vom Instrument würde aber nur passen, wenn die Töne gleichsam spontan entstünden und so die Stimme der Gitarre die Saiten zum Klingen bringt.

Die Deduktion der Unsterblichkeit

Schließlich kommt Platon aber zu seinem finalen und größten Argument für die Unsterblichkeit der Seele. Dafür führt er den nächsten Hammerbegriff ein, der in der Philosophiegeschichte bis heute immer wieder diskutiert werden wird, er baut quasi den nächsten Todesstern. Dieser Begriff ist der des Wesens. Platon sagt, dass Dinge ein Wesen haben im Gegensatz zu wechselnden und nur zufälligen Eigenschaften. Sein Beispiel ist der Schnee: Schnee kann uns in den verschiedensten wechselnden Erscheinungsformen begegnen: Er kann pappig sein oder pulverig, er kann in großen Flocken oder kleinen fallen, er kann schneeweiß sein, bläulich, sogar schwarz und manchmal leider auch gelb. Das sind alles zufällige Eigenschaften von Schnee, aber der Schnee hat im Gegensatz zu diesen zufälligen Eigenschaften auch ein Wesen: Er ist gefroren. Es kann keinen Schnee geben, der nicht gefroren ist.

Platon folgert daraus, dass das Wesen eines Dinges nicht in sein Gegenteil verwandelt werden kann. Dann fragt er weiter: Was ist denn nun das Wesen der Seele? Die Antwort lautet ganz klar: Sie lebt. Erinnert euch an die Unterscheidung von Anaxagoras, wir lernten sie bei Sokrates kennen: Beseelte Dinge sind solche, die leben. Unbeseelte Dinge hingegen leben nicht.

Nun braucht Platon nichts weiter zu tun als das, was wir bei Aristoteles als den Syllogismus kennenlernen werden. Er geht von drei Prämissen aus:

Das Wesen eines Dinges lässt sich nicht in sein Gegenteil verkehren.
Das Wesen der Seele ist das Leben.
Das Gegenteil von Leben ist der Tod.
Daraus folgt zwingend: Die Seele ist unsterblich.

Lasst die Sektkorken knallen! Wir sind unsterblich! Oder besser nicht? Vielleicht ist Alkohol eine Sünde und wir müssen im Jenseits dafür büßen …? Egal, wir sind unsterblich!

Ohne Witz: Diese Schlussfolgerung ist brillant und ein schlagender Beweis. Ist damit das Thema durch? Warum gibt es trotzdem Atheisten? Sind die nur dumm? Nun, auch wenn dieser Schluss zwingend ist, also nicht falsch sein kann, so kann trotzdem etwas anderes falsch sein: Platons Definition von Seele, Wesen, Leben und Tod. Wer partout beweisen will, dass wir alle verdammt sind, der muss beweisen, dass Platon wenigstens einen dieser vier Begriffe falsch definiert hat.

Aber das ist mir zu düster, das überlasse ich anderen, die wir in späteren Folgen dieser Serie noch zu Wort kommen lassen. Hier ende ich lieber auf dem schönen Akkord, den die Seelenstimme von Platons Gitarrenkörper angeschlagen hat.

Platons Wissenschaftstheorie

Heute möchte ich den Erkenntnistheorie-Block abschließen, indem ich noch einen Blick auf Platons Wissenschaftstheorie werfe. Oder zumindest dem, was dieser philosophischen Disziplin am nächsten kommt, denn zu behaupten, dass Platon schon eine richtige Wissenschaftstheorie formuliert habe, wäre eine steile These. Doch fangen wir an: Entweder hier als Video oder darunter als Transskript.

Wir sahen, dass der Weg zu gesichertem Wissen für Platon über die Ideenlehre gehen muss. Wenn wir nun einmal davon ausgehen, dass es Ideen gibt, dann stellt sich noch immer die Frage, wie wir diese Ideen erkennen können. Mit anderen Worten: Wie wir von den IdeenErkenntnis erlangen können.

Platons Theorie über die Ideenerkenntnis ist für uns spannend, da wir auch ohne seine Metaphysik viel von ihr lernen können. Denn Platon gibt quasi eine Aufgabenbeschreibung für die Philosophie ab. Der alte Philosoph beschreibt die wissenschaftliche Methode der Philosophie.

Hinterfragen von Axiomen

Er vergleicht dafür die Philosophie mit der Mathematik. Mathematik und Philosophie gehen nach Platon von Axiomen aus, mit Hilfe derer sie dann gewisse Schlüsse ziehen. Doch während die Mathematik diese Axiome nicht hinterfragt, ist es Aufgabe der Philosophie, genau dies zu tun. Die Axiome hatten wir schon in der Folge zur These, dass Wissen wahre begründete Meinung ist, kennengelernt. Ein Axiom ist ein Satz, der nicht bewiesen werden kann, sondern der beweislos vorausgesetzt wird. Nehmen wir zum Beispiel das Parallelaxiom von Euklid:

„Zu jeder Geraden und jedem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine zu der Geraden parallele Gerade durch diesen Punkt.“

Tschuldigung, dass ich schon wieder mit Mathe anfange, aber Platon fand sie eben geil. Die Mathematik arbeitet nun einfach mit diesem Axiom, ohne es anzuzweifeln. Die Philosophie – in diesem Fall die Philosophie der Mathematik – versucht hingegen zu prüfen, ob dieses Axiom sich selbst noch aus anderen Sätzen herleiten lässt.

