Platon – Erziehung und Zensur

Heute beginne ich, mich in Platons politische Philosophie hineinzustürzen. Bevor wir die Verfasstheit von Platons idealem Staat kennenlernen, beschäftigen wir uns zunächst mit den Grundbedingungen. Welche Maßnahmen müssen in der Erziehung getroffen werden, um den idealen Staat vorzubereiten? Das heißt für Platon vor allem eines: Zensur. Ihr könnt das als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der Staat

Wir hatten den Dialog über die Frage verlassen, was Gerechtigkeit ist und werden über diese auch wieder zu ihm zurückkehren. In “Der Staat” werden noch viele klassische Probleme und Thesen der Ethik besprochen: So zum Beispiel die später noch oft vertretene These, dass die Menschen von Natur aus egoistisch sind und sich nur deshalb auf gerechte Gesetze geeinigt haben, um zu verhindern, dass sie selbst einen Nachteil erleiden.

Doch, wie gesagt, für uns wird es nun Zeit, mal langsam in Platons Utopie hineinzuschauen. Also in Platons Vision für einen idealen Staat. Dieser Dialog ist übrigens die erste aller uns bekannten Utopien. Es ist also das erste Mal, dass das Modell einer idealen Gesellschaftsform entworfen wurde. Alle großen Entwürfe der Politikwissenschaft von Aristoteles über Machiavelli, Hobbes, Locke, Montesquieu und natürlich Thomas Morus bis hin zu Hegel, Marx und John Rawls stehen in seiner Tradition. Die Frage ist nur, ist dieser, Platons Staat auch wirklich so ideal? Lasst uns in den Text reinschauen:

Nachdem die Gesprächsrunde in Kephalos‘ Haus nicht so recht vorankommt mit ihrer Untersuchung, was denn Gerechtigkeit ist, macht Sokrates schließlich einen Vorschlag: Manchmal lassen sich Probleme besser klären, wenn man einen Schritt zurücktritt und versucht, das große Ganze zu betrachten. Statt zu sagen, was den einzelnen Menschen gerecht macht, lässt sich ja vielleicht klären, was für einen gerechten Staat wesentlich ist.

Wie das so seine Art ist, legt Platons Sokrates aber wieder einmal nicht gleich die Karten auf den Tisch, sondern dreht eine Extrarunde, ganz als ob er Kilometergeld bekommen würde. Bevor er beginnt, die Institutionen des idealen Staates zu beschreiben, fragt Sokrates sich also zunächst, was denn die Grundvoraussetzungen sind, unter denen ein solcher Staat überhaupt möglich ist. Dabei kommt er ganz schnell darauf, dass man bei Bildung und Erziehung ansetzen müsse, wenn man überhaupt irgendwas erreichen will.

Zensur

Diesen Ausgangspunkt nutzt Platon, um mal so richtig schön tief in die Kiste des Konservatismus zu greifen und auch ordentlich im Regal des Reaktionismus zu kramen. Denn Platon hielt es für problematisch, dass bereits Kinder in den Schulen Griechenlands mit Schundliteratur in Kontakt kamen oder zumindest dem, was Platon dafür hielt. Das erinnert mich übrigens sehr an meine Schulzeit und die Einstellung von so manchem Lehrer. Überhaupt ist es spannend, wie Kulturpessimisten in ihren Argumenten immer wieder zu Platon zurückkehren. Aber das nur am Rande, wir werden in einer anderen Folge darauf zurückkommen. Aus seiner Analyse heraus, dass es zu viel literarischen Schrott gibt, zog Platon jedenfalls die Schlussfolgerung, dass es für die Etablierung eines ideale Staates eine strenge Zensur von Literatur und Musik geben müsse. Mütter, Ammen und Lehrerinnen sollten Kindern nur von der Zensur genehmigte Geschichten oder Lieder vortragen dürfen, um sicherzustellen, dass sie die Erziehung nicht von vornherein versauen. Ich hoffe, euch wird bei diesen Worten ähnlich mulmig zumute wie mir.

Insbesondere die Klassiker von Homer und Hesiod wollte Platon verbieten, weil sie die Götter zu negativ darstellen. Platon lehnte das klassische polytheistischen Weltbild der alten Meister ab. In Griechenlands Vielgötterreligion gab es quasi für jedes Phänomen auf der Erde einen passenden Gott. Platon vertrat hingegen die Ansicht, dass die Götter nur für das Gute in der Welt verantwortlich sind und die Menschen das Schlechte selbst zu verantworten haben. Meinungen zu verbreiten, die davon abweichen, hielt er für schädlich, weswegen Platon Gotteslästerung unter Strafe stellen wollte. Insbesondere war ihm die griechische Vorstellung ein Dorn im Auge, dass der Hades ein schlechter Ort ist. Die Erziehung müsse darauf abzielen, dass sich der Einzelne bereitwillig auf dem Schlachtfeld opfert, weswegen keine Angst vor dem Tod gelehrt werden dürfe.

Diese religiöse Zwecklehre, die Menschen zu Kriegsmaterial reduziert, ist schon schlimm genug, dennoch ist Platon noch nicht am Ende. Er beginnt vollkommen abzudrehen und will alles von der Zensur verbieten lassen, das nicht seinen persönlichen Idealvorstellungen entspricht. Zum Beispiel kritisiert er Homer, der schreibt, die Götter würden lachen. Das muss verboten werden, denn der Anstand verbietet lautes Gelächter! Außer den Regenten soll es ferner jedem verboten sein, zu lügen. Die Regenten dürfen gegenüber Feinden des Staates lügen. Aber die normalen Bürger nicht.

Die Funktion von Sprache

An dieser Stelle muss ich einhaken, meine moralische Empörung mal kurz beiseite legen und einfach mal bitten, euch vorzustellen, wie ein absolutes Lügenverbot in der Praxis aussehe. Sie würde beispielsweise zu folgenden Dialogen führen:

 

“Wie hat dir mein Essen geschmeckt?“

„Es war das widerlichste, was ich je gegessen habe!“

 

„War es für dich so gut, wie für mich?“

„Nein, du bist ein grauenhafter Liebhaber!“

 

„Mein Vater ist gestorben.“

„Zum Glück, der war ja ein Riesenarschloch!“

 

Platon hat hier eine komplett eindimensionale Vorstellung von Sprache. Die Wahrheit ist für ihn das einzige Gut im Gespräch. Dass es auch andere Ideale gibt, dass Sprache zum Beispiel auch eine soziale Funktion hat, übersieht er vollkommen.

Verbotswahn

Aber Platon geht in seinem Verbotswahn noch weiter als selbst ein CSU-Mitglied in der Einschränkung von Bürgerrechten: In der Literatur – so Platon, nicht die CSU – darf keine Textstelle vorkommen, in der jemand einen Vorgesetzten kritisiert, da dies zu ungehorsam gegenüber dem Staat führen könnte. Okay, vielleicht könnte das doch auch von der CSU kommen …

Anyway: Platon war außerdem, wie wir schon mehrfach gesehen haben, ein riesiger Lustfeind. Deswegen gehören Beschreibungen von Trunkenheit und Sex natürlich auch zensiert. Helden in Geschichten dürften ihre Heldentaten nicht gegen Geld anbieten, so fährt er fort, und es darf keine Geschichten geben, in denen der Schlechte glücklich, der Gute aber unglücklich ist.

Zu guter Letzt kritisiert Platon noch direkte Rede in Epen und Dramen. Und ich kann wirklich nur noch WTF sagen! Platon findet die direkte Rede kacke, weil bei ihr nachgeahmt wird. Das ist für ihn schon widerlich genug, erinnert es doch an die Welt der Erscheinungen, die die Ideen nur „nachahmt“. Was für Platon bedeutet, dass sie nicht wahr ist.

Am besten ist es also, wenn auf Nachahmung ganz verzichtet wird, aber wenn sie sich nicht komplett verbieten lassen, dann sollen in Dramen zumindest nur gute Menschen vorkommen, damit niemand in die Verlegenheit kommt, schlechte Menschen schauspielen zu müssen. Die Forderung nach griechischen Dramen, in denen alle lieb und artig sind, ist ungefähr so sinnvoll, als würden wir verlangen, dass heutzutage nur noch Horrorfilme mit einer Altersfreigabe ab 6 Jahren gedreht werden dürfen.

Auch für die Musik, die Justiz, die Medizin und sogar für das Essen hatte Platon ähnlich rigorose Vorstellungen. Aber darauf möchte nicht so detailliert eingehen. Insgesamt entsteht ein Bild von Erziehung und Kultur, mit dem sich auch der IS sehr gut anfreunden könnte. Platons Vorstellungen zur Zensur der Literatur aber finde ich mit am niederträchtigsten.

Die eigenen Existenzbedingungen ignorieren

Und zwar weil ich mich von Platon persönlich betrogen fühle. Denn was er hier tut und was noch viele Philosophen und Autorinnen nach ihm tun werden, ist, seine eigenen Existenzbedingungen zu ignorieren. Er selbst war ein Produkt der liberalen griechischen Kultur. Er selbst konnte seine Philosophie nur betreiben, weil es keine derartige Zensur gab. Und er selbst hatte in Syrakus am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet, wenn Freidenker unterdrückt werden.

Dennoch macht er sich massiv für Zensur stark, solange es nur seine Zensur ist. Platon glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Irrtum ausgeschlossen. Im Namen der Gerechtigkeit darf er bestimmen, was andere zu sagen, ja sogar zu denken haben. Platon vertritt einen moralischen Doppelstandard: Das, was er für sich selbst einfordert, nämlich die herrschenden Verhältnisse zu kritisieren, das will er anderen nicht zugestehen, sobald er erst einmal an der Macht ist.

Das ist eine Denkweise, die heutzutage die AfD immer wieder an den Tag legt. Wenn sie die Errungenschaften der liberalen Demokratie wie Asylrecht, Gleichberechtigung der Frau oder ein geeintes friedliches Europa immer und immer wieder in Frage stellt, dann nutzt sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung über die Grenze des Erträglichen aus. Zugleich beschimpft sie die politischen Gegner, sobald diese das gleiche Recht für sich in Anspruch nimmt. Jammert über Meinungsdiktatur, sobald ihr klar wird, dass die Mehrheit in diesem Land anders denkt und will Religionen verbieten, Politikerinnen ausweisen und was weiß ich nicht noch alles.

Platon Motivation freilich war eine andere als der stumpfe Nationalismus der AfD: Er wollte das echte, wahre Gute erreichen und glaubte nur mit diesen Mitteln einen idealen Staat durchsetzen zu können. Aber seine angestrebten Mittel waren dabei die gleichen, wie sie später immer und immer wieder von reaktionären Kräften missbraucht wurden. Platon, der in einem freien Land ohne viel Zensur lebte, wollte die Zensur einführen, wodurch es unmöglich würde, so frei zu denken und zu reden, wie er selbst es tat. Vielen Dank fürs Mitspielen, Herr Platon, aber so nicht!

Platon – Was ist das Gute?

Heute möchte ich heute einen sehr langen Bogen zurückschlagen. Er innert euch: Ich begann meine Platon-Reihe mit den drei Gleichnissen, die uns zu diesem ganzen Mindfuck von Platons  Metaphysik führten. Aber die Frage, die in den Gleichnissen gestellt wurde, war ja – zumindest vordergründig – eine ganz andere. Nämlich: Was ist das Gute? Wie immer habt ihr die Wahl: Oben Video, darunter Text.

Das Gute – ein höchst metaphysisches Konstrukt

Tja, was ist das Gute denn jetzt? Wir wissen vom letzten Mal, dass wir es anstreben sollen und wollen, wir wissen auch, dass wir uns darin irren können, was es  ist. Aber wir wissen noch immer nicht, was es verdammt noch einmal ist, dieses Gute! Schon bei den Gleichnissen hat Platon immer nur um den heißen Brei herumgeredet. Jetzt muss er doch mal sagen, ob es zum Beispiel gut ist, Kriegsflüchtlingen Asyl anzubieten oder, ob es gut ist, die Grenzen zu schützen! Was hat einen höheren moralischen Wert: Das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren eigenen Körper oder das Recht auf Leben des ungeborenen Kindes?

Aber leider macht Platon es uns nicht so einfach, hier eine definitive Antwort zu geben. Er kommt in all seien Dialogen nie so richtig hinter dem Berg damit hervor, worin das Gute besteht. Wir hatten ja schon am Höhlengleichnis gesehen, dass er die Auffassung vertrat, dass man erst nach einer ausgiebigen Beschäftigung mit Philosophie die Erkenntnis erlangt, worin die Idee des Guten besteht. Sie uns einfach so hinzuschreiben, hielt er sogar für gefährlich, wie wir noch sehen werden, wenn wir uns mit seiner Schriftkritik befassen. Möglicherweise kam er auch nie zu einem abschließenden Ergebnis, was gut ist und was nicht. Fest steht zumindest, dass das Gute für Platon ein höchst metaphysisches Konstrukt ist und nicht in klaren Regeln besteht. Eine Tatsache für die ihn sein Schüler Aristoteles stark kritisiert hat.

