Kant, Aristoteles und die selbstlose gute Tat

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handelt selbstlos

Das ist der Podcast zur YouTube-Folge über die selbstlose gute Tat.

Kant, Aristoteles und die selbstlose gute Tat

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 12

Beim Vorbereiten auf Aristoteles kam mir ein Thema in den Sinn, mit dem ich mich vor ein paar Jahren schon einmal in meinem Blog auseinandergesetzt habe: Die selbstlose gute Tat. Nach Kant gibt es sie quasi nicht. Mit Aristoteles kann man das anders sehen. Zu Recht, wie ich finde.

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Rassismus

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unterscheidet sich nicht von anderen

Die Philosophie der Neuen Rechten – Teil 1

Dies ist der Beginn meiner kritischen Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten. Heute geht es um Rassismus. Ich stelle diese Theorie vor, gebe ihre Philosophie-Geschichte wieder und widerlege sie.

Als Leseempfehlung habe ich für euch, die Jenaer Erklärung.

Vernunft

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ist ziemlich unvernünftig

Adventskalender Türchen 22

In diesem Advent präsentiere ich euch einen kleinen philosophischen Adventskalender. Jeden Tag stelle ich einen philosophischen Begriff vor und mache mir ein paar Gedanken dazu.

Heute geht es um die Vernunft.

 

Geist

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wenig geistreich

Adventskalender Türchen 7

In diesem Advent präsentiere ich euch einen kleinen philosophischen Adventskalender. Jeden Tag stelle ich einen philosophischen Begriff vor und mache mir ein paar Gedanken dazu.

Heute geht es um den Geist.

Das Dilemma von ‘Terror – Ihr Urteil’

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steuert ein Flugzeug-Dilemma

Welches ethische Problem macht ‘Terror – Ihr Urteil’ auf?

Im Oktober 2016 lief das Theaterstück ‘Terror – Ihr Urteil’ von Ferdinand von Schirach als Fernsehspiel in der ARD. Es wurde ausgiebig und kontrovers diskutiert. Ich habe das zum Anlass genommen, um über die Philosophie von ‘Terror – Ihr Urteil’ zu sprechen.

Epilog zu Platon

Hier geht s heute zum letzten Mal um Platon. Also wahrscheinlich, eventuell,  vorerst vielleicht. Ganz sicher ist hingegen, dass ihr entweder das Video sehen könnt oder den Text lesen.

Lasst uns noch einmal zurückblicken, was wir alles über Platon erfahren haben. In den letzten drei Jahren habe ich euch in 32 Teilen von Platon erzählt. Ihr hättet lernen können, dass er ein Schüler von Sokrates’ war. Dass er ein spitzenmäßiges Apfelkuchenrezept hatte und dass Platons Philosophie in drei Phasen aufgeteilt wird: den frühen, mittleren und den späten Platon. Ich habe mich hier zumeist auf den mittleren Platon konzentriert, denn es ist der Platon der großen Entwürfe.

Der Platon der großen Entwürfe

Der größte der großen Entwürfe ist Platons Ideenlehre, die bis heute für die theoretische Philosophie von Relevanz ist, auch wenn sie natürlich oft und hart kritisiert wurde. Neben der Ideenlehre ist Platon für seine Ethik bekannt, wo er, wie wir sahen, hart für eine universalistische Auffassung  des Guten eintrat. Die Staatstheorie, die er daraus folgerte, ist zwar nicht minder berühmt, darf aber meines Erachtens getrost auf dem Müllhaufen der Philosophiegeschichte entsorgt werden gleich neben Hegels Weltgeist und Heideggers … was auch immer Heidegger gemacht hat. Ganz im Gegenteil etwa zur berühmten platonischen Liebe und seiner Definition von Wissen, die noch immer awesome sind.

Neben diesen Kernthemen habe ich noch zahlreiche andere angesprochen und dennoch – wie könnte es anders sein – habe ich nur einen kleinen Teil der gesamten platonischen Philosophie angekratzt, als wäre sie ein zu tief gefrorenes Kratzeis. Peter Adamson vom schönen Podcast “The History of Philosophy without any Gaps” sagte mal, für ihn stehe ohne jeden Zweifel fest, dass er auf eine einsame Insel die gesammelten Werke Platons mitnehmen würde, denn mit ihnen kann man sich problemlos ein Leben lang beschäftigen. Und auch ich kann nur empfehlen, euch mal einen frühen platonischen Dialog zu schnappen, euch damit am besten in eine altehrwürdige Bibliothek zu setzen, den Dialog zu lesen, mit dem Einschlafen zu kämpfen und darüber nachzudenken. So habe ich meine Liebe zur Philosophie entdeckt.

Platon und die Schönheit

Eine von all den vielen Sachen die ich weitgehend ausgelassen habe, war ein der drei philosophischen Kerndisziplinen. Wir hatten uns mit den beiden philosophischen Bereichen beschäftigt, die Kant in einem berühmten Zitat aus der Kritik der praktischen Vernunft wie folgt zusammengefasst hat:

“Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.”

