Kritik an Platons Staat

Heute schließe ich Platons politische Philosophie ab, indem ich einerseits noch einmal erkläre, was mich an seinem Staatsmodell stört. Andererseits schreibe ich auch, wie Platon auf die Idee zu seinem idealen Staat kam. Hier als Video, darunter als Transkript …

Platons politische Philosophie

Man hat es mir bestimmt üüüüüüüberhaupt nicht angemerkt, aber für mich stellt Platons politische Philosophie den schwächsten Teil des Werks unseres großen Philosophen dar. Warum? Das will ich euch erklären. Doch zuvor stellt sich mir noch eine andere Frage. Eine Frage, die sich direkt an das letzte Mal anschließt, in der wir Platons Vorstellungen von einem perfekten Staat kennengelernt hatten:

Warum das Ganze?

Und diese Frage lautet: Warum? Wie kam Platon zu so einem – hoffentlich nich nur in meinen Augen – unglaublich reaktionären Staatsmodell? Erinnert euch dafür an das, was ich zu Platons Leben gesagt hatte: Platon war enttäuscht von der Demokratie, die Hinrichtung Sokrates’, des weisesten und gerechten Mannes, den er kannte, hatte ihn geschockt. er hatte die Demokratie als ein zutiefst ungerechtes System kennengelernt. Daher wollte er ein durch und durch von Gerechtigkeit und Vernunft geleitetes Gegenmodell entwerfen.

Damit wir Platons Hass auf die Demokratie besser verstehen und nicht komplett als stumpfen Reaktionismus abtun, sollte ich ergänzen: Die Athener Demokratie unterschied sich massiv von unserer heutigen Demokratie. So gab es keine Grundrechte, keinen Minderheitenschutz und nur einen bedingten Rechtsstaat. das System war radikal basisdemokratisch, das heißt, dass das Volk quasi alle Posten und Ämter im Staat wählte und vieles in Abstimmungen beschloss, das wir heute lieber Expertinnen überlassen. Es gab keine Gewaltenteilung: Die gleichen Menschen regierten also, erließen die Gesetze und waren Richter. Außerdem gab es keine sogenannten Checks and Balances – Also Institutionen, die darauf achten sollen, dass die Macht nicht missbraucht wird. Last not least wurden Frauen, Sklaven und Männer, die nicht in Athen geboren worden waren von den demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.

Platon hatte darüber hinaus aber auch den – sagen wir mal – „Gegenentwurf“ der 30 Tyrannen erlebt und von dieser Diktatur einer Gruppe von Aristokraten war er nicht weniger enttäuscht worden. Schließlich hatte er in Syrakus auch noch sehen können, dass ein Alleinherrscher nicht das Gelbe vom Ei ist. Schaut euch das alles am besten noch einmal in meiner Folge zu Platons Leben an.

Platon stellte sich also die Frage, wer denn nun der perfekte Herrscher sein kann, wenn doch alle in er Antike bekannten Systeme Probleme haben. Entsprechend war seine Antwort gar nicht so unvernünftig: Herrschen sollen nur Menschen, die sich eingehend mit so wichtigen Fragen wie „Was ist Gerechtigkeit?“ beschäftigt hat. Entweder müssen also die Philosophen Herrscher werden oder die Herrscher Philosophen.

Philosophen als ewige Regierungskaste

Prinzipiell spricht ja auch nichts dagegen, zu fordern, dass Politikerinnen sich schon einmal mit Moralfragen auseinandergesetzt haben. Aber begründet das Studium der Philosophie deshalb eine ewige Regierungskaste? Ich glaube nicht. Denn es gibt ein großes Problem, eine Tatsache, die für mich Platons System disqualifiziert: Menschen können sich irren.

Selbst jemand wie Platon, der extrem selbstsicher ist, weil er glaubt, die Ideen gesehen zu haben, kann sich irren. Viele der philosophischen Antworten, die Platon gibt, lehnen wir heute als falsch ab. Darüber hinaus sind Fragen der Moral nie ausschließlich Wissensfragen, wie ich schon bei Sokrates darlegte. Moral und Politik sind vor allem die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir Leben? Auf diese Frage wurden im Laufe der Jahrtausende immer wieder neue Antworten gegeben.

Die Vorstellung besipielsweise, dass Platons Philosophenkaste von selbst auf die Idee gekommen wäre, die Sklaverei zu beenden, ist äußert fragwürdig, denn politische Systeme tendieren dazu, den Status Quo zu erhalten. Das sieht man auch an Platon: Der Aristokratensohn entwarf nicht ohne Grund ein System, das stark einer Aristokratie ähnelte: Die Macht liegt bei einer privilegierten Gruppe und wird vererbt.

Veränderung als etwas Schlechtes

Platon macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er glaubt, Veränderung wäre etwas Schlechtes. Dies geht – genau wie seine Überzeugung, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben – auf seine Metaphysik zurück: Die Idee ist unveränderlich und perfekt. Alle Erscheinungen sind veränderlich und nur degenerierte Abbilder der Idee. Entsprechend muss jede Veränderung in seinem Staat verhindert werden – Was unter anderem zu seinem harschen Zensursystem führt.