Hedonismus und Wissen

Allerdings verschweigt Platon auch nicht vollkommen, was er über das Gute denkt, sondern greift das Thema immer wieder auf. So prüft er zum Beispiel im Dialog “Der Staat” zwei zu seiner Zeit populäre Theorien. Zum einen ist das „Das Gute besteht in der Lust“. Das ist die These des Hedonismus, der zu Platons Lebzeit prominent von Aristippos von Kyrene vertreten wurde. Und zum anderen die These „Das Gute besteht im Wissen“. Das war ja die These, die – wie wir sahen – mehr oder weniger Sokrates vertreten hatte.

Dass Lust das Gute ist, verwirft Platon mit dem ziemlich guten Argument, dass es auch schlechte Lust gibt. Wir hatte schon den Junkie als Beispiel, der sicher viel Lust am nächsten Schuss haben wird. Allerdings dürfte es schwer zu begründen sein, dass dies eine gute Tat ist. Im Dialog “Gorgias” bringt Platon ein noch stärkeres Argument gegen Lust als das Gute. Ich möchte es, das “Ramsay Bolton”-Argument nennen: Ein Mensch, dem es Spaß macht, andere Menschen zu quälen. Während ich beim Junkie zumindest noch argumentieren kann, dass dieser nur sich selbst schadet, wird es jetzt fast komplett aussichtslos, ein Argument zu finden, dass die Lust am Leid anderer etwas Gutes ist. Nicht die Lust kann das Gute sein, stattdessen muss das Gute hinzukommen, damit wir beurteilen können, ob eine Lust etwas Gutes ist.

Aus ganz ähnlichen Gründen scheitert auch die These, dass das Gute im Wissen besteht. Wieder wendet Platon ein, dass nicht jedes Wissen gut ist. Das Wissen, wie ich ein Selbstmordattentat verübe, ist sicher nichts Gutes. Wenn überhaupt ein Wissen als Kandidat um das Gute in Frage kommt, dann das Wissen, um das Gute. Aber diese Antwort ist wieder einmal ein Zirkelschluss: Ich begründe A mit B und B wieder mit A. Was ist das Gute? Wissen. Welches Wissen? Das Wissen um das Gute. Das ist ein logischer Fehler, es ist keine gültige Antwort und daher scheidet das Wissen auch aus im Rennen um die Frage, was das Gute ist.

Relativismus vs. objektiv Gutes

Wenn Platon also nie sagt, was das Gute ist, aber immer wieder betont, was es nicht ist, dann legt das ja den Schluss nahe, dass es das Gute überhaupt nicht gibt. Sophisten wie Protagoras vertraten diese Position. Berühmt wurde der Satz von Protagoras “Der Mensch ist das Maß aller Dinge”, also die Ansicht, dass jede Erkenntnis und jede Moral nur menschengemacht und somit relativ ist. Doch ihr ahnt es schon: In mehreren Dialogen bezog Platon ebenfalls massiv Stellung gegen den sophistischen Relativismus, also dass es kein absolut Gutes gebe, sondern gut und böse für jede Kultur, jede soziale Schicht oder gar jeden Menschen etwas anderes sind. Dagegen spricht ein weiteres berühmtes logisches Argument: Der performative Widerspruch. Wenn ich sage: “Es gibt keine allgemeingültige Moral, daher kann jede machen, was sie will”, dann handelt es sich dabei ebenfalls um eine moralische Maxime, von der ich den Anspruch habe, dass sie allgemeine Gültigkeit hat, obwohl ich gerade bestritten habe, dass es so etwas gibt. Die Performanz meines Sprechakts steht somit im Widerspruch zum Inhalt meiner Äußerung. Wir werden dies wieder aufgreifen, wenn wir uns mit Platons Erkenntnistheorie beschäftigen.

Nein, den Relativismus lehnte Platon stets ab. Seine zentrale philosophische Bemühung, die gesamte Ideenlehre, ist dem Versuch geschuldet, die Ethik auf ein objektives Fundament zu stellen. Aus den Lehren des Sokrates und dann den frühen platonischen Dialogen war ein zentrales Problem hervorgegangen: Eine haltbare Definition des Guten zu finden und auch wenn Platon uns diese nie liefert, so steht für ihn unumstößlich fest, dass es das Gute gibt und dass es etwas objektives ist.

Ein metaphysischer Schauer am Ende

In den Gleichnissen hatten wir verschiedene metaphysische Erklärungen gesehen, worin der Status des Guten besteht. Diese halte ich persönlich allesamt für wenig glaubwürdig und muss sie nicht noch einmal wiederholen. Ihr könnt euch ja die entsprechenden Folgen ansehen. Lediglich die These aus dem Höhlengleichnis ist nicht unplausibel: Dass die Erkenntnis, was das Gute ist, die schwerste von allen ist und sich erst nach langer und intensiver Auseinandersetzung mit Philosophie beantworten lässt. Dies ist die Lehre des Sokrates, die Platon verinnerlicht hat: Philosophie im Allgemeinen und die Suche nach dem Guten im Besonderen ist nichts, was sich einfach in einem Buch nachlesen lässt. Sie muss gelebt werden, erst dann wird dich eines Tages die Erkenntnis mit einem metaphysischen Schauer ergreifen. Und du wirst verstehen, worin das wahre Gute besteht.

Sehr ihr das genauso? Oder ist das für euch nur Geschwafel? Schreibt mir doch mal einen Kommentar! Beim nächsten Mal lassen wir die Ethik ein Stück weit hinter uns und tauchen in Platons politische Philosophie ein.

Platon – Der Sinn des Lebens

Die größte aller Fragen

Heute möchte ich mich heute der vielleicht größten aller Fragen widmen: Was ist der Sinn des Lebens? Erinnert euch an meinen letzten Platon-Text zurück: Wir stecken eigentlich mitten in Platons Ethik. Der Höhlenforscher hatte argumentiert, dass Ungerechtigkeit unglücklich mache, weil es der Zweck der Seele sei, gerecht zu sein. Um diese steile These zu verstehen, widmen wir uns also heute dem Sinn des Lebens. Wie immer könnt ihr entweder das Video schauen oder darunter das Ganze als Text lesen.

Unser Meister der Ideen gehört zu den ältesten nicht-religiösen Quellen, die sich mit der Sinn-Frage beschäftigt haben. Und seine Antwort lautet: Der Sinn des Lebens ist, ein gutes, glückliches Leben zu führen. Das ist doch eine gute Antwort, oder?

Platon begründet sie sogar noch: Und zwar hält er das gute, glückliche Leben für eine Letztbegründung. Eine Letztbegründung – das hatten wir ja schon im Zusammenahng mit der platonischen Liebe gelernt – ist ein Punkt, an dem man nicht mehr sinnvoll „warum?“ fragen kann. Und die Antwort: “Weil du ein gutes und glückliches Leben führen willst”, ist ein solcher Punkt. Die Frage „warum“ macht hier keinen Sinn mehr, so Platon.

Ich denke, dass beim Glück weitgehend unstrittig sein dürfte, dass es eine Letztbegründung ist, denn wer will nicht glücklich sein? Aber wie sieht es mit dem Guten aus?

Wichtig ist dabei, dass „gut“ in diesem Kontext tatsächlich (auch) moralisch gut heißt. Was es mit diesem “auch” auf sich hat, dazu komme ich später. Denn zunächst habe ich noch ein anderes Problem: Dass es der Sinn des Lebens ist, auch moralisch gut zu handeln ist nicht so einleuchtend wie das Streben nach Glück. Denn es ist anstrengend! Wenn ich immer rein egoistisch handle, ist es viel leichter, glücklich zu werden. Ich muss mir keine Gedanken machen, wer meine Kleidung oder mein Handy hergestellt hat. Ich brauche nicht darüber nachdenken, welches empfindsame Wesen für mein Essen sterben musste. Oder was mein Dieselmotor für diesen Planeten bedeutet. Können wir nicht auf Moral verzichten und einfach sagen, dass Glück der Sinn des Lebens ist?

Platon sagt dazu, dass Egoismus vielleicht meine Triebe befriedigt. Wenn ich mich durch ihn aber moralisch schlecht verhalte, weil ich nicht an meine Mitmenschen denke, dann füge ich dadurch meiner Seele Schaden zu und handle so nicht dem Sinn des Lebens entsprechend.

Hmm, interessante Behauptung. Mir ist diese Einstellung sehr sympathisch. Aber für Sympthie kann ich mir weder im Kapitalismus noch in der Philosophie etwas kaufen. Wo der Markt Cash sehen will, da wollen wir Philosophen Argumente sehen. Also: Warum sollte Egoismus meiner Seele schaden? Nun dazu müssen wir zu unserer Frage aus der letzten Folge zurückkehren und uns angucken, was Platon über Gerechtigkeit sagt.

Was ist Gerechtigkeit?

Die Frage, was Gerechtigkeit ist, beantwortet Platon dadurch, dass er ein Modell der Seele entwirft. Demnach besteht die Seele aus drei Teilen. Zum ersten gibt es die Begierden, die natürlichen Triebe wie Hunger, Durst und den Sexualtrieb. Der zweite Teil ist die Vernunft und der dritte Teil sind die Gefühle, die Emotionen. Auch diese drei Seelenteile hören sich wieder äußerst plausibel an. Zwar sieht die moderne Psychologie das ganze etwas komplexer, aber der Grundansatz ist verdammt clever.

Ein Mensch ist, so fährt Platon fort, dann zu sich selbst gerecht, wenn er allen drei Teilen seiner Seele das zukommen lässt, was ihnen zusteht. Oje, rieche ich da mal wieder “Jedem das Seine“? Für die Vernunft ist es angemessen, richtig, das heißt: logisch zu denken. Für die Emotionen ist es angemessen, angemessen zu reagieren und für die Triebe ist es angemessen, in angemessener Weise das Leben der Menschen zu bestimmen – für Platon heißt das vor allem: gezügelt zu werden. Es ist interessant, dass Platon alle drei Seelenteile als etwas Wildes betrachtet, das in der einen oder anderen Form kontrolliert werden muss.

Der Vernunft kommt dabei – wie könnte es auch anders sein – eine besondere Rolle zu. Sie muss über die anderen beiden Teile der Seele herrschen und so für Ordnung sorgen. Wenn also unsere Triebe danach verlangen etwas zu essen, obwohl wir wissen, dass wir schon genug Kalorien zu uns genommen haben, dann muss die Vernunft ihnen Einhalt gebieten, damit wir nicht dick werden. Genauso muss die Vernunft unsere Emotionen kontrollieren, wenn wir beispielsweise jemanden die Fresse polieren möchten, weil er verdammt noch mal ein Arschloch ist! Wenn die drei Seelenteile eines Menschen sich aber in einer inneren Harmonie befinden, dann herrscht Gerechtigkeit und dann wird ein Mensch in einer solchen Harmonie auch nur gerecht handeln.

Innere und äußere Gerechtigkeit

Aber Moment, das ist doch ein merkwürdiges Gerechtigkeitsverständnis, oder? Denkt noch einmal an die Untersuchung des Begriffs der Gerechtigkeit. Dort ging es um Probleme wie den Umgang mit Freunden und Feinden, um das Zurückgeben von Dingen die du dir ausgeliehen hast, um das Betätigungsfeld der Gerechtigkeit und um die Frage, wie eine Regierung handeln muss, damit sie gerecht ist.

Demgegenüber spricht Plato nun von Gerechtigkeit der eigenen Seele gegenüber. Platon macht hier aus einem Problem der Welt, also einem zwischenmenschlichen Problem einen inneren Zustand, ein innermenschliches Problem. Aber damit gibt er dem Begriff der Gerechtigkeit eine völlig neue Bedeutung, die sich massiv von unserem alltäglichen Gebrauch unterscheidet.

Normalerweise sagen wir nicht: Weil wir wissen, dass Wolfgang Schäuble sich in innerer Harmonie befindet, handelt er gerecht, daher sollten wir nicht am Sparkurs für Griechenland zweifeln. Stattdessen fragen wir so Sachen wie: Was hat Griechenland getan, dass es so tief in die Schulden abgerutscht ist? Hatte das Verhalten Deutschlands oder Europas einen Anteil daran? Ist es gerecht die griechische Bevölkerung für einen komplexen volkswirtschaftlichen Prozess durch so massive Sparmaßnahmen zu bestrafen? Und ist es gerecht, die deutsche Bevölkerung mit ihren Steuern für die griechischen Schulden zahlen zu lassen? Das sind alles Fragen, die sich auf das Verhalten von Menschen und Staaten beziehen. Diese Fragen betreffen Zustände in der Welt und nicht die inneren Zustände von Menschen.