Der olle Königsberger spricht hier von der Erkenntnistheorie und der Ethik. Aber es gibt eben noch einen dritten Zweig am philosophischen Baum: den der Ästhetik und den habe ich bei Platon fast komplett ausgelassen. Das liegt daran, dass Platon so seine Probleme hatte mit der Untersuchung der Schönheit. Gewiss im Symposion blitzt sie im Zusammenhang mit der Liebe gewissermaßen notgedrungen auf. Ich hatte die dort gegebene Definition der Idee der Schönheit im Rahmen der Ideenlehre wiedergegeben. Doch insgesamt war Platon skeptisch, was Schönheit anbelangt. Umberto Eco schreibt in seiner Geschichte der Schönheit, dass Platon meinte, sie lenke von der Wahrheit ab.

Platons Skepsis gegenüber dem Schönen und der Kunst zeigte sich zum Beispiel im Liniengleichnis. Hier stellte Platon die Abbilder auf die unterste Stufe der Erkenntnis. Zwar sprach er auch über natürliche Spiegelungen und Schatten, doch spätestens in der Wirkungsgeschichte wurden vor allem die gefertigten Abbilder verstanden. Auch der ganze Zensurapparat im Staat zielt darauf hin, die Macht ästhetischer Werke zu beschränken und lediglich pure Erkenntnis den Bürgern zugänglich zu machen. Interessant daran ist, dass Platon mit diesen Maßnahmen implizit eingesteht, dass Kunst wirkungsmächtig ist, dass sie einen enormen Einfluss auf unser Leben und unsere Sicht der Welt hat. Und genau aus diesem Punkt ist sie auch ein wichtiger Gegenstand zukünftiger Betrachtungen in dieser meiner Reihe.

Blick nach vorne

Damit bin ich bei der Frage, wie es hier weitergeht. Und darauf kann es nur eine Antwort geben: mit Aristoteles. Mit Platons Schüler schließe ich die großen Drei der Antike ab: Sokrates, Platon und eben der gute alte Ari. Aristoteles hat sich übrigens im Gegensatz zu Platon ausführlich mit Ästhetik beschäftigt, wie er überhaupt das ein oder andere Feld aufgriff, das Platon mit Missachtung strafte, zum Beispiel die Rhetorik. Ich werde in meiner Aristoteles-Reihe daher immer wieder darauf zurückkommen, wo Aristoteles explizit oder implizit sich von seinem großen Lehrer abhebt und ihn kritisiert. Ihr seht, ihr werdet Platon nicht los.

Aristoteles wird natürlich nicht der einzige bleiben, der seine Philosophie in einer Auseinandersetzung mit Platon begründet. Ein letztes Mal haue ich euch noch Alfred Whiteheads Zitat um die Ohren:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.”

Platon war für die europäische Philosophie ein Fluch und ein Segen zugleich. Ich weiß, dieser Satz ist ein Klischee, aber erst ist auch so wahr wie der nächste, der nicht weniger ein Klischee ist: Platon war ein Genie. Er hat so viele Dinge vielleicht nicht zum ersten Mal gedacht, aber zumindest aufgeschrieben und uns so überliefert, dass er Wege ebnete, die die Philosophie von da an gehen konnte. Aber wo immer er eine Tür geöffnet hat, blieben natürlich auch andere verschlossen, durch die er genauso hätte gehen können.

Der vergessene Platon

Bei diesem enormen Einfluss, den ich im Detail ja in den letzten 32 Teilen immer wieder ansprach, ist es erstaunlich, dass es Phasen in der Philosophiegeschichte gab, in denen Platon fast vergessen war. Wenn man Bücher zur Geschichte der Philosophie liest, gewinnt man leicht den Eindruck, dass nach Platon und Aristoteles ein bisschen Mittelalter lag und dann gleich Descartes kam. Dass zwischen Platon und der philosophischen Neuzeit knapp 1.900 Jahre lagen, verliert man leicht aus den Augen.

Platon hatte seine Legacy selbst eingeleitet mit der Gründung der Akademie, die auch unglaubliche 300 Jahre fortbestand, doch spätestens 87 v. Chr. kam der Unterricht zum erliegen, als die Römer Athen eroberten und die Akademie verwüsteten. Es gab noch ein paar Versuche, die Tradition aufrecht zu erhalten, doch ca. 44 v. Chr. war dann endgültig Schluss.

