Platon – Erziehung und Zensur

Heute beginne ich, mich in Platons politische Philosophie hineinzustürzen. Bevor wir die Verfasstheit von Platons idealem Staat kennenlernen, beschäftigen wir uns zunächst mit den Grundbedingungen. Welche Maßnahmen müssen in der Erziehung getroffen werden, um den idealen Staat vorzubereiten? Das heißt für Platon vor allem eines: Zensur. Ihr könnt das als Video ansehen oder darunter das Transkript lesen.

Der Staat

Wir hatten den Dialog über die Frage verlassen, was Gerechtigkeit ist und werden über diese auch wieder zu ihm zurückkehren. In “Der Staat” werden noch viele klassische Probleme und Thesen der Ethik besprochen: So zum Beispiel die später noch oft vertretene These, dass die Menschen von Natur aus egoistisch sind und sich nur deshalb auf gerechte Gesetze geeinigt haben, um zu verhindern, dass sie selbst einen Nachteil erleiden.

Doch, wie gesagt, für uns wird es nun Zeit, mal langsam in Platons Utopie hineinzuschauen. Also in Platons Vision für einen idealen Staat. Dieser Dialog ist übrigens die erste aller uns bekannten Utopien. Es ist also das erste Mal, dass das Modell einer idealen Gesellschaftsform entworfen wurde. Alle großen Entwürfe der Politikwissenschaft von Aristoteles über Machiavelli, Hobbes, Locke, Montesquieu und natürlich Thomas Morus bis hin zu Hegel, Marx und John Rawls stehen in seiner Tradition. Die Frage ist nur, ist dieser, Platons Staat auch wirklich so ideal? Lasst uns in den Text reinschauen:

Nachdem die Gesprächsrunde in Kephalos‘ Haus nicht so recht vorankommt mit ihrer Untersuchung, was denn Gerechtigkeit ist, macht Sokrates schließlich einen Vorschlag: Manchmal lassen sich Probleme besser klären, wenn man einen Schritt zurücktritt und versucht, das große Ganze zu betrachten. Statt zu sagen, was den einzelnen Menschen gerecht macht, lässt sich ja vielleicht klären, was für einen gerechten Staat wesentlich ist.

Wie das so seine Art ist, legt Platons Sokrates aber wieder einmal nicht gleich die Karten auf den Tisch, sondern dreht eine Extrarunde, ganz als ob er Kilometergeld bekommen würde. Bevor er beginnt, die Institutionen des idealen Staates zu beschreiben, fragt Sokrates sich also zunächst, was denn die Grundvoraussetzungen sind, unter denen ein solcher Staat überhaupt möglich ist. Dabei kommt er ganz schnell darauf, dass man bei Bildung und Erziehung ansetzen müsse, wenn man überhaupt irgendwas erreichen will.

Zensur

Diesen Ausgangspunkt nutzt Platon, um mal so richtig schön tief in die Kiste des Konservatismus zu greifen und auch ordentlich im Regal des Reaktionismus zu kramen. Denn Platon hielt es für problematisch, dass bereits Kinder in den Schulen Griechenlands mit Schundliteratur in Kontakt kamen oder zumindest dem, was Platon dafür hielt. Das erinnert mich übrigens sehr an meine Schulzeit und die Einstellung von so manchem Lehrer. Überhaupt ist es spannend, wie Kulturpessimisten in ihren Argumenten immer wieder zu Platon zurückkehren. Aber das nur am Rande, wir werden in einer anderen Folge darauf zurückkommen. Aus seiner Analyse heraus, dass es zu viel literarischen Schrott gibt, zog Platon jedenfalls die Schlussfolgerung, dass es für die Etablierung eines ideale Staates eine strenge Zensur von Literatur und Musik geben müsse. Mütter, Ammen und Lehrerinnen sollten Kindern nur von der Zensur genehmigte Geschichten oder Lieder vortragen dürfen, um sicherzustellen, dass sie die Erziehung nicht von vornherein versauen. Ich hoffe, euch wird bei diesen Worten ähnlich mulmig zumute wie mir.

Insbesondere die Klassiker von Homer und Hesiod wollte Platon verbieten, weil sie die Götter zu negativ darstellen. Platon lehnte das klassische polytheistischen Weltbild der alten Meister ab. In Griechenlands Vielgötterreligion gab es quasi für jedes Phänomen auf der Erde einen passenden Gott. Platon vertrat hingegen die Ansicht, dass die Götter nur für das Gute in der Welt verantwortlich sind und die Menschen das Schlechte selbst zu verantworten haben. Meinungen zu verbreiten, die davon abweichen, hielt er für schädlich, weswegen Platon Gotteslästerung unter Strafe stellen wollte. Insbesondere war ihm die griechische Vorstellung ein Dorn im Auge, dass der Hades ein schlechter Ort ist. Die Erziehung müsse darauf abzielen, dass sich der Einzelne bereitwillig auf dem Schlachtfeld opfert, weswegen keine Angst vor dem Tod gelehrt werden dürfe.

