Aristoteles – Metaphysik – Form und Materie

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Daniel
verzweifelt ein bisschen an Aristoteles

Aristoteles – Der Logiker – Folge 14

Heute kommt es zu einem der größten Twists der Philosophie-Geschichte. Es geht um die Entwicklung des aristotelischen Spätwerks Metaphysik und seine Auseinandersetzung mit sowohl seinem Frühwerk als auch mit seinen philosophischen Vorgängern. Aristoteles  entwirft hier die Form-Materie-Distinktion, wonach die Form das strukturgebende Prinzip ist, welches einer Stoffmenge erst ihre wesentliche Einheit verleiht. Damit nähert er sich paradoxerweise wieder der Ideenlehre seines Lehrers Platon an. Wie er sich dennoch von Platon unterscheidet und in welche begriffliche Schwierigkeiten und Widersprüche er gerät: darum geht es in dieser Folge!

 

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Transkript

Hallo mein Name ist Daniel und ich möchte euch von Philosophie erzählen. Genauer gesagt spreche ich heute über Form und Materie bei Aristoteles.

Was bisher geschah

Uiuiui, heute wir es spannend. Damit ihr die Tragweite der heutigen Folge versteht, brauchen wir noch einmal ein kurzes „Was bisher geschah“. Die Vorsokratiker fingen an, sich zu fragen, was das Prinzip der Welt ist. Etwa Thales, der mit dem ganzen Blödsinn zumindest in der griechischen Variante angefangen hat: Er sagte, die Welt ist aus Wasser entstanden.

Kleine erste Abschweifung: Was vor Thales kam und an Ideen und Konzepten in anderen Teilen der Welt schon existierte, hat der Podcast Geister sehr schön behandelt.

Jedenfalls begannen die Vorsokratiker schnell damit, von Konkreta auf Abstrakta überzugehen, auf Prinzipien, die nicht mehr mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Denn das sinnlich Wahrnehmbare in unserer Welt ist immer veränderlich und damit auch vergänglich. Folglich kamen sie auf die Frage, was denn unbewegte, ewige Ursachen dieser vergänglichen Dinge sein könnten.

In dieser Tradition stehend, begann Sokrates – ohne inhaltlich nach metaphysischen Prinzipien zu fragen – sich auf die Suche nach dem Allgemeinen in allen Dingen und Fragestellungen zu begeben. Platon entwarf dann als Antwort auf die Frage seines Lehrers Sokrates, was das Allgemeine ist, seine Ideenlehre. Der junge Aristoteles, selbst Schüler in Platons Akademie, glaubte nicht, dass es Ideen oder Formen für die Dinge gibt, die quasi in Regalen rumstehen und mit denen Einzeldinge verglichen werden.

Er antwortete auf Platon damit, dass er eine Einzelding-Ontologie entwarf, wonach die Einzeldinge dieser Welt und nicht die Universalien das eigentlich Existierende sind. Doch im Rahmen dieses Konzeptes von Substanzen und Eigenschaften ließ sich nicht endgültig klären, was dieses komische Allgemeine von Sokrates nun ist. Warum das wichtig ist? Hier der Gedankengang: Wenn ich Wissenschaft betreibe, dann interessiert mich ja gerade nicht, was zum Beispiel diese einzelne Katze macht. Ich will herausfinden, was im Allgemeinen das Verhalten von Katzen ist. Und das kann ich letztlich nicht an Einzeldingen bestimmen. Ich muss also die Frage nach dem Allgemeinen stellen.

Und genau das ist ja die Frage, die Ari von Sokrates vererbt wurde. Welchen ontologischen Status das hat, was allen Dingen der gleichen Art gemein ist? Darin steckt dann nämlich auch die große Frage der Vorsokratiker: Was sind die ersten Ursachen oder Prinzipien der Dinge?

Was sind die ersten Ursachen oder Prinzipien der Dinge?

Im berühmten Buch Metaphysik aus Aristoteles‘ Spätwerk macht er sich daran, dieses Problem zu lösen. Ari will hier die Prinzipien und Ursachen der Substanzen oder des Seienden, sofern es seiend ist, untersuchen. Und diese Untersuchung beginnt der Philosoph, indem er noch einmal ganz grundsätzlich fragt: Was bedeutet das eigentlich, dass die Metaphysik die Wissenschaft des Seienden als Seiendes ist?

Seine Antwort: Das heißt, dass diese Wissenschaft nicht nur einen Ausschnitt an Dingen untersucht (wie das etwa Physik oder Biologie tun) sondern alle Dinge, die sind. Und sie untersucht sie nicht mit Blick auf eine Teil-Frage, wie es die Einzelwissenschaften machen. Biologie und Physik können beide das gleich Objekt untersuchen, etwa die Erde. Sie tun es dann mit Blick auf verschiedene Aspekte ihres Sein. Die Biologie untersucht die Erde als Biosphäre, die Physik hingegen als Himmelsobjekt. Doch die Metaphysik kann sich eben nicht nur auf einen Teilaspekt des Seins beschränken. Sie untersucht das Sein darauf hin, inwieweit sie seiend sind.

Das Problem an dieser Fragestellung ist aber: Es gibt viele verschiedene Verwendungen des Wortes „sein“. Ganz in der Tradition von Sokrates untersucht Ari also diese Verwendungsweisen und sucht nach dem ihnen Gemeinsamen. Er sagt: Manches, was seiend ist, ist an sich und selbständig seiend. Das sind die Substanzen. Substanzen sind konkrete Einzeldinge im Unterschied zu Eigenschaften: Dieses Buch, Dieser Federstab, diese Kaffeetasse. Ich sprach darüber in der letzten Folge zu Aristoteles Metaphysik. Anderes ist nur in Bezug auf die Substanzen seiend. Das sind die Eigenschaften oder Universalien. Es gibt Rot nur insofern, als dass es Einzeldinge gibt, die rot sind.

Substanzen als Untersuchungsobjekt

Ari hat also geklärt, dass die Substanzen die Untersuchungsobjekte einer Wissenschaft des Seienden sind, denn nur sie seien selbstständig seiend, ohne dass sie auf etwas anderes angewiesen seien. Aber Wissenschaften zielen auf das Erfassen von Ursachen und Prinzipien ab. Wenn ich Wissen von X haben will, dann muss ich die Ursachen und Prinzipien von X kennen. Wenn ich beispielsweise wissen will, was Abseits im Fußball ist, dann will ich nicht nur wissen, was Abseits in einer bestimmten Situation ist oder in einer Reihe von Situationen. Ich will immer wissen, was Abseits ist in jeder möglichen Spielsituation. Ich will das Prinzip Abseits verstehen. Daraus folgt, dass es in der Wissenschaft vom Seienden um die Ursachen und Prinzipien von Substanzen gehen muss. Soweit ist das nachvollziehbar, oder? Und zwar nicht um die Prinzipien einer einzelnen Substanz, sondern um die Prinzipien aller Substanzen.