Platons Lehren gerieten in weiten Teilen der philosophischen Welt in Vergessenheit, lediglich in Ägypten wurde die Flamme am Leben erhalten. Von hier aus brachte dann Platons Lehren der Philosoph und Namens-Remix-Begründer Plotin ca. 280 Jahre später nach Rom und die Epoche der Neuplatoniker wurde begründet. Der Neuplatonismus breitete sich nach Konstantinopel, Syrien und erneut Ägypten aus. Auch wenn der Kirchenvater Augustinus von Hippo Platons Lehren weitgehend christianisierte, hatten im Christlichen Europa die meisten Schriften Platons einen schweren Stand und im 6. Jahrhundert kam diese Tradition dann zum Erliegen. Teile des Platonismus wurden mit der Christlichen Philosophie weitergetragen und auch in Konstantinopel und Baghdad wurden seine Lehren wohl bis ins 11. Jahrhundert hier und dort am Leben gehalten. Doch schließlich wurde es still um den alten Philosophen.

Erst vierhundert Jahre später erlebte Platon mit der Renaissance in Italien auch seine Wiedergeburt und spätestens seit dem Beginn der Neuzeit gehört eine kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophenkönig zum Standardrepertoire der Philosophen.

Ende

So, das war es. Das war, was ich euch zu Platon zu erzählen hatte. Gemessen an seinem Werk war es nicht viel und mein Anspruch ist bescheiden,  ich hoffe lediglich,  dass, was ich sagte, halbwegs stimmt.

Wir gesagt, es ist bestimmt kein Abschied für immer. So lange dieser Blog bestehen bleibt, so lange wird uns der erste große Philosoph immer wieder begegnen. Für mich ist es jetzt aber Zeit, voranzuschreiten. Weit muss ich dabei nicht gehen, denn schon als Platon noch selbst in der Akademie unterrichtete, saß da ein wissbegieriger Schüler in der ersten Reihe und sollte ein nicht minder großer Philosoph werden: Aristoteles.

Haltet mir die Treue, es wird ein bisschen dauern, bis ich mit dem Wälzen der Texte von und zu Ari fertig bin. Damit euch nicht langweilig wird, werde ich hier die eine oder andere Text für euch zu philosophischen Themen droppen. Doch am Ende gebe ich Platon selbst das Wort. Mit den letzten Zeilen aus dem Dialog Protagoras:

Da sagte Protagoras: Lieber Sokrates, ich lobe deinen Eifer und deine Durchführung des Gespräches. Glaube ich doch, auch sonst kein schlechter Mensch, am allerwenigsten aber neidisch zu sein, und so habe ich mich denn auch über dich schon gegen viele dahin ausgesprochen, daß ich von allen denen, mit welchen ich in Berührung komme, dich am meisten hochschätze, vor allem unter denen, die gleichen Alters mit dir sind; und so erkläre ich denn auch, daß es mich nicht wundern sollte, wenn du einst unter den Männern genannt werden wirst, denen ihre Weisheit einen berühmten Namen erwarb. Aber über diese Gegenstände wollen wir, wenn es dir recht ist, ein andermal sprechen! Jetzt aber ist es Zeit, uns auch einmal zu etwas anderem zu wenden.

Gut, sagte ich, so wollen wir es machen, wenn du meinst. Denn auch für mich ist es schon längst Zeit, dahin zu gehen, wovon ich sprach, und nur dem schönen Kallias zu Gefallen bin ich hier geblieben.

Nachdem wir so mit einander geredet und einander zugehört hatten, trennten wir uns.

Platon – Das Euthyphron-Dilemma

Heute möchte ich über ein vertracktes philosophisches Problem sprechen: Das Euthyphron-Dilemma. Hier im Video oder darunter zum Lesen …

Warum beschäftige ich mich mit Metaphysik?

Zunächst möchte ich noch einen Umweg einschlagen: Bei meinen Erörterungen zu Platons Seelentheorie kam oft der Einwand: “Das ist doch keine Philosophie. Das ist esoterischer Blödsinn. Warum beschäftigst du dich damit?” Ich ahne, dass ich ähnliche Kritik auch hören werde, wenn ich mich jetzt mit Gott auseinandersetze. Und ich verstehe diese Vorbehalte! Wirklich. Auch ich habe das eine oder andere kognitionswissenschaftliche Buch gelesen und weiß, was alles gegen die Existenz der Seele spricht. Genauso bei Gott: Auch ich lebe nach Reformation und Aufklärung, habe Kant gelesen, kenne Russels Teekanne und habe Dawkins gelesen. Dennoch beschäftige ich mich mit solchen Fragen. Warum? Das hat drei Gründe:

  1. 2000 Jahre lang war Metaphysik einer der wichtigsten Zweige der Philosophie.  Nur weil sie in den letzten hundert Jahren aus der Mode kam, sollten wir sie nicht komplett ignorieren. Wenn wir sie erst einmal vorbehaltlos betrachten, lernen wir vielleicht etwas … Das führt uns zu:
  2. Damit können wir unseren Geist trainieren. Argumentationen nachzuvollziehen, ist das Basisgeschäft der Philosophie. Und Platon ist einer der Großmeister des Argumentierens. Ein Fußballer tut gut daran, die Bewegungsabläufe von Lionel Messi zu studieren, auch wenn er sie sich nicht zu eigen machen will. Entsprechend tun wir gut daran, die Argumentationsabläufe von Platon zu studieren, denn …
  3. Nur zu sagen “ich glaube nicht an Gott” oder “ich glaube nicht an die Seele”, reicht nicht. Das ist keine Philosophie. Zu Philosophie wird unser Glaubenssatz erst, wenn er wahr und begründet ist. Um gut begründen zu können, müssen wir erst einmal die Gegenargumente kennen und dann können wir uns überlegen, wo wir da einhaken.

