Was ist mit Kroos? Fußballgucken mit Kindern

Neulich sah ich diesen Tweet:

Das kenne ich nur zu gut! Wenn du mit Kindern Fußball guckst, hast du eine zweite dadaistische Kommentarspur. Und während meine Tochter (3) sich auf die Frage “Ist das Tony Kroos?” beschränkt (er ist der einzige, den sie sich von den Supermarkt-Sammelkarten merken kann), will meine Tochter (10) alles immer ganz genau wissen. Hier kommen alle ihr Fragen während des Spiels Deutschland – Schweden. Hinzu kamen noch unzählige Kommentare, Anekdoten und Assoziationen, die ich nicht mitschreiben konnte. Viel Spaß beim erraten, was in welcher Minute gefragt wurde …

  1. Warum zeigen die das zweimal?
  2. Warum hat er das gemacht?
  3. 122:9 für Deutschland?
  4. Wie jetzt?
  5. Chips?
  6. Die Nummer 8 ist Toni Kroos, oder?
  7. Wer ist das?
  8. Wie war Rudy?
  9. Wer ist die 18?
  10. Wie schreibt man Kimmich?
  11. Kimmich ist die Nummer 18?
  12. Welche Nummer ist Draxler?
  13. Rüdiger?
  14. Was?
  15. Die können doch nicht ohne einen Mann spielen?
  16. Warum wechseln die keinen ein?
  17. Wer ist das?
  18. Was Ü?
  19. Aber mit wem?
  20. Wie soll ich den Chip in den Mund kriegen?
  21. Für Deutschland?
  22. Da! Siehst du?
  23. Wie heißt Draxler eigentlich mit Vornamen?
  24. Kann ich die Känguru-Chroniken hören?
  25. Hast du gehört? Da hat jemand geschrien und gehupt!
  26. Was wenn sie Gleichstand spielen?
  27. Mücken?
  28. Wer ist das?
  29. Hat der nicht schon beim letzten Mal mitgemacht?
  30. Wer?
  31. Kann man in einem Spiel zwei gelbe Karten bekommen?
  32. Hallo?
  33. Draxler ist nicht mehr drin?
  34. Wer ist denn das?
  35. Marco?
  36. Krieg ich auch einen?
  37. Was hat der gemacht?
  38. Den Schiri beschimpft?
  39. Weißt du? Die Berliner sprechen gerne mit abgebrochenen Worten.
  40. Wer war denn das, der geschossen hat?
  41. Wer?
  42. Die Deutschen oder die Schweden?
  43. Warum?
  44. Italien?
  45. Wer ist denn das?
  46. Warum steht da „Corner 6:1“?
  47. Was ist mit Kroos?
  48. Ist Kroos groß?
  49. Er ist doch noch gerannt?
  50. Wie heißt denn Löw mit Vornamen?
  51. Wie schreibt man so ‘ne Doktorarbeit?
  52. Für wie viele Seiten?
  53. Was muss man denn schreiben?
  54. Fliegen?
  55. Oh nein! Ist das ein neues Tor?
  56. Und für wen bist du?
  57. Was ist denn jetzt Abseits?
  58. Hallo?
  59. Wer ist wütend auf sein Team?
  60. Woher weiß er das denn?
  61. Woher weiß er, dass es Nachspielzeit gibt?
  62. Wer macht sich bereit?
  63. Julian?
  64. Warum das denn?
  65. Wirklich Rudy?
  66. Für welche Mannschaft?
  67. Warum sollten sie jetzt was?
  68. Noch ein Tor schießen?
  69. Ist es heute nicht schon das zweite Spiel, das du richtig getippt hast?

 

 

 

 

 

 

Wie die Seven Nation Army ins Fußballstadion kam

Was ich heute gelernt habe #4

Richtig angefangen hat alles mit einem Verhörer von Jack White. Als Kind verstand er statt “Salvation Army” immer “Seven Nation Army”. Schön, oder? Weiter ging es dann bei einem Konzert der White Stripes in Melbourne. Während des Soundchecks griff Jack den berühmten Riff, der heute durch alle Fußballstadien schallt.

2003 hörten dann Fans des FC Brügge vor einem Auswärtsspiel in Mailand den Song in einer Kneipe beim Vorglühen. Wahrscheinlich nicht zuletzt weil der FC gegen den AC gewann, brachten sie den Song mit zurück nach Belgien. Dort hörten ihn dann 2006 die Fans des AC Mailand und reimportierten ihn nach Italien. Dort breitete er sich in der Liga aus und landete letztlich auch bei den Fans der Nationalmannschaft, die ihn 2006 bei der WM in Deutschland anstimmten. Seitdem ist er nicht mehr wegzudenken aus den Stadien dieser Welt …

Ist das nicht eine schön europäische Geschichte am Tag des #Brexit?

Und weil Seven Nation Army so schön ist, gibt es ihn hier noch einmal in voller Länge:

Quelle: Schott Pop.

12 von 12 im Juni 2016

Der Juni ist gekommen. Dieses 2016 ist jetzt schon ein halbes Jahr alt. Und dies sind meine 12 Bilder vom 12.6.