Wir kennen natürlich auch Fälle, in denen wir davon sprechen, dass jemand selbstgerecht ist oder im Gegenteil zu hart mit sich ins Gericht geht. Aber diese Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit auf das eigene Ich ist ein Sonderfall, ein Extrem. das sich aus dem Regelfall der zwischenmenschlichen Gerechtigkeit ableitet.

So leid es mir tut, ich finde diesen Teil der platonischen Philosophie wirklich schwach. Allerdings darf ich nicht verschweigen, dass Platons Definition der Gerechtigkeit noch nicht am Ende ist. Damit ein Mensch gerecht handeln kann, muss noch etwas weiteres hinzukommen. Denn die Vernunft kann die Seele nur ordnen, wenn sie ihrerseits auf etwas bezogen ist, etwas anstrebt: Das Gute.

Das Gute als Lebensziel

Jetzt kommen wir auf das “auch” vom Anfang zurück. Denn es ist wichtig zu wissen, dass Platon noch nicht eindeutig zwischen moralisch gut und zweckdienlich unterschied, da es in der griechischen Sprache diese Unterscheidung nicht explizit gab. Ein Messer kann genauso gut sein, wenn es gut schneidet, wie eine Person, wenn sie gut handelt. Das ist wichtig zu verstehen: Denn dann macht es plötzlich sehr viel Sinn, dass der Sinn des Lebens es ist, gut und glücklich zu leben.

Platon nennt alles „gut“, das irgendwie erstrebenswert ist. Immer wenn jemand etwas tut, dann macht er oder sie dies, weil das, was sie oder er anstreben, etwas gutes ist. Kapiert? Ich möchte etwas essen, weil es gut für mich ist. Genauso möchte meine Seele gerecht sein, weil es gut für sie ist. Allerdings ergänzt Platon, dass eine Person sich darin irren kann, was gut ist. Ein Junkie wird Heroin erstrebenswert finden, aber es ist nicht gut für ihn.

Aber angenommen, wir haben einmal herausgefunden, was das wirklich Gute ist. Dann kann und wird unsere Vernunft dies anstreben. Daraus folgt dann, dass unsere Seelenteile in Harmonie gebracht werden. Ein Mensch wiederum, dessen Seelenteile sich in Harmonie zueinander befinden, ist glücklich. Woraus wiederum für Platon folgt, dass das Streben nach dem Guten glücklich macht.

Und somit schließen wir wieder den Bogen zurück zum Sinn des Lebens: Nur, wenn wir gut handeln, ist unsere Seele in Harmonie und nur so werden wir auch wirklich glücklich sein. Damit deckt sich auch mit etwas, für das sich der echte Sokrates stark gemacht hat: Dass Unrecht zu tun schlechter ist als Unrecht zu erleiden. Denn, wenn ich Unrecht tue, dann wird meiner Seele Schaden zugefügt. Dies war der Grund, warum Sokrates sich weigerte nach dem Todesurteil zu fliehen.

Okay, jetzt wissen wir, was der Sinn des Lebens ist und wir wissen, was uns glücklich macht. Das Streben nach dem Guten. Doch damit werden wir wieder auf den Anfang meiner Erörterungen von Platons Philosophie zurückgeworfen zu den drei Gleichnissen. Denn wir müssen uns einmal mehr fragen: Was ist es denn nun, dieses Gute?

Doch das machen wir beim nächsten Mal …

Leben ist mehr wert als Arbeit

50 Gedanken – Gedanke 2

Ich verblogge 50 Gedanken, dies ist der zweite. Dieser Gedanke ist sicher nicht neu und ich maße mir nicht an, ihn als erstes gedacht zu haben. Alles, was ich bescheiden zur Diskussion stellen möchte, ist, dass er wahr ist.

Im Diesel-Skandal werde in der öffentlichen Diskussion viele verschiedene Aspekte in die Waagschale gelegt, um zu entscheiden, wie weiter vorgegangen werden soll. Doch die Hauptkonfliktlinie ist die Frage, wer die Kosten tragen soll für den Skandal. Die eine Seite sagt, dass die Autofahrerinnen nicht belastet werden dürfen, denn sie sind nicht schuld an der Misere. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass der Industrie nicht zu hohe Kosten aufgetragen werden dürfen, denn das gefährde Arbeitsplätze.

Ich nehme mal für einen Augenblick an, dass die Industrie nicht kompletten Kokolores verzapft (was sie tut), dann hat sie ein gar nicht mal so schlechtes Argument: Während die Dieselwagenfahrer eine sicherlich harte finanzielle Belastung erfahren, weil sie ihr Auto aufgeben oder es für viel Geld umrüsten müssten, wäre der Verlust der Arbeit der Angestellten in der Autoindustrie tatsächlich das höhere Gut. Nicht nur finanziell wäre die Einbuße höher als der Gegenwert eines Autos. Hinzu käme auch noch der Verlust der sozialen Dimension von Arbeit, die wir nicht unterschätzen dürfen. Wie gesagt, ich glaube, die Industrie erzählt hier kompletten Bullshit und jede/r weiß es. Aber ich spiele das Spiel der Politik mal kurz mit und behandle das als valides Argument.

Denn der Punkt, auf den ich hinaus möchte, ist folgender: Dies ist bloßes Schattenboxen. Hier geht es gar nicht um die Verhandlung der Werte Autos vs. Arbeit. Es ist eine Nebelkerze, die von der eigentlichen Verhandlung ablenken soll: Arbeit vs. Leben. Denn, was ist denn der eigentliche Dieselskandal? Doch nicht irgendwelche abstrakten Grenzwerte auf irgendwelchen Prüfstationen für Autos. Sondern, dass die Luft in unseren Städten so scheiße ist, dass Menschen krank werden und früher sterben. Und obgleich Arbeit in unserer Gesellschaft ein hoher Wert ist, ist das Leben ein ungleich höherer. Daher kann die einzige moralisch vernünftige Forderung nur heißen: Fahrverbot für alle Dieselfahrzeuge bis zu einer effektiven Umrüstung – wer auch immer die bezahlt.

Platon – Das Recht des Stärkeren

Was ist Gerechtigkeit?

Heute beginne ich mit Platons Ethik, die uns zu seiner politischen Philosophie führen wird. Genauer gesagt, werde ich mit Platons Prüfung des Rechts des Stärkeren anfangen. Zu diesem Zweck blicken wir mal wieder in einen der Dialoge und zwar in keinen anderen als in “Der Staat”. “Der Staat” beginnt mit einer der zentralen Fragen für Platon. Einer Frage, die ihn sein Leben lang umgetrieben hat: Was ist Gerechtigkeit? Wiiiiiiiiiiiieeeee immer könnt ihr euch die Erörterung als Video angucken oder unter dem Video weiterlesen …

Sokrates ist in der Geschichte beim wohlhabenden Kephalos zu Gast und fragt diesen, was der größte Vorteil seines Reichtums ist. Kephalos meint, dass er immer gerecht sein konnte und nie jemandem etwas schuldig blieb. Dies nimmt Sokrates – der offensichtlich sonst keine Hobbys hat – sogleich zum Anlass, den Begriff der Gerechtigkeit zu definieren.

Zurückgeben, was man empfangen hat

Die alte Hebamme erbittet von seinen Gesprächspartnern Kephalos, Simonides, Polemarchos und Thrasymachos einen Vorschlag zur Begriffsbestimmung, was denn bitteschön gerecht ist und erhält diesen auch von Simonides: Gerechtigkeit bedeutet, jedem das wiederzugeben, was man von ihm empfangen hat. Das ist quasi das alttestamentarische Gerechtigkeitsverständnis. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Oder in einer positiven Wendung: Wenn du mir etwas gibst, dann ist es nur gerecht, wenn du auch von mir genausoviel zurückerhältst. Das klingt doch ganz einleuchtend, oder?

Ein wenig ungerecht lehnt unser alter Barfußgänger diese Definition aber umgehend ab. Allerdings hat er dafür gute Gründe: Sokrates bringt das Gegenbeispiel, dass jemand mir eine Waffe geliehen hat, doch als ich sie zurückgeben will, stelle ich fest, dass der Besitzer dem Wahnsinn verfallen ist. Wäre es gerecht, die Waffe dennoch zurückzugeben?

An dieser Stelle muss ich gleich mal einhaken. Denn es ist wirklich ungewöhnlich, dass Sokrates ausgerechnet dieses Beispiel als einen Fall von Ungerechtigkeit wählt. Ich würde nicht sagen, dass es ungerecht ist, sondern unverantwortlich. Dass also der Wert des verantwortlichen Handelns hier mit dem der Gerechtigkeit in einen Konflikt gerät. Darüber hinaus ist dieser sehr spezielle Fall auch eine gewaltige Ausnahme. Und als solche zeigt sie doch eigentlich, dass im Normalfall durchaus gilt: es ist gerecht, das zurückzugeben, was man erhalten hat, sofern es nicht triftige Gründe gibt, die dagegen sprechen.

Zugleich fällt mir ein viel besseres Beispiel ein als Sokrates’ spezieller Fall. Ein Beispiel bei dem wir “jedem das wiedergeben, was man von ihm empfangen hat” nicht als gerecht ansehen: Steuern. Reiche Menschen müssen mehr Steuern zahlen als Arme. Aber deshalb halten wir es nicht unbedingt für gerecht, dass Reiche auch mehr von den Investitionen des Staates profitieren, oder? Ich denke, wir können also trotz seiner merkwürdigen Argumentation mit Platon diese erste Definition als falsch ablehnen.

Jedem das Seine

Im Dialog springt Polemarchos Simonides zur Seite und schlägt eine neue Definition vor: Gerechtigkeit ist Freunden Gutes zu tun. Polemarchos zieht weiter den Schluss, dass daraus folge, seinen Feinden Schlechtes zu tun. Denn Feinde seien ja das Gegenteil von Freunden. Finde ich jetzt nicht unbedingt überzeugend, aber ich halte mich mal zurück. Denn Sokrates übernimmt die Schlussfolgerung zunächst einmal und stellt die nächste Definition auf: Gerechtigkeit ist, jedem das zu geben, was ihm zusteht. Diese berühmte platonische Gerechtigkeitsdefinition wird oft mit dem nicht minder berühmten wie unrühmlichen Spruch abgekürzt: Jedem das Seine. Das stand an der Tür des KZ’ Buchenwald. Unser Menschenrecht “Alle Menschen sind gleich” ist ein direkte Antwort auf diese Weltsicht. Doch das war 2.200 Jahre später, kehren wir nach Athen zurück, wo Sokrates erst einmal abschweift.

Denn Sokrates fragt sich als nächstes: Wenn Gerechtigkeit die Kunst ist, Freunden Nutzen zuzufügen und Feinden Schaden, was ist denn dann das Betätigungsfeld dieser Kunst? Zum Beispiel ist das Restaurant dass Betätigungsfeld des Kochens. Aber was ist das der Gerechtigkeit? Sokrates selbst bringt ein anderes Beispiel: Wenn ein Freund krank ist, dann ist es nach unserer Definition gerecht, ihn zu heilen. Aber im Gegensatz zur Kochkunst, die jemand ausüben kann, der sie gelernt hat, kann in unserem Beispiel dem kranken Freund nicht jemand helfen, der Gerechtigkeit studiert hat, sondern Medizin. Der Freund braucht keinen Gerechten sondern eine Ärztin. Was ist denn dann das Betätigungsfeld der Gerechtigkeit? Da der Dialog “Der Staat” heißt, habe ich einen Verdacht, was sich am Ende als das Betätigungsfeld für die Gerechte herausstellen wird.

Allerdings finde ich die Untersuchung des Begriffs bis hier hin noch recht wackelig. Ich würde sie fast schon sophistisch nennen und lasse das nur, weil Platon mich dafür wahrscheinlich zu einem Leben in der Höhle verdammen würde. Denn wieder einmal konstruiert Platon ein Problem dadurch, dass er alle Begriffe über einen Kamm schert. Schließlich müssen nicht alle “Künste” immer gleich zu Berufen führen. Ich habe die Kunst der Radfahrens gelernt, dennoch bin ich von Beruf nicht Radfahrer. Diese Kunst kann mir aber in anderen Bereichen meines Lebens durchaus von Nutzen sein. Ihr Betätigungsfeld ist eben viel größer als das der Medizin. Vielleicht gibt es Situationen, in denen ein Arzt auch gerecht sein muss? Zum Beispiel in der Notaufnahme, wenn sich ihm die Frage stellt, welchen Patienten er als erstes behandeln soll. Oder bei der Frage, ob einer unheilbar kranken Patientin Sterbehilfe geleistet werden soll.