Diese religiöse Zwecklehre, die Menschen zu Kriegsmaterial reduziert, ist schon schlimm genug, dennoch ist Platon noch nicht am Ende. Er beginnt vollkommen abzudrehen und will alles von der Zensur verbieten lassen, das nicht seinen persönlichen Idealvorstellungen entspricht. Zum Beispiel kritisiert er Homer, der schreibt, die Götter würden lachen. Das muss verboten werden, denn der Anstand verbietet lautes Gelächter! Außer den Regenten soll es ferner jedem verboten sein, zu lügen. Die Regenten dürfen gegenüber Feinden des Staates lügen. Aber die normalen Bürger nicht.

Die Funktion von Sprache

An dieser Stelle muss ich einhaken, meine moralische Empörung mal kurz beiseite legen und einfach mal bitten, euch vorzustellen, wie ein absolutes Lügenverbot in der Praxis aussehe. Sie würde beispielsweise zu folgenden Dialogen führen:

 

“Wie hat dir mein Essen geschmeckt?“

„Es war das widerlichste, was ich je gegessen habe!“

 

„War es für dich so gut, wie für mich?“

„Nein, du bist ein grauenhafter Liebhaber!“

 

„Mein Vater ist gestorben.“

„Zum Glück, der war ja ein Riesenarschloch!“

 

Platon hat hier eine komplett eindimensionale Vorstellung von Sprache. Die Wahrheit ist für ihn das einzige Gut im Gespräch. Dass es auch andere Ideale gibt, dass Sprache zum Beispiel auch eine soziale Funktion hat, übersieht er vollkommen.

Verbotswahn

Aber Platon geht in seinem Verbotswahn noch weiter als selbst ein CSU-Mitglied in der Einschränkung von Bürgerrechten: In der Literatur – so Platon, nicht die CSU – darf keine Textstelle vorkommen, in der jemand einen Vorgesetzten kritisiert, da dies zu ungehorsam gegenüber dem Staat führen könnte. Okay, vielleicht könnte das doch auch von der CSU kommen …

Anyway: Platon war außerdem, wie wir schon mehrfach gesehen haben, ein riesiger Lustfeind. Deswegen gehören Beschreibungen von Trunkenheit und Sex natürlich auch zensiert. Helden in Geschichten dürften ihre Heldentaten nicht gegen Geld anbieten, so fährt er fort, und es darf keine Geschichten geben, in denen der Schlechte glücklich, der Gute aber unglücklich ist.

Zu guter Letzt kritisiert Platon noch direkte Rede in Epen und Dramen. Und ich kann wirklich nur noch WTF sagen! Platon findet die direkte Rede kacke, weil bei ihr nachgeahmt wird. Das ist für ihn schon widerlich genug, erinnert es doch an die Welt der Erscheinungen, die die Ideen nur „nachahmt“. Was für Platon bedeutet, dass sie nicht wahr ist.

Am besten ist es also, wenn auf Nachahmung ganz verzichtet wird, aber wenn sie sich nicht komplett verbieten lassen, dann sollen in Dramen zumindest nur gute Menschen vorkommen, damit niemand in die Verlegenheit kommt, schlechte Menschen schauspielen zu müssen. Die Forderung nach griechischen Dramen, in denen alle lieb und artig sind, ist ungefähr so sinnvoll, als würden wir verlangen, dass heutzutage nur noch Horrorfilme mit einer Altersfreigabe ab 6 Jahren gedreht werden dürfen.

Auch für die Musik, die Justiz, die Medizin und sogar für das Essen hatte Platon ähnlich rigorose Vorstellungen. Aber darauf möchte nicht so detailliert eingehen. Insgesamt entsteht ein Bild von Erziehung und Kultur, mit dem sich auch der IS sehr gut anfreunden könnte. Platons Vorstellungen zur Zensur der Literatur aber finde ich mit am niederträchtigsten.

Die eigenen Existenzbedingungen ignorieren

Und zwar weil ich mich von Platon persönlich betrogen fühle. Denn was er hier tut und was noch viele Philosophen und Autorinnen nach ihm tun werden, ist, seine eigenen Existenzbedingungen zu ignorieren. Er selbst war ein Produkt der liberalen griechischen Kultur. Er selbst konnte seine Philosophie nur betreiben, weil es keine derartige Zensur gab. Und er selbst hatte in Syrakus am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet, wenn Freidenker unterdrückt werden.

Dennoch macht er sich massiv für Zensur stark, solange es nur seine Zensur ist. Platon glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Irrtum ausgeschlossen. Im Namen der Gerechtigkeit darf er bestimmen, was andere zu sagen, ja sogar zu denken haben. Platon vertritt einen moralischen Doppelstandard: Das, was er für sich selbst einfordert, nämlich die herrschenden Verhältnisse zu kritisieren, das will er anderen nicht zugestehen, sobald er erst einmal an der Macht ist.

Das ist eine Denkweise, die heutzutage die AfD immer wieder an den Tag legt. Wenn sie die Errungenschaften der liberalen Demokratie wie Asylrecht, Gleichberechtigung der Frau oder ein geeintes friedliches Europa immer und immer wieder in Frage stellt, dann nutzt sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung über die Grenze des Erträglichen aus. Zugleich beschimpft sie die politischen Gegner, sobald diese das gleiche Recht für sich in Anspruch nimmt. Jammert über Meinungsdiktatur, sobald ihr klar wird, dass die Mehrheit in diesem Land anders denkt und will Religionen verbieten, Politikerinnen ausweisen und was weiß ich nicht noch alles.

