Zeitreisenethik

Ein viel zu wenig beachteter Zweig der Ethik ist die Zeitreisenethik. Das möchte ich ändern und hier einmal die grundlegenden Probleme und Konzepte zur Lösung aufzeigen.

Das Hauptproblem in der Zeitreisenethik ist natürlich – das sagt ja schon der Name -, dass du in der Zeit rumpfuschst und wenn du was falsches machst, kommst du irgendwann nachhause, also in deine Zeit, und stellst fest, dass du aus Versehen dafür gesorgt hast, dass im 21. Jahrhundert die Frauen Leggins in Lederoptik und die Männer Vollbärte und V-Ausschnitte bis zum Bauchnabel tragen. Das kann ja keiner wollen! Allerdings streiten die Experten noch, was passiert, wenn du die Vergangenheit änderst. Vier verschiedene Konzepte existieren:

  1. Der Geschichte-schreiben-wir-Ansatz: Du kannst die Geschichte gar nicht ändern, das siehst du ja an der Geschichte
  2. Der Alternative-Zeitlinien-Ansatz: Deine Interaktion mit der Vergangenheit führt dazu, dass es eine alternative Zeitlinie gibt, die dann parallel zu unserer existiert. Du schaffst dann also ein Paralleluniversum
  3. Der Fixpunkte-Ansatz: Du kannst fast alles ändern, bis auf eine Reihe von Fixpunkten in der Geschichte, die unveränderlich sind (Auch der Wir-brauchten-eine-Erklärung-warum-Doctor-Who-nicht-Hitler-töten-kann-Ansatz genannt)
  4. Der Common-Sense-Ansatz: Die Geschichte verändert sich halt

Wenn die Anhänger des Geschichte-schreiben-wir-Ansatzes recht haben, dann brauchen wir gar keine Zeitreisen-Ethik, denn wo kein Missstand, da bedarf es keiner Regel. Du solltest es aus Eigeninteresse lediglich vermeiden, zu verraten, dass du durch die Zeit reist, denn es könnte dein Ansehen unter deinen Nichtzeitgenossen schmälern. Dies zu verraten sollte natürlich auch bei den anderen drei Ansätzen aus ganz verschiedenen Gründen tunlichst vermieden werden.

Fein raus bist du ansonsten beim Fixpunkte-Ansatz: Wenn große Geschichtsereignisse – wie die Erfindung der Currywurst – unveränderlich sind. Dann brauchst du dir schon mal keine Sorgen zu machen, dass du aus Versehen das Leben erschaffst weil dein Sandwich in die Ursuppe fiel. Dann musst du dich nur um deine eigene Geschichte sorgen. Dabei gilt, dass das oberste Gebot lautet: Kein Sex vor deiner Geburt! Denn sonst pimperst du als Mann am Ende noch aus versehen deine Großmutter und wirst dein eigener Großvater. Das Äquivalent für Frauen wären dem Nachwuchs schwer zu erklärende Doppelrollen von Großvätern und Vätern. Einzig homosexuelle Menschen sind in diesem Fall mal im Vorteil.

Darüber hinaus gibt es ein paar sekundäre moralische Regeln, die du beachten solltest. So ist moralisch zumindest fragwürdig die Lottozahlen zu spicken und in einer Gesellschaft, in der sich alle schon aufregen, wenn du spoilerst, dass in Folge 10 der vierten Game-of-Thrones-Staffel Tyrion Lannister seinen Vater umbringen wird, wird man nicht amüsiert sein, wenn du die echte Zukunft spoilerst…

Wenn wir Egoisten sind, dann brauchen wir uns auch keine Sorgen beim Alternative-Zeitlinien-Ansatz machen, denn unsere Zeitlinie bleibt ja unverändert, wir pfuschen halt nur in anderen herum. Dumm wird das nur, wenn du dir einen Sohn aus einem Alternativuniversum klaust und dadurch einen interuniversalen Krieg auslöst.

Sind wir hingegen keine Egoisten, stellt sich natürlich die Frage nach den Konsequenzen: Vielleicht erschaffen wir ein Universum mit unsagbar viel Leid. Und dürfen wir das? Oder müssen wir das vielleicht sogar um jeden Preis verhindern

Das führt uns zum Problem der generellen Ungewissheit, welche Konsequenzen unsere Einmischung hat. Dieses Problem ist natürlich für alle Ansätze außer dem ersten von Bedeutung. Ihr wisst schon: Der Butterfly-Effect. In Deutschland schlägt ein Schmetterling mit den Flügeln und in China fällt dann ein Sack Reis um. Oder so ähnlich… Vielleicht heißt du Rainer, reist ins Jahr 1989 um dir als unbeteiligter Dritter den Mauerfall anzusehen, dann trinkst du ein paar Kristallweizen zu viel und einige Jahre später schreibt plötzlich so ein Sven Regener einen Bestseller, der zu einem Universum führt, in dem selbiger Herr Regener als erfolgreicher Schriftsteller gefeiert wird!

Das Problem ist: Du kannst eben nicht wissen, welche deiner Interventionen zu einer Veränderung führt, was bedeutet, dass die Integrität der Zeitlinie einen Wert an sich darstellen würde und das Prinzip der Nichteinmischung oberste Priorität hat. Zeitreisen müssten verboten werden und wenn sie doch stattfinden, dann müssten sie minimalinvasiv gehalten werden. Es gibt in diesem Fall dann unveräußerliche Zeitrechte, so wie es unveräußerliche Menschenrechte gibt.

Im vierten Ansatz ist es ferner verwerflich, Technologie aus der Zukunft in eine Vergangenheit zu bringen, die dafür noch nicht bereit ist. Stell dir vor, wir hätten eine riesige Energiequelle, aber weil wir zu früh an sie gelangten, haben wir keine Ahnung, wohin wir den Müll packen, den sie produziert und zudem geht alle 20-30 Jahre eines der Kraftwerke in die Luft und verseucht ganze Landstriche. Das wäre ja auch irgendwie scheiße…

Das führt uns dann aber zu den letzten und wichtigsten Fragen. Darfst du Hitler töten? Solltest du es gar? Und wenn ja, warum ist es dann noch nicht geschehen? In den Ansätzen 1 und 3 stellt sich die Frage nicht. Du kannst Hitler schlichtweg nicht töten. Im Ansatz 2 wurde Hitler bereits getötet, denn der Tyrannenmord scheint mir moralisch jederzeit gerechtfertigt zu sein. Allerdings haben wir das Pech, im falschen Universum festzusitzen. Mit Hitler. Und obendrein ohne Hoverboards.

Nur im Ansatz 4 stellt sich daher diese Frage wirklich. Ein Argument gegen den Tyrannenmord wäre wieder die Ungewissheit. Vielleicht wird alles noch viel schlimmer. Vielleicht ist bereits jemand in die Vergangenheit gereist und hat Hitler getötet, das führte aber zu einer Welt, der zwar der Holocaust erspart blieb, die aber noch Schlimmeres erleiden musste. Vielleicht tobt sogar ein temporärer Krieg zwischen der Fraktion die Hitler töten will und jener, die dies verhindern möchte und ständig reist jemand weiter in die Vergangenheit um die Handlungen der jeweils anderen Partei wider zu negieren. Und wir bekommen nichts davon mit. Am Ende können wir nur hoffen, dass die richtige Seite gewinnt, welche auch immer das sein mag und dass sie zudem dafür sorgt, dass wir 2015 auch tatsächlich keine Straßen mehr brauchen …