Wir sind mehr Mütter aller Probleme

Die Tweets der Woche

Falls ihr euch das noch gefragt habt: Jepp, dieses Land ist vollkommen durchgeknallt. Ich habe das Wichtigste und Witzigste rund um #wirsindmehr, die Mutter aller Probleme, Maa🤮en und Co.

Montag

Rückte Chemnitz das Zerrbild wieder etwas zurecht. #wirsindmehr

Dienstag

Gab es eine Familie mit drei Kindern und Schlafschwierigkeiten. Außerdem: Beef!

Mittwoch

Just don’t!

Donnerstag

Ließ sich Seehofer herab, zu behaupten, dass Migration die Mutter aller Probleme sei. Und @katjaberlin erklärte, wie sich das mit Rassismus in Deutschland wirklich verhält. Ach ja, außerdem gab es Plastikschüsseln auf Herdplatten.

Freitag

Fragten wir uns: Wie kam er nur dahin? Trump tötete die Satire und Obama richtete eine Botschaft an Trump, die auch sehr gut zu Deutschland im Herbst 2018 passt.

Samstag

Noch mehr Mütter aller Probleme und schwimmende Pfannkuchen.

Sonntag

Sonntag schließlich gab es das Rätsel der Organspender und die berühmte Junge-Eltern-Starre.

Als kleinen Bonus

Mein erfolgreichster Tweet der Woche und jemals. Yay!

Kinder sind laut, kleben, riechen und stellen unangenehme Fragen

Am Montag fuhr ich auf dem Rad zur Arbeit und hörte dabei den schönen Podcast Der Weisheit. Dort diskutierten die Podcastenden Patricia, Malik und Marcus das Phänomen, dass anscheinend immer mehr Orte zu kinderfreien Zonen erklärt werden. Ein interessantes Thema, bei dem ich – die geneigte Leserin könnte es wissen – möglicherweise nicht ganz unvoreingenommen bin. Interessanterweise berichtete die Dame ebenfalls, dass eine Kollegin zum Urlaub in ein kinderfreies Hotel fährt. Die Dame war sehr aufgebracht darüber, während ich so etwas zwar befremdlich finde aber am Ende des Tages so ein beschissener Liberaler bin, der meint: Sollen sie halt machen wenn es ihnen Spaß macht … die Kackbratzen!

Kind im Museum: Ob es laut ist, klebt, riecht oder unangenehme Fragen stellt, ist nicht überliefert.
Kind im Museum: Ob es laut ist, klebt, riecht oder unangenehme Fragen stellt, ist nicht überliefert.

Allerdings regte mich das Thema dann zum Nachdenken an … Vielleicht irre ich mich, aber früher waren Kinder doch nur an Orten verboten, die für sie gefährlich sind: Baustellen, Kneipen, in denen geraucht wird, Kinosäle, in denen Filme für Erwachsene laufen, am Steuer von Autos oder auf der Brücke der Enterprise. Dass wir Kinder von Orten ausgrenzen, an denen wir sie als störend empfinden, weil wir Erwachsenen unsere Ruhe haben wollen, ist ein neueres Phänomen. Es begegnete mir als erstes, als hier in Frankfurt ein Café medienwirksam Kindern den Zutritt verwehrte. Das gleiche gab es später dann auch in Berlin, wo sie bekanntlich den Trends der Mainmetropole hinterherlaufen.

Die Dame war schnell dabei, diese Ausgrenzung mit Rassismus und Sexismus gleichzusetzen. Und auch in der Weisheit wurde diskutiert, ob das zulässig ist. Mein erster Impuls ist, das problematisch zu finden. Denn Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts diskriminiert werden, machen ja nichts. Sie existieren einfach, und allein diese Existenz stört manche Vollpfosten. Bei Kindern hingegen ist es eher das Verhalten, das andere Menschen stört: Kinder sind laut, kleben, riechen, stellen unangenehme Fragen, gehen dorthin, wo sie nicht hin sollen und nutzen Dinge anders als die gesellschaftliche Konvention es vorsieht … Hmmm … Ein bisschen so wie Nerds, oder?

Egal! Denn auf den zweiten Blick gibt es andere Diskriminierungen, die dieser – wenn ich es eine Diskriminierung nennen will, da bin ich mir noch immer nicht sicher – schon näher kommen: So zum Beispiel die Religionsfreiheit. All die Pegidioten regen sich über den Islam auf, weil Moslems Dinge machen oder lassen, die sie nicht gut finden. Weil sie anders sind. Weil sie sich zum Beten auf einen Teppich knien anstatt die Glotze einzuschalten. Ach was weiß ich, warum rechte Spinner Muslime nicht mögen … Von dort aus kommen wir jedenfalls schnell zu noch anderen Diskriminierungen, die jener (möglichen) von Kindern noch ähnlicher sind. Ich spreche davon geistig behinderte Menschen oder Demenzkranke auszuschließen. Allerdings machen wir letzteres auch tatsächlich oft dann, wenn ihr nicht regelkonformes Verhalten uns stört. Etwa im Kino, im Theater oder in der Oper …

Ein anderer Aspekt schlich sich im Zuge dieser Gedanken noch in mein Bewusstsein, als wäre er der Häuptling der Apachen: Vielleicht irre ich mich, aber was Menschen meist an Kindern kritisieren, ist der Lärm, den sie machen. Allerdings ist Lärm ganz unabhängig von Dezibelzahlen etwas sehr subjektives. Denkt einfach mal an einen Actionfilm, den ihr gut findet, bei dem die Explosionen krachen im Vergleich zu einem bedrückenden Horrorfilm, bei dem ihr in gleicher Lautstärke Menschen schreien hört oder noch Schlimmeres … Oder denkt daran, einen Song zu hören, den ihr richtig mögt im Gegensatz zu der Plörre, die aus dem Musikantenstadel rausgelaufen kommt. Gibt es das eigentlich noch? Hoffentlich, denn das passt gut zu meiner These …

Wir sollten alleine mal überlegen, welchen Lärm wir in Kauf nehmen, nur weil wir des Deutschen liebstes Kind in unsere Städte lassen: Das Auto! Ich frage mich, wie oft ein Spezialsympath seinen Kaffee im kinderlosen Café in aller Ruhe genießt, während davor ein SUV oder ein Porsche vorbeiknattert oder ein Lastwagen laut piepend rückwärts fährt. Ernsthaft: Wer sich über Kinderlärm aufregt, aber kein Problem mit Autos hat, der oder die macht sich einfach nur lächerlich.

Wenn Lärm subjektiv ist, warum ordnen wir dann Kinderlärm in den störenden Teil des Lärmspektrums ein? Hier meine These: Das liegt an unserer überalternden Gesellschaft, in der Kinder immer mehr zur Ausnahme werden. Autolärm ist allgegenwärtig, daher fällt er uns überhaupt nicht auf. Dass immer mehr Leute immer ablehnender auf Kinderlärm reagieren, liegt daran, dass es ihn immer seltener gibt. Es handelt sich um einen Ausdruck unserer kinderlosen Gesellschaft. Obendrein ist es ein kleines Stellrädchen in einem sich selbst verstärkenden Prozess. Zwar pumpt unser Staat viel Geld in Eltern, aber die Rahmenbedingungen stimmen trotzdem nicht, weil viele Faktoren in unserem Land schlichtweg kinderfeindlich sind. Womit ich nicht sagen will, dass du uns nicht noch mehr Geld geben darfst, lieber Staat! Aber Kinder von Orten des öffentlichen Lebens auszusperren, ist einer dieser Faktoren, die das Poppen mit Endprodukt unattraktiver machen. Und es ist obendrein einfach nur dumm! Denn selbst wenn du Kinder hasst, brauchst du sie. Einen Unterschied zu den oben erwähnten anderen Arten von Diskriminierung gibt es nämlich noch: Kinder bleiben nicht immer Kinder. Sie werden erwachsen. Auch wenn du diese kleinen, lauten Menschen, die kleben, riechen und unangenehme Fragen stellen, hasst, solltest du ihnen vielleicht das Leben nicht allzu schwer machen. Denn eines Tages wirst du 60, 80 oder 100 Jahre alt sein und alle dein Freunde auch. Und dann brauchst du jemanden, der oder die für dich den Müll abholt, die Toilette putzt oder den Kaffee in deinem kinderlosen Café ausschenkt.

Übrigens: Europa ist nicht gescheitert

Seit einiger Zeit wandere ich auf dem Gedanken herum, ob Europa gescheitert ist. Beispielsweise verkündet der Aufwachen-Podcast dies regelmäßig. Ursprünglich wollte ich diesen Artikel daher auch mit der Frage überschreiben: “Ist Europa gescheitert?”. Aber ich bin kein Journalist, entsprechend möchte ich mir auch keine journalistischen Klischees zu eigen machen und als Überschrift eine Frage stellen, die ich im Artikel dann verneine.

Grenze zwischen England und Schottland

By James – Flickr, CC BY 2.0.

Und doch, es sieht auf den ersten Blick nicht gut aus, das Projekt Europa und besonders seine realpolitische Version: Die EU. Das zeigt sich nirgends besser als im allgegenwärtigen Bestreben, wieder Grenzzäune aufzubauen. Das grenzenlose Europa, in dem ich von der Ostsee bis zum Atlantik fahren konnte, war das über allem strahlende Symbol, das Leuchtturmprojekt. Dafür waren wir auch bereit, genormte Gurken zu essen. Doch heute, da offenbar der eiserne Vorhang gründlich genug in Vergessenheit geraten ist, wird dieses großartige Projekt kleingeistiger Angst vor Terrorismus und dummen Rassismus gegenüber ein paar Flüchtlingen geopfert.