Das ist eine sehr konservative Haltung, die im übrigen gerade heute wieder sehr populär ist: Wir sollen unsere Grenzen schließen, denn wir können all die fremden Einflüsse, die andere Kulturen mitbringen, angeblich nicht aushalten. Wir dürfen Minderheiten wie Homosexuellen oder Intersexuellen nicht mehr Rechte geben, denn so wie es jetzt ist, war es schon immer. Wir dürfen Dieselautos nicht verbieten, auch wenn sie uns vergiften, wegen der Armen Menschen, die schon immer mit Autos gefahren sind.

So eine Haltung ist eine sehr bequeme Einstellung, aber auch eine sehr gefährliche. Denn sie geht davon aus, dass die Art, wie wir leben, richtig ist und neue Einflüsse falsch. Und allzu oft in der Geschichte wurden Systeme, die derart verkrustet waren, irgendwann einfach auf die eine oder andere Weise angeschafft.

Auf institutioneller Ebene haben wir daher in der Demokratie die schon erwähnten Checks & Balances. Beispielsweise haben wir Legislaturperioden, damit wir alle vier Jahre die Chance haben, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen, indem wir eine schlechte Regierung abwählen oder dafür sorgen, dass die AfD wieder aus den Parlamenten fliegt. Das ist sehr wichtig! Der Philosoph Karl Popper definiert Demokratie nicht als das Mehrheitsprinzip – welches ja auch Platon zum kotzen fand – sondern als die Möglichkeit zum friedlichen Machtwechsel. Die Demokratie ist genauso schlecht und fehlerhaft wie Platons Staat, aber alle vier Jahre können wir auf friedliche Art und Weise zu schlechten Regierungen sagen: Nope, Leute, so nicht. Danke für euren Beitrag, aber wir probieren mal jemanden anderen aus. Platons System sieht diese Möglichkeit nicht vor.

Was ist das Grundprinzip des Totalitarismus?

Und wo ich gerade Karl Popper erwähnt habe: Er und Bertrand Russell gehören zu den schärfsten Kritikern von Platons politischer Philosophie. Sie sagen, dass Platon die theoretischen Grundlagen für einen Totalitären Staat wie den Nationalsozialismus oder den Stalinismus geschaffen hat. Ich will nicht verschweigen, dass diese Kritik ihrerseits auch oft kritisiert wurde. Zum einen konnte Platon natürlich nicht wissen, was über 2.000 Jahre später aus seinen Gedanken gemacht wurde. Zum anderen finden sich wohl viele nitpicky Details, in denen vor allem Popper in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ Platon falsch auslegt.

Aber insgesamt ist diese Kritik meiner Meinung nach auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Und zwar wenn wir genau das machen, wozu Platon uns auffordert und eine “Was ist …?“-Frage stellen: Was ist das Grundprinzip des Totalitarismus?

Der Gedanke, der dem Totalitarismus zu Grunde liegt, ist: Dass der Staat (beziehungsweise das Volk oder die Partei) etwas größeres und besseres ist als das Individuum und dass sich daher jeder Mensch in den Dienst dieses größeren Plans zu stellen hat, sodass am Ende das Große Ganze davon profitiert. Wenn dafür eine kleine Gruppe leiden muss (Juden, Andersdenkende, Flüchtlinge, Menschen mit Grundbesitz), dann macht das nichts, denn das Totale profitiert. Und das ist im Grunde genau die Philosophie, die hinter Platons Staat steckt.

Alle Menschen sind gleich

Wir hingegen haben gerade als Antwort auf die fatalen Konsequenzen des Totalitarismus nicht den Staat in den Mittelpunkt unserer politischen Bestrebungen gesetzt, sondern das Individuum. “Alle Menschen sind gleich” ist der dahinterstehende Grundsatz. Wichtig ist, dass die Menschen nicht in ihren Talenten oder Neigungen gleich sind sondern gleich in ihrem Status. Diese feine Nuance hat Platon mit seinem Grundsatz “Jedem das Seine” stets übersehen. In Bezug auf Talente und Neigungen ist “Jedem das Seine” eine feine Sache. Aber in dem Moment, in dem ich das Prinzip auf den Status von Menschen ausdehne und verlange, dass Menschen in bestimmte Kasten einsortiert werden müssen, weil das ihrer Natur entspricht, in dem Moment wird das Prinzip totalitär. Nein, im Status müssen alle Menschen stets gleich sein, das ist unsere feste Überzeugung. Der Staat ist nur dazu da, jedes einzelne Individuum zu schützen, keinen als bloßes Mittel zum Zweck des Glückes der anderen zu behandeln. Das kommt in unserem anderen, noch wichtigeren Grundsatz zum Ausdruck: “Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Das soll es von mir gewesen sein zu Platons politischer Philosophie. Da der große Philosoph in diesem praktischen Zweig der Philosophie so episch gefailt hat, wollen wir als nächstes uns anschauen, was Platon zur theoretischen Philosophie zu sagen hat. Konkret: zur Frage, wie Erkenntnis und Wissen möglich sind.

Vorher möchte ich mich aber nochmal mit euren Fragen und eurem Feedback beschäftigen. In diesem Sinne: Schreibt mir einen Kommentar!

