Sokrates – Der Gamechanger – Teil 3: Die Sokratische Wende

Heute bringe ich meine Sokrates-Serie zu einem Abschluss. Nachdem ich im ersten Teil von Sokrates’ Leben erzählte und im zweiten Teil von seinen Einflüssen und Schülern sprach, stürze ich mich diesmal voll in seine Philosophie. Wir klären noch einmal, was die Sokratische Wende ist, rücken die Mäeutik zurecht und fragen, was Sokrates in der Ethik gelehrt hat. Abschließend stelle ich noch 10 Thesen vor, worin die sokratische Philosophie bestand. Das ganze gibt es, wie immer als Video oder darunter zum nachlesen. Außerdem findet ihr wieder Literaturtipps und die Bilderquellen zum Video auf dieser Seite.

Die Sokratische Wende

Beginnen muss ich mit einem Geständnis. Ich habe euch in den letzten beiden Teilen dieser Reihe ein bisschen aufs Glatteis geführt und zwar mit voller Absicht. Und wisst ihr was, es tut mir noch nicht einmal leid! Stattdessen habe ich einen Metawitz eingebaut und selbst ein bisschen den Sokrates gespielt. Denn wenn ihr einen platonischen Dialog lest, dann werdet ihr feststellen, dass es darin fast immer eine Stufe gibt, in der die Gesprächspartner glauben, zu einem Ergebnis gekommen zu sein und dann lässt Sokrates das Kartenhaus zusammenbrechen. Und genau das habe ich mit euch gemacht. Aber nur ein bisschen … Ich erklär’s euch und hoffe ihr könnt mir verzeihen.

Und zwar geht es um das, was ich die Sokratische Wende genannt habe, oder was auch manchmal die anthropologische Wende genannt wird. Ihr erinnert euch? Cicero, der alte Sack:

“Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel heruntergerufen, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser hineingeführt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Schlechten zu forschen.“

Und dann habe ich euch erzählt, dass Sokrates sich nicht für Erkenntnistheorie interessierte, so wie die Naturphilosophen, sondern bloß für Ethik. Und jetzt die kleine Gemeinheit, die ich eingebaut habe: Nämlich einen Widerspruch. Auf der einen Seite habe ich euch erzählt, Sokrates habe sich nicht für Erkenntnistheorie interessiert, aber auf der anderen Seite habe ich euch die ganze Zeit mit erkenntnistheoretischen Konzepte und Methoden von Sokrates gefüttert …

Seht ihr es jetzt? „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“, das Verhältnis von Sprache und Welt, die Frage nach dem Allgemeinen, also die „Was ist …?“-Frage, Definition, Induktion und Mäeutik. Das sind alles erkenntnistheoretische Themen, die ich euch untergejubelt habe. Also hat sich Sokrates doch für die Erkenntnistheorie interessiert? Zumindest indirekt. In der Apologie, also seiner Verteidigungsrede, sagt er an einer Stelle, dass er bei seinen Untersuchungen eigentlich immer nur die Sache selbst prüfen wollte, dass es sich dabei aber ergab dass auch sein Gesprächspartner und er selbst geprüft wurden. Die Sache selbst, das sind ethische Probleme, mit denen er sich herumgeschlagen hat. Aber die Methoden, die er dabei anwendete das waren erkenntnistheoretische und so prüfte er automatische seine eigene Erkenntnis und die seines Gesprächspartners mit.

Die sokratische Wende besteht gar nicht darin, dass Sokrates sich nicht mehr für die Frage „Was ist Wahrheit?“ interessierte. Ganz im Gegenteil: Auf gewisse Art und Weise war er mehr daran interessiert, als jeder seiner Vorgänger. Aber er hat sich einer anderen Teilfrage zugewendet. Statt wie die naturphilosophischen Vorsokratiker zu fragen: Was ist die Welt? Fragte Sokrates: Was kann ich von der Welt erkennen?

So, jetzt ist es raus. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, dass ich euch an der Nase herumgeführt habe. Jetzt habe ich euch die Wahrheit erzählt, versprochen! Zumindest, bis ich sie das nächste Mal sokratisch zusammenbrechen lasse.

Die Mäeutik

Kehren wir doch, weil es in der Erkenntnistheorie gerade so kuschelig ist, noch einmal zur Mäeutik zurück. Die hatte ich jetzt zweimal angerissen, als wäre sie das Normalste von der Welt. Aber ist die Vorstellung nicht strange, wenn man sie genau betrachtet? Dass wir das Wissen schon in uns tragen und man es im Gespräch zur Welt bringen kann? Wo soll das Wissen herkommen? War das schon immer in uns drin? Oder ist es etwas, das wir mal wussten und wieder vergessen haben?

So esoterisch sich diese Mäeutik auch anhören mag: Wir haben ein ganz ähnliches Konzept. Wir unterscheiden zwischen impliziten und expliziten Wissen. So bilde ich mir ein, dass ich grob weiß, wann ich im Satz ein Komma zu setzen habe. Aber ich kenne nicht alle drölfzigmillionen Kommaregeln der deutschen Schriftsprache. Dennoch könnte man sie mir vielleicht klarmachen, wenn man mich mit der Nase darauf stößt, wann ich wo ein Komma setze. Ein anderes Beispiel sind Fußballspieler und Fußballtrainer. Lionel Messi kann sicher besser Fußball spielen, als jeder seiner Trainer. Aber er verfügt über dieses Wissen nur implizit. Das heißt, er kann nicht unbedingt erklären, warum er wann was auf dem Feld macht. Aber ein guter Trainer kann eben genau das – er verfügt eben über explizites Wissen. Und mit entsprechender Mäeutik, oder eben schlicht mit Training, kann er Messi so helfen, das Wissen zu gebären.

Allerdings weist der Philosoph Bertrand Russell zurecht darauf hin, dass diese Methode ihre Grenzen hat: Sokrates wäre es bestimmt nicht gelungen, einem Arzt der Antike das Wissen zu entlocken, dass es Bakterien gibt, die die Ursache für Krankheiten sind. Für diese Erkenntnis musste zunächst das Mikroskop erfunden werden. Wir scheinen es hier mit einer anderen Art von Wissen zu tun zu haben. Mit Wissen, das wir nur erlangen können wenn wir unsere Hypothesen mit der Welt vergleichen. Und Russell geht noch weiter: Er meint, dass vielleicht genau das der Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft ist. Dass die Philosophie Fragen beantwortet, die sich mit Mäeutik beantworten lassen und dass die Wissenschaft sich mit den anderen Fragen beschäftigt …

Mit anderen Worten: Philosophen sind Fußballtrainer.

Sokrates’ Lehren zur Ethik

Anyway … Ich hatte jetzt schon zigfach erwähnt, dass Sokrates eigentlich nur Bock auf Ethik hatte, habe aber zugleich bisher fast nur von Erkenntnis gesprochen. Was hat denn Sokrates nun zur Ethik gesagt? Sokrates hat sich anscheinend Zeit seines Lebens mit der Frage herumgeschlagen, was Tugend ist.

Tu-was? Wenn ich mal einen Blick in mein kleines Philosophie-Lexikon werfe, dann stehen da zu Tugend, beziehungsweise zu Arete, dem entsprechenden griechischen Wort so Dinge wie Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit, die Tauglichkeit der Seele, innerer Wert, Ehre. Sokrates wollte wissen, was einen Menschen ausmacht, den wir tugendhaft nennen. Er glaubte, dass die Werte Gerechtigkeit, Tapferkeit, Frömmigkeit, Besonnenheit und Weisheit Teile der Tugend sind. Dass also ein Mensch alle diese Werte besitzen muss um tugendhaft zu sein. Daran schloss sich dann für ihn die Frage an, ob alle diese Werte den gleichen Anteil an der Tugend haben oder ob es vielleicht einen Wert gibt, der wichtiger ist als die anderen. Zum Beispiel bist du sicher nicht tugendhaft, wenn du zwar tapfer aber nicht gerecht bist. Aber bist du auch nicht tugendhaft, wenn gerecht aber nicht tapfer bist? Und was, wenn du gerecht und tapfer aber nicht weise bist?

Sokrates’ Antwort lautete ganz klar, dass die Weisheit der wichtigste Wert der Tugend ist. Er hielt die verschiedenen Werte für Formen von Wissen: Wenn ich erkannt habe, was tapfer oder gerecht ist, dann bin ich auch tapfer oder gerecht. So wie der Handwerker sein Handwerk verstehen muss, so muss die Gerechte eben die Gerechtigkeit verstehen.

Klingt ziemlich einleuchtend, oder? Ist aber nicht unproblematisch … Denn das impliziert zum Beispiel, dass ungebildete Menschen per se weniger tugendhaft sind als gebildete, denn sie haben ja weniger Wissen. Aber wenn ich zum Beispiel an meine Oma denke, so war sie sicher nicht der gebildetste Mensch der Welt, aber sie hatte das Herz am rechten Fleck, wie man so schön sagt. Hingegen haben die Zocker in den Investmentbanken oft Abschlüsse an Eliteunis erworben, aber anscheinend kein Problem damit, andere auszubeuten … Ist es nicht so, dass ich wissen kann, was gut und richtig ist, ohne auch danach zu handeln? Sokrates glaubte das nicht, er würde immer sagen, dass zum Beispiel die Investmentbanker zwar gut im Investmentbanking ausgebildet sind, aber nicht nicht gut im Wissen um Gerechtigkeit. Das mag zwar sein, ändert aber nichts daran, dass wir im Gegensatz zu Sokrates in der Regel zwischen Wissen und Handeln unterscheiden. Ich weiß genau, dass Tiere sterben mussten, damit ich mein Steak essen kann. Ich weiß auch, dass diese Tiere Angst und Schmerz fühlen konnten. Dennoch esse ich das Fleisch.

Ihr seht, wie kompliziert diese Ethik ist, entsprechend ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, manchmal eine Debatte mit der unterschätzten aber sehr wissenschaftlichen Antwort abzubrechen: Ich weiß es nicht. Auch das lehrt uns ja Sokrates. Es wäre jetzt sehr sokratisch diese Folge einfach abzubrechen, aber stattdessen möchte ich euch lieber als Round-Up zu Sokrates noch zehn Thesen vortragen, worin seine Philosophie bestand. Diese Thesen habe ich bei Wolfgang Pleger gefunden und anhand dieser Thesen möchte ich überprüfen, ob ich in meinen drei Folgen über den Philosophen auch nichts vergessen habe:

1. Sokrates kritisierte den Mythos

Das hatte ich kurz im ersten Teil angerissen. Sokrates hatte eine klassische Ausbildung genossen und sich unter anderem mit Homer auseinandergesetzt. Und die Griechen lasen die Mythen nicht zuletzt deshalb, um sich an den dort aufgeschriebenen moralische Normen zu orientieren. Die strikten Regeln, die „von den Göttern vorgeschrieben“ wurden, wollte Sokrates aber nicht als gegeben hinnehmen, wie wir ja auch an der Anekdote zum Orakel von Delphi sahen. Stattdessen wollte er jede althergebrachte Regel logisch prüfen.