Regen

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Igittigitt, war das ein Wetter gestern. Es war dunkel und hat geschüttet. Oder wie meine Tochter (1) es ausdrückte: “Nass da!”

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Sofa

Ich nutzte den Vormittag um intensiv auf dem Sofa zu liegen und unsere nächste Podcast-Folge vorzubereiten.

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Zwischendurch kam immer wieder meine Kleine vorbei zum Spielen. Zum Beispiel mit dem “Hasen”.

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Die Große schaute zwischendurch My Little Pony.

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Auch wenn es so aussieht, als würde die Kleine mitgucken, war sie eigentlich nur daran interessiert, auf der Sessellehne zu sitzen, genau wie ihre große Schwester.

Regenpause

Irgendwann hörte es dann tatsächlich mal auf, zu regnen. Wir wagten uns todesmutig nach draußen. Während die Dame mit der Kleinen Pfützenhüpfen ging, fuhr ich mit meiner Tochter (8) …

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… ins Schwimmbad. Das Rebstockbad ist fünf Fahrradminuten von uns entfernt und dort habe ich meiner Tochter das Schwimmen beigebracht. Ganz ohne Schwimmkurs! So wie es mein Vater schon mir beibrachte …

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Das Wetter hielt ein bisschen. Sodass wir einen alten Tradition im Hause Privatsprache nachgingen. Nach dem Schwimmbad verlangt die Tradition nacht Eis …

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Fußball

Dann begannen auch schon die Fußballspiele der aktuellen Europameisterschaft. Der “Hasen” und ich guckten ganz gebannt. Meine Tochter (8) milde interessiert und die anderen beiden nur gelegentlich.

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Die Große hat zu Weihnachten Mongolische Wüstenrennmäuse bekommen. Und immer wenn wir unsere Ruhe haben wollen, fangen die Viecher an, am Gitter zu nagen, was einen unglaublichen Lärm macht …

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Als die Kinder im Bett waren, sahen die Dame und ich noch das erste Deutschlandspiel. Es war spannend …

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… und ich war irgendwann so müde, dass ich diesmal das 12. Foto vergessen habe. Ups! Nächsten Monat dann wieder – versprochen.

Sokrates – Der Gamechanger – Teil 3: Die Sokratische Wende

Heute bringe ich meine Sokrates-Serie zu einem Abschluss. Nachdem ich im ersten Teil von Sokrates’ Leben erzählte und im zweiten Teil von seinen Einflüssen und Schülern sprach, stürze ich mich diesmal voll in seine Philosophie. Wir klären noch einmal, was die Sokratische Wende ist, rücken die Mäeutik zurecht und fragen, was Sokrates in der Ethik gelehrt hat. Abschließend stelle ich noch 10 Thesen vor, worin die sokratische Philosophie bestand. Das ganze gibt es, wie immer als Video oder darunter zum nachlesen. Außerdem findet ihr wieder Literaturtipps und die Bilderquellen zum Video auf dieser Seite.

Die Sokratische Wende

Beginnen muss ich mit einem Geständnis. Ich habe euch in den letzten beiden Teilen dieser Reihe ein bisschen aufs Glatteis geführt und zwar mit voller Absicht. Und wisst ihr was, es tut mir noch nicht einmal leid! Stattdessen habe ich einen Metawitz eingebaut und selbst ein bisschen den Sokrates gespielt. Denn wenn ihr einen platonischen Dialog lest, dann werdet ihr feststellen, dass es darin fast immer eine Stufe gibt, in der die Gesprächspartner glauben, zu einem Ergebnis gekommen zu sein und dann lässt Sokrates das Kartenhaus zusammenbrechen. Und genau das habe ich mit euch gemacht. Aber nur ein bisschen … Ich erklär’s euch und hoffe ihr könnt mir verzeihen.

Und zwar geht es um das, was ich die Sokratische Wende genannt habe, oder was auch manchmal die anthropologische Wende genannt wird. Ihr erinnert euch? Cicero, der alte Sack:

“Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel heruntergerufen, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser hineingeführt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Schlechten zu forschen.“

Und dann habe ich euch erzählt, dass Sokrates sich nicht für Erkenntnistheorie interessierte, so wie die Naturphilosophen, sondern bloß für Ethik. Und jetzt die kleine Gemeinheit, die ich eingebaut habe: Nämlich einen Widerspruch. Auf der einen Seite habe ich euch erzählt, Sokrates habe sich nicht für Erkenntnistheorie interessiert, aber auf der anderen Seite habe ich euch die ganze Zeit mit erkenntnistheoretischen Konzepte und Methoden von Sokrates gefüttert …

Seht ihr es jetzt? „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“, das Verhältnis von Sprache und Welt, die Frage nach dem Allgemeinen, also die „Was ist …?“-Frage, Definition, Induktion und Mäeutik. Das sind alles erkenntnistheoretische Themen, die ich euch untergejubelt habe. Also hat sich Sokrates doch für die Erkenntnistheorie interessiert? Zumindest indirekt. In der Apologie, also seiner Verteidigungsrede, sagt er an einer Stelle, dass er bei seinen Untersuchungen eigentlich immer nur die Sache selbst prüfen wollte, dass es sich dabei aber ergab dass auch sein Gesprächspartner und er selbst geprüft wurden. Die Sache selbst, das sind ethische Probleme, mit denen er sich herumgeschlagen hat. Aber die Methoden, die er dabei anwendete das waren erkenntnistheoretische und so prüfte er automatische seine eigene Erkenntnis und die seines Gesprächspartners mit.