Platon – Der Staat

Heute geht es endlich um Platons Staat. Ich stelle euch die Gesellschaftsform und die Institutionen vor, die Platon für seine Utopie vorsah. Ich kläre die Frage, wer herrschen soll und frage mich, warum das jetzt gerecht sein soll. Ihr könnt euch das als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Heute möchte ich Platons idealem Staat richtig auf den Zahn fühlen und euch darlegen, wie Platons Vision aussah. Also, blicken wir wieder in den Text:

Das ideale Staatsmodell

Nachdem Platon sich darüber ausgelassen hat, was die passende Erziehung ist und damit vor allem meinte, vor welchen seiner Meinung nach schädlichen Einflüssen es die Kinder zu schützen gilt, wendet er sich nun der Frage zu, wer in seinem idealen Staat herrschen soll.

Platon entwirft in der Folge ein Gesellschaftsmodell mit drei Kasten: Den Herrschern, den Soldaten und dem Stand der Handwerker, Bauern und Händler. Jeder Stand und jeder Bürger hat die Pflicht zum Gemeinwohl beizutragen, indem er das für den Staat tut, was am ehesten seiner Natur entspricht. Remember, remember: Jedem das Seine. Die Bauern, Handwerker und Händler haben die Aufgabe, alles herzustellen, was die Gesellschaft braucht. Die Soldaten sollen den Staat sowohl nach außen schützen, also militärisch, als auch nach innen, also polizeilich. Die Herrscher schließlich sollen, nun ja: herrschen!

Normalerweise wird die Standeszugehörigkeit vererbt, allerdings werden alle Kinder von den Herrschern einer Eignungsprüfung unterzogen und können so gegebenenfalls doch lieber einer anderen Kaste zugeordnet werden. Der Staat plant und lenkt die Fortpflanzung: Er kann sie sowohl befehlen, als auch verbieten zum Wohle der Eugenik und der Bevölkerungsentwicklung. Behinderte oder vom Staat unerwünschte Kinder werden ausgesetzt oder ermordet. Das klingt äußerst brutal und ist es auch, war jetzt aber keine ganz neue Idee von Platon, sondern wurde im antiken Griechenland durchaus so praktiziert. Jedes zweite griechische Drama beginnt mit einem ausgesetzten Kind.

Weiter im Text: Damit sich die Soldaten und die Herrscher nicht gegen das eigene Volk wenden können, ist ihnen der Besitz von Privateigentum verboten, sie haben keine eigene Wohnungen, keine Reichtümer, sie leben in Gemeinschaften und werden vom dritten Stand mit allem versorgt, das sie brauchen. An dieser Stelle möchte ich euch erinnern, dass Platon und seine Kumpel mehrfach versucht hatten, den idealen Staat in Syrakus zu etablieren. Na? Habt ihr eine Idee, warum das gescheitert ist?

Der Verzicht auf Privateigentum soll deshalb davor schützen, dass sich die Soldaten und/oder Herrscher gegen das eigene Volk wenden, weil er die einzelne Soldaten und Herrscher unbestechlich macht. Denn sie könnten nichts mit entsprechenden Reichtümern anfangen. Gute Idee, das muss ich ja mal zugestehen. Quasi die platonische Variante von Transpareny International. Wobei auch das meiner Meinung nach übersieht, wie kreativ Menschen werden können, wenn es um Bestechung geht. Aber unabhängig von Bestechung, hilft diese Maßnahme vor allem nichts gegen einen Putsch, womöglich erhöht sie sogar die Gefahr …

Platon lässt auch Adeimantos den Einwand fomulieren, nämlich dass die Herrscher ihren Job wohl nicht gerade gerne machen werden. Schließlich haben sie den ganze Stress der Regierung, ohne die Früchte zu ernten. Sokrates erwidert, dass gar nicht so klar sei, ob nicht ein derart asketisches Leben am Ende viel glücklicher macht. Klassischer Platon: Askese macht glücklich! Genau! Warum hatten die Griechen noch gleich mit Dionysos einenn saufenden und Sex-Partys feiernden Hippie-Jesus als Gott? Gut: Sex verbietet Platon diesmal nicht.

Aber es komme – so Platon – auch nicht auf das Glück der Herrscher an, sondern darauf, dass am Ende dem gesamten Staat möglichst viel Gutes zukomme. Wenn dafür eine kleine Gruppe zurückstecken müsse, dann sei das vertretbar.

Da drin steckt das Prinzip das ein paar Jahrtausende später vom Utilitarismus aufgegriffen wurde: Der Staat hat für das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl seiner Bürger zu sorgen. Aber natürlich entkräftet dies unseren machtpolitischen Einwand überhaupt nicht: Klar kannst du argumentieren, dass das moralisch hochwertiger ist. Aber ob das die Leute mit den Waffen und die Leute, die die Gesetze schreiben werden, auch so sehen?

Was ist daran gerecht?

Anyway: Das waren sie schon, die groben Züge von Platons Staat. Die Frage ist, was daran jetzt so gerecht sein soll? Platon sagt, dass das Prinzip, welches ich ganz am Anfang dieser Folge erwähnte, die Gerechtigkeit an diesem Staatsmodell ausmacht: Dass jeder Bürger dem Stand zugeordnet wird, der am ehesten seinen natürlichen Neigungen entspricht – der Grundsatz „Jedem das seine“.

