Platons Wissenschaftstheorie

Heute möchte ich den Erkenntnistheorie-Block abschließen, indem ich noch einen Blick auf Platons Wissenschaftstheorie werfe. Oder zumindest dem, was dieser philosophischen Disziplin am nächsten kommt, denn zu behaupten, dass Platon schon eine richtige Wissenschaftstheorie formuliert habe, wäre eine steile These. Doch fangen wir an: Entweder hier als Video oder darunter als Transskript.

Wir sahen, dass der Weg zu gesichertem Wissen für Platon über die Ideenlehre gehen muss. Wenn wir nun einmal davon ausgehen, dass es Ideen gibt, dann stellt sich noch immer die Frage, wie wir diese Ideen erkennen können. Mit anderen Worten: Wie wir von den IdeenErkenntnis erlangen können.

Platons Theorie über die Ideenerkenntnis ist für uns spannend, da wir auch ohne seine Metaphysik viel von ihr lernen können. Denn Platon gibt quasi eine Aufgabenbeschreibung für die Philosophie ab. Der alte Philosoph beschreibt die wissenschaftliche Methode der Philosophie.

Hinterfragen von Axiomen

Er vergleicht dafür die Philosophie mit der Mathematik. Mathematik und Philosophie gehen nach Platon von Axiomen aus, mit Hilfe derer sie dann gewisse Schlüsse ziehen. Doch während die Mathematik diese Axiome nicht hinterfragt, ist es Aufgabe der Philosophie, genau dies zu tun. Die Axiome hatten wir schon in der Folge zur These, dass Wissen wahre begründete Meinung ist, kennengelernt. Ein Axiom ist ein Satz, der nicht bewiesen werden kann, sondern der beweislos vorausgesetzt wird. Nehmen wir zum Beispiel das Parallelaxiom von Euklid:

„Zu jeder Geraden und jedem Punkt, der nicht auf dieser Geraden liegt, gibt es genau eine zu der Geraden parallele Gerade durch diesen Punkt.“

Tschuldigung, dass ich schon wieder mit Mathe anfange, aber Platon fand sie eben geil. Die Mathematik arbeitet nun einfach mit diesem Axiom, ohne es anzuzweifeln. Die Philosophie – in diesem Fall die Philosophie der Mathematik – versucht hingegen zu prüfen, ob dieses Axiom sich selbst noch aus anderen Sätzen herleiten lässt.

Und damit kommen wir zum Kern dessen, was wir Platons Wissenschaftstheorie nennen können:

Die allgemeinste aller Hypothesen

Die Philosophin untersucht laut Platon Hypothesen, die als einfach und klar gelten. Was aus diesen Hypothesen folgt, ist wahr. Was ihnen widerspricht, ist falsch. Aber die Philosophin prüft eben auch diese Hypothesen selbst. Wenn sich aus einer Hypothese Sätze ableiten, die zueinander im Widerspruch stehen, dann muss die zugrunde liegende Hypothese falsch sein. Sofern sich die Hypothese aber bewährt, versucht die Philosophin eine Hypothese zu finden, die noch allgemeiner ist und aus der sich die Ausgangshypothese ableiten lässt.

Platon selbst vertritt im Dialog Phaidon die Auffassung, dass die Existenz der Ideen die allgemeinste aller Hypothesen ist. Das ist nicht ganz unplausibel, wie wir ja im Zusammenhang mit der Ideenlehre sahen. Es gibt aber auch Probleme, die uns ernsthaft daran zweifeln lassen, dass diese Hypothese wahr ist. Im Dialog ‘der Staat’ modifiziert Platon hingegen seine Auffassung dahingehend, dass die Idee des Guten die allgemeinste aller Hypothesen ist.  Und das ist meines Erachtens kompletter esoterisch-metaphysischer Bullshit. Lest euch noch einmal meine Texte zu den drei Gleichnissen durch.