Die sokratische Wende besteht gar nicht darin, dass Sokrates sich nicht mehr für die Frage „Was ist Wahrheit?“ interessierte. Ganz im Gegenteil: Auf gewisse Art und Weise war er mehr daran interessiert, als jeder seiner Vorgänger. Aber er hat sich einer anderen Teilfrage zugewendet. Statt wie die naturphilosophischen Vorsokratiker zu fragen: Was ist die Welt? Fragte Sokrates: Was kann ich von der Welt erkennen?

So, jetzt ist es raus. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen, dass ich euch an der Nase herumgeführt habe. Jetzt habe ich euch die Wahrheit erzählt, versprochen! Zumindest, bis ich sie das nächste Mal sokratisch zusammenbrechen lasse.

Die Mäeutik

Kehren wir doch, weil es in der Erkenntnistheorie gerade so kuschelig ist, noch einmal zur Mäeutik zurück. Die hatte ich jetzt zweimal angerissen, als wäre sie das Normalste von der Welt. Aber ist die Vorstellung nicht strange, wenn man sie genau betrachtet? Dass wir das Wissen schon in uns tragen und man es im Gespräch zur Welt bringen kann? Wo soll das Wissen herkommen? War das schon immer in uns drin? Oder ist es etwas, das wir mal wussten und wieder vergessen haben?

So esoterisch sich diese Mäeutik auch anhören mag: Wir haben ein ganz ähnliches Konzept. Wir unterscheiden zwischen impliziten und expliziten Wissen. So bilde ich mir ein, dass ich grob weiß, wann ich im Satz ein Komma zu setzen habe. Aber ich kenne nicht alle drölfzigmillionen Kommaregeln der deutschen Schriftsprache. Dennoch könnte man sie mir vielleicht klarmachen, wenn man mich mit der Nase darauf stößt, wann ich wo ein Komma setze. Ein anderes Beispiel sind Fußballspieler und Fußballtrainer. Lionel Messi kann sicher besser Fußball spielen, als jeder seiner Trainer. Aber er verfügt über dieses Wissen nur implizit. Das heißt, er kann nicht unbedingt erklären, warum er wann was auf dem Feld macht. Aber ein guter Trainer kann eben genau das – er verfügt eben über explizites Wissen. Und mit entsprechender Mäeutik, oder eben schlicht mit Training, kann er Messi so helfen, das Wissen zu gebären.

Allerdings weist der Philosoph Bertrand Russell zurecht darauf hin, dass diese Methode ihre Grenzen hat: Sokrates wäre es bestimmt nicht gelungen, einem Arzt der Antike das Wissen zu entlocken, dass es Bakterien gibt, die die Ursache für Krankheiten sind. Für diese Erkenntnis musste zunächst das Mikroskop erfunden werden. Wir scheinen es hier mit einer anderen Art von Wissen zu tun zu haben. Mit Wissen, das wir nur erlangen können wenn wir unsere Hypothesen mit der Welt vergleichen. Und Russell geht noch weiter: Er meint, dass vielleicht genau das der Unterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft ist. Dass die Philosophie Fragen beantwortet, die sich mit Mäeutik beantworten lassen und dass die Wissenschaft sich mit den anderen Fragen beschäftigt …

Mit anderen Worten: Philosophen sind Fußballtrainer.

Sokrates’ Lehren zur Ethik

Anyway … Ich hatte jetzt schon zigfach erwähnt, dass Sokrates eigentlich nur Bock auf Ethik hatte, habe aber zugleich bisher fast nur von Erkenntnis gesprochen. Was hat denn Sokrates nun zur Ethik gesagt? Sokrates hat sich anscheinend Zeit seines Lebens mit der Frage herumgeschlagen, was Tugend ist.

Tu-was? Wenn ich mal einen Blick in mein kleines Philosophie-Lexikon werfe, dann stehen da zu Tugend, beziehungsweise zu Arete, dem entsprechenden griechischen Wort so Dinge wie Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit, die Tauglichkeit der Seele, innerer Wert, Ehre. Sokrates wollte wissen, was einen Menschen ausmacht, den wir tugendhaft nennen. Er glaubte, dass die Werte Gerechtigkeit, Tapferkeit, Frömmigkeit, Besonnenheit und Weisheit Teile der Tugend sind. Dass also ein Mensch alle diese Werte besitzen muss um tugendhaft zu sein. Daran schloss sich dann für ihn die Frage an, ob alle diese Werte den gleichen Anteil an der Tugend haben oder ob es vielleicht einen Wert gibt, der wichtiger ist als die anderen. Zum Beispiel bist du sicher nicht tugendhaft, wenn du zwar tapfer aber nicht gerecht bist. Aber bist du auch nicht tugendhaft, wenn gerecht aber nicht tapfer bist? Und was, wenn du gerecht und tapfer aber nicht weise bist?

