Theodor Adorno – Es gibt kein richtiges Leben im falschen

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Daniel
lebt falsch

Mein Corona-Tagebuch der schönen Gedanken – Teil 30

Heute geht es um Adornos berühmtes Zitat. Was bedeutet es? Und verwenden wir es richtig? Wird es womöglich aus dem Kontext gerissen? Denn es stammt aus dem Aphorismus „Asyl für Obdachlose“ aus der Minima Moralia. Geht es also nur ums Wohnen? Außerdem ist es nur ein Teil eines Satzes, der insgesamt viel ambivalenter ist und zudem die Antithese zu einer These ist. Erfahrt selbst, was es damit auf sich hat und warum ich heute mal nicht über Hegel lästere. Unten findet ihr nach langer Zeit mal wieder das Transkript zum Lesen.

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Theodor Adorno – Es gibt kein richtiges Leben im falschen (Transkript)

Heute geht es um das berühmte Zitat „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Das Zitat geht auf meinen liebsten Kulturpessimisten zurück: Theodor Adorno. Es findet sich in seinem Buch „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Wenn das mal kein geiler Titel für ein Buch ist, dann weiß ich nicht, was einer sein soll.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, ist ein geflügeltes Wort geworden, mit dem ich hervorragend rechtfertigen kann, warum ich bei Amazon bestelle, obwohl ich doch weiß, was dieser Konzern alles für schlimme Dinge macht. Wo ich gerade dabei bin: Bitte kauft die Minima Moralia über meinen Amazon-Affiliate Link. 😉

Ein anderes Beispiel: Ich habe vor Jahren aus ethischen Gründen aufgehört, Fleisch zu essen. Ich will einfach nicht, dass fühlende Lebewesen für mich sterben müssen, wenn ich auch leben kann, ohne dass das geschieht. Dennoch werfe ich niemanden seinen Fleischkonsum vor. Das Maskulinum habe ich absichtlich gewählt, lieber Grillmeister. Ich kann Fleischessern keinen Vorwurf machen, denn ich weiß genau, dass zum Beispiel das Korn aus meinem Brot von einem Mähdrescher geerntet wurde, der ziemlich viele Tiere auf dem Gewissen hat. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.

Der Kontext des Zitats

Die Frage, der ich mich heute widmen will, ist: Hat denn Adorno den Satz auch so gemeint, wie wir ihn heute verwenden? Oder ist er aus dem Kontext gerissen, wie beispielsweise Robert Frosts berühmtes Zitat aus ‚The Road Not Taken‘, wo er schreibt:

„Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.“

Das wird heute oft so verwendet, dass der weniger betretene Pfad das Leben des Erzählers veränderte. Aber wenn du das ganze Gedicht liest, wirst du feststellen, dass Frost das genaue Gegenteil meint: Der einzige Unterschied zwischen den beiden Pfaden war halt, dass der eine weniger betreten war. That has made all the difference.

Könnte es sich mit Adornos Zitat genauso verhalten? Denn – kleiner Spoiler an dieser Stelle – Das Leben, von dem Adorno hier schreibt, verwendet er synonym für „wohnen“. Das Zitat stammt aus einem Aphorismus mit dem Titel „Asyl für Obdachlose“. Die  Minima Moralia ist keine Abhandlung, sondern eine Aphorismen-Sammlung.

Ein Aphorismus ist ein eigenständiger, abgeschlossener Gedanke. Der kurze Text steht zwar thematisch in einem Kontext mit den anderen Aphorismen, er baut aber argumentativ nicht auf den vorhergehenden Abschnitten auf, noch wird er in direkter Weise im Rest des Buches weiter verfolgt.

Die Zeit und der Ort, wo Adorno diese Worte schrieb

Doch bevor ich richtig in den Text einsteige, möchte ich noch einmal einen Schritt zurücktreten. Denn so manches wird erst verständlich, wenn wir uns klarmachen, in welchem zeitlichen Kontext das Buch entstanden ist. Adorno ist hier in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Der große Philosoph studierte in Frankfurt und Wien. Er hatte Anfang der 1930er Jahre gerade angefangen, Philosophie an der Frankfurter Uni zu lehren.

Dann kam 1933 und Hitler kam an die Macht. Nach der Machtergreifung der Nazis entwickelte sich die Situation für Adorno schlecht. Er war zwar katholisch erzogen worden, aber sein Vater war Jude genau wie es seine Verlobte war. Daher emigrierte Adorno mit seiner Frau, die er 1937 heiratete, über Oxford nach New York, wo sein Freund und Kollege Max Horkheimer im Exil verweilte. In New York schloss Adorno sich dem ins Exil gegangen Institut für Sozialforschung an.

1940 zogen die Horkheimers aus gesundheitlichen Gründen nach Kalifornien und 1941 folgten die Adornos ihnen. Sie zogen in die Pacific Palisades, einen Stadtteil von L. A., in dem viele intellektuell Exildeutsche lebten. Dort lernte Adorno unter anderem auch Thomas Mann kennen und soll keinen kleinen Einfluss auf dessen Buch Doktor Faustus gehabt haben. Hier schrieb Adorno zusammen mit Horkheimer die Dialektik der Aufklärung und alleine schließlich auch die Minima Moralia. In der Minima Moralia versucht Adorno die kritische Theorie auf (Zitat) „den engsten privaten Bereich, de[n] des Intellektuellen in der Emigration“ anzuwenden.