Während ihr über diesen Einwand nachdenkt, lässt Sokrates von diesem Pfad der Untersuchung schon wieder ab und kehrt zurück zur Frage, ob “Feinden Schaden zuzufügen” wirklich  gerecht ist. Platon zeigt hier mal wieder, dass sein Akzeptieren dieser Definition vor allem dazu diente, uns zum Nachdenken anzuregen. Denn auf den zweiten Blick erkennt Sokrates: Wenn man jemandem etwas Schlechtes antut, wird die Person nur noch schlechter. Das leuchtet mir ein: Wenn mir jemand etwas Schlechtes antut, dann reagiere ich oft mit Trotz und denke nicht zuerst über meine eigenen Schwächen nach. Das kann doch wohl nicht im Sinne der Gerechtigkeit sein.

Das Recht des Stärkeren

Als nächstes gibt dann Thrasymachos seine Definition von Gerechtigkeit zum besten: Gerecht sei, was den Stärkeren nützt – also das Recht des Stärkeren. Sokrates gibt sofort zu bedenken, dass die Starken im Sinne von Machthabern in einem Staat sich irren können, was für sie von Nutzen ist. Thrasymachos gesteht dies Sokrates zu und präzisiert, dass gerecht nur das ist, was sie zu Recht als nützlich ansehen und von den Bürgern verlangen. Thrasymachos tappt in Sokrates’ Falle, als er die Analogie zum Arzt aufmacht: Ein Arzt ist nur dann ein gerechter, wir würden eher sagen: guter Arzt, wenn er die richtige Medizin verschreibt, nicht wenn er sich in seinen Anweisungen irrt. Jetzt hat Sokrates ihn am Haken, denn Platons Lehrer spinnt die Analogie weiter und sagt: Jatzt aber mal halb lang, Thrasymachos, der Arzt ist doch nur ein guter Arzt, wenn er dem Kranken hilft und nicht sich selbst. Dann kann doch der Staatsmann auch nur ein guter Staatsmann sein, wenn er etwas für die Bevölkerung tut und nicht nur zu seinem eigenen Vorteil regiert.

Thrasymachos will die Analogie zum Arzt jetzt aber doch lieber nicht mehr gelten lassen und schlägt stattdessen die Analogie zum Hirten vor: Der muss sich zwar um seine Herde kümmern, aber nicht zu deren Vorteil sondern zu seinem eigenen, denn er will ja am Ende durch Wolle, Milch oder Fleisch davon profitieren. Offensichtlich gerät er jetzt in Rage. Denn er redet sich um Kopf und Kragen. Seines Erachtens ist nämlich die Ungerechtigkeit eh viel cooler als die Gerechtigkeit. Das sieht man doch an einem Tyrannen, also einem Diktator. Der muss den Gesetzen, die er anderen auferlegt, selbst nicht folgen und wird dafür noch gefeiert. Das zeigt doch, dass Ungerechtigkeit nicht deswegen gefürchtet wird, weil man anderen gegenüber ungerecht ist, sondern nur weil man selbst Angst hat, Ungerechtigkeiten zu erfahren. Daraus ergibt sich für Thrasymachos das Recht des Stärkeren. Solange du nur an der Spitze stehst, brauchst du keine Angst zu haben und alles, was du machst ist gut.

Gerecht ist nicht Geschäftstüchtig

Nachdem es so aus Thrasymachos herausgeplatzt ist, will er eigentlich gleich den Abgang machen, aber Sokrates meint nur: Moooomentemal! Zunächst wirft er Thrasymachos vor, dass er zweierlei verwechselt: Zum einen den Beruf des Hirten und zum anderen seine Geschäftstüchtigkeit. Der Job des Hirten ist es, sich gut um seine Herde zu kümmern. Und ob er ein guter Hirte ist, das zeigt sich daran, ob es seiner Herde gut gehe. Ganz unabhängig davon ist die Frage zu beurteilen, ob er auch geschäftstüchtig ist, das zeige sich aus dem, was er aus seiner Herde rausholt. Im übrigen sei das ja beim Arzt nicht anders: Ob der Karriere macht, hängt von seiner Geschäftstüchtigkeit ab. Aber ob er ein guter Arzt ist, das zeigen seine Heilerfolgen. Und bei Regierenden sei es auch nicht anders. Die können zwar Geld und Ruhm erwerben, wenn sie geschäftstüchtig sind, aber das sagt noch nichts über ihre Qualität als Regierungschefs aus.

Das ist ein sehr schöner und wichtiger Gedanke, der in unser heutigen Zeit allzu oft vergessen wird, da alles nur darauf ausgelegt ist, möglichst erfolgreich am Markt zu sein, möglichst viel Geld zu erwirtschaften. Ich kann zum Beispiel als Forstwirtin schnell viel Kohle machen, indem ich einfach ganze Wälder abholze oder Monokulturen anpflanze mit Bäumen, die schnell wachsen. Aber das macht mich zwar zu einer geschäftstüchtigen Volkswirtin, jedoch nicht zu einer guten.

Erst wenn ich einen Wald so bewirtschafte, dass ich das ökologische Gleichgewicht erhalte und auch noch in zwei, drei oder zehn Generation der Wald gesund sein wird und die nach mir kommenden Forstwirte davon profitieren. Erst dann bin ich auch ein gute Forstwirtin. Genauso verhält es sich bei der Politik: Deutschland profitiert gerade sehr von seiner strengen Finanzpolitik, die Schulden schrumpfen und der Staatshaushalt wächst. Aber das sagt noch nichts über die Qualität unserer Regierung aus, nur über ihr volkswirtschaftliches Geschick. Ob wir gut regiert werden, zeigt sich darin, wie das zur Verfügung stehende Geld investiert wird.

Selbst Diktatoren müssen gerecht sein

Aber Thrasymachos hatte ja nicht nur das Hirtenargument gebracht, sondern dann sogar gesagt, dass Ungerechtigkeit besser ist als Gerechtigkeit. Gerechtigkeit nennt er eine edle Einfalt. Da seht ihr mal, wie alt die Vorwürfe gegenüber „Gutmenschen“ sind. Aber mit so einem billigen sophistischen Trick ist er bei Sokrates an der falschen Adresse! Sokrates erwidert, dass die Ungerechtigkeit schon deshalb nicht besser sein kann als die Gerechtigkeit, da selbst ein Diktator nicht komplett auf sie verzichten kann: Er muss zumindest seinen Helfern gegenüber gerecht sein. Er braucht die Unterstützung einer Herrscherklasse oder eines Staatsapparats, um sich an der Macht zu halten. Wenn er gegen jeden, sogar gegen die eigenen Verbündeten ungerecht ist, dann wird er schnell soviel Unmut ernten, dass er gestürzt wird. Gerechtigkeit wenigstens einer Gruppe der Bevölkerung gegenüber ist eine notwendige Bedingung für einen stabilen Staat. Das ist ein sehr kluger machtpolitischer Gedanke, merkt ihn euch!

Aber unabhängig davon mache Ungerechtigkeit auch unglücklich. Jedes Ding habe seinen Zweck und der Zweck der Seele sei, gerecht zu handeln. Okay … Dieser Umschwung kam jetzt recht plötzlich. Das Argument, dass selbst Diktatoren nicht komplett ungerecht sein können, war sehr stark. Da hatte die alte Socke mich voll auf seiner Seite. Warum jetzt dieser esoterische Umschwung auf den Zweck der Seele? Nun, das bringt uns zum nächsten Aspekt, den ich beim nächsten Mal besprechen werde: Was ist der Sinn des Lebens?

Literatur

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Platon – Atlantis

Heute soll es hier mal nicht um Philosophie gehen sondern um einen Mythos. Ab dem nächsten Mal werden wir uns Platons Ethik und seiner politischen Philosophie widmen. Das wird ein neuer großer Themenblock. Doch davor möchte ich noch ein kleines und leichtes Thema hier behandeln: Atlantis. Ihr alle kennt sicher den Mythos von Atlantis, der untergegangenen Zivilisation. Aber wusstet ihr, dass das eine Erfindung von Platon ist? Hier ansehen oder darunter lesen:

Die Quellenlage

Es gibt für die Existenz dieser Insel keine anderen Quellen als zwei Dialoge von Platon: Kritias und Timaios. Beide Dialoge stammen aus Platons Spätwerk. Der Timaios befasst sich hauptsächlich mit Platons Naturphilosophie. Auf der erzählerischen Ebene schließt er an den Dialog „Der Staat” an. Die gleichen Gesprächspartner kommen am nächsten Tag wieder zusammen. Nachdem Sokrates im Dialog “der Staat” eben den idealen Staat entworfen hat, möchte er nun prüfen, wie er sich im Kriegsfall bewährt. Allerdings wird dies dann im Timaios zunächst noch zurückgestellt und wie schon erwähnt die Naturphilosophie besprochen. Die Prüfung des idealen Staates wollte Platon stattdessen im Dialog Kritias abhandeln. Dieser Dialog blieb allerdings unvollendet.

Was Platon über Atlantis zu sagen hat

Schauen wir doch einfach mal, was Platon in den beiden Dialogen zu Atlantis zu sagen hat: Er lässt Kritias dort erzählten dass es eine ägyptische Überlieferung gibt, wonach vor damals 9.000 Jahren (also vor mehr als 11.000 Jahren von uns aus betrachtet) sich Athen im Krieg mit Atlantis befand. Als Hintergrund: Das war die Epoche der Jungsteinzeit. Wir wissen heute, dass die Menschen damals erst anfingen, den Ackerbau zu erfinden und so aus nomadischen Jägern und Sammlern die ersten sesshaften Dorfgemeinschaften wurden.

Zurück zu Platon: Die Überlieferung von Atlantis soll Kritias von seinem Großvater erzählt bekommen haben, die der wiederum vom legendären Athener Staatsmann Solon gehört hat, der sie in Ägypten von einem Priester aufgeschnappt hat. Nun, das ist ja nicht unbedingt das, was wir eine sichere Quellenlage nennen würden …

Eine Insel vor den Säulen des Herakles

Atlantis war dem Mythos zufolge eine Insel „vor den Säulen des Herakles“, die aber mittlerweile im Meer versunken ist. Die Säulen des Herakles nennen wir heute den Felsen von Gibraltar und den Berg Dschebel Musa in Marokko – sie fassen die Straße von Gibraltar ein, die Grenze zwischen Mittelmeer und Atlantik. Der Legende nach soll Herakles an ihnen die Inschrift „Nicht mehr weiter“ angebracht haben, um das Ende der Welt zu markieren. Langer Rede kurzer Sinn: Atlantis soll eine Insel im – wait for it – Atlantik gewesen sein! Nein! Doch! Oh!

Kritias erzählt, dass es eine mächtige Seemacht war, die große Teile des Mittelmeers beherrschte, viele Inseln, Westeuropa bis Mittelitalien, das heutige Libyen und Teile Ägyptens sowie des Nahen Ostens. Atlantis habe versucht, auch Griechenland zu erobern, aber den Athenern gelang es, die Großmacht abzuwehren. Ich stelle mir das lustig vor, wie diese große Seefahrernation von einem Haufen Steinzeitmenschen mit Knüppeln und Steinäxten vermöbelt wurde. Anyway … Kurz nach dieser Niederlage sei dann Atlantis binnen nur eines Tages und einer Nacht bei Erdbeben total zerstört worden und im Meer versunken.

Die Insel soll reich gewesen sein und größer als die in der Antike bekannten Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens zusammen. Die Insel war fruchtbar und die Atlanten verfügten über eine fortgeschrittene Landwirtschaft. Die Hauptstadt war unglaublich prächtig, supersymmetrisch und wies merkwürdige Ähnlichkeiten mit der griechischen Kultur in Platons Tagen auf. Wie jeder, der in der Antike was auf sich hielt, stammten das Volk von Atlantis natürlich von einem Gott ab, nämlich von Poseidon, dessen Halbgottsohn Atlas der Herrscher in Atlantis war.

Die Niederlage gegen Athen und die anschließende Vernichtung von Atlantis sei eine Strafe der Götter gewesen, da die Atlanten zum einen ihr göttliches Blut mehr und mehr mit dem widerlichen Blut von Menschen vermischt hatten – Also mit Menschen in die Kiste gesprungen sind. Ekelhaft! Zum anderen wollten die Götter auch die Hybris der Atlantisbewohner bestrafen.

Hat es Atlantis wirklich gegeben?

Das ist es im großen und ganzen, was Platon uns von Atlantis berichtet. Was können wir als Philosophen damit anfangen? Und vor allem: Hat es Atlantis tatsächlich gegeben? Nun, Platon lässt Kritias mehrfach betonen, dass es sich um eine wahre Überlieferung handelt. Aber warum ist dann Platon unsere einzige Quelle für dieses sagenumwobene Land? Dieser glorreiche Sieg der Athener über Atlantis wäre doch sicher in Mythen und Legenden überliefert worden genau wie der Sieg über Troja. Platon behauptet, dass verschiedene Naturkatastrophen in Griechenland dazu geführt haben, dass sämtliche Aufzeichnungen vernichtet wurden. Klingt jetzt nicht sooo überzeugend.