Sokrates’ Antwort lautete ganz klar, dass die Weisheit der wichtigste Wert der Tugend ist. Er hielt die verschiedenen Werte für Formen von Wissen: Wenn ich erkannt habe, was tapfer oder gerecht ist, dann bin ich auch tapfer oder gerecht. So wie der Handwerker sein Handwerk verstehen muss, so muss die Gerechte eben die Gerechtigkeit verstehen.

Klingt ziemlich einleuchtend, oder? Ist aber nicht unproblematisch … Denn das impliziert zum Beispiel, dass ungebildete Menschen per se weniger tugendhaft sind als gebildete, denn sie haben ja weniger Wissen. Aber wenn ich zum Beispiel an meine Oma denke, so war sie sicher nicht der gebildetste Mensch der Welt, aber sie hatte das Herz am rechten Fleck, wie man so schön sagt. Hingegen haben die Zocker in den Investmentbanken oft Abschlüsse an Eliteunis erworben, aber anscheinend kein Problem damit, andere auszubeuten … Ist es nicht so, dass ich wissen kann, was gut und richtig ist, ohne auch danach zu handeln? Sokrates glaubte das nicht, er würde immer sagen, dass zum Beispiel die Investmentbanker zwar gut im Investmentbanking ausgebildet sind, aber nicht nicht gut im Wissen um Gerechtigkeit. Das mag zwar sein, ändert aber nichts daran, dass wir im Gegensatz zu Sokrates in der Regel zwischen Wissen und Handeln unterscheiden. Ich weiß genau, dass Tiere sterben mussten, damit ich mein Steak essen kann. Ich weiß auch, dass diese Tiere Angst und Schmerz fühlen konnten. Dennoch esse ich das Fleisch.

Ihr seht, wie kompliziert diese Ethik ist, entsprechend ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, manchmal eine Debatte mit der unterschätzten aber sehr wissenschaftlichen Antwort abzubrechen: Ich weiß es nicht. Auch das lehrt uns ja Sokrates. Es wäre jetzt sehr sokratisch diese Folge einfach abzubrechen, aber stattdessen möchte ich euch lieber als Round-Up zu Sokrates noch zehn Thesen vortragen, worin seine Philosophie bestand. Diese Thesen habe ich bei Wolfgang Pleger gefunden und anhand dieser Thesen möchte ich überprüfen, ob ich in meinen drei Folgen über den Philosophen auch nichts vergessen habe:

1. Sokrates kritisierte den Mythos

Das hatte ich kurz im ersten Teil angerissen. Sokrates hatte eine klassische Ausbildung genossen und sich unter anderem mit Homer auseinandergesetzt. Und die Griechen lasen die Mythen nicht zuletzt deshalb, um sich an den dort aufgeschriebenen moralische Normen zu orientieren. Die strikten Regeln, die „von den Göttern vorgeschrieben“ wurden, wollte Sokrates aber nicht als gegeben hinnehmen, wie wir ja auch an der Anekdote zum Orakel von Delphi sahen. Stattdessen wollte er jede althergebrachte Regel logisch prüfen.

2. Sokrates wendete sich von der Naturphilosophie ab

Die meisten der ganz großen Vorsokratiker wie Thales, Pythagoras, Heraklit oder Parmenides beschäftigten sich mit der Frage: „Was ist die Welt?“ Wie ich das letzte mal erzählt habe, interessierte sich Sokrates, als er noch jung war, für die Philosophie von Anaxagoras. Kam dann aber zu der Erkenntnis, dass die Naturphilosophie ein unlösbares Rätsel ist und wandte sich lieber anderen Fragen zu. Und diese anderen Fragen sind der dritte Aspekt seiner Philosophie:

3. Die anthropologische Wende, oder wie ich es zuvor schon nannte: Die Sokratische Wende

Pleger betont, dass eigentlich die Sophisten diese Wende schon eingeleitet haben, da sie die ersten waren, die sich mit Fragen der Ethik beschäftigten stattt herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber Sokrates hat diese Wende fortsetzt und noch einmal auf ein ganz anderes Niveau gehoben: Er fragte nach den „menschlichen Dingen“, allem voran danach, was die „gut verfasste Seele“ ausmacht, also was den Menschen gut macht. Das ging einher mit der Frage, was wir erkennen können. Dabei legte er den Fokus auf die Beschränktheit unseres Wissens: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.”

4. Kritik an der Politik

Sokrates kritisierte Gesetze und politische Praktiken, wenn sie nur aus Tradition existierten und gegen die Logik verstießen. Er hatte dafür genau die gleiche Motivation wie für seine Kritik am Mythos: Er wollte stets, dass logische Gründe zu einer Entscheidung führen und nicht irgendwelche Mehrheits- oder Machtverhältnisse.