Aristoteles, der ja bekanntlich ein Schüler von Platon war, hat übrigens diese Suche nach der allgemeinsten aller Hypothesen auch durchgeführt. Und sein Kandidat ist der Satz vom Widerspruch. Diesem Satz habe ich ebenfalls gewidmet und ich muss sagen, dass er für mich auch ein ganz heißer Kandidat neben ein paar anderen formallogischen Prinzipien ist.

Platons Methodologie und ihre Probleme

Doch zurück zu Platon und zu dem, was ich die Methodologie seiner Wissenschaftstheorie nennen möchte. Für Platon ist der Dialog die Methode, mit der sich eine Hypothesenprüfung am besten durchführen lässt. Daraus ergeben sich aber zwei methodische Probleme:

Zum einen ist dies eine geisteswissenschaftliche Wissenschaftstheorie. Im Dialog werde ich nie herausfinden können, ob Gravitationswellen existieren. Dafür muss ich empirische Forschung betreiben.

Zum anderen ist die Hypothese, auf die sich die Gesprächspartnerinnen im Dialog am Ende einigen, immer nur so gut, wie die Untersuchenden schlau sind. Nur weil ihnen kein Argument dagegen einfällt, heißt das nicht, dass es keines gibt. Es ist zumindest prinzipiell nie ausgeschlossen, dass unser Wissen sich am Ende doch als falsch herausstellt.

Ist das klar? Stellt euch vor, eine Android-Userin diskutiert mit einem iOS-User, welches das bessere Betriebssystem ist. Daneben steht ein Windowsphone-User und weint leise. Am Ende gewinnt die Android-Userin mit dem Argument, dass Android ein quelloffenes Betriebssystem ist, das jede weiterentwickeln kann. Es ist aber dennoch nicht bewiesen, dass Android besser ist als iOS, denn es könnte ja ein noch besseres Argument geben, das dem iOS-User bloß nicht einfällt. Während Platon also die der Welt zugrunde liegende Hypothese sucht, wird er am Ende immer nur jene Hypothese finden, die dem Erkenntnisvermögen der am Dialog Beteiligten zugrunde liegt.

Der metaphysische Schauer

Platon verwendet übrigens wiederholt die Formulierung, dass die Ideen “geschaut” werden müssen, die ich ja auch schon einwarf. Die Ideen lassen sich nach Platon nicht logisch erschließen sondern nur erleben. Die Schau der Ideen geschieht plötzlich, unerwartet und lässt sich nicht in Worte fassen. Erst ein solches Erlebnis der Ideen mache das Leben lebenswert und wem es zuteil werde, der würde verstehen, warum die Ideen wirklicher sind als unsere Welt der Erfahrungen.

Platon beschreibt mit der Schau der Ideen eine metaphysische Erfahrung oder auch einen metaphysischen Schauer. Wenn ihr euch intensiv mit Philosophie beschäftigt, euch durch einen komplizierten Text quält, mit einer vertrackten Theorie ringt, dann kann es vorkommen, dass ihr plötzlich einen Moment er Erkenntnis erlebt, der geradezu extatisch ist und ihr das Gefühl habt: Ja, das ist Wahrheit!

Ich vermute stark, dass das der Reiz ist, den viele in Religion finden, diese Erfahrung der absoluten Gewissheit. Das Problem ist, dass wir uns in der Philosophie nicht darauf ausruhen können. Denn meist ist der metaphysische Schauer genauso schnell verflogen, wie er kam. Und aus einem Gefühl, dass etwas wahr ist, lässt sich nicht ableiten, dass es auch tatsächlich wahr ist.

Der späte Platon hat das auch erkannt und sich von der Schau der Ideen, die er in den mittleren Dialogen noch als erkenntnistheoretisches Mittel annahm, verabschiedet. Wenn uns die Ideenlehre überhaupt etwas bringen soll, dann müssen wir sie uns argumentativ erschließen. Metaphysische Erfahrungen und extatische Gefühle mögen Spaß machen, aber das Spiel der Philosophie wird mit Worten gespielt und wahr kann nur sein, was ich auch begründen kann und nicht nur irgendwie erleben.