2. Sokrates wendete sich von der Naturphilosophie ab

Die meisten der ganz großen Vorsokratiker wie Thales, Pythagoras, Heraklit oder Parmenides beschäftigten sich mit der Frage: „Was ist die Welt?“ Wie ich das letzte mal erzählt habe, interessierte sich Sokrates, als er noch jung war, für die Philosophie von Anaxagoras. Kam dann aber zu der Erkenntnis, dass die Naturphilosophie ein unlösbares Rätsel ist und wandte sich lieber anderen Fragen zu. Und diese anderen Fragen sind der dritte Aspekt seiner Philosophie:

3. Die anthropologische Wende, oder wie ich es zuvor schon nannte: Die Sokratische Wende

Pleger betont, dass eigentlich die Sophisten diese Wende schon eingeleitet haben, da sie die ersten waren, die sich mit Fragen der Ethik beschäftigten stattt herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber Sokrates hat diese Wende fortsetzt und noch einmal auf ein ganz anderes Niveau gehoben: Er fragte nach den „menschlichen Dingen“, allem voran danach, was die „gut verfasste Seele“ ausmacht, also was den Menschen gut macht. Das ging einher mit der Frage, was wir erkennen können. Dabei legte er den Fokus auf die Beschränktheit unseres Wissens: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.”

4. Kritik an der Politik

Sokrates kritisierte Gesetze und politische Praktiken, wenn sie nur aus Tradition existierten und gegen die Logik verstießen. Er hatte dafür genau die gleiche Motivation wie für seine Kritik am Mythos: Er wollte stets, dass logische Gründe zu einer Entscheidung führen und nicht irgendwelche Mehrheits- oder Machtverhältnisse.

5. Pädagogik

Wie ich auch schon wiederholt erwähnt habe, war Sokrates Lehrer. Er versuchte seine jugendlichen Schüler zu besseren Menschen zu machen. Und für diesen Zweck machte er mit ihnen genau das, womit ich diesen Artikel einleitete: Er erschütterte ihre Gewissheiten. Im Dialog machte er ihnen klar, dass das, von dem sie bisher glaubte, es sei wahr, in Wirklichkeit zumindest problematisch ist. Dann hielt er sie dazu an, sich in Selbsterkenntnis zu üben und für ihre Handlungen aber auch für ihre Überzeugungen Rechenschaft abzulegen.

6. Politisches Interesse

Bei aller Kritik an der Politik, hielt Sokrates sie und den Staat auch für wichtig und fragte, was einen guten Politiker ausmacht. Was einen guten Staat ausmacht und was ein gerechter Staat ist. Sokrates war entsprechend seiner Überzeugung, dass politische Entscheidungen logisch gerechtfertigt sein müssten, ein Gegner davon, Menschen in Ämter zu wählen. Sattdessen war er davon überzeugt, dass der am besten Geeignete, das jeweilige Amt innehaben sollte.

7. Die Frage nach der Sache selbst

Das hatten wir in der letzten Folge: Sokrates wollte immer erforschen, was das Wesen der Dinge ist. Das kommt in der „Was ist …?“-Frage zum Ausdruck. Er bediente sich für diese Frage der Logik.

8. Ethisches Wissen

Das hatte ich eben gerade auch schon angesprochen: Tugend war für Sokrates das Wissen um das was gut (also gerecht, tapfer und so weiter) ist, daraus folgte für ihn direkt die gute Tat. Er glaubte, dass niemand wissentlich Böses tut, sondern dass Menschen, die böse handeln, dies tun, weil sie es nicht besser wissen.

9. Die Dialektik

Das könnt ihr mittlerweile wahrscheinlich gar nicht mehr hören: Der Dialog war für Sokrates der Ort, an dem Philosophie stattfindet. Im Dialog werden philosophische Erkenntnisse errungen. Dabei wird die Sache selbst geprüft, aber auch die Gesprächspartner werden geprüft.

Und schließlich:

10. Das philosophische Leben

Philosophie war für Sokrates eine Lebensweise: Die ständige Suche nach Wahrheit und die Prüfung von allem und jedem an der Wahrheit. Dabei gab er sich aber zugleich nicht der falschen Gewissheit hin, selbst zu wissen, was Wahrheit ist.

Das waren die zehn zentralen Punkte der sokratischen Philosophie. Puh, schwirrt euch jetzt auch der Kopf? Natürlich musste ich alles ganz schön verkürzen. Wenn ihr mehr wissen wollt, findet ihr unten Literaturtipps. Außerdem ist der Wikipedia-Artikel zu Sokrates überdurchschnittlich gut. Fragen könnt ihr natürlich auch in den Kommentaren stellen oder die Kommentare nutzen, um mich zu beschimpfen, weil ich das alles nicht verstanden und total falsch dargestellt habe. Ich freue mich über jedes Feedback.

Wenn euch das hier gefallen hat, dann erzählt euren Freundinnen davon. Als nächstes werde ich mich mit Platon auseinandersetzen und würde mich freuen, wenn ihr mir schreibt, was euch an dessen Philosophie besonders interessieren würde. Enden möchte ich mit einem Sokrates-Zitat aus seiner Verteidigungsrede, in dem es noch einmal um die philosophische Lebensweise geht. Ich sage schon einmal tschüss, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt und hoffe, ihr schaut mal wieder rein.

Zitat aus der Apologie des Sokrates

Vielleicht aber wird einer sagen: „Also still und ruhig, Sokrates, wirst du nicht imstande sein, nach deiner Verweisung zu leben?“ Das ist nun wohl am allerschwersten manchem von euch begreiflich zu machen. Denn wenn ich sage, das hieße, dem Gotte ungehorsam sein, und deshalb wäre es mir unmöglich, mich ruhig zu verhalten, so werdet ihr mir nicht glauben, als meinte ich etwas anderes, als ich sage. Und wenn ich wiederum sage, dass ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten und über die andern Gegenstände, über welche ihr mich reden und mich selbst und andere prüfen hört, ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden, das werdet ihr mir noch weniger glauben, wenn ich es sage. Aber gewiss verhält sich dies so, wie ich es vortrage, ihr Männer; nur euch davon zu überzeugen ist nicht leicht.

Literatur

Als Literaturtipps wiederhole ich alles noch einmal, was ich auch in den letzten beiden Teilen empfohlen habe:

Als einzige neue Quelle habe ich anzubieten:

Bilderquellen

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Sokrates – Der Gamechanger – Teil 2: Der Nichtswisser

Es geht weiter mit Sokrates! Diesmal gehen wir den Fragen nach, warum die Athener von ihm genervt waren, woher wir eigentlich von ihm wissen und was seine philosophischen Einflüsse waren. Unten findet ihr wieder das Transkript für alle, die lieber lesen als sehen, außerdem die Bibliographie und die Bilderquellen.

Pain in the ass

Wenn ihr euch für das Leben von Sokrates interessiert und warum er im Jahre 399 v. Chr. hingerichtet wurde, dann schaut euch doch noch mal meinen ersten Post dazu an. Wenn ihr hingegen erfahren wollt, warum die Athener von Sokrates genervt waren, und woher wir überhaupt von ihm wissen, dann seid ihr hier richtig!

Wir waren stehengeblieben bei der Frage, warum die Athener Sokrates zum schweigen bringen wollten, denn diese Frage führt uns erstmals tief in seine Philosophie. Die Antwort auf die Frage lässt sich wohl am besten verstehen, wenn wir die Anekdote betrachten, die Sokrates selbst zur Verteidigung vorgetragen hatte. Sokrates’ Freund Chairephon, der übrigens ein Demokrat war, soll das Orakel von Delphi gefragt haben, ob es einen weiseren Menschen als Sokrates gebe und das Orakel habe geantwortet, dass es keinen weiseren gebe. In Delphi saß eine Frau, die man die Pythia nannte über einer Erdspalte, aus der giftige Gase strömten und faselte so vollgedröhnt vor sich hin. Die Griechen glaubten, dass diese bekiffte Tante prophetische Gaben hätte und verkünde, was der Gott Apollon ihr einflüstere.

Jedenfalls war Sokrates verwirrt, dass er der weiseste Mensch auf der Welt sein sollte, denn seiner Meinung nach, wusste er eigentlich nichts besonderes. Daher zog er durch Athen und fing an, Männer zu befragen, die allgemein als weise galten, um den Orakelspruch von Apollon zu widerlegen.

Ihr müsst schon zugeben, dass Sokrates eine coole Sau ist: Da ist er unter anderem wegen Gottlosigkeit angeklagt und verteidigt sich vor Gericht mit einer Geschichte, in der er versucht, zu beweisen, dass der Gott der Weisheit sich geirrt hat. Jedenfalls quatschte er nach eigenen Angaben mit Politikern, Dichtern und angesehenen Handwerkern. Doch keiner der befragten, hielt der Prüfung durch Sokrates stand. Denn sie glaubten zwar immer, besonders weise zu sein. Letztlich stellte sich aber heraus, dass sie eigentlich nichts wussten. So kam Sokrates zu der Erkenntnis, dass er tatsächlich weiser war als alle, die er geprüft hatte. Denn zwar wusste er nichts, aber er bildete sich auch nicht ein, zu wissen. Diese Erkenntnis ist berühmt geworden unter dem Sinnspruch: „Der Klügste ist der, der weiß, dass er nichts weiß“.

Doch der Nebeneffekt war eben, dass alle diese Leute, die als besonders weise oder gebildet galten, entsprechend angepisst waren, nachdem sie von Sokrates entlarvt wurden. Denn die Untersuchungen von Sokrates fanden in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz von Athen statt. Nach allem was wir wissen, stand immer eine Truppe von Sokrates-Schülern und Schaulustigen dabei, wenn Sokrates mal wieder einen wichtigen Mann entzauberte. Daher suchte das Athener Establishment nach einem Weg, ein für alle Mal Ruhe vor diesem Sokrates und seinen nervigen Fragen zu haben.