Kleine Randbemerkung: Ich bin nicht länger bereit, die Frage zu diskutieren, ob Flüchtlinge gefährlich oder Terroristen sind. Alles Nötige habe ich hier dazu geschrieben. Wissenschaftlich, politisch und ethisch steht fest: Alle Menschen sind gleich. Ich habe keine Lust mehr, auf Statistiken zu verweisen. Es gibt nicht mehr oder weniger Straftäter oder Terroristen unter anders Aussehenden als unter Europäern mit milchig-blasser Haut und fleckigen Sommersprossen. Wenn du irgendwelche Eigenschaften einer Nationalität oder Ethnie und nicht konkreten Imdividuen zuordnest, dann bist du ein Rassist. Die Diskussion dieser Frage ist nicht nötig, wir haben das vor 70 Jahren abschließend geklärt. Gerne kannst du dir aber die Protokolle der Nürnberger und Frankfurter Prozesse durchlesen, kannst ‘Eichmann in Jerusalem‘ und die Reden von Martin Luther King und Nelson Mandela lesen. Aber auf dumme “ich hab da ein paar dunkelhäutige Typen gesehen, die wirkten total gefährlich”-Debatten gibt es nichts mehr zu sagen, außer dass solche Anekdoten rassistisch sind, wenn du daraus allgemeine Schlüsse ziehst.. Selbst wenn du das nur aus unreflektierter Angst machst.

Die zweite sich abzeichnende große Niederlage Europas ist die der Menschenrechte und der Freiheit. Nach der Wende galt die EU und ihre Mitgliedsstaaten als das große Vorbild für Demokratie und Menschenrechte. Fast ganz Ost-Europa wurde genauso nach ihrem Vorbild umgebaut wie zum Beispiel Südafrika. Jetzt, zwei Jahrzehnte später führen wir Rückzugsgefechte, was die Freiheiten unserer Bürger betrifft, als stünden wir in Helms Klamm. Negativvorbilder sind natürlich die noch jungen Mitglieder Ungarn und Polen. Aber „Kerneuropa“ darf diesbezüglich gerne vor der eigenen Haustüre kehren: Das Vereinigte Königreich hat einen wildgewordenen Geheimdienst, dem es aus irrationaler Terrorangst demokratische Grundprinzipien wie die Unschuldsvermutung oder die unabhängigen Gerichte opfert. Frankreich befindet sich seit fast einem halben Jahr im Ausnahmezustand und darf in diesem staatlichen Delirium so ziemlich auf jeden Schutz seiner Bürger vor staatlicher Willkür scheißen. Jüngst wurde der Ausnahmezustand erneut verlängert: Wegen Fußball! Und auch in Deutschland muss die Judikative regelmäßig gedopte Sicherheitspolitiker zurückpfeifen und der NSA-Untersuchungsausschuss führt uns regelmäßig die undemokratischen Krebsgeschwüre unserer eigenen Geheimdienste vor Augen.

Warum ziehe ich nach dieser üblen Bestandsaufnahme dann das Fazit, dass die EU nicht gescheitert ist? Die Antwort ist einfach: Politik im Allgemeinen und die EU im besonderen waren schon immer ein Sauhaufen! Ich ziehe prinzipiell viel politischen Optimismus aus Karl Poppers Demokratieverständnis. In Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gibt er dem Demokratiebegriff einen interessanten Spin: Demnach ist Demokratie nicht die Volksherrschaft sondern die Möglichkeit des friedlichen Machtwechsels. Popper macht klar, dass wir nie vom Volk oder seiner Mehrheit regiert wurden sondern schon immer von Eliten, die, weil sie menschlich sind, stets versuchten diese Macht zu ihren eigenen Gunsten zu missbrauchen. Aber was die Demokratie besonders macht, ist die Tatsache, dass das Volk diese Eliten loswerden kann, wenn sie zu viel Mist bauen, ohne dass es dafür zu den Waffen greifen muss. Das ist ein sehr beruhigender Gedanke, denn der nimmt den Idealismus aus der Betrachtung der Demokratie.

Was hat das jetzt mit Europa zu tun? Wir müssen bei der Betrachtung Europas auch den Idealismus herausnehmen! Dei EU funktioniert nicht als Ideal, urteilte neulich mspro in Wir.Müssen Reden. Ein richtiges Urteil! Die EU hat noch nie als Idealismus oder Utopie funktioniert. Na gut, vielleicht außer in der kurzen Phase von Mitte der 90er bis Mitte der 00er. Aber die EU ist eigentlich ein von Kompromissen geprägtes Gewürge und das war sie schon immer. Um das zu verstehen, müsst ihr euch nur einmal mit der “Politik des leeren Stuhls“ befassen. Trotzdem ist die EU wichtig und das liegt an ihrer Gründungsidee. Die europäische Einigung hatte zwei Ziele, die die EU ganz wunderbar erfüllt. Nach dem zweiten Weltkrieg sollte verhindert werden, dass jemals wieder Krieg und Hunger auf diesem Kontinent herrschen. Und das ist gelungen! Die EU-Mitglieder haben seit über 70 Jahren keinen Krieg und keine Hungersnot erlebt! Ich kann mich irren, aber ich glaube, das hat es nie zuvor auf diesem Kontinent gegeben. What a time to be alive!

Das heißt nicht, dass es bestens steht um diesen Kontinent. Das Gegenteil ist der Fall, wie ich oben beschrieb und wir müssen hart arbeiten und kämpfen, um die EU zu erhalten und wenn möglich auch noch so zu formen, dass sie für die Menschen besser wird. Aber es besteht auch kein Grund zu verzweifeln. Europa ist nicht gescheitert!

Harry Potter und die verlorenen Väter

Ein weiteres halbes Jahr ist vergangen und wir besteigen zum drittletzten Mal den Hogwarts-Express. Ach ja, auch wenn wohl noch mehr Seiten vor uns als hinter uns liegen, beginnt bei mir mit Band 5 regelmäßig der Abschiedsschmerz. Doch nicht so schnell! Erst muss ich noch einmal erklären, was das hier ist: Ich lese mit meiner Tochter (derzeit 8) die Harry-Potter-Bücher und damit sie nicht überfordert ist, sondern mit den Büchern mitwachsen kann, lesen wir jedes halbe Jahr einen Band. Anschließend beschreibe ich hier, wie es war und was mir auffiel.

Applaus

Bisher habe ich das schon in diesen Texten getan:

Eine Warnung noch: Falls ihr in den letzten eineinhalb Jahrzehnten im Raum der Wünsche an eurem Patronus geübt habt und nichts über diesen Potter wisst, seid euch gewiss: Ich werde spoilern!

Schock!

Taktisches Vorlesen

Nach dem dramatischen Ende der letzten Vorleserei war ich ein bisschen besorgt, wie meine Tochter einerseits die sadistische Umbridge und andererseits Sirius’ Tod verkraften würde. Der Mord an Cedric hatte sie ja ziemlich mitgenommen, obwohl Cedric nur irgendein Schüler war, den wir nur in einem Band etwas näher kennengelernt haben. Aus meinen Fehlern vom letzten Mal habe ich gelernt und bin an die dramatischen Textstellen viel taktischer herangegangen: Ich habe sie nicht abends, sondern am helllichten Tag vorgelesen. Den Showdown habe ich in insgesamt fünf verdaulichere Häppchen aufgeteilt. Sodass wir nicht wieder vom Sog der Geschichte gefangen genommen wurden, sondern meine Tochter jeweils Zeit hatte, das Gehörte zu verarbeiten. Auch habe ich vor dem Showdown angekündigt, dass ein wichtiger Charakter sterben wird. Und wir haben noch einmal darüber gesprochen, warum Autorinnen liebgewonnene Personen sterben lassen. Wir haben auch beraten, ob ich nicht besser vorher erzählen soll, wer sterben wird. Aber außer der Zusicherung, dass es kein Kind ist, wollte meine Tochter keinen Spoiler. Diese Strategie ging voll auf und so war ich der Einzige, der Tränen in den Augen hatte, als Sirius dann durch den Vorhang fiel.

crying

Aus dieser Erfahrung nehme ich zwei Erkenntnisse mit: Einerseits finde ich spannend, dass es ganz offensichtlich nicht so schlimm ist, wenn eine Vaterfigur stirbt, als wenn dies einem Kind zustößt. Auch wenn das an meinem Ego kratzt, kann ich es nachvollziehen. Wenn ich die Geschichte lese, identifiziere ich mich auch immer mit Harry, Ron, Hermine, Ginny und vor allem mit Luna und Neville. Die andere interessante Erkenntnis ist, dass der Schrecken, der von Umbridge ausgeht, auf meine Tochter quasi keine Wirkung hatte.

„Harry setzte die Federspitze auf das Papier und schrieb:
Ich soll keine Lügen erzählen.
Er keuchte auf vor Schmerz. Die Wörter waren auf dem Pergament erschienen, offenbar mit leuchtend roter Tinte geschrieben. Zugleich waren die Wörter auf dem Rücken von Harrys rechter Hand aufgetaucht, in seine Haut geschnitten, als hätte ein Skalpell sie dort eingeritzt.”

Gerade bei dieser fürchterlichen Feder schielte ich immer wieder heimlich zu einer gewissen Achtjährigen rüber, aber das juckte sie nicht die Bohne. Ich vermute, dass der bürokratische Anstrich, den Rowling Umbridge verpasst hat, etwas ist, das eher auf Erwachsene als auf Kinder wirkt. Während etwas pures, unerklärlich Böses wie Voldemort ein Kind mehr gruselt. Doch genug der Küchenpsychologie, lasst uns das Buch auseinandernehmen!