Das Rätsel, wie wir Erkenntnis von den Ideen erlangen, bleibt ungelöst. Wir aber verabschieden uns jetzt von Platons Erkenntnistheorie und schauen uns beim nächsten Mal an, was er zur unsterblichen Seele zu sagen hat.

Der Urgrund der Philosophie

YEAH! PHILOSOPHY BITCH!

Ich habe mich mal an ein anderes Medium herangewagt. Das mit den bewegten Bildern:

Ich würde mich über euer Feedback freuen. Wenn ihr es nicht ganz schlecht fandet, werde ich noch mehr solche Videos produzieren. Gerne nehme ich dazu auch Wünsche entgegen. Alle, denen das da oben zu albern ist, finden hier noch einmal das Transkript:

Der Beginn der Philosophie

Wir können die Geburtsstunde der Philosophie ziemlich genau bestimmen. Die westliche Philosophie begann mit ein paar Typen, die wir heute die „Vorsokratiker“ nennen. Den Namen tragen sie folgerichtig, weil sie schon vor einem anderen Typen mit Namen „Sokrates“ philosophiert haben. Und dieser Sokrates sollte später dann eine ganz große Nummer werden, ein echter Game-Changer. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes mal erzählt werden.

Der erste Philosoph war mit ziemlicher Sicherheit ein gewisser Thales von Milet. Und dieser Thales hat einen Satz gesagt oder wahrscheinlich eher geschrieben, für den ihn heute die Philosophie-Profs noch immer abfeiern. Leider haben wir den Text nicht mehr, denn von den Texten der Vorsokratiker sind uns nur Fragmente und Zitate erhalten geblieben. In den Worten von Aristoteles (der auch so ein Superstar in der Philosophen-Community ist), lautet dieser entscheidende Satz so:

„Thales, der Begründer von solcher Art Philosophie, erklärt als den Urgrund das Wasser”

Aristoteles: Metaphysik I 3 983 b 6 ff.

O – kay … Aber was ist jetzt der Big Deal an diesem Satz? Ich meine Arnold Schwarzenegger hat mal gesagt:

“Ich werde mehr von meinen Vorstellungen gelenkt als von bewußtem Denken.”

Arnold Schwarzenegger

Aber ich bezweifle, dass wir uns in knapp 2.600 Jahren noch daran erinnern werden, obwohl die Worte von Arnie stammen!

Die Antwort auf die Frage, was so toll an Thales Satz ist, lautet: Er ist der erste Beleg von wissenschaftlich-logischem Denken. Dieser Satz von Thales ist die erste wissenschaftliche Hypothese überhaupt. Das ist eine ziemlich steile These, und ich werde sie auch gleich noch begründen, aber zunächst will ich noch einmal einen Schritt zurückgehen und ein paar Worte dazu verlieren, wer dieser Thales überhaupt war.

Zur Person von Thales

Thales lebte in einer Hafenstadt namens Milet. Das lag im damaligen Kleinasien, was die heutige Türkei ist. Mit Blick auf unsere heutige politische Lage eigentlich eine ganz spannender Funfact, dass die europäische Philosophie von einem Griechen aus der Türkei erfunden wurde …

Wie viele Philosophen war Thales ein Rundum-Gelehrter, der auf vielen Gebieten forschte. Beispielsweise kennen wir auch den Zeitraum, in dem er lebte, da er eine Sonnenfinsternis im Jahr 585 v. Chr. voraussagte. Allerdings war diese Voraussage ist für sich genommen noch nicht so super krass, denn Astronomie wurde schon lange, vor allem in Babylon betrieben und die Babylonier hatten auch schon lange herausgefunden, dass Sonnenfinsternisse sich in gewissen Zyklen wiederholen.