Doch jetzt ist es an der Zeit, uns damit zu beschäftigen, was Platon über Gott gesagt hat …

Die drei Phasen der Platonischen Philosophie

Dafür müssen wir uns noch einmal die drei Phasen der Platonischen Philosophie ins Gedächtnis rufen:

Es gab den frühen Platon, der noch stark geprägt war von seinem Lehrer Sokrates und der Sokratischen Wende. Wenn ihr nicht mehr wisst, was die sokratische Wende war, solltet ihr euch dringend noch einmal meine Sokrates-Texte lesen. Der frühe Platon jedenfalls kümmerte sich um Fragen der Ethik. Er gab selten definitive Antworten, widerlegte eher als dass er bewies.

Platons zweite Phase war dann die der großen Entwürfe: Allem voran entwarf er die Ideenlehre und begann mit ihr als Basis Beweise aufzustellen. Der Phaidon und seine Beweise von der unsterblichen Seele fallen in die Zeit des mittleren Platons. Platon interessierte sich für das Jenseitige noch mit einem stark menschlichen Fokus und argumentierte stark aus seiner Ideenlehre heraus.

In seiner dritten und letzten Phase begann Platon schließlich einerseits die Ideenlehre zu kritisieren und mit ihr verbundene Probleme aufzuzeigen. Andererseits ließ er auch die Sokratische Wende hinter sich und frug wieder die ganz große vorsokratische Frage: Was ist die Welt? Oder auch: Was ist der Kosmos?

Das Spiel der Gottesbeweise

In diesem späten Abschnitt von Platons Schaffen findet sich der Platonische Gottesbeweis, der sich entsprechend auch kosmologischer Gottesbeweis nennt. Die spannenden Dialoge sind hierfür der Phaidros und die Nomoi, die Gesetze. Doch bevor wir uns anschauen, wie Platon versucht, die Existenz Gottes zu beweisen, möchte ich noch einen Blick in einen der frühen Dialoge werfen, in den Euthyphron.

In den Jahrtausenden nach Platon, nachdem das Christentum in Europa seinen Siegeszug angetreten hatte, waren Gottesbeweise ein beliebter Sport unter Philosophen. Viele haben sich daran gewagt aus ihrem Glauben Wissen zu machen und dies taten sie auf mannigfache Art und Weise. Ein solcher Gottesbeweis ist zum Beispiel der ethische Beweis, wie ihn unter anderem Johann Gottlieb Fichte vertreten hat. Er geht ungefähr so:

Wir Menschen verfügen über ein Gewissen, das uns in einer inneren Stimme sagt, was gut und was böse ist. Oft spricht unser Gewissen dabei aber gegen unsere eigenen Interessen und Vorteile an, etwa bei der Frage, ob ich als Banker das Geld meiner Kunden riskant investieren soll: Ich persönlich habe dadurch nur Vorteile, denn ich kann nicht verlieren – es ist ja nicht mein Geld. Ich kann wiederum viel gewinnen, wenn die Wette aufgeht und ich eine entsprechende Provision bekomme. Mein Gewissen sagt mir aber, dass das falsch ist, entsprechend rät es mir zu einer Handlung, die meinen eigenen Interessen entgegensteht. Die Stimme des Gewissens kann wegen dieses Widerspruchs zu meinen Interessen nicht meine eigene Stimme sein. Wessen Stimme ist es dann? Es ist die Stimme Gottes.

Das Euthyphron-Dilemma als Argument gegen die Existenz Gottes

Ich persönlich halte diesen Gottesbeweis für ungefähr so überzeugend wie die Idee, dass 50 Shades of Grey ein guter Film sein soll. Es gibt vieles, das gegen ihn spricht und eines davon ist das sogenannte Euthyphron-Dilemma. In Platons Dialog Euthyphron geht es um Frömmigkeit sowie um das mit ihr verbundene und nach diesem Dialog benannte Dilemma.

Ein Dilemma ist eine philosophische Zwickmühle, bei der ich mich zwischen zwei Schlussfolgerungen  entscheiden muss, die sich gegenseitig ausschließen und die uns beide mit einem bitteren Geschmack zurücklassen. Das Euthyphron-Dilemma lautet nun: Ist das Gute gut, weil Gott es gebietet oder gebietet Gott das Gute weil es gut ist?