Wichtig ist, dass Adorno beim Schreiben unter dem direkten Eindruck des zweiten Weltkrieges stand, mit Sicherheit kannte er das Ausmaß des Holocausts noch nicht, aber Judenhass und Vertreibung hatte er am eigenen Leib erfahren.

Blick in die Minima Moralia

So, jetzt aber rein in den Text! Aphorismus 18 heißt also „Asyl für Obdachlose“. Dem Ansatz folgend seine Theorie auf das Private anwenden zu wollen, stellt Adorno zunächst fest, dass sich dieses Privatleben gut in seinem Schauplatz zeige: Der Art, wie wir wohnen. Ganz der Kulturpessimist, der er ist, steigt er gleich ein mit „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen“. Aber wer wollte ihm diesen Kulturpessimismus vergällen zur dunkelsten Stunde der Menschheit?

Adorno widmet sich zunächst den traditionellen Wohnungen, in denen seine Generation groß geworden ist.  Das Behagen, das diese Wohnungen einst ausströmten, sei mit Verrat an der Erkenntnis bezahlt. Mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie. Das ist natürlich eine direkte Kritik an das Vorkriegsdeutschland, das den Faschismus hervorgebracht hat.

Entsprechend hält sich Adorno nicht lange damit auf, sondern wendet sich den „neusachlichen“ Wohnungen zu, bei denen „tabula rasa“ gemacht wurde. Die bringen für den Ampelbefürworter nur den Kapitalismus zum Ausdruck, den er auch nicht gutheißen kann. Er nennt sie, „Für Banausen angefertigte Etuis“ und „Fabrikstätten“. Sie haben keine Beziehung zum Bewohner. Menschen haben eine Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, doch der schlagen diese Wohnungen ins Gesicht.

Mir rollen sich zwar die Zehennägel auf, wenn ich Kulturpessimismus zustimmen muss, aber wenn er von Adorno kommt, dann mache ich eine Ausnahme. Denn der kritische Theoretiker hat natürlich einen Punkt. Wir leben in einer Welt, in der unsere Möbel industriell gefertigt werden. Entsprechend habe ich zwar das Bedürfnis, individuell zu wohnen. Doch am Ende habe ich in meiner Sehnsucht nach unabhängiger Existenz die Wahl zwischen Ikea-Regal Billy oder Kallax.

Als nächstes zitiert er ein ungenanntes deutsches Magazin, das vor Hitlers Machtergreifung mal „prophetisch masochistisch“ nicht bloß geschrieben, sondern „dekretiert“ also angeordnet habe, der moderne Mensch wünscht nahe dem Boden zu schlafen, wie ein Tier.

Ich erinnere mich noch, dass in meiner Schule ein kanadischer Austauschschüler auch mal perplex angemerkt hat, dass in Deutschland die Betten so niedrig sind. Ich weiß aber nicht, ob ich daraus tatsächlich auf die Psychologie der Gesellschaft schließen würde. Wenn wir uns aber die Satzstruktur angucken, dann fällt ja auf, dass Adorno das selbst in Zweifel zieht. Das Magazin hat das nicht festgestellt oder analysiert, sondern angeordnet. Was, wie der im Exil sitzende Frankfurter wohl schmerzhaft feststellt: prophetisch masochistisch war. Denn die Schwelle zwischen Wachen und Traum wurde so abgeschafft und „Die Übernächtigen [sic!] sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich.“

Die nächste Wohnung, die Adorno auseinandernimmt, ist die „echte aber zusammengekaufte Stilwohnung“. Die sei, wie Einbalsamieren bei lebendigem Leibe. Er spart sich hier leider die Begründung. Was schade ist, denn: Was sind wir? Philosophen! Und was wollen wir? Begründungen!

Aber im Rahmen eines Aphorismus lass ich das dem knorrigen Klavierspieler mal durchgehen und liefere die Begründung meinerseits: Wenn ich einen einschlägigen Hashtag auf Instagram, etwa #apartmentstyle durchscrolle, dann sind die Wohnung durchaus fancy. Bei 90% frage ich mich aber auch: Wer wohnt so? Wer hält diese Sterilität aus? Wo ist das Lebendige, das Chaotische, auch mal Dreckige, das irritierende Moment, das eine echte Wohnung lebenswert macht? Die Bilder sehen eben aus, als seien die Bewohner einbalsamiert bei lebendigem Leibe. Das Einbalsamieren hat ja einen Aspekt des Starren, unbewegt bewahrenden. Das springt mir auf Insta regelmäßig entgegen.

Das Persönliche, um das es Adorno in der Minima Moralia geht, kommt in der nächsten Option zum Ausdruck, auch wenn sie heftig bourgeois für einen Marxisten ist: Man könne sich der Verantwortung dafür, wie die eigene Wohnung aussieht, ja auch entziehen, indem man in ein Hotel oder möbliertes Appartement zieht. Adorno schließt, das hieße – und darin liegt das Persönliche – die aufgezwungenen Bedingungen der Emigration zur lebensklugen Norm zu machen. Dieses Urteil hat etwas schön ambivalentes. Einerseits kannst du den Satz so lesen, dass Adorno das Hotel als lebenskluge Norm bevorzugt. Andererseits ist die Emigration eben eine aufgezwungene und diese zu akzeptieren, hat etwas bitteres an sich.