Aber der wichtigste Grund, der gegen die Existenz von Atlantis spricht, ist ein anderer. Erinnert euch mal daran, was ich euch in beim Symposion über die Funktion des Mythos bei Platon erzählt habe: Platon erzählt immer wieder Mythen in seinen Dialogen und zwar oft dann, wenn er einen vertrackten Punkt in seiner Argumentation erreicht und von uns Lesern etwas Wohlwollen haben möchte. Nicht ohne Grund lässt er die Geschichte von Kritias vortragen, der sie von seinem Opa hat, der sie von einem Kumpel hat, der sie von einem ägyptischen Priester hat, der sie aus alten Texten übersetzt hat. Das heißt im Rahmen der Platonischen Dialoge nichts anderes als: Nehmt das, was ich euch gleich erzähle, nicht für bare Münze, es ist nur eine Beispielgeschichte. Mit dem Mythos vom Kugelmenschen und dem Höhlengleichnis haben wir auch bereits zwei weitere solche Beispielmythen kennengelernt. Glaubt ihr wirklich, dass Platon der Überzeugung war, dass wir einst Kugelmenschen waren und alle in eine Höhle sitzen? Das sind Allegorien. So wie etwa Matrix eine Allegorie ist und wir nicht buchstäblich Batterien für Maschinen sind … Was BTW überhaupt keinen Sinn macht, da man viel mehr Energie in menschliche Körper stecken muss, als man herausholen kann! Aber ich schweife ab …

Die Frage ist, welche Funktion hatte der Mythos? Dadurch, dass der Dialog Kritias unvollendet blieb, ist das natürlich nicht abschließend zu beantworten. Aber im Großen und ganzen geht es eben um ein Bild für den perfekten Staat und seine Probleme. So wie die Welt der Erscheinungen nur ein fehlerhaftes Abbild der perfekten Urbilder im Reich der Ideen ist, so sind die Staaten zu Platons Tagen nur fehlerhafte Abbilder des perfekten Urstaats Atlantis. Die Frage, die sich direkt hieran anschließt, lautet: Was macht denn diesen perfekten Staat aus? Und darum werden wir uns ab dem nächsten Mal kümmern, denn es ist nach der Ideenlehre der am meisten diskutierte Punkt in Platons Philosophie.

 

Die Quellen sind die gleichen wie bei den letzten 14 Texten zu Platon. 😉

Platonische Liebe

Meinen Zweiteiler zur Platonischen Liebe schließe ich heute und hier ab. Erinnert euch: Beim letzten Mal habe ich erzählt, wie Sokrates zu einem Saufgelage namens Symposion kam und dort ein Battlerap stattfand. Alle Anwesenden battelten sich darin, wer die beste Definition für die Liebe hat. Nachdem schon ein Haufen unwissender Tagediebe ihren Senf abgegeben haben, kommt nun endlich Sokrates an die Reihe und damit beginnt die eigentliche Definition der Liebe.Wie immer habt ihr die Wahl zwischen Video und Text:

Eine besitzergreifende Theorie

Als Sokrates das Wort ergreift, disst er in bester Battlerap-Tradition zunächst einmal seine Vorredner, dass sie alle keine Ahnung haben und nur schön Worte von sich geben. Er, Sokrates, wolle jetzt prüfen, was die Wahrheit über die Liebe sei. Platons Lehrer beginnt daraufhin seine Definition damit, dass Liebe immer Liebe zu etwas ist, das man noch nicht hat und begehrt. Wenn man sagt, dass man liebt, was man schon hat, so meint das, man möchte es auch in Zukunft behalten, da man das auch noch nicht sicher hat, bleibt es bei der ursprünglichen Definition.

Puh, ganz schön besitzergreifend. Sicher gibt es diesen Aspekt der Liebe. Aber ist sie immer so? Kann man nicht auch lieben, ohne zu besitzen? Der Platon-Spezialist Walter Bröcker* wendet zum Beispiel ein, dass Liebe auch darin bestehen kann, dass man sich an der Gegenwart einer Sache oder eines Menschen erfreut, ohne diesen gleich besitzen zu müssen.

Glück als Letztbegründung

Lauschen wir mal, was Sokrates noch zu sagen hat: Sokrates stimmt Phaidros zu, dass die Liebe das Schöne anstrebt und fragt nun, warum das so ist. Seine Antwort: Der Liebende will glückselig werden. Glückselig oder einfach nur glücklich zu sein wird dann von Sokrates als Letztbegründung angenommen, eine Begründung, bei der man nicht mehr sinnvoll weiter „Warum?“ fragen kann. Du kannst demnach sinnvoll fragen: “Warum willst du lieben?” Und die Antwort lautet: “Weil ich glücklich werden will.” Aber die Frage “Warum willst du glücklich werden?” ist nicht sinnvoll. Weil #isso! Wir werden uns damit noch weiter im Zusammenhang mit Platons Ethik beschäftigen. Aber es ist ein interessanter Funfact, dass mit der Letztbegründung ein weiteres enorm wirkungsträchtiges philosophisches Konzept bis auf Platon zurückgeht.

Da Sokrates diesen Begründungsstrang seiner Meinung nach an sein Ende getrieben hat, folgt die Frage, was denn glücklich macht. Seine Antwort: „Das Gute“. Daraus folgend kritisiert er dann auch den Mythos vom Kugelmenschen, denn Liebende würden nicht ihre andere Hälfte suchen, sondern etwas, das gut für sie ist. Und wenn die andere Hälfte sich als schlecht herausstellt, dann wollten die Liebenden sie gar nicht haben.

Ist der Zweck der Liebe bloß die Fortpflanzung?

Sokrates präzisiert nun Phaidros These noch einmal: Die Liebe strebt nicht nach dem Schönen an sich, sondern nach der Geburt des Schönen. Die Geburt des Schönen kann nun buchstäblich die Geburt eines Kindes sein oder es kann eine metaphorische, eine geistige Geburt sein. Zeugung des Schönen sei aber im Grunde eine Verewigung, daher ist Liebe eigentlich die Liebe zur Unsterblichkeit. Platon, der alte Lustfeind, vergisst natürlich nicht, zu erwähnen, dass die geistige Zeugung viel cooler ist als die körperliche. Das sehe man ja an den Werken von Homer und Hesiod.

Oje, dieser Abschnitt ist mal wieder typisches Platon-Geschwurbel Brechen wir ihn mal herunter. Sokrates definiert Liebe in Analogie zu sexueller Fortpflanzung. Erfindungen, Ideen (im normalsprachlichen Sinne), Entwicklungen und Dichtungen sind genauso Geburten wie die Geburt eines Kindes. Das ist eine Metapher, die wir auch heute noch gerne verwenden. Aber ist denn die Analogie auch treffend? Es erscheint mir klar, dass es diesen Aspekt der Liebe gibt. Das kann ich als Vater von zwei Kindern anekdotisch bestätigen. Aber lässt sich Liebe immer aufs Biologische reduzieren? Ist der einzige Zweck der Liebe die Fortpflanzung? Gibt es nicht auch Formen der Liebe, die nichts mit dem Wunsch nach der eigenen Unsterblichkeit zu tun haben?

Der Stufenweg der Liebe

Platon gibt uns darauf keine Antwort, sondern baut als nächstes seine Ideenlehre ein, indem er von einem Stufenweg der Liebe spricht. Die erste Stufe, das erste, was der Mensch zu begehren lernt, ist die Liebe zu einem schönen Körper, in Form eines Individuums. Mit anderen Worten: Man verliebt sich. Die nächste Stufe ist die Liebe zu allen schönen Körpern. Gewissermaßen der Reiz, der für Künstlerinnen darin liegt, Menschen zu fotografieren oder zu malen. Die nächste Stufe ist die Entdeckung der Schönheit der Seele, die dazu führt auch weniger schöne Körper zu lieben. Durch die Schönheit der Seele beschäftigt man sich mit Sprache und entdeckt so die Schönheit in Handlungen und die Schönheit von Ethik. Von dort aus entdeckt man die Schönheit der Wissenschaft und auf der letzten Stufe sieht man schließlich die Schönheit selbst, also die Idee der Schönheit, wie wir sie in der Folge zur Ideenlehre schon definiert haben. Mit diesem Stufenweg verfolgt Platon natürlich eine Agenda: Die Idee der Schönheit zu sehen ist das Ziel einer Liebeserziehung und erst durch ihr Erblicken wird das Leben lebenswert, erklärt er.

Alkibiades’ vergebliche Verführung

An dieser Stelle platzt der besoffene Alkibiades in die Runde. Nach einigem Hin und her wird Alkibiades aufgefordert, auch eine Lobrede auf den Eros zu halten. Aber offensichtlich haben er und Sokrates eine gemeinsame Vergangenheit, weshalb Alkibiades ziemlich rumzickt und am Ende lieber eine Lobrede auf Sokrates halten will, beziehungsweise die Wahrheit über diesen auspacken.

Er beginnt mit der altbekannten Charakterisierung von Sokrates: außen hässlich, innen schön. Sokrates ist Lehrer. Es verlangt ihn nicht nach Geld oder körperlicher Schönheit. Er ist nur an der Seele der Menschen interessiert. Schließlich packt Alkibiades aus, dass er einst versucht hat, Sokrates zu verführen, dass aber nichts daraus wurde. Er brachte durch geschickte Umstände Sokrates sogar dazu, mit ihm in einem Bett zu pennen, aber Sokrates habe ihn nicht angerührt! Echt ey, dieser prüde alte Sack! Danach folgen wieder Lobhudelein über Sokrates, die wir hier ignorieren können.

Denn der entscheidende Punkt, an diesem merkwürdigen Abschnitt, der später zur Redewendung der platonischen Liebe verkürzt wurde, ist folgender: Platon macht klar, dass Sokrates auf dem Stufenweg der Liebe schon hinaufgestiegen ist, ist er an profanem Sex nicht mehr interessiert. Stattdessen liebt er die Seelen der jungen Männer mehr als ihre Körper. Das ist – so die Schlussfolgerung – die bessere Form der Liebe, die Platonische Liebe.

Was machen wir damit?

Das war sie also, die platonische Begriffsbestimmung von Liebe. Was machen wir nun mit diesem Definitionsversuch? Spannend finde ich, wie viele Aspekte der Liebe schon in diesem Dialog stecken, die auch ich noch unterschreiben kann: Dass die Liebe das Beste in den Menschen hervorbringen kann. Dass man sich aber bemühen muss, schön zu lieben, also sich nicht unangemessen verhalten darf. Dass es so etwas wie Seelenverwandte gibt, aber dass diese Seelenverwandten vielleicht auch nicht gut für uns sind und wir lieber woanders die Liebe suchen sollen. Dass Liebe den Krieg besiegen und uns zu Dichtern machen kann. Und dass wir lieben, um glücklich zu werden. Das finde ich alles sehr schöne Gedanken.

Natürlich habe ich bei dieser Aufzählung einerseits sehr viel weggeworfen, was mich stört, und andererseits diesen über 2.300 Jahre alten Text sehr modern interpretiert. Aber ich finde, so eine Herangehensweise ist das beste, was ein Platonischer Dialog leisten kann: Er ist ein Gesprächsangebot, das die Zeit überdauert hat. Wenn wir ihn heute lesen und etwas finden, das wir aus ihm ziehen können und dadurch angespornt werden, über diese Sache weiter nachzudenken, dann ist das meines Erachtens philosophischer als alle komplexen metaphysischen Systeme. Und Platon, dem alten Dialektiker, hätte es sicher sehr gefallen.

Was denk ihr? Ist Liebe etwas, über das sich Philosophen Gedanken machen sollten? Oder sollten wir das lieber den Dichterinnen überlassen? Schreibt mir einen Kommentar. Eure Meinung interessiert mich sehr!

Literatur

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Platon – Das Symposion

Neben dem Höhlengleichnis ist die Platonische Liebe wahrscheinlich das, woran nicht nur in der Friendzone gefangene Teenager denken, wenn sie den Namen Platon hören. Der Volksmund versteht unter der platonischen Liebe eine nicht-körperliche Liebe, ein Liebe ohne sexuelle Begierde. Und insgesamt trifft das den Nagel schon ziemlich auf den Kopf, Platon war eben ein verklemmter Spießer. Aber ich finde, die platonische Liebe eignet sich sehr gut, um mal in den Text schauen und zu prüfen, was Platon da eigentlich genau über die Liebe geschrieben hat. Und ob Liebe überhaupt etwas ist, das sich philosophisch untersuchen lässt.