Platon Motivation freilich war eine andere als der stumpfe Nationalismus der AfD: Er wollte das echte, wahre Gute erreichen und glaubte nur mit diesen Mitteln einen idealen Staat durchsetzen zu können. Aber seine angestrebten Mittel waren dabei die gleichen, wie sie später immer und immer wieder von reaktionären Kräften missbraucht wurden. Platon, der in einem freien Land ohne viel Zensur lebte, wollte die Zensur einführen, wodurch es unmöglich würde, so frei zu denken und zu reden, wie er selbst es tat. Vielen Dank fürs Mitspielen, Herr Platon, aber so nicht!

Böses WLAN, Böse Schrift

Die FAZ schrieb gestern, dass die SHZ schrieb, dass Hamburg jetzt doch kein Vorreiter sein will in Sachen Digitaltechnik an Schulen. Allein diese Einführung ist so wundervoll, dass sich au dieser Metaebene stundenlang über den Artikel diskutieren ließe.

Caspar David Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Vor allem weil die FAZ mittlerweile maximal intransparent den Artikel schlichtweg durch einen anderen ersetzt hat, der darauf verweist, dass das Projekt doch nicht gestoppt wurde. Hier kann man das schön an an der URL sehen: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wegen-gesundheitsbedenken-hamburg-stoppt-w-lan-an-schulen-13295887.html. Es ist fast so, als habe tatsächlich jemand aus dem Frankfurter Redaktionshaus diesen Artikel gelesen und festgestellt, wie halbseiden er zusammengezimmert worden ist. Das ist sehr schade, da der ursprüngliche Artikel ein Paradebeispiel für eine „Standardsituation der Technologiekritik“ war.

Zum Glück gibt es ja die Wayback Machine... Und so steht uns nach wie vor dieses argumentative Kunstwerk zur Verfügung. Also schauen wir doch noch einmal, was die FAZ gestern noch schrieb, aber vor allem, wie sie es schrieb. Hamburg habe sein Pilotprojekt gestoppt, weil…

„…Fragen wegen möglicher Strahlenbelastung durch die hierfür benötigten W-Lan-Verbindungen nicht völlig geklärt seien”

Es werden zwar auch noch “datenschutzrechtliche” und “andere juristische Probleme” erwähnt, aber im Fortlauf konzentriert sich die FAZ auf den Gesundheitsaspekt. Wobei die Argumentation, so wie sie dann in der FAZ folgt, maximal verworren ist. Die FAZ tritt dem parteilosen Bürgerschaftsabgeordneten Walter Scheuerl zur Seite, der “mit mehreren Gutachten Kritik geübt“ habe. Anscheinend stammen diese Gutachten vom „Ärztearbeitskreis Digitale Medien Stuttgart“. Hier sind wir mal wieder beim Sophismus des Namedroppings. Ärzte haben gesagt, dass Strahlen gefährlich sind, dann muss es ja stimmen! Doch die FAZ hält sich nicht lange mit dem gedropten Arbeitskreis auf, sondern wechselt gleich zum nächsten „großen“ Namen, der bei der Netzgemeinde freilich regelmäßig für kollektives Nackenhaareaufstellen sorgt: Manfred Spitzer. Spitzer wird zitiert mit…

„Die Korrelation des Anstiegs von Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien ist besorgniserregend“

Hier schmeißt die FAZ zwei Aspekte wild durcheinander. Zumindest meines bescheidenen Wissens nach geht es Spitzer gewöhnlich nicht um die gefährliche Strahlung des WLANs, sondern um den Inhalt der digitalen Medien. Glaubt man der FAZ, so habe ich allerdings Spitzer bislang immer falsch verstanden, denn er sagt laut den Frankfurter Qualitätsjournalisten:

„Daneben könne die Belastung nachweislich auch zu Spermienschädigungen und sogar DNA-Strangbrüchen führen, also das Erbgut verändern“.

Schließlich wird das Triptychon des Namedroppings noch mit einer Sprecherin des Bundes für Umwelt- und Naturschutz komplettiert, die

“die Schädlichkeit der W-Lan-Nutzung belegten; insbesondere die gebündelte und ‚körpernahe’ Nutzung durch Dutzende Schüler sei bedenklich.”

Ich kann nicht beurteilen, ob WLAN in irgendeiner Weise schädlich ist. Aber ich kann eine gute Argumentation erkennen, wenn ich eine sehe. Und fast genauso gut kann ich Humbug ausmachen. Daher verlasse ich mich lieber auf den gut argumentierenden Joachim Schulz, der schreibt:

“DNA-Strangbrüche treten bei radioaktiver Bestrahlung und Röntgenstrahlung auf. Hierbei werden die Molekülbindungen in der DNA, dem Erbgut tragenden Molekül, aufgebrochen. Um solch eine kovalente Molekülbindung aufzubrechen ist Energie nötig. Diese Energie kann im Photoeffekt nur von einem einzelnen Photon aufgebracht werden. Die Photonenenergie der Strahlung, die im WLAN verwendet wird, liegt bei etwa 10 Mikroelektronenvolt. Um eine kovalente Bindung aufzubrechen braucht es mehrere Elektronenvolt, also einige 10.000 mal mehr Energie, als die 2,4 Gigahertz-WLAN-Strahlung aufbringen kann. DNA-Strangbrüche durch WLAN sind physikalisch unmöglich.”