Aber dieser Grundsatz wird hier noch weiter gedacht: Indem jeder zum Gelingen des Staates beiträgt, tut jeder seine Pflicht also das Seine. Platon setzt außerdem die drei Stände mit den drei Teilen der Seele gleich, die wir kennengelernt hatten: Vernunft, Gefühle und Triebe. Demnach ist bei jedem Menschen einer dieser drei Teile dominant und er soll dann in die damit assoziierte Kaste kommen: Die Vernünftigen sind natürlich die Herrscher, die Emotionalen sind die Soldaten und die Triebgesteuerten kommen in den dritten Stand.

Wer soll herrschen?

Spannend an Platons Utopie ist für uns noch die Frage, wer in diesem Staat herrschen soll. Wie also bestimmt wird, wer geeignet ist für die Herrscherkaste. Die Antwort kennt ihr wahrscheinlich alle, sie gehört ebenfalls zu den berühmtesten Überlieferungen Platons. Aber selbst wenn ihr sie nicht kennt, so ist sie nicht sonderliche überraschend, sondern verharrt in Platons Egozentrismus: Die Herrscher müssen Philosophen werden oder die Philosophen Herrscher.

Warum gerade die? Nun, abgesehen davon, dass Philosophen bei Platon eh immer am coolsten sind, schlagen wir hier mal wieder den Bogen zurück zum Höhlengleichnis: Nur Philosophen haben die Idee des Guten gesehen und können so nach jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Guten weise und gerecht herrschen.

So, das soll für heute reichen. Beim nächsten Mal werde ich Platons politische Philosophie abschließen, indem ich mich einerseits noch einmal frage, wie er auf so crazy shit kommen konnte. Und andererseits werde ich mal ein paar ganz klitzekleine Problemchen von Platons Theorie des idealen Staats ansprechen.

 

Platon – Der Sinn des Lebens

Die größte aller Fragen

Heute möchte ich mich heute der vielleicht größten aller Fragen widmen: Was ist der Sinn des Lebens? Erinnert euch an meinen letzten Platon-Text zurück: Wir stecken eigentlich mitten in Platons Ethik. Der Höhlenforscher hatte argumentiert, dass Ungerechtigkeit unglücklich mache, weil es der Zweck der Seele sei, gerecht zu sein. Um diese steile These zu verstehen, widmen wir uns also heute dem Sinn des Lebens. Wie immer könnt ihr entweder das Video schauen oder darunter das Ganze als Text lesen.

Unser Meister der Ideen gehört zu den ältesten nicht-religiösen Quellen, die sich mit der Sinn-Frage beschäftigt haben. Und seine Antwort lautet: Der Sinn des Lebens ist, ein gutes, glückliches Leben zu führen. Das ist doch eine gute Antwort, oder?

Platon begründet sie sogar noch: Und zwar hält er das gute, glückliche Leben für eine Letztbegründung. Eine Letztbegründung – das hatten wir ja schon im Zusammenahng mit der platonischen Liebe gelernt – ist ein Punkt, an dem man nicht mehr sinnvoll „warum?“ fragen kann. Und die Antwort: “Weil du ein gutes und glückliches Leben führen willst”, ist ein solcher Punkt. Die Frage „warum“ macht hier keinen Sinn mehr, so Platon.

Ich denke, dass beim Glück weitgehend unstrittig sein dürfte, dass es eine Letztbegründung ist, denn wer will nicht glücklich sein? Aber wie sieht es mit dem Guten aus?

Wichtig ist dabei, dass „gut“ in diesem Kontext tatsächlich (auch) moralisch gut heißt. Was es mit diesem “auch” auf sich hat, dazu komme ich später. Denn zunächst habe ich noch ein anderes Problem: Dass es der Sinn des Lebens ist, auch moralisch gut zu handeln ist nicht so einleuchtend wie das Streben nach Glück. Denn es ist anstrengend! Wenn ich immer rein egoistisch handle, ist es viel leichter, glücklich zu werden. Ich muss mir keine Gedanken machen, wer meine Kleidung oder mein Handy hergestellt hat. Ich brauche nicht darüber nachdenken, welches empfindsame Wesen für mein Essen sterben musste. Oder was mein Dieselmotor für diesen Planeten bedeutet. Können wir nicht auf Moral verzichten und einfach sagen, dass Glück der Sinn des Lebens ist?

Platon sagt dazu, dass Egoismus vielleicht meine Triebe befriedigt. Wenn ich mich durch ihn aber moralisch schlecht verhalte, weil ich nicht an meine Mitmenschen denke, dann füge ich dadurch meiner Seele Schaden zu und handle so nicht dem Sinn des Lebens entsprechend.

Hmm, interessante Behauptung. Mir ist diese Einstellung sehr sympathisch. Aber für Sympthie kann ich mir weder im Kapitalismus noch in der Philosophie etwas kaufen. Wo der Markt Cash sehen will, da wollen wir Philosophen Argumente sehen. Also: Warum sollte Egoismus meiner Seele schaden? Nun dazu müssen wir zu unserer Frage aus der letzten Folge zurückkehren und uns angucken, was Platon über Gerechtigkeit sagt.

Was ist Gerechtigkeit?

Die Frage, was Gerechtigkeit ist, beantwortet Platon dadurch, dass er ein Modell der Seele entwirft. Demnach besteht die Seele aus drei Teilen. Zum ersten gibt es die Begierden, die natürlichen Triebe wie Hunger, Durst und den Sexualtrieb. Der zweite Teil ist die Vernunft und der dritte Teil sind die Gefühle, die Emotionen. Auch diese drei Seelenteile hören sich wieder äußerst plausibel an. Zwar sieht die moderne Psychologie das ganze etwas komplexer, aber der Grundansatz ist verdammt clever.