Nicht vergessen, wir fragen noch immer mit Sokrates: Was ist das Allgemeine und startend mit Aris Metaphysik aus dem Frühwerk, in der er sich auf die Einzeldinge als das eigentlich Existierende konzentrierte, erkennt er jetzt, dass er gewissermaßen einen doppelten Layer der Verallgemeinerung braucht. Einerseits ist ein Einzelding wie diese Fernbedienung nicht das Prinzip der Fernbedienungen und andererseits gibt es noch die Frage, was allen Prinzipien gemeinsam ist: Also dem Prinzip der Fernbedienung, der Handcreme, des Notizbuches und und und.

Und hier hat Ari noch einen Gedanken, der später noch wichtig werden soll: Wir stehen vor der Schwierigkeit, dass die Prinzipien einerseits, wie es scheint, etwas Potentielles sein müssen, weil die Möglichkeit der Wirklichkeit vorangeht. Kennt ihr diesen Typ auf Social Media, der aus allen Lego-Sets immer Millenium-Falken bastelt? Er nimmt etwa ein König-der-Löwen-Set und hat am Ende einen Millenium-Falken in Gelb- und Brauntönen. Er erkennt also in jedem Legoset die Möglichkeit des Millenium-Falkens. In diesem Sinne geht die Möglichkeit der Wirklichkeit voraus.

Zurück zu Ari: Der sagt, Prinzipien müssen deshalb Möglichkeiten sein – so haben uns das die Vorsokratiker vorgedacht – weil sie immer am Anfang stehen. Wir wollen  ja wissen, was allem zugrunde liegt. Andererseits müssen Prinzipien aber auch mehr als reines Potential sein, sie müssen aktuell existieren, denn genau das bedeutet ja „Sein“. Sein ist Existenz (zumindest in einer Verwendungsweise des Begriffs) und da Sein der Untersuchungsgegenstand der Metaphysik ist, muss es also um etwas real existierendes gehen.

Erste Substanz ist nicht das Einzelding

Ari schaut sich jetzt erneut an, was die Philosophen vor ihm gesagt haben. Viele vorsokratische Naturphilosophen gingen davon aus, dass physische Objekte die Prinzipien sind. Dem gegenüber stand eine andere Tradition, allen voran Platon, die sagte, dass es außer den physikalischen Dingen – der Materie – noch andere Formen gibt, die nicht-stofflicher Natur sind und das sind die eigentlichen Prinzipien. Aristoteles steht also grübelnd vor diesen beiden Traditionslinien und fragt sich: Was ist denn nun das Sein? Form oder Materie?

Ich weiß, meine Einleitung ist für die Verhältnisse dieses Podcasts/Kanals schon außergewöhnlich lang. Aber ich will einfach, dass ihr die Tragweite des Rätsels versteht, vor dem Aristoteles steht: Wir haben eine mehrfach vertrackte Ausgangslage, der er mit seiner eigenen früheren Theorie nicht gerecht werden konnte und von der er meint, sie nur erfassen zu können, wenn er noch einmal ganz anders an das Problem herangeht.

Und an dieser Stelle kommt jetzt ein Twist von so enormer Tragweite, dass ich auf eine Verfilmung durch M. Night Shyamalan oder David Fincher warte. Ari macht hier nicht weniger als eine 180° Wende:

Er sagt: Ursache oder Prinzip der Substanzen muss eine Erste Substanz sein.

„Aber Aristoteles: Was könnte die erste Substanz sein?“

Und Aris Antwort lautet:

Erste Substanz ist nicht das Einzelding, sondern das … wait for it … Eidos. In andere Worten: Die Idee.

Das ist ganz schön krass! Nachdem der junge Ari die ganze Zeit predigte, dass die Ideenlehre doof ist und Platon Unrecht hatte, scheint der alte Ari geläutert zu sein und zu sagen: Jepp, mein oller Lehrer hatte doch recht.

Dieser Widerspruch ist so eklatant, dass sich ein nicht unbedeutender Teil der Aristoteles-Forschung darauf konzentriert, ihn aufzulösen. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Positionen. Dieser Widerspruch führte dazu, dass manche Forscher behaupten, sein Frühwerk – die Kategorien – stammten gar nicht von Ari. Manche sagen: Jupp, der olle Ari schwenkt hier tatsächlich auf die Ideenlehre ein, die er nur marginal modifiziert. Bertrand Russel sagt, dass Ari nicht so der geile Philosoph war, sich öfter mal widersprach und man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen dürfe.

Viele weisen aber auch darauf hin, dass man Eidos aus dem Altgriechischen auf unterschiedlichste Weise übersetzen kann: mit Idee, Art oder auch Form. Letzteres ist der Ausdruck, den man weithin in der Aristoteles-Forschung verwendet: Form.

Richard Rorty geht sogar soweit, dass wir gar nicht mehr sagen können, was Ari wirklich meinte. Denn der Sprachwandel habe uns schon viel zu weit von ihm weggetrieben.

Vielleicht wollte Ari auch gerade auf die Widersprüche aufmerksam machen, die mit Ontologie zwangsläufig einhergehen. Dass eine widerspruchsfreie Ontologie einfach nicht möglich ist.

Um meinen inneren Monk zu beruhigen, werde ich in diesem Video/diesem Podcast mal von keiner dieser Thesen ausgehen, sondern Christof Rapp folgen, der versucht, die frühe und die späte Lehre unter einen Hut zu bringen.

Aristoteles‘ Terminologie

Aber hier muss ich noch einen kleinen hermeneutischen Schlenker einbauen und mich noch einmal dem widmen, was ich eben so unkritisch „erste Substanz“ genannt habe: Denn Ari verändert hier seine Verwendung von Ousia, dem griechischen Wort für Substanz.

In den Kategorien nannte er Konkrete Einzeldinge Substanzen, da sie Träger akzidentieller Eigenschaften sind. Diese Substanzen erkennt Ari auch in der Metaphysik weiterhin an. Aber es ist nicht so, als wäre die eben erwähnte erste Substanz irgendeine Substanz – also ein Einzelding, das Träger von Eigenschaften ist –, die einfach vor den anderen da war. So wie Thales das vom Wasser behauptet hat.