Mich interessiert, wie gesagt, vor allem, wie die Menschen argumentieren, denn das kann ich gut beurteilen. Und diesbezüglich sehe ich hier das fast schon panische Plädoyer für zwei sehr alte menschliche Ängste: Zum einen die Angst vor Strahlen. Strahlen und ihre Verwandte wie „Etwas im Trinkwasser“ sind Ausdruck der tief in uns verwurzelten Angst vor Dingen, die wir nicht wahrnehmen können, die uns aber dennoch krank machen oder gar töten. Eine Angst, die spätestens mit der Entdeckung von Krebs massentauglich wurde. Schließlich können und wollen wir uns nicht mit dem Gedanken abfinden, dass unser eigener Körper sich gegen uns wendet. Daher brauchen wir eine Erklärung dafür und da es offensichtliche Korrelationen etwa zwischen Rauchen und Krebs gibt, versuchen wir eben jene Fälle der Krankheit, die wir nicht erklären können, auf Unsichtbares wie Stahlen zu schieben. Und was bei Krebs klappt, klappt auch bei Unfruchtbarkeit, “Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen”.

Schließlich aber ist der Artikel vor allem ein Ausdruck des Kulturpessimismus. Und das ist ja quasi die Paradedisziplin der FAZ. Kathrin Passig hat in ihrem bekanntesten Text, den ihr sicher alle kennt, neun Standardargumente der Technologiekritik zusammengefasst:

  1. Wozu soll das denn gut sein?
  2. Wer will denn so was?
  3. Nur seltsame Gestalten oder privilegierte Minderheiten wollen das Neue.
  4. Vielleicht geht es wieder weg.
  5. Dadurch ändert sich gar nichts
    5a Es ist nur ein Spielzeug
    5b Damit ist kein Geld zu verdienen
    5c Die Nutzer haben einander nichts mitzuteilen.
  6. Das Neue ist nicht gut genug
  7. Schwächere können nicht damit umgehen
  8. Schlechte Manieren
  9. Schädlicher Einfluss auf das Denken, Schreiben und Lesen

Hier in überarbeiteter Form.

und was die FAZ hier vertritt ist quasi das siebte Argument in Reinform, denn schließlich geht es ja um Kinder:

“Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss man sich Gedanken darüber machen, was das Neue in den Köpfen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, der Unterschicht und anderen leicht zu beeindruckenden Mitbürgern anrichtet. “Schwächere als ich können damit nicht umgehen!”, lautet Argument sieben.”

Kombiniert wird dies durch die Instanz von Manfred Spitzer mit dem neunten Argument:

„Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren.”

Ich möchte euch nicht verschweigen, dass Passig ihre Position später selbst kritisiert hat:

“Bitte denken Sie also beim nächsten Teil meines Vortrags daran, dass alles, was ich sage, falsch ist.”

Und diesen kritischen Standpunkten Standardsituationen des Technikoptimismus entgegengesetzt hat. Denenzufolge bringen neue Techniken:

  1. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, garantierte Redefreiheit
  2. Weltfrieden
  3. Lernen wird ganz einfach
  4. Ende der Knappheit
  5. Ende des Verbrechens
  6. Überwindung des Todes

Ich finde es zwar schön, dass Kathrin Passig  ihre Position durch falsche optimistische Prognosen ergänzte, dennoch finde ich, dass sie mit sich selbst zu hart ins Gericht geht, wenn sie sagt, ihre Auffassung war falsch, dass bestimmte Kritiken immer wiederkehren, sondern dass es eben nur diese sind, die uns überliefert wurden. Denn wichtig ist ja auch die Frage, warum sie uns überliefert wurden. Und ich denke nicht, dass dies immer nur aus Spott gegenüber konservativen Positionen geschah, sondern auch, weil Kulturpessimismus für viele Menschen schlichtweg attraktiv ist. Schließlich wissen wir alle, dass früher alles besser war. Und besonders dann ist dieses Gefühl für uns attraktiv, wenn sich gerade große Umwälzungen ereignen wie beispielsweise ein Medienwandel. Einen solchen Medienwandel erleben wir gerade mit der Digitalisierung, aber schon in den fast 2500 Jahre alten Texten von Platon lassen sich Passigs Argumente finden, und zwar gegen die Technik des Schreibens:

“Dieses Mißliche nämlich, o Phaidros, hat doch die Schrift, und sie ist darin der Malerei gleich. Denn die Erzeugnisse auch dieser stehen wie lebendig da; wenn du sie aber etwas fragst, schweigen sie sehr vornehm.“

Zu Platons Zeit war die Alphabetschrift quasi der neue heiße Scheiß. Gewissermaßen „gerade erst erfunden“, und mit ihr die erste gewissermaßen vollständig demokratische Schrift*. Ein Schriftsystem, das so einfach zu lernen war, dass es nicht mehr bloß Eliten, sondern breiten Massen zur Verfügung stand.