Ein Mensch ist, so fährt Platon fort, dann zu sich selbst gerecht, wenn er allen drei Teilen seiner Seele das zukommen lässt, was ihnen zusteht. Oje, rieche ich da mal wieder “Jedem das Seine“? Für die Vernunft ist es angemessen, richtig, das heißt: logisch zu denken. Für die Emotionen ist es angemessen, angemessen zu reagieren und für die Triebe ist es angemessen, in angemessener Weise das Leben der Menschen zu bestimmen – für Platon heißt das vor allem: gezügelt zu werden. Es ist interessant, dass Platon alle drei Seelenteile als etwas Wildes betrachtet, das in der einen oder anderen Form kontrolliert werden muss.

Der Vernunft kommt dabei – wie könnte es auch anders sein – eine besondere Rolle zu. Sie muss über die anderen beiden Teile der Seele herrschen und so für Ordnung sorgen. Wenn also unsere Triebe danach verlangen etwas zu essen, obwohl wir wissen, dass wir schon genug Kalorien zu uns genommen haben, dann muss die Vernunft ihnen Einhalt gebieten, damit wir nicht dick werden. Genauso muss die Vernunft unsere Emotionen kontrollieren, wenn wir beispielsweise jemanden die Fresse polieren möchten, weil er verdammt noch mal ein Arschloch ist! Wenn die drei Seelenteile eines Menschen sich aber in einer inneren Harmonie befinden, dann herrscht Gerechtigkeit und dann wird ein Mensch in einer solchen Harmonie auch nur gerecht handeln.

Innere und äußere Gerechtigkeit

Aber Moment, das ist doch ein merkwürdiges Gerechtigkeitsverständnis, oder? Denkt noch einmal an die Untersuchung des Begriffs der Gerechtigkeit. Dort ging es um Probleme wie den Umgang mit Freunden und Feinden, um das Zurückgeben von Dingen die du dir ausgeliehen hast, um das Betätigungsfeld der Gerechtigkeit und um die Frage, wie eine Regierung handeln muss, damit sie gerecht ist.

Demgegenüber spricht Plato nun von Gerechtigkeit der eigenen Seele gegenüber. Platon macht hier aus einem Problem der Welt, also einem zwischenmenschlichen Problem einen inneren Zustand, ein innermenschliches Problem. Aber damit gibt er dem Begriff der Gerechtigkeit eine völlig neue Bedeutung, die sich massiv von unserem alltäglichen Gebrauch unterscheidet.

Normalerweise sagen wir nicht: Weil wir wissen, dass Wolfgang Schäuble sich in innerer Harmonie befindet, handelt er gerecht, daher sollten wir nicht am Sparkurs für Griechenland zweifeln. Stattdessen fragen wir so Sachen wie: Was hat Griechenland getan, dass es so tief in die Schulden abgerutscht ist? Hatte das Verhalten Deutschlands oder Europas einen Anteil daran? Ist es gerecht die griechische Bevölkerung für einen komplexen volkswirtschaftlichen Prozess durch so massive Sparmaßnahmen zu bestrafen? Und ist es gerecht, die deutsche Bevölkerung mit ihren Steuern für die griechischen Schulden zahlen zu lassen? Das sind alles Fragen, die sich auf das Verhalten von Menschen und Staaten beziehen. Diese Fragen betreffen Zustände in der Welt und nicht die inneren Zustände von Menschen.

Wir kennen natürlich auch Fälle, in denen wir davon sprechen, dass jemand selbstgerecht ist oder im Gegenteil zu hart mit sich ins Gericht geht. Aber diese Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit auf das eigene Ich ist ein Sonderfall, ein Extrem. das sich aus dem Regelfall der zwischenmenschlichen Gerechtigkeit ableitet.

So leid es mir tut, ich finde diesen Teil der platonischen Philosophie wirklich schwach. Allerdings darf ich nicht verschweigen, dass Platons Definition der Gerechtigkeit noch nicht am Ende ist. Damit ein Mensch gerecht handeln kann, muss noch etwas weiteres hinzukommen. Denn die Vernunft kann die Seele nur ordnen, wenn sie ihrerseits auf etwas bezogen ist, etwas anstrebt: Das Gute.

Das Gute als Lebensziel

Jetzt kommen wir auf das “auch” vom Anfang zurück. Denn es ist wichtig zu wissen, dass Platon noch nicht eindeutig zwischen moralisch gut und zweckdienlich unterschied, da es in der griechischen Sprache diese Unterscheidung nicht explizit gab. Ein Messer kann genauso gut sein, wenn es gut schneidet, wie eine Person, wenn sie gut handelt. Das ist wichtig zu verstehen: Denn dann macht es plötzlich sehr viel Sinn, dass der Sinn des Lebens es ist, gut und glücklich zu leben.

Platon nennt alles „gut“, das irgendwie erstrebenswert ist. Immer wenn jemand etwas tut, dann macht er oder sie dies, weil das, was sie oder er anstreben, etwas gutes ist. Kapiert? Ich möchte etwas essen, weil es gut für mich ist. Genauso möchte meine Seele gerecht sein, weil es gut für sie ist. Allerdings ergänzt Platon, dass eine Person sich darin irren kann, was gut ist. Ein Junkie wird Heroin erstrebenswert finden, aber es ist nicht gut für ihn.

