Ailan Kurdi wurde gecrosst. Von der Macht der Bilder

Meer. Strand. Ein Junge liegt dort. Noch ganz deutlich im Kleinkindalter mit hoher Stirn und pausigen Backen. Er liegt auf dem Bauch. Er schläft. Er trägt eine kurze blaue Hose. Das rote T-Shirt ist ein wenig hochgerutscht. Ein Bild, das wir jungen Eltern im nahen Sommerurlaub dutzendfach sehen werden, wenn unsere Kinder am Strand schlafen. Doch etwas ist schief an diesem Bild. Der Kleine ruht nicht auf einem Handtuch, ist in keine Decke gehüllt. Nein, er liegt direkt an der Wasserkante. Er schläft nicht. Er wird nie wieder schlafen …

Ihr alle kennt das Bild. Es ist das Bild des toten Ailan Kurdi, der auf der Flucht nach Europa ertrunken ist. Es ist ein Bild von maximaler Traurigkeit und Schönheit. Ich weiß, diese Worte klingen unerhört: “Das Bild des toten Ailan Kurdi ist schön.” Aber klickt diesen Text bitte noch nicht empört weg. Bestürmt mich nicht schon jetzt mit Scheiße, sondern lasst mich erklären.

Seit März fuhr ich fast täglich an diesem Bild vorbei. Denn es war hier in Frankfurt überlebensgroß an einen Brückenpfeiler gesprüht. Dort, wo der Osthafen vom Main abzweigt. Ich bewunderte oft die Kunstfähigkeit der mir unbekannten Streetartists, die Ailan an einer Stelle platziert hatten, an der jeder und jede, die den Main hinaufkam, ihn sehen musste. Aber zugleich war das Grafitto so angebracht, dass mit dem beginnenden Frühling ein austreibender Busch Ailans Gesicht verbarg, wenn man sich an der Mainpromenade ihm näherte. Als wollte die Natur Ailan im Tod die Würde zurückgeben, die wir Menschen ihm im Leben versagt haben. So habe ich Ailan Tag für Tag gesehen. Mal habe ich ihm mehr Beachtung geschenkt, mal weniger. Dies ist das einzige Foto, das ich je von dem Graffito gemacht habe:

Das Bild des toten Ailan Kurdi
Das Bild des toten Ailan Kurdi

Zumeist eilte ich nur vorüber, denn ich hatte es eilig. Musste zur Arbeit. Musste zu meinen eigenen Kindern. Dabei habe ich mir oft vorgenommen, stehenzubleiben. Ein Foto zu machen. Es euch auf Instagram zu zeigen. #Frankfurt #Streetart. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Ich muss weiter. Ich nahm Ailans Bild für gegeben. Es war da. Garantiert. Bis gestern. Gestern wurde Ailan Kurdi gecrosst.

Ailan Kurdi wurde gecrosst
Ailan Kurdi wurde gecrosst

Dort, wo noch vor zwei Tagen sein Gesicht zu sehen war, steht jetzt „Grenzen retten Leben!“ Ich war geschockt. Aber nur ganz kurz. Dann dachte ich: “Ja, so ist es richtig”. Versteht mich bitte nicht falsch! Nicht der Spruch ist richtig, der ist total bekloppt. Ich komme gleich darauf zurück. Nein, dass dieses riesige, wunderschöne und unendlich traurige Graffito gecrosst wurde, das ist richtig. Denn es sagt ebenso viel über diese Kunstform aus, wie über das, was das Bild repräsentierte.

Erinnert ihr noch als „Deutschland einziger Banksy!!!“ gecrosst wurde? An den Aufschrei, der durch die Medien ging: Dass ein Vandale unseren(!) einziegen(!!) Banksy(!!!) gecrosst hat!!!! Keiner der Feuilletonisten, die sich damals aufregten, hat Streetart verstanden. Die Vergänglichkeit ist Teil der Streetart. Das Crossen eines Graffitos ist schon bei seiner Entstehung mitgedacht. Der oder die Unbekannte, die den hinter Plexiglas „geschützten“ Banksy crosste, war kein bloßer Vandale. Es war exakt der Punkt, den sie machen wollte. Das Medienspektakel, dass einem Stoß aus der Sprühdose folgte, war das eigentliche Kunstwerk. Eine Performanz, die Beuys nicht entlarvender hätte inszenieren können.