Zu diesen öffentlichen Bloßstellungen kam noch ein weiterer Aspekt: Ein Hauptthema von Sokrates’ philosophischen Gesprächen war die Suche nach Gerechtigkeit. Dabei wies er konsequent auf Missstände in Athen hin. Und es war für den Athener Staat einfacher, Sokrates durch Gift zum Schweigen zu bringen, als die Probleme zu beheben, die er kritisierte. Das also steckte hinter diesem berühmten Gerichtsverfahren vor 2.400 Jahren. Zu klären bleibt als nächstes, ob Sokrates es denn wert war, dass wir uns noch heute an ihn erinnern oder ob er wirklich bloß irgendeine Nervensäge war.

Die Quellenlage

Doch halt! Vorher gilt es noch zu klären, wie es uns heute überhaupt noch möglich ist, uns mit Sokrates zu beschäftigen. Denn das letzte Mal habe ich ja erzählt, dass Sokrates nie etwas aufgeschrieben hat und die Frage gestellt, wie wir denn dann heute noch etwas von ihm wissen können. Mit der Antwort auf diese Frage möchte ich also fortfahren:

Wir haben im Grunde vier Quellen zu Sokrates und seinen Lehren. Die älteste Quelle ist die Komödie „Die Wolken“, in der Sokrates als Sophist dargestellt wird und in der schon alle Vorwürfe auftauchten, die später beim Prozess von der Anklage wieder vorgebracht wurden. Inklusive des Vorwurfes, Sokrates habe gesagt, dass nicht Zeus für den Regen verantwortlich sei, sondern dass dieser aus den Wolken falle. Was für ein Blödsinn! Man sollte diesen Sokrates zum Schweigen bringen! Ach so, hat man dann ja auch getan.

Jedenfalls sind „Die Wolken“ als historische Quelle problematisch, weil ihr Autor Aristophanes eine ganz klare Agenda hat: Zunächst einmal wollte er seine Zuschauer zum Lachen bringen, dann wollte er auch noch diesen neumodischen Kram, diese Wortverdreherei, die sich „Philosophie“ nennt, kritisieren. Dabei legt er sicher nicht allzu viel Wert darauf, Sokrates korrekt darzustellen. Wenigstens berichten die anderen Quellen, dass Sokrates sich nie für Fragen der Naturphilosophie interessiert habe, sondern immer nur am Menschen interessiert war.

Die zweite Quelle, die wir haben, ist der Sokratesschüler und Historiker Xenophon. Na der müsste doch perfekt sein, oder? Ein Historiker! Von dem können wir doch eine zuverlässige Darstellung erwarten! Nun, das Problem an Xenophon ist, dass er wahrscheinlich nicht die hellste Birne in der Leuchtreklame war, zumindest scheint er sich nicht sonderlich für Philosophie interessiert zu haben. Jedenfalls ist sein Sokrates ein so langweiliger und rechtschaffender Typ, dass es überhaupt keinen Sinn ergibt, dass so jemand vor Gericht gestellt wurde. Ernsthaft: Nach Xenophon hat Sokrates nichts anderes gemacht, als den Leuten zu sagen, dass sie zur Schule gehen sollen oder als Händler ihre Bücher anständig führen sollten. Klingt nicht unbedingt nach großer Philosophie, oder?

Kommen wir entsprechend zur dritten Quelle: dem Sokrates-Schüler Platon. Aber hier müsste doch alles klar sein! Diesen Platon hatte ich als den vielleicht größten Philosophen aller Zeiten beschrieben, der müsste uns doch sagen können, was Sokrates gelehrt hat, oder? Nun, ja und nein. Denn bei Platon gleitet das ganze leider ins andere Extrem ab. Das Problem ist, dass Platon keine Abhandlungen schrieb, sondern uns seine Philosophie in Form von Dialogen hinterließ, in philosophischen Dramen, wenn man so will. Und in diesen Dialogen lässt Platon nun immer Sokrates als einen der Gesprächspartner auftreten. Das Problem ist jetzt, zu unterscheiden, wo die Lehren des Sokrates aufhören und wo jene von Platon anfangen. Immerhin hat uns die Platonforschung dafür einen guten Ansatz an die Hand gegeben. Denn am sich wandelnden Stil und den sich verändernden philosophischen Positionen Platons, kann man sein Werk in drei Phasen unterteilen: den frühen, den mittleren und den späten Platon. Und die frühen Dialoge haben jetzt gewisse Eigenarten, die darauf hindeuten, dass sie noch ziemlich nah an der Lehre des Sokrates sein dürften.

Dafür muss ich mal wieder ein wenig ausholen und euch eine erste philosophische Grundlage verklickern: Die Philosophie spaltet sich in drei Unterdisziplinen: die Erkenntnistheorie, die Ästhetik und die Ethik. Die Erkenntnistheorie stellt die Frage: Was ist Wahrheit? Die Ästhetik fragt: Was ist Schönheit? Und die Ethik schließlich: Was ist gut und böse? Und den frühen platonischen Dialogen ist gemein, dass sie sich nur um diese letzte Frage und ihre Teilbereiche drehen. Das deckt sich mit unserer Erkenntnis, dass Sokrates sich nur für die Ethik interessiert hat. Ihr erinnert euch an Ciceros Worte: “Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel heruntergerufen, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser hineingeführt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Schlechten zu forschen.“ Denn genau in der Abwendung von der Frage: Was ist Wahrheit? Und ihrer Teilfrage: Was ist die Welt? Und der Hinwendung zur Frage: Was ist gut und böse? bestand die Sokratische Wende von der ich das letzte Mal sprach.

Es gibt noch ein gutes Indiz, dass die frühen platonischen Dialoge echte sokratische Dialoge sind: Ich hatte euch ebenfalls bereits erzählt, dass die wichtigste sokratische Erkenntnis war: Ich weiß, dass ich nichts weiß und dass er den Dialog als das wichtigste philosophische Instrument ansah, in welchem er mittels der Mäeutik, der Hebammenkunst, verborgenes Wissen bei seinen Gesprächspartnern ans Licht bringen kann. Zu diesen Aspekten der sokratischen Philosophie passt nun, dass die frühen platonischen Dialoge meist mit einem offenen Ende abgebrochen werden. Irgendwann meint Sokrates immer: „Oh man, ist das schon spät, ich muss weg!“ Das passt ziemlich gut zu seiner skeptischen Sicht auf die Fähigkeit der Menschen überhaupt Wissen erlangen zu können. So werden in diesen Dialogen immer wieder Thesen zum Beispiel zur Frage: Was ist Tapferkeit? aufgestellt, dann von Sokrates mittels geschickter Fragen geprüft und am Ende wieder verworfen. Im Dialog wird sich Erkenntnis so erarbeitet, aber zugleich im Blick behalten das man die Wahrheit ™ niemals wird erreichen können, weswegen irgendwann abgebrochen wird.

Schließlich haben wir noch Aristoteles als eine Quelle sokratischer Philosophie. Natürlich ist der auch problematisch, denn der alte Ari war ein Schüler Platons und seineszeichens hat er Sokrates nicht mehr kennengelernt, sondern berichtet über ihn schon aus einer philosophiehistorischen Perspektive. Allerdings hat das auch Vorteile: Es gibt ihm eine gewisse Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand, die zugleich nicht so groß ist, wie unsere Distanz heute. Wichtig ist Aristoteles besonders, weil er auf einige Unterschiede zwischen den Lehren von Sokrates und Platon hinweist.

Sokrates’ Erkenntnistheorie

Aristoteles berichtet zum Beispiel, dass auf Sokrates zwei wichtige philosophische Instrumente zurückgehen: Zum einen die allgemeine Definition, zum anderen die Induktion. Viele Dialoge Platons beginnen nach dem gleichen Muster. Sokrates und sein Gesprächspartner kommen nach etwas Vorgeplänkel zum eigentlichen Thema des Dialogs. Dieses Thema fasst Sokrates dann immer in eine „Was ist …?“-Frage, etwa: Was ist Tapferkeit? Darauf antwortet der Dialogpartner dann meist mit einer Reihe von Beispielen: Tapfer sind Soldaten, Feuerwehrmänner, Polizisten, Holzfäller, Whatever … Aber Sokrates will nicht auf diese Sammlung von Einzelfällen hinaus. Stattdessen interessiert ihn stets das Wesen einer Sache, er will eine allgemeine Definition. Und zu der gelangt er eben mit der Induktion. Die Induktion ist neben der Deduktion, der Abduktion und der Analogie einer der vier Möglichkeiten eine Schlussfolgerung zu ziehen: Man schließt von einer Reihe von Einzelfällen auf etwas Allgemeines. Sokrates fragt also, was den Soldaten tapfer macht, was den Feuerwehrmann tapfer macht, was den Polizisten, den Holzfäller etc. Und durch die Entdeckung der Gemeinsamkeiten kommt er so mit Hilfe einer Induktion zu einer Definition von Tapferkeit. Natürlich problematisiert und verwirft er die dann wieder wie ich vorhin das erläuterte, aber das Prinzip steht …

Spannend ist weiterhin, dass Sokrates, wie Aristoteles berichtet, noch keine Semantik hatte. Semantik beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Sprache und Welt und vor Sokrates hatte es durchaus schon Semantiker gegeben. Sokrates ist sogar bei einem in die Schule gegangen, ich komme gleich darauf zurück. Aber Sokrates scheint die Vorstellung abgelehnt zu haben, dass es in unserer Sprache irgendwie verhandelbare Bedeutungen gibt. Er glaubte, dass es die eine, die wahre Bedeutung eines Begriffs gibt: das Allgemeine und dass es nur darauf ankäme, diese mit Hilfe der Mäeutik zu finden. Da möchte ich jetzt noch eine kryptische Bemerkung anhängen, die klarer wird, wenn ich euch von Platon erzählt habe: Laut Aristoteles glaubte Sokrates nicht, dass das Allgemeine eine vom Begriff unabhängige Wesenheit ist. Wie gesagt, merkt euch das einfach mal, wir kommen darauf zurück.

Sokrates’ philosophische Einflüsse

Bevor wir uns weiter damit beschäftigen, was die wesentlichen Aspekte der sokratischen Philosophie sind, möchte ich noch mal einen Blick zurück werfen und euch von Sokrates Semantik-Lehrer und den anderen Vorgängern erzählen, die Sokrates philosophisch geprägt haben.