Und damit kommen wir zum Kern dessen, was wir Platons Wissenschaftstheorie nennen können:

Die allgemeinste aller Hypothesen

Die Philosophin untersucht laut Platon Hypothesen, die als einfach und klar gelten. Was aus diesen Hypothesen folgt, ist wahr. Was ihnen widerspricht, ist falsch. Aber die Philosophin prüft eben auch diese Hypothesen selbst. Wenn sich aus einer Hypothese Sätze ableiten, die zueinander im Widerspruch stehen, dann muss die zugrunde liegende Hypothese falsch sein. Sofern sich die Hypothese aber bewährt, versucht die Philosophin eine Hypothese zu finden, die noch allgemeiner ist und aus der sich die Ausgangshypothese ableiten lässt.

Platon selbst vertritt im Dialog Phaidon die Auffassung, dass die Existenz der Ideen die allgemeinste aller Hypothesen ist. Das ist nicht ganz unplausibel, wie wir ja im Zusammenhang mit der Ideenlehre sahen. Es gibt aber auch Probleme, die uns ernsthaft daran zweifeln lassen, dass diese Hypothese wahr ist. Im Dialog ‘der Staat’ modifiziert Platon hingegen seine Auffassung dahingehend, dass die Idee des Guten die allgemeinste aller Hypothesen ist.  Und das ist meines Erachtens kompletter esoterisch-metaphysischer Bullshit. Lest euch noch einmal meine Texte zu den drei Gleichnissen durch.

Aristoteles, der ja bekanntlich ein Schüler von Platon war, hat übrigens diese Suche nach der allgemeinsten aller Hypothesen auch durchgeführt. Und sein Kandidat ist der Satz vom Widerspruch. Diesem Satz habe ich ebenfalls gewidmet und ich muss sagen, dass er für mich auch ein ganz heißer Kandidat neben ein paar anderen formallogischen Prinzipien ist.

Platons Methodologie und ihre Probleme

Doch zurück zu Platon und zu dem, was ich die Methodologie seiner Wissenschaftstheorie nennen möchte. Für Platon ist der Dialog die Methode, mit der sich eine Hypothesenprüfung am besten durchführen lässt. Daraus ergeben sich aber zwei methodische Probleme:

Zum einen ist dies eine geisteswissenschaftliche Wissenschaftstheorie. Im Dialog werde ich nie herausfinden können, ob Gravitationswellen existieren. Dafür muss ich empirische Forschung betreiben.

Zum anderen ist die Hypothese, auf die sich die Gesprächspartnerinnen im Dialog am Ende einigen, immer nur so gut, wie die Untersuchenden schlau sind. Nur weil ihnen kein Argument dagegen einfällt, heißt das nicht, dass es keines gibt. Es ist zumindest prinzipiell nie ausgeschlossen, dass unser Wissen sich am Ende doch als falsch herausstellt.

Ist das klar? Stellt euch vor, eine Android-Userin diskutiert mit einem iOS-User, welches das bessere Betriebssystem ist. Daneben steht ein Windowsphone-User und weint leise. Am Ende gewinnt die Android-Userin mit dem Argument, dass Android ein quelloffenes Betriebssystem ist, das jede weiterentwickeln kann. Es ist aber dennoch nicht bewiesen, dass Android besser ist als iOS, denn es könnte ja ein noch besseres Argument geben, das dem iOS-User bloß nicht einfällt. Während Platon also die der Welt zugrunde liegende Hypothese sucht, wird er am Ende immer nur jene Hypothese finden, die dem Erkenntnisvermögen der am Dialog Beteiligten zugrunde liegt.

Der metaphysische Schauer

Platon verwendet übrigens wiederholt die Formulierung, dass die Ideen “geschaut” werden müssen, die ich ja auch schon einwarf. Die Ideen lassen sich nach Platon nicht logisch erschließen sondern nur erleben. Die Schau der Ideen geschieht plötzlich, unerwartet und lässt sich nicht in Worte fassen. Erst ein solches Erlebnis der Ideen mache das Leben lebenswert und wem es zuteil werde, der würde verstehen, warum die Ideen wirklicher sind als unsere Welt der Erfahrungen.

Platon beschreibt mit der Schau der Ideen eine metaphysische Erfahrung oder auch einen metaphysischen Schauer. Wenn ihr euch intensiv mit Philosophie beschäftigt, euch durch einen komplizierten Text quält, mit einer vertrackten Theorie ringt, dann kann es vorkommen, dass ihr plötzlich einen Moment er Erkenntnis erlebt, der geradezu extatisch ist und ihr das Gefühl habt: Ja, das ist Wahrheit!

Ich vermute stark, dass das der Reiz ist, den viele in Religion finden, diese Erfahrung der absoluten Gewissheit. Das Problem ist, dass wir uns in der Philosophie nicht darauf ausruhen können. Denn meist ist der metaphysische Schauer genauso schnell verflogen, wie er kam. Und aus einem Gefühl, dass etwas wahr ist, lässt sich nicht ableiten, dass es auch tatsächlich wahr ist.

Der späte Platon hat das auch erkannt und sich von der Schau der Ideen, die er in den mittleren Dialogen noch als erkenntnistheoretisches Mittel annahm, verabschiedet. Wenn uns die Ideenlehre überhaupt etwas bringen soll, dann müssen wir sie uns argumentativ erschließen. Metaphysische Erfahrungen und extatische Gefühle mögen Spaß machen, aber das Spiel der Philosophie wird mit Worten gespielt und wahr kann nur sein, was ich auch begründen kann und nicht nur irgendwie erleben.

Das Rätsel, wie wir Erkenntnis von den Ideen erlangen, bleibt ungelöst. Wir aber verabschieden uns jetzt von Platons Erkenntnistheorie und schauen uns beim nächsten Mal an, was er zur unsterblichen Seele zu sagen hat.