Der olle Marx-Fan findet jedenfalls im nächsten Aspekt zu sich zurück, denn er urteilt ganz richtig, dass es am ärgsten die trifft, die nicht wählen können. Sie leben in Slums, Bungalows, Laubhütten, Autos, Trailern oder haben gar kein Dach über dem Kopf. Aus dieser Aufzählung fällt der Bungalow seltsam heraus. Ich bin in einem klassischen 50er-Jahre-Flachdachbungalow aufgewachsen und das war auf jeden Fall Mittelschicht. Auch der ehemalige Kanzlerbungalow in Bonn gibt dieser Art zu wohnen eine andere Geschmacksrichtung als sie sie für den Adorno der 40er Jahre hatte. Ein Bungalow ist definiert als ein eingeschossiges Haus. Ich kann jetzt nur spekulieren, aber ich vermute, dass Adorno im amerikanischen Exil die Kleinsthäuser aus Holz vor Augen hat, in denen die ärmere Bevölkerung auf dem Land untergebracht ist. Entsprechend hätte ich wohl eher von Hütten geschrieben, als von Bungalows. Aber diese Analyse ist wackelig wie die Hütte von Charlie Chaplin in Goldrausch. Wenn ihr eine andere Interpretation habt, freue ich mich auf einen Kommentar.

Adorno schließt jedenfalls, dass das Haus vergangen ist und kehrt mit seinem Blick nach Europa zurück: Durch den wütenden Krieg ist es in den europäischen Städten buchstäblich vergangen. Aber auch die Arbeits- und Konzentrationslager sorgen für den Untergang des Hauses. Wobei, so Adorno, das eine Entwicklung ist, die schon lange vor dem Krieg einsetzte.

Letzteres meint natürlich wieder den geistigen Untergang des Hauses. Die Entwicklung der Technik habe vor dem Krieg zum Untergang der Häuser geführt. Adorno argumentiert also, dass einerseits die Entfremdung des Menschen von der Welt durch Technik dazu geführt hat, dass wir Häuser nicht mehr als etwas irgendwie erhabenes oder schönes betrachten können, zum anderen, dass durch den Zwang des Wohnens in Konzentrations- und Arbeitslagern, diese Entwicklung verstärkt wurde.

Wir müssen uns bei diesen Sätzen ins Gedächtnis rufen, dass Adorno zum Zeitpunkt, als er sie schrieb, noch nichts vom Ausmaß des Holocausts wusste. Es war bekannt, dass die Nazis Juden in Lager zwangen. Aber im Rest der Welt war der Vernichtungscharakter dieser Lager noch unbekannt. Chaplin drehte zur gleichen Zeit „Der große Diktator“, in dem er alberne Witze auch über das Leben in Konzentrationslagern machte. Wofür er sich später entschuldigte, als er von der industriellen Vernichtung von Millionen von Menschen erfuhr.

Das Entfremdungsargument auf der anderen Seite ist ein klassisch kulturpessimistisches: Es gab mal eine ursprüngliche, natürliche Beziehung der Menschen zu ihren Häusern, die durch Technik nicht mehr gegeben ist. Normalerweise reagiere ich allergisch auf solche Argumente. Ich möchte behaupten, heutzutage haben wir wieder ein vertrauteres Verhältnis zur Technik in unseren Behausungen. Aber erneut kann ich nur sagen: Der Mann steht unter dem direkten Eindruck der größten Katastrophe der Menschheit. Wer will ihm da solch düstere Schlussfolgerungen krumm nehmen?

Als nächstes trauert Adorno dem Sozialismus nach. Die Möglichkeit des Wohnens ist genauso versäumt worden wie die sozialistische Gesellschaft, was der bürgerlichen Gesellschaft zum Unheil gerät. Joa, ich könnte jetzt tausend Sätze zum Sozialismus sagen oder keinen. Ich entscheide mich mit Blick auf die Uhr für letzteres. Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Adorno analysiert aber ganz richtig, dass ich als Individuum kaum eine Chance habe, etwas gegen all die falschen Arten zu wohnen zu tun. Ich kann ja nur Möbel kaufen, die irgendwo als Massenware hergestellt wurden. Aber selbst wenn ich Schreinerin wäre, wäre ich beim Entwurf meiner Möbel ja nicht frei, sondern würde mich immer an Trends des „Kunstgewerbes“ orientieren, selbst wenn ich dieses ablehne, wären meine Entwürfe als Opposition wieder Teil des Systems. Was er damit genau meint, wird sogleich klar:

Aus der Ferne könne man keinen Unterschied zwischen Bauhaus und Wiener Werkstätten ausmachen. Bauhaus und Wiener Werkstätten waren beides Ansätze zu Beginn des 20. Jahrhundert, das Kunstgewerbe neu zu denken. Sie wehrten sich gegen den Neoklassizismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was moderne Großstadt-Hipster heute so lieben, verachteten sie: Die Altbauten in den deutschen und österreichischen Innenstädten, mit ihrem Stuck und Kronleuchtern. Ein Design längst vergangener Tage, das in ihren Augen noch immer mitgeschleppt wurde. Diesen Schnörkeln und Ornamenten wollten sie eine neue, klare Formsprache entgegensetzen, die den Geist der Moderne atmet.