Zu Sokrates’ Lehrern gehörte anscheinend der Sophist Prodikos. Die Sophistik war eine heterogene skeptische Bewegung, die in der Ethik überwiegend relativistische Positionen vertrat, also dass es keine absoluten Werte gibt und in der Erkenntnistheorie wurden wiederum überwiegend skeptische Haltungen vertraten, also dass echte Erkenntnis nicht möglich sei. Die Sophisten verdienten ihren Lebensunterhalt, indem sie gegen Geld Rhetorik und Logik lehrten. Wie wir ja in der letzten Folge sahen, waren insbesondere vor Gericht rhetorische Fähigkeiten unerlässlich, um vor den Laiengerichten des alten Athens den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Berühmt geworden ist Sokrates’ Kritik daran, dass die Sophisten Geld für ihren Unterricht nahmen. Wie wir aber auch in der letzten Folge sahen, war Sokrates wohl nicht der Ärmste, sodass diese Kritik von einer guten Portion Arroganz zeugt. Prodikos beschäftigte sich neben Rhetorik, also der Kunst des Argumentierens, wohl vor allem mit Semantik, also der Lehre von der Bedeutung der Worte und er war auf der Suche nach eindeutigen Bedeutungen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, worin dabei der Unterschied zur Sokrates’ Suche nach dem Allgemeinen steht. Denn diese Suche nach der eindeutigen Bedeutung ist meines Erachtens genau das was mit der „Was ist…?“-Frage in den Sokratisch-Platonischen Traditionsstrang der Philosophie einging. Wie ich ja schon sagte, lässt Platon Sokrates in seinen Dialogen immer auf die Suche nach der Antwort von „Was ist …?“-Fragen gehen: Was ist Schönheit, Was ist Erkenntnis, Was ist das Gute? Falls jemand von euch sich mit Prodikos’ Philosophie auskennt, dann wäre ich über mehr Details sehr froh.

Philosophisch geprägt wurde Sokrates auch noch durch zwei andere philosophischen Schulen: Den größten Einfluss dürfte auf ihn Anaxagoras gehabt haben, mit dessen Schüler Archelaos er einmal nach Samos reiste. Anaxagoras beschäftigte sich wie Thales mit der Suche nach dem Prinzip, das der Welt zugrunde liegt. Im Gegensatz zu Thales glaubte er aber nicht, dass es irgendetwas so banales wir Wasser oder ein anderes Element ist, das sich in der Welt zeigt. Stattdessen war er der Überzeugung, dass alle Dinge der Welt alle Elemente beinhalten, aber in verschiedenen Mischungen.

Aber seine einflussreichste Lehre, die über Sokrates und Platon in den Mainstream der Philosophie eintreten sollte, war der Dualismus von Geist und Materie und dass der Geist die Materie beeinflusst. Das klingt alles unglaublich kryptisch, daher will ich es kurz und weitgehend falsch noch einmal zusammenfassen: Ein Stück Holz beinhaltet nach Anaxagoras alle Elemente, aber zum Beispiel ist relativ viel Feuer (was die Griechen für ein Element hielten) in der Mischung, denn es kann brennen. Ein Stein enthält hingegen eher wenig Feuer in der Mischung. Was ist nun wiederum der Unterschied zwischen einem Stein und einer Pflanze? Letztere hat einen Geist, der sie dazu bringt, zu wachsen. Ehrlich gesagt klingt das ziemlich esoterisch, aber eigentlich steckt da noch immer die gleiche logisch-wissenschaftliche Begründung dahinter, die wir schon bei Thales ausmachten, denn die Theorie basiert auf der Beobachtung, dass Pflanzen im Gegensatz zu Steinen wachsen. Und wenn ihr mal den Begriff „Geist“ durch „DNA“ tauscht, dann sind wir plötzlich bei einer modernen Theorie …

Anyway … Hier geht es nicht um Anaxagoras sondern um Sokrates. Der zweite große Einfluss auf ihn hatte die Schule der Pythagoreer. Der pythagoreische Musiktheoretiker Damon gehörte zu Sokrates Lehrern. Pythagoras kennt ihr wieder aus der Schule. Er hat die moderne Mathematik erfunden, so sagt es zumindest Bertrand Russell. Außerdem hat er die Mathematik aber mit Mystizismus verbunden. Pythagoras glaubte, dass die Welt aus Zahlen besteht, aus irgendeinem Grund war er aber auch der Meinung, dass Bohnen teuflische Dinger sind und sie zu essen eine Sünde. Außerdem durften seine Schüler nichts aufheben, was zu Boden gefallen war, nicht auf Landstraßen gehen und er führte einen unerklärlichen Krieg gegen Schwalben. Allerdings glaubte Pythagoras auch an die unsterbliche Seele und dass der Mensch Philosophie und Wissenschaft betreiben solle, da das gut für die Seele sei. Besonders hoch angesehen war bei den Pythagoreern – wie könnte es anders sein – die Auseinandersetzung mit Mathematik, da dies reines Denken sei.

Es ist nicht bekannt, ob Sokrates Beef mit Bohnen oder Schwalben hatte, aber die Auseinandersetzung mit Logik, der unsterblichen Seele und der Philosophie als Lebensziel waren große Einflüsse für ihn. Natürlich war es eine kritische Auseinandersetzung, sonst hätte er heute wohl kaum den Status, den wir ihm zuschreiben.

Last not Least sollen auch zwei Frauen unter Sokrates’ Lehrerinnen gewesen sein: Aspasia soll ihn in Rhetorik unterrichtet haben, außerdem betrieb sie so eine Art philosophischen Salon, in dem Sokrates wohl mit vielen Theorien in Kontakt kam. Und eine gewisse Diotima soll ihn „über den Eros belehrt haben“, if you know what I mean! Nein? Na ich spreche natürlich von dem, was später mal zur platonischen Liebe werden sollte. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden …

Denn heute ist es schon spät und “es ist Zeit, dass wir gehen: ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer nur Gott.“ Ups, Tschuldigung, da wurde ich gerade mitgerissen von der Apologie, der Verteidigungsrede Sokrates’ Dennoch ist es an der Ziet für heute einen Schlussstrich zu ziehen, bevor wir uns beim nächsten Mal noch einmal richtig in Sokrates’ Philosophie reinstürzen.

Literatur

Wie beim letzten Teil gilt:

Zusätzlich für diese Folge sind noch relevant:

Bilderquellen

Alle Bilder ohne Quellenangabe sind entweder gemeinfrei oder stammen von mir.

 

Intention und Intension – Der Gang der Gauchos

Deutschland diskutiert die sogenannte Gaucho-Affäre. Stein des Anstoßes war dieses Auftreten von Teilen der deutschen Nationalmannschaft.

Nun gibt es eine Fraktion, die sich gewaltig aufregt, wie rassistisch dieser Tanz war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Während die andere Fraktion sich gewaltig aufregt, dass die erste Fraktion keine Ahnung hat, weil der Tanz doch gar nicht rassistisch gemeint war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Ich finde hieran kann man sehr schon den Unterschied zwischen zwei Begriffen der Semantik erkennen: Intention und Intension. Der erste Begriff „Intention“ ist landläufig bekannt und meint in etwa:

  • Was ist mit einem Symbol gemeint
  • Was ist die Absicht eines Symbols

Und vielleicht auch noch:

  • Was denkt man sich bei einem Symbol

Wobei das schon in Richtung der Intension geht. Oder gar:

  • Was bezweckt man mit einem Symbol

Das wiederum spielt in Illokution und Perlokution hinein, aber das ist Sache der Pragmatik und wurde bereits ein andermal besprochen

Die Fraktion, die also meint, man soll sich mal locker machen, wäre doch alles halb so schlimm. Die begründet das mit der Intention. Das Symbol ist in diesem Fall der Gaucho-Tanz: Die DFB-11 hat diesen nicht rassistisch gemeint, es war nicht die Absicht der DFB-11, rassistisch zu wirken, sie hatten keine rassistischen Gedanken und der Tanz hatte auch nicht bezweckt, einen neuen Nationalismus zu promoten. Das alles gestehe ich den weltmeisterlichen Tänzern auch zu. Das von Einwanderern und Einwanderernachkommen geprägte Team hatte bestimmt nicht die Absicht Rassismus zu propagieren, dafür werden sie von den Fußballerverbänden zu oft und zu intensiv auf Toleranz eingeschworen.

Was ist gutes Bier?

Also ist alles super, oder? Na ja, ich hatte da ja noch diesen zweiten Begriff: die Intension. Der stammt aus der Semantik und ist weitaus weniger bekannt als die Intention. Was hat es mit ihm auf sich? Die Intension ist der Sinn eines Symbols, seine Bedeutung (aber nicht im Fregeschen Sinn (haha…)). Sie stammt aus dem Begriffspaar Extension und Intension. Jeder Begriff hat eine Extension, einen Begriffsumfang. Wenn ich von „Bier” spreche, bezieht sich dieser Begriff auf alle Dinge in der Welt, die Bier sind. Diese Dinge sind die Extension des Begriffs. Wenn ich hingegen von „Pils“ spreche, wird die Erfüllungsklasse des Begriffs kleiner und es fallen nur noch Biersorten darunter, die auf eine bestimmte Art und Weise gebraut wurden – die Extension ist also kleiner. Und richtig kompliziert wird es, wenn ich den Begriff „gutes Bier“ verwende. Die Extension dieses Ausdrucks ist äußerst verworren und führt etwa zwischen Köln und Düsseldorf immer wieder zu heftigen Diskussionen. Woran liegt das? Meine steile These: An der weiten Hälfte des Begrifffspaars Extension und Intension: der Intension. Die Intension, also der Sinn von „gut“ ist äußerst verworren und vor allem im höchsten Maße subjektiv.

Das Standardbeispiel mit dem Philosophie- und Linguistikstudierende Intension und Extension erlernen müssen ist Freges berühmtes Beispiel von „Abendstern“ und „Morgenstern“. Beide Begriffe haben die gleiche Extension: den Planeten Venus. Aber höchst unterschiedliche Intensionen: Ich kann zwar vom Morgenstern sagen, dass er der letzte Stern ist, den ich morgens am Himmel sehe. Aber das kann ich nicht vom Abendstern sagen…

Kehren wir jetzt zum Gaucho-Tanz zurück. War der jetzt rassistisch? Wie, zur Hölle, soll ich das entscheiden?! Ihr habt gesehen, wie kompliziert die Intension von so simplen Symbolen wie „Morgenstern“, „Abendstern“ oder gar „gutes Bier“ ist, aber das ist nichts gegen die Bedeutung eines so komplexen Symbols wie eines Tanzes. Schon alleine weil ich dafür erst einmal ganz tief in die Metapherntheorie einsteigen müsste und so Sachen wie „Ausdruck“ erläutern müsste!