Diese der Streetart inhärente Vergänglichkeit haben auch die Künstler beim Sprühen mitgedacht, die Ailan an einem Brückenpfeiler und eben nicht im Museum gerade nicht verewigt haben. Das Crossen des Grafittos war von Anfang an intendiert. Denn so drückt Ailans Bild noch etwas aus, dass es in den vergangenen Monaten noch nicht zum Ausdruck brachte: Vergänglichkeit. Streetart ist so flüchtig wie das Leben eines kleinen Kindes, das wir dem Mittelmeer überlassen.

Und noch mehr drückt das neue Kunstwerk aus: Die Macht der Bilder. Ihr alle kennt die Phrase „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und allzu oft ist sie bloß hohl. Je konventieller ein Bild ist, desto weniger sagt es. Die Piktogramme an Toiletten sagen genau ein Wort: „Frau“ beziehungsweise „Mann“. Aber es gibt Bilder, die stark sind. Bilder, die Macht haben. Das Bild des toten Ailan Kurdi ist ein solches Bild. Das zeigt nichts besser als der Spruch, der da jetzt verkündet: „Grenzen retten Leben!“

Da stehen diese drei Worte auf dem verstümmelten Kunstwerk und sind doch so viel jämmerlicher. Sie bringen keine Argumente. Jeder und jede, die vorbeigeht, fragt sich zwangsläufig: Warum? Dort ist doch sofort der Gegenbeweis zu sehen! Das Bild wiederum hatte es nicht nötig, so eine plumpe Botschaft hinauszukrakelen. Dort stand nicht unter dem gesprühten toten Körper „Öffnet alle Grenzen“. Nicht einmal „Refugees welcome“ stand dort. Das Bild war nur da. Es war nur das Bild eines toten Jungen. Keine Forderung, keine These war damit verbunden. Und doch war es so stark, dass es irgendjemand nicht mehr ausgehalten hat, diesen schönen toten Körper zu sehen. Irgendjemand fühlte sich so provoziert, dass er bei Nacht und Nebel auf die Landzunge hinunterkletterte und dort seine jämmerliche Botschaft platzierte.

Er wusste es vielleicht nicht, als er es machte. Doch als er den kläglichen Versuch, sein Weltbild zu verkünden, von Land aus betrachtete, muss ihm aufgefallen sein, wie verloren sein Sprüchlein war. Denn um so vieles stärker war, nein, ist das Bild: Ohne These, ohne dumme Forderung erzählt das Bild vom Scheitern Europas. Mit dem kläglichen Sprüchlein auf dem Gesicht ist es nur noch stärker. In seiner stummen Repräsentation entlarvt es, gerade weil es nie mit einer Botschaft verbunden war, den Spruch „Grenzen retten Leben!“.

Das Bild des toten Ailan Kurdi ist und bleibt ein stummer Vorwurf. Ohne Worte erzählt es die Geschichte eines Kindes, das vor Krieg und vor dem IS floh. Jenem IS, der uns so furchtbare Angst macht, wenn er mal eine Bombe in einer unserer Städte zündet. Es ist der gleiche IS, der täglich Ailans Heimat bombardiert. Doch weil wir zu kleingeistig, zu kleinherzig, zu mutlos, zu angstvoll sind, musste Ailan Kurdi sterben. Keine Worte können überpinseln, dass wir für Ailans Tod die Verantwortung tragen. Mit dieser ihm inneliegenden Macht ist das Bild vom toten Ailan Kurdi zugleich unendlich traurig und doch so schön.