Lesen!

Fünf Dimensionen

Insgesamt werde ich diesmal fünf Dimensionen des Buches besprechen: Natürlich darf die Coming-of-Age-Geschichte nicht fehlen. Das Abenteuer ist diesmal ein zweigesichtiges: Neben dem Kampf gegen Voldemort muss Harry auch gegen das Ministerium antreten. Dann werde ich die Geschichte in den großen Handlungsbogen einordnen. Aber natürlich darf auch mein übliches Nitpicking nicht fehlen.

Insgesamt gehört Der Orden des Phönix zu den besseren Bänden der Reihe und vor diesem Durchgang war er auch immer im Kampf um meinen Lieblingsteil ganz vorne mit dabei, aber diesmal sind mir doch ein paar Schwächen aufgefallen, die das Buch in meiner Gunst haben leicht abfallen lassen. So braucht Rowling ziemlich lange, bis die Geschichte mal so richtig ins Laufen kommt. Das Buch hat eine ziemlich ausführliche Exposition und sie bereitet so viel für das spätere Abenteuer vor, dass wir nach etwa 250 Seiten Hogwarts überhaupt erst betreten. Zum Vergleich: Der Stein der Weisen hat insgesamt nur 335 Seiten. Dieser schleppende Anfang liegt zum Teil auch daran, dass sie ihre Versäumnisse aus den Bänden 3 und 4 wieder gut machen muss: Ich spreche von Sirius’ überstürztem Rutsch in die Vaterrolle am Ende von Der Gefangene von Askaban. In Der Feuerkelch gab es dann nur wenige Szenen, die Gelegenheit für eine stärkere Bindung zwischen Harry und Sirius boten. Damit der Höhpunkt in diesem Band die nötige Dramatik entfalten kann, muss Rowling Harry und Sirius entsprechend relativ viel Zeit zusammen verbringen lassen, worunter das Pacing etwas leidet.

Ist das so?

Würde bitte mal jemand mit dem Jungen reden?!

Doch die größte Schwäche dieses Bandes ist der Teil des Abenteuers, der sich um Voldemort dreht. Voldis Plan ist zwar wesentlich cleverer als noch im Band zuvor, und dass Rowling ihn mal wieder von Hermine laut aussprechen lässt, ohne dass wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ihr Glauben schenken ist ein klassischer Rowling – sehr schön.

„Du … das ist keine Kritik, Harry! Aber du … irgendwie … ich meine – glaubst du nicht, dass du so was wie – wie ein – Menschenrettungsding hast?“, sagte sie.

Auch dass am Ende gerade nicht die vermeintliche Kontrolle von Voldemort über Harry die Geheimwaffe ist, sondern das Wissen darum, wie der dunkle Lord Harry töten kann, ist eine schöne Auflösung. ABER der ganze schöne Plan von Du Weißt Schon Wem, Harry in die Mysteriumsabteilung zu locken, wäre zu Staub zerfallen, wenn nur ein einziger Erwachsener sich mal die Zeit genommen hätte, mit Harry zwei Sätze über seine Situation zu wechseln. Dass sie nie auf diese Idee kommen, ist ein typischer Fall von dummen Protagonisten, die dumme Dinge tun. Etwas, das ich in meinem Podcast Spätfilm oft anprangere und das mir immer ein bisschen das Mitfiebern versaut.

Wenn Harry mit niemandem über seine Sorgen und Nöte spricht, ist das zwar auch dumm und mittlerweile ein bisschen abgenutzt, aber Harry ist ein Teenager und die sind nun einmal dumm. Wenn hingegen ein ganzer Club voller Phönixkriegern es nicht auf die Reihe kriegt, mal zu sagen: “Hör mal Harry, wir machen uns Sorgen, nicht weil wir Angst vor dir haben, sondern davor, dass Voldi dich mit einem fiesen Trick aus unserem Schutz heraus locken und dich so in Gefahr bringen kann. Deshalb musst du Okklumentik lernen.“ Dass alle immer nur stammeln, wenn es darum geht, Harry zu erklären, was Phase ist, ist mir wirklich zu konstruiert, bloß um den Konflikt voranzutreiben.

Tja ...

Umbridges repressive Herrschaft in Hogwarts

Ganz anders steht es hingegen um den zweiten Teil des Abenteuers: Harrys Kampf gegen das Ministerium. Das ist vom Prozess gegen Harry angefangen bis zu Umbridges “Entsorgung” durch die Zentauren perfekt konstruiert. In Band vier wurde bloß angedeutet, dass der Zaubererstaat keine heile Welt sondern repressiver ist, als Rowling es in früheren Bänden darstellte und dass Rassismus tief in der Zauberergesellschaft verwurzelt ist und nicht bloß ein Problem von wenigen Todessern.

„Was hat sie gegen Werwölfe?“, sagte Hermine aufgebracht.
„Hat Angst vor ihnen, vermute ich“, entgegnete Sirius und lächelte angesichts ihrer entrüsteten Miene. „Offenbar hasst sie Halbmenschen; sie hat sich letztes Jahr auch dafür engagiert, Wassermenschen zusammenzutreiben und einzufangen.”

Dieses mal belässt Rowling es nun nicht länger bei Andeutungen, sondern erhebt genau diese Geschichte zu einem zentralen Plottpunkt. Als zentrales Symbol hierfür nutzt sie den Brunnen im Ministerium, den Dumbledore im Showdown nicht weniger symbolträchtig zerstört, um gegen Voldemort zu kämpfen. Aber auch die Gleichschaltung der Presse durch den Minister und Umbridges repressive Herrschaft in Hogwarts schlagen in die gleiche Bresche. Dass die rassistische Umbridge, die keine Gelegenheit auslässt, um gegen Halbmenschen zu hetzen, am Ende von Zentauren vertrieben wird, bildet dann auch einen sehr schönen Payoff für diesen Handlungsstrang.

Das Ende des zweiten Aktes

Warum wusste er, was Voldemort fühlte? Worin bestand jene unheimliche Verbindung zwischen ihm und Voldemort, die Dumbledore ihm nie richtig hatte erklären können?

Gewohnt meisterlich agiert Rowling, wenn es darum geht, diese Geschichte in den großen Handlungsbogen des gesamten Epos einzuordnen. Wenn wir die komplette Reihe als Dreiakter auslegen, dann schließt sie mit diesem Band den zweiten Akt ab: Emotional ist Harry auf dem Tiefpunkt angelangt, sein Pate ist nichtzuletzt wegen Harrys Fehlern gestorben und er hat erfahren, dass prophezeit wurde, dass er entweder sterben wird, oder Voldemort umbringen muss. Zugleich liegen jetzt aber auch alle Karten auf dem Tisch: Harrys Problem ist klar umrissen und im dritten Akt – den letzten beiden Bänden – kann es nun endlich um die Lösung gehen und damit begonnen werden, Voldemort zu besiegen.

„Im vergangenen Jahrzehnt deuteten die Zeichen darauf, dass die Zaubererschaft nichts weiter als eine kurze Stille zwischen zwei Kriegen erlebt.”

Rowling fängt nun an, erste Payoffs zum lange aufgebauten Epos zu geben: das wahre Gesicht des Ministeriums ist so ein Payoff, die Rolle von Trelawny in Harrys persönlicher Geschichte ein weiterer, genau wie die Auflösung, warum Harry immer wieder zu den Dursleys zurückkehren muss.

Harry antwortete nicht. Er wusste genau, warum Neville so wütend wurde, wenn es um Leute ging, die wegen magischer Gehirnschäden im St. Mungo waren, doch er hatte Dumbledore geschworen, Nevilles Geheimnis niemanden zu erzählen.

Der beste Punkt diesbezüglich ist aber Nevilles Geschichte, nachdem das Schicksal seiner Eltern in Der Feuerkelch angeteasert wurde, bekommt Neville hier seinen eigenen Call to Adventure in Form des Gefängnisausbruchs von Bellatrix LeStrange. Vom bloßem Comic Relief mausert er sich zu einem handelnden Charakter. Eine Wandlung, die in den nächsten Bänden weitergehen wird. Womit wir angelangt wären bei all den neuen epischen Vorausdeutungen und Chekhov’s Guns, die Rowling eingebaut hat: So wird angedeutet, dass noch mehr an Tante Petunia dran ist, als das Auge sieht. Snapes Mysterium wird weiter angeteasert, und Dumbledores Bruder wird unauffällig in Position gebracht. Am Ende des Bands kündigt Draco sogar seine Rolle im Band 6 an. Aber am cleversten verwebt Rowling hier die Vorausdeutungen auf Harrys ureigenes Mysterium.

„Natürlich, natürlich“, murmelte Dunbledore wie zu sich selbst, während er weiterhin den Rauchstrom ohne die geringste Spur von Überraschung betrachtete. „Aber im Wesen gespalten?”

Sie bedient sich hier eines Tricks, den sie oft verwendet und der dennoch nicht an Brillanz einbüßt: Durch die Prophezeiung hat sie uns nun vermeintlich endgültig enthüllt, worin die Verbindung zwischen dem dunklen Lord und Harry besteht. Aber auf der anderen Seite baut sie unzählige Vorausdeutungen ein, die uns wieder einmal sagen, dass da noch mehr dahinter steckt, ohne dass wir es jetzt schon verstehen können.