5. Pädagogik

Wie ich auch schon wiederholt erwähnt habe, war Sokrates Lehrer. Er versuchte seine jugendlichen Schüler zu besseren Menschen zu machen. Und für diesen Zweck machte er mit ihnen genau das, womit ich diesen Artikel einleitete: Er erschütterte ihre Gewissheiten. Im Dialog machte er ihnen klar, dass das, von dem sie bisher glaubte, es sei wahr, in Wirklichkeit zumindest problematisch ist. Dann hielt er sie dazu an, sich in Selbsterkenntnis zu üben und für ihre Handlungen aber auch für ihre Überzeugungen Rechenschaft abzulegen.

6. Politisches Interesse

Bei aller Kritik an der Politik, hielt Sokrates sie und den Staat auch für wichtig und fragte, was einen guten Politiker ausmacht. Was einen guten Staat ausmacht und was ein gerechter Staat ist. Sokrates war entsprechend seiner Überzeugung, dass politische Entscheidungen logisch gerechtfertigt sein müssten, ein Gegner davon, Menschen in Ämter zu wählen. Sattdessen war er davon überzeugt, dass der am besten Geeignete, das jeweilige Amt innehaben sollte.

7. Die Frage nach der Sache selbst

Das hatten wir in der letzten Folge: Sokrates wollte immer erforschen, was das Wesen der Dinge ist. Das kommt in der „Was ist …?“-Frage zum Ausdruck. Er bediente sich für diese Frage der Logik.

8. Ethisches Wissen

Das hatte ich eben gerade auch schon angesprochen: Tugend war für Sokrates das Wissen um das was gut (also gerecht, tapfer und so weiter) ist, daraus folgte für ihn direkt die gute Tat. Er glaubte, dass niemand wissentlich Böses tut, sondern dass Menschen, die böse handeln, dies tun, weil sie es nicht besser wissen.

9. Die Dialektik

Das könnt ihr mittlerweile wahrscheinlich gar nicht mehr hören: Der Dialog war für Sokrates der Ort, an dem Philosophie stattfindet. Im Dialog werden philosophische Erkenntnisse errungen. Dabei wird die Sache selbst geprüft, aber auch die Gesprächspartner werden geprüft.

Und schließlich:

10. Das philosophische Leben

Philosophie war für Sokrates eine Lebensweise: Die ständige Suche nach Wahrheit und die Prüfung von allem und jedem an der Wahrheit. Dabei gab er sich aber zugleich nicht der falschen Gewissheit hin, selbst zu wissen, was Wahrheit ist.

Das waren die zehn zentralen Punkte der sokratischen Philosophie. Puh, schwirrt euch jetzt auch der Kopf? Natürlich musste ich alles ganz schön verkürzen. Wenn ihr mehr wissen wollt, findet ihr unten Literaturtipps. Außerdem ist der Wikipedia-Artikel zu Sokrates überdurchschnittlich gut. Fragen könnt ihr natürlich auch in den Kommentaren stellen oder die Kommentare nutzen, um mich zu beschimpfen, weil ich das alles nicht verstanden und total falsch dargestellt habe. Ich freue mich über jedes Feedback.

Wenn euch das hier gefallen hat, dann erzählt euren Freundinnen davon. Als nächstes werde ich mich mit Platon auseinandersetzen und würde mich freuen, wenn ihr mir schreibt, was euch an dessen Philosophie besonders interessieren würde. Enden möchte ich mit einem Sokrates-Zitat aus seiner Verteidigungsrede, in dem es noch einmal um die philosophische Lebensweise geht. Ich sage schon einmal tschüss, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt und hoffe, ihr schaut mal wieder rein.

Zitat aus der Apologie des Sokrates

Vielleicht aber wird einer sagen: „Also still und ruhig, Sokrates, wirst du nicht imstande sein, nach deiner Verweisung zu leben?“ Das ist nun wohl am allerschwersten manchem von euch begreiflich zu machen. Denn wenn ich sage, das hieße, dem Gotte ungehorsam sein, und deshalb wäre es mir unmöglich, mich ruhig zu verhalten, so werdet ihr mir nicht glauben, als meinte ich etwas anderes, als ich sage. Und wenn ich wiederum sage, dass ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten und über die andern Gegenstände, über welche ihr mich reden und mich selbst und andere prüfen hört, ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden, das werdet ihr mir noch weniger glauben, wenn ich es sage. Aber gewiss verhält sich dies so, wie ich es vortrage, ihr Männer; nur euch davon zu überzeugen ist nicht leicht.

Literatur

Als Literaturtipps wiederhole ich alles noch einmal, was ich auch in den letzten beiden Teilen empfohlen habe:

Als einzige neue Quelle habe ich anzubieten:

Bilderquellen

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Intention und Intension – Der Gang der Gauchos

Deutschland diskutiert die sogenannte Gaucho-Affäre. Stein des Anstoßes war dieses Auftreten von Teilen der deutschen Nationalmannschaft.

Nun gibt es eine Fraktion, die sich gewaltig aufregt, wie rassistisch dieser Tanz war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Während die andere Fraktion sich gewaltig aufregt, dass die erste Fraktion keine Ahnung hat, weil der Tanz doch gar nicht rassistisch gemeint war.