Aber eines ist wichtig: Nach Wittgenstein ist die Bedeutung (im Sinne von Intension) eines Begriffs, sein Gebrauch in der Sprache. Und wir können hier ohne Probleme „Begriff“ durch „Symbol“ und „Sprache“ durch „Symbolsystem“ ersetzen. Was Wittgenstein mit diesem lyrischen Satz meint, ist, dass die Regeln der Verwendung eines Symbols bestimmen, was das Symbol aussagt. Der Gaucho-Tanz nun hat auf jeden Fall rassistische Bedeutungskomponenten, denn es wird einer Bevölkerungsgruppe (Argentiniern) eine Eigenschaft zugesprochen (geknickt zu gehen). Die Frage ist jetzt, ob “Gaucho” metaphorisch nur für die argentinische Nationalmannschaft verwendet wurde und ob die Gangart dieser Mannschaft oder gar der Bevölkerungsgruppe wirklich als Wesenszug oder nur als ephemeres Attribut in der Niederlage zugeschrieben wurde. Die Verwendungsweise des Symbols ist eben unklar. Dabei ich habe noch nicht einmal mit Konnotationen angefangen…

Und wissta was? Genau das handeln wir gerade in der laufenden Debatte aus. Denn die Bedeutung von Symbolen steht nicht fest, sondern wandelt sich ständig. Rosa symbolisierte noch im 19. Jahrhundert Männlichkeit, doch der Gebrauch des Symbols hat sich massiv gewandelt!

Imperial Art Appreciation: Pink

Imperial Art Appreciation: Pink von JD Hancock Lizenz: CC BY 2.0.

Daher ist die aktuelle Diskussion nicht nervig sondern wichtig und richtig, damit wir die Bedeutung solcher Symbole in unserer Gesellschaft aushandeln können.

P.S.: Für mich ist übrigens ganz unstrittig, dass der Tanz zumindest hämisch war und das macht ihn und die Tänzer mir unsympathisch. Nicht so unsympathisch, dass ich nie wieder Fußball ansehen werde, aber er trübt mein Bild von der Mannschaft ein bisschen. Und da hilft der Hinweis darauf, dass es sich um einen etablierten Fangesang handelt nur wenig, denn nicht alles was in Fußballstadien passiert gefällt mir. So war ich zum Beispiel ungläubig verwundert als beim letzten Derby zwischen meiner Eintracht und Mainz, eine Mutter zwei Reihen vor mir „Alle Mainzer sind Hurensöhne“ skandierte, obwohl ihre vielleicht 10-Jährige Tochter daneben stand. Vielleicht sollte für Fußballstadien gelten, was für Vegas gilt:

panorama (Bearbeitung von mir) von  Martin Abegglen . Lizenz: CC BY-SA 2.0
panorama (Bearbeitung von mir) von Martin Abegglen. Lizenz: CC BY-SA 2.0

 

Literatur

Austin, John L. 1966. “Three Ways of Spilling Ink.” The Philosophical Review 75, 427-440. Printed in 1961, James O. Urmson and Geoffrey J. Warnock (eds.), Philosophical Papers (pp. 272-287). Oxford: Clarendon Press.

– Habe ich leider nirgends im Netz gefunden, über Hinweise freue ich mich…

Gottlob Frege: Sinn und Bedeutung. Hier legal und umsonst.

Nelson Goodman: Sprachen der Kunst*

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen*

 

*hinterhältiger Affili-Link: Kauft ihr das Buch, bekomme ich eine winzige Provision und freue mich

 

digital und analog

Ich habe eine neue Podcastempfehlung für Sie, werte Leser: n00bcore. Dort geht Fiona, als eine, die keine Ahnung hat, der Frage nach, was eigentlich ein Computer ist und wie er funktioniert. Als einer, der keine Ahnung hat, macht mir das sehr viel Spaß anzuhören. In der letzten Folge interviewte sie beispielsweise Tim Pritlove zur Frage, was “analog” und “digital” bedeutet.

Nun trifft es sich zufällig, dass ich selbst dann doch ein bisschen Ahnung habe, was analog und was digital ist. Und so muss ich hier mal ein wenig klugscheißen, wie die beiden schon ganz richtig prognostiziert haben. Aber Sie, werte Leserinnen, kennen meinen Stil und wissen, dass ich diese Einleitung – im Stile der Simpsons – nutzen werde, um auf etwas anderes abzuschweifen. Ich will jetzt nicht bei jedem Satz des erwähnten Podcasts den Finger in die Wunde legen und schreien: “Ätsch, stimmt nicht!”, sondern die Philosophie von Nelson Goodman hier vorstellen.

Denn, wann immer in diesem Internet die Rede vom Digitalen ist, wundert es mich ein wenig, dass niemand Goodman ins Spiel bringt. Aber eigentlich wundert es mich nicht sonderlich, denn ich kenne die mutmaßliche Antwort. Dass Goodman nicht den Ruhm im Digitalen erhält, der ihm gebührt, liegt sicherlich an dreierlei:

Erstens ist Goodman hierzulande nicht sonderlich bekannt. Sage ich „Russell” oder „Quine”, dürfte ein wissendes Nicken durch die Reihen meiner Leserinnen gehen, sage ich hingegen “Goodman”, ist die Reaktion wohl eher: Dafuq?

Zweitens ist Goodman nicht leicht zu lesen, sondern gehört in die Königsklasse der Philosophie. Zwar sind seine Texte sprachlich ein Genuss, aber inhaltlich eben eine harte Nuss. Ich hatte das Glück, seine Texte im Sprachwissenschaftsstudium seziert zu bekommen umd werde wohl dennoch die eine oder andere Definition für diesen Post nachschlagen müssen. (Musste ich dann doch nicht. Yeah!)

Drittens macht Goodmans Hauptwerk nicht den Eindruck, als hätte es viel mit Computern und Digitalität zu tun, denn es heißt: Sprachen der Kunst.*

Nichtsdestotrotz ist Goodmans Philosophie fantastisch geeignet, zu erklären, was analog und digital bedeutet, denn er liefert eine Definition, die mir absolut wasserdicht zu sein scheint.

Weisen der Welterschließung

Die Frage, die sich zuerst stellt, lautet: was kann denn eigentlich analog respektive digital sein? Die Antwort: Ein Symbolschema oder ein Symbolsystem. Die Welt selbst ist weder digital noch analog. Die Welt ist einfach. Wir Menschen erschießen sie uns aber auf bestimmte Arten und Weisen. Wittgensteins Diktum „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ würde Goodman umformulieren in „Die Grenzen meiner Symbolsysteme sind die Grenzen meiner Welt“, denn die Sprache ist nur eines (wenngleich ein sehr wichtiges) von vielen Symbolsystemen, die wir benutzen um uns die Welt zu erklären. Was ist ein Symbolsystem? Ganz einfach: Ein Symbolschema mit Semantik. Ein Symbolschema wiederum ist ein ein Symbol, das eine interne Struktur hat: eine Syntax. Zum Beispiel ist dieser Blogpost zunächst einmal ein Symbolschema: Er hat eine interne Struktur. Buchstaben sind zu Worten geformt, die (mehr oder weniger) nach den Regeln der deutschen Grammatik zu Sätzen geformt sind.

Aber auch ein Gemälde, zum Beispiel, ist ein Symbolschema. Wenngleich bei diesem die Sache mit der internen Struktur etwas tückischer ist (Kleiner Spoiler: das hat etwas mit dem Thema dieses Textes zu tun), aber Sie werden mir sicher zustimmen, dass man etwa beim „Mädchen mit dem Perlenohrring“ den Perlenohrring mehr oder weniger als ein Element des Gesamtgemäldes ausmachen kann.
Mädchen mit dem Perlenohrring

Johannes Vermeer: Mädchen mit Perlenohrring. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: gemeinfrei.

Um ein Symbolsystem zu werden braucht so ein Symbolschema jetzt noch Bedeutung. Die erhält es, indem wir es auf etwas beziehen. Etwa beziehen wir uns in sehr vielen Fällen mit Sprache auf die Welt. Aber das ist nicht die einzige Form der Bezugnahme. Eine Note bezieht sich beispielsweise auf einen bestimmten Ton, dieser Ton gibt ihr die Bedeutung und die HTML-Auszeichnung “img” bezieht sich auf ein Bild. Das Bild verleiht dem Schema seine Bedeutung.

Vertrackte Definitionen von digital und analog

So, jetzt haben wir geklärt, was ein Symbolschema und das dazu gehörende System sind. Und diese beiden können nun also analog oder digital sein. Wobei analog und digital keine Dichotomie bilden, sondern die Endpunkte eines Spektrums sind. Denn nun kommen wir zu diesen vertrackten Definitionen.

Goodman sagt, dass ein Symbolsystem dann digital ist, wenn es syntaktisch und semantisch durchgängig disjunkt und effektiv differenziert ist. Analog hingegen ist ein Symbolsystem wenn es semantisch und syntaktisch durchgängig dicht ist.

Puh, jetzt ist es raus, aber was bedeutet das?

Disjunkt

Die Wikipedia bringt das ganz gut auf den Punkt:

“In der Mengenlehre heißen zwei Mengen A und B disjunkt (lateinisch disiunctum ‚getrennt‘), elementfremd oder durchschnittsfremd, wenn sie kein gemeinsames Element besitzen.

Das Beispiel hierfür ist idealerweise der Computer. Der kennt nur 1 und 0. Es gibt für den Computer keine Zwischenzustände. Entweder ist etwas 1 oder es ist 0. Das Gegenbeispiel verhandeln wir gerade mit dem Tod. Der Tod ist nicht disjunkt, denn es gibt eine Zwischenphase im Übergang zwischen Leben und Tod, die wir begrifflich nicht richtig fassen können und die uns deshalb so viele ethische Probleme auferlegt.

Effektiv differenziert

Mit der effektiven Differenziertheit hat Goodman ein pragmatisches Kriterium in seine Theorie mit aufgenommen. Denn bloße Disjunktheit reicht nicht aus, um Digitalität zu gewährleisten. Es muss auch immer praktisch möglich sein, diese festzustellen. So könnten wir uns beispielsweise ein disjunktes Balkendiagramm vorstellen, das aber nicht effektiv differenziert ist. Das Diagramm hätte dann keine zwei Balken, die exakt gleich lang sind, aber die Längenunterschiede wären teilweise so minimal, dass man nicht mehr in der Lage ist, zu sagen, welcher Balken länger ist. Bei aller Disjunktheit wäre diese Diagramm dann trotzdem nicht digital, da es sich praktisch nicht anwenden lässt.