“Außerdem gab es … ein schweres Medaillon, das keiner von ihnen öffnen konnte …”

Das ist meines Erachtens eine der höchsten Künste des Geschichtenerzählens und nicht der geringste der vielen Gründe, warum der Harry-Potter-Zyklus so verdammt gut ist. Bei so hoher Kunst verzeihe ich J. K. Rowling dann sogar, dass sie auch wieder etwas Retconning betreibt, wie zum Beispiel bei den Testralen, die plötzlich die “pferdelosen” Kutschen schon immer gezogen haben sollen! So etwas könnte ganz unmöglich ein Geheimnis unter den Schülern sein, auch wenn ich natürlich die Symbolik verstehe.

Oh no!

Vom Verlieben und Entlieben

Das sollten sie uns hier beibringen, dachte er und drehte sich zur Seite. Wie die Gehirne von Mädchen ticken … das wär jedenfalls nützlicher als Wahrsagen …

Kommen wir zur Coming-of-Age-Geschichte: Hier erscheinen mir zwei Aspekte besonders bemerkenswert. Zum einen natürlich Harrys erste Liebe.

„Misteln“, sagte Cho leise und deutete an die Decke über seinem Kopf.
„Ja“, sagte Harry. Sein Mund war sehr trocken. „Sind aber wahrscheinlich voller Nargel.”
„Was sind Nargel?”
„Keine Ahnung”

Mir gefällt sehr, sehr gut, wie unaufgeregt Rowling diese Geschichte erzählt und wie es ihr gelingt, sämtliche Klischees zu umschiffen. Weder ist Cho gleich die große Liebe, noch präsentiert Rowling uns die Geschichte als großes Drama. Da verlieben sich einfach zwei Teenager, wissen dann in ihrer Unerfahrenheit nichts miteinander anzufangen und entlieben sich daher wieder – ein wunderschön realistischer Ansatz.

Dann ist Der Orden des Phönix zum anderen die Geschichte der verlorenen Väter. Gleich drei Stück muss Harry einbüßen: Zunächst ist da Dumbledore, der zwar immer etwas zu distanziert und abgehoben für eine Vaterfigur war, der aber dann, wenn es hart auf hart kam, doch in diese Rolle schlüpfte und der vor allem Harry am Ende immer alles genau erklärt hat. Das macht er in diesem Band zwar beides wieder, aber lange Zeit wird Harry der Eindruck vermittelt, Dumbledore habe diese Rolle aufgegeben. Dann verliert Harry seinen leiblichen Vater ein zweites Mal und zwar verliert er ihn als strahlendes Vorbild, als Harry entdeckt, dass sein Vater ein Bully war und Snape gequält hat. Schließlich verliert Harry auch noch Sirius, der – wie ich oben schon schrieb – gerade erst so richtig in dieser Rolle angekommen war. Erzählerisch ist das ein klassischer Move, Harry ist der Chosen One, der unumstrittene Held dieser Geschichte. Rowling muss also sein Auffangnetz abbauen, damit gesichert ist, dass am Ende auch wirklich Harry und kein anderer Voldemort besiegt. Mit diesem Abbau wird sie in den kommenden Bänden bekanntlich fortfahren. Aber bei aller Klassik: Auch in diesem Teil der Geschichte verpackt Rowling wieder einen cleveren kleinen Kommentar: Und zwar als sie McGonagall ausschaltet.

Es gab niemanden mehr, dem er es sagen konnte. Dumbledore war fort, Hagrid war fort, doch er hatte es immer für selbstverständlich gehalten, dass Professor McGonagall da sein würde, reizbar und starrsinnig vielleicht, aber immer verlässlich, stets verfügbar …

Während traditionell um die Väter viel Geschiss gemacht wird, war es für Harry also immer selbstverständlich, dass die Mutterfigur einfach für ihn da ist, „stets verfügbar”. Ein wirklich guter kleiner Kommentar auf unser Bild von Vätern und Müttern sowohl in Literatur als auch in der Realität.

Not impressed!

Wenn es dagegen doch bloß einen Zauber gäbe …

Ja, beim Schreiben dieses Textes wurde mir wieder klar: Der Orden des Phönix ist trotz der paar Schwächen wirklich ein sehr gutes Buch. Daran ändert auch mein letzter Punkt nichts – das traditionelle Nitpicking:

  • Harry ist bei allen an der Schule total unbeliebt. Hatten wir die Geschichte nicht schon einmal, zweimal oder drölfzigmal?
  • Lupin ist arm, weil er als Werwolf diskriminiert wird. Aber muss er deshalb wirklich Flicken auf seinem Umhang haben? In dieser Welt lernen die Schulkinder Mäuse in Tassen zu verwandeln. Aber es gibt keinen Zauberspruch, der dafür sorgt, dass Lupins Umhang wieder einwandfrei ist?
  • Das Haus Slytherin hat noch immer ein Image-Problem
  • Zacharias Smith ist ein Riesenarsch! Warum haben die ihn bei Dumbledores Armee mitmachen lassen?
  • Draco freut sich, weil Slytherin zwischenzeitlich als einziges Team die Erlaubnis bekommen hat, Quidditsch zu spielen. Hmmm, Draco, das Konzept eines Sporttuniers hast du noch nicht verstanden, oder? Viel Spaß beim einsamen Rundenfliegen im Stadion!
  • Dieses “Zwischen Bildern hin und her laufen“ von Portraits ist doch totaler Mumpitz! Da lässt du dir ein Gemälde von deiner geliebten, verstorbenen Frau machen. Aber weil irgendein Exfreund von ihr sich auch ein Bild hat machen lassen, muss sie dann immer zwischen den beiden hin und her pendeln? Das Konzept sollte noch einmal überdacht werden!
  • Zauberer sind Dilettanten, Teil 2359: Die Sessel im Fahrenden Ritter rutschen bei der Fahrt hin und her und fallen bei jeder zweiten Kurve um. Mensch wäre es nicht toll, wenn es so etwas praktisches wie den Dauerklebefluch gäbe?
  • Snape ist ein schlechter Lehrer, ein sehr schlechter Lehrer!

Ich freue mich schon jetzt auf den Halbblutprinz. In einem halben Jahr lest ihr dann hier, wie er war.
Tschüss!

Mausgerutschte Volksverhetzung

Mein Wochenrückblick

Zwischen Elternnachzug und vielen ausgerutschten Mäusen war es vor allem eine Woche der Gerichtsprozesse. Doch der Reihe nach …

Samstag

Die SPD wirkt immer wie ein Alkoholiker auf mich. Sie verspricht nicht bloß dauernd, in Zukunft aber wirklich wieder sozialdemokratische Politik zu machen, um dann gleich das nächste konservativ-neoliberale Gesetz zu verabschieden. Sie kann sich auch regelmäßig nicht an das erinnern, was sie noch gestern beschlossen hat.

Marc-Uwe Kling und sein Känguru lehrten uns ebenfalls am Samstag eine wichtige Lektion über Wahrscheinlichkeit.

Sonntag

… deckte die FAZ einen Skandal rund um Pegida auf!

Doch so aufschlussreich das war, kurz darauf stahl Beatrix von Storch der FAZ die Show. Erinnert ihr euch? Letzte Woche hatte Frau von Storch gefordert, Frauen und Kinder an der Grenze zu erschießen. Nun stellt sie richtig, wie diese extremistische, unmenschliche Forderung zustande kam.

Montag

Das Internet war am Montag vollauf damit beschäftigt, zu klären, wie der Mausrutscher von Frau von Storch zustandekommen konnte.

Doch schließlich tauchte dieses Beweisvideo auf, womit der Fall wohl geklärt wäre.

Offensichtlich hat die Schießbefehlnummer der AfD letztlich wohl doch mehr geschadet als genutzt. Jedenfalls ruderte auch Frau Petry zurück. Allerdings war auch ihre Ausrede nicht soooo supergerschickt.

Doch uns blieb das Lachen bald im Halse stecken.

Dienstag

Auch Dienstag noch und noch lange Zeit …

Ich stimme Katharina König zu, lesen Sie diesen Text von Frau @milch_honig, er fasst die allgemeine politische Lage abschließend zusammen:

Allerdings kann niemand mehr sagen, die Polizei wäre auf dem rechten Auge blind. So kam es zu Ermittlungserfolgen im Handgranatenfall. Anscheinend waren die Täter gar nicht fremdenfeindlich sondern wachmannfeindlich.

Derweil betrieb Anatol Stefanowitsch Sprachphänomenologie:

Mittwoch

Am Mittwoch war mal wieder Seehofer der Knaller, der seiner Chefin Angela Merkel eine “Herrschaft des Unrechts” vorwarf.

Nichts fasst den aktuellen Zustand Europas wohl besser zusammen als dieses Bild.

Nicht lustig aber wichtig ist das neue Projekt Hoaxmap. Falls ihr mal mit einem besorgten Bürger diskutiert, könnt ihr seine Behauptungen gleich widerlegen.

Außerdem kam bei einem Prozess am Mittwoch raus, dass der Wurf eines Molotow-Cocktails auf eine Flüchtlingsunterkunft NATÜRLICH NICHTS mit Fremdenfeindlichkeit zu tun hat.

https://twitter.com/hatr/status/697474408999477252

Schließlich erfuhren wir am Mittwoch noch dass Terry Pratchett vor 16 Jahren den Terminus “besorgte Bürger” zutreffend definierte.

Donnerstag

…besann sich die AfD auf ihre Kernkompetenz.

Aber das Internet interessierte sich nur für die Entdeckung der Gravitationswellen.

Schließlich wurde auch noch der YouTuber “Julien” wegen Volksverhetzung verurteilt.