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Ich finde hieran kann man sehr schon den Unterschied zwischen zwei Begriffen der Semantik erkennen: Intention und Intension. Der erste Begriff „Intention“ ist landläufig bekannt und meint in etwa:

  • Was ist mit einem Symbol gemeint
  • Was ist die Absicht eines Symbols

Und vielleicht auch noch:

  • Was denkt man sich bei einem Symbol

Wobei das schon in Richtung der Intension geht. Oder gar:

  • Was bezweckt man mit einem Symbol

Das wiederum spielt in Illokution und Perlokution hinein, aber das ist Sache der Pragmatik und wurde bereits ein andermal besprochen

Die Fraktion, die also meint, man soll sich mal locker machen, wäre doch alles halb so schlimm. Die begründet das mit der Intention. Das Symbol ist in diesem Fall der Gaucho-Tanz: Die DFB-11 hat diesen nicht rassistisch gemeint, es war nicht die Absicht der DFB-11, rassistisch zu wirken, sie hatten keine rassistischen Gedanken und der Tanz hatte auch nicht bezweckt, einen neuen Nationalismus zu promoten. Das alles gestehe ich den weltmeisterlichen Tänzern auch zu. Das von Einwanderern und Einwanderernachkommen geprägte Team hatte bestimmt nicht die Absicht Rassismus zu propagieren, dafür werden sie von den Fußballerverbänden zu oft und zu intensiv auf Toleranz eingeschworen.

Was ist gutes Bier?

Also ist alles super, oder? Na ja, ich hatte da ja noch diesen zweiten Begriff: die Intension. Der stammt aus der Semantik und ist weitaus weniger bekannt als die Intention. Was hat es mit ihm auf sich? Die Intension ist der Sinn eines Symbols, seine Bedeutung (aber nicht im Fregeschen Sinn (haha…)). Sie stammt aus dem Begriffspaar Extension und Intension. Jeder Begriff hat eine Extension, einen Begriffsumfang. Wenn ich von „Bier” spreche, bezieht sich dieser Begriff auf alle Dinge in der Welt, die Bier sind. Diese Dinge sind die Extension des Begriffs. Wenn ich hingegen von „Pils“ spreche, wird die Erfüllungsklasse des Begriffs kleiner und es fallen nur noch Biersorten darunter, die auf eine bestimmte Art und Weise gebraut wurden – die Extension ist also kleiner. Und richtig kompliziert wird es, wenn ich den Begriff „gutes Bier“ verwende. Die Extension dieses Ausdrucks ist äußerst verworren und führt etwa zwischen Köln und Düsseldorf immer wieder zu heftigen Diskussionen. Woran liegt das? Meine steile These: An der weiten Hälfte des Begrifffspaars Extension und Intension: der Intension. Die Intension, also der Sinn von „gut“ ist äußerst verworren und vor allem im höchsten Maße subjektiv.

Das Standardbeispiel mit dem Philosophie- und Linguistikstudierende Intension und Extension erlernen müssen ist Freges berühmtes Beispiel von „Abendstern“ und „Morgenstern“. Beide Begriffe haben die gleiche Extension: den Planeten Venus. Aber höchst unterschiedliche Intensionen: Ich kann zwar vom Morgenstern sagen, dass er der letzte Stern ist, den ich morgens am Himmel sehe. Aber das kann ich nicht vom Abendstern sagen…

Kehren wir jetzt zum Gaucho-Tanz zurück. War der jetzt rassistisch? Wie, zur Hölle, soll ich das entscheiden?! Ihr habt gesehen, wie kompliziert die Intension von so simplen Symbolen wie „Morgenstern“, „Abendstern“ oder gar „gutes Bier“ ist, aber das ist nichts gegen die Bedeutung eines so komplexen Symbols wie eines Tanzes. Schon alleine weil ich dafür erst einmal ganz tief in die Metapherntheorie einsteigen müsste und so Sachen wie „Ausdruck“ erläutern müsste!

Aber eines ist wichtig: Nach Wittgenstein ist die Bedeutung (im Sinne von Intension) eines Begriffs, sein Gebrauch in der Sprache. Und wir können hier ohne Probleme „Begriff“ durch „Symbol“ und „Sprache“ durch „Symbolsystem“ ersetzen. Was Wittgenstein mit diesem lyrischen Satz meint, ist, dass die Regeln der Verwendung eines Symbols bestimmen, was das Symbol aussagt. Der Gaucho-Tanz nun hat auf jeden Fall rassistische Bedeutungskomponenten, denn es wird einer Bevölkerungsgruppe (Argentiniern) eine Eigenschaft zugesprochen (geknickt zu gehen). Die Frage ist jetzt, ob “Gaucho” metaphorisch nur für die argentinische Nationalmannschaft verwendet wurde und ob die Gangart dieser Mannschaft oder gar der Bevölkerungsgruppe wirklich als Wesenszug oder nur als ephemeres Attribut in der Niederlage zugeschrieben wurde. Die Verwendungsweise des Symbols ist eben unklar. Dabei ich habe noch nicht einmal mit Konnotationen angefangen…

Und wissta was? Genau das handeln wir gerade in der laufenden Debatte aus. Denn die Bedeutung von Symbolen steht nicht fest, sondern wandelt sich ständig. Rosa symbolisierte noch im 19. Jahrhundert Männlichkeit, doch der Gebrauch des Symbols hat sich massiv gewandelt!