Das führte in Platon zu einer entsprechenden pessimistischen Haltung die er im Dialog Phaidros und im berühmten siebten Brief festgehalten hat. Er kritisierte an der Schrift folgende Punkte:

  1. Schrift schwäche das Gedächtnis
  2. Schrift sei zur Vermittlung von Wissen ungeeignet, da die Schüler keine Rückfragen stellen könnten
  3. Der Leser bilde sich ein, etwas begriffen zu haben, ohne dass er es wirklich verstanden hat (weil er es nicht im Dialog erlernte, wo ihn der Lehrer ermahnen könne)
  4. Schreiben sei nur ein mangelhaftes Abbild des Redens
  5. Text könne sich nicht gegen unberechtigte Kritik zur Wehr setzen
  6. Text könne nicht auf die individuellen Bedürfnisse der Leser eingehen

Wieder sind es die Argumente sieben und neun von Passig, die sich hier herauslesen lassen. Wie später noch so oft, etwa gegenwärtig von Spitzer, hat Platon damals wirklich existierende Schwächen des Mediums schamlos übertrieben und verallgemeinert, zugleich aber die positiven Seiten unter den Tisch fallen lassen. Denn natürlich kann (oder in Zeiten von Textmessagern besser: konnte) man mit der Schrift in keinen Dialog treten. Aber dafür können wir aufgrund von Platons performativen Widerspruch (Ein Widerspruch der dadurch entstand, dass er seine Schriftkritik aufschrieb!) noch heute Platons Kritik lesen. Denn die Schrift bietet gegenüber dem gesprochenen Wort den großen Vorteil, beständig, persistent, zu sein, während das gesprochene Wort sich ephemer wie ein FAZ-Artikel von gestern verhält und kaum ist es geäußert, auch schon wieder verschwunden ist…

Gute Handynutzung, böse Handynutzung

Erstmals ist mein Video der Woche ein Negativpreis. Und die Ehre diesen einzufahren, gebührt Matthew Frost, der in seinem Kurzfilm uns zeigt, was gute und was böse Handynutzung ist. Der Film beginnt mit einem Shot von Kirsten Dunst, von hinten, beim Telefonieren. Frau Dunst ist modern, sie besitzt ein Smartphone und benutzt es in der von Herrn Frost abgesegneten Form: Sie telefoniert mobil. Sie ist (wahrscheinlich) in ihrem parkgleichen Anwesen unterwegs zum Tor und teilt der Person am anderen Ende der Leitung mit, dass sie ein „Uber“ gerufen hat, wie gesagt, Frau Dunst ist modern.

Aspirational Kurzfilm
Aspirational Kurzfilm (Screenshot)

Vor dem Tor gibt es eine kurze Irritation als eine Frau ihren Hund Gassi führt, dabei sich aber nicht für ebendiesen Hund interessiert, sondern nur auf ihr Handy starrt. Diese wird aber sofort dadurch gebrochen, dass ein Oldtimer in die entgegengesetzte Richtung fährt und munter hupt. Die Schauspielerin nutzt die Gelegenheit, um noch irgendetwas auf ihrem Handy zu checken. Ich nehme an, sie liest eine SMS, Whatsapp-Nachricht oder E-Mail, jedenfalls etwas, das in Hern Frosts Augen in Ordnung ist.

Doch dann tritt das Monster auf dem Plan in Form von zwei jungen Frauen, die in ihrem Auto in die gleiche Richtung fahren wie die ignorante Handybesitzerin. Die Mädels erkennen Kirsten Dunst als Star und halten kurzerhand an. Sie versichern sich noch einmal kurz, ob es sich tatsächlich um die Schauspielerin handelt, dann beginnen sie schamlos Selfies von sich und Frau Dunst zu schießen. Ohne um Erlaubnis zu fragen, ob das okay ist oder auch nur sonst irgendetwas zu sagen. Als Frau Dunst verwirrt fragt, ob die beiden sie nicht vielleicht irgendwelche Fragen an sie hätten, ist das einzige, was den Mädels einfällt, ob die Schauspielerin sie taggen könne – ich nehme an auf Facebook. Kirsten Dunst ist so entgeistert, dass sie den nicht einmal mehr antwortet. Macht auch nichts, denn die Zielstrebigen springen glücklich in ihren Wagen – wenn ich mich nicht täusche ist es einer dieser schrecklich modernen Hybridautos von Toyota – und während der Abspann läuft, erfahren wir noch aus Gesprächsfetzen, dass die jungen Dinger nicht einmal genau wissen, wer Frau Dunst ist.