Falls ihr nicht wisst, wer Julien ist, so fasst dieser Tweet das abschließend zusammen.

https://twitter.com/Kamelschwalbe/status/698088040292552704

Freitag

… interessierten sich alle nur dafür, dass Angela Merkel sich mit George Clooney getroffen hatte. Die Tagesschau gab dieser Meldung aber einen interessanten Twist.

Leider muss ich Anatol Stefanowitsch zustimmen, bevor ich mich aus der Woche verabschiede:

Flüchtlinge sind Vergewaltiger

Flüchtlinge sind Vergewaltiger. Und sie wurden vergewaltigt. Flüchtlinge sind Kriminelle. Und sie sind gesetzestreue Menschen. Flüchtlinge sind Sexisten. Und sie sind Femininsten. Flüchtlinge sind gewalttätig, sie sind friedlich, Islamisten, radikale Atheisten, fundamentalistische Christen, nullachtfuffzehn Moslems, Christen, Juden, Hindus, Buddhisten, Agnostiker. Flüchtlinge sind Straftäter und hochmoralisch, sozialkritisch, Spießer, sie zeigen Zivilcourage und schauen lieber in die andere Richtung. Flüchtlinge sind links, rechts, kleinkariert, großspurig, sogar CSU-Fans, oder links-grün-versiffte Gutmenschen. Flüchtlinge sind Rassisten und Humanisten, sie sind schön und hässlich, arm und reich, sie schaffen das und sind an den Grenzen der Belastbarkeit, sie lieben Star Wars und finden das zu kindisch, sie trinken Mate und sie glauben, dass das neumodische Hipsterkacke ist. Flüchtlinge haben den Koran gelesen und 50 Shades of Grey. Flüchtlinge sind böse und gut oder halt einfach normal.

Denn Flüchtlinge sind Menschen.

Wir nehmen Geflüchtete nicht auf, weil es ausnahmslos gute Menschen sind. Sondern weil sie vor Krieg und Leid fliehen und wir glauben, dass die Würde des Menschen das höchste Prinzip unserer Gesellschaft ist, der erste Satz unserer Verfassung. Der Witz an diesem Grundrecht ist, dass du es auch dann nicht verlieren kannst, wenn du ein Arschloch bist. Das nennen wir ein „unveräußerliches Menschenrecht”. Außerdem folgen aus diesem ersten Prinzip alle anderen Leitsätze unserer Gesellschaft, wie eben der sechzehnte Satz, dass jeder Mensch ein Recht auf Asyl hat, auch wenn er ein Arschloch ist! Es leitet sich auch der fünfte Satz ab, dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern darf, auch wenn er ein Arschloch ist.

Es ist auch überhaupt kein Problem, anzusprechen, dass es kriminelle Flüchtlinge gibt. Das ist durch den fünften Grundsatz ausdrücklich erlaubt. Aber wichtig ist dabei, dass ihr es belasst beim “es gibt”. Das ist eine sogenannte Existenzaussage: Es existieren kriminelle Flüchtlinge. Das stimmt ganz unzweifelhaft.

Was aber nicht okay ist, ist daraus den Schluss zu ziehen, dass alle Flüchtlinge kriminell sind. Denn das verstößt gegen den dritten Grundsatz unserer Gesellschaft. Ferner ist das genau die Definition von Rassismus: Aus der unzweifelhaften Tatsache, dass es böse Flüchtlinge gibt zu folgern, dass alle Flüchtlinge böse sind. Und alle unsere Grundsätze sind 1949 geschrieben worden, weil wir Deutschen gerade für das schlimmste rassistische Regime der Geschichte verantwortlich waren und das nie wieder passieren sollte! Außerdem ist die Aussage, dass alle Flüchtlinge böse oder Kriminielle sind, schlichtweg falsch.

Nicht alle Füchtlinge sind Kriminelle, Sexisten, gewalttätig, Islamisten, Straftäter, Vergewaltiger, Rassisten oder böse.

Alle Flüchtlinge sind Menschen.

Die 10 dämlichsten Pegidioten

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viele Texte gelesen und Podcasts gehört, die sich um die Frage drehten, wie man mit den ganzen Nazis umgehen soll, die seit einem Jahr in diesem Land öffentlich wieder so präsent sind. Die Diskussion dreht sich meist um die Frage, ob wir mit ihnen reden sollten, um sie von ihren Vorurteilen abzubringen, oder ob wir sie lieber komplett ausgrenzen sollten, um ihnen so zu zeigen, dass rechtes Gedankengut keine legitime politische Position neben anderen ist. Ein Punkt, der dabei aber zu oft außer Acht gelassen wurde, ist, dass man manchmal einfach nur noch über all die Pegidioten, besorgten Bürger, die rechtsblinden Polizisten und Verschwörungswahnis lachen kann. Daher bin ich mal auf die Suche gegangen und habe sie für euch gefunden, die zehn albernsten Schnullernazis!

Platz 10: Die umgedrehten Nummernschilder

Spätestens seit Xavier Naidoos Outing wissen wir, dass es eine Gruppe von Menschen in diesem Land gibt, die glaubt, dass Deutschland kein souveräner Staat ist, weil es 1945 keinen Friedensvertrag unterschrieb, so wie „man das halt macht“. Man kann diesen armen Seelen nun natürlich den Zwei-plus-Vier-Vertrag erklären, aber das wird sie wohl wenig überzeugen, denn sie glauben felsenfest daran, dass Deutschland eine GmbH ist! Klingt albern? Das ist noch gar nichts verglichen mit der neuesten „Protestform“ dieser Truppe: Auf Facebook riefen jetzt einige dieser „Reichsbürger“, wie sie sich nennen, dazu auf, ihre Nummernschilder umzudrehen, um gegen die BRD GmbH zu protestieren. Das sei angeblich total legal! Wow, dieser „Protest“ ist auf so viele Arten verdreht, dass er hier eindeutig einen Platz in der Liste verdient hat.

Platz 9: Das Gesicht von Freital

Freital ist ein Kaff mit knapp 40.000 Einwohnern in Sachsen. Vor Jahresfrist war Freital vor allem für seine vierspurige Hauptstraße bekannt, die die Leute möglichst schnell weg aus Freital brachte. Doch das änderte sich, als Freital beschloss, dass es kein Asylbewerberheim haben will und dagegen so lautstark protestierte, dass ganz Deutschland mit offenem Mund auf die hässliche Fratze der „Besorgten Bürger“ blickte. Freital wurde zum Symbol für Dunkeldeutschland und brachte dem Ort zum Beispiel den Tumblr „Perlen aus Freital“ ein. Und ein Gesicht stach immer besonders hervor, als die Freitaler gegen Nächstenliebe demonstrierten. Wisst ihr, wen ich meine? Diese kleine dicke Frau, die es geschafft hat, sich zum Gesicht von Freital zu machen. Dumm ist nur, dass sie jetzt zwar ein Symbol ist, aber eben für nichts, für dass man gerne ein Symbol sein möchte. Obendrein wirkt sie auch nicht gerade so, nun … ich muss es leider so sagen: intelligent! Sie zeigt, dass Pegida und Co. eben nicht „Das Volk” sind, sondern eher ein Haufen von ungebildeten Heinis und Ischen, die Jahrzehnte lang nur Bild lasen und taff glotzten und es sich allzu gemütlich in ihrem unterkomplexen Weltbild eingerichtet haben.

Platz 8: Alles verbieten!

Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann starte eine Petition! Ein Besorgter Bürger war sehr besorgt um unsere Verfassung und deshalb wollte er eine faschistische Vereinigung verbieten lassen! Die Antifa, Pardon, die “Linke Grüne Antifa”!
Okay, man kann vielleicht die Mittel kritisieren, mit denen die Antifa GEGEN die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland vorgeht. Aber ihnen vorzuwerfen, sie seien selbst Faschisten, zeigt vor allem wieder einmal, dass es mit der Logik bei den Pegidioten nicht zum Besten steht. Vor allem wenn man dann noch das Prädikat „grün“ mit aufnimmt in seinen Petitionstext. Sind die Grünen jetzt auch verfassungsfeindlich oder was?

Leider ist das Original offline, wahrscheinlich weil es von Trollen überrannt wurde, die ihm schön die Absurdität aufzeigten.

Platz 7: Das Gefährder-Video

Ich wohne im schönen Frankfurt am Main. Und es gibt viele Probleme in dieser Stadt. Allem voran, dass die Mieten höher sind als der nahe Taunus. Aber wenn etwas schön an Frankfurt ist, dann dass es eine wundervoll multikulturelle Stadt ist. Das passt Pegida und Co. natürlich nicht, weswegen sie gerne von „Frankfurter Verhältnissen“ sprechen, wenn sie ein Feindbild zeichnen wollen! Das motivierte mich kürzlich zu diesem Tweet:

Natürlich kann eine solche Aussage nicht stehenbleiben, ohne dass ein aufrechter Sorgenbürger mich auf meinen Irrtum hinweisen musste:

Verlinkt, wie ihr seht, ist ein Video von Jung & naiv. Tilo Jungs Teaser-Text dazu:

“Unglaublich: Die Bundesregierung​ gibt beim Blick auf die steigende Zahl von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte im Land an, dass es weniger rechtsextreme “Gefährder” in Deutschland (15) gibt als noch vor drei Monaten (16). Dafür gibt es 50 Prozent mehr islamistische “Gefährder” (420) als noch vor drei Monaten (280). Das Innenministerium sieht mit Sorge, dass das “Phänomen” Angriffe auf Flüchtlinge in “die Mitte der Gesellschaft rückt“.”