Dafür zieht Sokrates sogar Sandalen an

Der  platonische Dialog, der sich der Liebe widmet, ist „Das Symposion” oder auch „Das Gastmal“. Springen wir am besten gleich rein:

Die Geschichte fängt nach einigen Vorbemerkungen zur Überlieferung damit an, dass ein gewisser Aristodemos Sokrates begegnet und Sokrates hat nicht bloß gebadet! Nein: Obendrein trägt er sogar Schuhe! Sandalen! Krasser Scheiß! Da fragt sich Aristodemos zu recht, warum Sokrates so crazy Shit macht. Die alte Sandale ist unterwegs zu einem gewissen Agathon, denn der schmeißt eine Party – das namensgebende Gastmahl –, weil er so eine Art Tragödien-Rap-Battle gewonnen hat. Sokrates fordert Aristodemos kurzer Hand auf, mitzukommen, doch letztlich trifft Aristodemos ohne Sokrates beim Symposion ein, weil der alte Freak schon wieder gedankenverloren einfach mitten auf der Straße stehengeblieben ist, um irgendein philosophisches Problem zu wälzen.

Sokrates kommt dann erst an, als das Gastmahl schon vorbei und die ganze Gesellschaft zum Saufen übergegangen ist. Allerdings sind alle noch verkatert, weil sie wohl beim Battle am Vortag kräftig einen gezwitschert haben und nun in ihrer – Zitat: – „Leistungsfähigkeit“ was das Saufen anbelangt „vermindert” sind.

Aber da das mit dem Battle am Vortag so einen Spaß gemacht hat, schlägt einer der Gäste vor, das im Privaten zu wiederholen und so sollen verschiedene Kontrahenten Lobreden auf den Eros halten, am Ende soll dann entschieden werden, wer der beste Eros-Rapper war und damit gewonnen hat. Ich habe ja schon einen winzigen Verdacht, wer gewinnen da wird. Ihr auch?

Ein Rap-Battle zur Begriffsbestimmung

Nun gut: Dieser ganze Überbau dient aber eigentlich nur dem eigentlichen philosophischen Zweck des Dialogs. Platon nutzt in der Folge die verschiedenen Lobreden zu einer Begriffsbestimmung. Platon versucht eine Definition für Liebe zu finden. Dabei bedient er sich zweier Kunstgriffe: Zum einen die Form der Lobrede, diese ist nicht so streng, wie das sonst übliche Fragen-Antwort-Spielchen in den Dialogen, sondern erlaubt mehr künstlerische Freiheit. Zum anderen hängt Platon diese Untersuchung an die Göttergestalt des Eros. Damit stellt er sich in die animistische Tradition des Mythos. Er spricht also nicht über den abstrakten Begriff „Liebe“ sondern über eine Person. Mythen sind ein Stilmittel, auf das Platon immer wieder in seinen Dialogen zurückgreift. Oft geschieht dies, wenn das, was er besprechen will, heikel ist und sich mit logischen Mitteln nicht so gut bestimmen lässt. Und was könnte heikler sein als die Liebe?

Dennoch will ich mal alles mythische abstreifen und gucken, was darunter liegt. Denn, wie gesagt, im Grunde geht es Platon um etwas sehr philosophisches. Wir haben einen normalsprachlichen, impliziten Begriff davon, was Liebe ist. In unserem täglichen Leben verwenden wir das Wort ohne Mühen. Aber wenn wir gezwungen werden, eine Definition von Liebe zu geben, dann stammeln wir nur rum wie Herbert Grönemeyer mit Flugzeugen im Bauch. Schauen wir doch mal, ob Platon sich da geschickter anstellt.

Zuvor muss ich an dieser Stelle mal ein paar Worte zur griechischen Päderatie verlieren: Besonders unter den griechischen aristokratischen Männern war es üblich, neben einer Ehefrau auch einen jugendlichen schwulen Geliebten zu haben. Die Jungs waren dabei in der Regel zwischen 12 und 18 Jahren. Der ältere Mann umwarb den jüngeren mit Geschenken und Geld und wenn es dann zur Beziehung kam, ging es nicht nur in die Kiste. Stattdessen sollte der Ältere den Jüngling auch Bildung zukommen lassen. Beim Sex sollte der Ältere übrigens darauf achten, den Jüngeren nicht zu erniedrigen. Homosexualität mit einem pädophilen Einschlag war im antiken Griechenland also normal.

Eine Macho-Theorie der Liebe

Doch zurück zum Symposium: Es beginnt Phaidros mit seiner Lobpreisung des Gottes Eros. Dabei schreibt er der Liebe folgende Eigenschaften zu: Liebe bringt das Beste in den Liebenden hervor. Liebe bewirkt das Streben nach dem Schönen. Schön muss aber nicht unbedingt als körperlich schön verstanden werden. Zum Beispiel ist Liebe auch Antrieb zu großen und edlen Taten. Bis hierhin entspricht das schon weitgehend unseren heutigen Vorstellungen von romantischer Liebe.

Doch dann entwirft Phaidros eine Macho-Theorie, wonach die aktive Liebe, das Begehren, die männliche Seite der Liebe ist, während das passive Element der Liebe, das Begehrenswerte oder das Geliebtwerden weiblich ist. Das ist schwach, weil er hier gesellschaftliche Konventionen, also etwas rein äußerliches, auf das Wesen der Liebe überträgt. Ich wurde schon von einer Frau verführt, war der Passive während sie aktiv war und ich behaupte mal ganz dreist, dass das keine Ausnahme war sondern durchaus öfter passiert und somit zur Liebe gehört. Und die Liebe auf den ersten Blick, in der beide sich einig ineinander verlieben, ohne dass es einen aktiven und einen passiven Part gibt, habe ich dabei noch gar nicht erwähnt. Phaidros jedenfalls schließt mit den Worten, dass der männliche und der weibliche Aspekt der Liebe zusammen eine Einheit bilden.

Man muss sich schon bemühen, schön zu lieben

Als nächstes spricht dann der Sophist Pausanias, mal gucken, ob der seinen Vorredner im Battle besiegen kann. Nachdem Phaidros zwischen dem männlichen und dem weiblichen Aspekt der Liebe unterschieden hat, unterscheidet Pausanias zwischen den himmlischen und dem vulgären Aspekten. Wir würden heute wohl eher zwischen emotionaler und sexueller Liebe unterscheiden.

Außerdem widerspricht Pausanias Phaidros darin, dass die Liebe das Beste im Menschen hervorbringt. Es verhalte sich mit der Liebe, wie mit allem anderen: Sie könne schön oder hässlich sein. Man muss sich schon bemühen, schön zu lieben. Diesen letzten Punkt finde ich eigentlich einen schönen Gedanken. Ich kann mich in jemanden verlieben und diese Person dann bedrängen und belästigen aber genauso kann Liebe das Beste in mir hervorbringen und dadurch ganz wundervolle Handlungen. Pausanias schließt damit, dass die vulgäre Liebe die Liebe zu einer Frau ist während die himmlische Liebe die homosexuelle Liebe zu einem Mann ist, da Männer Frauen von Natur aus ™ intellektuell überlegen seien. Diese Theorie sollte man heute mal jemandem aus dem homophonen AfD-Umfeld erzählen!

Gegensätze ziehen sich an

Als nächstes spricht dann der Arzt Eryximachos. Doch was der sagt ist nicht so spannend. Er kombiniert nur Pausanias These von den zwei Aspekten des Eros mit der Naturphilosophie von Heraklit, bei der alles aus Gegensätzen besteht. Dabei wird die Liebe zur Triebfeder der Veränderung, kann aber, je nachdem, welcher Aspekt dominiert, der vulgäre oder der himmlische, zum Guten oder zum Schlechten verändern. Das ist mal wieder eine metaphysische Unterstellung. Liebe wird hier einfach zur Triebfeder gemacht, ohne das hinreichend zu begründen. Ein weiteres Mal könnte ich entgegnen: Ich glaube aber, dass Brokkoli die Triebfeder für Veränderung ist! Interessant ist allerdings, dass Eryximachos die Liebe als Verlangen charakterisiert. Denn hier schließt der nächste Redner an.

Die Kugelmenschen

Aristophanes, der berühmte Komödienschreiber, ist als nächstes an der Reihe und er widmet sich der Frage, wonach es der Liebe denn verlangt. Doch Platon lässt ihn nicht zu Wort kommen, ohne zuvor noch einen kleinen Diss gegen Aristophanes in den Dialog hineinzuschreiben. Zur Erinnerung: Der Dichter hatte Sokrates im wahren Leben übel mitgespielt. Seine Komödie “Die Wolken” hatte viele der späteren Anklagepunkte gegen Platons Lehrer vorweggenommen. In Platons Dialog wäre Aristophanes eigentlich schon vor Eryximachos mit dem Reden drangewesen, da er sich aber verschluckt hatte, meinte der Arzt, er solle mal besser das Maul halten … Das war eindeutig zweideutig!

Allerdings legt Platon nach diesem Seitenhieb dann Aristophanes eines der berühmtesten Stücke des Symposions in den Mund: Den Mythos vom Kugelmenschen.

Diesem Mythos zufolge gab es ursprünglich drei Geschlechter: Frauen, Männer und Androgyne – die Kugelmenschen. Sie hatten vier Arme, vier Beine und zwei Gesichter. Die Androgynen waren sehr mächtig und versuchten, die Götter vom Olymp zu stürzen. Zur Strafe und um sie zu schwächen zerteilte sie Zeus, sodass auch aus ihnen Männer und Frauen wurden. Diese Teile suchen nun Zeit ihres Lebens nach ihrem Gegenstück um sich mit diesem wieder zu vereinigen. In diesem Gleichnis Platons steckt vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte die wirkungsvolle Idee von Seelenverwandtschaft, die noch heute unsere Vorstellungen von wahrer Liebe prägt.

Der Mythos respektiert zudem als erste Rede im Symposion die heterosexuelle Liebe und gibt der Frau eine gleichgestellte Position.  Aber Aristophanes würdigt auch die Homosexualität: Schwule Männer sind demnach die ursprünglichen Männer, die nie Kugelmenschen waren und lesbische Frauen sind die ursprünglichen Frauen. Man könnte natürlich kritisieren, dass Aristophanes nun seinerseits Heterosexuelle hervorhebt, da er sie als die einzigen mit Seelenverwandten darstellt und als das ursprünglich besonders mächtige Geschlecht. Aber insgesamt ist dieser Teil erstaunlich modern und ausgewogen.

Platon war nie verliebt

Als nächstes spricht der Tragödiendichter Agathon und charakterisiert Liebe als eine Sache der Jugend. Liebe ist frei von Gewalt, aber erfüllt von Besonnenheit, denn die Liebe herrscht über alle Gefühle. Wenn Platon wirklich glaubt, dass Liebe besonnen macht, dann war er wohl nie verliebt.

Anyway, Agathon fährt fort: Die Liebe ist stärker als der Krieg. Außerdem macht Liebe weise, weil sie die Menschen zu Dichtern macht. Allerdings bricht Platon die letzte Behauptung von Agathon dadurch ironisch, dass Agathon im Anschluss daran in poetische Redeform übergeht. Diese Poesie trägt aber nichts zur Begriffsbestimmung beiträgt. Mit anderen Worten: Poesie hat nichts mit Weisheit zu tun.

Dann kommt endlich Sokrates an die Reihe. Aber was der zu sagen hat – nämlich die eigentliche Definition der platonischen Liebe –, das erzähle ich euch beim nächsten Mal.

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Die Philosophie von Steve Bannon

In den letzten Wochen und Monaten waren mir die kruden geschichtsphilosophischen Ansichten von Steve Bannon des Öfteren begegnet, ohne dass jemand sie logisch widerlegt hatte. Ich habe das mal übernommen. Ihr könnt euch das als Video anschauen oder darunter lesen.

Es geht heute um den Mann, der seit ein paar Monaten der mächtigste in Amerika ist. Nein nicht um Donald Trump! Um Steve Bannon! Derzeit gilt Steve Bannon zwar als entmachtet, aber manchmal kommen sie wieder!!! Daher erzähle ich heute von der Philosophie von Steve Bannon.

Steve Bannon ist der prominenteste Vertreter einer rechtsradikalen politischen Strömung in den USA, die sich “Alt-Right” nennt. Und falls jemand aus der neuen Rechten das hier liest: Stellt euch nicht an wie Eltern, die von ihrem Kind beim Sex erwischt wurden! Ihr seid rechts, eure Ideen sind radikal: Natürlich seid ihr rechtsradikal!

Steve Bannon jedenfalls war Chefredakteur der ebenfalls rechtsradikalen Webseite Breitbart (ja, ich habe es schon wieder gesagt: rechtsradikal!). Bannon schloss sich dann dem Wahlkampfteam von Donald Trump an und ist nun Chefstratege von Trump im weißen Haus. Er soll der Kopf sein, der hinter Executive Orders wie dem Muslim Ban steckt. Das ist das Einreiseverbot in die USA für Muslime aus einer Reihe von Ländern. Es wurde mittlerweile von mehreren Gerichten als unvereinbar mit der amerikanischen Verfassung abgeurteilt.

