Platons Gottesbeweis

Heute machen wir heute nichts Wichtiges, wir beweisen nur mal eben die Existenz Gottes. Das könnt ihr euch als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der sich selbst bewegende Beweger

Platons Gottesbeweis ist eine Variante des Arguments, für das sein Schüler Aristoteles berühmt werden sollte und das wir den “unbewegten Beweger” nennen. Bei Platon ist es hingegen der sich selbst bewegende Beweger. Ich frage mich, ob Platon heute angepisst wäre, wenn er wüsste, dass das Beweger-Argument immer in einem Atemzug mit Aristoteles genannt wird. Es ist ein bisschen so, wie die Kiddies, die Stranger Things cool finden, aber Steven King und Stephen Spielberg nicht kennen.

Anyway … In Platons Variante geht das Argument vom sich selbst bewegenden Beweger so: Es gibt Bewegung in der Welt. Ich hoffe, ihr stimmt dieser provokanten These zu!  Diese Bewegung kann nun entweder aus sich selbst entstehen oder sie wird angestoßen. Uh, da scheiden sich schon die Geister. Doch weiter: Dinge, die sich aus eigenem Antrieb bewegen können, haben eine Seele – also alle Tiere, uns Menschen eingeschlossen. Aber was ist mit den unbeseelten Dingen? Sie bewegen sich aufgrund des Kausalitätsprinzips.

An dieser Stelle wird es richtig kompliziert. Wenn wir uns eines Tages mit der Determinismus-Debatte und dem Libet-Experiment auseinandersetzen, werden wir sehen, dass die These, wonach sich Menschen und Tiere von selbst, ohne kausale Ursache bewegen können, nicht unumstritten ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Das Kausalitätsprinzip und der infinite Regress

Zurück zu Platons unbewegtem Beweger: Das Kausalitätsprinzip ist eine unserer Grundannahmen über die Welt und besagt, dass es für jede Wirkung auch eine Ursache geben muss. Wenn die Erde sich um die Sonne bewegt, dann muss sie irgendwann irgendetwas mal angestoßen haben. Das Ding aber, dass die Erde angestoßen hat, muss selbst irgendwann mal angestoßen worden sein und so weiter. So ergibt sich eine Kausalitätskette. Diese Kausalitätskette wiederum bringt das Problem des infiniten Regresses mit sich, denn diese Kette kann im Gegensatz zu Netflix-Binge-Watching-Sessions nicht unendlich lang sein.

An dieser Stelle wird es wieder etwas knotig für unsere Gehirne, also nehmt noch einen Schluck Kaffee und passt gut auf. Stellt euch vor, ihr steht an diesem Ende der unendlichen Kausalitätskette und blickt sie entlang. Was seht ihr dann niemals nie? Richtig: ihr Ende. Stellt euch nun vor, jemand steht in unendlich weiter Ferne und blickt die Kette von dort aus in eure Richtung entlang. Was sieht diese Person dann niemals nie? Richtig: Den Moment, in dem ihr da steht und die Kette anblickt. Da dieser Moment aber existiert, muss die Kausalitätskette endlich sein.

Platon sagt, dass am Anfang dieser Kette ein beseeltes Wesen stehen muss: Der sich selbstbewegende Beweger und das ist Gott. Dieser kosmologische Gottesbeweis schließt eine argumentative Lücke, die bei den Vorsokratikern entstanden ist, als sie sich auf die Suche nach dem Urgrund der Welt begaben. Ich schrieb schon im Rahmen meiner Metaphysik-Erläuterung darüber.

Wenn Thales etwa sagt, dass die Welt aus Wasser entstanden ist, dann stellt sich sogleich die Frage: Warum? Was hat verursacht, dass sich das Wasser zur Welt formt? Was war vor dem Wasser? Platon liefert nun eine Antwort. Doch im Grunde cheatet Platon hier, indem er doch wieder ein mythologisches Argument an den Beginn einer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht stellt.

Dennoch ist dieser Cheat ein Ausweg aus dem infiniten Regress, den wir innerhalb unserer logisch-wissenschaftlichen Weltsicht nicht bieten können. Denn das Problem besteht bis heute, die Frage ist und bleibt ungeklärt: Wir können messen, dass das Universum aus dem Urknall entstanden ist. Aber was hat den Urknall ausgelöst?

Und mit dieser Frage lasse ich euch heute zurück. Beim nächsten Mal schauen wir uns Platons Sprachphilosophie an. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

5 Gedanken zu „Platons Gottesbeweis“

  1. Interessant wäre in dem Zusammenhang die buddhistische (religiöse) Philisophie: Buddha postuliert, daß die Anhaftungen (Vorstellungen) in denen wir leben, Leiden schaffen. Man sieht es schön an diesem Text – die Vorstellung, daß es eine urbewegende Entität geben muss, führt zum Leiden daran, daß man sie nicht finden oder beweisen kann.

    Aus diesem Leiden heraus führt entweder der Glaube an eine unbeweisbare Entität, vulgo “Gott”; womit das Leiden nur vertagt ist – oder der Verzicht auf Vorstellungen und das Leben im Hier und Jetzt. Nehme ich also meine Wahrnehmungen als gegeben und akzeptiere ich deren Bedingheit, so kann ich mich ohne Anhaftungen (an Vorstellungen) in deren Bedingungen frei bewegen.

    1. Das unterstellt aber, dass die Suche nach Erkenntnis Leiden erzeugt. Ich empfinde das genaue Gegenteil: Die Suche nach Erkenntnis ist eine wunderbare, Freude spendende Angelegenheit. Dass wir noch nicht alle Fragen beantwortet haben, macht das Leben reizvoll. Nur im Hier und Jetzt leben und mich von solchen Fragen frei zu machen, empfinde ich hingegen als sehr tröge.

      1. Klar wollte ich provozieren 😉

        Doch tatsächlich, bei aller Freude am Elfenbeinturm, bleibt am Ende immer wieder die Entäuschung über die kahle Wand, vor der wir stehen, wenn wir die “letzte Erkenntnis” suchen. Sei die Antwort auf die Frage aller Fragen nun “42” – oder: wir können es nur vermuten…

          1. Philosophie als Fuchsjagd für Erwachsene…

            Die Freude sei Dir unbenommen. Mir machen solcherart Dispute ja auch Spaß. Es ist wie Florettfechten mit geistigen Waffen – übrigens möchte ich die “Künstliche Intelligenz” sehen, die einen derartigen Dialog führen kann…

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