Und wie genau passt das jetzt zusammen mit den “islam. Rassisten“ aus dem Tweet oben? Anscheinend nimmt der Heini von Twitter die Zahlen für bare Münze! Aber selbst wenn: 420 „Gefährder“ bei 4 Millionen Muslimen insgesamt ist jetzt nicht soooo das Hammerargument. Außerdem stammen die Zahlen doch von der Regierung und ist die nicht …

Platz 6: Nazis, die Demokraten Nazis nennen

Ein paar einfache Fragen: Was wollen Pegida und Co.? Weniger Ausländer. Was werfen sie der Bundesregierung vor? In der Flüchtlingskrise zu ausländerfreundlich zu sein. Mit ihren Worten: Sie sind der Meinung der „Mainstream“ in Deutschland sei zu links. Das für sich genommen ist schon total absurd, denn zugleich nennen diese Menschen sich ja immer „das Volk“. Was ist denn dann bitte „der Mainstream“? Anyway … Denn noch absurder ist, dass Pegida einerseits die Regierung als zu links und zu ausländerfreundlich ansieht und andererseits sie ständig mit Nazis vergleicht. Da wird Merkel mit Hitler gleichgesetzt, Justizminister Maas mit Göbbels und behauptet, sie wollten KZs wieder eröffnen. Ich meine: What the fuck?

Platz 5: Die Polizeigewerkschaft und der Zaun

Die Polizeigewerkschaft will als Maßnahme in der Flüchtlingskrise einen Zaun zwischen Deutschland und Österreich bauen. Dazu gibt es nur eines zu sagen:

Platz 4: Die Nazis waren links

Hin und wieder hat eine der Pegiderastinnen dann mal einen Moment der Erleuchtung und ihr fällt auf, dass sie sich in lauter Widersprüche verwickelt hat: Einerseits das Volk sein wollen, andererseits aber nicht der Mainstream, einerseits die Regierung als Nazis beschimpfen, andererseits glauben, sie sei zu links und einerseits kein Nazi sein wollen, aber andererseits Ausländer eben doch scheiße finden. Dann kommen diese Glühbirnen der Menschheit zu latent gewagten Schlussfolgerungen, um ihr Weltbild wieder gerade zu rücken:

Platz 3: Keine Anzeichen für einen politisch rechts motivierten Hintergrund

A propos Widersprüche, auch die Polizei sollte mal ein Logik-Proseminar besuchen. Da wurde neulich das Auto einer türkischen Familie mit einem Hakenkreuz beschmiert und die Polizei sah dafür nach eigenen Angaben “Keine Anzeichen für einen politisch rechts motivierten Hintergrund“. Zugleich forderte sie aber die OPFER auf, das Hakenkreuz möglichst schnell zu entfernen, da sie sich sonst strafbar machen wegen der Präsentation von verfassungsfeindlichen Symbolen. Da frage ich mich: Wieso ist dieses Symbol noch gleich verfassungsfeindlich …?

Double Facepalm

Leider ist die Original-Pressemeldung in der SZ offline, hier die überarbeitete Version.

Platz 2: Statistiken muss man schon lesen können

Stellt euch mal vor, ihr seht zwei Umfragen zur politischen Stimmung in Deutschland: Zum einen den ARD Deutschlandtrend und zum anderen eine T-Online Clickbait-Aktion zum Thema Wahlumfrage.

Beim Deutschlandtrend, der sicher auch nicht so repräsentativ ist, wie er gerne sein will, einfach weil wir alle immer „NEIN!“ sagen, wenn das Callcenter mal wieder kurz vorm Abendessen bei uns durchklingelt, sehen wir die uns bekannte Verteilung mit viel Schwarz, weniger Rot noch weniger Grün und Dunkelrot und leider immer mehr Braun. Doch bei T-Online, da hat die AFD nun doch tatsächlich eine Mehrheit von sage und schreibe 57,6%! Was ist die richtige Schlussfolgerung? Dass ein paar Menschen mit zu viel Zeit T-Online etwas Gutes tun wollten und durch inflationäres Abstimmen die Klickzahlen und damit die Werbekosten in die Höhe treiben wollten? NEIN! In Wirklichkeit ist es so: “Grob gefälschte Wahlumfrage-Ergebnisse beim Staats-TV“!

 

Die nächsten Wahlen werden uns allen die Augen öffnen! Und wenn nicht? Na dann waren sie gefälscht! Denn, wenn alle sagen, dass du Unrecht hast, können sie auf keinen Fall Recht haben, stattdessen muss eine Verschwörung vorliegen!

Platz 1: Lutz Bachmann und die antifaschistische große Koalition

An die Spitze schafft es niemand geringeres als der Cheffe von dem janzen Haufen: Lutz Bachmann persönlich. Denn der hat die größte Verschwörung von allen aufgedeckt und wieder einmal ging es um die Antifa!

Kennt ihr Linus von Logbuch Netzpolitik, der Seineszeichens auch einer der Sprecher des CCC ist? Falls nicht, solltet ihr unbedingt in den Podcast reinhören. Jedenfalls gab dieser Linus der ARD ein Interview. Das tut er oft, wenn es um Computersicherheit geht. Doch diesmal fiel Spürhund Lutz Bachmann etwas auf! Nämlich dieser Aufkleber:

Große Koalition
Voll die Verschwörung!

Das beweist alles! Die Antifa wird von der großen Koalition gestützt! Jetzt haben sie sich endgültig verraten! Meinte jedenfalls Bachmann … Beachtet auch die Kommentare, dann habt ihr noch einen schönen Sonntag mit vielen Facepalms.

Andere für mich denken lassen

Ich habe hier ein paar philosophische Artikel in Pocket, die ich schon längere Zeit aufbewahre, um mal irgendetwas damit zu machen. Da mir selbst zurzeit nichts Schlaues dazu einfällt, mache ich halt eine Linkschleuder daraus. ¯\_(ツ)_/¯

Spache und Moral

Hier ein spannender Artikel über empirisch-philosophische Studien zum Zusammenhang von Moral und Sprache:

A brother, who’s using a condom, and his sister, who’s on birth control, decide to have sex. They enjoy it but keep it a secret and don’t do it again. Is their action morally wrong? If they’re both consenting adults and not hurting anyone, can one legitimately criticize their moral judgment?

Die These, die entwickelt wird, lautet, dass wir in unserer Muttersprache ethische Probleme eher emotional angehen und in einer Fremdsprache eher analytisch …

Still, if morally ambiguous scenarios are approached in a second language, that can nudge us toward making decisions consciously and rationally. Speaking in a second language, therefore, may be one of the most moral things you can do.

Metaphysik und so …

Dieser Artikel beginnt mit der Feststellung, dass die zeitgenössische Philosophie metaphysische Fragen hinter sich gelassen hat. Beziehungsweise versucht die Philosophie, metaphysische Probleme auf empirische Ursachen zurückzuführen. Hier noch einmal die Definition von Metaphysik aus der Wikipedia, für alle die den Begriff nicht auf den Schirm haben:

Metaphysische Systementwürfe behandeln in ihren klassischen Formen die zentralen Probleme der theoretischen Philosophie, nämlich die Beschreibung der Fundamente, Voraussetzungen, Ursachen oder „ersten Gründe“, der allgemeinsten Strukturen, Gesetzlichkeiten und Prinzipien sowie von Sinn und Zweck der gesamten Wirklichkeit bzw. allen Seins.

Allerdings scheint der Autor, Justin E. H. Smith, einen weitergefassten Metaphysik-Begriff zu haben, ähnlich dem des frühen Wittgenstein, wonach all das metaphysische Aussagen sind, was sich nicht empirisch beweisen lässt. Anyway … Smith sieht in dieser Abkehr und auf die derzeitige Konzentration der Philosophie auf kognitionswissenschaftliche Erklärungsansätze ein Problem, da dies ein zu einseitiges Bild vom Menschen zeichnet:

Cognitive science, and the philosophy influenced by it, has taken into account the richness I’ve been trying to evoke– that we are not just essentially thinking things, but also thinking things with, for example, a special evolved capacity to notice faces that appear in our natural landscape, and to have stronger reactions to them than to lumps of dirt. But cognitive science by itself is ill-equipped to draw out the full significance of the ineliminable features of human cognition that it registers and describes. Philosophers in other areas of specialization need to join the project.

Stattdessen plädiert er für eine Reintegration von anthropologischen Theorien in die zeitgenössische Philosophie …

Die Welt ist nicht so …

Noch ein schöner Artikel zu einer Studie, wie Sprache unsere Konzepte der Welt beeinflusst …

Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel „Ingenieurinnen und Ingenieure“ statt nur „Ingenieure”) schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.

Wissta bscheid!

Hass im Netz

…. ist ja ein nicht weggehendes Thema und ein Problem. Hier setzt sich der Sozipod damit ausseinander in Bezug auf den rassistischen Terror dieses Jahr, wie er im Netz repräsentiert wird und wie man damit umgehen sollte. Das gleiche Thema hat diese schöne YouTube-Reihe am Beispiel des Gamergates, ebenfalls mit dem Ziel, einen Ansatz zu finden, wie man dergleichen verhindern kann:

Wenn euch das gefallen hat, dann lasst es mich doch in den Kommentaren wissen, mein Pocket quillt über von weiteren Artikeln, die ich gerne mit euch teilen kann …

P.S.:

Ich muss lachen, damit ich nicht weinen muss

„Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.”

Wer kennt ihn nicht, Heinrich Heines traurigen Rant über Deutschland … Ist so etwas wie ein trauriger Rant überhaupt möglich? Oder ist das eine Kontradiktion?
anyway...