Bannons merkwürdige Vorstellungen

Steve Bannon vertritt viele Thesen, die sich in der amerikanischen Rechten im besonderen und der internationalen Rechten im Allgemeinen tummeln, als handele es sich um ein Bordell in Kingslanding. Er verehrt sexy Ronald Reagen und glaubt heutzutage gäbe es nur noch korrupte Politiker, die den anständigen weißen Mittelklasse-Arbeiter mit Hilfe internationaler Konzerne ausbeuten. Die Verstrickung von Politik und internationaler Wirtschaft nennt er “die Partei von Davos”. Zugleich nennt er sich selbst einen Hardcore-Kapitalisten und kritisiert den “Sozialismus”, den Obama-Care für Arme bereitstellt – wiederum auf Kosten der Mittelschicht. Die Politik und die Finanzelite haben Amerika an den Rande des Ruins getrieben, während sie sich selbst bereicherten. Diese Politiker gilt es in Bannons Weltsicht genauso zu bekämpfen wie den Islam, der den christlichen Westen bedroht. Bannon träumt von einer rechtskonservativen Revolution und verglich sich selbst mit Lenin – dahingehend, dass er den amerikanischen Staat zerstören wolle, wie Lenin das mit dem Russischen getan hat. Nur ein Schock – so seine Weltsicht – könne den ich Niedergang des Systems aufhalten.

In diesem Kartoffelsalat an zusammengeklauten Ideologien stecken schon so viele ungesunde Zusatzstoffe, dass ich über jeden eine eigenn Folge machen könnte, aber mich interessiert heute nur der letzte Aspekt (der heilsame Schock) und der theoretische Unterbau dazu: Einer der wichtigsten philosophischen Einflüsse auf Steve Bannon ist das Buch The Fourth Turning* von William Strauss und Neil Howe. Ein Werk, das nicht nur klingt wie eine Gangschaltung bei Star Wars sondern auch ebenso sinnlos ist. Doch der Reihe nach …

Im Buch “The Fourth Turning” wird die Theorie aufgestellt, dass sich die amerikanische Geschichte wiederholt. Sie bewege sich in 80-100 Jahre-Zyklen. Jeder Zyklus endet dann mit einem kathartischen Crash, auf den ein Neubeginn folgt – die Generation Zero*, wie Bannon es in einer von ihm produzierten Dokumentation nennt. Bannon meint, dass der letzte Crash durch die Finanzkrise 2008 eingeleitet wurde. Die Obama-Administration das System aber über seine natürliche Lebensdauer hinaus am Leben erhalten habe. Offensichtlich hat Bannon also kein Problem mit aktiver Sterbehilfe.

The Fourth Turning

Doch, ich will mal einen Moment ernst bleiben und der Reihe nach gehen: Die beiden Urheber dieser (in Ermangelung eines besseren Wortes) Theorie, glauben an eine feste Folge von Generationen. Gemäß William Strauss und Neil Howe gehören alle Menschen einer Generation an, die in etwa in einem 20-Jahre-Korridor geboren wurden. Sie haben wichtige Ereignisse der Geschichte in etwa in der gleichen Lebensphase erlebt und teilen daher das gleiche Set an Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen. Strauss und Howe glauben, dass es eine historische Gesetzmäßigkeit gibt, wonach vier Genrationen zumindest in Amerika immer aufeinander folgen: “The High”, “The Awakening”, “The Unraveling” und “The Crisis”.

Nach einer Krise beginnt ein neuer Zyklus wieder mit The High – der Hochphase. Dieses Hoch zeichnet sich dadurch aus, dass der Staat von starken Institutionen geprägt wird, während der Individualismus schwach ist. Die Gesellschaft ist sich einig, in welche Richtung sie sich entwickeln sollte. Die letzte Hochphase erlebten die USA demnach nach dem zweiten Weltkrieg.

Die zweite Phase ist The Awakening – das Erwachen. In diesem Turning werden die Institutionen angegriffen durch individuelle oder spirituelle Kräfte. The Awakening tritt ausgerechnet dann ein, wenn die Gesellschaft auf dem Höhepunkt des kollektiven Fortschritts ist. Dann erscheint der jungen Generation das High als Ära der kulturellen oder spirituellen Armut und sie wollen sich selbst entdecken und spirituelle Erfahrungen machen. Das letzte Awakening begann wohl nach Kennedys Tod mit den Studentenbewegungen der 1960er.

Es folgt als nächstes das Unravelling – die Phase der Auflösung. Institutionen sind schwach, Menschen Misstrauen ihnen und feiern ihren Individualismus. Die Gesellschaft zersplittert und jeder interessiert sich nur noch für sich selbst. Diese Phase begann der Theorie nach zuletzt in den 1980ern.

Schließlich kommt The Crisis. In dieser Krise wird die Gesellschaft bedroht. Etwa durch einen Krieg. Die Institutionen werden in so einer Krise zerschlagen. Die letzte Krise war die Weltwirtschaftskrise von 1929, die im zweiten Weltkrieg endete. Und an dieser Stelle landen wir wieder bei Steve Bannon. Denn wenn ihr gut aufgepasst habt, dann ist euch aufgefallen, dass die 20 Jahre des letzten Niedergangs schon um sind. Wir also eigentlich schon in der Krise stecken müssten.

Wie schon gesagt, glaubt Bannon, dass The Krisis eigentlich durch die Finanzkrise 2008 eingeleitet wurde, dass es die Obama-Administration aber verpasst hat, das aktuelle politisch-wirtschaftliche System einzureißen, um damit den Weg für die nächste Hochphase zu ebnen. Deswegen unterstützt er Trump, damit dieser diesen Prozess vorantreibt. Das wird das aktuelle System zum Einsturz bringen und Platz machen für das nächste High Amerikas.

Ein nach Mustern suchendes Gehirn

Was haltet ihr davon? Ich muss euch ehrlich sagen, auf mich wirkt das wie das möchtegern-prophetische Fantasy-Konstrukt von nach Mustern suchenden Gehirnen. Dass Bannon seinen Dokumentarfilm mit den Worten “Winter is Coming” enden lässt, macht es auch nicht unbedingt besser. Und ich muss leider sagen, Steve, es liegt an dir und nicht an mir, dass deine Theorie keinen Sinn ergibt. Steve, deine Theorie ist in etwa so glaubwürdig wie eine Werbekampagne, in der uns McDonalds erklärt, wie gesund ihre Burger sind.  Aber ich will das ganze noch nicht gleich komplett als Quatschkram abtun, sondern zunächst einmal überlegen, ob da nicht vielleicht doch etwas dran  sein  könnte.

Immerhin sind William Strauss, Neil Howe und Steve Bannon nicht allein in dem Versuch, aus der Geschichte Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Und mal ehrlich, eigentlich ist die Überlegung gar nicht so doof: Wir leben in einer kausalen Welt, in der jede Wirkung eine Ursache hat. Warum sollte es in der Menschheitsgeschichte anders sein? So wie wir Jahreszeiten oder Sonnenfinsternisse Vorherbestimmen können, so können wir doch vielleicht auch Ereignisse wie Krisen vorherbestimmen. Berühmte Vorgänger in dieser Art zu denken waren etwa Hegel und Marx.

Hegel vertrat zum Beispiel den Standpunkt, dass in der Weltgeschichte und im Aufkommen und Untergehen einzelner Staaten der “Weltgeist” zum Ausdruck kommt. Die Geschichte strebe dem Endziel entgegen, in dem sich der Geist und die Natur vereinen. Ich weiß, dass klingt super-abgehoben und ich kann es euch nicht runterbrechen ohne etliche Folgen zu Hegels Philosophie zu machen. Das letzte werden wir eines fernen Tages angehen, versprochen! Aber jetzt ist erst einmal wichtig, dass Hegel genau wie Strauss und Howe  geschichtliche Ereignisse analysierte. Er meinte, daraus ablesen zu können, dass die menschlichen Gesellschaften sich gesetzmäßig zu immer mehr Freiheit hinentwickeln würden.

Ganz ähnlich verhält es sich bei Marx und doch ganz anders. Marx glaubte Gesetzmäßigkeiten darin zu erkennen, dass die materiellen Verhältnisse der Menschen in der Geschichte zu bestimmten Ideen führten. Das Ziel dieser Entwicklung sei natürlich der Kommunismus, der zwangsläufig kommen werde um die – wie er es nannte – Vorgeschichte der Menschheit beenden werde.

Hmm, mittlerweile haben wir 2017 und der Kommunismus macht derzeit in etwa soviel Welle wie ein Quietscheentchen, nachdem ein Panzer über es hinweggerollt ist. Auch Hegels Vorstellung, dass wir immer freier werden, wird gerade irgendwo zwischen Terrorangst und Nationalismus zermalmt. Ist die Idee, dass wir aus der Geschichte Gesetze ableiten können also genauso bekloppt, wie sie sich anhört?

Die Prognosen der Sozialwissenschaften

Nun, wir müssen bedenken, dass wir solche Gesetze aus der Geschichte ständig ableiten. “Wenn die Wirtschaft boomt, sinkt die Arbeitslosigkeit” – das ist gewissermaßen ein historisches Gesetz. Denn es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass es sich so verhält. “Länder, die miteinander Handel treiben, führen keinen Krieg gegeneinander”, ist ein anderes. Und “In Großstädten wählen die Menschen links-liberaler als auf dem Land”, ist ein drittes. Sätze wie diese sind in den Sozialwissenschaften an der Tagesordnung und sie sind im gewissen Sinne historische Gesetze. Worin unterscheiden sie sich von denen von Hegel, Marx und Strauss und Howe?

Mir erscheinen zwei Unterschiede wichtig. Zum einen sind die Sätze der Sozialwissenschaften Thesen mit einem bedingten Geltungsanspruch. Niemand geht so weit, zu behaupten, dass wirtschaftliches Wachstum bis in alle Ewigkeit für geringe Arbeitslosigkeit sorgen wird. Wenn erst einmal die Maschinen wirklich intelligent sind, dann ist es wahrscheinlich vorbei damit. Die Sozialwissenschaften beobachten die Welt und passen ihre Theorien dann der Welt an. Aber wenn Steve Bannon meint, Obama habe es versäumt, die Crisis einzuleiten, dann versucht es die Welt seiner Theorie anzupassen.

Der andere Unterschied ist, dass die Theorien der Sozialwissenschaften nur Teilaspekte menschlicher Gesellschaften untersuchen und Thesen dazu aufstellen: Die Arbeitslosigkeit, internationale Beziehungen oder das Wahlverhalten von Großstädtern in den Beispielen oben. Hegel, Marx, Strauss und  Howe versuchen hingegen allumfassende, sogenannte holistische Theorien aufzustellen, gültig entweder für die ganze Menschheit oder zumindest für ganz Amerika! Das Problem dabei ist, dass hier unglaublich viele Einflüsse auf das beobachtete System wirken, sodass die für Wissenschaft nötige Reduzierung der Komplexität leicht zu Fehlschlüssen führen kann. Zum Beispiel definieren Strauss und Howe eine Generation als 20 Jahre und sagen, dass Menschen in diesem Lebensabschnitt die gleichen Erfahrungen teilen, was zu dem gleichen Set an Werten, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen führt. Das ist eine verdammt steile These. Mein Bruder ist nur sechs Jahre älter als ich, aber – so lieb ich ihn habe – seine Werte, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen unterscheiden sich massiv von meinen. Aber 20 Jahre? Ich habe den 11. September im Alter von 20 miterlebt. Wie alle, die diese Erfahrung mit mir teilen, weiß ich noch genau, wo ich war: Im Raucherabteil eines RegionalExpress nach Aachen. Zu meiner Generation sollen aber Menschen gehören, die an diesen Tag noch Babys waren, geschweige denn wissen, dass man früher in Zügen rauchen durfte! Seht ihr das Problem? Und dabei habe ich noch nicht einmal berücksichtigt, dass außer dem Alter noch ganz andere Faktoren Einfluss auf Werte, Glaubenssätze und Verhaltensweisen haben.

Poppers Widerlegung des Historizismus

Karl Popper, einer meiner Lieblingsphilosophen nennt die Art zu Denken von Strauss und Howe “Historizismus” und er hat eine simple aber zwingende Widerlegung ihres Wahrheitsanspruchs. Sein Argument geht wie folgt:

(P1) Der Ablauf der Geschichte wird durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflusst.
(P2) Wir können mit rationalen oder Wissenschaftlichen Methoden das zukünftige Wachstum unserer Wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht vorhersagen.
(C) Daher können wir den zukünftigen Verlauf der menschlichen Geschichte nicht vorhersagen.