Aber angenommen, wir haben einmal herausgefunden, was das wirklich Gute ist. Dann kann und wird unsere Vernunft dies anstreben. Daraus folgt dann, dass unsere Seelenteile in Harmonie gebracht werden. Ein Mensch wiederum, dessen Seelenteile sich in Harmonie zueinander befinden, ist glücklich. Woraus wiederum für Platon folgt, dass das Streben nach dem Guten glücklich macht.

Und somit schließen wir wieder den Bogen zurück zum Sinn des Lebens: Nur, wenn wir gut handeln, ist unsere Seele in Harmonie und nur so werden wir auch wirklich glücklich sein. Damit deckt sich auch mit etwas, für das sich der echte Sokrates stark gemacht hat: Dass Unrecht zu tun schlechter ist als Unrecht zu erleiden. Denn, wenn ich Unrecht tue, dann wird meiner Seele Schaden zugefügt. Dies war der Grund, warum Sokrates sich weigerte nach dem Todesurteil zu fliehen.

Okay, jetzt wissen wir, was der Sinn des Lebens ist und wir wissen, was uns glücklich macht. Das Streben nach dem Guten. Doch damit werden wir wieder auf den Anfang meiner Erörterungen von Platons Philosophie zurückgeworfen zu den drei Gleichnissen. Denn wir müssen uns einmal mehr fragen: Was ist es denn nun, dieses Gute?

Doch das machen wir beim nächsten Mal …

Platon – Das Recht des Stärkeren

Was ist Gerechtigkeit?

Heute beginne ich mit Platons Ethik, die uns zu seiner politischen Philosophie führen wird. Genauer gesagt, werde ich mit Platons Prüfung des Rechts des Stärkeren anfangen. Zu diesem Zweck blicken wir mal wieder in einen der Dialoge und zwar in keinen anderen als in “Der Staat”. “Der Staat” beginnt mit einer der zentralen Fragen für Platon. Einer Frage, die ihn sein Leben lang umgetrieben hat: Was ist Gerechtigkeit? Wiiiiiiiiiiiieeeee immer könnt ihr euch die Erörterung als Video angucken oder unter dem Video weiterlesen …

Sokrates ist in der Geschichte beim wohlhabenden Kephalos zu Gast und fragt diesen, was der größte Vorteil seines Reichtums ist. Kephalos meint, dass er immer gerecht sein konnte und nie jemandem etwas schuldig blieb. Dies nimmt Sokrates – der offensichtlich sonst keine Hobbys hat – sogleich zum Anlass, den Begriff der Gerechtigkeit zu definieren.

Zurückgeben, was man empfangen hat

Die alte Hebamme erbittet von seinen Gesprächspartnern Kephalos, Simonides, Polemarchos und Thrasymachos einen Vorschlag zur Begriffsbestimmung, was denn bitteschön gerecht ist und erhält diesen auch von Simonides: Gerechtigkeit bedeutet, jedem das wiederzugeben, was man von ihm empfangen hat. Das ist quasi das alttestamentarische Gerechtigkeitsverständnis. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Oder in einer positiven Wendung: Wenn du mir etwas gibst, dann ist es nur gerecht, wenn du auch von mir genausoviel zurückerhältst. Das klingt doch ganz einleuchtend, oder?

Ein wenig ungerecht lehnt unser alter Barfußgänger diese Definition aber umgehend ab. Allerdings hat er dafür gute Gründe: Sokrates bringt das Gegenbeispiel, dass jemand mir eine Waffe geliehen hat, doch als ich sie zurückgeben will, stelle ich fest, dass der Besitzer dem Wahnsinn verfallen ist. Wäre es gerecht, die Waffe dennoch zurückzugeben?

An dieser Stelle muss ich gleich mal einhaken. Denn es ist wirklich ungewöhnlich, dass Sokrates ausgerechnet dieses Beispiel als einen Fall von Ungerechtigkeit wählt. Ich würde nicht sagen, dass es ungerecht ist, sondern unverantwortlich. Dass also der Wert des verantwortlichen Handelns hier mit dem der Gerechtigkeit in einen Konflikt gerät. Darüber hinaus ist dieser sehr spezielle Fall auch eine gewaltige Ausnahme. Und als solche zeigt sie doch eigentlich, dass im Normalfall durchaus gilt: es ist gerecht, das zurückzugeben, was man erhalten hat, sofern es nicht triftige Gründe gibt, die dagegen sprechen.

Zugleich fällt mir ein viel besseres Beispiel ein als Sokrates’ spezieller Fall. Ein Beispiel bei dem wir “jedem das wiedergeben, was man von ihm empfangen hat” nicht als gerecht ansehen: Steuern. Reiche Menschen müssen mehr Steuern zahlen als Arme. Aber deshalb halten wir es nicht unbedingt für gerecht, dass Reiche auch mehr von den Investitionen des Staates profitieren, oder? Ich denke, wir können also trotz seiner merkwürdigen Argumentation mit Platon diese erste Definition als falsch ablehnen.