Intention und Intension – Der Gang der Gauchos

Deutschland diskutiert die sogenannte Gaucho-Affäre. Stein des Anstoßes war dieses Auftreten von Teilen der deutschen Nationalmannschaft.

Nun gibt es eine Fraktion, die sich gewaltig aufregt, wie rassistisch dieser Tanz war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Während die andere Fraktion sich gewaltig aufregt, dass die erste Fraktion keine Ahnung hat, weil der Tanz doch gar nicht rassistisch gemeint war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Ich finde hieran kann man sehr schon den Unterschied zwischen zwei Begriffen der Semantik erkennen: Intention und Intension. Der erste Begriff „Intention“ ist landläufig bekannt und meint in etwa:

  • Was ist mit einem Symbol gemeint
  • Was ist die Absicht eines Symbols

Und vielleicht auch noch:

  • Was denkt man sich bei einem Symbol

Wobei das schon in Richtung der Intension geht. Oder gar:

  • Was bezweckt man mit einem Symbol

Das wiederum spielt in Illokution und Perlokution hinein, aber das ist Sache der Pragmatik und wurde bereits ein andermal besprochen

Die Fraktion, die also meint, man soll sich mal locker machen, wäre doch alles halb so schlimm. Die begründet das mit der Intention. Das Symbol ist in diesem Fall der Gaucho-Tanz: Die DFB-11 hat diesen nicht rassistisch gemeint, es war nicht die Absicht der DFB-11, rassistisch zu wirken, sie hatten keine rassistischen Gedanken und der Tanz hatte auch nicht bezweckt, einen neuen Nationalismus zu promoten. Das alles gestehe ich den weltmeisterlichen Tänzern auch zu. Das von Einwanderern und Einwanderernachkommen geprägte Team hatte bestimmt nicht die Absicht Rassismus zu propagieren, dafür werden sie von den Fußballerverbänden zu oft und zu intensiv auf Toleranz eingeschworen.

Was ist gutes Bier?

Also ist alles super, oder? Na ja, ich hatte da ja noch diesen zweiten Begriff: die Intension. Der stammt aus der Semantik und ist weitaus weniger bekannt als die Intention. Was hat es mit ihm auf sich? Die Intension ist der Sinn eines Symbols, seine Bedeutung (aber nicht im Fregeschen Sinn (haha…)). Sie stammt aus dem Begriffspaar Extension und Intension. Jeder Begriff hat eine Extension, einen Begriffsumfang. Wenn ich von „Bier” spreche, bezieht sich dieser Begriff auf alle Dinge in der Welt, die Bier sind. Diese Dinge sind die Extension des Begriffs. Wenn ich hingegen von „Pils“ spreche, wird die Erfüllungsklasse des Begriffs kleiner und es fallen nur noch Biersorten darunter, die auf eine bestimmte Art und Weise gebraut wurden – die Extension ist also kleiner. Und richtig kompliziert wird es, wenn ich den Begriff „gutes Bier“ verwende. Die Extension dieses Ausdrucks ist äußerst verworren und führt etwa zwischen Köln und Düsseldorf immer wieder zu heftigen Diskussionen. Woran liegt das? Meine steile These: An der weiten Hälfte des Begrifffspaars Extension und Intension: der Intension. Die Intension, also der Sinn von „gut“ ist äußerst verworren und vor allem im höchsten Maße subjektiv.

Das Standardbeispiel mit dem Philosophie- und Linguistikstudierende Intension und Extension erlernen müssen ist Freges berühmtes Beispiel von „Abendstern“ und „Morgenstern“. Beide Begriffe haben die gleiche Extension: den Planeten Venus. Aber höchst unterschiedliche Intensionen: Ich kann zwar vom Morgenstern sagen, dass er der letzte Stern ist, den ich morgens am Himmel sehe. Aber das kann ich nicht vom Abendstern sagen…

Kehren wir jetzt zum Gaucho-Tanz zurück. War der jetzt rassistisch? Wie, zur Hölle, soll ich das entscheiden?! Ihr habt gesehen, wie kompliziert die Intension von so simplen Symbolen wie „Morgenstern“, „Abendstern“ oder gar „gutes Bier“ ist, aber das ist nichts gegen die Bedeutung eines so komplexen Symbols wie eines Tanzes. Schon alleine weil ich dafür erst einmal ganz tief in die Metapherntheorie einsteigen müsste und so Sachen wie „Ausdruck“ erläutern müsste!