Doch Adorno sagt zurecht, dass die Kurve der Zweckform oder der Kubismus ihrerseits auch nur wieder Ornamente werden, wenn sie im Mainstream angekommen sind. Mode und Trends sind etwas, dem du nicht entkommen kannst.

Bitter folgert Adorno, eigentlich bleibt nur der Rückzug ins Private. Halt irgendwie leben, sich den gesellschaftlichen Zwängen und eigenen Bedürfnissen unterwerfen. Aber wir dürften dann nicht glauben, dieses Leben wäre „substantiell oder individuell angemessen“. Er zitiert Nietzsches Fröhliche Wissenschaft:

„Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein“.

Adorno ergänzt das mit:

„Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“

Denn der Einzelne befinde sich in einem schwierigen Verhältnis zu seinem Eigentum – sofern er überhaupt etwas besitzt. Auf der einen Seite ist die Fülle der Konsumgüter so groß geworden, dass ich eigentlich nicht mehr wirklich von Besitz sprechen könne. Oh da klingelt gerade der Amazon-Bote. Einen Moment bitte. Im Deutschen gibt es ja die Redewendung „meine Siebensachen“ für Besitz, da schwingt ja die Idee mit von Habseligkeiten, wenige Dinge, die mir gehören, und die dadurch einen ideellen Wert haben. Dieses Verhältnis geht verloren in einer Zeit, in der Konsum im Überfluss möglich ist. Das gilt für unsere Ecke der Welt heutzutage sicher noch mehr als es für Adornos Zeit der Fall war.

Andererseits – so Adorno – ist auch der Verzicht auf Besitz keine Option, denn dadurch gerate ich in Abhängigkeit und Not. Werde ein Baustein im Fortbestand der Besitzverhältnisse. Die Reichen und Mächtigen bleiben also reich und mächtig, ob ich als Individuum nun am Konsum-Spiel des Kapitalismus teilnehme oder nicht.

Und so geht Adorno abschließend mit Hegelscher Dialektik an das Problem heran: Aus der eben formulierten Paradoxie folgt die These, dass eine lieblose Nichtachtung der Dinge, die wir besitzen, sich letztlich auch gegen Menschen wendet. Wir also auch anfangen Menschen lieblos nicht zu achten.

Die Antithese dazu ist dann – vielleicht ahnt ihr es schon: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Doch gewissermaßen als letzten Twist, der beim Wiedergeben dieses Zitats immer unter den Tisch gefallen lassen wird, sagt Adorno, dass diese Antithese eine Ideologie ist für diejenigen, die mit schlechtem Gewissen ihren Besitz behalten wollen.

Aber, was machen wir jetzt mit Adornos Geschwafel?

Puh, das waren jetzt eine Menge hart orakelnder Worte. Kehren wir zu den Ausgangsüberlegungen zurück: Zunächst einmal war die Frage, ob wir „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ auf einen größeren Kontext anwenden können, oder ob das Zitat streng genommen nur fürs Wohnen gilt. Da Adorno diesen größeren Kontext selbst aufmacht und am Ende über Besitz und Konsum schreibt, können wir diese Frage getrost bejahen.

Dann ist bemerkenswert, dass Adorno sagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen, ist die Ideologie derjenigen, die mit schlechtem Gewissen nichts an ihrem Leben ändern wollen. Denn, wenn wir uns diesen vollständigen Satz angucken, wirkt er viel negativer, rät ja fast schon davon ab, die Redewendung zu benutzen.

Aber wenn wir den Blick weiten, dann müssen wir eben auch sehen, dass dieser Satz die Antithese ist zu: Wenn wir unsere Habseligkeiten nicht achten, wird diese Ignoranz sich irgendwann auf Menschen übertragen, und wir werden auch sie nicht mehr achten. Und auch das ist ja nichts, für dass du dich entscheiden willst. Den Schritt, den Adorno uns überlässt, ist, jetzt, entsprechend der Hegelschen Dialektik eine Synthese herzustellen.

Ja, ich habe mich eben tatsächlich auf Hegel bezogen. Ernsthaft und ohne einen dummen Spruch zu machen. Bitte streicht euch den heutigen Tag im Kalender an!

Anyway … Die Synthese könnte sein, dass „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ einerseits wahr ist. Denn gerade in unserer Spät-Neoliberalen Zeit wird Verantwortung gerne auf das Individuum abgewälzt anstatt systemische Lösungen zu finden: Ernähre dich gesund, sorge privat für die Rente vor, fahr mit deinem Lastenrad zum Biobauernhof vor der Grenze der Stadt und schlachte dort dein Schwein selbst.