Jedem das Seine

Im Dialog springt Polemarchos Simonides zur Seite und schlägt eine neue Definition vor: Gerechtigkeit ist Freunden Gutes zu tun. Polemarchos zieht weiter den Schluss, dass daraus folge, seinen Feinden Schlechtes zu tun. Denn Feinde seien ja das Gegenteil von Freunden. Finde ich jetzt nicht unbedingt überzeugend, aber ich halte mich mal zurück. Denn Sokrates übernimmt die Schlussfolgerung zunächst einmal und stellt die nächste Definition auf: Gerechtigkeit ist, jedem das zu geben, was ihm zusteht. Diese berühmte platonische Gerechtigkeitsdefinition wird oft mit dem nicht minder berühmten wie unrühmlichen Spruch abgekürzt: Jedem das Seine. Das stand an der Tür des KZ’ Buchenwald. Unser Menschenrecht “Alle Menschen sind gleich” ist ein direkte Antwort auf diese Weltsicht. Doch das war 2.200 Jahre später, kehren wir nach Athen zurück, wo Sokrates erst einmal abschweift.

Denn Sokrates fragt sich als nächstes: Wenn Gerechtigkeit die Kunst ist, Freunden Nutzen zuzufügen und Feinden Schaden, was ist denn dann das Betätigungsfeld dieser Kunst? Zum Beispiel ist das Restaurant dass Betätigungsfeld des Kochens. Aber was ist das der Gerechtigkeit? Sokrates selbst bringt ein anderes Beispiel: Wenn ein Freund krank ist, dann ist es nach unserer Definition gerecht, ihn zu heilen. Aber im Gegensatz zur Kochkunst, die jemand ausüben kann, der sie gelernt hat, kann in unserem Beispiel dem kranken Freund nicht jemand helfen, der Gerechtigkeit studiert hat, sondern Medizin. Der Freund braucht keinen Gerechten sondern eine Ärztin. Was ist denn dann das Betätigungsfeld der Gerechtigkeit? Da der Dialog “Der Staat” heißt, habe ich einen Verdacht, was sich am Ende als das Betätigungsfeld für die Gerechte herausstellen wird.

Allerdings finde ich die Untersuchung des Begriffs bis hier hin noch recht wackelig. Ich würde sie fast schon sophistisch nennen und lasse das nur, weil Platon mich dafür wahrscheinlich zu einem Leben in der Höhle verdammen würde. Denn wieder einmal konstruiert Platon ein Problem dadurch, dass er alle Begriffe über einen Kamm schert. Schließlich müssen nicht alle “Künste” immer gleich zu Berufen führen. Ich habe die Kunst der Radfahrens gelernt, dennoch bin ich von Beruf nicht Radfahrer. Diese Kunst kann mir aber in anderen Bereichen meines Lebens durchaus von Nutzen sein. Ihr Betätigungsfeld ist eben viel größer als das der Medizin. Vielleicht gibt es Situationen, in denen ein Arzt auch gerecht sein muss? Zum Beispiel in der Notaufnahme, wenn sich ihm die Frage stellt, welchen Patienten er als erstes behandeln soll. Oder bei der Frage, ob einer unheilbar kranken Patientin Sterbehilfe geleistet werden soll.

Während ihr über diesen Einwand nachdenkt, lässt Sokrates von diesem Pfad der Untersuchung schon wieder ab und kehrt zurück zur Frage, ob “Feinden Schaden zuzufügen” wirklich  gerecht ist. Platon zeigt hier mal wieder, dass sein Akzeptieren dieser Definition vor allem dazu diente, uns zum Nachdenken anzuregen. Denn auf den zweiten Blick erkennt Sokrates: Wenn man jemandem etwas Schlechtes antut, wird die Person nur noch schlechter. Das leuchtet mir ein: Wenn mir jemand etwas Schlechtes antut, dann reagiere ich oft mit Trotz und denke nicht zuerst über meine eigenen Schwächen nach. Das kann doch wohl nicht im Sinne der Gerechtigkeit sein.

Das Recht des Stärkeren

Als nächstes gibt dann Thrasymachos seine Definition von Gerechtigkeit zum besten: Gerecht sei, was den Stärkeren nützt – also das Recht des Stärkeren. Sokrates gibt sofort zu bedenken, dass die Starken im Sinne von Machthabern in einem Staat sich irren können, was für sie von Nutzen ist. Thrasymachos gesteht dies Sokrates zu und präzisiert, dass gerecht nur das ist, was sie zu Recht als nützlich ansehen und von den Bürgern verlangen. Thrasymachos tappt in Sokrates’ Falle, als er die Analogie zum Arzt aufmacht: Ein Arzt ist nur dann ein gerechter, wir würden eher sagen: guter Arzt, wenn er die richtige Medizin verschreibt, nicht wenn er sich in seinen Anweisungen irrt. Jetzt hat Sokrates ihn am Haken, denn Platons Lehrer spinnt die Analogie weiter und sagt: Jatzt aber mal halb lang, Thrasymachos, der Arzt ist doch nur ein guter Arzt, wenn er dem Kranken hilft und nicht sich selbst. Dann kann doch der Staatsmann auch nur ein guter Staatsmann sein, wenn er etwas für die Bevölkerung tut und nicht nur zu seinem eigenen Vorteil regiert.