Stattdessen fasst Aristoteles den Begriff nun weiter: Neben den Substanzen aus den Kategorien, die Ari stets im Plural verwendet, bringt er in der Metaphysik nun den Substanz-Begriff ins Spiel, wie die Vorsokratiker ihn in ihren Texten gebrauchten. Wenn in der vorsokratischen Naturphilosophie bestimmte Elemente oder Materiepartikel als Wesen oder Prinzip der Welt bezeichnet werden, dann nennen die Vorsokratiker dies genauso Substanz wie es die Pythagoreer machen, wenn sie sagen, dass die Welt aus Zahlen aufgebaut ist. Diese Verwendung von Substanz taucht bei Ari stets im Singular auf. Also Substanz im Singular ist das zugrundeliegende Prinzip. Substanzen im Plural sind die Träger von Eigenschaften.

Puh, Aristoteles‘ Philosophie wäre tatsächlich klarer, wenn er sich einfach mal ein paar verschiedene Terminologien überlegt hätte, sobald er über verschiedene Dinge spricht. Taxonomie ist soooo wichtig und wird von sooooo vielen Philosophen sooooo gründlich versaut. Ja, ich schaue vorwurfsvoll zu die rüber, Heidegger!

Nur Substanz kan Prinzip sein

Ari fragt jedenfalls: Was kann denn Ursprung oder Prinzip der Substanzen #plural sein. Nur etwas, was selbst Substanz ist. Denn die Substanz ist selbständig und kann ontologisch nicht von etwas Nichtselbständigen abhängig sein. Das war ja der Spring- und Angelpunkt in den Kategorien. Wenn Platon also von der Röte oder der Größe an sich spricht, dann geht das dem späten Ari noch immer zu weit.

Jedenfalls folgert Ari, daraus, dass die erste Substanz #singular Ursache des Seins von Substanzen #plural sein muss. Aber er wehrt sich jetzt sowohl gegen diejenigen Vorsokratiker, die einfach irgendwelche Materie als Substanz #singular annehmen, als auch gegen Platon, der annimmt, dass die Substanz #singular etwas von den Substanzen #plural Verschiedenes ist, nämlich die Idee.  Ari meint stattdessen, dass die Substanz #singular in irgendeiner Form (Vorsicht Spoiler) in den Dingen liegen müsse, zugleich aber auch keine Materie sein könne.

Form-Materie-Distinktion

Was die erste Substanz #singular seines Erachtens wirklich ist, das erklärt Aristoteles mit der sogenannten Form-Materie-Distinktion. Die Substanz eines Dinges beschreibt demnach die notwendigen Eigenschaften, ohne die ein Einzelding aufhören würde, ein und dieselbe Sache zu sein. Fragt man: Was ist die Ursache dafür, dass diese Materieportion Sokrates ist?, so ist Aristoteles’ Antwort: Die Substanz von Sokrates.

Die Substanz ist aber kein weiterer Bestandteil der neben den materiellen Bestandteilen eines Dings existiert. Würden wir das annehmen, würden wir wieder bei den Ideen landen. Es bedürfte einer weiteren Erklärung – eines Strukturprinzips – um zu erklären, wie die Substanz mit den materiellen Bestandteilen vereint ist. Und es war einer der schärfsten Kritikpunkte von Aristoteles an Platon, dass der diese Ursache nicht erklären kann, die für die vermeintliche Verbindung zwischen den Ideen und den materielle Dingen führt. Was soll das für eine unsichtbare Schnur sein, die vom überhimmlischen Ort, an dem die Idee im Regal liegt, zum Konkreten Ding Katze, die schnarchend neben mir auf dem Sofa liegt, reicht? Die Substanz kann aber auch kein materieller Bestandteil sein (wie es die Vorsokratiker annahmen), sonst wäre nicht zu erklären, warum ausgerechnet ein bestimmtes materielles Ding die Substanz ist und die anderen nicht. Was soll diese Materie besonders machen? Bei der Beantwortung dieser Frage waren die Vorsokratiker immer wieder in Probleme hineingeraten.

Nehmen wir ein konkretes Einzelding wie dieses Smartphone. Die Idee des Smartphones ist nicht seine Substanz #singular, denn es ist etwas vom Ding verschiedenes. Aber die Materie aus der das Ding besteht (Glas, Silizium, Plastik, Metall) ist auch nicht die Substanz. Denn die gleiche Materie anders angeordnet könnte ein ganz anderes Ding ergeben.

Das, was das Smartphone zum Smartphone macht, ist nach Aristoteles die Form des Smartphones. Diese Form liegt in den Dingen selbst und macht ihre besonderen, wesentlichen Eigenschaften aus. Die Form des Smartphones ist das, was allen Smartphones gemeinsam ist. Form ist das, was einer bestimmten Menge Materie Einheit verleiht. Eine teleologische Einheit. Merkt euch den Begriff schon einmal, denn wir kommen darauf zurück.

Auch hier müssen wir wieder aufpassen, dass wir unsere alltäglichen Begriffe nicht mit Aristoteles‘ Fachterminologie durcheinander werfen. Wenn ich beispielsweise „die Form des Smartphones“ sage, dann ist damit nicht bloß gemeint, dass das Ding rechteckig ist. Vielmehr ist „Form“ bei Aristoteles viel mehr wibbly-wobbly-timey-wimey. Eben ein metaphysischer Begriff. Und dass er so unklar bleibt, ist einer der größten Kritikpunkte an seinem Konzept.

Was hat alles Form und Materie?

Bei Artefakten (von Menschen gemachten Dingen) ist die Form noch halbwegs verständlich. Hier sagt Aristoteles, dass die Form auch die formale Ursache im Geist der Produzentin ist. Also eine Pizza entsteht, weil die Pitzzabäckerin die Form dafür im Geist hat. Und Form meint erneut nicht einfach Kreis, sondern das Wissen darum, wie die Materie (Mehl, Wasser, Hefe, Tomatensoße, Mozarella, Salz und Gewürze) zum Ding Pizza zusammengefügt werden. Und diese Form steckt dann nach Aristoteles im fertigen Ding Pizza drin.

Aber auch natürliche Gegenstände und Lebewesen haben nach Aristoteles diese Form-Materie-Distinktion. Ein konkretes Einzelding wie Katze oder Stein bestehe aus Form und Materie. Allerdings sagt Ari in einem möglichen Widerspruch auch, dass die Form nichts ist, was entstehen und vergehen kann, und zugleich glaubte er, dass sie nicht losgelöst von den Einzeldingen vorkommt, wie Platon das von Ideen annahm. Wie soll das zusammenpassen. Bei einer Katze können wir uns das noch eher schlecht als recht mit der DNA der Katze zurechtbiegen. Aber was ist die Form des Berges?