So weit, so gut. Eine amüsante, kleine Anekdote über zwei Deppen, die nicht wissen was Anstand ist. Was das ganze jetzt aber spannend macht, ist, dass Matthew Frost seinen Film „Aspirational“ nennt, was man vielleicht mit „zielstrebig“ übersetzen könnte, vielleicht auch mit „erstrebenswert“. Ersteres ist ja unverfänglich, es denotiert einfach die Handlung der beiden Selfiejägerinnen, die zielstrebig nur eines wollen. Allerdings ist da dann noch die Konnotation von „erstrebenswert“. Und da wir die ganze Zeit Kirsten Dunsts Point of View innehaben, ihre Verwirrung und ihr Abscheu teilen, ist dieses „erstrebenswert” definitiv ein ironisches Statement. Und somit sind wir wieder beim abendländischen Untergang, ich berichtete bereits in der Vergangenheit. Seht her: der Generation Selfie sind Werte und Anstand verloren gegangen, die Digital Natives interessieren sich nicht mehr für das wahre Leben sondern nur für das Digitale, welch ein Sittenverfall. Die Jugend von heute …

Und das ist letzten Endes der gleiche uralte Kulturpessimismus, den wir schon aus Keilschriften aus Babylon und Ur kennen. Deppen hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Jugendliche wissen obendrein einfach aufgrund mangelnder Lebenserfahrung nicht immer, was angemessenes Verhalten ist. Ob mit dem Handy, dem Ghettoblaster oder der Schiefertafel. Aber seht selbst:

ASPIRATIONAL from Matthew Frost on Vimeo.

 

Geffunden bei den Fünf Filmfreunden.

Der Selfie ist der Untergang des Abendlandes

Der Selfie ist der Untergang des Abendlandes. Zumindest wird er unter Kulturpessimisten derzeit als einer der heißesten Kandidaten gehandelt. Und die gerne alles zur eigenen Generation hochstilisierenden Jugendforscher handeln ihn als Symptom der „Generation NOW“. Er ist Zeugnis unserer stetig größer werdenden Selbstveliebtheit, bis uns eines Tages alle das Schicksal von Narziss ereilt. Es ist höchste Zeit diesem Phämomen auf die Spur zu kommen.

RobertCornelius

Robert Cornelius machte den ersten bekannten Selfie mit einer Kamera, via Wikimedia Commons. Lizenz: gemeinfrei.

Die Definition des Selfies

Der (oder auch das) Selfie [ˈsɛlfi] ist ein Selbstporträt, dass typischerweise mit einem Smartphone aufgenommen und ins Internet gestellt wurde. Ein häufiges Detail im Bild ist der Arm, der die Kamera hält. Eine Variante des Selfies ist der Spiegelselfie, auch “MySpace pic” genannt.
Es gibt Selfiesammlungen, mehr oder weniger ernstgemeinte Anleitungen für Selfies, Gadgets zum besseren Vollzug*, Regeln, was die schlimmsten Selfies sind und sogar der Urknall machte seinen eigenen Selfie.

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Michelangelo Caravaggio 065“ von Michelangelo Merisi da Caravaggio – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Der Dimunitiv als Erfolgsrezept

Der Selfie kam nicht zuletzt deshalb zur unverhofften Popularität, weil das Oxford Dictionary ihn zum Wort des Jahres 2013 wählte. Die Verwendung von “Selfie” im Englischen hatte binnen Jahresfrist um 17.000% zugenommen.

Die erste Verwendung von “Selfie” ist bereits 2002 in einem australischen Forum belegt. Das Oxford Dictionary hält es für evident, dass das Wort in Australien geboren wurde, da das australische Englisch eine Vorliebe für die Bildung von Dimunitiven mit -ie hat. Der Dimunitiv hat dem Selfie auch bei seiner Verbreitung geholfen, so fährt das Oxford Dictionary fort, denn er verwandelte das in seiner Tendenz ja narzisstische Selbstporträt in etwas süßes, liebenswertes. Zur Popularität des Wortes trug ferner bei, dass es ab 2004 vermehrt als Hashtag auf Seiten wie Flickr verwendet wurde.

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Leonardo da Vinci – presumed self-portrait – WGA12798“ von Leonardo da VinciWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Die eigentümliche Verschmelzung verschiedener Kulturtechniken

Doch der Erfolg des Selfies ist vor allem auf eine eigentümliche Verschmelzung von verschiedenen Techniken und Kulturtechniken zurückzuführen. Denn das Selbstporträt ist ja beileibe nichts neues. Schon seit der Antike war es unter Künstlern beliebt, sich selbst abzubilden. Berühmte historische „Selfies“ stammen von Leonardo da Vinci, Rembrandt oder van Gogh. Und die Analyse von Velázquez Las Meninas hat Generationen von Kunsthistorikern, -theoretikern und Philosophen beschäftigt. Doch der Prozess des gemalten Selbstporträts war langwierig.

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Rembrandt Harmensz. van Rijn 132“ von Rembrandt – 1. The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. 2. gallerix.ru. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Drastisch verkürzt wurde er durch die Erfindung der Fotografie, die ihm aber zugleich das „Selbst-” raubte. Es war nicht länger möglich sich selbst zu portraitieren, da es jemanden geben musste, der oder die durch den Sucher blickend das Ergebnis kontrollieren konnte. Die Erfindung von von Fernauslösern und Selbstauslösern brachte den Fotografen schließlich dem Selfie einen Schritt näher. Obwohl nun zwar das „Selbst-” zurückgekehrt war, fehlte ihm aber zugleich noch die Beiläufigkeit. Ein Selbstportrait musste vor dem Schießen sorgfältig komponiert werden, damit die Fotografin noch schnell vor die Linse an eine markierte Stelle treten konnte, um später auf dem Bild zu erscheinen.