Durchgängig

Das Kriterium der Durchgängigkeit ist nun das nächste, dem wir uns widmen müssen. Denn ein Symbolsystem kann an einer Stelle disjunkt und differenziert sein, an einer anderen Stelle aber nicht. Das Beispiel hierfür sind Noten und das Klavier. Auf dem Klavier wird bei Fis und Ges die gleiche Taste gedrückt (im Gegensatz zu Streichinstrumenten). An dieser Stelle ist das Notensystem für Klavier nicht disjunkt, somit nicht digital.

Syntax und Semantik

Das ganze muss jetzt sowohl syntaktisch, als auch semantisch zutreffen. Das Paradebeispiel ist der Code. Ein Code ist eine eineindeutige Zuordnungsvorschrift. Beispielsweise ist die Syntax von „01000001“ eindeutig digital. Jedes Element ist entweder 1 oder 0 und ich kann das gut unterscheiden. Aber auch die Semantik von „01000001 = A“ ist digital, denn im Binärcode (ich vereinfache bewusst) wird 01000001 immer A ergeben und A immer 01000001 ergeben. Demgegenüber ist die Sprache (genauer gesagt die Schriftsprache) zwar syntaktisch digital aber nicht semantisch. Buchstaben sind alle disjunkt und Sie können in diesem Text alle Buchstaben gut unterscheiden. Aber in der Semantik ist das schon nicht mehr der Fall. Wir alle kennen „Teekesselchen“. Aber auch, wenn diese sich meist aus dem Kontext ergeben, macht die einfache Zuordnungsprobe, die wir eben auf den Code angewendet haben, klar, dass Sprache semantisch nicht digital ist: Das Wort „Ast“ bezeichnet das Ding /Ast/. Wenn es jetzt aber ein dünner Ast ist, kann jemand auf die Frage, was das ist, auch mit „Zweig“ antworten und schon ist unser Symbolsystem semantisch nicht mehr disjunkt.

Dichte

Das Gegenteil von disjunkt ist jetzt dicht. Ein Symbolsystem ist dann dicht, wenn ich nicht unterscheiden kann, welche Elemente bedeutungstragend sind und welche nicht. Beispielsweise ist es für Schrift so egal wie für die NSA die Unschuldsvermutung, ob sie Serifen hat oder nicht. Serifen sind nicht bedeutungstragend. Und die Gegenprobe stellt nun – wie vorhin angedeutet – das Gemälde dar. Wenn wir uns noch einmal das Mädchen mit seinem Ohrring anschauen, dann können wir einerseits von keinem Element in dem Bild sagen, dass es nicht bedeutungstragend ist. Aber die Dichte geht sogar noch weiter. Wenn wir uns den Ohrring angucken, können wir nicht einmal genau sagen, wo dieser endet. Wir können zwar sagen wo er eindeutig ist und wo er eindeutig nicht ist, aber es gibt einen Bereich, von dem wir nicht sagen können, ob dies nun Ohrring ist oder nicht.

Ein Spektrum mit ausgefranster Mitte

Wenn wir uns jetzt die Beispiele angucken, die ich hier aufgeführt habe, so können wir sie in ein Spektrum packen, in dem sich alle unsere Symbolsysteme wiederfinden:

An einem Ende ist unser Spektrum digital, dort finden wir alle Arten von Codes. Fast durchgängig digital sind Noten. Sprache bildet die goldene Mitte mit digitaler Syntax und analoger Semantik. Unsere Balkendiagramme, die so schwer zu unterscheiden waren, stehen der Analogizität noch näher. Und das Gemälde befindet sich ganz am anderen Ende: Es ist komplett analog.

So können wir am Ende auch das Phänomen der Analoguhr fassen, mit dem sich Fiona und Tim herumplagten. Denn diese ist zwar nicht digital, aber wenigstens ein Element, die Unruhe, ist effektiv differenziert. Dennoch ist eine Analoguhr ohne Stunden- oder gar Minutenstriche schon ziemlich nah am analogen Ende des Spektrums einzuordnen, hingegen trägt die Digitaluhr ihren Namen zurecht, denn zu jedem Zeitpunkt kann ich exakt sagen, welche Uhrzeit angezeigt wird.

Sprache

Es spricht übrigens einiges dafür, dass die Stellung der Sprache in diesem Spektrum, sie so besonders macht. Digitale Syntax und analoge Semantik scheinen ziemlich effektiv zu sein und haben wohl guten Dienst in der Evolution der Menschheit geleistet, weil sie zum Beispiel Logik ermöglichen. Aber dazu mehr ein anderes Mal.

Ich bin raus.

Literatur

Nelson Goodman: Sprachen der Kunst*

Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung*

Nelson Goodman und Catherine Z. Elgin: Revisionen*

Ludwig Wittgenstein: Tractatus-logico-hilosophicus*

*Hinterhältiger Affili-Link

Online-Pranger

Im Internet prangert man gerne an. Aber noch lieber wird der Pranger als Totschlagsargument benutzt. Im digitalen Raum, wo wir alle anonym sind, ist es ein Sakrileg uns jenseits unserer selbstgewählten Pseudonyme zu benennen. Uns hinter unseren Avataren hervorzuziehen und ins grelle unbarmherzige Licht der Online-Öffentlichkeit zu stellen, das ist eine Sünde, das ist unzivilisiert.

Allein die Frage ist: ist auch alles Pranger, was Pranger genannt wird?

Die Wikipedia nennt in ihrer Definition des Prangers vier, mir wichtig erscheinende Kriterien:

  1. Der Pranger ist ein Strafwerkzeug
  2. Der Pranger dient der öffentlichen Vorführung
  3. der Angeprangerte ist an den Pranger angekettet
  4. Der Pranger ist eine “Ehrenstrafe”, die angeprangerte Person wird also als ehrlos dargestellt, sie soll sich schämen

Soweit die Wikipedia. Ich möchte dem mit Blick auf die zeitgenössische Verwendung hinzufügen:

5. Es ist für das Anprangern wesentlich, dass eine Person oder ein Sachverhalt in den öffentlichen Raum gezerrt wird, der zuvor nicht dort war.

Mit dem Internet haben wir einen riesigen ‘Athener Marktplatz’ geschaffen, auf dem jeder reden kann. Menschen, die dort sprechen, können für diese Rede, die sie freiwillig in den öffentlichen Raum stellen, nicht angeprangert werden.
Sie können freilich in anderen Aspekten ihrer Persönlichkeit oder mit nicht-öffentlichen Aussagen und/oder Handlungen angeprangert werden. Außerdem können andere Formen der Bezugnahme auf ihre Aussagen stattfinden: Empörung, Verurteilung etc. Aber eben nicht das Anprangern, den dem ist wesentlich, dass etwas aus dem Privaten oder Geheimen herausgeholt wird.

Einen Paradefall eines solchen Online-Prangers berichtet Udo Vetter in “Blackbox Urheberrecht” (Ja, ich höre nicht auf mit der schamlosen Eigenwerbung.) Indem er darüber schreibt, dass eine Abmahnkanzlei die Klarnamen und Adressen von Filesharern, die Pornos geteilt hatten, veröffentlichen wollte. Erst ein Gericht stoppte das Vorhaben der Kanzlei, um die Persönlichkeitsrechte der Sharer zu schützen.

Auf diesen Fall treffen alle fünf oben genannten Aspekte zu:

1. Die Kanzlei wollte die Sharer mit dem Online-Pranger bestrafen.
2. Die Sharer sollten öffentlich dargestellt werden.
3. Metaphorisch wären sie angekettet gewesen, da der Pranger auf einer Webseite stattgefunden hätte, die sie selbst nicht hätten editieren können.
4. Gerade weil es sich gezielt um Pornoliebhaber handelte, war dies ganz klar eine Ehrstrafe
5. Und es sollten Daten über die Filesharer veröffentlicht werden, die die Kanzlei erst von den Providern der Angeprangerten in Erfahrung bringen musste. Fraglos also Daten, die zuvor nicht im öffentlichen Raum standen.

Lasst uns mal wieder etwas abschweifen…

Ihr fragt euch vielleicht, worauf ich hinaus will. Aber sicher ahnen es viele von euch schon: das sogenannte #om13gate. Die Piratenpartei hat eine jährlich Konferenz: die Open Mind. Auf dieser hielt dieses Jahr Jasna Lisha Strick alias @Faserpiratin einen Vortrag über Hatespeech gegenüber FeministInnen.

Um diesen Vortrag brach sodann eine Kontroverse aus, in der Strick von Seiten ihrer Gegner immer wieder vorgeworfen bekam, sie hätte die pöbelnden AntifeministInnen an den Online-Pranger gestellt. Das ganz kulminierte darin, dass eine vermeintliche 19jährige namens @ochdomino (Account mitlerweile gelöscht; 28.11.13) sich von den AnhängerInnen der FeministInnen so sehr angegriffen fühlte, dass die vermeintliche “Sie” ihren Blog löschte und ihren  angeblichen Vater ein Statement schreiben ließ, worin er sich empörte, dass @ochdomino von den gemeinen FeministInnen fertiggemacht worden sei.
Mittlerweile hat der Blogger, Autor und Kolumnist Malte Welding die Behauptung in den Raum gestellt, besagte @ochdomino und alles drumherum seien der Fake einer PR-Agentur. Welding hat dafür keine Beweise vorgelegt, aber er tauchte auf meinem Radar in der Vergangenheit stets als glaubwürdig auf, zumal er sich gelegentlich selbst moderat feminismuskritisch gezeigt hat.
Interessant wie hervorsehbar ist, dass die Geschichte vom Augenblick der Enthüllung des Fakes dahingehend umgedeutet wurde, dass es von nun an gar nicht mehr wichtig sei, ob @ochdomino echt gewesen ist, denn schließlich habe es ja die Angriffe und vor allem den Pranger der Feministinnen gegeben. Anlass genug für mich den langen Bogen zurückzuschlagen…

Treffen die fünf Kriterien für einen Online-Pranger auf den Vortrag von Jasna Lisha Strick zu?

1. Es handelte sich um einen Vortrag auf einer recht kleinen Konferenz. Die Vorträge sind auf YouTube zu finden und haben allesamt Abrufzahlen im zweistelligen oder dreistelligen Bereich. Und sogar der Vortrag von Strick kommt zum jetzigen Zeitpunkt nicht über 2500 Klicks hinaus. Das Thema des Vortrags war, empirische Beweise für derartige Hatespeech zu zeigen. Man kann dem Vortrag vorwerfen, dass er inhaltlich recht schwach ist, da er über eine reine Phänomenbestimmung anhand von etlichen Stichproben nicht hinauskommt. Ich hätte mir weniger Fallbesispiele und mehr Analyse gewünscht, aber das alles ist doch von einer Bestrafung wirklich sehr weit entfernt.