Aber ich kann mich noch so gesund ernähren, wenn die Feinstaubbelastung in der Frankfurter Innenstadt mich krank macht. Ich kann für die Rente vorsorgen und dann kommt die nächste Finanzkrise und alles ist futsch. Und wie sind eigentlich die Arbeits- und Umweltbedingungen im Werk, das mein Lastenrad gebaut hat und in der Eisenhütte, aus der der Stahl für den Rahmen kam. Musste Regenwald für den Kautschuk weichen, aus dem die Reifen meines Rads gefertigt sind? Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Zugleich ist das Bonmot natürlich eine Ausrede! Ich bestelle nicht bei Amazon, weil ich mir der Fatalität des Systemfehlers bewusst bin. Okay, ich bin mir dessen schon bewusst, aber bei Amazon bestelle ich, weil es verdammt nochmal bequem ist. Weil ich nie Problem mit dem Umtausch habe. Weil ich nicht in die Hölle der Frankfurter Zeil hinabsteigen muss, weil der Amazonbote immer kommt und ich nicht am Ende zwei Stunden anstehen muss, um das Paket von der einen Kilometer entfernten Postfiliale abzuholen, obwohl buchstäblich um die Ecke von meiner Wohnung ein DHL-Kiosk ist, lieber DHL-Bote!

So bleibt das Zitat in einem ambivalenten Spannungsverhältnis, wir können es weder vollends unterschreiben, noch können wir es mit Bausch und Bogen verdammen. Es ist zugleich wahr und eine Ausrede. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.

Sie sind Flüchtlinge

Täglich erreichen uns Zahlen, wie viele tausend Flüchtlinge wieder in Deutschland angekommen sind. Und ein paar dumme Menschen reagieren darauf mit Angst und Anschlägen auf die Schwächsten der Schwachen. Ich kann nur erahnen, was es heißt, meine Heimat zu verlassen, weil Krieg und Not mich vertreiben. Und es ist allzu einfach, nach unten zu treten, solange Flüchtlinge nur Zahlen sind, die uns Angst machen. Aber Vertriebene sind Menschen mit Gesichtern und Geschichten. Und die Flucht vor Krieg, Leid und Verfolgung ist auch kein neues Phänomen sondern existiert so lange, wie es Menschen gibt. Aus der Idee heraus, dem anonymen Flüchtling statt einer Zahl ein Gesicht zu geben, habe ich mal in die Geschichte geblickt und will euch die Gesichter und Geschichten von 25 berühmten Vertriebenen zeigen.

René Descartes wanderte 1629 in die Niederlande aus

Frans Hals - Portret van René Descartes
1596 – 1650

Der französische Philosoph René Descartes ist der Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Sein „Ich denke, also bin ich“ kennt wahrscheinlich fast jeder. Mit seiner Methode des radikalen Zweifels überwandt er das starre und vom Christentum dogmatisierte Skelett der mittelalterlichen Philosophie, wo man sich nur so Fragen stellen durfte, wie „Woraus bestehen wohl die Flügel von Engeln?“. Jedenfalls war dieser radikale Skeptizismus seinem Heimatland Frankreich zu radikal, daher musste Descartes in die Niederlande gehen.

Heinrich Heine wanderte 1831 nach Frankreich aus

Heinrich-heine 1
1797 – 1856
Heinrich Heine war einer der wichtigsten Schriftsteller und Dichter des 19. Jahrhunderts. Die Wikipedia sagt, er habe die Romantik „überwunden“. Ich hoffe, das passiert mir nie! Jedenfalls war Heine eine ziemlich linke Socke, die sich stets über die Preußen lustig machte, die damals in seiner Heimat, dem Rheinland, das Sagen hatten. Das brachte ihm viel Ärger ein und seine Werke wurden zensiert, weshalb Heine nach Paris auswandern musste, um dort ungehindert weiter veröffentlichen zu können. Wie sehr er darunter gelitten hat, von seiner Familie getrennt zu sein, berichten seine Gedichte aus der Zeit, zum Beispiel die Nachtgedanken.

Kurt Tucholsky wanderte 1929 nach Schweden aus

TucholskyParis1928
1890 – 1935
Tucholsky ist eine der tragischsten Flüchtlingsgeschichten rund um Nazideutschland. Denn der satirische Schriftsteller hat während der Weimarer Republik immer massiv mit der Feder gegen die Nazis gekämpft. Er hat stets versucht, die Deutschen aufzurütteln und ihnen klarzumachen, auf welche Katastrophe sie da zusteuern. In Deutschland wurde er dafür immer wieder von den Nazis angegriffen. Das hielt er 1929 nicht mehr aus und ging nach Schweden. Der unter starken Depressionen leidende Schriftsteller verstummte schließlich ganz, als alles einzutreten begann, wovor er gewarnt hatte. Bis heute ist nicht klar, ob er sich das Leben genommen hat, oder die Überdosis Schlaftabletten ein Unfall waren. Das war der letzte Eintrag in seinem Tagebuch:
Tucholskys letzter Tagebucheintrag

 

Marlene Dietrich wanderte 1930 in die USA aus

Bundesarchiv Bild 102-14627, Marlene Dietrich
1901 – 1992
Die Dietrich war wahrscheinlich der größte Star des deutschen Kinos. Und ursprünglich ging sie aus Karrieregründen nach Hollywood und war gar nicht politisch verfolgt. Daher versuchten die Nazis sogar, sie für ihre Propaganda-Maschine zurückzugewinnen. Doch da hatten sie aufs falsche Pferd gesetzt. Zu viele Freunde und Kolleginnen aus Deutschland hatten vor den Barbaren fliehen müssen. Daher legte sie 1939 die deutsche Staatsbürgerschaft ab und unterstützte seitdem die US-Armee beim Kampf gegen Deutschland. Als sie 1960 erstmals nach Deutschland zurückkehrte, wurde sie dafür als Vaterlandsverräterin beschimpft. Wie nett!