Thrasymachos will die Analogie zum Arzt jetzt aber doch lieber nicht mehr gelten lassen und schlägt stattdessen die Analogie zum Hirten vor: Der muss sich zwar um seine Herde kümmern, aber nicht zu deren Vorteil sondern zu seinem eigenen, denn er will ja am Ende durch Wolle, Milch oder Fleisch davon profitieren. Offensichtlich gerät er jetzt in Rage. Denn er redet sich um Kopf und Kragen. Seines Erachtens ist nämlich die Ungerechtigkeit eh viel cooler als die Gerechtigkeit. Das sieht man doch an einem Tyrannen, also einem Diktator. Der muss den Gesetzen, die er anderen auferlegt, selbst nicht folgen und wird dafür noch gefeiert. Das zeigt doch, dass Ungerechtigkeit nicht deswegen gefürchtet wird, weil man anderen gegenüber ungerecht ist, sondern nur weil man selbst Angst hat, Ungerechtigkeiten zu erfahren. Daraus ergibt sich für Thrasymachos das Recht des Stärkeren. Solange du nur an der Spitze stehst, brauchst du keine Angst zu haben und alles, was du machst ist gut.

Gerecht ist nicht Geschäftstüchtig

Nachdem es so aus Thrasymachos herausgeplatzt ist, will er eigentlich gleich den Abgang machen, aber Sokrates meint nur: Moooomentemal! Zunächst wirft er Thrasymachos vor, dass er zweierlei verwechselt: Zum einen den Beruf des Hirten und zum anderen seine Geschäftstüchtigkeit. Der Job des Hirten ist es, sich gut um seine Herde zu kümmern. Und ob er ein guter Hirte ist, das zeigt sich daran, ob es seiner Herde gut gehe. Ganz unabhängig davon ist die Frage zu beurteilen, ob er auch geschäftstüchtig ist, das zeige sich aus dem, was er aus seiner Herde rausholt. Im übrigen sei das ja beim Arzt nicht anders: Ob der Karriere macht, hängt von seiner Geschäftstüchtigkeit ab. Aber ob er ein guter Arzt ist, das zeigen seine Heilerfolgen. Und bei Regierenden sei es auch nicht anders. Die können zwar Geld und Ruhm erwerben, wenn sie geschäftstüchtig sind, aber das sagt noch nichts über ihre Qualität als Regierungschefs aus.

Das ist ein sehr schöner und wichtiger Gedanke, der in unser heutigen Zeit allzu oft vergessen wird, da alles nur darauf ausgelegt ist, möglichst erfolgreich am Markt zu sein, möglichst viel Geld zu erwirtschaften. Ich kann zum Beispiel als Forstwirtin schnell viel Kohle machen, indem ich einfach ganze Wälder abholze oder Monokulturen anpflanze mit Bäumen, die schnell wachsen. Aber das macht mich zwar zu einer geschäftstüchtigen Volkswirtin, jedoch nicht zu einer guten.

Erst wenn ich einen Wald so bewirtschafte, dass ich das ökologische Gleichgewicht erhalte und auch noch in zwei, drei oder zehn Generation der Wald gesund sein wird und die nach mir kommenden Forstwirte davon profitieren. Erst dann bin ich auch ein gute Forstwirtin. Genauso verhält es sich bei der Politik: Deutschland profitiert gerade sehr von seiner strengen Finanzpolitik, die Schulden schrumpfen und der Staatshaushalt wächst. Aber das sagt noch nichts über die Qualität unserer Regierung aus, nur über ihr volkswirtschaftliches Geschick. Ob wir gut regiert werden, zeigt sich darin, wie das zur Verfügung stehende Geld investiert wird.

Selbst Diktatoren müssen gerecht sein

Aber Thrasymachos hatte ja nicht nur das Hirtenargument gebracht, sondern dann sogar gesagt, dass Ungerechtigkeit besser ist als Gerechtigkeit. Gerechtigkeit nennt er eine edle Einfalt. Da seht ihr mal, wie alt die Vorwürfe gegenüber „Gutmenschen“ sind. Aber mit so einem billigen sophistischen Trick ist er bei Sokrates an der falschen Adresse! Sokrates erwidert, dass die Ungerechtigkeit schon deshalb nicht besser sein kann als die Gerechtigkeit, da selbst ein Diktator nicht komplett auf sie verzichten kann: Er muss zumindest seinen Helfern gegenüber gerecht sein. Er braucht die Unterstützung einer Herrscherklasse oder eines Staatsapparats, um sich an der Macht zu halten. Wenn er gegen jeden, sogar gegen die eigenen Verbündeten ungerecht ist, dann wird er schnell soviel Unmut ernten, dass er gestürzt wird. Gerechtigkeit wenigstens einer Gruppe der Bevölkerung gegenüber ist eine notwendige Bedingung für einen stabilen Staat. Das ist ein sehr kluger machtpolitischer Gedanke, merkt ihn euch!

Aber unabhängig davon mache Ungerechtigkeit auch unglücklich. Jedes Ding habe seinen Zweck und der Zweck der Seele sei, gerecht zu handeln. Okay … Dieser Umschwung kam jetzt recht plötzlich. Das Argument, dass selbst Diktatoren nicht komplett ungerecht sein können, war sehr stark. Da hatte die alte Socke mich voll auf seiner Seite. Warum jetzt dieser esoterische Umschwung auf den Zweck der Seele? Nun, das bringt uns zum nächsten Aspekt, den ich beim nächsten Mal besprechen werde: Was ist der Sinn des Lebens?

Literatur

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