Das ist ein klassischer Syllogismus. Wenn man  das menschliche Wissen nicht vorhersagen kann und wenn das menschliche Wissen einen starken Einfluss auf den Verlauf der Geschichte hat, dann folgt daraus zwingend, dass wir die Geschichte nicht vorhersagen können. Mit anderen Worten: Die Theorie vom Fourth Turning ist zwingend falsch. Sie kann nicht wahr sein. Unter keinen Umständen.

Die Popular Vote hat Bannon also verloren, wie sieht es mit der Anzahl der Wahlmänner aus? Nun, die Schlussfolgerung, dass die Theorie von Fourth Turning falsch ist, ist logisch zwingend, daran kann ein Verfechter diesee Theorie nichts ändern und wenn er sich auf den Kopf stellt. Aber wo die Konklusion unumstößlich ist, da rücken die Prämissen in den Fokus des Interesses. Um Bannon und seine kruden Ideen doch noch wahr werden zu lassen, müssten unsere Ausgangsbehauptungen falsch sein. Lasst uns einen Blick darauf werfen.

Wissen und Geschichte

Liegt es im Rahmen des Möglichen, dass die menschliche Geschichte nicht durch das menschliche Wissen beeinflusst wird? Nun es spricht ziemlich viel dafür, dass es zwischen Wissen und menschlicher Entwicklung eine kausale Beziehung besteht. Wir hatten schon bei Thales gesehen, wie stark die griechische Geschichte von Sprache, Alphabet und Seefahrt beeinflusst wurden. Andere Beispiele gibt es zuhauf: Ohne die Erfindung des Buchdrucks und die Möglichkeit, Schriften schnell und günstig zu vervielfältigen, wären die Reformation und die Aufklärung nicht möglich geworden. Ohne Vordenker wie Friedrich August von Hayek und Ayn Rand würde der Neoliberalismus die Wirtschaftspolitik der USA nicht seit der Präsidentschaft von Reagan beeinflussen. Und ohne das Internet und Social Media wäre Trump jetzt nicht Präsident. Ich denke beim Einfluss des Wissens kann ich Poppers Schlussfolgerung nicht knacken.

Wie sieht es aus, mit der These, dass sich der Zuwachs des menschlichen Wissens nicht vorhersagen lässt? Ich fürchte hier sieht es sogar noch übler für Bannon aus. Nehmen wir mal für einen Moment an, es gäbe eine neue Wissenschaft, die sich mit der Vorhersage der Wissensentwicklung befassen würde. Gehen wir weiter davon aus, dass diese Wissenschaft voraussagen könnte, wann die Physik das Beamen entdeckt. Dann müsste unsere prophetische Wissenschaft auch erklären können, wie Beamen funktioniert, sonst könnte sie nicht beweisen, dass ihre Prognose wahr ist. Wenn das aber möglich wäre, dann bräuchten wir keine Physik mehr. Wir bräuchten überhaupt keine andere Wissenschaft mehr, sondern müssten alle unsere Ressourcen nur noch auf die prophetische Wissenschaft werfen. Dies wird aber nicht gemacht, sondern nur die Einzelwissenschaften können Fortschritte erzielen. Es deutet also alles darauf hin, dass prophetische Wissenschaft nicht möglich ist.

Tja, es sieht also schlecht aus für die Theorie von Strauss und Howe. In ihr steckt in etwa soviel Wahrheit wie in Alien Covenant. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, missachtet Ridley Scott in seinen Filmen zumindest nicht die Gesetze der Wissenschaft.

Notwendigkeit und Kontingenz

Aber auf einen Punkt muss ich noch eingehen: Was ist eigentlich, wenn morgen tatsächlich die Krise ausbricht, die Strauss und Howe vorhergesagt haben?  Zumindest in einem Punkt hat Bannon ja durchaus recht: Der internationale Finanzkapitalismus ist die Pest und die Zocker in den Investmentbanken haben durch die letzte Krise nichts gelernt. Daher ist es jederzeit wieder möglich, dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt. Ist die Theorie vom Fourth Turning dann am Ende doch wahr? Obwohl sie falsch sein müsste? Wir haben schließlich eben bewiesen, dass die Theorie von Strauss und Howe falsch ist.

Am Grund dieser Frage liegt ein philosophisches Problem, über das sich schon Aristoteles den Kopf zerbrochen hat.  Aristoteles formulierte das Problem damals so: Wenn ich gestern vorausgesagt habe, dass heute eine Seeschlacht stattfindet und heute die Schlacht wirklich stattfindet, war mein Satz gestern dann schon wahr?

Haben Zukunftsaussagen in gleichem Maße Wahrheitswerte wie Beschreibungen der Welt? Der Satz “Donald Trump hatte eine Audienz beim Papst” ist wahr. Aber wie ist es heute, am 23. Mai 2017 mit dem Satz “Morgen wird Donald Trump etwas Dummes tun”. …. Äh …. Okay, vergesst diesen Satz, der ist noch einmal ein Sonderfall. Nehmen wir lieber: “Angela Merkel wird die Bundestagswahl gewinnen.” Ist dieser Satz heute auch schon in gleicher Weise wahr? Im normalen Sprachgebrauch würden wir das nie sagen. Wir würden sagen, dass der Satz möglich, wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher ist. Aber wir sprechen Prognosen nie Wahrheit zu. Und dennoch, wenn im September Angela Merkel wiedergewählt werden sollte, dann erscheint uns der Satz retrospektiv als wahr. Wie können wir diesen Widerspruch auflösen?

Ganz einfach, die Logik kennt nicht bloß den Unterschied zwischen wahr und falsch sondern auch jenen zwischen kontingent und notwendig. Wenn die Entwicklung des Wissens der Menschheit sich nicht vorhersagen lässt und zugleich dieses Wissen die Geschichte beeinflusst, dann lässt sich die Geschichte notwendig nicht vorhersagen. Daraus folgt, dass eine Theorie, die behauptet, dass die Geschichte gesetzmäßig immer in vier aufeinander folgenden Phasen abläuft, notwendig falsch ist. Aber wenn demnächst ein Tweet von Donald Trump die USA in eine Staatskrise stürzt, dann war Bannons Vorhersage, dass dies geschehen wird, eben nur kontingent wahr.

Die Theorie vom Fourth Turning hat aber den Anspruch immer und zwingend wahr zu sein. Diesem Anspruch kann sie nicht gerecht werden. Die Geschichte der Zukunft ist noch nicht geschrieben.

 

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Das Universalienproblem

Heute wollen wir den Block zu Platons Ideenlehre abschließen, damit wir uns anschließend anderen Aspekten seiner Philosophie zuwenden können. Euch hängt diese Welt der Ideen sicher schon zum Hals raus: Wir haben die Ideenlehre kennengelernt, Probleme gesehen und angerissen, warum es vielleicht trotzdem schlau ist, an den Ideen festzuhalten. Heute möchte ich die Ideenlehre in einen größere philosophischen Kontext einordnen, um euch klarzumachen, warum auch in unseren Tagen – nach 2300 Jahren – noch immer einige Philosophen auf diese abgehobenen Ideen fliegen, als wären sie kleine Kinder, die glauben, Justin Bieber würde gute Musik machen. Der größere Kontext, in den es die Ideenlehre einzuordnen gilt, ist das Universalienproblem. Wie immer könnt ihr euch das als Video anschauen oder ihr lest darunter das Transkript:

Ein letztes Mal “Was ist …?” gefragt

Zur Einordnung möchte ich noch ein letztes Mal zu Sokrates und seiner „Was ist“-Frage zurückkehren. Ich hatte euch im zweiten Teil zu Sokrates erzählt, dass Sokrates auf der Suche nach dem Allgemeinen war. Dieses Allgemeine benennen wir in der Philosophie heute mit dem Begriff „Universalien“. Unstrittig ist in der zeitgenössischen Philosophie, dass es Univeralien gibt. Wir haben schlichtweg nicht nur Begriffe in unserer Sprache, die konkrete Dinge bezeichnen, wie zum Beispiel „Daniels Handy“, sondern auch solche, die eben Allgemeines bezeichnen, wie einfach nur „Handy“. Oder auch: Mensch, Raumschiff, Pferd. Das, was diese Begriffe bezeichnen, sind Universalien.

Mein großes Philosophie-Lexikon sagt dazu:

„[Universalien] benennen Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten und decken so Zusammenhänge der Wirklichkeit auf oder schaffen eine Ordnung, die die einzelnen Dinge miteinander in Zusammenhang bringt. Sie sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft. Ohne die Annahme von Universalien, welcher Art auch immer, ist eine Theorie, die Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit zum Ausdruck bringen will, grundsätzlich unmöglich.”

Ontologie ist keine Krankheit

Das Universalienproblem bezieht sich genau auf diesen kleinen Einschub: „welcher Art auch immer“. Das Problem besteht in der Frage, was der sogenannte ontologische Status von Universalien ist. Ontolgisch? Klingt wie eine Krankheit, oder? Die Ontologie ist aber die Lehre vom Seienden, also die Frage, was existiert und in welcher Form es existiert. Und genau diese Frage stellen sich die Philosophen in Bezug auf die Universalien.

Dabei gibt es drei Positionen: Erstens, die Nominalisten. Nominalisten glauben, dass Universalien rein sprachlich existieren. Unsere Sprache bringt sie überhaupt erst hervor. Dann gibt es als zweites die Konzeptualisten. Die meinen, dass Universalien im menschlichen Denken existieren. Der menschliche Geist erzeugt Konzepte davon, wie die Welt ist. Und diese Konzepte sind Universalien. Schließlich gibt es noch die Realisten. Die wiederum glauben, dass Universalien unabhängig vom Menschen wirklich in der Welt existieren, in irgendeiner Form. Die Frage ist nun, in welcher Form? Denn schließlich sehen wir zwar jede Menge einzelne Menschen, aber nie die Universalie „Mensch“. Ihr ahnt es vielleicht schon: Ausgerechnet der abgehobene Platon zählt zu den Realisten, denn seine Antwort lautet, dass Universalien Ideen sind, die in einer eigenen Ideenwelt existieren.

Jetzt wird auch klar, was ich im zweiten Sokrates-Teil meinte, als ich sagte, dass nach Aristoteles Sokrates noch nicht glaubte, dass das Allgemeine etwas vom Begriff Unabhängiges sei. Sokrates war demnach eher Nominalist oder Konzeptualist. Was genau, können wir heute nicht mehr sagen.

Der Universalienstreit

Der Streit, was denn jetzt die richtige Lösung für das Universalienproblem ist, tobt seit dem Mittelalter und geht bis unsere Tage. Das alles jetzt wiederzugeben würde eindeutig zu weit führen. Aber wenn dieser Kanal es wirklich schafft, durch die Philosophiegeschichte zu reisen, dann werden wir zwangsläufig immer wieder auf den Universalienstreit stoßen. Aber ich hatte euch eine Antwort auf die Frage versprochen, warum wir auch heute, mehr als 2300 Jahre später noch am Platonismus festhalten.

Denn auf den ersten Blick erscheint es doch naheliegender, anzunehmen, dass Universalien etwas Sprachliches oder Mentales sind, als an so crazy Shit wie ein real existierendes Reich der Ideen zu glauben, oder? Der Knackpunkt dafür liegt noch einmal in dem Zitat aus meinem Philosophielexikon:

Universalien “sind die Voraussetzung für jegliche Form von Wissenschaft.“

Die Frage ist keine geringere als jene, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben! Sind so Sachen wie die Evolutionstheorie, der Urknall, das Periodensystem der Elemente, die Syntax der Sprache oder unser Modell vom Gehirn nur irgendwelche Gedanken- oder Sprachspiele? Oder existieren sie wirklich,  in echt, in dieser unserer Welt?

Der Platonismus sagt: Ja, Wissenschaft beschreibt unsere wirkliche Welt und zwar, weil es außer der vergänglichen Welt der einzelnen Erscheinungen auch eine ewige Welt des Allgemeinen und der Gesetzmäßigkeit gibt. Das ist der Grund dafür, warum der Platonismus trotz all seiner Schwierigkeiten, Probleme und metaphysischen Unterstellungen noch immer Anhänger hat. Denn, wenn ihr ihn aufgebt, dann müsst ihr eben eine andere Antwort auf die Frage finden, welchen Status unsere wissenschaftlichen Theorien haben. Ihr müsst beantworten, warum die Dinge immer zur Erde fallen, obwohl die Schwerkraft doch angeblich nur in unserem Kopf oder auf Papier existiert.

So, jetzt haben wir die Ideenlehre aber wirklich im Kasten und damit den größten und wichtigsten Brocken der Philosophie Platons. Bevor wir uns an den nächsten dicken Fisch heranwagen (Platons Ethik und damit verbunden seine politische Philosophie), will ich mal ein bis zwei kleinere Themen behandeln. Und beginnen möchte ich mit etwas fürs Herz: Mit der Liebe.

Literatur

 

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