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VanGogh 1887 Selbstbildnis“ von Vincent van Gogh[1]. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Erst die Erfindung der Digitalkamera vollendete den Selfie (fast) schon. Denn nun konnten die Fotografierenden ihn mal eben mit ausgestreckten Arm vornehmen, und bekamen „Rapid Feedback“ mit einem Blick auf das Display. Doch damit ging freilich die Komposition flöten, die für den Selfie wichtiger ist, als so mancher Angry-Old-Feuilleton-Man glaubt. Daher ging der Selfie noch einmal einen Umweg, auf dem er sich eine weitere Komponente seines Wesens abholte: Über die Kombination aus Kamera und Badezimmerspiegel als “MySpace pic” gelangte er zur Webcam. Und die Webcam wurde zum Komplizen des Selfies, denn sie ermöglichte nicht bloß das Rapid Feedback, sondern löste auch ein Problem: den Avatar. Der Avatar ist die Repräsentation einer Person im Netz. Und mit dem Erfolg der sozialen Medien war er plötzlich allgegenwärtig. Ein entscheidender Schritt beim Anlegen eines Facebook-Profils ist, den Standard-Darth-Vader durch ein Bild auszutauschen, das mich selbst im digitalen Raum darstellt. Was liegt da näher als den Avatar an Ort und Stelle unter kontrollierten Bedingungen zu erstellen, zumal die Webcam am klassischen Desktop-PC in der Regel auf dem Bildschirm saß und somit eine leicht erhobene Position hatte, die die Schokoladenseite hervorkitzelte und zum Beispiel das ungeliebte Doppelkinn durch die leichte Hebung des Kopfes zum Verschwinden brachte: Der Selfie war geboren.
Velazquez-Meninas

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez [Public domain], via Wikimedia Commons

Doch er war, wie jede Kulturtechnik in den Kinderschuhen noch sehr limitiert. Die Auflösung war oft eher määh und das immer gleiche Motiv langweilig. Gut, nun hat man beim Selfie natürlich nicht die allergrößte Variationsmöglichkeit, was das Motiv anbelangt. Neben Kleidung, Schminke und Frisur lässt sich vor allem eines verändern: der Hintergrund. So wurde der Selfie schließlich perfektioniert, als Smartphones mit Frontalkameras ausgestattet wurden. Nun war alles zusammengekommen, was zum Erfolg nötig war: Der Selfie ließ sich nebenbei machen und zugleich kontrollieren, durch die Mobilität des Handys ließ sich der Hintergrund variieren und die Internetanbindung ermöglichte den sofortigen Upload in das soziale Netz der Wahl. Schließlich kamen noch Instagram und seine zahlreichen Nachahmer, die in wenigen, einfachen Schritten der Fotografin ermöglichten, was zuvor einigen Expertinnen mit Lightroom und Photoshop vorbehalten war: die Bildnachbearbeitung.

Die Grenze des guten Geschmacks

Doch wie bei jeder neuen Kulturtechnik, so muss nun beim Selfie erst noch gesellschaftlich ausgehandelt werden, wann sein Einsatz okay ist und wann nicht. In den 90ern war es etwa noch nicht allen klar, dass Telefonieren im Kino ein no-go ist und der Anruf beendete auch allzu oft die Face-to-Face-Kommunikation abrupt. Genauso gehört es zu meiner eigenen Charakterschwäche (und der vieler anderer), dass ich allzuoft in der Gegenwart von Offlinern „mal eben“ ™ die Statusmeldungen auf meinem Telefon checke. Und eben so sind beim Selfie noch nicht Ort, Zeit und Gelegenheit für diesen geklärt.

Es wundert kaum, dass gerade Teenager oft die Grenze des guten Geschmacks übertreten, wenn es um den angemessenen Ort für einen Selfie geht. Sie haben gerade erst entdeckt, dass der eigene Körper spannend ist, zugleich verunsichert sie die Veränderung desselben, sodass sie nach Bestätigung unter anderem in Form von Likes und Shares suchen und sie haben eben noch wenig Lebenserfahrung, weshalb sie auf dumme Ideen kommen. So werden schon einmal AfterSexSelfies oder Selfies auf Beerdigungen gemacht. Gut, gegen letzteres scheint nicht einmal der amerikanische Präsident etwas zu haben, im Gegensatz zu seiner Frau.

Ralfies Selfie in Aachen
Ralfies Selfie in Aachen. Foto von mir. Lizenz: CC0.

In den USA wird gerade debattiert, wo der Selfie endet und wo die Kinderpornographie beginnt. Und natürlich interessieren sich auch die nach Terroristen suchenden Geheimdienste für den Selfie ohne Kleidung. Doch mehr als fragwürdig werden schließlich Spielarten des Selfies wie der Auschwitz-Selfie, der gerade erst wieder zu einem Aufschrei führte oder gar der Yolocaust (Ein Kompositum aus YOLO – You only live once – und Holocaust). Genauso wenig klar ist bislang, was der Selfie kann und will. Kann er beispielsweise auf die Gefahren von Brustkrebs aufmerksam machen? Klingt komisch, wurde aber so geäußert. Andererseits bereichert der Selfie die zumeist rein textbasierte Kommunikation durch das Bild mit seiner großen Informationsfülle und vermag so sogar den Schritt aus der Internetkommunikation hinaus ins Leben “away from keyboard“ (afk) zu gehen. Schließlich entdeckt manch einer auch ungeahnte Ähnlichkeiten.