Es gibt noch weitere Ungereimtheiten. Denn es macht immer mal wieder den Eindruck, als wäre die erste Substanz #singular der Metaphysik die zweite Substanz der Kategorien. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an die erinnert. Wie wiederholt gesagt: Der junge Ari legt in den Kategorien eine Metaphysik vor, die auf Einzeldingen aufbaut, muss aber zugleich das von Platon überlieferte Universalienproblem lösen. Also die Frage: Was ist denn die Katze an sich. Ari macht das ein wenig unelegant, indem er sagt: Ja, das ist auch eine Substanz. Aber eine Substanz zweiter Ebene, da sie abhängig von den ersten Substanzen #plural ist. (Schaut/hört noch einmal meine Folge zu Gattung und Art). Erneut möchte ich betonen wie wichtig eine gute Terminologie ist und wie viel verständlicher Ari wäre, wenn er mal verschiedene Begriffe verwendet hätte!

Hier noch einmal das Problem an einem Beispiel: Nehmen wir den Begriff „Mensch“. Wenn Ari von der Substanz Mensch spricht, kann er also entweder das meinen, was aus einem willkürlichen Materiehaufen das konkrete Ding Mensch macht, also die Form  oder er kann die Gattung Mensch meinen, die sich aus den Einzeldingen Mensch zusammensetzt.

Die Form ist der Materie einer Sache entgegengesetzt. Die Gattung hingegen ist etwas Allgemeines und die Exemplare einer Gattung sind aus Form und Materie zusammengesetzt. Sagt man „Sokrates ist ein Mensch“, dann meint „Mensch“ in diesem Satzzusammenhang Gattung. Es ist das Allgemeine. Aber das konkrete Ding Sokrates ist aus Form und Materie zusammengesetzt. Für Platon war beides – Gattung und Form – noch identisch: nämlich die Idee. Aber gegen diese Vorstellung wehrt sich ja Aristoteles.

Gegen eine Form als ein Allgemeines, das über den Einzeldingen, unabhängig von ihnen existiert (wie es die platonischen Ideen tun), spricht nach Ari, dass diese Idee nicht Ursache für das sein könne, von dem es getrennt ist. Die Form muss im Ding selbst liegen.

Ein Allgemeines im Sinne von Gattung und Art ist stattdessen etwas begriffliches, ein begrifflicher Bestandteil einer Sache. Ari meint, das könne nicht Substanz sein, weil es sonst eine Substanz innerhalb einer Substanz gäbe. Diese wäre dann aber nur Substanz eines Teils der Sache (hä?). Das spricht seiner Meinung nach auch gegen Materie als Substanz einer Sache. Ich brauche wirklich dringend Alkohol. Ist ein Negroni eigentlich eine Substanz in einer Substanz?

Einordnung von Arisoteles‘ Metaphysik

Ich weiß, das tut alles ein bisschen weh und wir können diese begrifflichen Schwierigkeiten nur verstehen, wenn wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Aristoteles sich noch im ersten Paradigma der Philosophie bewegte. Für ihn gibt es nur die Welt als Untersuchungsgegenstand. Er hatte noch keinen Descartes und Kant gelesen und kam nicht auf die Idee, dass das Denken selbst ein Untersuchungsgegenstand sein könnte und der menschliche Geist die Welt möglicherweise nicht erfassen kann, wie sie ist. Und Ari hatte genauso wenig Ahnung, dass Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein und Konsorten auch noch die Medialität der Sprache aufs Tapet heben werden, um zu problematisieren, wie die unseren Blick auf die Welt verstellt.

Außerdem dürfen wir auch nicht mit der Arroganz des 21 Jahrhunderts auf Ari als irgendwie weniger schlau blicken. Denn unsere aktuellen Konzepte in der Philosophie sind nicht wenige problematisch als Aris Konzept hier. Zukünftige Generationen werden auf uns gucken und sagen: Lol, wtf?! Wie konnten die sowas glauben. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Dennoch muss am Ende die Kritik stehen, dass Aris Reise begann mit der Ausgangsfrage: Was ist das Allgemeine und seine Antwort am Ende lautet: Zumindest nicht die Form. Das ist wenig befriedigend. Schauen wir uns noch einmal alles an, was wir heute gehört haben:

Wir haben uns die Entwicklung des aristotelischen Spätwerks Metaphysik angeschaut und seine Auseinandersetzung mit sowohl seinem Frühwerk als auch mit seinen philosophischen Vorgängern. Während der junge Aristoteles zunächst konkrete Einzeldinge als die einzig wahre Realität ansah, widmet er sich in seinem Spätwerk der Suche nach dem Allgemeinen, das diesen Dingen zugrunde liegt. Er entwirft dabei die Form-Materie-Distinktion, wonach die Form das strukturgebende Prinzip ist, welches einer Stoffmenge erst ihre wesentliche Einheit verleiht. Damit nähert er sich paradoxerweise wieder der Ideenlehre seines Lehrers Platon an, verortet diese Formen jedoch direkt innerhalb der materiellen Objekte. Was Ari damit aber nicht verhindern kann, ist, dass er in begriffliche Schwierigkeiten und Widersprüche gerät.

Das war ein harter Brocken, daher hat es auch so lange gedauert, bis diese Folge erschienen ist. Ich hoffe, jetzt geht es wieder etwas schneller voran. In der Nächsten Folge zur Ontologie werden wir uns noch einmal im Detail das Verhältnis von Form und Materie angucken und Aris wirkungsträchtige Unterscheidung von Potentialität und Aktualität. Ihr könnt euch schon darauf freuen. Ich danke euch, dass ihr mir eure Zeit geschenkt habt.

Ich auf Social Media:

Philosophie-Videos:

Zur weiteren Recherche über Aristoteles:

Aristoteles – Die Kategorien *
Aristoteles – De Interpretatione *
Aristoteles – Erste Analytik *
Bertrand Russell – Die Philosophie des Abendlandes *
Christof Rapp – Aristoteles *
Otfried Höffe – Aristoteles: Die Hauptwerke *
Eduard Zeller – Die Philosophie der Griechen: Zweiter Teil: Sokrates, Plato, Aristoteles *
Herman Siebeck – Aristoteles *
Gottfried Martin – Einleitung in die allgemeine Metaphysik *
Wolfgang Detel – Grundkurs Philosophie Band 2. Metaphysik und Naturphilosophie *