Egal, wie wir auf diese Frage antworten, die Konsequenzen sind eher ungünstig für unser Weltbild: Wenn die Ethik nur existiert, weil Gott sie gebietet, dann ist sie etwas Willkürliches, hat keinen intrinsischen Wert. Wenn Gott von uns zum Beispiel Menschenopfer verlangt, dann ist das gut – ganz egal, was wir darüber denken.

Wenn aber andererseits Gott die Ethik nur deshalb gebietet, weil sie gut ist, dann ist Gott nicht allmächtig, sondern muss sich selbst nach einem noch höherem Prinzip richten. Da es aber zur Definition von Gott gehört, dass er allmächtig ist, kommt dies schon einem Argument nahe, dass es Gott nicht gibt. Genau diesen Weg beschritt übrigens Bertrand Russell in seiner Gotteswiderlegung und auch Platon steht hart für das absolute Gute ein.

Dieses Dilemma spiegelt sich übrigens exakt in der Frage, ob Homosexualität eine Sünde ist. Fundamentalistische Christen sagen: „Das steht in der Bibel, also sagt es Gott und was Gott sagt, ist ethisch gut.“ Wir laizistischen Menschen sagen hingegen: Homosexualität ist erstens angeboren und schadet zweitens niemandem, sie ist also nicht böse. Entsprechend ist entweder falsch, was in der Bibel steht oder Gott befiehlt etwas, das der Ethik widerspricht, was wiederum hart gegen die Existenz Gottes spricht.

Das Euthyphron-Dilemma lässt sich also als Argument gegen die Existenz Gottes verwenden. Aber eigentlich wollte ich euch ja erzählen, was nach Platon für die Existenz eines göttlichen Wesens spricht. Das schauen wir uns beim nächsten Mal an.

Platon – Die Anamnesislehre

Heute möchte ich zusammen mit euch den skeptischen Zweifel überwinden, dass Erkenntnis nicht möglich ist, dass wir also nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden können und euch stattdessen Platons Ausweg zeigen: Die Anamnesislehre. Hier als Video oder darunter als Text.

Erinnert ihr euch noch an die Mäeutik von Sokrates? Also die Theorie, dass wir Wissen schon in uns tragen und man es nur – zum Beispiel durch geschicktes Fragen – zur Welt bringen muss? Ich hatte damals im dritten Sokrates-Teil die Frage gestellt, wo das Wissen denn herkommt, aber ich hatte euch keine Antwort darauf geliefert nur eine Analogie zu unseren heutigen Auffassungen von impliziten und expliziten Wissen.

Nun, Platon gibt eine Antwort: Dieses Wissen kommt daher, dass unsere Seele vor unserer Geburt die Ideen an einem überhimmlischen Ort, einem topos hyperuranios geschaut hat. Das ist die sogenannte Anamnesis-Lehre. Also die Lehre von der Wiedererinnerung. Implizites Wissen beweist nach Platon sowohl dass die Seele unsterblich ist, als auch, dass Ideen existieren. Hier benutzt er das Bild von der Tafel wieder: Unser Erkenntnisvermögen kommt nicht als leere Tafel (als Tabula Rasa) auf die Welt, auf die dann die Sinneseindrücke eingeprägt werden, stattdessen ist die Tafel bereits vorgeprägt. Sie strukturiert von Anfang an die Sinneseindrücke gemäß ihrer Vorprägung.

Jetzt mal ganz abgesehen von dem ganzen metaphysischen Unterbau. Die Erkenntnis, dass unsere Seele, unser Geist oder unser Gehirn keine Tabula Rasa ist, sondern selbst etwas mitbringt, um die Sinneseindrücke zu strukturieren, ist eine verdammt gute Theorie. Eine Theorie, die noch heute über 2300 Jahre später Bestand hat. Kant macht zum Beispiel klar, dass wir das Kausalitätsprinzip nicht empirisch beweisen können. Denn alle unsere Beweismethoden setzen die Existenz der Kausalität immer schon voraus. Mit anderen Worten: Unser Geist bringt das Konzept der Kausalität hervor. Oder in Platons Worten: Wir haben die Idee der Kausalität geschaut und daher war sie in unsere Seele vorgeprägt.

Ein anderes Beispiel: Der Linguist und Philosoph Noam Chomsky vertritt die Theorie, dass uns die Sprache angeboren ist. Und zwar glaubt er nicht nur, dass dem Menschen ein abstraktes Sprachvermögen angeboren ist, sondern meint, dass wir schon die Grammatik mit auf die Welt bringen und als Kleinkind nur lernen, zu differenzieren, welche der möglichen Grammatiken wir in unserer Sprachgemeinschaft verwenden. Sein Argument dafür ist, dass die Zeit, in der das Kleinkind Sprache lernt, zu kurz ist für die Leistung, die es schon mit 1,5 bis 2 Jahren hervorbringt. Obendrein ist nach Chomsky die Datenmenge, die das Kind als Input bekommt, viel zu gering, um so ein komplexes System wie die Grammatik zu erlernen. Er vergleicht die Komplexität der Grammatik einer Sprache mit der Quantenphysik. Und kein Kleinkind ist in der Lage, Quantenphysik zu lernen, aber alle lernen, zu sprechen.