Imperial Art Appreciation: Pink

Imperial Art Appreciation: Pink von JD Hancock Lizenz: CC BY 2.0.

Daher ist die aktuelle Diskussion nicht nervig sondern wichtig und richtig, damit wir die Bedeutung solcher Symbole in unserer Gesellschaft aushandeln können.

P.S.: Für mich ist übrigens ganz unstrittig, dass der Tanz zumindest hämisch war und das macht ihn und die Tänzer mir unsympathisch. Nicht so unsympathisch, dass ich nie wieder Fußball ansehen werde, aber er trübt mein Bild von der Mannschaft ein bisschen. Und da hilft der Hinweis darauf, dass es sich um einen etablierten Fangesang handelt nur wenig, denn nicht alles was in Fußballstadien passiert gefällt mir. So war ich zum Beispiel ungläubig verwundert als beim letzten Derby zwischen meiner Eintracht und Mainz, eine Mutter zwei Reihen vor mir „Alle Mainzer sind Hurensöhne“ skandierte, obwohl ihre vielleicht 10-Jährige Tochter daneben stand. Vielleicht sollte für Fußballstadien gelten, was für Vegas gilt:

panorama (Bearbeitung von mir) von  Martin Abegglen . Lizenz: CC BY-SA 2.0
panorama (Bearbeitung von mir) von Martin Abegglen. Lizenz: CC BY-SA 2.0

 

Literatur

Austin, John L. 1966. “Three Ways of Spilling Ink.” The Philosophical Review 75, 427-440. Printed in 1961, James O. Urmson and Geoffrey J. Warnock (eds.), Philosophical Papers (pp. 272-287). Oxford: Clarendon Press.

– Habe ich leider nirgends im Netz gefunden, über Hinweise freue ich mich…

Gottlob Frege: Sinn und Bedeutung. Hier legal und umsonst.

Nelson Goodman: Sprachen der Kunst*

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen*

 

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Bekenntnis eines Fans

Ich bin Fußballfan und habe nicht das geringste Problem mit schwulen Fußballern. Ich finde das muss mal gesagt werden. Am besten laut und in aller Öffentlichkeit. Aber da die Medien den Fan lieber als Untermenschen darstellen, tue ich es halt. Jetzt und hier.

“Fußballfans sind Menschen, was immer uns die Medien weismachen wollen, […] Die meißten Fußballfans [haben] kein Vorstrafenregister, tragen keine Messer, urinieren nicht in Taschen oder veranstalten sonst irgendwelche von den Dingen, die man ihnen immer nachsagt.”
Nick Hornby: Fever Pitch

Spätestens seit dem anonymen Interview eines schwulen Fußballers geistert das Thema durch die Medien. Dabei wird ein Mythos beschworen, dass der Fußball die letzte harte Männerbastion ist und die bösen Fans das Outing eines Fußballers nicht zulassen würden.

Meine These lautet: Fußballfans werden vorgeschoben als Alibi für eine gesellschaftlich viel weiter verbreitete Homophobie. Letzte Woche hörte ich 10 Minuten eines Interviews mit Lothar Matthäus, in dem dieser ernsthaft sagte, Schwule sollten lieber mit Fußball aufhören als sich zu outen, weil ‘die Fans’!

Feiernde Fußballfans des Dynamo Dresden. Urheber: Ulrich Häßler. Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE.
Feiernde Fußballfans des Dynamo Dresden. Urheber: Ulrich Häßler.
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE.

Es passt einfach wunderbar ins Bild des unterentwickelten Proll, der volltrunken im Stadion der Gewalt frönt. Verbal wie physisch. Ich war schon oft im Stadion. Und wisst ihr was? Ich habe mich noch nie bedroht gefühlt. Das Schlimmste an Fangewalt, was ich bisher erlebt habe, war, als in Aachen sich die Fans von meiner Eintracht durch die Alemannen provoziert fühlten und heftig am Zaun wackelten. Sicher gibt es intelligenteres Verhalten, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Nazis zehn Jahre mordend durch dieses Land zogen oder auch ‘nur’, dass Frankfurter Polizisten einen Afrodeutschen krankenhausreif schlugen, ist das bisschen Zaunwackeln jetzt nicht unbedingt die Ausgeburt menschlicher Niedertracht.

Sicher, auch ich kenne die Medienberichte über brutale Fans. Aber setzt das mal in Relation: da passiert alle paar Monate mal was. Demgegenüber gehen aber jede Woche mehrere Millionen Menschen in deutsche Stadien. Frankfurt hat nur 600.000 Einwohner und hier passiert täglich mehr.

Eine Situation, die ich bei meinem letzten Waldstadionbesuch erlebte:
Fan 1 sprizt versehentlich Fan 2 am Imbiss Ketchup vom Spender direkt auf die Schuhe.
Fan 1: Oh Mann, das tut mir jetzt leid.
Fan 2: Das ist überhaupt kein Problem.
Fan 1: Nein, ernsthaft, soll ich dir nicht Kohle für die Reinigung geben?
Fan 2: Quatsch, ist doch halb so schlimm, schönes Spiel noch!