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Das Universalienproblem

Heute wollen wir den Block zu Platons Ideenlehre abschließen, damit wir uns anschließend anderen Aspekten seiner Philosophie zuwenden können. Euch hängt diese Welt der Ideen sicher schon zum Hals raus: Wir haben die Ideenlehre kennengelernt, Probleme gesehen und angerissen, warum es vielleicht trotzdem schlau ist, an den Ideen festzuhalten. Heute möchte ich die Ideenlehre in einen größere philosophischen Kontext einordnen, um euch klarzumachen, warum auch in unseren Tagen – nach 2300 Jahren – noch immer einige Philosophen auf diese abgehobenen Ideen fliegen, als wären sie kleine Kinder, die glauben, Justin Bieber würde gute Musik machen. Der größere Kontext, in den es die Ideenlehre einzuordnen gilt, ist das Universalienproblem. Wie immer könnt ihr euch das als Video anschauen oder ihr lest darunter das Transkript:

Ein letztes Mal „Was ist …?“ gefragt

Zur Einordnung möchte ich noch ein letztes Mal zu Sokrates und seiner „Was ist“-Frage zurückkehren. Ich hatte euch im zweiten Teil zu Sokrates erzählt, dass Sokrates auf der Suche nach dem Allgemeinen war. Dieses Allgemeine benennen wir in der Philosophie heute mit dem Begriff „Universalien“. Unstrittig ist in der zeitgenössischen Philosophie, dass es Univeralien gibt. Wir haben schlichtweg nicht nur Begriffe in unserer Sprache, die konkrete Dinge bezeichnen, wie zum Beispiel „Daniels Handy“, sondern auch solche, die eben Allgemeines bezeichnen, wie einfach nur „Handy“. Oder auch: Mensch, Raumschiff, Pferd. Das, was diese Begriffe bezeichnen, sind Universalien.

Mein großes Philosophie-Lexikon sagt dazu:

„[Universalien] benennen Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten und decken so Zusammenhänge der Wirklichkeit auf oder schaffen eine Ordnung, die die einzelnen Dinge miteinander in Zusammenhang bringt. Sie sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft. Ohne die Annahme von Universalien, welcher Art auch immer, ist eine Theorie, die Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit zum Ausdruck bringen will, grundsätzlich unmöglich.“

Ontologie ist keine Krankheit

Das Universalienproblem bezieht sich genau auf diesen kleinen Einschub: „welcher Art auch immer“. Das Problem besteht in der Frage, was der sogenannte ontologische Status von Universalien ist. Ontolgisch? Klingt wie eine Krankheit, oder? Die Ontologie ist aber die Lehre vom Seienden, also die Frage, was existiert und in welcher Form es existiert. Und genau diese Frage stellen sich die Philosophen in Bezug auf die Universalien.

Dabei gibt es drei Positionen: Erstens, die Nominalisten. Nominalisten glauben, dass Universalien rein sprachlich existieren. Unsere Sprache bringt sie überhaupt erst hervor. Dann gibt es als zweites die Konzeptualisten. Die meinen, dass Universalien im menschlichen Denken existieren. Der menschliche Geist erzeugt Konzepte davon, wie die Welt ist. Und diese Konzepte sind Universalien. Schließlich gibt es noch die Realisten. Die wiederum glauben, dass Universalien unabhängig vom Menschen wirklich in der Welt existieren, in irgendeiner Form. Die Frage ist nun, in welcher Form? Denn schließlich sehen wir zwar jede Menge einzelne Menschen, aber nie die Universalie „Mensch“. Ihr ahnt es vielleicht schon: Ausgerechnet der abgehobene Platon zählt zu den Realisten, denn seine Antwort lautet, dass Universalien Ideen sind, die in einer eigenen Ideenwelt existieren.

Jetzt wird auch klar, was ich im zweiten Sokrates-Teil meinte, als ich sagte, dass nach Aristoteles Sokrates noch nicht glaubte, dass das Allgemeine etwas vom Begriff Unabhängiges sei. Sokrates war demnach eher Nominalist oder Konzeptualist. Was genau, können wir heute nicht mehr sagen.

Der Universalienstreit

Der Streit, was denn jetzt die richtige Lösung für das Universalienproblem ist, tobt seit dem Mittelalter und geht bis unsere Tage. Das alles jetzt wiederzugeben würde eindeutig zu weit führen. Aber wenn dieser Kanal es wirklich schafft, durch die Philosophiegeschichte zu reisen, dann werden wir zwangsläufig immer wieder auf den Universalienstreit stoßen. Aber ich hatte euch eine Antwort auf die Frage versprochen, warum wir auch heute, mehr als 2300 Jahre später noch am Platonismus festhalten.

Denn auf den ersten Blick erscheint es doch naheliegender, anzunehmen, dass Universalien etwas Sprachliches oder Mentales sind, als an so crazy Shit wie ein real existierendes Reich der Ideen zu glauben, oder? Der Knackpunkt dafür liegt noch einmal in dem Zitat aus meinem Philosophielexikon:

Universalien „sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft.“

Die Frage ist keine geringere als jene, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben! Sind so Sachen wie die Evolutionstheorie, der Urknall, das Periodensystem der Elemente, die Syntax der Sprache oder unser Modell vom Gehirn nur irgendwelche Gedanken- oder Sprachspiele? Oder existieren sie wirklich,  in echt, in dieser unserer Welt?

Der Platonismus sagt: Ja, Wissenschaft beschreibt unsere wirkliche Welt und zwar, weil es außer der vergänglichen Welt der einzelnen Erscheinungen auch eine ewige Welt des Allgemeinen und der Gesetzmäßigkeit gibt. Das ist der Grund dafür, warum der Platonismus trotz all seiner Schwierigkeiten, Probleme und metaphysischen Unterstellungen noch immer Anhänger hat. Denn, wenn ihr ihn aufgebt, dann müsst ihr eben eine andere Antwort auf die Frage finden, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben. Ihr müsst beantworten, warum die Dinge immer zur Erde fallen, obwohl die Schwerkraft doch angeblich nur in unserem Kopf oder auf Papier existiert.

So, jetzt haben wir die Ideenlehre aber wirklich im Kasten und damit den größten und wichtigsten Brocken der Philosophie Platons. Bevor wir uns an den nächsten dicken Fisch heranwagen (Platons Ethik und damit verbunden seine politische Philosophie), will ich mal ein bis zwei kleinere Themen behandeln. Und beginnen möchte ich mit etwas fürs Herz: Mit der Liebe.

Literatur

 

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Sokrates – Der Gamechanger – Teil 2: Der Nichtswisser

Es geht weiter mit Sokrates! Diesmal gehen wir den Fragen nach, warum die Athener von ihm genervt waren, woher wir eigentlich von ihm wissen und was seine philosophischen Einflüsse waren. Unten findet ihr wieder das Transkript für alle, die lieber lesen als sehen, außerdem die Bibliographie und die Bilderquellen.