Schließlich geht auch die Psychologie heute davon aus, dass unsere Gehirne einiges mit auf die Welt bringen, etwa die Fähigkeit, Muster zu erkennen. Ich hoffe, ihr versteht jetzt, dass Platon ein verdammtes Genie war und warum ich meine Platon-Staffel mit dem Zitat Alfred North Whiteheads begonnen habe:

“Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, daß sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.” 

Zurück zur Anamnesis-Lehre: In Platons Dialog ‘Menon’ lässt Sokrates einen Sklaven ohne schulische Ausbildung geometrische Aufgaben lösen. Durch geschicktes Fragen führt Sokrates ihn zur Lösung. Da der Sklave diese Aufgaben nicht in dieser Welt gelernt hat, schließt Platon, dass seine Seele die Lösungen schon vor der Geburt gekannt haben muss und nun bloß dazu gebracht werden muss, sich wieder zu erinnern.

Platons Antwort auf die große Frage: Was ist Wissen? Lautet also: Die Wiedererinnerung an die Ideen, die unsere Seele vor ihrer Geburt geschaut hat. Das ist ein eleganter Ausweg aus dem Münchhausen-Trilemma, wenn man zweierlei akzeptiert:

  1. Dass die Ideenlehre stimmt – womit wir schon in Vergangenheit ein Problem hatten.
  2. Dass die Seele unsterblich ist – womit wir vielleicht in der Zukunft ein Problem bekommen werden.

Doch bevor wir uns Platons Unsterblichkeitsbeweisen und anschließend seinem Gottesbeweis zuwenden, werden wir beim nächsten Mal erst noch den Themenblock Erkenntnistheorie abschließen, indem wir uns fragen, was der alte Grieche zum Teilbereich der Wissenschaftstheorie zu sagen hat.

Platon – Was ist eigentlich ein Irrtum?

Heute möchte ich mich der Frage widmen, was eigentlich ein Irrtum ist. Und ich warne euch vor, das hier ist ein harter Brocken, eine Dehnübung für eure Seele. Aber bleibt dran, am Ende werdet ihr mit zwei schönen Erklärungen belohnt. Wie immer gibt es das hier als Video oder darunter als Transkript:

In meinen Wahrnehmungen kann ich mich irren

Beim letzten Mal hatten wir zusammen mit Platon die These geprüft, ob Wissen Wahrnehmung ist. Platon hatte viele Argumente dagegen präsentiert, das für mich stärkste Argument ist aber: Wissen ist das Gegenteil von Irrtum. In meinen Wahrnehmungen kann ich mich aber irren, daher kann Wissen nicht gleich Wahrnehmung sein. Dieses Argument ist besonders stark, weil der Schluss rein semantisch ist. Die Wahrheit ergibt sich aus der Wortbedeutung. Das nennt man einen analytischen Schluss oder ein analytisches Urteil. Während ich mich bei einem empirischen Schluss irren kann, weil meine Daten über die Welt falsch sein können, ist dies bei einem analytischen Urteil nicht möglich.

Da also Wahrnehmung ausscheidet, machen sich in Platons Dialog Sokrates und Theaitetos sowie dessen dumm daneben stehender Lehrer daran, eine zweite These aufzustellen, was Wissen sein könnte. Beim letzten Mal habe ich erläutert, dass die Definition „Wissen ist Wahrnehmung“ die Geburtsstunde der philosophischen Strömung des Empirismus war. Nun dürfen wir zusehen, wie Platon eine zweite große philosophische Strömung aus der Taufe hebt: Den Rationalismus. Denn wenn Wahrnehmung – also das, was von der Welt auf uns Menschen einströmt – als Kandidat für Wissen gescheitert ist, dann erscheint es doch lohnend, das zu prüfen, was wir Menschen der Welt entgegenbringen: Das Denken.

Die reine Lehre des Rationalismus sollte später werden, dass echte Erkenntnis nur mit voraussetzungsfreiem Denken möglich ist. Bitte bedenkt, dass ich das wieder einmal bewusst extrem verkürzt ausgedrückt habe, bevor ihr mir diese Definition um die Ohren haut. Große Rationalisten sollten später so Philosophen wie Descartes und Leibniz werden. Der reine Rationalismus musste allerdings erst durch Kant und dann durch die moderne Psychologie schwere Schläge einstecken, sodass er in dieser naiven Form nicht mehr vertreten wird. Aber dennoch sind noch heute viele Philosophen von ihm geprägt, insbesondere in meiner Lieblingsströmung, der analytischen Philosophie.