Entspricht irgendwie nicht dem Klischee, oder?

Rassismus findet in deutschen Stadien nicht statt

Ich will nicht sagen, dass es gar keine Rassisten unter den Fans gibt. Es gibt Rassisten in deutschen Stadien im gleichen Ausmaß wie in der Gesellschaft. Ich habe hirnlose Sprüche im Stadion nicht öfter oder seltener erlebt wie auf der Straße, in der Bahn oder der Kneipe. Aber in der Organisation der Fans spielt Rassismus keine nennenswerte Rolle. Mir ist nicht ein rassistischer Fangesang bekannt. Warum sollte das mit Homosexuellen Spielern anders sein?

In Stammesmanier werden zwar Bayern die Lederhosen ausgezogen und Bremer in eigenwillige Relationen zu Fisch gesetzt, aber ausländische Spieler werden nicht kollektiv verunglimpft. Ich habe so gut wie nie Kritik unter Fußballfans gehört, dass unsere Nationalmannschaft unsere multikulturelle Gesellschaft widerspiegelt. Hingegen sind die YouTube-Kommentare voll von rassistischen Beschimpfungen. Unter Fans habe ich viel öfter die Meinung angetroffen, dass Boateng, Khedira und Co. seit ihrer Kindheit durch Vereine und DFB gefördert werden, warum sollten sie da nicht für Deutschland spielen? Das hört sich jetzt irgendwie beschissen gönnerhaft an, aber so ist es nicht gemeint, sondern eher so, dass Herrkunft keine Rolle spielt: Wer das Team voranbringt, ist willkommen.

Jugendliche Fußballfans von Rot-Weiß Erfurt. Urheber: Heinz Hirndorf. Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE.
Jugendliche Fußballfans von Rot-Weiß Erfurt. Urheber: Heinz Hirndorf.
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE.

Fans interessiert, ob einer gut kicken kann

Dafür lieben wir ihn oder hassen ihn, wenn er für die anderen spielt. Ich glaube nicht, dass das bei einem schwulen Spieler soviel anders wäre. Ich will hier nichts beschönigen und kein Idealbild zeichnen, das nicht existiert. ein Homosexueller würde sicherlich im Stadion auch mal als ‘schwule Sau’ oder ähnliches beschimpft, aber ich bezweifle, dass es irgendeine Form von Kampagne gegen ihn geben würde, eben weil es dergleichen auch nicht gegen ausländische Spieler gibt.

Sicher war das nicht immer so, Rassismus war früher in Stadien weiter verbreitet als heute, es war ein langer Weg. Und sicher wird auch ein offen homosexueller Spieler nicht nur mit Flausch empfangen, sondern von den gegnerischen Fans angegangen werden. Aber ich glaube nicht, dass das so menschenverachtend ablaufen würde, wie es von den Medien dargestellt wird. Und ich bin mir sicher, dass wir ihn lieben würden, wenn er für unser Team spielt, für die Nationalmannschaft und wenn er vor allem gut spielt. Denn letztlich wollen wir nur guten Fußball sehen. Wir wollen tolle Spielzüge, ausgefeilte Taktik und fantastische Tore sehen. Was der Spieler dann in seiner Freizeit treibt, interessiert doch Bild, Bams und Glotze mehr als die Fans.

Mythos Männlichkeit

Kommen wir zum letzten Mythos: der Männlichkeit. Vielleicht ist es ein Schock für euch, aber ich kenne niemanden, der Messut Özil als Ausgeburt der Männlichkeit ansieht, genauso wenig wählen wir einen Phillip Lahm oder einen Marco Reuß zum männlichen Rollenbild des Jahres. Das ist Quatsch. Wir lieben Özil für seine Spielintelligenz, Lahm für seine Zerstörungskraft der gegnerischen Angriffe und Reuß für seine brillante Technik, nicht weil wir sie für besonders männlich halten, nicht weil sie heterosexuelle Ideale sind. Klar herrschen im Stadion nicht immer die sittlichsten Verhältnisse, aber es ist nicht so, dass da eine Horde Kerle auf den Rängen ihrer Männlichkeit frönt. Es geht in erster Linie um Fußball und in zweiter Linie um das Stadionerlebnis, um die Gesänge und das Gruppengefühl, um die Stimmung und auch um die Party. So wie man auch in oder vor Discos auf rassistische oder homophobe Trottel trifft, so kann dies auch im Stadion passieren, aber das sind nicht die Fans.

Ich kann und will einfach nicht glauben, dass ich als einziger so denke, dass ich eine total verzerrte Wahrnehmung habe und deshalb finde ich, liebe Leser, ist es an der Zeit für einen Aufstand der Anständigen. Das Aufstehen der toleranten Fans vermisse ich. Steht auf und sagt, dass ihr Fußballfans seid und dass euch die sexuelle Orientierung von Spielern einfach schnuppe ist! Zeigt mir und der Welt, dass ich nicht alleine bin. Schreibt auf eure Blogs, auf Facebook und Twitter, haut es mit Edding an die Wände und singt es in den Stadien. Das Bild, das die Medien von uns zeichnen ist falsch!

Ich bin Fan und habe kein Problem mit schwulen Spielern.