Albert Einstein wanderte 1932 in die USA aus

Albert Einstein in later years
1879 – 1955
Der vielleicht wichtigste Physiker der Geschichte war seit 1932 eigentlich nur vorübergehend in den USA, als 1933 die Nazis die Herrschaft antraten. Als Jude war Einstein der Rückweg versagt, seine Werke wurden Opfer der Bücherverbrennung (Klar, diese Relativitätstheorie war ja auch voll antideutsch!!!111einself), er wurde ausgebürgert und aus dem Pazifisten Einstein wurde ein Befürworter der Atombombe. Traurig.

Bertolt Brecht floh 1933 über Frankreich, Dänemark, Schweden und Finnland in die USA

Bertolt-Brecht
1898 – 1956
Dass der alte Bert Brecht auch so eine linke Socke war, brauche ich ja niemandem zu erzählen. Aber wusstet ihr auch, dass ab 1930 die paramilitärischen Nazitruppen begannen, seine Theateraufführungen zu stören? 1933 gab Brecht auf und floh nach Frankreich. Von dort ging es noch weiter nach Dänemark. Doch als der Krieg ausbrach, fühlte er sich dort auch nicht mehr sicher und ging 1939 nach Schweden und 1940 nach Finnland. Bis es ihm endlich 1941 gelang einen Ozean zwischen sich und seine Verfolger zu bringen und er in die USA floh.

Billy Wilder floh 1933 über Frankreich in die USA

Billy Wilder - Kamerablick - Boulevard der Stars cropped
1906 -2002
Billy Wilder hat so Klassiker geschaffen wie Manche mögen’s heiß und Zeugin der Anklage. Das berühmteste Bild von Marilyn Monroe (das mit dem Rock) geht auf sein Konto. Wilder war österreichischer Jude. Und als die Nazis 1933 von den Deutschen an die Macht gewählt wurden arbeitete er in Berlin, was ja eines der wichtigsten Filmproduktionszentren der 1920er gewesen war. Wilder ahnte, was ihn erwartete und packte seine Koffer. Zunächst ging es nach Paris und 1934 dann in die USA, wo er seine Weltkarriere erst richtig durchstartete.

Hannah Arendt floh 1933 über Tschechien, Italien, die Schweiz, Frankreich und Portugal in die USA

1906 – 1975 (Es gab kein legales Bild)
Hannah Arendt ist wahrscheinlich die wichtigste politische Philosophin des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Berichterstattung vom Eichmann-Prozess hat sie zudem einen der wichtigsten Beiträge zur Aufarbeitung des Holocausts geschrieben. Und sie hatte die vielleicht dramatischste Flucht aller hier versammelten. Die Nazis trieben sie quasi vor sich her und zwischenzeitlich war sie sogar in einem Internierungslager in Frankreich gefangen. Doch ihr gelang die Flucht und über Portugal erreichte sie schließlich den sicheren Hafen in den USA.

Thomas Mann wanderte 1933 über die Schweiz in die USA aus

Thomas Mann 1929
1875 – 1955
Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann hatte auch schon vor der sogenannten „Machtergreifung“ der Nazis vor einem NS-Regime gewarnt. Zwar blieben seine Bücher von der Bücherverbrennung verschont, nicht aber die seines Bruders und seines Sohnes. Daher ging die Familie Mann 1933 erst in die Schweiz und von dort 1939 in die USA. Auch von den USA aus kämpfte er mit seinen Mitteln gegen die Nazis, indem er Reden einsprach, die auf Schallplatte aufgezeichnet und dann von der BBC nach Deutschland hinein ausgestrahlt wurden. In diesen Reden versuchte Mann die Deutschen von ihrem Irrsinn zu überzeugen. Wie wir wissen, leider vergeblich.

Willy Brandt wurde 1934 erst nach Norwegen und später nach Schweden vertrieben

Bundesarchiv B 145 Bild-F057884-0009, Willy Brandt
1913 – 1992
Der spätere Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger war in der Weimarer Republik erst SPD und dann SAPD-Mittglied gewesen und hatte auch zunächst in Deutschland und ab 1934 dann von Norwegen aus versucht einen Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Als die Nazis 1940 Norwegen besetzten, geriet Brandt in Kriegsgefangenschaft. Da die Wehrmacht aber nicht erkannte, wen sie da festgenommen hatten, konnte er entkommen und nach Schweden fliehen.

Theodor W. Adorno floh 1934 über Großbritannien in die USA

Adorno
1903 – 1969
Adorno ist einer der wichtigsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Er war Mitbegründer der kritischen Theorie und verhalf der Frankfurter Uni mit der Frankfurter Schule zu Weltruhm. Da er einen jüdischen Vater hatte, wurde er zum Teil des großen deutschen Braindrains und da die Briten nicht erkannten, welches Juwel ihnen da zugewandert war, ging es für Adorno 1938 weiter in die USA.