2. Der Vortrag wurde auf einer öffentlichen Konferenz gehalten und ist auf YouTube abrufbar. Die Anfeindungen von Stricks Gegnern werden, wie in 1. bereits erwähnt ausführlich präsentiert. Entsprechend ist das Kriterium der Öffentlichkeit gegeben.

3. Die vermeintlich angeprangerten hatten keine Möglichkeit, nicht in dem Vortrag zu erscheinen, außerdem fehlt ihnen die Möglichkeit, sich aus diesem wieder herauszunehmen. Metaphorisch gesprochen sind sie an diesen gekettet.

4. Von einer “Ehrenstrafe” könnte hingegen nur dann die Rede sein, wenn den präsentierten AntifeministInnen ihre Aussagen peinlich wären, wenn sie sich ihrer schämen würden. Aus den Statements, die ich so gelesen habe, konnte ich das nicht entnehmen.

5. Aber, und das ist der wichtigste Punkt: Alle Beispiele stammten aus dem öffentlichen Raum: von Twitter, aus Blogs und Kommentarspalten. Von einem Pranger kann aber schlichtweg nicht die Rede sein, wenn nur etwas wiederöffentlicht  wird, das der Angeprangerte selbst in die Öffentlichkeit gestellt hat.

Formen der Referenz

Ein Pranger ist eine Form der Referenz: er nimmt auf eine Sache Bezug, die der Öffentlichkeit bislang unbekannt war und referenziert diese gegen des Willen des Urhebers.

Wir haben im Falle des #om13gate aber mit einer ganz anderen Form der Referenz zu tun als mit einem Pranger: mit einem Zitat. Strick referenziert auf öffentliche Aussagen unter Angabe der Quelle. Das ist nichts Ehrenrühriges, das ist im Gegenteil einzig korrekte Weg zu zitieren.

Und hier muss ich noch einmal ganz schamlos Werbung machen und Jürgen Schönstein zitieren:

Wenn ich als Wissenschaftler die Ideen anderer in meinen Arbeiten verwende, dann bediene ich mich an deren geistigem Eigentum. Wenn ich die Zeilen aus einem Heinrich-Heine-Gedicht rezitiere, dann leihe ich mir dessen geistiges Eigentum. Wenn ich ein Creative-Commons-Foto, das ich auf Flickr gefunden habe, in mein Blog stelle, dann nehme ich mir ein Stück fremden geistigen Eigentums. Und bezahle dafür mit dem Hinweis, wessen Forschungsbericht, wessen Gedicht, wessen fotografisches Werk ich hier verwende. Und umgekehrt verpflichte ich mich, dieses Eigentum dahingehend zu respektieren, dass ich es schonend und korrekt behandle: dass ich die Fakten und Erkenntnisse des Wissenschaftlers nicht verfälsche (und beispielsweise behaupte, Darwin habe die Existenz eines intelligenten Designers postuliert) oder ein Heine-Gedicht nicht für antisemitische Propaganda verwende und das Foto nicht in einem verfälschenden und verzerrenden Zusammenhang verwende.

Jürgen Schönstein: Geistiges, Eigentümliches … und Walderdbeeren. In: Daniel Brockmeier (Hrsg.):Blackbox Urheberrecht. Frankfurt 2013.

Die wirklich spannende Frage ist also, hat Jasna Lisha Strick korrekt zitiert? Und dagegen habe ich erstaunlicherweise keine Einwände gehört oder gelesen. Allenortes war nur die Empörung groß, dass sie Pseudonyme und Avatare nicht geschwärzt habe, aber nirgendwo habe ich gelesen, dass sie die Hater falsch zitiert habe. Das aber heißt, dass die Zitierten wohl durchaus zu ihren menschenverachtenden Aussagen stehen.

Das war es von mir zum Online-Pranger. Schalten Sie auch beim nächsten Mal wieder ein, wenn ich jenseits der Aufregung mal logisch an die Sachen rangehe… 😉

Ich bin raus!

Von Zigeunersauce und ihren schlüpfrigen Überlagerungen

Eigentlich ist die viel spannendere Frage ja, ob wir französisch-schön Sauce oder blöd eingedeutscht Soße schreiben sollten. Aber Deutschland diskutiert derzeit den ersten Teil des Kompositums “Zigeunersauce”. Na ja, zumindest jene konservativen Klatschmedien zwischen Bild, Focus, RTL und Web.de, die gerne mal die “Sprachsäuberer” beschimpfen.

Sauce
Sauce. Vielleicht auch Soße. Jedenfalls nicht von Sinti oder Roma stammend, schon weil sie ja nicht rot ist.

Anscheinend hat eine Sinti- und Roma-Organisation fünf Hersteller der besagten Sauce aufgefordert, die Diskriminierung im Namen hinter sich zu lassen. Leider finde ich da keine Originalquelle sondern nur die vor Empörung triefenden Schreiberlinge minderer Qualität, auf die zu linken, ich mich weigere. Warum sie dies tun, habe ich übrigens hier schon einmal erläutert…

Die Sauciere, ihre medialen Advokaten und eine Piratin berufen sich indessen auf die 100 Jahre alte Tradition der Sauce und dass diese doch gar nicht versuche, Sinti und Roma zu bezeichnen. Das erste Argument ist Blödsinn. Denn Giftgas oder oder Bürgerbespitzelung haben eine nicht minder lange Tradition in diesem Land, ohne dass wir aufstehen und sie verteidigen. Außer, man heißt Friedrich…

Der zweite Teil des Arguments hingegen erscheint auf den ersten Blick plausibler, führt uns mal wieder tief in die Linguistik hinein und beleuchtet das gar wunderliche Verhältnis von Denotation und Konnotation. Klar bezeichnet die Zigeunersauce keine Sinti und Roma sondern so eine Art Ketchup mit Zwiebeln und Paprika. die Sauce denotiert diese Flüssigkeit, benennt sie. Eine Funktion von Sprache – wenn auch nicht, wie von den Philosophen zu Unrecht angenommen, die Hauptfunktion – ist es, die Dinge dieser Welt zu benennen. Damit wir über diese rote Sutsche mit verschiedenfarbigen Stückchen sprechen können, müssen wir sie irgendwie benennen. Sonst sitzen wir auf der Bierbank beim gemeinschaftlichen Grillen und sagen nur: “Gib mir mal dieses Dings, äh, dieses… na ja, das Rote da, das ich auf mein Steak machen will.” Und das kann ja keiner wollen! Statt dessen bezeichnen wir diese Dinge mit Namen, um unser Leben zu vereinfachen.

Anders als jetzt Platon noch glaubte, sind diese Namen aber nicht natürlich, sie liegen nicht im Wesen der Dinge begründet. Statt dessen sind sie arbiträr, konventionell. Wir haben uns (ohne offizielle Abstimmung) darauf geeinigt, sie so zu nennen. Entsprechend können sich die Namen der Dinge auch ändern und tun es im übrigen unentwegt. Das nennen wir Sprachwandel. Es gibt also erst einmal keinen Grund der dagegen spricht den Namen Zigeunersauce hinter uns zu lassen und etwa Paprikasauce zu sagen.

Die Konnotation ist ein schlüpfriges kleines Ding

“Ja aber du hast doch eben selbst gesagt, dass die Sauce gar keine Sinti und Roma denotiert, warum sollten wir den Namen dann ändern?”

Fragt mein alter Ego

Das ist korrekt, aber wie ich oben schon anriss, gibt es neben der Denotation auch noch ihre schwer zu fassende Schwester: die Konnotation.

Hadumod Bußmann definiert sie im sehr zu empfehlenden Lexikon der Sprachwissenschaft als

[…] Individuelle (emotionale) stilistische, regionale u. a. Bedeutungskomponente(n) eines sprachlichen Ausdrucks, die seine Grundbedeutung überlagern und die – im Unterschied zur konstanten begrifflichen Bedeutung – sich meist genereller, kotextunabhängiger Beschreibung entziehen, z.B. Führer. […]

Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft

Wie läuft das ab, dieses “überlagern”? Nelson Goodman erklärt in den “Sprachen der Kunst” sehr schön, dass Sprache semantisch nicht digital ist, kein Code. Ein Code ist eine eineindeutige Zuordnungsvorschrift. Ein Codeschnipsel bezeichnet nur genau ein Ding. In HTML etwa <img> ein Bild. Und dieses Bild hat nur genau einen Namen, nämlich <img>. In der Sprachphilosophie nennen wir so einen Code eine Idealsprache und unterscheiden diese von der normalen Sprache oder auch Alltagssprache. Diese ist nämlich eben gerade nicht digital, sondern ein Wort bezeichnet oft immer sehr viele Dinge. Das Wort “Baum” kann etwa das Ding <Tanne> oder das Ding <Birke> bezeichnen, so verschieden die beiden auch sind. Aber diese unscharfen Grenzen, diese Überlagerung geht sogar noch weiter. Mit “Baum” assoziiere ich gewisse andere Begriffe. Etwa “Holz”, “stabil”, “alt”, “groß”, “Vögel”, “Blätter”, “Wurzeln”, “Gummibärchenbande”, “Ent” usw. usf.

Und ich wette, ihr habt ganz andere Assoziationen mit dem Wort Baum und habt bei einigem aus meiner Aufzählung da oben die Stirn gerunzelt. Außerdem stehen da Begriffe, die man klar mit Baum assoziieren kann, die aber nicht einmal stimmen müssen. Etwa “alt”. Denn auch wenn Bäume echt alt werden können, müssen sie eo ipso auch einmal jung gewesen sein.

Und damit komme ich jetzt ganz morsch auf unsere Sauce zurück. Denn macht doch einfach mal euren Assoziationsstrauß mit dieser auf. Vielleicht kommt ihr da dann auch auf solche Assoziationen wie die Piratin Kathrin Hilger:

“Der Name sollte damals, als er geschaffen wurde, Exotik vermitteln, etwas Besonderes, den Hauch von Fernweh.”

Kathrin Hilger: Quatsch mit Sauce

Und genau das ist Teil des Problems, denn von dieser “Exotik”, diesem “anders sein” sind wir schnell wieder beim Klischee des romantisch die Zeit verrauchenden Tagediebs, der Kinder stiehlt. Oh Konnotation, du schlüpfriges kleines Ding, du! Und daher ist es vielleicht an der Zeit, unsere Exotik mit etwas anderem assoziieren als mit einem Begriff, der viele Menschen vor 80 Jahren ins KZ führte… Dass das Brechen mit Tradition marketingtechnisch durchaus erfolgreich sein kann, zeigt Raider, das “jetzt” Twix heißt. Hat sich sonst was geändert?