Spannender ist da schon, dass Thales auch ein ganz schön gewiefter Mathematiker gewesen sein muss. Auch das ist keine Seltenheit in der Philosophiegeschichte, die Art zu Denken bei Mathematik und Philosophie, ist eben verwandt. Zumindest solange man Heidegger nicht beachtet.

Es gibt die Anekdoten, dass Thales einerseits die Distanz zu einem Schiff errechnet haben soll, indem er es von zwei verschiedenen Landpunkten aus beobachtete. Außerdem soll er die Höhe einer Pyramide anhand der Länge ihres Schattens bestimmt haben. Und wir alle kennen ihn nicht zuletzt, weil wir in der Schule in Mathe den Satz des Thales lernen mussten.

“Konstruiert man ein Dreieck aus den beiden Endpunkten des Durchmessers eines Halbkreises (Thaleskreis) und einem weiteren Punkt dieses Halbkreises, so erhält man immer ein rechtwinkliges Dreieck.”

Thales von Milet

Übrigens soll auch dieses mathematische Gesetz sowohl den Babyloniern als auch den Ägyptern schon bekannt gewesen sein.

Dann gibt es noch zwei Anekdoten über Thales, die eher ins Reich der Propaganda gehören. Propaganda für Philosophie ist wohl die Geschichte, dass er von seinen Mitmenschen gedisst wurde, weil Philosophie eine brotlose Kunst sei. Aber Thales hat dann mithilfe der Sterne herausgefunden, dass es eine fette Olivenernte geben soll und hat alle Olivenpressen der Gegend gekauft, die er dann zu horrenden Preisen vermieten konnte und so schweinereich wurde. Wie gesagt: Bloße Propaganda, denn den Sternen ist die Olivenernte so schnuppe wie dein Horoskop und mit Philosophie hat das schon mal gleich gar nichts zu tun.

Die andere Anekdote ist Propaganda kontra Philosophen: So soll Thales mal von einer „Thrakischen Magd“ ausgelacht worden sein, weil er beim Sternebeobachten in einen Brunnen fiel. Das ist eine typische Geschichte vom „zerstreuten Professor“, wie wir sie auch heute noch erzählen und Thrakien war damals für die Griechen das, was für den Berliner Hipster heute Brandenburg ist, wodurch die Demütigung für Thales natürlich nur noch größer wird.

Warum die Griechen?

Kehren wir zur Frage zurück – What’s the big deal about:

„Thales, der Begründer von solcher Art Philosophie, erklärt als den Urgrund das Wasser”

Aristoteles: Metaphysik I 3 983 b 6 ff.

Die nächste kurze Antwort, die ich euch darauf geben möchte, lautet: Thales hat als erster den Ursprung der Welt nicht dadurch erklärt, dass irgendein Gott sie erschaffen hat. Doch auch jetzt noch belasse ich es erst einmal bei dem Teaser und beantworte die Frage indirekt, indem ich zunächst frage: Warum haben jetzt ausgerechnet die Griechen mit der Philosophie angefangen? Ihr müsst dabei bedenken, dass zu dem Zeitpunkt, als Thales lebte, die Ägypter schon krasse 3.500 Jahre lang eine Hochkultur hatten. Das sind noch mal locker 1.000 Jahre mehr als von Thales zu uns heute. Und dennoch hatte niemand in Ägypten jemals das Bedürfnis gehabt, anzuzweifeln, dass irgendein Gott die Erde erschaffen hat.

Diese Frage wurde früher oft mit dem „Griechischen Genius“ beantwortet. Eine Antwort, die nicht nur gefährlich ist, weil sie auf der “Europäer sind besser als andere“-Welle reitet, sondern auch mit ziemlicher Sicherheit falsch.

Was also war der Grund dafür, dass die Griechen nun plötzlich eine andere Antwort gaben auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest?