Karl Popper wanderte 1937 nach Neuseeland aus

Karl Popper2
1902 -1994
Noch so eine Hausnummer des Soziologie ist Karl Popper. Mit dem Falsifikationsprinzip geht die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts auf ihn zurück. Außerdem war er immer leidenschaftlicher Demokrat und hat mit der „Offenen Gesellschaft und ihre Feinde“ so etwas wie die Bibel der Demokratie geschrieben – absolut lesenswert. Als Demokrat und Kind jüdischer Eltern erkannte der Österreicher 1937, dass der „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland bevorstand und folgte einem Ruf nach Christchurch, Neuseeland.

Ludwig Wittgenstein wanderte 1938 nach Großbritannien aus

LudwigWittgenstein
1889 – 1951
Wittgenstein gehört wahrscheinlich zu den fünf größten Philosophen des 20. Jahrhunderts, wenn nicht gar aller Zeiten. Er hat einige der wichtigsten Erkenntnisse der formalen Logik und der Sprachphilosophie errungen und ist einer der Hauptvertreter des Linguistic Turns. Im ersten Weltkrieg hatte der olle Ludwig noch für Österreich gekämpft, doch als Jude wurde er dann 1938 während einer Irland-Reise vom „Anschluss“ Österreichs an Deutschland überrascht und zog es vor, nach Großbritannien auszuwandern. Während des zweiten Weltkriegs hielt er es nicht aus, als Philosophieprofessor zu arbeiten, während andere gegen die Nazis kämpften und arbeitete freiwillig als Pfleger in einem Hospital.

Sigmund Freud wurde 1938 nach Großbritannien vertrieben

Sigmund Freud Anciano
1856 -1939
Der nächste österreichische Jude, der unter der Anexion Österreichs zu leiden hatte, war Sigmund Freud. Freuds Lehre ist zwar umstritten, dennoch ist er fraglos der Urvater der Psychologie. Bereits 1933 wurden seine Bücher verbrannt, als 1938 die Nazis in Österreich an die Macht kamen, bekam Freud regelmäßig Besuch von der Gestapo. Zum Glück gelang es ihm, nach Großbritannien zu gelangen. Doch dort starb er nur ein Jahr später an Krebs.

Günter Grass geriet 1945 in Kriegsgefangenschaft und wanderte 1947 dann in die BRD ein

Nl-HaNA 2.24.01.05 932-1798 Günter Grass
1927 – 2015
Die CDU/CSU unterscheidet ja gerne zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen. Ich nicht. Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass war jung und dumm, als er 1943 der Wehrmacht und 1944 der SS beitrat. 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Da seine alte Heimat Danzig nun in Polen lag, wo er als Nazi nicht länger erwünscht war, zog er nach Düsseldorf. Später wurde Grass Sozialdemokrat und linkspolitischer Autor. Auch wenn er im Greisenalter einige zweifelhafte Anwandlungen hatte.

Charlie Chaplin wurde 1952 die Wiedereinreise in die USA verwehrt, er wanderte in die Schweiz ein

Charlie Chaplin
1889 – 1977
Okay, es ist an der Zeit, den zweiten Weltkrieg hinter uns zu lassen und uns dem kalten Krieg zuzuwenden. DER Charlie Chaplin wurde dessen erstes berühmtes Opfer. Denn er wurde wegen seiner linken Gesinnung im Rahmen der Kommunistenhetze in den USA verfolgt. Und als der in den USA lebende Brite 1952 auf einer Reise auf die Insel war, verweigerten die USA ihrem größten Hollywoodstar die Wiedereinreise und Chaplin musste in die Schweiz ins Exil gehen.

Dieter Hallervorden wanderte 1958 in die BRD aus

Hallervorden
* 1935
Der Kabarettist Hallervorden war DDR-Bürger. Doch als die Einschränkungen der Meinungsfreiheit immer größer wurden, sah er sich nicht mehr in der Lage, seiner Profession nachzugehen. Daher machte er rüber …

Der (14.) Dalai Lama floh 1959 nach Indien

Dalai Lama at Syracuse University 01
*1935
Wer der Dalai Lama ist, brauche ich nicht zu erklären, oder? Das geistige Vorbild von (tibetischen) Buddhisten und Poesiealbumsschreibern halt … 1950 wurde sein Heimatland von China anektiert. Die kommunistischen Chinesen hatten so ihre Probleme mit den religiösen Tibetern und behandelten sie entsprechend schlecht. Daher brach 1959 ein Aufstand der Tibeter aus, der von China niedergeschlagen wurde und in dessen Zuge der Dalai Lama fliehen musste.

Freddie Mercury floh 1946 nach Großbritannien

Freddie Mercury performing in New Haven, CT, November 1977
1946 – 1991
Wusstet ihr, dass der Sänger der Band Queen nicht bloß euch rocken oder Bicycle fahren wollte, sondern aus Sansibar stammte? 1946 kam es dort zur Revolution und seine Eltern flohen mit ihrem 17-jährigen Sohn vor dem Blutvergießen nach Großbritannien.