Pain in the ass

Wenn ihr euch für das Leben von Sokrates interessiert und warum er im Jahre 399 v. Chr. hingerichtet wurde, dann schaut euch doch noch mal meinen ersten Post dazu an. Wenn ihr hingegen erfahren wollt, warum die Athener von Sokrates genervt waren, und woher wir überhaupt von ihm wissen, dann seid ihr hier richtig!

Wir waren stehengeblieben bei der Frage, warum die Athener Sokrates zum schweigen bringen wollten, denn diese Frage führt uns erstmals tief in seine Philosophie. Die Antwort auf die Frage lässt sich wohl am besten verstehen, wenn wir die Anekdote betrachten, die Sokrates selbst zur Verteidigung vorgetragen hatte. Sokrates‘ Freund Chairephon, der übrigens ein Demokrat war, soll das Orakel von Delphi gefragt haben, ob es einen weiseren Menschen als Sokrates gebe und das Orakel habe geantwortet, dass es keinen weiseren gebe. In Delphi saß eine Frau, die man die Pythia nannte über einer Erdspalte, aus der giftige Gase strömten und faselte so vollgedröhnt vor sich hin. Die Griechen glaubten, dass diese bekiffte Tante prophetische Gaben hätte und verkünde, was der Gott Apollon ihr einflüstere.

Jedenfalls war Sokrates verwirrt, dass er der weiseste Mensch auf der Welt sein sollte, denn seiner Meinung nach, wusste er eigentlich nichts besonderes. Daher zog er durch Athen und fing an, Männer zu befragen, die allgemein als weise galten, um den Orakelspruch von Apollon zu widerlegen.

Ihr müsst schon zugeben, dass Sokrates eine coole Sau ist: Da ist er unter anderem wegen Gottlosigkeit angeklagt und verteidigt sich vor Gericht mit einer Geschichte, in der er versucht, zu beweisen, dass der Gott der Weisheit sich geirrt hat. Jedenfalls quatschte er nach eigenen Angaben mit Politikern, Dichtern und angesehenen Handwerkern. Doch keiner der befragten, hielt der Prüfung durch Sokrates stand. Denn sie glaubten zwar immer, besonders weise zu sein. Letztlich stellte sich aber heraus, dass sie eigentlich nichts wussten. So kam Sokrates zu der Erkenntnis, dass er tatsächlich weiser war als alle, die er geprüft hatte. Denn zwar wusste er nichts, aber er bildete sich auch nicht ein, zu wissen. Diese Erkenntnis ist berühmt geworden unter dem Sinnspruch: „Der Klügste ist der, der weiß, dass er nichts weiß“.

Doch der Nebeneffekt war eben, dass alle diese Leute, die als besonders weise oder gebildet galten, entsprechend angepisst waren, nachdem sie von Sokrates entlarvt wurden. Denn die Untersuchungen von Sokrates fanden in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz von Athen statt. Nach allem was wir wissen, stand immer eine Truppe von Sokrates-Schülern und Schaulustigen dabei, wenn Sokrates mal wieder einen wichtigen Mann entzauberte. Daher suchte das Athener Establishment nach einem Weg, ein für alle Mal Ruhe vor diesem Sokrates und seinen nervigen Fragen zu haben.

Zu diesen öffentlichen Bloßstellungen kam noch ein weiterer Aspekt: Ein Hauptthema von Sokrates‘ philosophischen Gesprächen war die Suche nach Gerechtigkeit. Dabei wies er konsequent auf Missstände in Athen hin. Und es war für den Athener Staat einfacher, Sokrates durch Gift zum Schweigen zu bringen, als die Probleme zu beheben, die er kritisierte. Das also steckte hinter diesem berühmten Gerichtsverfahren vor 2.400 Jahren. Zu klären bleibt als nächstes, ob Sokrates es denn wert war, dass wir uns noch heute an ihn erinnern oder ob er wirklich bloß irgendeine Nervensäge war.

Die Quellenlage

Doch halt! Vorher gilt es noch zu klären, wie es uns heute überhaupt noch möglich ist, uns mit Sokrates zu beschäftigen. Denn das letzte Mal habe ich ja erzählt, dass Sokrates nie etwas aufgeschrieben hat und die Frage gestellt, wie wir denn dann heute noch etwas von ihm wissen können. Mit der Antwort auf diese Frage möchte ich also fortfahren:

Wir haben im Grunde vier Quellen zu Sokrates und seinen Lehren. Die älteste Quelle ist die Komödie „Die Wolken“, in der Sokrates als Sophist dargestellt wird und in der schon alle Vorwürfe auftauchten, die später beim Prozess von der Anklage wieder vorgebracht wurden. Inklusive des Vorwurfes, Sokrates habe gesagt, dass nicht Zeus für den Regen verantwortlich sei, sondern dass dieser aus den Wolken falle. Was für ein Blödsinn! Man sollte diesen Sokrates zum Schweigen bringen! Ach so, hat man dann ja auch getan.

Jedenfalls sind „Die Wolken“ als historische Quelle problematisch, weil ihr Autor Aristophanes eine ganz klare Agenda hat: Zunächst einmal wollte er seine Zuschauer zum Lachen bringen, dann wollte er auch noch diesen neumodischen Kram, diese Wortverdreherei, die sich „Philosophie“ nennt, kritisieren. Dabei legt er sicher nicht allzu viel Wert darauf, Sokrates korrekt darzustellen. Wenigstens berichten die anderen Quellen, dass Sokrates sich nie für Fragen der Naturphilosophie interessiert habe, sondern immer nur am Menschen interessiert war.

Die zweite Quelle, die wir haben, ist der Sokratesschüler und Historiker Xenophon. Na der müsste doch perfekt sein, oder? Ein Historiker! Von dem können wir doch eine zuverlässige Darstellung erwarten! Nun, das Problem an Xenophon ist, dass er wahrscheinlich nicht die hellste Birne in der Leuchtreklame war, zumindest scheint er sich nicht sonderlich für Philosophie interessiert zu haben. Jedenfalls ist sein Sokrates ein so langweiliger und rechtschaffender Typ, dass es überhaupt keinen Sinn ergibt, dass so jemand vor Gericht gestellt wurde. Ernsthaft: Nach Xenophon hat Sokrates nichts anderes gemacht, als den Leuten zu sagen, dass sie zur Schule gehen sollen oder als Händler ihre Bücher anständig führen sollten. Klingt nicht unbedingt nach großer Philosophie, oder?