Schön ist so ein Markenwandel auch bei der ersten Folge der Madmen dargestellt:

 

 

 

Ich bin raus!

 

Literatur

Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft
Nelson Goodman: Sprachen der Kunst
Platon: Kratylos (bei Amazon) oder gratis im Netz

Das macht Sinn!

Zur Ehrenrettung dreier kleiner Wörter

„Das macht Sinn.“ ist eine kurze Phrase, drei kleine Wörter, Subjekt, Prädikat und Objekt. Keine große Nummer in der deutschen Sprache, nicht zu vergleichen mit:

„Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt sich bald aus dem Erfolg beurteilen.“

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft

Und dennoch spaltet „das macht Sinn“ die Gemüter, lässt Zeitgenossen haufenweise die Zornesröte ins Gesicht steigen. Ja, wird fast so heiß diskutiert, wie der richtige Artikel vor Nutella oder gar das gendergerechte Binnen-I.

Der jüngste Fall dieses Hasses auf drei kleine Wörter, die so unschuldig daherkommen, begegnete mir bei der letzten Episode von wir.müssen reden, als Max Winde erklärte, er habe sogar mal für Spreeblick ein Programm geschrieben, das „das macht Sinn“ grammatikgerecht umwandelt.

Aber warum? Was ist so schlimm an diesem kleinen Satz und woher kommt die Verachtung dieser kurzen, allzu kurzen Phrase gegenüber?

Es geht wohl alles zurück auf den Zwiebelfisch, der nicht mehr ganz so populären Kolumne von Bastian Sick, in der er sich auf dem Höhepunkt seines Erfolges, 2003, zu einem Rant (bevor dieser Anglizismus gebräuchlich wurde, den Herr Sick sicherlich ebenfalls verachtet) gegen unsere drei kleinen Wörter aufmachte.

Im Jahr 2003 steckte ich mitten im kommunikationswissenschaftlichen Studium und hatte bereits die Ausfahrt in Richtung Schwerpunkt Linguistik genommen. Und dort, in der Linguistik, schwappte Herrn Sick mindestens soviel Verachtung entgegen, wie sie heute das Machen von Sinn erfährt. Das hatte neben dem ganz profanen Neid auf seinen Erfolg tatsächlich auch einen fachlichen Grund, da Herr Sick vor allem durch gefährliches Halbwissen aus dem Dunstkreis des Vereins Deutsche Sprache glänzt.

Doch zurück zu „Das macht Sinn“, was ist denn nun so schlimm an dieser grammatisch erst einmal korrekten Zusammenstellung dreier deutscher Wörter?

Kritikpunkt 1 von Herrn Sick und seitdem tausendfach nachgesagt:

„That makes sense“ mag völlig korrektes Englisch sein, aber “Das macht Sinn” ist alles andere als gutes Deutsch.

Sebastian Sick: Zwiebelfisch: Stop making sense!

„Das macht Sinn“ ist also, zumindest seinem Ursprung nach, ein Anglizismus. Das allein ist schon verwerflich genug und keiner von uns würde wagen, solch schändliche Worte wie Internet oder iPhone in den Mund zu nehmen, okay? Äh, ich meine natürlich „in Ordnung“? Sick hat schon Recht, Anglizismen sind eindeutig ein Zeichen des Sprachverfalls, das hätte es zu Thomas Manns Zeiten nicht gegeben! Oder? Nun gut, der gute alte Monsieur Homme schreibt zwar:

„Das ist für mich wie ein Traum, musst du wissen, dass wir so sitzen –
comme un rêve singulièrement profond, …“

Thomas Mann: Der Zauberberg

Aber das ist etwas anderes, weil Französisch! Und wenn ich noch einmal kurz Herr Kant das bestätigen könnte, dass Fremdsprachengebrauch unser Deutsch kaputt macht. Bitte, Immanuel, Sie haben das Wort:

De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines eam non Opinionem, sed Opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non Sectae nos alicuius, aut Placiti, sed utilitatis et amplitudinis humanae fundamenta moliri.

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft.

Nun, das ist mir jetzt ein bisschen unangenehm. Aber immerhin kommt das Französisch in anständigen deutschen Restaurants nicht auf den Tisch und lateinische Wörter sind im deutschen nicht Legion! Oh…

Doch schlimmer ist ja, dass „es macht Sinn“ auf eine falsche Übersetzung zurückgeht, so Sick. Oha! Eine falsche Übersetzung, wie konnte die sich nur so trügerisch ihren Weg in unseren Sprachschatz erschleichen? Nun gut, es gibt da die Fisimatenten, die auf die Napoleonischen Soldaten und ihre Einladung an die Damen-Welt, das eigene Zelt zu besuchen, zurückgehen. Ja gut, es gibt da auch dieses Handy, das auch irgendwie ganz unglücklich den Platz unseres guten alten Mobiltelefons eingenommen hat, aber sonst, ja sonst ist die deutsche Sprache doch sicher komplett frei von so etwas niveaulosem wie Übersetzungsfehlern! Das Menü in unseren Computern, das eigentlich eine Speisekarte ist, lassen wir jetzt einfach mal unter den Tisch fallen…

Sick erklärt uns aber – zum Glück – auch noch, warum es inhaltlich falsch ist, das etwas Sinn macht. Denn Sinn macht man nicht, Sinn hat man, wegen Etymologie und so! Klar. Verstehe ich voll und ganz. Und wo wir schon dabei sind, was ist eigentlich dieses „es“ bei „es regnet“. Macht das Sinn? Und wenn ich „etwas feststelle“, was genau „steht“ dann ? Und wie „fest“? Und warum ist dir kalt? Wo du doch eigentlich ein Kältegefühl hast? Oder bist du es etwa, die kalt ist? Was sagst du, wenn du jemandem Glück wünschst, etwa weil ihm oder ihr eine schwere Operation bevorsteht? Kleiner Tipp: “Herzlichen Glückwunsch” solltest du lieber nicht sagen!

Sprache ist auf der Wortebene nicht logisch, sie macht dort oft keinen Sinn. Das ist ein grundsätzliches Missverständnis bei der Kritik an “das macht Sinn”. Gottlob wusste schon Frege, dass das Wort erst im Satzzusammenhang Bedeutung erhält. Abendstern und Morgenstern mögen mir verzeihen, dass ich hier so schamlos Sinn und Bedeutung in einen Topf werfe. Sicks Artikel streift übrigens auch einmal linguistische Realität, allerdings nur aus Versehen, da ironisch:

Die breite Masse der “macht Sinn”-Sager denkt sich nichts dabei, vielleicht hält sie die Redewendung sogar für korrektes Deutsch. Schließlich hört man es doch täglich im Fernsehen … Ob nun richtig oder falsch, was “macht” das schon, solange es jeder versteht.

Sebastian Sick: Zwiebelfisch: Stop making sense!

Denn die spannende Frage ist und bleibt, wie denn das Wort im Satzzusammenhang seine Bedeutung erhält, wie denn “Das macht Sinn” sinnvoll wird. Alle, die schon manchmal hier reingelesen haben, ahnen es schon: Ludwig Wittgenstein gibt uns eine Antwort darauf.

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Ludwig Wittgenstein: PU 43

Sprache ist eine zutiefst demokratische Institution. Das Volk macht sie, die Sprachgemeinschaft. Was die Sprachgemeinschaft sagt und wieder sagt und immer wieder sagt, das ist richtig. Deswegen überhören wir “Kids” als normalen Ausdruck, runzeln aber die Stirn, wenn der VDS will, dass wir “Rangen” sagen. Der Sprachwandel hat uns längst von letzterem zu ersterem hingetrieben. Schon Ferdinand de Saussure wusste zu sagen, dass eine der treibenden Kräfte für den Sprachwandel die Analogie ist, der Ähnlichkeitsschluss. Wir kennen sprachliche Regeln in der Regel nicht, wir wenden sie ganz automatisch an, wenn ein Ausdruck einem anderen ähnelt. Und warum sollte das auf genuin deutsche Phrasen beschränkt sein, wenn es auch mit “das macht Sinn” ganz wunderbar funktioniert?

Nun, der naheliegende Einwand ist, dass “das macht Sinn” eben ein falscher Freund ist. Dass es nur übernommen wurde, weil es so ähnlich klingt. Aber wir ja auch tunlichst nicht das deutsche Gift mit dem englischen gift verwechseln sollten, genauso wenig wie wir become mit bekommen übersetzen sollten.

Aber es gibt da einen gewaltigen Unterschied zu “das macht Sinn”. Letzteres hat eben – ganz typisch für ein Fremdwort eine semantische Lücke besetzt. Denn Fremdwörter verweilen nur im Deutschen, wenn sie ein Platz im Sprachgefüge finden, der noch frei ist, wenn sie zumindest eine Konnotation haben, die vom gängigen Gebrauch abweicht, weshalb es sich lohnt, etwa Download oder Laptop zu sagen. Und vielleicht sollten wir “das macht Sinn” mal unter diesem Aspekt betrachten. Vielleicht ist am Sinn viel mehr machen als besitzen.

Schließlich machen erst einmal sprachliche Äußerungen Sinn und die sind vor allem auch Handlungen. Eine Schlussfolgerung kann sinnvoll sein. Aber ich muss etwas machen, um das zu erkennen, nämlich diesen Schluss auch ziehen. Und vielleicht erscheint uns ein Kunstwerk, eine Fremdsprache, eine Formel oder ein Code auf den ersten Blick sinnlos, aber wenn wir uns damit beschäftigt haben, damit auseinandergesetzt, damit gerungen, kurz: wenn wir gehandelt haben, dann macht es, sie, er verdammt noch einmal Sinn!

Drei Schlussanmerkungen

  1. Mein Prof. sagte mal, die deutsche Sprache verdaut Fremdwörter und scheidet am Ende alles wieder aus, was sie nicht mehr braucht. Und er hat prognostiziert, dass nach den Anglizismen das Chinesische die nächste Invasion starten wird.
  2. Ich glaube, @astefanowitsch hat mal geschrieben, dass die deutsche Sprache schon erwachsen ist und keinen Aufpasser braucht.
  3. Aus alledem folgt natürlich auch – leider – dass das Doofen-Apostroph höchstwahrscheinlich eines Tages korrektes Deutsch sein wird. Es hat schon begonnen…

 

Ich bin raus!