Indirekter Beweis von Wissen ist wahre Meinung

Zurück zu Platon: Der stellt nämlich fest, dass nicht jede Form von Denken als Kandidat für Wissen in Frage kommt. Ich sitze hier gerade und frage mich: “Was mache ich hier eigentlich?” Diesen Satz kann ich wohl kaum Wissen nennen. Nein, Wissen kann nur die Art von Denken sein, die auch wahr oder falsch sein kann, wie zum Beispiel: „Das Studioset zu ‘Das Fenster zum Hof’ war das damals größte Set aller Zeiten.” Entsprechend lautet Platons zweite, zu prüfende Definition: “Wissen ist wahre Meinung”.

Platon lässt Sokrates die Untersuchung dieser These mit einem indirekten Beweis beginnen, indem er fragt, was denn eigentlich falsche Meinung ist. Sokrates macht dies, weil er zeigen will, dass falsche Meinungen existieren, um sie dann im nächsten Schritt den wahren Meinungen gegenüber zu stellen. Das ist eine beliebte Strategie in der Philosophie, wenn man seine These besonders stark machen will: Erst einmal ausschließen, was etwas nicht ist.

Was ist also diese falsche Meinung? Platon schlägt vier Kandidaten vor und ich warne euch schon einmal – die vier machen Knoten ins Gehirn. Da wären:

  1. Wenn ich eine falsche Meinung habe, halte ich dann etwas, das ich kenne, für etwas anderes, das ich kenne?
  2. Vielleicht ist falsche Meinung auch, etwas, das ich nicht kenne, für etwas zu halten, das ich ebenfalls nicht kenne?
  3. Natürlich könnte ich auch etwas, das ich kenne, für etwas halten, das ich nicht kenne.
  4. Oder (zu guter Letzt) kann ich etwas, das ich nicht kenne, für etwas halten, das ich kenne.

Platon hält alle vier Möglichkeit für unmöglich. Etwas, dass ich kenne, kann ich nicht verwechseln, da ich es ja kenne. Aber etwas, das ich nicht kenne, kann ich nicht verwechseln, weil ich es eben nicht kenne. Es gibt also keine falsche Meinung.

Alter! Das ist ein typischer Platon-Mindfuck, bei dem dir fast der Schädel platzt, wenn du versuchst, nachzuvollziehen, was um Himmels Willen er überhaupt meint. Bei aller Kritik, muss ich aber auch sagen, dass die Systematik, mit der Platon hier vorgeht, sehr elegant ist. In der Aussagenlogik könnte man die vier Sätze durch Variablen ersetzen und würde sehen, dass Platon tatsächlich alle Möglichkeiten abdeckt.

p = q
-p = -q
p = -q
-p = q

Nur die Schlussfolgerung, dass keine der vier Möglichkeiten in Betracht kommt, ist absurd. Walter Bröcker meint, dass diese Untersuchung überhaupt nur entstehen konnte, weil es im Altgriechischen keine Unterscheidung zwischen „Kennen“ und „Wissen“ gab. Da ich Altgriechisch nicht beherrsche, kann ich das nicht beurteilen. Ich sehe hier aber mal wieder das gleiche Problem, das wir auch schon im Zusammenhang mit dem Prädikat „groß“ hatten: Platon berücksichtigt nicht, dass es mehr als Entweder-Oder-Entscheidungen gibt, dass die Welt voller Kontinuen ist.

Beispielsweise ist es nicht so, dass ich Justin Bieber entweder kenne oder nicht. Ich kann Justin Bieber auch ein bisschen kennen, wenn ich weiß, dass er Popmusiker ist, dass er ein weißes, blondes Bübchen ist, also eben dieser Typ:

PHOTO by Steven L. Shepard, Presidio of Monterey Public Affairs. CC0.

Oh, jetzt habe ich ihn wohl mit irgendjemandem verwechselt. einen anderen Justin, den ich eben auch nur ein bisschen kenne …

Anyway, Platons nächste Definition von falscher Meinung lautet: Falsche Meinung ist, zu meinen, was nicht ist. Doch auch diese Definition scheint zu scheitern, denn nach Platon ist Meinen immer “etwas meinen”. Das ist soweit korrekt. Ich meine, dass Berliner fritierte Teigbällchen mit Marmeladenfüllung sind, die in Puderzucker gewälzt wurden. Also wenn das mal nicht etwas ist! Aber dieses „Etwas“ kann immer nur etwas sein, das existiert, so Platon.

Pfff … Das sind so ontologische Problemchen, von denen ich mit 2000 Jahren Abstand meine, dass du sie einfach nicht mehr ernst nehmen kannst. Natürlich kann ich von Nichtseiendem meinen, dass es ist. Beispiel gefällig? Einhörner existieren. Basta. Außerdem unterscheidet Platon nicht zwischen logischem Subjekt und logischem Prädikat. Ich kann zum Beispiel sagen: Pferde haben die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Dann habe ich einem Subjekt, das existiert, nämlich dem Pferd, etwas zugeschrieben, das nicht existiert, nämlich die Farbe MÖÖÖÖÖÖÖP. Ihr seht, Platons Definition ist gleich in mehrere Hinsicht falsch.