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Mir geht es gerade ganz genauso und Heine hatte vor hastenichgesehn vielen Jahren schon eine gute Strategie gegen den Deutschland-Blues: Über dieses Land zu lachen. Fangen wir an:

Die deutsche Presse hat entdeckt, dass Lutz Bachmann möglicherweise nicht der lupenreine Demokrat ist, als der er sich ausgibt.

Ich meine: Wer konnte das ahnen?!?! Doch das Lachen bleibt mir im Halse stecken, wenn ich daran denke, dass die fremdenfeindlichen Auswüchse in Dresden (mutmaßlich) ein Todesopfer forderten. Khaled Bahray war am Dienstag vergangene Woche erstochen worden.

“Doch auch drei Tage nach der Mordnacht gibt es noch keine Hinweise auf Tatgeschehen oder Täter, auch weil die Kriminalpolizei erst einen Tag nach dem Auffinden des Toten mit den Ermittlungen begann: Am Dienstag hatte die Polizei noch ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen.”

Quelle: Tagesschau.

Dumbledore

Quelle: liegt auf so nem Amazon-Server. Lizenz: noch fragwürdiger.

WOLLT IHR UNS VERARSCHEN?!!!?! Ich habe ja wirklich keine Ahnung von Polizeiarbeit, zumindest keine Ahnung, die sich nicht aus der Sichtung eines Tatorts – ähm, also den Krimi, nicht den Ort – hinausgeht. Aber selbst ich weiß, dass Stichverletzungen nur äußerst selten eine natürliche Ursache haben, wenn man nicht gerade Edward mit den Scherenhänden ist! Und, so dachte ich in meiner Verblendung, bei ungeklärter Todesursache, sichert man besser mal Spuren. Damit man später was zum Ermitteln hat!!!!! Nein? Oh, na dann…

REaktion

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Na ja, aber unsere Freunde und Helfer, sind schließlich auch andernorts allzu beschäftigt:

Gegen halb ein Uhr früh stürmten nämlich zwei deutsche Polizeibeamte den Waggon, klopften heftig an die Türen und schrien “Polizei, aufmachen!”, um dann mit Taschenlampen die Abteile auszuleuchten. Als die überaus freundliche Zugbegleiterin herbeieilte, wurde auch sie angebrüllt, ob hier Syrer oder Iraker versteckt seien. Ich fragte daraufhin etwas verpennt warum sie Syrer_innen oder Iraker_innen suchten? “Wegen krimineller Handlungen.”

Quelle: Klaus Werner-Lobo

Also weiß unsere Polizei prinzipiell wohl schon, was eine kriminelle Handlung ist, nur nicht wenn sie an Flüchtlingen begangen wird, sondern bloß dann, wenn sie von ihnen begangen wird …? Aber ich tue den Damen und Herren in Uniform unrecht. Denn sie haben ja noch so viel anderes zu tun, zum Beispiel Handys sammeln

Reply WTF

Quelle: Replygif. Lizenz: ihr wisst schon …

Zugegebenermaßen ist das Werfen von Steinen keine ganz glorreiche Idee bei einer unangemeldeten Demo, besonders da wir die Schaufensterscheiben als Tatverdächtige im Mordfall Khaled Bahray mit ziemlicher Sicherheit ausschließen können. Dennoch ist die Reaktion der Polizei, besonders verglichen mit der Nichtreaktion im Mordfall einfach nur

Dafuq

Quelle: Troll.me. Lizenz: so halt …

Es fällt mir wirklich schwer bei dieser Nachrichtenlage nicht zu verzweifeln. Aber eines kann ich euch sagen: Heine zu lesen hilft…

Zur Beruhigung

Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief –
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.

Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.

Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.

Wir sind so treu wie Eichenholz,
Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;
Im Land der Eichen und der Linden
Wird niemals sich ein Brutus finden.

Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,
Den Cäsar fänd er nimmermehr,
Vergeblich würd er den Cäsar suchen;
Wir haben gute Pfefferkuchen.

Wir haben sechsunddreißig Herrn
(Ist nicht zuviel!), und einen Stern
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.

Wir nennen sie Väter, und Vaterland
Benennen wir dasjenige Land,
Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;
Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.

Wenn unser Vater spazierengeht,
Ziehn wir den Hut mit Pietät;
Deutschland, die fromme Kinderstube,
Ist keine römische Mördergrube.

Kommissar Potter ermittelt gegen den Erben Slytherins

Ein halbes Jahr ist vergangen und meine Tochter (mittlerweile 7) und ich haben uns dem zweiten Potter-Band gewidmet: Harry Potter und die Kammer des Schreckens*. Er war spannend, so spannend, dass ich nach der Versteinerung von Justin Finch-Fletchley nicht mehr abends sondern nur noch tagsüber vorlesen durfte.

The Making of Harry Potter 29-05-2012 von Karen Roe. Lizenz: CC BY 2.0.
The Making of Harry Potter 29-05-2012 von Karen Roe. Lizenz: CC BY 2.0.

 

Kein Abenteuer- sondern ein Kriminalroman

HPs zweites Abenteuer wird allgemein als schwächster Band der Reihe angesehen. Zum Beispiel hier auf Goodreads, wenn auch auf unglaublich hohem Niveau. Das ist eine Meinung, die ich nicht teilen kann. Ich finde ihn um einiges besser als den ersten Band. Zwar hat er wieder einige Schwächen im Plott aber insgesamt ist die Geschichte aus einem Guss, Rowling findet ihren Stil, indem Sie uns mit einer Fülle von epischen Vorausdeutungen vor der Nase herumwedelt, sodass wir, wenn wir dann endlich die Lösung kennen uns wundern, wie wir sie übersehen konnten.

„Was bedeutet das, Albus?“, fragte Professor McGonagall ängstlich.
“Es heißt“, sagte Dumbledore, „dass die Kammer des Schreckens tatsächlich wieder offen ist.“
Madam Pomfrey schlug sich die Hand gegen den Mund.
Professor McGonagall starrte Dumbledore an.
„Aber Albus … wer?“
„Die Frage ist nicht, wer“, sagte Dumbledore, die Augen auf Colin gerichtet. „Die Frage ist, wie …”

Außerdem lernen wir das Leitmotiv von Rowling kennen und wir werden weiter in das große Mysterium des Zyklus’ eingeweiht.

Ich glaube sogar die Antwort auf die Frage zu kennen, warum der Band eher schlechter bewertet wird: Er hat ein anderes Genre als die sechs anderen Bücher. Die Kammer des Shreckens ist im Grunde kein Abenteuer- sondern ein Kriminalroman, mitsamt Indizienbeweisen, falschen Verdächtigen und einem Geständnis. Aber der Reihe nach…

Spoiler Alert

Ja, ich werde spoilern. Das Buch ist 16 Jahre alt, wenn du es bisher nicht gelesen hast, dann wirst du es auch in Zukunft nicht tun. Außerdem werde ich teilweise auch spoilern, was in den folgenden Bänden noch passiert.

Das Mysterium entwickelt sich

Wir bekommen neue Zutaten der Zaubererwelt, die uns in den kommenden Bänden weiter begleiten werden. Die Nokturngasse, das Flohpulver, die peitschende Weide, Squibs, der Vielsaft-Trank, Parsel, Dumbledores Büro, den ZAG (OWL), Askaban und Gryffindors Schwert sind alles Elemente, die im weiteren Verlauf der Saga noch eine größere oder kleinere Rolle spielen werden und die in diesem Band eingeführt werden.

Vor allem bekommt aber Harry sein Markenzeichen. Den einen Zauberspruch, der ihn definieren wird und mit dem er am Ende auch „Du weißt schon wen“ ausschaltet. Und er lernt ihn ausgerechnet von Snape:

„Beide schwangen ihre Zauberstäbe über die Schultern; Snape rief: „Expelliarmus!” Ein blenden scharlachroter Blitz riss Lockhart von den Füßen“

Das Buch fängt mit viel Redundanz an, man merkt, dass Frau Rowling noch nicht komplett das große Ganze im Auge hat, nicht damit rechnet, dass eines Tages mal alle ihre Bücher hintereinander gelesen werden. So wiederholt sie viel, was wir bereits im ersten Buch erfuhren, schreibt also nicht eine “reinblütige” Fortsetzung, sondern ein Buch, das man auch lesen könnte, ohne das erste zu kennen.