Einer der wichtigsten Gründe war sicherlich, dass es in Griechenland eine reiche Bürgerschicht gab: Alte, weiße Männer, die es sich leisten konnten, ihre Zeit mit Philosophie zu verschwenden, während Frauen und Sklaven für sie arbeiteten. Aber das kann noch nicht der einizige oder gar entscheidende Grund gewesen sein, den Aristokratien, die ihren Reichtum auf Sklaven aufbauten, gab es in der Antike zur Genüge. Aber Philosophie zunächst nur in Griechenland.

Nein, der wichtigste Grund für das Erwachen der Philosophie war wohl die Art und Weise, wie der griechische Staat und die griechische Gesellschaft damals aufgebaut waren. Ihr wisst das bestimmt: Es gab keinen starken Zentralstaat wie in Ägypten oder später in Rom. Stattdessen gab es jede Menge kleiner Stadtstaaten. Und dort gab es sehr repressive Stadtstaaten, so wie zum Beispiel Sparta, aber es gab auch andere, wie zum Beispiel Athen oder Milet, die ihren Bürgern (also den alten, weißen Männern) viele Freiheiten einräumten und die sich entsprechend auch nicht daran störten, wenn diese Bürger dann so gotteslästerliches Zeug von sich gaben.

Außerdem hatte dieses Stadtstaaten-Ding den Vorteil, dass du als aufsässiger Denker mal eben den Staat wechseln konntest, wenn das Kopfsteinpflaster unter deinen Füßen mal zu heiß wurde. Und diese Stadtstaaten-Struktur hatte noch weitere Vorteile. Dafür müssen wir uns ansehen, wie Griechenland aussieht: Griechenland ist bergig. Nicht ohne Grund sitzen die griechischen Götter auf einem Berg. Und die verschiedenen Stadtstaaten saßen zumeist, in fruchtbaren Tälern mit Meerzugang. Statt mühsam über die Berge zu kraxeln, bot es sich da an, mit dem Schiff zu fahren. So wurde Griechenland zu einer großen Seefahrernation und Seefahrt und Seehandel brachten viele kulturelle Einflüsse und andere Arten zu denken aus dem ganzen Mittelmeerraum – So etwas ist ein sehr fruchtbares Klima für innovatives Denken. Es ist kein Zufall, dass im gleichen Zeitraum in Griechenland auch die Geschichtsschreibung, die Mathematik und die Naturwissenschaften durch die Decke gingen.

Aber auch das war noch nicht alles: Es musste noch mehr hinzukommen, denn große Seefahrer waren zum Beispiel auch die Phönizier. Es mussten noch zwei Schäufelchen oder drei draufgelegt werden, damit die Griechen zu Philosophen werden konnten. Das erste Schäufelchen war dabei mit Sicherheit die griechische Sprache. Denn die hatte eine Tendenz zum Abstrahieren. So kann man im Griechischen ganz ähnlich wie im Deutschen ziemlich leicht aus den verschiedensten Worten Substantive machen. Und über den Sinn des Adjektives „wahr“ lässt sich eben nicht halb so gut spekulieren wie über den des sakralen Substantives „Wahrheit”.

Das zweite Schäufelchen war dann bestimmt die Alphabetschrift. Zwar hatte es Schriftsysteme schon lange vor den Griechen gegeben, aber keine der älteren Schriften war so vielseitig und leicht zu lernen gewesen, wie die griechische Alphabetschrift. So können wir heute mit Sicherheit sagen, dass die Mehrheit der griechischen Bürger (also der alten weißen Männer) lesen und schreiben konnte. Und das führte zu einigen spannenden Konsequenzen.

Eine dieser Konsequenzen war sicher, dass so Typen wie Hesiod und Homer anfingen die religiösen Mythen aufzuschreiben. Bis dahin waren diese Geschichten immer mündlich weitergegeben worden. Und ein mündlicher Vortrag hat die Eigenschaft und zugleich soziale Funktion, dass er angepasst werden kann. Wenn etwas aufgeschrieben wurde, dann steht es hingegen fest. Schwarz auf weiß. Jeder kann es hervorholen und mit der Welt vergleichen. Und möglicherweise ergeben sich einige Widersprüche zwischen dem, was in den Büchern über die Götter und die Welt steht und dem, was man selbst wahrnimmt. Fest steht zumindest, dass die Griechen nicht sehr hoch von ihren Göttern dachten. Wenn ihr Homer oder Hesiod lest, dann sind die Olympier ein ziemlich rüder Haufen.