Ralfies Selfie in Frankfurt
Ralfies Selfie in Frankfurt. Foto von mir. Lizenz: CC0.

Dadurch, dass der Selfie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, hat sich natürlich auch schon ein Gegentrend gebildet, so werden Shelfies, Bilder von Bücherregalen zur Protestbewegung gegen den Selfie hochgejazzt, die dann wiederum als elitäres Bildungsbürgerabfeiern veruteilt werden.

Sozialpsychologische Funktion, Subgenre und die Dokumentation

Doch alles, was ich bislang hier getan habe, war reine Phänomenologie. Ich bin der Antwort auf die Frage noch nicht näher gekommen, ob der Selfie denn jetzt der narzisstische Untergang des Abendlandes ist. Interessant ist dabei, dass der Selfie zwar Ausdruck unserer Selbstrepräsentation ist und den Wunsch nach Bestätigung ausdrückt, aber deswegen noch nicht gleich narzisstisch sein muss. Es ist für die Ausbildung unseres „Ichs“ wichtig, uns durch die Augen anderer zu sehen. Der Selfie übernimmt dabei eine sozialpsychologische Funktion. Da sich unser Leben zu einem nicht unwesentlichen Teil in die digitale Sphäre verschoben hat, unterscheidet sich der Selfie gar nicht so sehr von unseren Bemühungen, uns für eine Party oder auch nur den Gang zur Arbeit herauszuputzen. Der Selfie ist gewissermaßen der Smoking oder das kleine Schwarze von Twitter und Facebook.

Mein Shelfie.
Mein Shelfie. Bild von mir. Lizenz: CC0.

Auch sollte nicht aus dem Blick verloren werden, dass der Selfie nur ein Subgenre von vielen verschiedenen Fotografiemotiven ist, die aufgrund der generellen Vervielfachung von Fotos durch den technischen Fortschritt ins Netz gespült werden. Früher machten wir eben nur 36 oder 72 Bilder im Urlaub und klebten anschließend die besten 20-30 ins Fotoalbum, das wir dann unseren Freunden zeigten. Ein Blick in die Dropbox verrät mir, dass ich im vergangenen Monat 194 Fotos gemacht habe, von denen gerade einmal 16(!) auf Instagram gelandet sind. Das mag vielleicht nicht repräsentativ sein, lässt mich aber überlegen, wie viele Selfies auf Festplatten verstauben ohne die Chance bekommen zu haben, vermeintlich narzisstischer Ausdruck zu werden.

Obendrein ist der Selfie nicht bloß Ausdruck unserer Selbstverliebtheit, er ist zudem auch der Wunsch, Momente des eigenen Lebens zu dokumentieren. „Pic or it didn’t happen“ ist der Ruf in den sozialen Netzen dafür. Amüsanterweise erscheint der Selfie bei anderen immer narzisstisch bei dir selbst aber dokumentarisch.

Und dennoch wäre es blauäugig zu glauben, dass uns die Allgegenwartheit der Selfies nicht auch verändert. An der Botschaft haftet eben immer auch die Spur des Mediums. Und der Like, das Herz und der Fav für ein Bild meiner selbst fühlt sich halt leider geil an. Wenn wir uns immer wieder kleine Belohnungsschübe holen können einfach nur dafür, wie wir sind, beziehungsweise wie wir uns inszeniert haben, dann wird dass natürlich auch Einfluss darauf haben, wie wir uns in Zukunft präsentieren.

Buzz Aldrin EVA Selfie.jpg

Buzz Aldrin EVA Selfie” by Buzz Aldrin – Huffington Post article. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

Und als letzten Punkt sollten wir auch nicht die Sensationsgier der Betrachter außer Acht lassen. Denn ein Selfie ist immer nur so spektakulär, wie ihn die anderen zu machen bereit sind. Findet er keine Beachtung, dann erhält der Selfer keine Belohnung und ganz behavioristisch sinkt dadurch für ihn der Anreiz weitere Selfies zu machen…

Was folgt nun aus all dem?

Ich denke, wir müssen den Untergang des Abendlandes leider ein weiteres Mal verschieben. Der Selfie an sich bietet eigentlich ziemlich wenig Grund, sich über ihn aufzuregen. Statt dessen sind es die noch nicht zu Ende ausgehandelten Werte und Verhaltensweisen rund um den Selfie, die der Kern des vermeintlichen Übels sind. Diese werden sich einschleifen. Natürlich wird es immer Grenzüberschreitungen und Geschmacklosigkeiten geben, so wie es bei jedem internationalen Fußballtunier Anflüge von Nationalismus gibt. Aber so lange das öffentliche Korrektiv bei Entgleisungen wie Yolocaust funktioniert, hat das Abendland noch eine Hand breit Wasser unterm Kiel.

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