Kommen wir entsprechend zur dritten Quelle: dem Sokrates-Schüler Platon. Aber hier müsste doch alles klar sein! Diesen Platon hatte ich als den vielleicht größten Philosophen aller Zeiten beschrieben, der müsste uns doch sagen können, was Sokrates gelehrt hat, oder? Nun, ja und nein. Denn bei Platon gleitet das ganze leider ins andere Extrem ab. Das Problem ist, dass Platon keine Abhandlungen schrieb, sondern uns seine Philosophie in Form von Dialogen hinterließ, in philosophischen Dramen, wenn man so will. Und in diesen Dialogen lässt Platon nun immer Sokrates als einen der Gesprächspartner auftreten. Das Problem ist jetzt, zu unterscheiden, wo die Lehren des Sokrates aufhören und wo jene von Platon anfangen. Immerhin hat uns die Platonforschung dafür einen guten Ansatz an die Hand gegeben. Denn am sich wandelnden Stil und den sich verändernden philosophischen Positionen Platons, kann man sein Werk in drei Phasen unterteilen: den frühen, den mittleren und den späten Platon. Und die frühen Dialoge haben jetzt gewisse Eigenarten, die darauf hindeuten, dass sie noch ziemlich nah an der Lehre des Sokrates sein dürften.

Dafür muss ich mal wieder ein wenig ausholen und euch eine erste philosophische Grundlage verklickern: Die Philosophie spaltet sich in drei Unterdisziplinen: die Erkenntnistheorie, die Ästhetik und die Ethik. Die Erkenntnistheorie stellt die Frage: Was ist Wahrheit? Die Ästhetik fragt: Was ist Schönheit? Und die Ethik schließlich: Was ist gut und böse? Und den frühen platonischen Dialogen ist gemein, dass sie sich nur um diese letzte Frage und ihre Teilbereiche drehen. Das deckt sich mit unserer Erkenntnis, dass Sokrates sich nur für die Ethik interessiert hat. Ihr erinnert euch an Ciceros Worte: „Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel heruntergerufen, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser hineingeführt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Schlechten zu forschen.“ Denn genau in der Abwendung von der Frage: Was ist Wahrheit? Und ihrer Teilfrage: Was ist die Welt? Und der Hinwendung zur Frage: Was ist gut und böse? bestand die Sokratische Wende von der ich das letzte Mal sprach.

Es gibt noch ein gutes Indiz, dass die frühen platonischen Dialoge echte sokratische Dialoge sind: Ich hatte euch ebenfalls bereits erzählt, dass die wichtigste sokratische Erkenntnis war: Ich weiß, dass ich nichts weiß und dass er den Dialog als das wichtigste philosophische Instrument ansah, in welchem er mittels der Mäeutik, der Hebammenkunst, verborgenes Wissen bei seinen Gesprächspartnern ans Licht bringen kann. Zu diesen Aspekten der sokratischen Philosophie passt nun, dass die frühen platonischen Dialoge meist mit einem offenen Ende abgebrochen werden. Irgendwann meint Sokrates immer: „Oh man, ist das schon spät, ich muss weg!“ Das passt ziemlich gut zu seiner skeptischen Sicht auf die Fähigkeit der Menschen überhaupt Wissen erlangen zu können. So werden in diesen Dialogen immer wieder Thesen zum Beispiel zur Frage: Was ist Tapferkeit? aufgestellt, dann von Sokrates mittels geschickter Fragen geprüft und am Ende wieder verworfen. Im Dialog wird sich Erkenntnis so erarbeitet, aber zugleich im Blick behalten das man die Wahrheit ™ niemals wird erreichen können, weswegen irgendwann abgebrochen wird.

Schließlich haben wir noch Aristoteles als eine Quelle sokratischer Philosophie. Natürlich ist der auch problematisch, denn der alte Ari war ein Schüler Platons und seineszeichens hat er Sokrates nicht mehr kennengelernt, sondern berichtet über ihn schon aus einer philosophiehistorischen Perspektive. Allerdings hat das auch Vorteile: Es gibt ihm eine gewisse Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand, die zugleich nicht so groß ist, wie unsere Distanz heute. Wichtig ist Aristoteles besonders, weil er auf einige Unterschiede zwischen den Lehren von Sokrates und Platon hinweist.

Sokrates‘ Erkenntnistheorie

Aristoteles berichtet zum Beispiel, dass auf Sokrates zwei wichtige philosophische Instrumente zurückgehen: Zum einen die allgemeine Definition, zum anderen die Induktion. Viele Dialoge Platons beginnen nach dem gleichen Muster. Sokrates und sein Gesprächspartner kommen nach etwas Vorgeplänkel zum eigentlichen Thema des Dialogs. Dieses Thema fasst Sokrates dann immer in eine „Was ist …?“-Frage, etwa: Was ist Tapferkeit? Darauf antwortet der Dialogpartner dann meist mit einer Reihe von Beispielen: Tapfer sind Soldaten, Feuerwehrmänner, Polizisten, Holzfäller, Whatever … Aber Sokrates will nicht auf diese Sammlung von Einzelfällen hinaus. Stattdessen interessiert ihn stets das Wesen einer Sache, er will eine allgemeine Definition. Und zu der gelangt er eben mit der Induktion. Die Induktion ist neben der Deduktion, der Abduktion und der Analogie einer der vier Möglichkeiten eine Schlussfolgerung zu ziehen: Man schließt von einer Reihe von Einzelfällen auf etwas Allgemeines. Sokrates fragt also, was den Soldaten tapfer macht, was den Feuerwehrmann tapfer macht, was den Polizisten, den Holzfäller etc. Und durch die Entdeckung der Gemeinsamkeiten kommt er so mit Hilfe einer Induktion zu einer Definition von Tapferkeit. Natürlich problematisiert und verwirft er die dann wieder wie ich vorhin das erläuterte, aber das Prinzip steht …

Spannend ist weiterhin, dass Sokrates, wie Aristoteles berichtet, noch keine Semantik hatte. Semantik beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Sprache und Welt und vor Sokrates hatte es durchaus schon Semantiker gegeben. Sokrates ist sogar bei einem in die Schule gegangen, ich komme gleich darauf zurück. Aber Sokrates scheint die Vorstellung abgelehnt zu haben, dass es in unserer Sprache irgendwie verhandelbare Bedeutungen gibt. Er glaubte, dass es die eine, die wahre Bedeutung eines Begriffs gibt: das Allgemeine und dass es nur darauf ankäme, diese mit Hilfe der Mäeutik zu finden. Da möchte ich jetzt noch eine kryptische Bemerkung anhängen, die klarer wird, wenn ich euch von Platon erzählt habe: Laut Aristoteles glaubte Sokrates nicht, dass das Allgemeine eine vom Begriff unabhängige Wesenheit ist. Wie gesagt, merkt euch das einfach mal, wir kommen darauf zurück.