Isabel Allende floh 1975 nach Venezuela und lebt seit 1988 in den USA

Isabel Allende - 001
* 1942
Die chilenische Bestseller-Autorin Isabel Allende ist die Nichte des früheren chilenischen Präsidenten Salvador Allende. 1975, nach dem Putsch durch Augusto Pinochet und der Ermordung Salvador Allendes floh Isabel nach Venezuela. Seit 1988 lebt sie ausgerechnet in den USA, deren CIA tatkräftig an der Ermordung ihres Onkels mitgewirkt hat. Leben im Exil ist eben immer schwierig.

Nina Hagen wanderte 1976 nach Großbritannien aus und kam 1986 in die BRD

NINA HAGEN 1981
* 1955
Nina Hagen hatte zwar den Farbfilm vergessen, aber nicht, dass sie mit Wolf Biermann befreundet war. Als dieser von der DDR zwangsausgebürgert wurde, bekundete Hagen öffentlich Solidarität mit Biermann, was zu Repressionen gegen sie führte, weswegen sie 1976 nach Großbritannien auswandern musste. Ab 1986 beschied sie sich dann mit einem Leben in der BRD.

Bob Marley floh 1976 nach Großbritannien

Bob Marley emancipated from mental slavery 1
1945 – 1981
1976 wollte der Großmeister des Reggeas in Jamaika auf einem Friedenskonzert der sozialdemokratischen PNP auftreten. Zwei Tage vorher drangen Bewaffnete, mutmaßlich im Auftrag der rechtsradikalen Partei JLP in sein Haus ein und schossen auf ihn und seine Familie. Seine Frau und sein Manager wurden schwer verletzt. Marley selbst wurde leicht verletzt, ließ es sich trotz des Mordanschlags nicht nehmen, das Konzert zu geben und kehrte anschließend Jamaika den Rücken, um nach Großbritannien zu gehen. Trotz des Regens da!!!

M. I. A. floh 1986 nach Großbritannien

Flickr - moses namkung - M.I.A. 2
*1975
Kennt ihr die aus Sri Lanka stammende Sängerin M.I.A.? Nein? Dann solltet ihr sie kennenlernen, es lohnt sich. Die Tamilin wurde 1986 wegen eines Bürgerkriegs in ihrem Heimatland nach Großbritannien vertrieben.

Herta Müller floh 1987 nach Westberlin

Herta Müller 1
*1953
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gehörte zur deutschen Minderheit in Rumänien. Nachdem sie lange mit Zensur zu kämpfen hatte, gelang ihr 1987 endlich die Ausreise nach Westberlin, wo sie seither leben und schreiben kann.

Edward Snowden floh 2013 über Hongkong nach Russland

Edward Snowden-2
*1983
Tja, kennt ihr alle, wah? 2013 verrät uns Edward Snowden, dass wir alle von der NSA überwacht werden. Dafür wird er von den USA politisch verfolgt und landet nach einer Flucht über Hongkong in Russland. Wo er sicher ein ähnliches Grummeln im Bauch haben wird, wie Isabel Allende in den USA.

Das war meine kleine, viel zu kurze Liste. Ihr alle kennt sicher noch mehr Gesichter von Flüchtlingen. Teilt sie mit uns!

Bilderquellen

  • Edward Snowden von Laura Poitras / Praxis Films [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons
  • Herta Müller von Lesekreis (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons
  • M.I.A. von Moses (M.I.A. 2) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
  • Bob Marley von Caspiax [Public domain], via Wikimedia Commons
  • Nina Hagen von Dirk Herbert (Dirk Herbert) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons
  • Isabel Allende von Mutari (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
  • Freddie Mercury von FreddieMercurySinging21978.jpg: Carl Lender derivative work: Lošmi (FreddieMercurySinging21978.jpg) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
  • Dalai Lama von VOA [Public domain], via Wikimedia Commons
  • Dieter Hallervorden von Der Sascha (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
  • Charlie Chaplin von P.D Jankens (Fred Chess) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons
  • Günter Grass von Marcel Antonisse, Anefo [CC BY-SA 3.0 ], via Wikimedia Commons
  • Sigmund Freud von David Webb from Alicante, Spain (Sigmund Freud Uploaded by Viejo sabio) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
  • Ludwig Wittgenstein von phil.uu.nl [CC0], via Wikimedia Commons
  • Karl Popper von Lucinda Douglas-Menzies link [No restrictions], via Wikimedia Commons
  • Theodor W. Adorno von Jeremy J. Shapiro [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
  • Willy Brandt von Bundesarchiv, B 145 Bild-F057884-0009 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
  • Thomas Mann von Nobel Foundation [Public domain], via Wikimedia Commons
  • Billy Wilder von Billy_Wilder_-_Kamerablick_-_Boulevard_der_Stars.jpg: Times derivative work: Johannes Vogel [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
  • Bertold Brecht von Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
  • Albert Einstein von John D. Schiff [Public domain], via Wikimedia Commons
  • Marlene Dietrich von Bundesarchiv, Bild 102-14627 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons
  • Kurt Tucholsky von Sonja Thomassen (Sonja Thomassen) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
  • Heinrich Heine von Sonja Thomassen (Sonja Thomassen) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
  • René Descartes nach Frans Hals (1582/1583–1666) [Public domain], via Wikimedia Commons

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