Nun werfe man in diese Situation die schon erwähnte Seefahrt mit all ihren fremdartigen Einflüssen. Da war es kein Wunder, dass in Griechenland Sekten aus dem Boden schossen, die andere, neue Religionen versprachen. Die berühmtesten waren sicher der Dionysos-Kult und die daraus hervorgehenden Orphiker. Und in diesem Klima wirkt jemand wie Thales, der statt die einen Götter durch andere zu ersetzen, die Götter einfach durch ein abstraktes Prinzip wie Wasser ersetzt, vielleicht nicht ganz so überraschend. Und damit kommen wir nun endlich zur Beantwortung der Frage:

What’s the big deal?

Ich sagte schon, dass Thales mit seinem Spruch, dass der Urgrund der Welt Wasser ist, das logisch-wissenschaftliche Denken gewissermaßen erfunden hat. Außerdem sagte ich, dass er erstmals den Ursprung der Welt nicht mit Religion begründet hat. Aber das sind ja nun ersteinmal nichts weiter als Worthülsen. Was bedeutet das? Schauen wir uns den Schöpfungsmythos der Griechen doch einmal an: Da ist am Anfang das Chaos. Aber das ist nicht das, was wir heute darunter verstehen, auch wenn es gewisse Eigenschaften teilt. Stattdessen wurde dieses Chaos von den Griechen als ein denkendes, fühlendes Wesen gedacht, das dann folgerichtig auch ein Kind gebären kann: Gaia, die Erde. Auch Gaia ist wiederum beseelt. Wir nennen diese Art zu denken Animismus, dass also Dinge wie die Erde denken können, denen wir heute kein Bewusstsein zuschreiben. Dem gegenüber meint nun Thales, dass die Welt einfach aus Wasser entstanden ist. Ohne dass er Wasser irgendeine Seele oder ähnliches zuschreibt. Und diese Antwort unterschiedet sich auch zum Beispiel vom jüdisch-christlichen Schöpfungsmythos, in dem zwar die Erde nicht beseelt ist, aber von einem denkenden und fühlenden Gott geschaffen wurde.

Aber noch etwas ist anders zwischen Thales’ Antwort und jener der Religionen: Es handelt sich um eine Hypothese, die sich überprüfen lässt. Religion hingegen ist ein Dogma. Alle Fragen werden etwa im Christentum einfach mit „Es steht in der Bibel“ beantwortet. Das kann die Philosophie im besonderen und die Wissenschaft im Allgemeinen nicht. An die Stelle von „Steht in der Bibel“ muss nachdenken und beobachten treten. Natürlich geht aus Aristoteles Zitat nicht hervor, wie Thales seine Hypothese begründet hat, aber er hat damit eine Tradition begündet, in der eben dieses logische Begründungsspiel gespielt wird.

Schließlich ist noch ein dritter Aspekt an Thales Hypothese spannend. Denn er hat damit ein Frage gestellt, ein Thema eröffnet, dem wie in Philosophie, Physik und Biologie noch immer hinterherjagen. Eine der großen Fragen: Was ist das Prinzip oder der Ursprung der Welt, des Lebens etc.? Thales Antwort ist natürlich nicht sonderlich spannend oder auch nur kreativ. Ich sagte ja schon, dass er in einer Stadt lebte, die im höchsten Maße abhängig vom Meer war. Nein, Thales Hypothese war nicht ausgereift, aber sie regte zu weiterem Nachdenken an. Sie war eben der Urgrund der Philosophie.

Quellen

Zur Recherche habe ich verwendet:

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Bildquellen

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