Sokrates‘ philosophische Einflüsse

Bevor wir uns weiter damit beschäftigen, was die wesentlichen Aspekte der sokratischen Philosophie sind, möchte ich noch mal einen Blick zurück werfen und euch von Sokrates Semantik-Lehrer und den anderen Vorgängern erzählen, die Sokrates philosophisch geprägt haben.

Zu Sokrates‘ Lehrern gehörte anscheinend der Sophist Prodikos. Die Sophistik war eine heterogene skeptische Bewegung, die in der Ethik überwiegend relativistische Positionen vertrat, also dass es keine absoluten Werte gibt und in der Erkenntnistheorie wurden wiederum überwiegend skeptische Haltungen vertraten, also dass echte Erkenntnis nicht möglich sei. Die Sophisten verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie gegen Geld Rhetorik und Logik lehrten. Wie wir ja in der letzten Folge sahen, waren insbesondere vor Gericht rhetorische Fähigkeiten unerlässlich, um vor den Laiengerichten des alten Athens den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Berühmt geworden ist Sokrates‘ Kritik daran, dass die Sophisten Geld für ihren Unterricht nahmen. Wie wir aber auch in der letzten Folge sahen, war Sokrates wohl nicht der Ärmste, sodass diese Kritik von einer guten Portion Arroganz zeugt. Prodikos beschäftigte sich neben Rhetorik, also der Kunst des Argumentierens, wohl vor allem mit Semantik, also der Lehre von der Bedeutung der Worte und er war auf der Suche nach eindeutigen Bedeutungen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, worin dabei der Unterschied zur Sokrates’ Suche nach dem Allgemeinen steht. Denn diese Suche nach der eindeutigen Bedeutung ist meines Erachtens genau das was mit der „Was ist…?“-Frage in den Sokratisch-Platonischen Traditionsstrang der Philosophie einging. Wie ich ja schon sagte, lässt Platon Sokrates in seinen Dialogen immer auf die Suche nach der Antwort von „Was ist …?“-Fragen gehen: Was ist Schönheit, Was ist Erkenntnis, Was ist das Gute? Falls jemand von euch sich mit Prodikos’ Philosophie auskennt, dann wäre ich über mehr Details sehr froh.

Philosophisch geprägt wurde Sokrates auch noch durch zwei andere philosophischen Schulen: Den größten Einfluss dürfte auf ihn Anaxagoras gehabt haben, mit dessen Schüler Archelaos er einmal nach Samos reiste. Anaxagoras beschäftigte sich wie Thales mit der Suche nach dem Prinzip, das der Welt zugrunde liegt. Im Gegensatz zu Thales glaubte er aber nicht, dass es irgendetwas so banales wir Wasser oder ein anderes Element ist, das sich in der Welt zeigt. Stattdessen war er der Überzeugung, dass alle Dinge der Welt alle Elemente beinhalten, aber in verschiedenen Mischungen.

Aber seine einflussreichste Lehre, die über Sokrates und Platon in den Mainstream der Philosophie eintreten sollte, war der Dualismus von Geist und Materie und dass der Geist die Materie beeinflusst. Das klingt alles unglaublich kryptisch, daher will ich es kurz und weitgehend falsch noch einmal zusammenfassen: Ein Stück Holz beinhaltet nach Anaxagoras alle Elemente, aber zum Beispiel ist relativ viel Feuer (was die Griechen für ein Element hielten) in der Mischung, denn es kann brennen. Ein Stein enthält hingegen eher wenig Feuer in der Mischung. Was ist nun wiederum der Unterschied zwischen einem Stein und einer Pflanze? Letztere hat einen Geist, der sie dazu bringt, zu wachsen. Ehrlich gesagt klingt das ziemlich esoterisch, aber eigentlich steckt da noch immer die gleiche logisch-wissenschaftliche Begründung dahinter, die wir schon bei Thales ausmachten, denn die Theorie basiert auf der Beobachtung, dass Pflanzen im Gegensatz zu Steinen wachsen. Und wenn ihr mal den Begriff „Geist“ durch „DNA“ tauscht, dann sind wir plötzlich bei einer modernen Theorie …

Anyway … Hier geht es nicht um Anaxagoras sondern um Sokrates. Der zweite große Einfluss auf ihn hatte die Schule der Pythagoreer. Der pythagoreische Musiktheoretiker Damon gehörte zu Sokrates Lehrern. Pythagoras kennt ihr wieder aus der Schule. Er hat die moderne Mathematik erfunden, so sagt es zumindest Bertrand Russell. Außerdem hat er die Mathematik aber mit Mystizismus verbunden. Pythagoras glaubte, dass die Welt aus Zahlen besteht, aus irgendeinem Grund war er aber auch der Meinung, dass Bohnen teuflische Dinger sind und sie zu essen eine Sünde. Außerdem durften seine Schüler nichts aufheben, was zu Boden gefallen war, nicht auf Landstraßen gehen und er führte einen unerklärlichen Krieg gegen Schwalben. Allerdings glaubte Pythagoras auch an die unsterbliche Seele und dass der Mensch Philosophie und Wissenschaft betreiben solle, da das gut für die Seele sei. Besonders hoch angesehen war bei den Pythagoreern – wie könnte es anders sein – die Auseinandersetzung mit Mathematik, da dies reines Denken sei.

Es ist nicht bekannt, ob Sokrates Beef mit Bohnen oder Schwalben hatte, aber die Auseinandersetzung mit Logik, der unsterblichen Seele und der Philosophie als Lebensziel waren große Einflüsse für ihn. Natürlich war es eine kritische Auseinandersetzung, sonst hätte er heute wohl kaum den Status, den wir ihm zuschreiben.

Last not Least sollen auch zwei Frauen unter Sokrates’ Lehrerinnen gewesen sein: Aspasia soll ihn in Rhetorik unterrichtet haben, außerdem betrieb sie so eine Art philosophischen Salon, in dem Sokrates wohl mit vielen Theorien in Kontakt kam. Und eine gewisse Diotima soll ihn „über den Eros belehrt haben“, if you know what I mean! Nein? Na ich spreche natürlich von dem, was später mal zur platonischen Liebe werden sollte. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden …

Denn heute ist es schon spät und „es ist Zeit, dass wir gehen: ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer nur Gott.“ Ups, Tschuldigung, da wurde ich gerade mitgerissen von der Apologie, der Verteidigungsrede Sokrates’ Dennoch ist es an der Ziet für heute einen Schlussstrich zu ziehen, bevor wir uns beim nächsten Mal noch einmal richtig in Sokrates’ Philosophie reinstürzen.

Literatur

Wie beim letzten Teil gilt:

Zusätzlich für diese Folge sind noch relevant:

Bilderquellen

Alle Bilder ohne Quellenangabe sind entweder gemeinfrei oder stammen von mir.