Nun gut, Platon sieht das anders und prüft eine dritte Definition: Falsche Meinung ist Verwechslung. Das ist genau unser Fall mit den zwei Justins. Aber Platon lehnt diesen Fall auch wieder ab, da ich bei der Verwechslung etwas, das ich kenne für etwas anderes halte, das ich kenne. Wie schon gesagt, kennt Platon aber kein graduelles Kennen, daher zieht er den absurden Schluss, dass es keine Verwechslung gibt.

Nun ist Platon zwar ein weltfremder Philosoph, aber auch nicht ganz doof, weswegen er Theaitetos und Sokrates die Erkenntnis beschert, dass ihr Ergebnis nicht stimmen kann, denn wir alle kennen ja Verwechslungen. Und ich kann euch beruhigen, jetzt wird das alles wieder verständlicher.

Wachstafel und Taubenschlag

Um zu erklären, wie Verwechslungen zustande kommen, entwirft Platon zwei weitere berühmte Gleichnisse: Das Bild von der Wachstafel und das Bild vom Taubenschlag. Um Verwechslungen in der Wahrnehmung – wie bei unseren beiden Justins – zu erklären, dient die Tafel.

Demnach ist unsere Seele (wir können auch Geist oder Gehirn sagen) wie eine Wachstafel und jedes Mal, wenn wir einen Sinneseindruck haben, dann wird dieser in die Tafel im wahrsten Sinne des Wortes eingedrückt (ob daher wohl die Metapher kommt?). Diese Eindrücke sind nun unterschiedlich tief und tragen sich zudem mit der Zeit ab. Wir vergessen, wenn wir einer Erinnerung nicht Nachdruck verleihen.Eine Verwechslung ist nun, wenn wir beispielsweise Timberlake begegnen, ihm aber in unserem Kopf den Eindruck von Bieber zuordnen. Na das ist doch mal eine schöne und verständliche Erklärung gewesen!

Allerdings gibt es auch noch andere Arten von Irrtümern, bei denen uns das Bild von der Wachstafel nicht mehr weiterhilft. Es sind Fälle von falschen Schlussfolgerungen: Etwa bei Fällen, in denen ich mich verrechne. Oder wenn ich zum Beispiel aus der Tatsache, dass eine Gruppe von Muslimen in Köln Frauen massiv belästigt hat, schließe, dass alle Muslime Sexisten sind.

Hierfür entwirft Platon das Bild vom Taubenschlag: Meine Seele, mein Geist oder mein Gehirn ist wie ein Taubenschlag und mein Wissen ist wie die Tauben. Platon unterscheidet nun zwischen dem Besitz von Wissen und dem Haben von Wissen. Beispielsweise besitze ich das Wissen, dass ich von einem Einzelfall nicht auf eine Regel schließen kann. Wenn mir einmal von Schokolade schlecht geworden ist, werde ich doch trotzdem nicht sofort aufhören Schokolade zu essen. Diese Regel fliegt als eine Taube durch meinen Taubenschlag, ich besitze sie. Und im Fall der Schokolade habe ich sie auch erfolgreich gefangen, halte sie in der Hand und habedieses Wissen entsprechend auch.

Wenn nun aber wie im Fall nach der Silvesternacht 2016 in Köln die Situation aufgeheizt ist, alle Medien dauernd berichten und auf Facebook und Twitter rumgeschrien wird, wie schlimm diese Muslime sind, die Tauben quasi wie blöd durch meinen Taubenschlag flattern, dann kann es vorkommen, dass ich die Taube nicht fange, sondern womöglich eine andere greife. Auch dann besitze ich noch das Wissen, also die richtige Meinung, aber ich habe sie nicht mehr. Ich habe dann eine falsche Meinung.

Wie schön, am Ende hat Platon doch noch ein Kontinuum entdeckt! Aber natürlich lässt  Platon Sokrates dieses Ergebnis der Untersuchung umgehend problematisieren, wie es üblich ist in seinem dialektischem Spiel. Sokrates kommt zu dem Ergebnis, dass es ein Fehler war, die Untersuchung mit dem Irrtum zu beginnen, und man sich stattdessen der eigentlichen These zuwenden sollte, dass Wissen wahre Meinung ist.

Natürlich war es aber nicht wirklich ein Fehler. Platon hat eine gescheiterte Argumentation nicht „aus versehen“ in seinem Dialog stehenlassen. Es war stattdessen eine logische Dehnübung, die uns vor Augen führen sollte, wie kompliziert und mitunter verfahren die Lage ist, wenn wir beginnen, zu untersuchen, was unseren alltagssprachlichen Begriffen zugrunde liegt.

Nach dieser Dehnübung ist unsere Seele nun bereit, die These zu prüfen, dass Wissen wahre begründete Meinung ist. Aber weil es schon wieder so spät ist, machen wir das beim nächsten Mal.