Die Vollhonk-Stieffamilie

Hier zeigen sich auch einige Schwächen, so zum Beispiel, wenn die Dursleys ihren Kindesmissbrauch so sehr auf die Spitze treiben, dass sie Harry schließlich als Gefangenen halten, sodass Harry aus seinem Verließ ausbrechen muss. Ich frage mich allen Ernstes, warum Harry so gleichmütig am Ende des Buches zu diesen Unmenschen zurückkehrt und warum alle Freunde und Förderer des kleinen Scarface’ ihn auch gehen lassen, ohne diese Vollhonk-Stieffamilie wenigstens mal zur Rede zu stellen. Klar weiß ich, dass Rowling im weiteren Verlauf der Reihe uns erzählt, warum Harry immer wieder zurück muss, aber jetzt tut sie dies eben nicht. Daher ist es ziemlich befremdlich, dass der arme Tropf am Ende wieder in seinen Knast muss…

Genauso beginnt das Thema Schulrauswurf zu nerven. Ey joa, wir haben’s kapiert: In Hogwarts gibt es viele Regeln und der freche kleine Harry bricht die gerne, obwohl das für ihn gefährlich ist. Können wir das Thema jetzt als beendet erklären? Nein? Oh…

Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass es sich bei der Kammer des Schreckens um ein Kinderbuch handelt, denn einige Dinge, die mich stören, begeistern Kinder sicherlich. So etwa die immerzu unanständig überladenen Tische:

„Die vier langen Haustische unter der magischen Decke (heute in wolkig trübem Grau) ächzten unter ihrer Last aus Schüsseln mit Haferbrei, Platten voll geräuchertem Hering, Tellern mit Eiern und Schinken und Bergen von Toastbrot“

Eigentlich müssten alle Schüler in Howarts adipös sein. Aber aus irgendeinem, wahrscheinlich magischen Grund frühstücken unsere Helde sowieso immer nur Haferbrei. HAFERBREI? WTF?! Eier mit Schinken auf Toast, was anderes käm mir nicht auf den Teller! Vor allem nicht Kleisterersatz…

Reactiongif: Ungläubigkeit

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Löcher im Plott

Aber wo ich gerade bei Plottlöchern bin, mache ich da doch auch gleich weiter:

Da wäre zunächst einmal die Geschichte mit dem Heuler. Ron muss diesen sofort öffnen, weil es sonst „schrecklich“ enden würde. Mal davon abgesehen, dass ich die Erziehungsmethode, das eigene Kind vor der versammelten Schule am Frühstückstisch derart zur Schnecke zu machen, fragwürdig finde … Kein Wunder, dass der arme Ron später dann noch Schnecken kotzt … Wie könnte es denn bitte noch schlimmer werden? Wird der Brief gewaltätig? Ich meine, hätte Ron sich das Ding nicht einfach schnappen können, die paar Schritte vor die Tür gehen können und den Brief sich in aller Ruhe ausschreien lassen? Ein typischer Fall von: Das geht nicht, weil es die Autorin nicht wollte.

Die nächste Sache ist Rons Zauberstab. Wie kann die Schule nur so unverantwortlich sein, den armen Jungen die ganze Zeit mit dem kaputten Ding zaubern zu lassen? Hallo? Eine Schule, in deren Unterricht fast nichts anderes gemacht wird, als mit dem Zauberstab zu wedeln, stört sich nicht daran, dass ausgerechnet der Stab eines Schülers kaputt ist? Ein Glück für Ron, dass in diesem Jahr die Prüfungen ausfielen…

Und wo wir schon bei der Verantwortungslosigkeit der Lehrer sind: In der Schule treibt mutmaßlich ein Mörder sein Unwesen, und was machen die Lehrer? Schließen sie die Schule? Schicken sie die Schüler nach Hause? Nein! Sie bringen den Schülern Duellieren bei. Grandiose Idee!

Reactiongif: Yay!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Diese Schule ist sowieso ein recht merkwürdiger Ort. An ihr wird zum Beispiel nicht sehr viel von Ethik gehalten. Ständig werden irgendwelche Tiere in Gegenstände verwandelt. An dem Auto der Weasleys sieht man zudem, dass magische „Wesen“ ein Bewusstsein haben, aber dennoch werden sie zerschnitten und geschmort:

Madam Pomfrey konnte erfreut berichten, dass die Alraunen launisch und geheimnistuerisch wurden, was hieß, dass sie die Kindheit nun rasch hinter sich ließen.
„Sobald ihre Akne zurückgeht, kann man sie wieder eintopfen“, hörte Harry sie eines Nachmittags mit freundlicher Stimme Filch erklären. „Und danach dauert es nicht mehr lange, bis wir sie zerschneiden und schmoren…“

Dann ist da Harrys Mantel… Der, der unsichtbar macht. Allerdings scheinen die Protagonisten das bis zur Hälfte des Buches vergessen zu haben, sodass alle möglichen Plottpoints nur deshalb welche sind, weil sie den Mantel nicht einsetzen. So zum Beispiel der Diebstahl der Zutaten für den Vielsaft-Trank. Da wird so viel Geschiss drum gemacht, wie unsere Helden ungesehen an Snapes Vorrat kommen. Tja, wenn sie nur etwas hätten, das ihnen dabei helfen könnte … ZUM BEISPIEL EINEN MANTEL, DER UNSICHTBAR MACHT!!!111einself

Reactiongif: Oh shit!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Klar muss auch Dumbledore mal wieder aus dem Weg geschafft werden. Wie beim ersten Band besteht eben das Superheldenproblem: Dumbledore ist so mächtig und so schlau, dass er den Fall eigentlich alleine lösen müsste. Wie können wir das verhindern? Wir wollen ja schließlich, dass Harry unser Held wird. Na, wir entlassen Dumbledore mal eben. Weil die Kinder in Hogwarts bestimmt sicherer sind, wenn der mächtigste lebende Zauberer sie nicht länger beschützen kann …

Beim Lösen des Falls kann Harry dann aber auf eine versteinerte Hermine ex machina zurückgreifen:

Doch Harry sah nicht auf Hermines Gesicht. Er war mehr an ihrer rechten Hand interessiert. Sie lag zusammengeballt auf der Bettdecke, und als er sich über sie beugte, sah er, dass Hermine ein zerknülltes Stück Papier in der Faust hielt.

Mal ganz davon abgesehen, dass die pedantische Hermine plötzlich kein Problem damit hat, eine Seite aus einem Buch zu reißen, wenn es für den Plott wichtig ist … Findet in dieser Schule eigentlich überhaupt keine Ermittlung statt? Sorry, aber da wurden vier Kinder, ein Geist und eine Katze versteinert und keiner außer Harry kommt auf die Idee mal Beweise zu sichern?

Kriminalaufklärung ist eben nicht die Sache der Zaubererwelt, wie man schon am letzten Mal sieht, als die Kammer des Schreckens geöffnet wurde. Vor 50 Jahren starb sogar ein Mädchen, dennoch hielt man es anscheinend nicht für nötig, den Tatort zu inspizieren:

„Und dann stutzte Harry: An der Seite eines der kupfernen Wasserhähne war eine winzige Schlange eingekratzt.
„Der Hahn hat nie funktioniert“, sagte Myrte munter …

Srsly? Wie viele hundert Jahre gibt es Howarts schon? Und nie hat jemand versucht diesen Wasserhahn zu reparieren, der nicht funktioniert? Und nie hat er oder sie dabei festgestellt, dass da der Eingang zur Kammer des Schreckens ist?

Reactiongif: Staunen

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Chekhov’s Myrte

Harrys winkeladvokatischen Sockentrick um Dobby zu befreien lasse ich jetzt mal komplett unkommentiert und komme endlich zu den guten Seiten des Buches, indem ich mich noch einmal der maulenden Myrte zuwende: Von allen Hinweisen, die uns Rowling zur Lösung des Falles gibt, ist Myrte der schönste! Eine Chekhov’s Gun, wie sie im Buche steht. Oder besser gesagt: ein Chekhov’s Gag. Denn wir denken die ganze Zeit, dass sie uns nur als ein weiteres schrulliges Detail, als ein weiterer Lacher in die Geschichte eingeführt wurde. Doch im großen Finale wird sie zum Schlüssel für die Lösung des Falls. Das ist großer Sport, Frau Rowling, chapeau!

Rassismus-Allegorie und die richtige Entscheidung

Genauso gefällt mir, wie unser Antagonist hier endlich Kontur gewinnt. Im ersten Band war Voldemort schlicht böse. Mehr erfuhren wir nicht. Jetzt bekommen wir eine Origin Story, lernen den bürgerlichen Namen Tom Riddle kennen und bekommen erstmals die Rassismus-Allegorie präsentiert. Die Lehre von „reinblütigen Zauberern“ liefert uns eine realistische Motivation für Voldemorts Taten und macht so einen Schritt aus dem einfachen Kinderbuch hinaus in die Richtung, in die sich die Reihe noch entwickeln wird. Nicht zuletzt bekommen wir auch die Horkrux-Geschichte erstmals angeteasert:

„Du kannst Parsel, Harry“, sagte Dumbledore ruhig, „weil Lord Voldemort, der tatsächlich der letzte Nachfahre von Salazar Slytherin ist, Parsel sprechen kann. Und wenn ich mich nicht irre, hat er in jener Nacht, als er dir die Narbe zugefügt hat, einige seiner eigenen Kräfte auf dich übertragen … nicht dass er es beabsichtigt hätte, da bin ich mir sicher …“

Im Rahmen unserer Heldenreise ist Harry am Punkt der Refusal: Er will sein Schicksal als Held nicht annehmen, er zweifelt, überlegt, ob er nicht doch der Böse ist. Er hört Stimmen, ist eigentlich ein halber Slytherin und auch sonst ähnelt er diesem schrecklichen Voldemort sehr:

Ich hab mich gewundert, weißt du. Schließlich gibt es merkwürdige Ähnlichkeiten zwischen uns. Selbst du musst das bemerkt haben. Beide Halbbütige, Waisen, von Muggeln aufgezogen. Wahrscheinlich die einzigen Parselzungen, die seit dem großen Slytherin nach Hogwarts kamen. Wir sehen uns sogar ein wenig ähnlich …

… erkennt sogar Tom Riddle. Doch am Ende kriegt Harry dann die Kurve, weil er sich dafür entscheidet, der Held zu sein und damit etabliert Joanne K. Rowling ihr Leitmotiv. Denn wie Dierk Haasis mal schön erleuterte, dreht sich bei der Potterreihe alles darum die richtigen Entscheidungen zu fällen:

„Genau“, sagte Dumbledore und strahlte abermals, „Und das heißt, du bist ganz anders als Tom Riddle, Harry. Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind.”

Reactiongif: that's right!

Quelle: Reactiongifs. Lizenz: fragwürdig.

Literatur

J. K. Rowling: Harry Potter und die Kammer des Schreckens*

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