Aber eines ist wichtig: Nach Wittgenstein ist die Bedeutung (im Sinne von Intension) eines Begriffs, sein Gebrauch in der Sprache. Und wir können hier ohne Probleme „Begriff“ durch „Symbol“ und „Sprache“ durch „Symbolsystem“ ersetzen. Was Wittgenstein mit diesem lyrischen Satz meint, ist, dass die Regeln der Verwendung eines Symbols bestimmen, was das Symbol aussagt. Der Gaucho-Tanz nun hat auf jeden Fall rassistische Bedeutungskomponenten, denn es wird einer Bevölkerungsgruppe (Argentiniern) eine Eigenschaft zugesprochen (geknickt zu gehen). Die Frage ist jetzt, ob “Gaucho” metaphorisch nur für die argentinische Nationalmannschaft verwendet wurde und ob die Gangart dieser Mannschaft oder gar der Bevölkerungsgruppe wirklich als Wesenszug oder nur als ephemeres Attribut in der Niederlage zugeschrieben wurde. Die Verwendungsweise des Symbols ist eben unklar. Dabei ich habe noch nicht einmal mit Konnotationen angefangen…

Und wissta was? Genau das handeln wir gerade in der laufenden Debatte aus. Denn die Bedeutung von Symbolen steht nicht fest, sondern wandelt sich ständig. Rosa symbolisierte noch im 19. Jahrhundert Männlichkeit, doch der Gebrauch des Symbols hat sich massiv gewandelt!

Imperial Art Appreciation: Pink

Imperial Art Appreciation: Pink von JD Hancock Lizenz: CC BY 2.0.

Daher ist die aktuelle Diskussion nicht nervig sondern wichtig und richtig, damit wir die Bedeutung solcher Symbole in unserer Gesellschaft aushandeln können.

P.S.: Für mich ist übrigens ganz unstrittig, dass der Tanz zumindest hämisch war und das macht ihn und die Tänzer mir unsympathisch. Nicht so unsympathisch, dass ich nie wieder Fußball ansehen werde, aber er trübt mein Bild von der Mannschaft ein bisschen. Und da hilft der Hinweis darauf, dass es sich um einen etablierten Fangesang handelt nur wenig, denn nicht alles was in Fußballstadien passiert gefällt mir. So war ich zum Beispiel ungläubig verwundert als beim letzten Derby zwischen meiner Eintracht und Mainz, eine Mutter zwei Reihen vor mir „Alle Mainzer sind Hurensöhne“ skandierte, obwohl ihre vielleicht 10-Jährige Tochter daneben stand. Vielleicht sollte für Fußballstadien gelten, was für Vegas gilt:

panorama (Bearbeitung von mir) von  Martin Abegglen . Lizenz: CC BY-SA 2.0
panorama (Bearbeitung von mir) von Martin Abegglen. Lizenz: CC BY-SA 2.0

 

Literatur

Austin, John L. 1966. “Three Ways of Spilling Ink.” The Philosophical Review 75, 427-440. Printed in 1961, James O. Urmson and Geoffrey J. Warnock (eds.), Philosophical Papers (pp. 272-287). Oxford: Clarendon Press.

– Habe ich leider nirgends im Netz gefunden, über Hinweise freue ich mich…

Gottlob Frege: Sinn und Bedeutung. Hier legal und umsonst.

Nelson Goodman: Sprachen der Kunst*

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen*

 

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